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Thema 6 · Vortrag 2

Schrift und Überlieferung – der Glaube, den die Väter bewahrten

Was Überlieferung ist, woran man sie erkennt und wie die Konzile den Glauben bezeugt haben

15 Min. LesezeitGlaube, Dogma und Heilige Überlieferung

Lernziele

  1. Überlieferung als Weitergabe eines kostbaren Gutes erklären und die drei Kriterien echter Überlieferung nach Papst Schenouda III. nennen.
  2. Begründen, warum die Kirche nicht nach dem Grundsatz „allein die Schrift“ lebt.

Schlüsselbegriffe

Heilige Überlieferung (Tradition) · apostolische Überlieferung · Kanon · Kirchenväter · Kanones · ökumenisches Konzil · Gottesgebärerin (Theotokos) · allein die Schrift (sola scriptura)

Bibelstellen

1. Kor 11:23; 1. Kor 15:3; 2. Thess 2:15; 2. Thess 3:6; 1. Kor 11:2; 2. Tim 2:2; Joh 21:25; Joh 20:30⁠–⁠31; 2. Joh 12; Lk 1:1⁠–⁠2; 2. Petr 3:16; Mt 15:3; Kol 2:8; Gal 1:8; Apg 15:28; 2. Tim 1:14

Inhalt

„Steht das in der Bibel?“ Diese Frage hörst du von Kindern, von Mitschülern und Kollegen, manchmal stellst du sie dir selbst – beim Kreuzzeichen, beim Fasten oder beim Gebet nach Osten. Die Kirche empfängt ihren Glauben durch die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung, und beide gehören zusammen. Wer das verstanden hat, kann Kindern erklären, warum wir tun, was wir tun, und erkennt auch, wann sich etwas nur Überlieferung nennt, ohne es zu sein.

Überlieferung heißt: etwas Kostbares weitergeben

Das griechische Wort des Neuen Testaments für Überlieferung lautet paradosis. Das zugehörige Verb paradidomi heißt „übergeben, anvertrauen“, das verwandte paralambano „annehmen, empfangen“. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty folgert daraus:

„… bedeutet das Wort ‚Überlieferung‘ nicht einfach ‚die Vergangenheit nachzuahmen‘. Im biblischen Sinn bedeutet es, etwas Kostbares weiterzugeben. Eine Generation gibt den Glauben weiter, die nächste empfängt ihn.“1

Genau so spricht der Apostel Paulus: „… ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe“ (1. Kor 11:23a), und über die Mitte des Glaubens: „… vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift …“ (1. Kor 15:3). Empfangen und weitergeben – das ist Überlieferung.

Was wird weitergegeben? Nicht zuerst Texte, sondern ein Leben. Christus gab seinen Jüngern „kein schriftliches Dokument“; sie lebten mit ihm, hörten ihn lehren und beten, sahen seine Taten und empfingen den Heiligen Geist. Darum nennt der Katechismus als Wesen der Überlieferung „die Einheit mit dem Herrn Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes“.2 Zu ihrem Inhalt gehören der Glaube an die Heilige Dreifaltigkeit und an Gottes Heilswirken, die Worte und Taten des Herrn, die Bücher des Alten und des Neuen Testaments mit dem Verständnis der Väter, das geistliche Leben, die Gestalt des Gottesdienstes und die Ordnungen der Kirche mit Gebet, Fasten, Metanien (Niederwerfungen) und Festen.3

Begriff
Heilige Überlieferung (Tradition)

Die Heilige Überlieferung ist die Weitergabe des Glaubens, des Gottesdienstes und des Lebens, die die Kirche von Christus und den Aposteln mündlich und schriftlich empfangen hat und unter der Führung des Heiligen Geistes unversehrt bewahrt. In ihr wird auch die Heilige Schrift empfangen und ausgelegt.

