# Das Wort ist Fleisch geworden

*Wahrer Gott und wahrer Mensch – die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes*

Lehrbuch · 3. Semester · [Thema 18: Menschwerdung und Christologie](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T18.md) · Vortrag 1 · Lesedauer etwa 19 Minuten

Koptisch-Orthodoxe Diözese Österreichs und der Deutschschweiz · Ausgabe 15, Stand 21. Oktober 2026 · Webseite: [https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T18/V01](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T18/V01.md)

## Lernziele

1.  Den Merksatz von der einen Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes wörtlich wiedergeben und erklären, was von Kyrill selbst stammt und was die Kirche mit den vier Schutzformeln bekennt.
2.  Die Begriffe Natur, Hypostase und hypostatische Einheit erklären.

## Schlüsselbegriffe

Menschwerdung · Wort (Logos) · Entäußerung (Kenosis) · Gottesgebärerin (Theotokos) · Natur (physis) · Hypostase (Person) · hypostatische Einheit · eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes · Schutzformeln

## Bibelstellen

Joh 1:1; Joh 1:14; Phil 2:6–8; Gal 4:4; Lk 1:35; Lk 1:43; Joh 8:58b; Mt 4:2b; Joh 4:6; Joh 11:35; Joh 11:43b; Mt 26:38a; Lk 2:52a; Hebr 2:14a; Hebr 4:15b; Apg 1:11b; 2. Petr 1:4b; Ex 3:2b

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„Ist Jesus Gott oder Mensch?“ Diese Frage stellen schon Kinder in der Volksschule, und Jugendliche hören sie in der Schule oder von Freunden anderer Religionen. Die Kirche antwortet: Er ist beides – der ewige Sohn Gottes, der Mensch geworden ist –, und doch ist er nicht zwei, sondern einer. Wer diese Antwort genau geben will, braucht das Wort **Menschwerdung**, die Begriffe **Natur** und **Hypostase (Person)** und die Formel, mit der unsere Kirche ihren Glauben an Christus ausspricht; diese Lehre von Christus heißt **Christologie**. Mit ihnen bleiben auch die einfachsten Antworten im Dienst richtig.

## Was die Schrift über die Menschwerdung sagt

### „Im Anfang war das Wort“

Das Johannesevangelium beginnt nicht in Betlehem, sondern vor aller Zeit: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1:1). Das **Wort** – griechisch **Logos** – ist der ewige Sohn Gottes, die zweite Hypostase (Person) der Heiligen Dreifaltigkeit. Von diesem ewigen Wort sagt der Evangelist:

> **Heilige Schrift**
>
> Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
>
> Joh 1:14

„Fleisch“ meint hier den ganzen Menschen, nicht nur einen Körper. Der heilige Kyrill von Alexandrien betont außerdem: Die Schrift „hat nicht gesagt, dass das Wort sich die Person eines Menschen geeint habe, sondern dass es selbst Fleisch geworden ist“.[^1] Das Wort hat also nicht einen fertigen Menschen gesucht, um in ihm zu wohnen; es ist selbst Mensch geworden.

> **Begriff: Menschwerdung**
>
> Die **Menschwerdung** ist das Geheimnis, dass der ewige Sohn Gottes durch den Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria einen wirklichen Leib mit einer vernünftigen Seele angenommen hat und Mensch geworden ist, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Das Fremdwort dafür lautet *Inkarnation* („Fleischwerdung“). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt kurz: „Er wurde Mensch, ohne aufzuhören, Gott zu sein.“[^2]

### „Er entäußerte sich“

Wie tief Gott sich zu uns herabgelassen hat, schreibt Paulus an die Philipper:

> **Heilige Schrift**
>
> Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
>
> Phil 2:6–8

Paulus sagt nicht, Christus habe aufgehört, Gott zu sein. Er war „Gott gleich“ und hat die Gestalt des Knechtes hinzugenommen. Der heilige Kyrill erklärt das Wort des Glaubensbekenntnisses so: Der Herr Jesus Christus, das eingeborene Wort des Vaters, „ist auch in der Menschheit Gott geblieben und in der Knechtsgestalt Herrscher … Denn was er vor der Fleischwerdung hatte, das behält er unverlierbar“.[^3]

> **Begriff: Entäußerung (Kenosis)**
>
> Die **Entäußerung** (griechisch *kenosis*, nach Phil 2:7) bedeutet: Der Sohn hat, ohne seine Gottheit abzulegen, die Gestalt des Knechtes angenommen und sich aus Liebe bis zum Tod am Kreuz erniedrigt. Sie ist die freiwillige Demut Gottes.

