# Jüngerschaft und geistliche Vaterschaft

*Lernen, folgen und den Glauben weitergeben*

Lehrbuch · 6. Semester · [Thema 40: Jüngerschaft und Leitung](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T40.md) · Vortrag 1 · Lesedauer etwa 17 Minuten

Koptisch-Orthodoxe Diözese Österreichs und der Deutschschweiz · Ausgabe 15, Stand 21. Oktober 2026 · Webseite: [https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T40/V01](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T40/V01.md)

## Lernziele

1.  Zehn Bibelverse über die Jüngerschaft auswendig wiedergeben.
2.  Mit der Schrift und Papst Schenouda III. Aufgabe und Grenzen geistlicher Führung erklären.
3.  Die fünf Schritte der Ausbildung neuer Diener beschreiben.

## Schlüsselbegriffe

Jüngerschaft (Nachfolge) · Jünger · Überlieferung · Vorbild · geistlicher Vater · Beichtvater · geistliche Führung · Gehorsam · Auswahl · Schulung · Begleitung · Übertragung von Verantwortung · Hospitation

## Bibelstellen

Joh 1:38–39; Mk 3:14; Mt 28:19–20; Joh 8:31; Joh 13:35; 1. Joh 2:6; Lk 14:27; Lk 9:62; Lk 11:1; 2. Tim 2:2; Phil 4:9; Esra 7:10; 1. Kor 11:23; Ex 33:11; 2. Kön 2:9; Apg 9:26–27; Apg 11:25–26; Apg 16:1–3; 2. Tim 3:10; 1. Kor 11:1; Joh 13:15; 1. Kor 4:15; 1. Thess 2:7–8; 1. Thess 2:11–12; Mt 15:14; Lk 24:27; Apg 5:29; Hebr 13:17; Lk 6:12–13; Mk 4:34; Mk 6:7; Mk 6:30; Joh 20:21–22; Lk 8:5–8; Apg 15:37–39; 2. Tim 4:11; Joh 15:8; Lk 6:40; 1. Tim 4:16

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Im Dienst begleitest du selbst andere: die Kinder deiner Klasse oder deiner Gruppe, Jugendliche, die mithelfen, und vielleicht bald einen neuen Diener; auch in der Familie gibst du den Glauben weiter. Am Anfang steht immer die **Jüngerschaft**. Christus hat die Frohe Botschaft nicht durch ein Buch weitergegeben, sondern durch **Jünger**, die mit ihm lebten. Nur wer selbst Jünger bleibt, kann andere zu Jüngern machen.

## Das christliche Leben ist Nachfolge

Papst Schenouda III. hat sein Buch *Jüngerschaft* als ersten Band einer Reihe für diejenigen geschrieben, „die in irgendeiner Art von Dienst tätig sind, um ihnen zu helfen, sich auf den Dienst vorzubereiten“.[^1] Es beginnt mit dem Satz:

> **Aus der Lehre unserer Päpste**
>
> Das christliche Leben ist ein Leben in der Nachfolge. Jeder, der an Christus glaubt, ist berufen, Sein Jünger zu sein.[^2]
>
> – Papst Schenouda III., *Jüngerschaft*, Abschnitt „Das Leben der Jüngerschaft“ (S. 8)

Am Anfang des Johannesevangeliums gehen zwei Jünger Johannes des Täufers hinter Jesus her. Er fragt sie: „Was wollt ihr?“ Sie antworten: „Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wohnst du?“ (Joh 1:38). Jesus antwortet: „Kommt und seht!“ (Joh 1:39a). Am Anfang der Jüngerschaft steht das Mitleben. Bei der Berufung der Zwölf steht dieselbe Reihenfolge: „Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten“ (Mk 3:14). Zuerst sind sie bei ihm, dann sendet er sie.

Am Ende des Matthäusevangeliums macht der Herr die Jüngerschaft zum Auftrag der ganzen Kirche: „… geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28:19–20a). Verkündigen heißt also, Jünger zu machen – und lehren heißt, zum Befolgen zu führen, nicht nur zum Wissen.

> **Begriff: Jüngerschaft (Nachfolge)**
>
> **Jüngerschaft** heißt, bei Christus in die Schule zu gehen: bei ihm zu bleiben, auf sein Wort zu hören, es ins Leben umzusetzen und von denen zu lernen, die er uns in der Kirche als Lehrer gegeben hat. Ein **Jünger** ist ein Lernender, der seinem Meister folgt und ihm ähnlich werden will.

