Kapitel 6
Die Konzile in Grundzügen
Nizäa, Konstantinopel, Ephesus – und Chalcedon aus koptischer Sicht
14 Min. Lesezeit
In diesem Kapitel
- Du kannst erklären, was ein ökumenisches Konzil ist, und die drei ökumenischen Konzile unserer Kirche mit Jahr, Anlass und Ergebnis nennen.
- Du kannst die Formel des heiligen Kyrill und den Merksatz von der Einheit Christi vollständig wiedergeben und ihre Teile erklären.
- Du kannst darstellen, wie die koptische Kirche das Konzil von Chalcedon sieht.
- Du kannst begründen, warum unsere Kirche miaphysitisch und nicht monophysitisch ist.
- Du kannst in Grundzügen beschreiben, was die Gespräche zwischen den Kirchen seit 1971 über Christus festgehalten haben.
Inhalt
Im Glaubensbekenntnis (Kapitel 4 „Das Glaubensbekenntnis“) hast du die Frucht von zwei Konzilen kennengelernt. Unsere Kirche erkennt drei ökumenische Konzile an: Nizäa (325), Konstantinopel (381) und Ephesus (431).1 Auf ihnen hat die Kirche den Glauben an die Gottheit Christi, an die Gottheit des Heiligen Geistes und an die Einheit Christi gegen Irrlehren verteidigt. Am Konzil von Chalcedon (451) haben sich die Kirchen dann getrennt. Wer Kindern und Jugendlichen den Glauben erklärt, soll wissen, warum unsere Väter so um jedes Wort gerungen haben.
Was ein ökumenisches Konzil ist
Schon die Apostel kamen zusammen, als eine Frage des Glaubens zu klären war: „Die Apostel und die Ältesten traten zusammen, um die Frage zu prüfen“ (Apg 15:6).
Eine Versammlung der Hirten und Lehrer der Kirche aus allen Teilen der Welt, die eine Frage des christlichen Glaubens prüft, um den rechten Glauben aller Christen zu bewahren.2
Der heilige Kyrill war überzeugt, dass Christus selbst „unsichtbarer Weise Vorsitzender“ des Konzils von Nizäa war; er erinnert an das Wort des Herrn:3
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
| Konzil | Jahr | Irrlehre | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Nizäa | 325 | Arius: Der Sohn sei ein Geschöpf. | Der Sohn ist wesensgleich mit dem Vater (homoousios). |
| Konstantinopel | 381 | Makedonius, ein früherer Bischof von Konstantinopel: Der Heilige Geist sei ein Geschöpf. | Der Heilige Geist ist Gott; das Glaubensbekenntnis wird vollendet. |
| Ephesus | 431 | Nestorius: In Christus gebe es zwei Personen. | Christus ist einer; Maria ist Gottesgebärerin (Theotokos). |
Nizäa 325: Der Sohn ist wesensgleich mit dem Vater
Arius, ein Priester in Alexandrien, lehrte über den Sohn Gottes, wie das Synaxarium seine Lehre wiedergibt: „Er war niemals dem Vater im Wesen gleich, und es gab eine Zeit, in der der Sohn überhaupt nicht existierte.“4 Für ihn war Christus ein bloßes Geschöpf.5 Im Jahr 325 versammelten sich in Nizäa in Kleinasien, der heutigen Türkei, nach der Überlieferung unserer Kirche dreihundertachtzehn Bischöfe. Unter ihnen war Papst Alexander von Alexandrien mit seinem Schüler, dem gelehrten Diakon Athanasius.6 Das Konzil verurteilte die Lehre des Arius und bekannte den Sohn als wesensgleich mit dem Vater, griechisch homoousios. Im Glaubensbekenntnis beten wir darum: „eines Wesens mit dem Vater“ (Kapitel 4 „Das Glaubensbekenntnis“).7
Athanasius war von 328 an Papst von Alexandrien und verteidigte diesen Glauben sein Leben lang. Fünfmal wurde er von seinem Bischofssitz verbannt.8 Die Kirche nennt ihn in ihren liturgischen Texten „den Apostolischen“.9
Nach dem Synaxarium wurde Athanasius in seiner vierten Verbannung auf dem Nil verfolgt. Als das Schiff der Soldaten sein Schiff einholte, fragten sie die Seeleute nach Athanasius. Der Heilige stand selbst an Deck und antwortete: „Er ist nicht weit von euch entfernt.“ Die Soldaten eilten weiter nach Oberägypten, und sein Schiff kehrte nach Norden um.10 Selbst in Lebensgefahr griff der heilige Athanasius nicht zur Lüge; was er sagte, war wahr. Er blieb ruhig, vertraute auf Gott und war, wie der Herr es von seinen Jüngern will, „klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ (Mt 10:16b).