### „Geboren von einer Frau“

Paulus schreibt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4:4). Der Sohn, der vor aller Zeit aus dem Vater gezeugt ist, wurde in der Zeit von einer Mutter geboren. Der heilige Jakob von Serugh, ein Vater der syrischen Schwesterkirche, singt in einer Weihnachtspredigt: „Vom Vater gezeugt, von den Engeln verborgen, von den Menschen angebetet … Sohn der Majestät und Sohn der Maria, ein einziger Erlöser.“[^4] Der Engel sagte zu Maria: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1:35b). Darum bekennen wir im Glaubensbekenntnis: „Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“[^5]

Die Einheit von Gottheit und Menschheit begann nicht erst bei der Geburt oder bei der Taufe im Jordan. Papst Schenouda III. lehrt: „Dieses Einssein geschah vom ersten Moment der heiligen Schwangerschaft im Leib der Jungfrau.“[^6] Auch der heilige Kyrill sagt: „… es ist nicht zuerst ein gewöhnlicher Mensch aus der heiligen Jungfrau geboren worden und auf diesen dann das Wort herabgestiegen, sondern aus dem Mutterschoße selbst ist er geeint hervorgegangen.“[^7]

Deshalb nennt die Kirche Maria **Gottesgebärerin (Theotokos)**. Sie hat nicht die Gottheit hervorgebracht, aber sie hat den einen Sohn Gottes geboren, der aus ihr Fleisch angenommen hat. Schon Elisabet begrüßt sie mit den Worten: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1:43). Mehr darüber lernst du in [Thema 19](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T19.md) („Die Gottesgebärerin“).

## Wahrer Gott und wahrer Mensch

### Er hat nicht aufgehört, Gott zu sein

Christus ist nicht ein Mensch, der Gott besonders nahe war. Er selbst sagt: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh 8:58b). Wie die Schrift seine Gottheit bezeugt, hast du in [Thema 17](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T17.md) („Die Gottheit Christi aus der Schrift“) gelernt. Der heilige Kyrill fasst zusammen:

> „Ich behaupte vielmehr, dass er menschgewordener Gott genannt werden muss und dass er in einer und derselben Person das eine sowohl wie das andere ist. Denn er hat, da er Mensch geworden, nicht aufgehört, Gott zu sein, hat aber auch die Menschennatur nicht abgelegt und den Entäußerungsstand nicht aufgegeben.“[^8]

### Er ist wirklich Mensch – mit Leib und vernünftiger Seele

Ebenso fest bekennt die Kirche, dass Christus vollkommen Mensch ist. Die Evangelien zeigen es: Nach dem Fasten in der Wüste „bekam er Hunger“ (Mt 4:2b); am Jakobsbrunnen „war \[er\] müde von der Reise“ (Joh 4:6); am Grab seines Freundes Lazarus „weinte Jesus“ (Joh 11:35); in Getsemani sagte er: „Meine Seele ist zu Tode betrübt“ (Mt 26:38a). Als Kind „wuchs \[er\] heran und seine Weisheit nahm zu“ (Lk 2:52a). Der Hebräerbrief sagt: „Da nun die Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen“ (Hebr 2:14a).