### Eine Lebensart, nicht nur Wissen

Für Papst Schenouda III. ist Jüngerschaft „nicht nur eine Sache des Lernens bestimmter Fakten, sondern vielmehr eine Lebensart“.[^3] Er erklärt:

> „Einfach nur auf die Worte eines Lehrers zu hören, bedeutet also nicht, dass man sein Jünger ist. Man muss fest verankert in seiner Lehre stehen. Das bedeutet, die Worte des Lehrers in ein Leben umzuwandeln, sodass sie zu Prinzipien werden, die im Lernenden fest verankert sind.“[^4]

Die Bedingungen nennt der Herr selbst:

- **im Wort bleiben:** „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger“ (Joh 8:31b).
- **einander lieben:** „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13:35).
- **leben wie er:** „Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch leben, wie er gelebt hat“ (1. Joh 2:6).
- **das Kreuz tragen:** „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14:27).
- **nicht zurückblicken:** „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes“ (Lk 9:62b).

Das Gehörte soll das Leben prägen. Darum bat jeder Besucher der Wüstenväter, der Mönchsväter in der Wüste Ägyptens: „‚Sag mir ein Wort, durch das ich leben kann‘, denn das Wort ist seine geistliche Nahrung“.[^5]

Zur Jüngerschaft gehört die **Demut**. Selbst die Apostel baten: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11:1b). Papst Schenouda III. sagt: „Jüngerschaft braucht nicht durch das Alter oder die Situation einer Person behindert zu werden.“[^6] So bat der heilige Makarius der Große Abba Zacharias, den er „mein Kind“ nannte, ihm das Werk des Mönches zu erklären: „Ich vertraue auf dich, mein Kind Zacharias. Da ist etwas in mir, das mich drängt, dich zu fragen!“[^7] Wer lehrt, hört deshalb nicht auf zu lernen.

## Jüngerschaft als Weg der Überlieferung

Wie kommt der Glaube der Apostel zu uns? Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty antwortet mit der Bedeutung des Wortes **Überlieferung**: Es bedeutet nicht, die Vergangenheit nachzuahmen. „Im biblischen Sinn bedeutet es, etwas Kostbares weiterzugeben. Eine Generation gibt den Glauben weiter, die nächste empfängt ihn.“[^8] Und er zeigt, wie Christus das tat: Er gab seinen Jüngern kein schriftliches Dokument. „Vielmehr bereitete er sie darauf vor, ihm zu folgen und ihn aufzunehmen, damit er in ihren Herzen wohne. Sie hörten, wie er lehrte, und folgten ihm überallhin. Sie sahen, wie er betete, Menschen tröstete, Sündern Güte erwies, Kranke heilte und Tote zum Leben erweckte.“[^9] Überlieferung geschieht also durch Jüngerschaft. Paulus sagt: „… ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe“ (1. Kor 11:23a).

Zwei Verse, die du im Wortlaut kennen sollst, fassen diesen Weg zusammen:

> **Heilige Schrift**
>
> Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren.
>
> 2. Tim 2:2

In diesem einen Satz stehen vier Glieder einer Kette: Paulus, sein Jünger Timotheus, zuverlässige Menschen, denen Timotheus die Lehre anvertraut, und andere, die von diesen gelehrt werden. Die „vielen Zeugen“ sind keine eigene Stufe der Kette; sie waren dabei, als Paulus lehrte, und bezeugen, dass Timotheus nicht seine eigene Lehre weitergibt, sondern die empfangene. Wer ausgewählt wird, braucht zwei Eigenschaften: Er ist **zuverlässig**, und er ist **fähig, auch andere zu lehren**. Abuna Tadros Y. Malaty versteht den Vers als Auftrag, neue Diener so auszubilden, dass sie ihrerseits andere lehren können. Darin sieht er die heilige Überlieferung, die durch alle Zeiten weitergeht.[^10]

![Die Kette der Überlieferung nach 2. Tim 2:2](https://dienerkursbooks.pages.dev/bilder/T40/T40-B1.jpg)

*Abb. 83 · Die Kette der Überlieferung nach 2. Tim 2:2*

> **Heilige Schrift**
>
> Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.
>
> Phil 4:9

Paulus nennt vier Wege des Empfangens: lernen, annehmen, hören und sehen – das vierte ist das Vorbild. Und alles mündet in ein Wort: „das tut!“ Beim Schriftgelehrten Esra steht dieselbe Ordnung, und sie geht einen Schritt weiter: Er „war von ganzem Herzen darauf aus, das Gesetz des Herrn zu erforschen und danach zu handeln und es als Satzung und Recht in Israel zu lehren“ (Esra 7:10). Zuerst lernen, dann tun, dann lehren.

