# Warum Riten? – Ritus, Sinne und Gesten

*Begriff, Quellen und Sinn der gottesdienstlichen Ordnung*

Lehrbuch · 1. Semester · [Thema 7: Ritus und Gotteshaus](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T07.md) · Vortrag 1 · Lesedauer etwa 17 Minuten

Koptisch-Orthodoxe Diözese Österreichs und der Deutschschweiz · Ausgabe 15, Stand 21. Oktober 2026 · Webseite: [https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T07/V01](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T07/V01.md)

## Lernziele

1.  Begriff und Quellen des Ritus erklären und zeigen, wie der Ritus alle Sinne anspricht.

## Schlüsselbegriffe

Ritus · Überlieferung · Kreuzzeichen · Ostung · Metanie · Ehrfurcht · Volksfrömmigkeit

## Bibelstellen

1. Kor 14:40; 2. Thess 2:15; 1. Kor 11:23; Gal 4:4; Lk 2:21; Lk 2:41; Lk 4:16; Mt 8:4; Lk 22:19; Mt 15:8; 1. Joh 1:1; Ps 34:9; Röm 12:1; Mal 3:20; Gen 2:8; Mt 24:27; 1. Tim 2:8; Phil 2:10; Ex 3:5; Ps 5:8; Ps 118:20; Mt 21:13

------------------------------------------------------------------------

Wer zum ersten Mal einen koptischen Gottesdienst erlebt, sieht viel Bewegung: Die Menschen bekreuzigen sich, verneigen sich und werfen sich nieder, der Priester geht mit dem Weihrauchgefäß durch die Kirche, vor den Ikonen brennen Kerzen, und alle wenden sich beim Gebet nach Osten. Kinder fragen früher oder später: Warum machen wir das alles? Riten sind gelebter Glaube. Sie kommen aus Schrift und Überlieferung und rufen den ganzen Menschen mit Leib, Seele und allen Sinnen zum Gebet. Wer das verstanden hat, betet selbst bewusster und kann den Kindern ruhig und mit Freude antworten.

## Was ein Ritus ist

### Ordnung des Gottesdienstes

Das arabische Wort für Ritus, *taqs*, geht auf das griechische Wort *taxis* zurück, das „Ordnung“ bedeutet. Gemeint ist die Ordnung des heiligen Dienstes: die gesprochenen und gesungenen Gebete und die heiligen Handlungen und Zeichen, die sie begleiten. Zu diesen Zeichen gehören die Gestalt des Kirchengebäudes, die Geräte, die Stufen des Klerus (der Bischöfe, Priester und Diakone) und ihre Gewänder.[^1]

> **Begriff: Ritus**
>
> Ein **Ritus** ist die von der Kirche überlieferte Ordnung des Gottesdienstes: was gebetet und gesungen wird, wer es spricht und welche Handlungen, Zeichen und Gegenstände dazugehören.

Riten begegnen uns überall im Leben der Kirche: in der **Göttlichen Liturgie** und in der **Emporhebung des Abend- und Morgenweihrauchs**, in den Sakramenten, im Stundengebet der Agpeya, im kirchlichen Lobgesang, der **Psalmodie**, in den Lesungen des **Katameros**, des Lesungsbuchs, in den Hymnen und Melodien der Feste und sogar in der Art, wie Ikonen gemalt werden. Die Kirche ordnet den Tag, die Woche und das Jahr, damit ihre Kinder in einem festen Rhythmus beten. Wie diese Zeiten im Einzelnen aufgebaut sind, behandelt [Thema 8](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T08.md) („Das Kirchenjahr“).

Die Ordnung ist kein Selbstzweck. Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth, in der beim Gottesdienst ein Durcheinander entstanden war: „Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen“ (1. Kor 14:40). Gott ist kein Gott der Unordnung. Wo jeder betet, wie es ihm gerade einfällt, zerfällt die Gemeinschaft; wo alle derselben Ordnung folgen, beten viele mit einem Herzen und einer Stimme.