Zum Menschsein gehört nicht nur der Leib, sondern auch die Seele, mit der wir denken, wollen und fühlen. Darum betont der heilige Kyrill:

> **Aus den Vätern**
>
> Wir behaupten vielmehr, dass es einen Sohn und eine Natur des Sohnes gibt, auch nachdem er Fleisch mitsamt einer vernünftigen Seele angenommen. Denn er hat, wie ich schon sagte, die Menschennatur sich zu eigen gemacht, und aus diesem und keinem andern Grunde ist er für uns Gott und Mensch zugleich.[^9]
>
> – Hl. Kyrill von Alexandrien, *Dass Christus einer ist*, Kap. 10

Warum ist das so wichtig? Apollinaris lehrte, „Gott der Logos“ trete in Christus „an die Stelle des NOUS“, des menschlichen Geistes; das Konzil von Konstantinopel (381), das zweite ökumenische Konzil, hat diese Lehre verurteilt.[^10] Hätte Christus keine vernünftige menschliche Seele, wären unsere Seele und unser Geist nicht geheilt. Der heilige Athanasius der Apostolische sagt:

> **Aus den Vätern**
>
> Unsere Erlösung ist aber nicht Einbildung; und nicht bloß die Erlösung des Leibes, sondern in Wahrheit des ganzen Menschen, der Seele und des Leibes, wurde durch den Logos bewirkt.[^11]
>
> – Hl. Athanasius der Apostolische, *Brief an Epiktet*, Kap. 7

Christus ist uns in allem gleich geworden – nur nicht in der Sünde. Er ist einer, „der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4:15b). Er hat keine sündige Natur angenommen, sondern unsere Natur ohne Sünde.

## Natur und Hypostase

In [Thema 6](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T06.md) („Glaube, Dogma und Heilige Überlieferung“) und in [Thema 16](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T16.md) („Die Heilige Dreifaltigkeit“) hast du die Grundbegriffe kennengelernt: In der Heiligen Dreifaltigkeit bekennen wir ein Wesen in drei Hypostasen. Wenn wir von Christus sprechen, helfen zwei Fragen weiter: *Was* ist Christus? Und: *Wer* ist Christus?

- **Was ist Christus?** Gott und Mensch. Er hat die ganze göttliche Natur, denn er ist mit dem Vater wesensgleich, und die ganze menschliche Natur, Leib und vernünftige Seele.
- **Wer ist Christus?** Einer: der ewige Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort. In ihm gibt es nicht zwei „Ich“, sondern nur eines.

> **Begriff: Natur (physis)**
>
> **Natur** (griechisch *physis*) bezeichnet, was etwas seinem Sein nach ist. Die göttliche Natur umfasst alles, was Gott ist; die menschliche Natur alles, was zum Menschsein gehört – Leib und vernünftige Seele. In Christus sind beide Naturen ganz und unverkürzt da. In der Formel des heiligen Kyrill bezeichnet „aus zwei Naturen“ die vollkommene Gottheit und die vollkommene Menschheit. „Eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ meint ihre untrennbar geeinte Wirklichkeit in Christus (wie Leib und Seele die eine Natur des Menschen bilden), nicht aber die Verschmelzung zu einem einzigen Wesen. Christus ist dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und uns wesensgleich nach der Menschheit.

> **Begriff: Hypostase (Person)**
>
> Mit **Hypostase** ist die Person gemeint, die handelt, spricht und leidet. In Christus ist es die eine, ewige Hypostase des Wortes, die zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit. Die Menschheit Christi ist keine zweite Person neben dem Wort, sondern die Menschheit des Wortes selbst.

Die Dialogerklärung von 1989, die Papst Schenouda III. abgedruckt hat, sagt es genau. In ihr sprechen die orthodoxen Kirchen, etwa die griechische und die russische, gemeinsam mit den **orientalisch-orthodoxen Kirchen**, der Familie der koptischen, syrischen, armenischen, äthiopischen, eritreischen und indischen Kirche:

> „Wenn wir von der einen zusammengesetzten (synthetos) Hypostase unseres Herrn Jesus Christus sprechen, sagen wir nicht, dass in IHM eine göttliche Hypostase und eine menschliche Hypostase zusammenkamen. Es ist dies die eine ewige Hypostase der zweiten Person der Heiligen Dreifaltigkeit, die unsere geschaffene menschliche Natur annahm …“[^12]