Die Schrift ist voll solcher Ketten: Josua, der „Diener“ des Mose (Ex 33:11), führte später das Volk; Elischa bat Elija: „Möchten mir doch zwei Anteile deines Geistes zufallen“ (2. Kön 2:9b). Als sich in Jerusalem alle vor dem neubekehrten Saulus fürchteten, „nahm \[Barnabas\] sich seiner an und brachte ihn zu den Aposteln“ (Apg 9:27a; vgl. Apg 11:25–26). Und Paulus nahm den jungen Timotheus mit (Apg 16:1–3), der ihm dann „gefolgt \[ist\] in der Lehre, im Leben und Streben“ (2. Tim 3:10a).

## Lernen durch Vorbild

Eine Lebensart lernt man vor allem durch das **Vorbild**:

> **Aus der Lehre unserer Päpste**
>
> In deiner Jüngerschaft lernst du nicht von den Worten deiner Lehrer, sondern aus ihrem Verhalten und ihrer Lebensweise. \[…\] Das Ohr ist nicht das einzige Mittel zum Lernen, das Auge ist es auch.[^11]
>
> – Papst Schenouda III., *Jüngerschaft*, Abschnitt „Jüngerschaft des Lebens“ (S. 18)

Drei Väter besuchten jedes Jahr den heiligen Antonius den Großen. Zwei fragten ihn um Rat, der dritte schwieg. Als Antonius ihn fragte, warum, antwortete er: „Es genügt mir schon, dich zu sehen, Vater!“[^12] Als Papst Theophilus von Alexandrien in die Sketis (arabisch Schihit, das heutige Wadi El-Natrun) kam, baten die Brüder Abba Pambo, ihm ein Wort zu sagen. Er antwortete: „Wenn er aus meinem Schweigen keinen Nutzen zieht, dann kann er es auch nicht aus einer Rede.“[^13]

Auch der Herr lehrte durch sein Tun. Nach der Fußwaschung sagte er: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13:15). Paulus wagt deshalb zu sagen: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1. Kor 11:1).

Nachahmen heißt aber nicht kopieren. Papst Schenouda III. rät: „Versuche in deiner Nachfolge nicht, wie ein Abklatsch einer bestimmten Person zu sein. Denn es gibt keinen einzigen Menschen, in dem alle Tugenden zu finden sind.“[^14] Der heilige Athanasius der Apostolische beschreibt, wie der junge Antonius lernte: Hörte er von einem erfahrenen Asketen, einem Menschen, der in Fasten, Gebet und Verzicht lebte, „suchte \[er\] ihn auf wie eine kluge Biene“ und ging erst heim, „nachdem er von ihm gleichsam eine Wegzehrung erhalten für seinen eigenen Pfad zur Tugend“.[^15]

> **Aus den Vätern**
>
> Bei dem einen beobachtete er die Freundlichkeit, bei dem anderen den Gebetseifer; an diesem sah er seine Ruhe, an jenem Menschlichkeit \[…\]. Was er von einem jeden erhalten hatte, vereinigte er dann in sich und strebte danach, in sich die Tugenden aller darzustellen.[^16]
>
> – Hl. Athanasius der Apostolische, *Leben des heiligen Antonius*, Kap. 4

Du lernst also von vielen – und die Kinder lernen von dir: „Wir sehen in Kindern ein Beispiel für diejenigen, die durch Nachahmung lernen.“[^17]

## Der geistliche Vater

Wer andere führen will, braucht selbst Führung. Papst Schenouda III. nennt den Menschen glücklich, der einen geistlichen Vater hat, der ihn führt, lehrt und ihm den geistlichen Weg erklärt.[^18]

> **Begriff: Geistlicher Vater**
>
> Der **geistliche Vater** ist zuerst der **Beichtvater**: der Priester, dem du beichtest und der dich auf dem geistlichen Weg führt, lehrt und begleitet. Weil ein Beichtvater für sehr viele Menschen sorgt, kann man nach Papst Schenouda III. neben ihm einen erfahrenen **geistlichen Führer** suchen, auf dessen Rat man sich verlassen kann – immer in der Kirche, nicht neben ihr.