### Der Ritus bewahrt den Glauben

Der Ritus trägt den Glauben der Kirche in sich. Wer das Kreuzzeichen macht und dabei spricht: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, des einen Gottes“, bekennt die Heilige Dreifaltigkeit und die Einheit Gottes, auch wenn er gerade nicht an eine Glaubenslehre denkt.[^2] Bei der Taufe gilt: „Dreimal wird der Täufling im Wasser untergetaucht, im Namen der Dreifaltigkeit Gottes“.[^3] So lernen schon kleine Kinder den Glauben, indem sie mitbeten, mitsingen und mittun – lange bevor sie ihn in Worten erklären können.

## Woher unsere Riten kommen

### Schrift und Überlieferung

Papst Schenouda III. nennt die Quellen, aus denen die Kirche ihren Glauben schöpft: „Die Basis-Quelle des *einen Glaubens* ist die Hl. Schrift. Die andern Quellen sind die Aussagen der Heiligen, das authentische Glaubensbekenntnis der Hl. Konzilien und was in den Kirchenbüchern, speziell in den Ritualbüchern vermerkt wurde. All dies steht im Einklang zur Bibel und man nennt dies ‚Kirchentradition‘.“[^4] Die Ritualbücher stehen also nicht neben dem Glauben, sondern gehören zu den Büchern, in denen die Kirche ihren Glauben weitergibt.

Für die Riten heißt das:

1.  **Die Heilige Schrift.** Schon im Alten Testament hat Gott selbst die Ordnung des Gottesdienstes festgelegt – das Offenbarungszelt, den Altar, das Räucherwerk, die Gewänder der Priester. Das Neue Testament zeigt die Apostel beim gemeinsamen Gebet zu festen Stunden und bei der Feier des Herrenmahls.
2.  **Die Überlieferung der Apostel.** Paulus schreibt: „… ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe“ (1. Kor 11:23a), und er mahnt: „Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief“ (2. Thess 2:15). Vieles kam nicht als Buch, sondern als gelebte Praxis zu uns.
3.  **Die Überlieferung der Kirche.** Dazu gehören die Beschlüsse der Konzile (großer Versammlungen von Bischöfen), die Kirchengesetze (Kanones), das Zeugnis der Väter und die Entscheidungen der Heiligen Synode, in der unsere Bischöfe unter dem Vorsitz des Papstes beraten. Papst Schenouda III. unterscheidet die Überlieferung der Lehren des Herrn, die apostolische und die kirchliche Überlieferung, die „durch Dekrete der Konzilien, laut Kirchengesetze und Vorschriften, erlassen worden sind“.[^5]

Damit eine Überlieferung echt ist, nennt Papst Schenouda III. drei Bedingungen: Sie muss mit der Heiligen Schrift vereinbar sein, darf anderen kirchlichen Überlieferungen nicht widersprechen und muss von den Kirchen anerkannt sein.[^6] Papst Tawadros II. nennt Beispiele: „Mithilfe der Traditionen erhielten wir unseren kirchlichen Ritus wie die Gebetsrichtung nach Osten, den heiligen Kuss in der Liturgie und das Kreuzzeichen.“[^7]

> **Beispiel**
>
> **Anianus lernt die Riten.** Das Synaxarium erzählt vom heiligen Anianus, dem Schuster aus Alexandrien, den der heilige Markus zum Glauben führte. Anianus öffnete sein Haus für die Gläubigen, die Markus unterwies. „Er blieb beständig beim Apostel Markus, hörte seine Lehren, bis er alle Lehren der Kirche und ihre Riten auswendig kannte.“ Später wurde er Bischof und Nachfolger des heiligen Markus auf dem Stuhl von Alexandrien.[^8] Lehre und Ritus gingen von Anfang an gemeinsam vom Apostel auf seine Schüler über – und von ihnen bis zu uns.

### Christus und die Riten

Unser Herr Jesus Christus kam „geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4:4b). Als wahrer Mensch hielt er sich an die gottesdienstlichen Ordnungen seines Volkes, obwohl er selbst der Herr des Gesetzes ist:

- Er wurde am achten Tag beschnitten (Lk 2:21) und im Tempel dem Herrn dargebracht (Lk 2:22).
- „Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem“ (Lk 2:41). Auch später zog er zu den Festen hinauf (Joh 7:14).
- In Nazaret ging er, „wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge“ (Lk 4:16a).
- Den geheilten Aussätzigen schickte er zum Priester, damit er das Opfer darbringe, „das Mose angeordnet hat“ (Mt 8:4b).