Deshalb schreibt der heilige Kyrill: „Es sind also sämtliche in den Evangelien mitgeteilten Worte einer Person zuzuschreiben, der einen fleischgewordenen Hypostase des Wortes. Denn es ist ein Herr Jesus Christus nach den Schriften.“[^13] Am Grab des Lazarus weint derselbe, der kurz darauf ruft: „Lazarus, komm heraus!“ (Joh 11:43b). Der Weinende und der, der den Toten erweckt, sind nicht zwei, sondern einer.

|  | Heilige Dreifaltigkeit | Christus |
|----|----|----|
| Was? | ein göttliches Wesen | vollkommener Gott und vollkommener Mensch in einer geeinten Natur |
| Wer? | drei Hypostasen: Vater, Sohn, Heiliger Geist | eine Hypostase: der ewige Sohn, das Wort |
| Kurzformel | ein Gott in drei Hypostasen | einer, wahrer Gott und wahrer Mensch |

Tabelle 57 · Begriffe in der Dreifaltigkeitslehre und in der Lehre von Christus

Achte auf einen Unterschied: Wenn der heilige Athanasius bei der Dreifaltigkeit sagt, Vater und Sohn seien zwei, „aber die Natur ist nur Eine“ ([Thema 17](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T17.md)), meint „eine Natur“ das eine göttliche Wesen. In der Lehre von Christus meint „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ dagegen die Einheit von Gottheit und Menschheit.

### Die hypostatische Einheit

> **Begriff: hypostatische Einheit**
>
> Die **hypostatische Einheit** ist die wirkliche und unauflösliche Einung von Gottheit und Menschheit in der einen Hypostase des fleischgewordenen Wortes, vom ersten Augenblick der Empfängnis an. Man spricht von *Vereinigung*, wenn man den Vorgang meint, und von *Einheit*, wenn man den bleibenden Zustand meint.

Der heilige Kyrill hat diese Einheit gegen alle Missverständnisse beschrieben:

> **Aus den Vätern**
>
> Wir behaupten nämlich nicht, dass die Natur des Wortes in Fleisch umgewandelt, auch nicht, dass sie zu einem ganzen, aus Seele und Leib bestehenden Menschen umgeändert worden sei. Wir behaupten vielmehr, dass das Wort mit einer vernünftigen Seele beseeltes Fleisch der Person nach in unaussprechlicher und unbegreiflicher Weise sich selbst geeint hat und so Mensch geworden ist.[^14]
>
> – Hl. Kyrill von Alexandrien, *Zweiter Brief an Nestorius*, S. 83

„Der Person nach“ heißt: Die Einheit geschieht in der Hypostase des Wortes. Papst Schenouda III. gibt das Wort eines Vaters wieder, nach dem Gott auf drei Weisen unter seinen Geschöpfen gegenwärtig ist: „dadurch, dass er aufgrund seines Wesens allgegenwärtig ist, in der Gegenwart seiner Gnade in den Heiligen und in der einzigartigen Weise, die nur einmal in der hypostatischen Einheit Christi geschah“.[^15] In den Heiligen wohnt Gott durch die Gnade; in Christus ist Gott selbst Mensch geworden.

Diese Einheit hört nie auf. Mit dem Leib, den er aus der Jungfrau angenommen hat, ist Christus in den Himmel aufgefahren, und mit ihm wird er wiederkommen.[^16] Die Engel sagen den Jüngern: „Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen“ (Apg 1:11b).

## Die Formel des heiligen Kyrill

Für diese Einheit gebraucht die Kirche die Formel des heiligen Kyrill: „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“, „aus zwei Naturen“. Beide Ausdrücke stammen von Kyrill selbst. Dazu bekennt die Kirche mit vier Worten, wie diese Einheit zu verstehen ist. Du kennst beides aus [Buch 1, Kapitel 6](https://dienerkursbooks.pages.dev/vorwissen/K06.md) („Die Konzile in Grundzügen“); hier lernst du es Teil für Teil verstehen.

