Thema 6 · Vortrag 1
Was ist Dogma? – Von Gott richtig sprechen
Glaube, Dogma, Theologie und Brauch; die Grenzen unserer Rede von Gott und die Grundbegriffe der Glaubenslehre
18 Min. LesezeitGlaube, Dogma und Heilige Überlieferung
Lernziele
- Dogma, Theologie und Brauch unterscheiden und je ein Beispiel geben.
- Die drei Grenzen der Rede von Gott (Verstand, Sprache, Analogie) und sechs Eigenschaften Gottes mit Bibelstelle nennen.
- Die Grundbegriffe Wesen, Hypostase, Natur und wesensgleich definieren.
Schlüsselbegriffe
Glaube · orthodox · Dogma · Theologie · Brauch (Ritus) · Theologie des Heils · Analogie · Eigenschaften Gottes · Wesen (ousia) · Hypostase (Person) · Natur · wesensgleich (homoousios) · Häresie (Irrlehre)
Bibelstellen
Hebr 11:1; Röm 10:10; Joh 17:3; Apg 15:28; Apg 16:4; Jes 55:9; 1. Tim 6:16; Joh 1:18; Ex 3:2; Joh 4:24; Ps 90:2; Ps 139:7–8; Mal 3:6; Jak 1:17; Lk 1:37; 2. Tim 2:13; 1. Joh 3:20; Hebr 4:13; 1. Joh 4:8; Mt 28:19; Joh 10:30; Joh 1:14; 1. Tim 4:16
Inhalt
Kinder fragen ohne Umweg: „Wo wohnt Gott?“, „Sieht er mich immer?“, „Hat Gott einen Bart?“ Wer dient, muss darauf antworten können – einfach, aber richtig. Dazu braucht er keine Gelehrsamkeit, wohl aber klare Begriffe. Die Kirche unterscheidet Glaube, Dogma, Theologie und Brauch. Sie weiß, wo unsere Rede von Gott an Grenzen stößt, und sie hat Wörter gefunden, mit denen sie genau sagt, wer Gott ist.
Glauben heißt leben und bekennen
Papst Tawadros II. stellt an den Anfang seines Buches über das Glaubensbekenntnis diesen Gedanken:
Glaube ist mehr als ein Bekenntnis zu einer Reihe von Lehren, die in einem „Glaubensbekenntnis“ rezitiert werden. Vielmehr ist es ein Leben, das wir leben, oder ein Glaube, der zu einem Leben führt.1
Die Schrift beschreibt den Glauben so: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11:1). Glaube ist also Vertrauen auf Gott, den wir nicht sehen. Er bleibt aber nicht im Inneren verborgen: „Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen“ (Röm 10:10). Zum Glauben gehören beide Seiten – das Herz, das Gott vertraut, und der Mund, der den Glauben der Kirche bekennt. Für Papst Tawadros II. nimmt der Gläubige Gott an „als das Zentrum seiner gesamten Existenz“; so wird Gott „mein Gott“.2
Was „orthodox“ bedeutet
Unsere Kirche nennt sich orthodox. Nach Papst Tawadros II. bedeutet das Wort „gesunde oder richtige Lehre“, und er fügt hinzu: „Ein orthodoxer Christ ist ein Gläubiger, der ein rechtes Leben in Gott führt.“3 An anderer Stelle sagt er, „Orthodoxie ist der direkte Weg, Gott zu verherrlichen, in dem es keine Täuschung oder Nachlässigkeit gibt“.4 Orthodox ist also, wer recht glaubt, Gott recht verherrlicht und recht lebt.
Gott erkennen, weil er rettet
Die Kirche von Alexandrien hat von Anfang an so von Gott gesprochen, dass das Heil im Mittelpunkt steht. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty nennt das eine Theologie des Heils:
„Es ist eine Theologie des Heils (Soteriologie): Wir erkennen Gott nicht durch trockene theoretische Erörterungen, sondern durch sein heilbringendes Wirken, durch das er uns neue Erkenntnis, neues Leben und Unsterblichkeit schenkt.“5
Der Herr selbst sagt: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17:3). Erkennen heißt in der Schrift mehr als Wissen: Es heißt, in Gemeinschaft mit Gott zu leben.
Nach der Überlieferung, die das Synaxarium erzählt, war die Sandale des heiligen Markus zerrissen, als er nach Alexandrien kam. Der Schuster Anianus reparierte sie und stach sich dabei die Ahle, sein spitzes Werkzeug, in die Hand. Er rief: „O du einziger Gott!“ Markus heilte die Wunde. Dann knüpfte er an diesen Ruf an und sprach mit Anianus über Christus, den Herrn, „über das Heil, das Er am Kreuz vollbrachte, und über die lebenspendende Auferstehung“, bis Anianus und sein ganzes Haus zum Glauben kamen.6 Markus knüpfte an das an, was Anianus von Gott schon wusste, und zeigte ihm den Gott, der heilt und rettet.
Dogma, Theologie und Brauch
Das Dogma
Das griechische Wort dogma bedeutet „Beschluss“. Im Neuen Testament steht es für die Entscheidung, die die Apostel und Ältesten auf ihrer Versammlung in Jerusalem, dem Apostelkonzil, trafen: Paulus und Silas überbrachten den Gemeinden „die von den Aposteln und den Ältesten in Jerusalem gefassten Beschlüsse“ (Apg 16:4). Die Apostel begründeten ihre Entscheidung mit den Worten: „… der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15:28). Das Dogma ist also kein menschlicher Einfall, sondern der Glaube, den die Kirche unter der Leitung des Heiligen Geistes bekennt. Der Katechismus sagt:
„In der orthodoxen Kirche gründet das Dogma auf der Heiligen Bibel und der heiligen apostolischen Überlieferung.“7
Ein Dogma ist eine Glaubenswahrheit, die die Kirche verbindlich bekennt. Es gründet auf der Heiligen Schrift und der apostolischen Überlieferung und verändert sich in seinem Inhalt nicht. Gegen Irrlehren hat die Kirche es mit genaueren Worten ausgesprochen, etwa mit dem Wort „wesensgleich“ in Nizäa. Beispiel: Der Sohn Gottes ist „wahrer Gott vom wahren Gott“ und „eines Wesens mit dem Vater“ (Glaubensbekenntnis).