Christus hat aber nicht nur vorhandene Ordnungen erfüllt; er hat auch das Neue gestiftet. Beim letzten Abendmahl nahm er Brot, sprach das Dankgebet und sagte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22:19b). Vor seiner Himmelfahrt sandte er die Jünger aus, alle Völker zu taufen (Mt 28:19). Die heiligen Mysterien, die Sakramente, um die herum alle Riten der Kirche geordnet sind, gehen auf ihn selbst zurück.

Zugleich warnte der Herr vor einem Gottesdienst ohne Herz: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir“ (Mt 15:8). Riten sind Gefäße für die Liebe zu Gott. Wer sie ohne inneres Gebet nur abspult, verfehlt ihren Sinn; wer sie mit Glauben vollzieht, findet in ihnen einen Weg zu Gott.

## Wozu Riten gut sind

> **Aus der Lehre unserer Päpste**
>
> Alle Riten und Rituale, die die Kirche festgelegt hat, haben geistlichen Nutzen für denjenigen, der über sie nachdenkt und aus ihnen lernt. Aus diesem Grund finden wir, dass Kinder, Analphabeten oder ungebildete Menschen von ihnen profitieren, auch wenn ihr geistliches oder intellektuelles Niveau nicht ausreicht, um die Glaubensinhalte zu verstehen oder sogar die Bedeutung der Gebete vollständig zu erfassen.[^9]
>
> – Papst Schenouda III., *Jüngerschaft*, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 47)

Die Riten schließen also niemanden aus; sie machen den Glauben für jeden erfahrbar, unabhängig von Alter oder Schulbildung. Vier Gründe, warum die Kirche an ihren Riten festhält:

1.  **Einheit.** Eine koptische Gemeinde in Europa feiert die Liturgie in ihrer Grundgestalt so wie eine Gemeinde in Alexandrien oder in Amerika. Wer reist, findet überall dieselbe Ordnung und fühlt sich zu Hause.
2.  **Bewahrung des Glaubens.** Was gebetet wird, wird geglaubt. Der Ritus schützt die Lehre davor, dass jeder sie nach eigenem Geschmack verändert.
3.  **Vorbereitung.** Riten bereiten auf die Begegnung mit Gott vor. Der Abend- und der Morgenweihrauch etwa führen auf die Göttliche Liturgie hin (dritter Vortrag dieses Themas).
4.  **Vorgeschmack des Himmels.** Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt: „Die Kirche auf Erden ist die Ikone der himmlischen Kirche. Daher beten wir: ‚wie im Himmel, so auf Erden.‘“[^10] Im geordneten Lobpreis der Kirche bekommen wir eine Ahnung vom Lobpreis der Engel.

Papst Schenouda III. fasst zusammen: „Es genügt zu sagen, dass jeder, der eine Kirche mit einem kontemplativen Geist betritt, sie in einem stärkeren geistlichen Zustand verlassen wird, weil er von den Lektionen, die er von den Ritualen erhalten hat, beeinflusst wurde.“[^11]

## Der Ritus spricht alle Sinne an

### Der ganze Mensch betet

Gott hat den Menschen nicht als reinen Geist geschaffen, sondern mit Leib und Seele. Darum betet in der Kirche der ganze Mensch. Papst Schenouda III. schreibt: „Der Mensch ist nicht nur Geist, er hat auch körperliche Sinne, die das Kreuz durch die oben erwähnten Dinge spüren sollten.“ Die Sinne, so erklärt er, „geben die Impulse, die sie erhalten, an den Verstand und den Geist weiter“; so „dienen wir Gott geistig, intellektuell und physisch“.[^12] An anderer Stelle sagt er: „Unsere Andacht ist nicht nur eine Andacht des Intellektes, auch die Sinne spielen eine Rolle“.[^13]

Der Katechismus begründet das mit der Schöpfung und der Menschwerdung: „Gott, der den Menschen mit Leib und Seele erschaffen hat, verachtet die Materie nicht, sondern heiligt sie.“[^14] Das Wort Gottes ist Fleisch geworden; die Apostel verkündeten, „was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben“ (1. Joh 1:1a). Paulus ruft dazu auf, „euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt“ (Röm 12:1a) – nicht nur die Gedanken, sondern das ganze Leben mit dem Leib.