> **Merksatz: Die eine Natur des fleischgewordenen Wortes**
>
> Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.

Unsere Kirche lehnt die Lehre des Eutyches von einer einzigen, verschmolzenen Natur ab. „Eine Natur“ (*mia physis*) meint bei Kyrill die eine geeinte Natur aus vollkommener Gottheit und vollkommener Menschheit, nicht „nur eine Natur“.

Der Katechismus sagt es so:

> „In Christus gibt es eine Natur aus zwei Naturen – ohne Vermischung, ohne Verwirrung und ohne Veränderung. Das ist die Natur des Wortes, das Mensch geworden ist.“[^17]

- **„eine Natur“** meint die Einheit, nicht eine Zahl, bei der eine der beiden Naturen übrig bliebe. Papst Schenouda III.: „Eine Natur heißt für uns reale Einheit.“[^18] Papst Tawadros II.: „Die authentische kyrillische Formel bezeichnet eine harmonische (geeinte) Natur und nicht eine numerische.“[^19]
- **„des fleischgewordenen Wortes Gottes“** nennt den, um den es geht: den ewigen Sohn, das Wort (Logos), der Mensch geworden ist. Die Formel ohne „Wort“ oder ohne „fleischgeworden“ zu sagen, wäre unvollständig.
- **„aus zwei Naturen“** sagt: Gottheit und Menschheit sind beide ganz da. Papst Schenouda III. erklärt: „Es handelt sich um eine Natur …, die alle Eigenschaften der beiden Naturen hat: die der göttlichen und die der menschlichen. In ihr ist der Leib nicht göttliche Natur geworden, er blieb Leib, jedoch der des fleischgewordenen Wortes. Auch das Wort wurde nicht zu einer menschlichen Natur; es behielt seine Göttlichkeit, obwohl es eins war mit dem Leib.“[^20]
- **die vier Schutzformeln** bewahren die Formel vor falschen Deutungen (nächster Abschnitt).

### Ein Vergleich: Leib und Seele

Der heilige Kyrill erklärt die eine Natur mit dem Menschen selbst: „Sprechen wir nicht von einem Menschen, wie wir es sind, und von einer Natur des Menschen, obwohl er nicht etwas Einheitliches ist, sondern aus zwei Teilen zusammengesetzt, aus Seele nämlich und Leib?“[^21] Du sagst nicht: „Mein Leib hat Hunger, und meine Seele denkt nach“, sondern: „Ich habe Hunger, ich denke nach.“

Auch dieser Vergleich hat eine Grenze, die Papst Schenouda III. selbst nennt: Obwohl das Bild „ein sehr gutes ist, bleibt es doch unvollständig, da es die Trennung der Seele vom Leib beim Tod und deren Wiedervereinigung in der Auferstehung nicht berücksichtigt“.[^22] Die Gottheit Christi aber hat sich von seiner Menschheit nie getrennt, auch nicht im Tod (Vortrag 2).

### Warum die Formel für unser Heil wichtig ist

Die Formel ist kein Wortspiel für Gelehrte. Sie bekennt, dass der eine Christus, der für uns gelitten hat, Gott selbst ist, der Mensch wurde. Denn nur Gott selbst konnte uns retten und erneuern. Am Kreuz hat das Wort seinen eigenen Leib für alle in den Tod gegeben und so das Urteil des Todes aufgehoben; in der Auferstehung hat es diesen Leib unverweslich gezeigt, als „Erstlingsfrucht der Auferstehung aller“.[^23] Der heilige Athanasius erklärt auch: „… kam der Logos persönlich zu uns, um als Bild des Vaters den ebenbildlich erschaffenen Menschen wiederherzustellen.“[^24] An anderer Stelle sagt er, der Logos sei Mensch geworden, damit wir Anteil am Leben Gottes erhalten.[^25] Der Apostel Petrus schreibt, dass wir „an der göttlichen Natur Anteil“ erhalten (2. Petr 1:4b): aus Gnade als Kinder Gottes durch den Heiligen Geist, niemals dem Wesen nach. Wäre Christus nur ein Mensch, in dem Gott wohnt, hätte er uns weder vom Tod erlösen noch zu Gott führen können.