Der Katechismus weist darum die Vorstellung zurück, die Überlieferung gleiche „einem Museum, in dem alte Reliquien zusammengetragen werden“.4 Sie ist lebendig: „Die Überlieferung muss schöpferisch und zugleich bewahrend sein.“5 Sie bewahrt den Glauben unverändert und spricht ihn doch in jeder Generation neu aus.

Die Überlieferung ist älter als das Neue Testament

Papst Schenouda III. beschreibt Überlieferung so: „Jede Lehre ist Überlieferung, anders als die Worte der Hl. Schrift erreichte sie uns durch das Vermächtnis der Apostel und Kirchenväter. Diese Lehren enthalten Dinge, die nicht in der Bibel stehen, aber die in keiner Weise der Bibel widersprechen.“6 Er zeigt, dass Überlieferung schon lebte, bevor es ein geschriebenes Gesetz gab: Woher wusste Abel, dass er Gott ein Opfer darbringen soll, lange bevor Mose die Gesetze über das Opfer niederschrieb?7

Im Neuen Bund ist es nicht anders. Der Herr selbst hat kein Buch geschrieben; er hat gepredigt und den Heiligen Geist gesandt. Die Kirche lebte schon viele Jahre, bevor die Schriften des Neuen Testaments vorlagen: „Mehr als zwanzig Jahre bevor das Neue Testament niedergeschrieben wurde, hatte sie dieses Leben bereits empfangen.“8 Lukas schreibt sein Evangelium ausdrücklich auf der Grundlage dieser Überlieferung: „Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren“ (Lk 1:2).

Die Schrift sagt selbst, dass sie nicht alles aufzeichnet: „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die man schreiben müsste“ (Joh 21:25). Ebenso: „Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20:30⁠–⁠31). Der Apostel Johannes schließt einen Brief mit den Worten: „Vieles hätte ich euch noch zu schreiben; ich will es aber nicht mit Papier und Tinte tun, sondern hoffe, selbst zu euch zu kommen und persönlich mit euch zu sprechen, damit unsere Freude vollkommen wird“ (2. Joh 12). Was die Apostel mündlich lehrten und anordneten, hat die Kirche bewahrt.

Schrift und Überlieferung gehören zusammen

Paulus fordert die Gemeinde von Thessalonich auf, an beidem festzuhalten:

Heilige Schrift

Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief.

2. Thess 2:15

Mündliche und schriftliche Weitergabe haben dieselbe apostolische Herkunft. Die Schrift ist darum nicht ein Gegenstück zur Überlieferung, sondern ihr kostbarster Teil. Der Katechismus sagt:

„Die Heilige Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung der Kirche empfangen. Durch die Überlieferung wurden unsere heiligen Bücher kanonisiert; dadurch wurde bestätigt, dass sie göttlich inspiriert sind.“9

Durch die Überlieferung weiß die Kirche also, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören – das Verzeichnis dieser Bücher heißt Kanon. Zugleich steht die Überlieferung nicht über der Schrift:

„Obwohl die Überlieferung für die Heilige Bibel Zeugnis ablegt, kann sie nicht über die Bibel urteilen. Im Gegenteil: Eine Überlieferung wird nur anerkannt, wenn sie auf der Bibel gründet; widerspricht sie der Heiligen Bibel, kann sie nicht anerkannt werden.“10

Das Diözesanbuch Damals wie Heute fasst das Verhältnis zusammen: „Die Kirche glaubte nie, das Wort Gottes sei unvollständig oder bedürfe einer Ergänzung; vielmehr war sie überzeugt, dass es nur im Licht der Überlieferung in seiner ganzen Tiefe verstanden werden kann.“11

Schon im 2. Jahrhundert beschrieb der heilige Irenäus von Lyon diesen Zusammenhang. In seiner Jugend hatte er noch Polykarp gesehen, einen Schüler der Apostel. Gegen Irrlehrer, die sich auf geheime Lehren beriefen, verwies er auf die öffentliche Überlieferung der Kirche:

Aus den Vätern

In sie haben die Apostel wie in eine reiche Schatzkammer auf das vollständigste alles hineingetragen, was zur Wahrheit gehört, so dass jeder, der will, aus ihr den Trunk des Lebens schöpfen kann. … Hätten nämlich die Apostel nichts Schriftliches uns hinterlassen, dann müsste man eben der Ordnung der Tradition folgen, die sie den Vorstehern der Kirchen übergeben haben.12

– Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 4,1

„Sie“ ist die Kirche. Irenäus fügt hinzu, dass viele Völker ihr Heil „ohne Papier und Tinte“ in ihre Herzen geschrieben haben: „sorgfältig bewahren sie die alte Tradition“.13

Warum die Kirche nicht nach „allein die Schrift“ lebt

Viele Christen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, folgen dem Grundsatz „allein die Schrift“ (lateinisch sola scriptura). Wir teilen mit ihnen die Liebe zur Heiligen Schrift; auch für uns gilt: „Jeder kirchliche Beschluss ist rechtmäßig, wenn er auf der Heiligen Bibel beruht.“14 Dennoch lebt die Kirche nicht nach dem Grundsatz „allein die Schrift“. Dafür gibt es vier Gründe.

  1. Die Schrift selbst verweist auf die Überlieferung. Paulus lobt die Korinther, „dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe“ (1. Kor 11:2), und mahnt die Thessalonicher, an der Überlieferung festzuhalten, „sei es mündlich, sei es durch einen Brief“ (2. Thess 2:15b; vgl. 2. Thess 3:6). Dem Timotheus schreibt er: „Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren“ (2. Tim 2:2).
  2. Die Kirche ist älter als das Neue Testament. Sie hat die Schriften des Neuen Testaments in der Überlieferung empfangen und als Heilige Schrift erkannt (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65). Wer die Bibel annimmt, vertraut damit schon der Überlieferung, die sie bewahrt hat.
  3. Die Schrift will in der Kirche gelesen werden. Schon Petrus warnt, in den Briefen des Paulus sei manches schwer zu verstehen, und „die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben“ (2. Petr 3:16). Papst Schenouda III. erklärt: Würde die Auslegung der Schrift jedem Einzelnen überlassen, gäbe es keinen gemeinsamen Glauben mehr, denn „die Hl. Schrift ist eine Sache und wie man sie auslegt eine andere“.15
  4. Alle Christen leben aus Überlieferung. Ein Beispiel ist der Sonntag: Kein Bibelvers gebietet ausdrücklich, statt des Sabbats den Sonntag zu heiligen. „Die Heiligung des Sonntags ist eine kirchliche Überlieferung, sie wurde von den Aposteln eingehalten, die dies wiederum aus den Lehren des Herrn entnommen haben“.16 Trotzdem feiern fast alle Christen den Sonntag; die Kirche feiert an ihm jede Woche die Auferstehung des Herrn.17
Merksatz

Die Kirche lebt nicht nach „allein die Schrift“, sondern nach Schrift und Überlieferung: Die Schrift ist der kostbarste Teil der Überlieferung; die Überlieferung bewahrt und erschließt die Schrift und widerspricht ihr nie.

Woran man echte Überlieferung erkennt

Nicht alles, was sich „Überlieferung“ nennt, ist echt. Der Herr selbst tadelte die Schriftgelehrten: „Warum missachtet denn ihr Gottes Gebot um eurer Überlieferung willen?“ (Mt 15:3b). Paulus warnt vor Lehren, „die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Elementarmächte der Welt, nicht auf Christus berufen“ (Kol 2:8). Papst Schenouda III. unterscheidet darum: Gemeint ist nicht die leere Überlieferung von Menschen, sondern die Überlieferung, die aus den Lehren des Herrn kommt, die apostolische Überlieferung und die kirchliche Überlieferung, die durch die Konzile und die Väter, Lehrer und Märtyrer auf uns gekommen ist.18 Für eine echte Überlieferung nennt er drei Bedingungen:

Aus der Lehre unserer Päpste
  1. Sie sollte mit der Hl. Schrift vereinbar sein (Gal. 1:8). 2) Sie sollte andern kirchlichen Überlieferungen nicht widersprechen. 3) Sie sollte von den Kirchen anerkannt werden.19
– Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.11
  • Vereinbar mit der Schrift. Was dem Evangelium widerspricht, kann nicht von den Aposteln stammen: „Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel“ (Gal 1:8).
  • Im Einklang mit der übrigen Überlieferung. Die Überlieferung ist ein Ganzes. Was dem Glauben der Väter, der Liturgie und den Konzilen widerspricht, ist eine Neuerung.
  • Von den Kirchen anerkannt. Echte Überlieferung ist nicht die Sondermeinung eines Einzelnen oder eines Ortes, sondern wird von den Kirchen gemeinsam gelebt – wie der Sonntag, den die Kirchen gemeinsam heiligen.

Der Herr gab, die Apostel verkündeten, die Väter bewahrten

Wie die Kette der Überlieferung aussieht, sagt Irenäus: „Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage.“20 Im 4. Jahrhundert fasst der heilige Athanasius der Apostolische, der 20. Papst von Alexandrien, dieselbe Wahrheit in einen Satz:

Aus den Vätern

Trotzdem wollen wir überdies auch noch die alte Überlieferung sowie die Lehre und den Glauben der allgemeinen Kirche ins Auge fassen, den der Herr gegeben, die Apostel verkündet und die Väter bewahrt haben. Denn auf ihn ist die Kirche gegründet; und wer von ihm abirrt, kann kein Christ mehr sein, nicht einmal mehr genannt werden.21

– Hl. Athanasius der Apostolische, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28

Kirchenväter nennen wir die heiligen Lehrer der Kirche, deren Lehre und Leben die Kirche als treues Zeugnis dieses Glaubens anerkennt. Dabei gilt nach dem Katechismus, dass „kein einzelner Kirchenvater die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle allein erfassen kann – dazu ist nur die Kirche als Ganzes imstande“.22

Die Kette der Überlieferung

Wie die Überlieferung uns erreicht

Die Überlieferung begegnet uns in vielen Formen, die zusammengehören:

  • Die Heilige Schrift, gelesen und ausgelegt in der Kirche.
  • Die Liturgie. „Die Überlieferung ist die Quelle unserer kirchlichen Liturgien für die Taufe, die Eucharistie, die Ehe usw. Zugleich sind diese Liturgien selbst die Überlieferung in ihrer höchsten Kraft und Heiligkeit.“23 Wer betet, was die Kirche betet, lernt, was sie glaubt.
  • Die Väter, deren Schriften zu den wesentlichen Quellen gehören, die die Überlieferung bewahren.24
  • Die Konzile, in denen die Hirten der Kirche gemeinsam den Glauben bezeugen und Irrlehren abwehren.
  • Die Kanones, die Ordnungen der Kirche für Gebet, Fasten, Feste und kirchliches Leben.
  • Die Riten: Hymnen, Kirchenbau, Ikonen und alle Formen des Gottesdienstes. Sie sind „im Leben der Kirche nicht zufällig entstanden“25 und führen uns in das Geheimnis des Gottesdienstes hinein.
  • Das Leben der Gläubigen. „Das Leben der Kirche lässt sich nicht allein durch Kanones oder Bücher bewahren, sondern durch gelebte Praxis.“26

Die drei ökumenischen Konzile

Ein ökumenisches Konzil ist nach Papst Tawadros II. „eine Versammlung der Hirten und Lehrer der Kirche aus allen Regionen der Welt, um eine Angelegenheit zu prüfen, die den christlichen Glauben betrifft, mit dem Ziel, die Ordnung und die Solidität des Glaubens unter den Christen in der ganzen Welt zu bewahren“.27 Das Vorbild solcher Konzile ist das Apostelkonzil in Jerusalem, das seine Entscheidung mit den Worten verkündete: „… der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15:28).