Konstantinopel 381: Der Heilige Geist ist Gott
Nach Arius kam eine neue Irrlehre auf: Makedonius, ein früherer Bischof von Konstantinopel, hatte behauptet, der Heilige Geist sei ein Geschöpf.11 Im Jahr 381 versammelten sich in Konstantinopel hundertfünfzig Bischöfe; aus Alexandrien nahm Papst Timotheus I. mit einigen Bischöfen teil.12 Das Konzil verurteilte die Irrlehre des Makedonius und seine Anhänger, die sogenannten „Geistbekämpfer“. Es bekannte die Gottheit des Heiligen Geistes und vollendete das Glaubensbekenntnis. Darin bekennen wir den Heiligen Geist als „den lebensspendenden Herrn, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird“.13 Hinzu kamen auch die Sätze über Kirche, Taufe, Auferstehung und das Leben der kommenden Welt (siehe Kapitel 4 „Das Glaubensbekenntnis“).14
Das Konzil verwarf auch die Lehre des Apollinaris, Christus habe keine vernünftige menschliche Seele gehabt.15 Christus ist wahrhaft und vollständig Mensch – mit Leib und Seele.
Nach der Überlieferung, wie sie das Synaxarium wiedergibt, gehört zu diesem Konzil auch die Zurückweisung der Lehre des Sabellius: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind drei Hypostasen (Personen), nicht nur eine Person.16
Ephesus 431: Maria ist Gottesgebärerin
Nestorius, Patriarch von Konstantinopel, trennte Christus in zwei Personen: den Sohn Marias und den Sohn Gottes, der in ihm wohne. Darum wollte er Maria nicht Gottesgebärerin (Theotokos) nennen.17 Der heilige Kyrill, Papst von Alexandrien, schrieb ihm mehrere Briefe, um ihn zur Umkehr zu bewegen.18 Seinem dritten Brief fügte er zwölf Anathematismen an, feierliche Verurteilungen der Irrlehre („so sei er im Banne“).19 Im Jahr 431 versammelten sich in Ephesus etwa zweihundert Bischöfe unter dem Vorsitz des heiligen Kyrill. Weil Nestorius bei seiner Lehre blieb, setzte ihn das Konzil ab.20
Warum ist der Titel so wichtig? Maria hat nicht die Gottheit hervorgebracht. Sie hat aber den einen Sohn Gottes geboren, der aus ihr Fleisch angenommen hat. Schon Elisabet nennt sie „die Mutter meines Herrn“ (Lk 1:43).
Der heilige Kyrill erklärt das in seinem zweiten Brief an Nestorius. Mit einfachen Worten sagt er: Maria heißt Gottesgebärerin, nicht weil die Gottheit des Wortes aus ihr ihren Anfang genommen hätte, sondern weil aus ihr der Leib geboren wurde, mit dem das Wort sich vereint hat. Darum ist der, den sie geboren hat, der Sohn Gottes selbst. In seinen eigenen Worten:
So, finden wir, haben die heiligen Väter gedacht; so haben sie unbedenklich die heilige Jungfrau Gottesgebärerin genannt, nicht wie wenn die Natur des Wortes oder seine Gottheit aus der heiligen Jungfrau ihren Ursprung genommen hätte, sondern weil aus ihr der heilige Leib geboren worden ist, der vernünftig beseelt und dem das Wort der Person nach geeint war; deshalb heißt es, dass er selbst dem Fleische nach geboren worden.21
Das Synaxarium gibt Kyrills Erklärung so wieder: „So wie eine menschliche Mutter ihrem Sohn nur einen Leib gibt und dennoch als Mutter des ganzen Menschen gilt, so ist auch die heilige Jungfrau Maria in Wahrheit die Mutter Gottes.“22
Die Formel des heiligen Kyrill
Wie sollen wir die Einheit von Gottheit und Menschheit in Christus aussprechen? Die Kirche bekennt sie mit den Worten des heiligen Kyrill: Christus ist „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ (griechisch mia physis tou Theou Logou sesarkomenē).23 Diese Formel stammt von ihm selbst; sie ist kein Beschluss des Konzils von Ephesus. Kyrill sagt auch, woraus der eine Christus ist: Er schreibt, dass „aus den beiden verschiedenen, zu wahrer Einheit verbundenen Naturen ein Christus und Sohn geworden ist“.24 Wie diese Einheit zu verstehen ist, sagt die Kirche mit vier Worten: ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung, ohne Trennung.
Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.
Unsere Kirche lehnt die Lehre des Eutyches von einer einzigen, verschmolzenen Natur ab. „Eine Natur“ (mia physis) meint bei Kyrill die eine geeinte Natur aus vollkommener Gottheit und vollkommener Menschheit, nicht „nur eine Natur“.
Jedes Wort hat sein Gewicht:
- „eine Natur“: Papst Schenouda III. erklärt: „Der Ausdruck ‚eine Natur‘ zeigt nicht die göttliche oder menschliche Natur allein an, sondern die Einheit dieser beiden Naturen in einer, die eben die ‚Natur des fleischgewordenen Wortes‘ ist.“25
- „des fleischgewordenen Wortes Gottes“: Der eine, der lehrt, leidet und rettet, ist der ewige Sohn Gottes selbst, der Mensch geworden ist – nicht ein Mensch, in dem Gott nur wohnt.
- „aus zwei Naturen“: Gottheit und Menschheit sind beide ganz da. Christus hat einen wirklichen Leib mit einer vernünftigen Seele angenommen.
- die vier Schutzformeln: „ohne Vermischung, ohne Verwandlung“ wehrt die Lehre des Eutyches ab, der die Menschheit in der Gottheit aufgehen ließ; „ohne Teilung, ohne Trennung“ wehrt die Lehre des Nestorius ab, der Christus in zwei Personen trennte.
Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt es so:
„In Christus gibt es eine Natur aus zwei Naturen – ohne Vermischung, ohne Verwirrung und ohne Veränderung. Das ist die Natur des Wortes, das Mensch geworden ist.“26
Denselben Glauben bekennt der Priester in jeder Göttlichen Liturgie vor der Kommunion. Vom Leib, den der Sohn Gottes aus der Gottesgebärerin angenommen hat, sagt er:
„Er machte ihn eins mit seiner Gottheit ohne Vermischung, ohne Verquickung und ohne Veränderung. … In Wahrheit glaube ich, dass seine Gottheit seine Menschheit keinen Moment lang und keinen einzigen Augenblick verlassen hat.“27
Die Liturgie gebraucht hier drei Worte und einen eigenen Satz. „Verquickung“ meint dasselbe wie „Vermischung“, „Veränderung“ dasselbe wie „Verwandlung“; die drei Worte sagen also dasselbe wie „ohne Vermischung, ohne Verwandlung“. Der Satz, dass die Gottheit die Menschheit keinen Augenblick verlassen hat, sagt dasselbe wie „ohne Teilung, ohne Trennung“.