### Wo die Formel bei Kyrill steht

Die Formel steht in Kyrills Werk *Dass Christus einer ist*, einem Zwiegespräch. Der Gesprächspartner wendet ein: Wer von „einer Natur des Sohnes“ spricht, muss doch zugeben, dass sich Gottheit und Menschheit vermischt haben. Kyrill antwortet:

> **Aus den Vätern**
>
> Mein Freund, wenn jemand sagt, dass wir, wenn wir von der einen Natur Gottes, des fleischgewordenen und menschgewordenen Wortes (Logos), sprechen, damit andeuten, eine Vermischung oder Vermengung habe stattgefunden, dann redet er völligen Unsinn.[^26]
>
> – Hl. Kyrill von Alexandrien, *Dass Christus einer ist*, Kap. 11

Gleich danach deutet Kyrill den brennenden Dornbusch, der „brannte … und verbrannte doch nicht“ (Ex 3:2b), als Vorbild der Menschwerdung. Die Formel „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ stammt vom heiligen Kyrill selbst; sie ist kein Beschluss des Konzils von Ephesus.

## Die vier Schutzformeln

Damit niemand die „eine Natur“ falsch versteht, stehen vier Abgrenzungen neben ihr. Unsere Kirche fasst sie in die Form des Merksatzes: **ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung, ohne Trennung**. Der Sache nach lehrt sie schon der heilige Kyrill; als feste Reihe von vier Worten bekennt sie die Kirche. Im Bekenntnis vor der Kommunion betet der Priester, Christus habe seinen Leib eins gemacht mit seiner Gottheit „ohne Vermischung, ohne Verquickung und ohne Veränderung“, und seine Gottheit habe seine Menschheit „keinen Moment lang und keinen einzigen Augenblick verlassen“.[^27] Die Liturgie sagt also mit drei Worten und einem eigenen Satz dasselbe. Alle vier Worte stehen in der Dialogerklärung von 1989: „Die vier Worte, die gebraucht werden, um das Mysterium der Hypostase zu bezeichnen, gehören zu unserer gemeinsamen Tradition – ohne Vermischung (oder Verwechslung) (asyngchytos), ohne Ändern (atreptos), ohne Trennung (achoristos) und ohne Teilung (adiairetos).“[^28]

| Schutzformel | Was sie ausschließt | Wogegen sie sich richtet |
|----|----|----|
| ohne Vermischung | Gottheit und Menschheit verschmelzen nicht zu einem Dritten wie Wasser und Wein. | Eutyches |
| ohne Verwandlung | Keine Natur wird in die andere verwandelt: Das Wort wurde nicht in Fleisch umgewandelt, das Fleisch nicht in Gottheit. | Eutyches |
| ohne Teilung | Christus wird nicht in zwei Personen oder „zwei Söhne“ geteilt. | Nestorius |
| ohne Trennung | Gottheit und Menschheit sind nie getrennt, keinen Augenblick, auch nicht im Tod. | Nestorius |

Tabelle 58 · Die vier Schutzformeln

Papst Schenouda III. erklärt: „So wird weder die menschliche göttlich, noch die göttliche menschlich.“[^29] Gegen die Teilung schreibt der heilige Kyrill: „Es darf demnach der eine Herr Jesus Christus nicht in zwei Söhne zerteilt werden.“[^30] Wer Eutyches und Nestorius waren, erfährst du im zweiten Vortrag; dort steht auch das Bekenntnis vor der Kommunion.

## Feuer und Eisen – ein Bild mit Grenze

Die Väter haben die Einheit in Christus gern mit glühendem Eisen verglichen. Papst Schenouda III. schreibt: „Dieses Beispiel gebrauchten der Heilige Kyrillus der Große und der Heilige Dioskorus. Bei feuergeschmiedetem Eisen sprechen wir auch nicht von zwei Naturen, Eisen und Feuer, wir sagen feuergeschmiedetes Eisen!“[^31] Das Feuer durchdringt das ganze Eisen, doch keines wird zum anderen.

