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Thema 29 · Vortrag 1

Die Karwoche und die Heiligen Fünfzig Tage

Vom Lazarussamstag bis Pfingsten

17 Min. LesezeitKarwoche, Auferstehungsfest und die Heiligen Fünfzig Tage

Lernziele

  1. Aufbau und Stimmung der Pascha-Woche beschreiben und die Fußwaschung (Joh 13:1⁠–⁠17) als Bild des Dienstes deuten.
  2. Die Lesungen des Lichtsamstags nennen und ihren Bezug zur Auferstehung erklären.
  3. Den Sinn der Heiligen Fünfzig Tage und des Pfingstfestes erklären.

Schlüsselbegriffe

Karwoche (Pascha) · Pascha-Woche · Lazarussamstag · Palmsonntag · Pascha-Lobpreis · Ijob-Mittwoch · Katameros der Pascha · Gründonnerstag (Donnerstag des Bundes) · Lakkan · Fußwaschung · Karfreitag · sieben Worte am Kreuz · Paradies · Hades · Lichtsamstag · Apokalypse-Nacht · Psalm 151 · Auferstehungsfest · Heilige Fünfzig Tage · Thomas-Sonntag · Himmelfahrt · Pfingsten · Wochenfest · Kniebeugungsgebet · Apostelfasten · Gottesgebärerin (Theotokos)

Bibelstellen

Ex 12:13b; 1. Kor 5:7b; Joh 11:25a; Joh 12:13; Hebr 13:12b–13; Lk 22:43; Joh 13:1b; Joh 13:4⁠–⁠5; Joh 13:8b; Joh 13:14⁠–⁠15; Joh 13:17; Lk 22:19⁠–⁠20; Gen 22:8a; Lk 23:34a; Lk 23:43b; Joh 19:26b–27; Mt 27:46b; Ps 22:2; Joh 19:28b; Joh 19:30a; Lk 23:46a; Mt 27:45; Ex 15:1b; Mt 12:40; Dan 3:88b; Dan 13:60b; Offb 21:5a; Lk 24:5b–6a; Röm 6:4; Joh 20:28b; Apg 1:3b; Apg 1:11b; Lev 23:16a; Ex 34:22a; Joh 16:7b; Apg 2:4

Inhalt

Der Weg der Kirche vom Lazarussamstag bis Pfingsten führt durch ernste Gebete zur Freude der Auferstehung. Wenn du diese Tage selbst verstehst, kannst du Kindern – in deiner Klasse, in einem anderen Dienst oder in der Familie – erklären, was sie in der Kirche sehen und hören.

Das Pascha der Kirche

Die Grundzüge der Karwoche und der Fünfzig Tage kennst du aus Buch 1, Kapitel 9 („Kirchliche Ordnung, Kirchenjahr und Gebetsleben“). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty nennt die Karwoche „die Woche des christlichen Pascha“.1

Begriff
Pascha

Pascha bedeutet „Vorübergehen“. Das Wort erinnert an den Auszug aus Ägypten, als das Blut des Lammes die Israeliten schützte: „Wenn ich das Blut sehe, werde ich an euch vorübergehen“ (Ex 12:13b). Paulus schreibt: „… als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden“ (1. Kor 5:7b). Darum heißt die Karwoche Pascha oder Pascha-Woche.2

Papst Schenouda III. nennt die Karwoche „die heiligste Zeit des Jahres“ und „sozusagen das wichtigste Kapitel in der Heilsgeschichte“, also in der Geschichte, in der Gott die Menschen rettet.3 Die Kirche trägt Trauer: Säulen, Ikonen und Lesepult werden schwarz verhüllt.4 Doch wir trauern nicht über einen Besiegten. Wir trauern, sagt Papst Schenouda III., „aus Reue“ über unsere Sünden und die Sünden der Menschheit, „die diese Leiden verursacht haben“.5 Die Pascha-Melodie drückt nach dem Katechismus „eine tiefe Ehrfurcht vor dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn“ aus; ihr Geheimnis liegt „im Verlangen nach der Umkehr von den Sünden“.6 Über dem Ernst der Woche liegt schon das Licht der Auferstehung.