Der heilige Kyrill selbst schreibt in seinem Werk Dass Christus einer ist:
Wir behaupten vielmehr, dass es einen Sohn und eine Natur des Sohnes gibt, auch nachdem er Fleisch mitsamt einer vernünftigen Seele angenommen.28
Mein Freund, wenn jemand sagt, dass wir, wenn wir von der einen Natur Gottes, des fleischgewordenen und menschgewordenen Wortes (Logos), sprechen, damit andeuten, eine Vermischung oder Vermengung habe stattgefunden, dann redet er völligen Unsinn.29
Der heilige Kyrill und der heilige Dioskorus gebrauchten das Bild von Eisen im Feuer: Das glühende Eisen ist ganz vom Feuer durchdrungen, und doch wird das Eisen nicht zu Feuer und das Feuer nicht zu Eisen.30 Das Synaxarium fügt hinzu: Wenn man das glühende Eisen hämmert, trifft der Schlag das Eisen und nicht das Feuer.31 So hat der eine menschgewordene Logos im Fleisch gelitten, während seine Gottheit leidensunfähig blieb.32 Jedes Bild hat seine Grenze: Ein glühendes Eisen kühlt wieder ab; die Gottheit Christi aber hat seine Menschheit „nicht für einen Augenblick, nicht für das Blinzeln eines Auges“ verlassen.33
Chalcedon 451 aus koptischer Sicht
Eutyches, ein angesehener Abt (Vorsteher eines Klosters) in Konstantinopel, wollte die Lehre des Nestorius bekämpfen und fiel in den entgegengesetzten Irrtum: Die menschliche Natur Christi sei von der göttlichen aufgesogen worden, „so wie ein Tropfen Essig vom Ozean“. Damit leugnete er die wahre Menschheit Christi. Auch die koptische Kirche hat ihn ausgeschlossen.34 Leo, der Bischof von Rom, sandte im Jahr 449 ein Lehrschreiben, den Tomus.35 Das Konzil, das Kaiser Markian im Jahr 451 in Chalcedon bei Konstantinopel versammelte, nahm es an und lehrte zwei Naturen Christi nach der Einigung, also nach der Vereinigung von Gottheit und Menschheit in der Menschwerdung.36
Unsere Kirche nahm das Konzil nicht an. Dafür gibt es vier Gründe:37
- Das Konzil sprach von Christus „in zwei Naturen“, nicht wie der heilige Kyrill „aus zwei Naturen“.
- Es nahm den Tomus Leos an, den die koptische Kirche verwarf.
- Es ließ die zwölf Anathematismen des heiligen Kyrill beiseite.
- Es erkannte Theodoret von Cyrus und Ibas von Edessa wieder an, die gegen Kyrill geschrieben hatten.
Papst Schenouda III. erklärt, warum unsere Kirche bis heute nicht von zwei Naturen nach der Einigung spricht: Der Ausdruck „zwei Naturen“ schließe „in sich schon Isolation und Trennung ein“.38
Papst Dioskorus, der 25. Patriarch des Markusstuhles und früher Sekretär des heiligen Kyrill, sagte mutig: „Der Glaube der Väter darf weder vermehrt noch vermindert werden“; Christus sei einer, und die Vereinigung von Gottheit und Menschheit sei wie die Vereinigung von Feuer und Eisen.39 Das Konzil setzte ihn ab, aber nicht wegen einer Irrlehre. Formal warf man ihm die Beschlüsse der Synode von Ephesus (449) vor, die er geleitet hatte, und dass er Leo von Rom aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hatte und nach dreimaliger Vorladung nicht vor dem Konzil erschienen war.40 Nach der Überlieferung unserer Kirche hinderten ihn Wachen, die man um seine Unterkunft gestellt hatte, an der Teilnahme.41 Der Katechismus führt einen griechischen Theologen an: „Dioskur galt den führenden Vätern des Konzils von Chalcedon, zu denen Anatolius von Konstantinopel gehörte, in seinem Glauben als durchaus rechtgläubig.“ Und er hält fest: „Tatsächlich wurde Dioskur nicht wegen irgendeiner theologischen Irrlehre verurteilt, sondern aufgrund der politischen Umstände, die dieses Konzil beherrschten.“42 Zu diesen Umständen gehörten die Interessen am Kaiserhof und zwischen den großen Bischofssitzen: Nach dem Tod Kaiser Theodosius’ II. im Jahr 450 hatte sich die Lage am Hof gegen Alexandrien gewendet.43
Der Kaiser schickte Dioskorus in die Verbannung nach Gangra in Kleinasien. Dort lehrte er und heilte Kranke, bis er im Jahr 454 starb. Die Kirche gab ihm den Titel „Held der Orthodoxie“, also des rechten Glaubens.44
Dioskorus wurde nicht wegen einer Irrlehre verurteilt. Unsere Kirche nimmt Chalcedon nicht an, weil es von Christus „in zwei Naturen“ statt „aus zwei Naturen“ sprach und den Tomus Leos annahm. Sie bekennt mit dem heiligen Kyrill die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. Sie lehnt Eutyches ebenso ab wie Nestorius.