Die koptische Kirche erkennt drei ökumenische Konzile an:28

Tabelle 15 · Die drei ökumenischen Konzile
Konzil Irrlehre Bekenntnis der Kirche
Nizäa 325 Arius: Der Sohn sei nicht ewig und nicht Gott Der Sohn ist wahrer Gott, wesensgleich mit dem Vater; Glaubensbekenntnis von 325 bis „und an den Heiligen Geist“29
Konstantinopel 381 Makedonius, früherer Bischof von Konstantinopel: Der Heilige Geist sei geschaffen Der Heilige Geist ist Gott; wir bekennen ihn als „den lebensspendenden Herrn“, der „mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird“; Vollendung des Glaubensbekenntnisses30
Ephesus 431 Nestorius: In Christus seien zwei Personen; Maria sei nur „Christusgebärerin“ Christus ist einer; Maria ist Gottesgebärerin (Theotokos)

Die Konzile haben den Glauben nicht erfunden, sondern bezeugt. Damals wie Heute betont zur Wesensgleichheit von Vater, Sohn und Geist: „Dieses Verständnis trat nicht erst in Nizäa (325 n.Chr.) auf, sondern lange vor dem Konzil glaubten und lehrten die ersten Christen diese biblische Offenbarung“.31 Die Konzile haben den überlieferten Glauben mit eindeutigen Begriffen gegen Irrlehren geschützt. Die Geschichte der Konzile lernst du in den Themen 34 („Nizäa und Konstantinopel“) und 36 („Ephesus und Chalcedon“) genauer kennen.

„Warum tun wir das?“ – Bräuche aus der Überlieferung erklären

Papst Tawadros II. nennt als Beispiele dessen, was wir durch die Überlieferung empfangen haben, „die Gebetsrichtung nach Osten, den heiligen Kuss in der Liturgie und das Kreuzzeichen“.32 Der heilige Basilius der Große warnt nach dem Katechismus: „Wenn wir solche Bräuche zurückweisen wollten, die keine schriftliche Grundlage haben, weil ihre Bedeutung gering ist, würden wir, ohne es zu wollen, dem Evangelium im Innersten Schaden zufügen.“33 Bräuche sind keine Äußerlichkeiten; sie sind gelebtes Bekenntnis.

Beispiel

Warum beten wir nach Osten? „Wir schauen beziehungsweise beten nach Osten, da Jesus Christus auch von Osten wieder kommen wird.“34 Jedes Gebet nach Osten ist ein Ausschauen nach dem wiederkommenden Herrn.

Warum machen wir das Kreuzzeichen so? Die Hand an der Stirn weist auf Gott den Vater; die Bewegung nach unten auf die Menschwerdung und das Herabkommen des Sohnes, „um uns zu erlösen“; die Bewegung von der linken zur rechten Schulter auf das Wirken des Heiligen Geistes; mit „Ein Gott. Amen“ bekräftigen wir „die Einheit des göttlichen Wesens“.35 Das Kreuzzeichen ist ein kleines Glaubensbekenntnis.

Wenn ein Kind fragt „Warum tun wir das?“, helfen vier Schritte: Was tun wir? Woher kommt es – aus der Schrift, aus der Überlieferung oder aus beiden? Was bekennen wir damit? Und wie hilft es uns, zu beten und mit Gott zu leben?