### Die fünf Sinne im Gottesdienst

| Sinn | Im Gottesdienst | Was es uns sagt |
|----|----|----|
| Sehen | Ikonen, Kerzen und Lampen, das Kreuz, die weißen Gewänder | Die Heiligen sind uns nahe; Christus ist das Licht der Welt. |
| Hören | Lesungen, Gebete, Hymnen und Melodien, die Antworten der Gemeinde | Gott spricht zu uns, und wir antworten ihm gemeinsam. |
| Riechen | der Weihrauch | Unsere Gebete steigen zu Gott auf. |
| Schmecken | die heilige Kommunion | „Kostet und seht, wie gütig der Herr ist“ (Ps 34:9; LXX 33). |
| Tasten | Kuss des Kreuzes, des Evangeliars (Evangelienbuchs) und der Ikonen, die Metanie mit der Stirn am Boden | Wir ehren Gott und die Heiligen mit dem ganzen Leib. |

Tabelle 16 · Die fünf Sinne im Gottesdienst

Die Kirche spricht so auch zu denen, die einer Predigt noch nicht folgen können. Papst Schenouda III. bemerkt über den Weihrauch, die Kerzen und die Ikonen: „Die Kinder z. B. verstehen nicht unbedingt viel von der Predigt, den Bibellesungen oder den Gebeten; der Weihrauch, die Kerzen und die Ikonen dienen ihnen zur geistigen Erbauung und versetzen sie in eine geistige Atmosphäre.“[^15] Auch Erwachsenen hilft das: Wenn die Gedanken abschweifen, holt der Duft des Weihrauchs oder der Klang eines bekannten Hymnus sie zurück.

## Die Gesten des Gottesdienstes

### Das Kreuzzeichen

Das **Kreuzzeichen** ist die häufigste Geste des Christen. Papst Tawadros II. nennt es „eine prägnante Zusammenfassung des Christentums mit all seinen Lehren und seiner Spiritualität“.[^16] Er erklärt die Bewegung so: „Das Auflegen der Finger auf die Stirn ist ein Hinweis auf Gott den Vater, der im Himmel und über allem ist. Die Bewegung der Hand zum Ende der Brust und zum Anfang des Bauches ist ein Hinweis auf die Menschwerdung und das Herabkommen des Gottessohnes auf die Erde, um uns zu erlösen.“ Die Bewegung von der linken zur rechten Schulter weist auf das Wirken des Heiligen Geistes hin, und mit den Worten „Ein Gott. Amen“ bekräftigen wir die Einheit des göttlichen Wesens.[^17] Papst Schenouda III. fügt hinzu, dass wir uns dabei erinnern, dass Gott „die Menschen von der Linken zur Rechten, von der Dunkelheit zum Licht, vom Tod zum Leben führte“.[^18]

Das Kreuzzeichen ist kein Zauber. Seine Kraft kommt aus dem Sieg Christi am Kreuz, nicht aus der Bewegung der Hand. So lehrte es schon der heilige Antonius seine Mönche:

> **Aus den Vätern**
>
> … bezeichnet vielmehr euch und euer Haus mit dem Kreuze und betet; und ihr werdet sehen, wie sie verschwinden; denn sie sind feige und fürchten gar sehr das Zeichen des göttlichen Kreuzes; denn durch dieses hat sie der Heiland entwaffnet …[^19]
>
> – Hl. Athanasius der Apostolische, *Leben des heiligen Antonius*, Kap. 35

Kreuzzeichen und Gebet gehören zusammen: Antonius sagt nicht nur „bezeichnet euch“, sondern „und betet“.

### Das Gebet nach Osten

Unsere Kirchen sind nach Osten ausgerichtet, und wir beten nach Osten. Papst Tawadros II. sagt: „Wir schauen beziehungsweise beten nach Osten, da Jesus Christus auch von Osten wieder kommen wird.“ Wer so betet, fragt – so Papst Tawadros II. – voll Sehnsucht: „Wann kommst du, Herr?“[^20] Der Katechismus nennt weitere Gründe:[^21]

- **Christus ist unser Osten.** Er ist die „Sonne der Gerechtigkeit“, von der der Prophet sagt: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung“ (Mal 3:20a).
- **Wir denken an das verlorene Paradies.** „Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte“ (Gen 2:8). Im Gebet suchen wir die Heimat, aus der der Mensch vertrieben wurde.
- **Wir erwarten die Wiederkunft.** „… wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“ (Mt 24:27).
- **Wir erinnern uns an unsere Taufe.** In der frühen Kirche wandte sich der Täufling nach Westen, um dem Teufel und all seinen Werken zu widersagen, und dann nach Osten, um seinen Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit zu bekennen.