Auch Paulus schreibt: „… in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden“ (1. Kor 4:15b). Wie diese Vaterschaft aussieht, beschreibt er so: „Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan“ (1. Thess 2:7b–8a), und: „wie ein Vater seine Kinder, jeden Einzelnen von euch ermahnt, ermutigt und beschworen“ (1. Thess 2:11b–12a). Als Diener oder Dienerin sorgst du in diesem weiteren Sinn väterlich oder mütterlich für die Kinder. Den Beichtvater ersetzt du nicht.

### Führen durch Überzeugen

Im Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“ macht Papst Schenouda III. siebzehn Beobachtungen. Die ersten zeigen, wie gute geistliche Führung aussieht:

1.  **Der Führer ist im Glauben gegründet.** „Der Führer muss sicher in seinem Glauben sein, solide in seinen Weisungen und Anleitungen, und er sollte erfahren sein.“[^19] Sonst gilt: „Und wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen“ (Mt 15:14b).
2.  **Er überzeugt, statt nur anzuordnen.** „Und der Vater oder Führer sollte sich nicht damit begnügen, nur Anweisungen zu geben, sondern er sollte versuchen, zu überzeugen und seine Lehre durch Verse aus der Bibel, oder durch Geschichten und Sprüche der Heiligen zu untermauern.“[^20]
3.  **Fragen ist erlaubt.** „Es ist nichts Falsches daran, wenn eine Person ihren Lehrer oder Führer oder geistlichen Vater über etwas fragt.“[^21] Auch der Herr erklärte den Jüngern von Emmaus, „was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24:27b).
4.  **Der Führer achtet die Persönlichkeit.** Der Jünger wird keine Kopie seines Vaters.[^22] „Gleichzeitig sollte der geistliche Führer nicht versuchen, den Charakter desjenigen, der ihm als Schüler folgt, auszulöschen.“[^23]
5.  **Schritt für Schritt.** Tugenden wachsen langsam, denn „Etwas, das man leicht ergreift, kann ebenso leicht verloren gehen!“[^24]

### Grenzen des Gehorsams

Die Schrift verlangt **Gehorsam** gegenüber denen, die über uns wachen: „Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über euch und müssen Rechenschaft darüber ablegen“ (Hebr 13:17a). Dieser Gehorsam ist aber nicht blind. Papst Schenouda III. sagt deutlich:

> **Aus der Lehre unserer Päpste**
>
> Wenn der Vater oder Führer in die Irre geht oder von seiner richtigen Position abweicht, sollte man ihm nicht gehorchen, noch sollte seine Führung angenommen werden. So sollte eine Person nach Führung suchen, aber gleichzeitig seine Augen offen halten und sicherstellen, dass sein Gewissen mit dem Rat, den er erhält, zufrieden ist.[^25]
>
> – Papst Schenouda III., *Jüngerschaft*, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“, Nr. 2 (S. 56)

Widerspricht ein Rat dem Wort Gottes, gilt das Wort der Apostel vor dem Hohen Rat: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5:29b).[^26] Auch der Katechismus lehrt, dass niemand verpflichtet ist, Befehlen blind zu gehorchen, die einem göttlichen Gebot widersprechen; als Beispiel nennt er den zwölfjährigen Jesus im Tempel.[^27]

Die Grenze des Gehorsams ist aber keine Ausrede für Eigenwillen. Papst Schenouda III. warnt vor dem, der seinen geistlichen Vater nur als Mittel für die eigenen Wünsche gebraucht, und rät: „Lege ihm nicht deine Entscheidungen vor, sondern Fragen … Bitte ihn nicht einfach darum, mit etwas einverstanden zu sein, das du bereits entschieden hast und fest entschlossen bist.“[^28] Und: „Bevor du dich auf die Suche nach geistlicher Führung machst, musst du beten, dass Gott deinem Führer die richtigen Gedanken gibt, die für dein Leben am besten geeignet sind.“[^29] Ebenso gefährlich ist es, jede Führung abzulehnen, weil man meint, „direkt von Gott“ zu lernen; Gott selbst hat der Kirche Lehrer und Hirten gegeben.[^30] Das Kapitel schließt: „Liebe Freunde, seid demütig und seid Jünger.“[^31]

> **Merksatz**
>
> Der geistliche Vater führt, lehrt und überzeugt, statt nur anzuordnen, und achtet die Persönlichkeit. Der Jünger betet und legt Fragen vor, nicht fertige Entscheidungen. Gehorsam hat seine Grenze am Wort Gottes: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5:29b).