Für den Dienst

Du bist selbst ein Glied in der Kette der Überlieferung. Was du empfangen hast, gibst du weiter, und zwar so, dass es unversehrt bleibt: „Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt“ (2. Tim 1:14). Der Katechismus beschreibt jeden Gläubigen als „lebendige[n] Stein im geistlichen Tempel Gottes“, der das Leben der Kirche von den früheren Generationen empfängt und an die künftigen weitergibt.36

  • Ehrlich antworten. Auf „Steht das in der Bibel?“ antwortest du nicht ausweichend, sondern erklärst: Manches steht wörtlich in der Schrift, anderes haben wir durch die Überlieferung der Apostel empfangen – und beides widerspricht einander nie.
  • Nicht erfinden. Erkläre Bräuche nach dem, was die Kirche lehrt. Wenn du etwas nicht weißt, schlage es nach oder frage deinen Priester. Legenden kennzeichnest du als Überlieferung und gibst sie nicht als Tatsachen aus.
  • Vorleben. Kinder lernen die Überlieferung zuerst durch das, was sie sehen: wie du dich bekreuzigst, wie du in der Kirche stehst, wie du betest.
  • In unserer Sprache. Der Katechismus erinnert die Kirche in der Auswanderung daran, dass sie „sich niemals auf eine ethnische Gemeinschaft beschränken und auch keine bestimmte Sprache zur Pflicht machen“ darf.37 Die Überlieferung bleibt dieselbe, auch wenn du sie den Kindern auf Deutsch erklärst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Überlieferung (paradosis) heißt, etwas Kostbares weiterzugeben: Eine Generation gibt den Glauben weiter, die nächste empfängt ihn.
  • Ihr Wesen ist die Einheit mit Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes; sie ist lebendig, kein Museum.
  • Die Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung empfangen; die Überlieferung urteilt nicht über die Schrift und widerspricht ihr nie.
  • Die Kirche lebt nicht nach „allein die Schrift“: Die Schrift verweist selbst auf die Überlieferung (2. Thess 2:15), die Kirche ist älter als das Neue Testament, die Schrift will in der Kirche ausgelegt werden, und alle Christen leben aus Überlieferung.
  • Drei Bedingungen echter Überlieferung nach Papst Schenouda III.: vereinbar mit der Schrift, im Einklang mit der übrigen kirchlichen Überlieferung, von den Kirchen anerkannt.
  • Den Glauben hat der Herr gegeben, die Apostel haben ihn verkündet, die Väter bewahrt (Athanasius).
  • Die Überlieferung erreicht uns in Schrift, Liturgie, Vätern, Konzilen, Kanones, Riten und im Leben der Gläubigen.
  • Die drei ökumenischen Konzile – Nizäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431 – haben den empfangenen Glauben bezeugt, nicht erfunden.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Kap. „Die Heilige Überlieferung“, Fr. 61⁠–⁠92.
  • Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2 „Überlieferung“.
  • Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, „Die Ehrfurcht vor der Kirche“ (S. 28⁠–⁠31).
  • Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1⁠–⁠4.
  • Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28.

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 61.↑

  2. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 62.↑

  3. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 62.↑

  4. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Einleitung zu Kap. 5.↑

  5. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 91.↑

  6. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.1.↑

  7. Vgl. ebd., Kap. 2.1.↑

  8. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 64.↑

  9. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑

  10. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑

  11. Damals wie Heute, S. 297.↑

  12. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 4,1; zu Polykarp ebd., Buch III, Kap. 3,4.↑

  13. Ebd., Buch III, Kap. 4,2.↑

  14. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 42.↑

  15. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.8.↑

  16. Ebd., Kap. 2.5.↑

  17. Vgl. Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 10⁠–⁠11.↑

  18. Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.9.↑

  19. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.11.↑

  20. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,1.↑

  21. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28.↑

  22. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 89.↑

  23. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 87.↑

  24. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 89.↑

  25. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 88.↑

  26. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 90.↑

  27. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 8.↑

  28. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4; Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 7 und 9.↑

  29. Vgl. Kyrill von Alexandrien, Erklärung des nizänischen Glaubensbekenntnisses, Kap. 7; danach folgen die Verurteilungen der arianischen Lehre.↑

  30. Wortlaut nach Die göttlichen Liturgien, S. 178.↑

  31. Damals wie Heute, S. 47.↑

  32. Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 30.↑

  33. Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑

  34. Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 11.↑

  35. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 91.↑

  36. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 90.↑

  37. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑

Inhalt