Gott ist überall gegenwärtig; er braucht keine Himmelsrichtung. Wir brauchen sie: Die gemeinsame Richtung sammelt die Gemeinde und lenkt das Herz auf Christus.

### Stehen, Verneigen, Metanie

> **Begriff: Metanie**
>
> Eine **Metanie** ist eine Niederwerfung, bei der die Stirn den Boden berührt. Vor Gott ist sie ein Zeichen der Anbetung und der Buße.

Die Kirche kennt verschiedene Haltungen des Leibes. Meist stehen wir beim Gebet; der Diakon ruft: „Erhebet euch zum Gebet!“[^22] Der Priester betet vor dem Altar mit erhobenen Händen, wie Paulus es beschreibt: „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit“ (1. Tim 2:8).

Der Katechismus unterscheidet drei Formen: das Neigen des Hauptes, das Knien und die Niederwerfung, bei der die Stirn den Boden berührt.[^23] Vor den Absolutionen, den Vergebungsgebeten des Priesters, ruft der Diakon: „Verbeugt eure Häupter vor dem Herrn“, und die Gemeinde antwortet: „Vor Dir, O Herr.“[^24] Bei der **Metanie** macht man zuerst das Kreuzzeichen und kniet sich dann so nieder, „dass sich das Gewicht des Körpers auf Knien, Hände und Füße verteilt und die Stirn den Boden erreicht“. Nach dem Empfang der Kommunion und in den fünfzig Tagen vom Auferstehungsfest bis Pfingsten kniet man nicht nieder.[^25] Papst Tawadros II. nennt die Metanie „ein Zeichen dafür, dass alle Lebewesen sich vor Gott verbeugen“.[^26] Paulus sagt, dass „alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu“ (Phil 2:10). Auch Christus selbst „kniete nieder und betete“ im Garten (Lk 22:41b).

Eine Metanie kann man auch vor Menschen machen, um sie um Vergebung zu bitten. Zu Beginn des Abend- und des Morgenweihrauchs verneigt sich der Priester vor den anderen Priestern und den Diakonen und spricht: „Segnet mich, ich verbeuge mich vor euch, vergebt mir.“[^27] Vor Menschen ist die Metanie Bitte um Vergebung und Ehrerweis, nie Anbetung; anbeten darf man allein Gott.

## Ehrfurcht im Haus Gottes

Alle Gesten dienen einem Ziel: der **Ehrfurcht** vor Gott, der uns in seinem Haus erwartet. Papst Tawadros II. sagt es den jungen Menschen ganz einfach:

> **Aus der Lehre unserer Päpste**
>
> Es muss dir bewusst sein, dass du Christus persönlich begegnen wirst, wenn du in die Kirche kommst.[^28]
>
> – Papst Tawadros II., *Die Kirche ist meine Mutter*, S. 31

Daraus folgt unser Verhalten. Papst Tawadros II. nennt die Stille, die eine Art Sammlung ist und Respekt und Demut ausdrückt, ruhige Bewegungen in der Kirche, angemessene Kleidung und die Verneigungen und Metanien.[^29] Der Psalm betet: „Ich aber darf dein Haus betreten dank deiner großen Güte, ich werfe mich nieder in Ehrfurcht vor deinem heiligen Tempel“ (Ps 5:8). In der Kirchentür sprechen wir mit einem anderen Psalm: „Dies ist das Tor des Herrn, Gerechte werden durch es eintreten“ (vgl. Ps 118:20; LXX 117).[^30] Das Heiligtum betritt man ohne Schuhe, nach dem Wort Gottes an Mose: „Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3:5b).[^31] Christus selbst eiferte für die Würde des Tempels: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein“ (Mt 21:13a).