Im Deutschen heißt das Auferstehungsfest meist Ostern. Unsere Kirche berechnet sein Datum bis heute nach der alten alexandrinischen Berechnung, die das Konzil von Nizäa gebilligt hat; die westlichen Kirchen rechnen heute anders. Darum fällt das Fest oft auf einen anderen Sonntag als bei Katholiken und Evangelischen.7

Lazarussamstag und Palmsonntag

Am Samstag nach dem Abschluss der vierzig Tage feiert die Kirche den Lazarussamstag.8 Sie liest die Auferweckung des Lazarus (Joh 11), bei der Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11:25a). Papst Schenouda III. folgert: „Also es gibt keine Hoffnungslosigkeit, solange unser Herr Jesus Christus derjenige ist, der auferweckt.“9

Am Palmsonntag, einem großen Herrenfest (einem Fest zu einem Ereignis im Leben des Herrn), feiert die Kirche den Einzug des Herrn in Jerusalem.10 Johannes erzählt: „Da nahmen sie Palmzweige, zogen hinaus, um ihn zu empfangen und riefen: Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (Joh 12:13). „Hosanna“ bedeutet „rette uns“.11 Die Kirche singt in der freudigen Hosanna-Melodie und zieht mit Palmzweigen und dem Kreuz durch die Kirche. Christus wollte nicht über Jerusalem herrschen, sondern über die Herzen: „Dein Herz ist für Gott bedeutender als Jerusalem, denn dein Herz ist der Tempel des Heiligen Geistes und die Wohnstätte des Herrn.“12

Nach der Liturgie betet die Kirche das allgemeine Gebet für die Entschlafenen, denn in der Pascha-Woche selbst werden keine Totengebete gehalten.13 Am Abend beginnen die Paschagebete.

Die Pascha-Woche: Stunden, Lesungen und Lobpreis

Jesus hat „außerhalb des Tores gelitten. Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach auf uns nehmen“ (Hebr 13:12b–13). Darum bleibt nach Papst Schenouda III. der Altar verschlossen, und die Gläubigen beten „draußen im hintersten Teil der Kirche, weit weg vom Allerheiligsten, vom Altar“.14 Außer am Gründonnerstag und am Lichtsamstag wird keine Göttliche Liturgie gefeiert, und die meisten Sakramente ruhen; zur Beichte aber kann man gehen.15 Das Synaxarium wird in der ganzen Karwoche nicht gelesen, weil die Kirche in dieser Woche allein das Leiden des Herrn betrachtet; auch in der Liturgie des Gründonnerstags entfallen Synaxarium und Heiligengedenken. Ab dem Abend des Dienstags grüßen sich die Gläubigen in der Kirche nicht mit dem Kuss – im Gedenken an den Kuss des Judas.16

Die Stunden. An die Stelle der Agpeya treten eigene Gebetsstunden. Der Tag beginnt mit dem Sonnenuntergang und hat fünf Abend- und fünf Morgenstunden: jeweils die erste, dritte, sechste, neunte und elfte. Jede Stunde beginnt mit Prophezeiungen aus dem Alten Testament, manchmal mit einer Predigt eines heiligen Vaters; es folgen der Pascha-Lobpreis, ein Psalm in der Pascha-Melodie, das Evangelium, eine Erläuterung und die Bittgebete. Ihre Lesungen stehen im Katameros der Pascha, dem Lesungsbuch dieser Woche, „das die Kirche bis heute verwendet“.17

Die Lesungen. Gelesen werden Prophezeiungen, Psalmen und alle vier Evangelien. Der Mittwoch heißt bis heute Ijob-Mittwoch; Papst Schenouda III. vermutet, dass man an diesem Tag früher das Buch Ijob las.18