## Neue Diener ausbilden: die fünf Schritte

Christus selbst hat seine Jünger ausgebildet – Schritt für Schritt. Abuna Daoud Lamei, Priester der Markuskirche in Heliopolis, und Shereen Seif beschreiben diesen Weg in ihrem Buch *Follow Me* („Folge mir“) als Ausbildung neuer Diener in fünf Schritten – „Auswahl, Jüngerschaft, Schulung, Nachbetreuung und Bevollmächtigung“ – und fügen hinzu: „Alle diese Schritte sollen in unaufhörliche Gebete eingehüllt sein.“[^32] Wir nennen die beiden letzten Schritte **Begleitung** und **Übertragung von Verantwortung**.

| Schritt | Worum es geht | Wie Christus es tat |
|----|----|----|
| 1\. **Auswahl** | Für eine Aufgabe wird sorgfältig, mit Gebet und ohne Eile ausgewählt, wer zuverlässig ist und andere lehren kann (2. Tim 2:2). | Er betete die ganze Nacht und wählte dann die Zwölf (Lk 6:12–13). |
| 2\. **Jüngerschaft** | Viel gemeinsame Zeit; man lebt den Glauben vor, betet zusammen und achtet auf Gehorsam gegenüber Gott und der Kirche und auf die Fähigkeit, in Liebe mit anderen zu leben. | Er setzte zwölf ein, „die er bei sich haben“ wollte (Mk 3:14), und erklärte ihnen alles, wenn er mit ihnen allein war (Mk 4:34). |
| 3\. **Schulung** | Der neue Diener übt die Aufgabe, zuerst gemeinsam mit anderen; der Begleiter beobachtet und hilft, Fehler zu berichtigen. | Er sandte sie „jeweils zwei zusammen“ aus (Mk 6:7a). |
| 4\. **Begleitung** | Nach jedem Dienst wird erzählt, besprochen und ausgewertet; der neue Diener lernt, sich selbst zu beurteilen. | Die Apostel „berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten“ (Mk 6:30b). |
| 5\. **Übertragung von Verantwortung** | Der neue Diener übernimmt eine eigene Aufgabe; der Begleiter vertraut ihm und bleibt erreichbar. | „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20:21b) |

Tabelle 106 · Die fünf Schritte der Ausbildung neuer Diener

Der Gehorsam, um den es dabei geht, macht niemanden klein. *Follow Me* sagt zur Jüngerschaft: „Wir zielen nicht darauf, schwache Charaktere zu haben; sondern wir zielen vielmehr darauf, Heilige zu haben, die ein gutes Maß an Gehorsam gegenüber Gott und der Kirche haben.“[^33] Und zur Begleitung: Christus „lehrte sie, wie man berichtet, wie man sich selbst beurteilt“.[^34]

Bei der Übertragung gilt: Den Heiligen Geist schenkt Gott, nicht der Ausbilder (Joh 20:22). Wer einen neuen Diener ausbildet, überträgt ihm Aufgabe und Verantwortung und betet, dass Gott selbst in ihm wirkt.

![Die fünf Schritte der Ausbildung neuer Diener](https://dienerkursbooks.pages.dev/bilder/T40/T40-B2.jpg)

*Abb. 84 · Die fünf Schritte der Ausbildung neuer Diener*

### Auswahl ist keine Rangordnung

Ausgewählt wird **für eine Aufgabe**, nicht nach dem Wert eines Menschen. Jeder Getaufte ist zur Jüngerschaft berufen; nicht jeder hat dieselbe Aufgabe. Wer heute nicht ausgewählt wird, ist vor Gott nicht weniger wert, und niemand wird aufgegeben. Der Sämann im Gleichnis streut den Samen auf jeden Boden (Lk 8:5–8). *Follow Me* fügt hinzu: „Manchmal erweisen sich gerade die, von denen wir meinen, sie seien nicht bereit, am Ende als die besten auserwählten Gefäße.“[^35] So nahm Barnabas Markus mit, als Paulus ihn nicht mehr mitnehmen wollte (Apg 15:37–39), und später schrieb Paulus: „Bring Markus mit, denn er wird mir ein guter Helfer sein“ (2. Tim 4:11b).