Ehrfurcht ist keine Angst. Sie ist die Haltung eines Kindes, das weiß, dass es vor seinem Vater steht. Wer in die Kirche kommt, darf sich freuen – und gerade darum spricht er leise, bewegt sich ruhig und schenkt dem Gebet seine ganze Aufmerksamkeit.

## Lehre und fromme Bilder unterscheiden

Über die Riten werden in Gemeinden und Kursen viele Deutungen erzählt. Manche stammen aus der Heiligen Schrift, aus den Gebeten der Kirche, aus dem Katechismus und den Büchern der Päpste. Andere sind fromme Bilder oder Legenden, die einzelne Menschen sich ausgedacht oder weitererzählt haben. Ein Diener muss beides unterscheiden können:

- **Was die Kirche lehrt**, steht in der Schrift, in den liturgischen Texten und in den Beschlüssen der Kirche, ihrer Konzile und ihrer Heiligen Synode. Das sagen wir als Lehre: „Die Kirche lehrt …“ Die Väter, der Katechismus und die Bücher der Päpste erklären diese Lehre; aus ihnen schöpfen wir, und dort kann man nachschlagen.
- **Geistliche Betrachtungen** sind erlaubt und wertvoll, wenn sie dem Glauben entsprechen. Papst Schenouda III. etwa vergleicht die Kerze vor der Ikone mit dem Heiligen, der sich „zurückziehen und dahinschmelzen“ musste, während er Licht gab.[^32] Solche Gedanken kennzeichnen wir als Bild: „Man kann darin sehen …“
- **Legenden und volkstümliche Deutungen** erzählen wir, wenn überhaupt, ausdrücklich als Überlieferung („Man erzählt …“). Sie werden nie zur Lehre. Dass etwa der Klang der Triangel den Teufel vertreibe, ist kein Glaube der Kirche.

Für alle geweihten Dinge gilt: Sie werden nach der Ordnung der Kirche für Gott bestimmt und geheiligt, haben aber keine Kraft aus sich selbst und keine göttlichen Eigenschaften. Der Katechismus sagt über das Material des Kirchenbaus, dass es „geheiligt“ wird, wenn es für das Haus Gottes verwendet wird: „So kann die Materie in den Dienst himmlischer Dinge gestellt werden.“[^33] Gott wirkt, nicht der Gegenstand.

## Für den Dienst

Kinder lernen den Ritus zuerst durch Nachahmen. Sie schauen, wie die Großen sich bekreuzigen, wie sie vor der Ikone stehen, wie sie die Hand des Priesters küssen. Darum ist das Verhalten des Dieners – wie das der Eltern – in der Kirche selbst schon Unterricht. Wer während der Liturgie plaudert oder auf das Handy schaut, lehrt die Kinder mehr als jede Lektion – nur das Falsche.

Für die Sonntagsschulstunde und für jeden, der Kinder in die Kirche mitnimmt, heißt das:

- **Gesten erklären, nicht nur verlangen.** Mache das Kreuzzeichen langsam gemeinsam mit den Kindern und erkläre dabei jede Bewegung: Gott der Vater im Himmel – der Sohn kam herab auf die Erde – der Heilige Geist führt uns von der Linken zur Rechten – ein Gott, Amen.
- **Die Sinne nutzen.** Eine Stunde in der Kirche selbst, mit Blick auf die Ikonen, mit Stille und einem kurzen gemeinsamen Gebet nach Osten, bleibt Kindern länger im Gedächtnis als ein Arbeitsblatt. Die Kirchenführung, um die es im nächsten Vortrag geht, baut darauf auf.
- **Fragen ernst nehmen.** Fragt ein Kind: „Warum müssen wir stehen?“ oder „Warum beten wir nach Osten?“, ist das eine Einladung zum Gespräch. Antworte mit den Gründen der Kirche und ohne erfundene Geschichten.
- **Ehrfurcht ohne Angst.** Erkläre die Regeln in der Kirche als Ausdruck der Liebe zu Gott, nicht als Drohung. Ein Kind soll die Kirche als Haus seines Vaters erleben, in dem es willkommen ist.
- **Den Dienst im Gottesdienst würdigen.** Jungen, die als **Epsaltos (Sänger)** im Diakonenchor dienen, lernen die Ordnung des Gottesdienstes besonders genau. Hilf ihnen, auch den Sinn der Handlungen zu verstehen, damit ihr Dienst Gebet bleibt und nicht zur Routine wird.