Der Pascha-Lobpreis. In jeder Stunde singt die Kirche zwölfmal den Lobpreis der Karwoche. Er beginnt: „Dein ist die Kraft, Ehre, Segen und die Stärke in alle Ewigkeit. Amen. Emmanuel, unser Gott und König.“19 Nach einer Überlieferung der Kirche haben Engel diesen Lobpreis im Garten Getsemani gesungen. Das ist Überlieferung, nicht Wortlaut des Evangeliums; Lukas berichtet nur: „Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft“ (Lk 22:43).

Gründonnerstag – der Donnerstag des Bundes

Papst Schenouda III. erklärt den Namen: Es ist der Tag, „an dem der Herr seinen heiligen Bund mit seinen reinen Jüngern geschlossen hat und dieses große heilige Sakrament gegründet hat“.20 Nach dem Gedenken an den Verrat des Judas folgen der Lakkan und die Göttliche Liturgie.

Begriff
Lakkan

Der Lakkan ist die Wasserweihe der Kirche am Gründonnerstag, an der Theophanie (dem Fest der Taufe des Herrn) und am Apostelfest.21 Am Gründonnerstag wäscht der Priester danach den Gläubigen die Füße, wie der Herr seinen Jüngern.

In der Liturgie gedenkt die Kirche der Einsetzung der Eucharistie (Lk 22:19⁠–⁠20). „Eigentlich ist der Gottesdienst am Gründonnerstag der Ursprung aller Gottesdienste“, sagt Papst Schenouda III.22 Das Brotteilungsgebet dieses Tages erzählt die Opferung Isaaks bis zu Abrahams Wort: „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn“ (Gen 22:8a). Dann deutet es: „… die Opferung des Isaaks war ein Zeichen für das Vergießen des Blutes Christi … am Kreuz für die Erlösung der Welt. Und wie Isaak das Holz des Brandopfers trug, so trug Christus das Holz des Kreuzes.“23

Die Fußwaschung als Bild des Dienstes

„Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13:1b). Er wäscht den Jüngern die Füße (Joh 13:4⁠–⁠5). Petrus wehrt ab, doch Jesus antwortet: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“ (Joh 13:8b). Dann deutet er selbst sein Tun:

Heilige Schrift

Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Joh 13:14⁠–⁠15

Drei Gedanken machen die Fußwaschung zum Bild jedes Dienstes:

  • Christus dient zuerst. „Der Herr gibt nämlich keine Gebote für die Anderen, die Er nicht auch Selbst befolgt.“24
  • Christus reinigt uns. Er „kam zu uns und bat uns, ihm unsere befleckten Füße zu geben, damit er sie wasche und reinige“. Wer sich von ihm waschen lässt, wird bereit, „die Füße unserer Brüder und Schwestern zu waschen“, und verurteilt niemanden mehr.25
  • Wir dienen einander. Papst Tawadros II. schreibt: „Wer in der Kirche oder anderswo dient, muss einen demütigen Geist haben! Jesus Christus hat sich gebeugt!“ Dieselbe Lektion lehrt die Kirche jedes Jahr beim Lakkan des Gründonnerstags.26
Aus den Vätern

Wir haben, Brüder, Demut von dem Erhabenen gelernt; tun wir einander in aller Demut, was der Erhabene demütig getan hat.27

– Hl. Augustinus, Vorträge über das Johannes-Evangelium, Vortrag 58,4

„Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt“ (Joh 13:17). Mehr dazu in Thema 21 („Der geistliche Dienst“).