Seither gehen die Kirchen getrennte Wege. Mit der syrischen, der armenischen, der äthiopischen, der eritreischen und der indischen Kirche bildet unsere Kirche die Familie der orientalisch-orthodoxen Kirchen.45
Bezeichnung für den Glauben der orientalisch-orthodoxen Kirchen, die mit dem heiligen Kyrill die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen bekennen (griechisch mia physis, „eine Natur“); diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung.
Unsere Kirche ist miaphysitisch, nicht monophysitisch. „Monophysitisch“ würde heißen, in Christus sei nur eine der beiden Naturen übrig geblieben – genau das lehrte Eutyches, den auch unsere Kirche ablehnt.46 Papst Tawadros II. sagt: „Die authentische kyrillische Formel bezeichnet eine harmonische (geeinte) Natur und nicht eine numerische.“47 „Numerisch“ heißt „der Zahl nach“: Die eine Natur ist nicht so gemeint, als wäre von den zwei Naturen nur eine übrig geblieben.
Die Gespräche der Gegenwart
Im 20. Jahrhundert begannen die getrennten Kirchen wieder miteinander zu sprechen. Im September 1971 lud die Stiftung Pro Oriente in Wien Theologen der katholischen Kirche und der orientalisch-orthodoxen Kirchen zu einem Gespräch ein. Sie erzielten Übereinstimmung in der Lehre über Christus.48 Papst Schenouda III. war dabei; Gegenstand der Diskussion war gerade die Formel des heiligen Kyrill.49 Später folgten offizielle Erklärungen in verschiedenen Dialogen:
- 1988 unterzeichneten die katholische und die koptisch-orthodoxe Kirche eine gemeinsame Formel über Christus. Darin heißt es: „SEINE Gottheit war von SEINEM Menschsein nicht getrennt, nicht für einen Augenblick oder das Blinzeln eines Auges.“50
- 1989 fanden die chalcedonisch-orthodoxen Kirchen (die orthodoxen Kirchen, die Chalcedon annehmen, etwa die griechische und die russische) und die orientalisch-orthodoxen Kirchen „eine gemeinsame Grundlage in der Formel unseres gemeinsamen Vaters, des Heiligen Kyrillus von Alexandria“. Von den vier Worten „ohne Vermischung (oder Verwechslung) …, ohne Ändern …, ohne Trennung … und ohne Teilung“ sagt die Erklärung, sie „gehören zu unserer gemeinsamen Tradition“. Sie hält auch fest: „Diejenigen unter uns, die von zwei Naturen in Christus sprechen, leugnen damit nicht ihre untrennbare Einheit.“ Beide Seiten stimmen „in der Verdammung der Irrlehren des Nestorius und Eutyches überein“.51
Papst Tawadros II. erinnert daran, dass die Einheit der Kirchen zuerst eine Einheit im Glauben und in der Lehre sein muss, bevor sie äußerlich sichtbar wird.52 Darum beten wir mit dem Herrn: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17:21a).
Ein Mitschüler hält die Kopten für „monophysitisch“. Wie erklärst du ihm in drei Sätzen, was unsere Kirche wirklich über Christus glaubt?
Das Wichtigste in Kürze
- Ein ökumenisches Konzil ist eine Versammlung der Hirten und Lehrer der ganzen Kirche zur Prüfung einer Glaubensfrage. Unsere Kirche erkennt drei ökumenische Konzile an: Nizäa (325), Konstantinopel (381) und Ephesus (431).
- Nizäa bekannte gegen Arius den Sohn als wesensgleich mit dem Vater (im Glaubensbekenntnis: „eines Wesens mit dem Vater“); Konstantinopel bekannte gegen die Lehre des Makedonius die Gottheit des Heiligen Geistes und vollendete das Glaubensbekenntnis.
- Ephesus bekannte unter dem Vorsitz des heiligen Kyrill gegen Nestorius, dass Christus einer ist und Maria Gottesgebärerin (Theotokos).