Und für das eigene geistliche Leben: Achte beim nächsten Gottesdienst auf eine einzige Geste – etwa das Kreuzzeichen – und vollziehe sie bewusst, mit dem Gebet des Herzens.

## Das Wichtigste in Kürze

- Ein Ritus ist die von der Kirche überlieferte Ordnung des Gottesdienstes: Gebete, Gesänge, Handlungen, Zeichen und Gegenstände.
- Quellen der Riten sind die Heilige Schrift und die Überlieferung – die Überlieferung des Herrn, der Apostel und der Kirche (Konzile, Kanones, Väter, Heilige Synode). Echte Überlieferung stimmt mit der Schrift überein.
- Christus hielt als wahrer Mensch die Ordnungen seines Volkes und stiftete die heiligen Mysterien der Kirche; er warnte vor einem Gottesdienst ohne Herz.
- Riten haben geistlichen Nutzen: Sie schaffen Einheit, bewahren den Glauben, bereiten auf die Begegnung mit Gott vor und lassen den Himmel ahnen.
- Der Ritus spricht alle Sinne an, weil Gott den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat und im Fleisch zu uns gekommen ist.
- Kreuzzeichen, Gebet nach Osten, Stehen, Verneigen und Metanie sind Bekenntnis, Gebet und Ehrerweis vor Gott; anbeten darf man allein Gott.
- Lehre der Kirche, geistliche Bilder und Legenden müssen unterschieden werden; geweihte Dinge sind geheiligt, haben aber keine Kraft aus sich selbst.

## Zum Weiterlesen

- Abuna Tadros Y. Malaty, *Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche*, Bd. 1, Fr. 584–600: Kirchengebäude, Ostung, Heiligtum.
- Papst Schenouda III., *Vergleichende Theologie*, Kap. 2.9–2.11 (Überlieferung) und Kap. 7.1–7.2 (Kreuz und Ostung).
- Papst Schenouda III., *Jüngerschaft*, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 47–50).
- Papst Tawadros II., *Die Kirche ist meine Mutter*, „Die Ehrfurcht vor der Kirche“ (S. 28–31).
- Papst Tawadros II., *Mein Glaube*, Fr. 90–91.

## Anmerkungen

[^1]: Vgl. Bischof Anba Mettaous, The Spirituality of the Rites of the Holy Liturgy in the Coptic Orthodox Church, S. 8.

[^2]: So spricht der Priester, wenn er die Gaben segnet: Die göttlichen Liturgien, S. 131. Beim Kreuzzeichen sagt man auch kürzer „… ein Gott. Amen“ (vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 91).

[^3]: Die sieben Sakramente, S. 15.

[^4]: Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Einleitung (S. IX).

[^5]: Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.9.

[^6]: Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.11.

[^7]: Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 30.

[^8]: Synaxarium, 20. Hatur, Die Entschlafung des heiligen Anianus, S. 136–137.

[^9]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 47).

[^10]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 582.

[^11]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 49). „Kontemplativ“ heißt: betrachtend, still auf Gott ausgerichtet.

[^12]: Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.1, Nr. 6. „Geistig“ steht in dieser Übersetzung für „geistlich“.

[^13]: Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.2, Nr. 11.

[^14]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 671.

[^15]: Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4, Nr. 13.

[^16]: Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 90.

[^17]: Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 91.

[^18]: Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.1, Nr. 8.

[^19]: Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 35. Antonius spricht von den Dämonen; „entwaffnet“ verweist auf Kol 2:15.

[^20]: Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 11.

[^21]: Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 595–596.

[^22]: Die göttlichen Liturgien, S. 68.

[^23]: Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 979.

[^24]: Die göttlichen Liturgien, S. 112.

[^25]: Euchologion, Glossar Nr. 20; dort heißt die Niederwerfung „Metania“. „Metanie“ bezeichnet die Niederwerfung; das griechische Wort „metanoia“ bedeutet Umkehr.

[^26]: Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 31.

[^27]: Euchologion, S. 4.

[^28]: Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 31.

[^29]: Vgl. Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 30–31.

[^30]: Die sieben Sakramente, S. 69.

[^31]: Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 600.

[^32]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 47).

[^33]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 584.