Die Fußwaschung (Joh 13:4⁠–⁠9)

Karfreitag – die Stunden am Kreuz

Am Karfreitag gedenkt die Kirche zur sechsten Stunde der Kreuzigung, zur neunten des Todes Christi im Fleisch und des rechten Schächers (des Räubers, der mit ihm gekreuzigt wurde und umkehrte), zur elften der Abnahme vom Kreuz, zur zwölften der Grablegung.28 „Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land“ (Mt 27:45): Bei diesen Worten erlöschen die Lichter der Kirche. In der zwölften Stunde werden die Klagelieder des Jeremia gelesen;29 die Gemeinde ruft viele Male „Kyrie eleison“ und betet mit Metanien (Niederwerfungen). Dann wird die Ikone der Kreuzigung in einer Prozession getragen und mit Rosen und Wohlgerüchen in ein Tuch gelegt, wie Christus begraben wurde. Danach liest die Kirche das ganze Buch der Psalmen.30

Die sieben Worte am Kreuz

Tabelle 80 · Die sieben Worte am Kreuz
Wort Stelle Was es uns lehrt
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk 23:34a Christus vergibt seinen Feinden.
„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Lk 23:43b Das Paradies steht dem reuigen Schächer offen.
„Frau, siehe, dein Sohn! … Siehe, deine Mutter!“ Joh 19:26b–27a Christus sorgt für seine Mutter.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mt 27:46b Er betet Ps 22:2 (LXX 21) und trägt die Not des Menschen.
„Mich dürstet.“ Joh 19:28b Er ist wahrer Mensch und dürstet nach unserem Heil.
„Es ist vollbracht!“ Joh 19:30a Das Werk der Erlösung ist vollendet.
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Lk 23:46a Der Tod wird zum Hinübergehen zum Vater.

Papst Schenouda III. sagt zum zweiten Wort: „Unmittelbar nach dem Tod aber verweilen die Menschen am Ruheplatz; und dieser Ruheplatz der Gerechten ist das Paradies.“31 Zum vierten: „Seine Gottheit verließ Seine Menschheit nicht – keinen einzigen Moment und nicht einmal für einen Augenblick.“32 Der eine menschgewordene Logos, das ewige Wort Gottes, litt und starb im Fleisch; seine Gottheit blieb leidensunfähig und trennte sich nicht von seiner Menschheit. Und das sechste Wort ist kein Seufzer der Niederlage: „Die Aussage ‚Es ist vollbracht!‘ ist ein Jubelruf der Freude und des Sieges.“33 Unter dem Kreuz steht Maria, die Gottesgebärerin (Theotokos), und „von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh 19:27b).

Lichtsamstag und die Apokalypse-Nacht

Am Lichtsamstag (Samstag des Lichtes) ruht der Leib des Herrn im Grab; seine Seele, mit seiner Gottheit vereint, steigt in den Hades hinab: „der Herr Christus stieg in den Hades hinab und befreite die darin Gefangenen“.34 Im Brotteilungsgebet dieses Tages betet die Kirche zu Christus, „der durch sein übergroßes Erbarmen zur Unterwelt herabgestiegen ist und den Tod entmachtete“.35

Begriff
Hades

Der Hades (die Unterwelt) war vor der Erlösung der Warteort aller Entschlafenen, in den Christus hinabstieg, um die Gerechten seit Adam zu befreien. Seitdem gehen die Gerechten in das Paradies der Freude (Lk 23:43), und der Hades ist der Warteort der von Gott Getrennten bis zum Gericht; die Hölle (Gehenna) folgt nach dem Gericht (Offb 20:13⁠–⁠14).