Jedes Bild aus der Schöpfung bleibt hinter dem Geheimnis zurück. Sag darum immer dazu, wo dieses Bild endet:

- **Ein glühendes Eisen kühlt wieder ab.** Papst Schenouda III. weist selbst darauf hin, dass „der Vorgang nicht anhält“.[^32] Die Gottheit Christi aber verlässt seine Menschheit nie.
- **Feuer und Eisen sind beide Geschöpfe.** Gott ist kein Stoff wie Feuer, und die Menschwerdung ist keine Naturerscheinung, sondern ein einmaliges Werk Gottes.
- **Das Bild zeigt keine Person.** Christus ist nicht „etwas“, das aus zwei Stoffen besteht, sondern der eine Sohn Gottes, der Mensch geworden ist.
- **Das Bild erklärt nicht alles.** Der heilige Kyrill sagt: „Die Art und Weise der Einigung aber ist durchaus unbegreiflich.“[^33] Wir beten das Geheimnis an, auch wo wir es nicht erklären können.

> **Beispiel**
>
> Im Monat Kiyahk drehen sich, wie Abuna Bishoy Kamel schreibt, „alle Gebete, Meditationen und Hymnen um die Menschwerdung Christi“.[^34] In den **Theotokien**, den Lobgesängen auf die Gottesgebärerin, vergleicht die Kirche Maria mit dem Dornbusch, den Mose brennen sah. Abuna Bishoy Kamel erklärt: „Die Jungfrau war wie der Dornbusch, der nicht verbrannte, als er die Glut der Göttlichkeit in sich trug.“[^35] Das Feuer verzehrte den Strauch nicht – so hat die Gottheit die Menschheit, die das Wort aus der Jungfrau angenommen hat, nicht verzehrt. Wenn du in diesen Wochen die Psalmodie mitbetest, achte auf solche Bilder: Die Kirche singt ihren Glauben.

![Der Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte (Ex 3:2)](https://dienerkursbooks.pages.dev/bilder/T18/T18-B1.jpg)

*Abb. 36 · Der Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte (Ex 3:2)*

## Für den Dienst

Kinder brauchen keine Fachwörter, aber Sätze, die stimmen.

- **„Ist Jesus Gott oder Mensch?“** Antworte nicht „halb Gott, halb Mensch“. Für jüngere Kinder: „Jesus ist Gott, der Sohn Gottes. Weil er uns so lieb hat, ist er auch ein Mensch geworden, ein Baby in Betlehem. Er ist beides – und er ist einer.“ Für Jugendliche kannst du die Fragen „Was ist er?“ (Gott und Mensch) und „Wer ist er?“ (der eine Sohn Gottes) gebrauchen.
- **Vermeide falsche Kurzformeln.** Sag nicht: „Gott hat sich in einen Menschen verwandelt“ (das wäre Verwandlung), „Gott wohnte in einem Menschen namens Jesus“ (das wäre Trennung) oder „Jesus hatte nur einen Körper“ (er hat auch eine menschliche Seele). Sag auch nicht, Gottheit und Menschheit seien „vermischt“.
- **Ein Bild – mit Grenze.** Wenn du das glühende Eisen oder den Dornbusch gebrauchst, sag dazu, was das Bild nicht kann.
- **Christus kennt unser Leben.** Er hatte Hunger, war müde und hat geweint. Ein Kind, das traurig ist, darf wissen: Jesus versteht dich, weil er selbst ein Mensch geworden ist (Hebr 4:15).
- **Für dein eigenes Leben.** Christus hat den ganzen Menschen angenommen, um den ganzen Menschen zu heilen, Leib und Seele. Bring ihm darum im Gebet beides: was dein Leib braucht und was deine Seele bedrückt.