- Merksatz: Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.
- Vom heiligen Kyrill stammt die Formel „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“. „Ohne Vermischung, ohne Verwandlung“ wehrt Eutyches ab, „ohne Teilung, ohne Trennung“ wehrt Nestorius ab.
- Chalcedon (451) lehrte zwei Naturen nach der Einigung, also nach der Vereinigung von Gottheit und Menschheit; Dioskorus wurde nicht wegen einer Irrlehre verurteilt.
- Unsere Kirche ist miaphysitisch, nicht monophysitisch: Auch sie lehnt Eutyches ab.
- Das Gespräch von Pro Oriente 1971 und die Erklärungen von 1988 und 1989 zeigen Fortschritte im Gespräch über Christus. Die Erklärung von 1989 findet die gemeinsame Grundlage in der Formel des heiligen Kyrill und nennt die vier Schutzformeln gemeinsame Tradition.
Im Kurs vertieft
- Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“)
- Thema 19 („Die Gottesgebärerin“)
- Thema 34 („Nizäa und Konstantinopel“)
- Thema 36 („Ephesus und Chalcedon“)
- Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“)
Anmerkungen
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 8.↑
Kyrill von Alexandrien, Erklärung des nizänischen Glaubensbekenntnisses, Kap. 4.↑
Synaxarium, 9. Hatur, Versammlung des Ersten Ökumenischen Konzils von Nizäa, S. 115.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.1.↑
Vgl. Synaxarium, 9. Hatur, S. 114–115.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 177.↑
Vgl. Synaxarium, 7. Baschans, Die Entschlafung des großen Heiligen, des apostolischen Papstes Athanasius, S. 437–440.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 7. Baschans, S. 439.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 1. Amschir, Gedenken an die Versammlung des Zweiten Ökumenischen Konzils in der Stadt Konstantinopel, S. 273.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 178; vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 98.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 7.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4; Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.2.↑
Vgl. Synaxarium, 1. Amschir, Gedenken an die Versammlung des Zweiten Ökumenischen Konzils in der Stadt Konstantinopel, S. 273.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4; Synaxarium, 12. Tut, Gedenken der Abhaltung des Dritten Ökumenischen Konzils von Ephesus, S. 28.↑
Vgl. Synaxarium, 3. Abib, Die Entschlafung des heiligen Papstes Kyrillus I., S. 539.↑
Vgl. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismen 1–12.↑
Vgl. Synaxarium, 12. Tut, S. 28; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 85–86.↑
Synaxarium, 3. Abib, S. 539.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3 und 6.↑
Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 83.↑
Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 122.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 237.↑
Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 10.↑
Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 11, deutscher Wortlaut nach John A. McGuckin, On the Unity of Christ, S. 79.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.2.↑
Vgl. Synaxarium, 3. Abib, S. 538.↑
Vgl. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismus 12.↑
Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 3.3.↑
Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.4.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 7. Tut, Die Entschlafung des Papstes Dioscorus, des 25. Patriarchen des Markusstuhles, S. 18; Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2; Abuna Tadros Y. Malaty, Introduction to the Coptic Orthodox Church, Kap. 3 und 4.↑
Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑
Vgl. Synaxarium, 7. Tut, S. 17–18.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4; Synaxarium, 7. Tut, S. 17; Abuna Tadros Y. Malaty, Introduction to the Coptic Orthodox Church, Kap. 3, Abschnitt „The Minutes of the Council of Chalcedon“.↑
Vgl. Synaxarium, 7. Tut, S. 18.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Introduction to the Coptic Orthodox Church, Kap. 3, Abschnitt „The Minutes of the Council of Chalcedon“.↑
Synaxarium, 7. Tut, S. 19.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1; Synaxarium, 8. Baramhat, S. 334.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 122.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 78.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 12.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑
Gemeinsame Christologieformel vom 12. Februar 1988, abgedruckt in: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 12.↑
Übereinstimmende Erklärung der Vereinigten Kommission zum theologischen Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und den Orientalischen Orthodoxen Kirchen, Kloster Anba Bischoi, Juni 1989, abgedruckt in: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 14.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 137.↑