Darum ist dieser Tag Trauer und Freude zugleich. In der Nacht vom Karfreitag zum Samstag, der Apokalypse-Nacht (so genannt nach der Offenbarung des Johannes, griechisch Apokalypse, die in ihr gelesen wird), wacht die Gemeinde am Grab Christi und bezeugt den Sieg des Kreuzes über die Finsternis. Mit Kerzen ziehen die Gläubigen in einer Prozession und verkünden so, dass Christus das Licht ist, das die Finsternis vertreibt.36

Die Lesungen des Lichtsamstags

Jede Lesung dieser Nacht spricht von Gottes Rettung aus dem Tod:

  • Psalm 151. Der Lobpreis beginnt mit dem Psalm Davids: „Klein war ich unter meinen Brüdern und der Jüngste im Haus meines Vaters. Ich weidete die Schafe meines Vaters.“37 Er erzählt, wie Gott den jungen David aus seinen älteren Brüdern auswählte, um Goliat zu besiegen und so die Israeliten zu retten. Wie der kleine David den Riesen besiegte, so erscheint Christus am Kreuz schwach, und doch hat gerade er den Tod vernichtet.38
  • Der Lobgesang des Mose am Roten Meer (der erste Hoos, also der erste Lobgesang des Mitternachtslobpreises): „Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer“ (Ex 15:1b). Wie Israel aus der Knechtschaft zog, so führt Christus uns aus dem Tod ins Leben.
  • Das Gebet des Jona (Jona 2). Jesus selbst deutet es: „… wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Innern der Erde sein“ (Mt 12:40).
  • Das Gebet Asarjas und der Lobgesang der drei jungen Männer im Feuerofen (Dan 3:24⁠–⁠90, deuterokanonisch): „… er hat uns der Unterwelt entrissen und aus der Gewalt des Todes errettet. Er hat uns aus dem lodernden Ofen befreit“ (Dan 3:88b).
  • Die Geschichte der Susanna (Dan 13, deuterokanonisch). Die unschuldig Verurteilte wird gerettet, und die Gemeinde „pries Gott, der alle rettet, die auf ihn hoffen“ (Dan 13:60b).
  • Die Lobgesänge der Gottesgebärerin, des Zacharias und des Simeon (Lk 1:46⁠–⁠55; 1:68⁠–⁠79; 2:29⁠–⁠32).
  • Die ganze Offenbarung des Johannes, das Buch vom Sieg des Lammes und der neuen Schöpfung: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21:5a).39

Nach der Offenbarung salbt der Priester die Gläubigen mit Öl, und die Kirche feiert die Göttliche Liturgie des Lichtsamstags.

Das Auferstehungsfest

In der Nacht zum Sonntag feiert die Kirche das Auferstehungsfest mit dem Mitternachtslobpreis, der Emporhebung des Morgenweihrauchs und der Göttlichen Liturgie, ganz in der Freudenmelodie. Vor der Prozession schließen Priester und Diakone den Vorhang, und das Licht wird gelöscht. Der Diakon ruft dreimal „Christus ist auferstanden“, der Priester antwortet „In Wahrheit ist er auferstanden“. Dann öffnet sich der Vorhang, das Licht geht an, und Priester und Diakone ziehen mit der Ikone des Auferstandenen um den Altar und durch die Kirche.40 „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden“ (Lk 24:5b–6a). Bis zur Himmelfahrt singt die Kirche: „Christus ist von den Toten auferstanden, mit dem Tod hat ER den Tod besiegt. Und jenen, die im Grab gelegen sind, hat ER das ewige Leben geschenkt.“41

Aus den Vätern

Gestern wurde ich mit Christus gekreuzigt, heute werde ich mit ihm verherrlicht. Gestern wurde ich mit ihm getötet, heute werde ich mit ihm zum Leben gerufen. Gestern wurde ich mit ihm begraben, heute werde ich mit ihm auferweckt.42

– Hl. Gregor von Nazianz, Reden, Rede 1,4

Das geschieht in der Taufe: „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm 6:4). Darum, sagt der heilige Athanasius der Apostolische, fürchten die Christen den Tod nicht mehr: „Seitdem aber der Heiland seinen Leib von den Toten auferweckt hat, ist der Tod nicht mehr schrecklich“.43