## Ältere begleiten Jüngere

Du kannst diesen Weg selbst kennenlernen: bei einer **Hospitation**, wenn du als Gast die Stunden erfahrener Diener beobachtest, um von ihnen zu lernen, durch Mitarbeit in einer Klasse und durch eine Übungsstunde, die ein erfahrener Diener mit dir bespricht. Was du dabei empfängst, kannst du später weitergeben.

Wenn du einen jüngeren Diener begleitest, **bete** für ihn. **Lebe ihm vor**, wie du dich vorbereitest und mit den Kindern sprichst. **Lade ihn ein**, bei deinen Stunden zuzusehen und gemeinsam Aufgaben zu übernehmen, wie Barnabas Saulus mitnahm. **Gib ihm Rückmeldung**, freundlich, konkret und unter vier Augen. **Lass los**, indem du ihm Verantwortung übergibst und erreichbar bleibst. Das tust du nicht auf eigene Faust, sondern in Absprache mit dem Priester und dem Dienstleiter, der für diesen Bereich des Dienstes verantwortlich ist. Und du lebst dem neuen Diener die Achtung vor, mit der ein Diener den Kindern begegnet und die du aus [Thema 2](https://dienerkursbooks.pages.dev/lehrbuch/T02.md) („Vorbild, Verhalten und Schutz“) kennst: Nähe und Distanz, kein falsches Wort, keine falsche Berührung.

Dabei bleibst du selbst Jünger. Papst Schenouda III. schreibt am Ende seines Buches: „Das Leben des Dienstes … beginnt mit Jüngerschaft“. Er fährt fort: „Gesegnet ist derjenige, der sein ganzes Leben lang als Jünger lebt, jeden Tag von allem lernt, auch wenn er vielleicht schon ein Lehrer oder dergleichen geworden ist.“[^36]

## Zehn Verse zur Jüngerschaft

Diese zehn Verse sollst du mit Stellenangabe auswendig können:

| Nr. | Stelle | Wortlaut |
|----|----|----|
| 1 | Mt 28:19–20a | Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. |
| 2 | Mk 3:14 | Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten … |
| 3 | Joh 8:31b | Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. |
| 4 | Joh 13:35 | Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. |
| 5 | Joh 15:8 | Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. |
| 6 | Lk 14:27 | Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. |
| 7 | Lk 6:40 | Der Jünger steht nicht über seinem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. |
| 8 | 1. Kor 11:1 | Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. |
| 9 | Phil 4:9 | Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein. |
| 10 | 2. Tim 2:2 | Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren. |

Tabelle 107 · Zehn Verse zur Jüngerschaft

## Für den Dienst

- **Dein Vorbild lehrt mehr als deine Worte.** Die Kinder sehen, wie du betest, mit Mitdienern sprichst und Fehler zugibst. Es bleibt beim Leitvers: „Achte auf dich selbst und auf die Lehre“ (1. Tim 4:16a).
- **Führe durch Überzeugen.** Erkläre den Kindern mit einem Vers, einer Geschichte aus dem Synaxarium oder einem Wort der Väter, warum die Kirche etwas lehrt.
- **Mach keine Kopien von dir.** Ein stilles Kind darf still bleiben, ein lebhaftes lebhaft; hilf jedem, seine eigenen Gaben für Gott einzusetzen.
- **Lass Jüngere mitarbeiten.** Ältere Kinder und Jugendliche können in deiner Stunde kleine Aufgaben übernehmen, gern zu zweit, so wie der Herr die Jünger „jeweils zwei zusammen“ aussandte (Mk 6:7a).
- **Bleib Jünger.** Geh regelmäßig zu deinem Beichtvater, frag erfahrene Diener, lies die Bücher der Kirche.