## Das Wichtigste in Kürze

- „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1:14a): Der ewige Sohn Gottes ist durch den Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria Mensch geworden, ohne aufzuhören, Gott zu sein.
- Christus ist vollkommen Gott und vollkommen Mensch; er hat Fleisch „mitsamt einer vernünftigen Seele“ angenommen (Kyrill, *Dass Christus einer ist* 10) und ist uns in allem gleich außer der Sünde.
- Natur sagt, *was* Christus ist (Gott und Mensch); Hypostase sagt, *wer* er ist (der eine Sohn, das Wort). In Christus gibt es nur eine Hypostase, die des Wortes.
- Die hypostatische Einheit ist die wirkliche, unauflösliche Einung von Gottheit und Menschheit in der Hypostase des Wortes vom ersten Augenblick der Empfängnis an; sie hört nie auf.
- Merksatz: Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.
- Die Formel „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ stammt vom heiligen Kyrill (*Dass Christus einer ist* 11); sie ist kein Beschluss des Konzils von Ephesus. „Eine Natur“ meint die geeinte Natur aus vollkommener Gottheit und vollkommener Menschheit, keine Vermischung.
- „Ohne Vermischung, ohne Verwandlung“ wehrt Eutyches ab, „ohne Teilung, ohne Trennung“ wehrt Nestorius ab.
- Das Bild von Feuer und Eisen hilft, hat aber Grenzen: Das Eisen kühlt wieder ab; das Bild zeigt keine Person und erklärt das Geheimnis nicht ganz.

## Zum Weiterlesen

- Papst Schenouda III., *Die Natur Christi*, Kap. 3 und Kap. 5.
- Abuna Tadros Y. Malaty, *Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche*, Bd. 1, Fr. 119–124.
- Kyrill von Alexandrien, *Zweiter Brief an Nestorius*, in: *Drei ökumenische Briefe* (BKV 2. Reihe 12, S. 81–86).
- Papst Tawadros II., *Mein Glaube*, Fr. 64–79.
- Abuna Bishoy Kamel, *Die Reise der göttlichen Inkarnation* (Wien 2025), S. 13, 26 und 37.

## Anmerkungen

[^1]: Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 85.

[^2]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 121.

[^3]: Kyrill von Alexandrien, Erklärung des nizänischen Glaubensbekenntnisses, Kap. 14.

[^4]: Jakob von Serugh, Homilien über die Geburt Christi, Teil 1, hg. und kommentiert von Abuna Tadros Y. Malaty, S. 40.

[^5]: Die göttlichen Liturgien, S. 177.

[^6]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.

[^7]: Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 84.

[^8]: Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 10.

[^9]: Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 10.

[^10]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.2; vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.

[^11]: Athanasius, Brief an Epiktet, Kap. 7.

[^12]: Übereinstimmende Erklärung der Vereinigten Kommission zum theologischen Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und den Orientalischen Orthodoxen Kirchen, Kloster Anba Bischoi, Juni 1989, abgedruckt in: Die Natur Christi, Kap. 14.

[^13]: Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, S. 95.

[^14]: Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 83.

[^15]: Nach Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 5.

[^16]: Vgl. Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 26.

[^17]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 122.

[^18]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.1.

[^19]: Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 78. „Kyrillisch“ heißt hier: vom heiligen Kyrill stammend; „numerisch“: der Zahl nach.

[^20]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 5.1.

[^21]: Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 10.

[^22]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.3.

[^23]: Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 20; vgl. ebd., Kap. 21.

[^24]: Ebd., Kap. 13.

[^25]: Vgl. ebd., Kap. 54.

[^26]: Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 11, deutscher Wortlaut nach John A. McGuckin, On the Unity of Christ, S. 79.

[^27]: Die göttlichen Liturgien, S. 237.

[^28]: Übereinstimmende Erklärung 1989, in: Die Natur Christi, Kap. 14.

[^29]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.1.

[^30]: Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 85.

[^31]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.2.

[^32]: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.2.

[^33]: Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 10.

[^34]: Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 37.

[^35]: Ebd., S. 13.