Die Heiligen Fünfzig Tage

Begriff
Die Heiligen Fünfzig Tage

Die Heiligen Fünfzig Tage sind die Freudenzeit vom Auferstehungsfest bis Pfingsten. Was der Katechismus vom Auferstehungsfest sagt, gilt für die ganze Zeit: Es ist „eine Einladung zu einem Leben in der Auferstehung“.44

Papst Tawadros II. sagt, die Kirche feiere die Auferstehung jeden Tag, jede Woche und jeden Monat „und jedes Jahr während der heiligen fünfzig Tage, damit das Licht der Auferstehung in unser aller Leben scheint“.45 Darum wird nicht gefastet, auch nicht am Mittwoch und Freitag;46 es werden keine Metanien gemacht, und alle Gebete erklingen in der Freudenmelodie. Bis zur Himmelfahrt hält die Kirche in der Liturgie an der Stelle des Synaxariums die Auferstehungsprozession.47

Am Thomas-Sonntag, acht Tage nach dem Fest, zeigt Christus seine Wunden, und Thomas bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20:28b). „Die Wunden des Herrn sind Wunden der Herrlichkeit, nicht der Schwachheit“, sagt der Katechismus; darum singt die Kirche in diesen Tagen sogar bei Beerdigungen die freudige Melodie.48 Vierzig Tage lang ist der Herr den Jüngern erschienen „und hat vom Reich Gottes gesprochen“ (Apg 1:3b).

Himmelfahrt

Am vierzigsten Tag feiert die Kirche die Himmelfahrt, ein großes Herrenfest.49 Die Engel sagen: „Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen“ (Apg 1:11b). Papst Tawadros II. nennt die Himmelfahrt „die Krönung des Erlösungswerkes“: „Der Weg zum Himmel … wurde also für uns geöffnet, als Christus in den Himmel auffuhr, um uns einen Platz zu bereiten“.50

Pfingsten und das Kniebeugungsgebet

Am fünfzigsten Tag feiert die Kirche Pfingsten. Israel zählte „fünfzig Tage“ (Lev 23:16a) und feierte dann das Wochenfest, „das Fest der Erstlingsfrüchte von der Weizenernte“ (Ex 34:22a); diesem Fest entspricht Pfingsten, nicht dem Laubhüttenfest im Herbst. Nun erfüllt sich die Verheißung des Herrn: „gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden“ (Joh 16:7b). „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2:4). Der heilige Johannes Chrysostomus nennt Pfingsten den „Gipfel aller Güter“ und die „Metropole der Feste“, nach dem Fest des Kreuzes, der Auferstehung und der Himmelfahrt.51

Nach der Liturgie des Pfingstfestes betet die Kirche das Kniebeugungsgebet. Zum ersten Mal seit dem Auferstehungsfest knien die Gläubigen wieder und machen Metanien; in drei Abschnitten, die die Väter im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit festgelegt haben, bittet die Kirche mit Lesungen und Fürbitten um den Heiligen Geist.52 Papst Tawadros II. schreibt, dass die Kirche an diesem Tag „um die neunte Stunde (15 Uhr)“ kniend betet.53 Am Tag danach beginnt das Apostelfasten. In ihm bereitet sich die Kirche darauf vor, „die Dienste der Apostel nachzuahmen“.54 Der Weg vom Kreuz bis Pfingsten mündet in die Sendung.

Von der Karwoche bis Pfingsten

Für den Dienst

Die Karwoche mit Kindern gestalten. Die Sonntagsschulstunde um den Palmsonntag – ebenso eine Kinderstunde in einem anderen Dienst oder das Gespräch in der Familie – kann die Kinder auf die Karwoche vorbereiten:

  • Schritt für Schritt erzählen. Die Kirche will Christus in dieser Woche „Schritt für Schritt folgen“.55 Wähle für jüngere Kinder wenige Stationen – Einzug in Jerusalem, Fußwaschung, Kreuz, Grab, Auferstehung – und erkläre, was sie in der Kirche sehen werden: die schwarzen Tücher, die gelöschten Lichter, die Kerzen.
  • Die Fußwaschung leben, nicht nachspielen. Die Fußwaschung ist ein Ritus der Kirche, eine heilige Handlung ihres Gottesdienstes; in der Klasse wird sie nicht nachgestellt. Lass die Kinder stattdessen in der Karwoche einen kleinen Dienst übernehmen: einem Bruder oder einer Schwester helfen, in der Kirche aufräumen, für einen Kranken beten.
  • Die Frage nach dem Datum. Kinder fragen oft, warum ihre Freunde Ostern an einem anderen Sonntag feiern. Erkläre es ruhig mit der alten Berechnung aus Alexandrien, ohne andere Kirchen abzuwerten.
  • Mit Hoffnung enden. Die Geschichte vom kleinen David oder von den drei jungen Männern im Feuerofen zeigt: Gott rettet aus dem Tod.
  • Nach dem Fest weiterfeiern. In den Fünfzig Tagen gehören Freude und Dank in die Stunde. Begrüßt euch mit dem Ruf der Kirche: „Christus ist auferstanden“ – „In Wahrheit ist er auferstanden“. Gregor von Nazianz ruft am Auferstehungsfest: „Umarmen wir einander! … Verzeihen wir einander!“56 Das ist ein guter Anlass zur Versöhnung in der Klasse und in der Familie.

Beim Fasten folgen die Kinder der Absprache mit ihren Eltern und dem Beichtvater (siehe Thema 8, „Das Kirchenjahr“). Für dich selbst ist die Karwoche eine Zeit der Beichte und der Vorbereitung auf die Kommunion. Vor dem Kreuz stehen wir, sagt Papst Schenouda III., „als Sünder da und nicht als Richter über die anderen“.57

Beispiel

Eine Stunde am Palmsonntag. Ein Diener erzählt der dritten und vierten Klasse der Volksschule den Einzug in Jerusalem und die Fußwaschung. Die Kinder üben den Pascha-Lobpreis und schreiben auf eine Karte, wem sie in der Karwoche einen Dienst tun wollen. Zum Schluss sagt der Diener, wohin der Weg Jesu in dieser Woche führt: „Am Freitag ist Jesus am Kreuz für uns gestorben, weil er uns so sehr liebt, und am dritten Tag ist er auferstanden.“

Das Wichtigste in Kürze

  • Pascha heißt „Vorübergehen“; Christus ist unser Paschalamm (1. Kor 5:7). In der Karwoche trauert die Kirche über die eigenen Sünden und kehrt um.
  • Nach Lazarussamstag und Palmsonntag betet die Kirche statt der Agpeya täglich fünf Abend- und fünf Morgenstunden mit Prophezeiungen, Psalm, Evangelium und dem Pascha-Lobpreis „Dein ist die Kraft …“.
  • Am Gründonnerstag feiert die Kirche den Lakkan mit der Fußwaschung und die Einsetzung der Eucharistie. Die Fußwaschung ist Bild jedes Dienstes: Christus dient, reinigt und gibt ein Beispiel (Joh 13:15).
  • Am Karfreitag folgt die Kirche den Stunden am Kreuz und betrachtet die sieben Worte; der Logos litt und starb im Fleisch, seine Gottheit trennte sich nicht von seiner Menschheit.
  • Am Lichtsamstag liest die Kirche Ps 151, den Lobgesang des Mose, das Gebet des Jona, den Lobgesang der drei jungen Männer, die Susanna-Geschichte und die Offenbarung: Gott rettet aus dem Tod.
  • Die Heiligen Fünfzig Tage sind eine Einladung zu einem Leben in der Auferstehung, ohne Fasten und Metanien; am vierzigsten Tag feiert die Kirche die Himmelfahrt.
  • Pfingsten (das Wochenfest) ist die Herabkunft des Heiligen Geistes; danach betet die Kirche das Kniebeugungsgebet, und das Apostelfasten beginnt.