## Das Wichtigste in Kürze

- Das christliche Leben ist Nachfolge; Jüngerschaft ist „eine Lebensart“, nicht nur Wissen (Papst Schenouda III.).
- Jüngerschaft ist der Weg der Überlieferung: Eine Generation gibt den Glauben weiter, die nächste empfängt ihn (2. Tim 2:2; Phil 4:9).
- Man lernt durch das Vorbild, wird aber keine Kopie, sondern nimmt wie Antonius das Gute von vielen.
- Der geistliche Vater – zuerst der Beichtvater – führt, lehrt und erklärt; er überzeugt, statt nur anzuordnen, und achtet die Persönlichkeit.
- Gehorsam ist nicht blind: Irrt der Führer, folgt man ihm nicht; „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5:29b).
- Neue Diener werden in fünf Schritten ausgebildet: Auswahl, Jüngerschaft, Schulung, Begleitung, Übertragung von Verantwortung – alles im Gebet.
- Ausgewählt wird für Aufgaben, nicht nach dem Wert eines Menschen; niemand wird aufgegeben.
- Wer andere begleitet, bleibt selbst Jünger: „Das Leben des Dienstes … beginnt mit Jüngerschaft.“

## Zum Weiterlesen

- Papst Schenouda III.: *Jüngerschaft*, besonders „Das Leben der Jüngerschaft“ bis „Jüngerschaft des Lebens“ (S. 8–22) und „Von einem geistlichen Vater lernen“ (S. 55–63).
- Abuna Tadros Y. Malaty: *Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche*, Bd. 1, Fr. 61–62 (Überlieferung); Bd. 2, Fr. 1209–1211 (Gehorsam).
- Hl. Athanasius der Apostolische: *Leben des heiligen Antonius*, Kap. 1–4.
- Papst Schenouda III.: *Heiliger Eifer*, Kap. 1, Abschnitt „Schritt für Schritt mit ihnen gehen“.

## Anmerkungen

[^1]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Einleitung (S. 7).

[^2]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Das Leben der Jüngerschaft“ (S. 8).

[^3]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Die notwendigen Bedingungen der Jüngerschaft“ (S. 10).

[^4]: Ebd. (S. 10).

[^5]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Die notwendigen Bedingungen der Jüngerschaft“ (S. 12).

[^6]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Ein nutzbringendes Wort“ (S. 15).

[^7]: Apophthegmata Patrum, Nr. 243 (Zacharias 1). „Abba“ („Vater“) ist die Anrede der Mönchsväter.

[^8]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 61.

[^9]: Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 62.

[^10]: Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, A Patristic Commentary: The Second Epistle to Timothy, Kap. 2, Abschnitt „Teaching New Servants“.

[^11]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Jüngerschaft des Lebens“ (S. 18).

[^12]: Apophthegmata Patrum, Nr. 27 (Antonius 27).

[^13]: Apophthegmata Patrum, Nr. 305 (Theophilus 2).

[^14]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Jüngerschaft des Lebens“ (S. 19).

[^15]: Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 3. „Wegzehrung“ heißt: Proviant für den Weg.

[^16]: Ebd., Kap. 4.

[^17]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Jüngerschaft des Lebens“ (S. 21).

[^18]: Vgl. Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“ (S. 55).

[^19]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“, Nr. 1 (S. 56).

[^20]: Ebd., Nr. 2 (S. 56).

[^21]: Ebd., Nr. 3 (S. 56).

[^22]: Vgl. ebd., Nr. 4 (S. 57).

[^23]: Ebd., Nr. 5 (S. 57).

[^24]: Ebd., Nr. 7 (S. 58).

[^25]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“, Nr. 2 (S. 56).

[^26]: Vgl. ebd., Nr. 3 (S. 56–57).

[^27]: Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1209.

[^28]: Papst Schenouda III., Lebenserfahrungen, Abschn. \[20\] „Mit eurem Beichtvater“; vgl. Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“, Nr. 8 (S. 59).

[^29]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“, Nr. 9 (S. 59).

[^30]: Vgl. ebd., Nr. 11–15 (S. 60–62).

[^31]: Ebd., Nr. 17 (S. 63).

[^32]: Abuna Daoud Lamei / Shereen Seif, Follow Me, Kap. 7 (St. Mark’s Church Heliopolis, 1. Aufl. 2016, S. 110).

[^33]: Lamei/Seif, Follow Me, Kap. 7.

[^34]: Ebd. (S. 113).

[^35]: Lamei/Seif, Follow Me, Kap. 6.

[^36]: Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Schlusswort (S. 66).