Zum Weiterlesen

  • Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, S. 3⁠–⁠10 und 26⁠–⁠36.
  • Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 1⁠–⁠7.
  • Die göttlichen Liturgien, Wien 2009: Brotteilungsgebete des Gründonnerstags, des Samstags der Freude und des Auferstehungsfestes (S. 422⁠–⁠430); Das Buch des koptischen Diakons, Wien 2008: Hymnen der Osternacht, der Himmelfahrt und des Pfingstfestes (S. 296⁠–⁠338); Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Auferstehungsfest.
  • Gregor von Nazianz, Reden, Rede 1 (Auf das heilige Osterfest) (BKV 1. Reihe 59).
  • Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 98⁠–⁠112 und 126.

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1110.↑

  2. Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Die Bedeutung dieser Woche“ (S. 6).↑

  3. Ebd. (S. 3).↑

  4. Vgl. ebd. (S. 4).↑

  5. Ebd., Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 34).↑

  6. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1070.↑

  7. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1090.↑

  8. Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 35).↑

  9. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Der Samstag des Lazarus“ (S. 47).↑

  10. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1081 d.↑

  11. Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Palmsonntag“ (S. 49); Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1070 b.↑

  12. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Palmsonntag“ (S. 48).↑

  13. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1110 b; Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitte „Die Bedeutung dieser Woche“ (S. 5) und „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 28).↑

  14. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Mit Christus vor das Lager“ (S. 39).↑

  15. Vgl. ebd., Abschnitt „Die Bedeutung dieser Woche“ (S. 5).↑

  16. Vgl. ebd., Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 28).↑

  17. Synaxarium, 5. Babeh, Der Heimgang des Anba Petrus, des Bischofs von al-Bahnasa, S. 65.↑

  18. Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 32).↑

  19. Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Die Riten des heiligen Pascha und Pascha-Lobpreis; vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Es sind Heilige Tage“ (S. 8).↑

  20. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Es sind Heilige Tage“ (S. 8).↑

  21. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1100 d und 1106 a.↑

  22. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 36).↑

  23. Die göttlichen Liturgien, S. 424.↑

  24. Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 1.↑

  25. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1082 d.↑

  26. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 54.↑

  27. Augustinus, Vorträge über das Johannes-Evangelium, Vortrag 58,4.↑

  28. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1077 c–f.↑

  29. Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 32).↑

  30. Vgl. Synaxarium, 5. Babeh, S. 65.↑

  31. Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑

  32. Ebd., Wort 4.↑

  33. Ebd., Wort 6.↑

  34. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 132.↑

  35. Euchologion, S. 838.↑

  36. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1069.↑

  37. Psalm 151 der Septuaginta, in der koptischen Kirche am Lichtsamstag gesungen („Anok pe pikouji“); nicht in der Einheitsübersetzung. Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Samstag der Freude.↑

  38. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1069.↑

  39. Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 32).↑

  40. Vgl. Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Auferstehungsfest.↑

  41. Das Buch des koptischen Diakons, S. 307⁠–⁠308.↑

  42. Gregor von Nazianz, Reden, Rede 1,4.↑

  43. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 27.↑

  44. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1111 a.↑

  45. Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 10⁠–⁠11.↑

  46. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1087 a.↑

  47. Vgl. Die göttlichen Liturgien, S. VI.↑

  48. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1082 e.↑

  49. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1111 c.↑

  50. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 112.↑

  51. Johannes Chrysostomus, Zweite Homilie auf das Pfingstfest, Kap. 1.↑

  52. Vgl. Das Prostrationsbuch, S. 9 und 11.↑

  53. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 126.↑

  54. Euchologion, S. 1088; vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1111 e und Fr. 1087 f.↑

  55. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Die Bedeutung dieser Woche“ (S. 6).↑

  56. Gregor von Nazianz, Reden, Rede 1,1.↑

  57. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 35).↑

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