Dogmen sind keine trockenen Formeln. Der Katechismus betont: „Christliche Dogmen sind nicht bloß Gedanken, über die man trocken diskutiert und streitet. Das Dogma weist einen Lebensweg: in Christus Jesus zu wandeln und schon auf Erden einen Vorgeschmack der Ewigkeit zu erfahren.“8 Die wichtigsten Dogmen fasst das Glaubensbekenntnis zusammen, das du aus der Liturgie und aus Buch 1, Kapitel 4 („Das Glaubensbekenntnis“) kennst.
Manche Jugendliche hören im Freundeskreis: „Auf die Lehre kommt es nicht an, Hauptsache, man liebt Jesus.“ Doch wer liebt, will wissen, wen er liebt. Wäre der Sohn nur ein Geschöpf, könnte er uns nicht zu Gott bringen. So hält der heilige Athanasius den Arianern, die den Sohn für ein Geschöpf hielten, entgegen, der Mensch „wäre … nicht an die Seite des Vaters getreten, wenn der, welcher den Leib anzog, nicht sein natürliches und wahres Wort wäre“.9 Das Dogma sagt uns, wer der ist, den wir lieben und zu dem wir beten.
Die Theologie
Theologie heißt wörtlich „Rede von Gott“ (griechisch theos, „Gott“, und logos, „Wort“). Die Kirche ehrt den heiligen Gregor von Nazianz mit dem Titel „der Theologe“, „das heißt: der von Gott redet“.10
Theologie ist das Nachdenken der Kirche über den Glauben: Sie erklärt das Dogma, begründet es aus der Schrift, sucht Bilder und Vergleiche und antwortet auf neue Fragen.
Erklärungen, die über das Dogma hinausgehen, nennt der Katechismus „fromme Meinungen“ (theologoumena). Sie „dürfen jedoch niemals der Heiligen Bibel oder der Heiligen Überlieferung widersprechen“.11 Ein Beispiel: Dass Gott einer ist und in drei Hypostasen (Personen) existiert, ist Dogma. Das Bild von der Sonne, ihrem Licht und ihrer Wärme, mit dem man diese Wahrheit veranschaulicht, ist Theologie – eine Hilfe, die man auch durch ein anderes Bild ersetzen könnte. Wie jedes Bild hat es eine Grenze: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind drei Hypostasen, nicht drei Teile oder Wirkungen eines Dinges (mehr dazu in Thema 16 „Die Heilige Dreifaltigkeit“).
Der Brauch
Brauch oder Ritus nennen wir die Ordnungen, in denen die Kirche ihren Glauben feiert und lebt.
Papst Tawadros II. beschreibt, wie beides zusammenhängt:
Wir haben unser Dogma von den Kirchenvätern erhalten, das wiederum durch Traditionen bewahrt wurde. Mithilfe der Traditionen erhielten wir unseren kirchlichen Ritus wie die Gebetsrichtung nach Osten, den heiligen Kuss in der Liturgie und das Kreuzzeichen.12
Der Brauch ist nicht beliebig. Er trägt und schützt den Glauben: Wer sich bekreuzigt, bekennt mit einer Bewegung den Vater, die Menschwerdung des Sohnes zu unserer Erlösung, das Wirken des Heiligen Geistes und den einen Gott.13 Bräuche können sich aber in ihrer äußeren Gestalt von Ort zu Ort unterscheiden. Der Katechismus nennt als Beispiel die Lichter im Gottesdienst: Alle apostolischen Kirchen verwenden sie, besonders bei der Lesung des Evangeliums, doch die koptische Kirche hat ihre eigenen Öllampen. Solche Unterschiede bestehen „in den Einzelheiten, nicht im Wesen“.14 Über die Ordnung des Gottesdienstes wachen die Hirten der Kirche. Der einzelne Diener ändert sie nicht und erfindet keine eigenen Deutungen.
| Dogma | Theologie | Brauch (Ritus) | |
|---|---|---|---|
| Was ist es? | verbindliche Glaubenswahrheit | Erklärung und Begründung des Glaubens | gottesdienstliche und kirchliche Ordnung |
| Kann es sich ändern? | nein (die Worte können genauer werden, der Inhalt bleibt) | Erklärungen können wachsen, ohne dem Dogma zu widersprechen | die äußere Gestalt kann sich unterscheiden, der Sinn bleibt |
| Beispiel | Christus ist wesensgleich mit dem Vater. | Bild von Sonne, Licht und Wärme für die Dreifaltigkeit | Gebet nach Osten; Kreuzzeichen |
Ein Beispiel: der erste Satz des Glaubensbekenntnisses
Wie viele Dogmen in einem Satz stecken, zeigt der Anfang des Glaubensbekenntnisses: „In Wahrheit glauben wir an den einen Gott, Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.“15 Papst Tawadros II. erklärt: Mit dem Glaubensbekenntnis bekennen wir, dass Gott existiert und dass er einer ist; außerdem können wir erkennen, dass er die Welt „aus dem Nichts“ schuf und dass er Geist ist.16 Gott ist Vater, er ist der Allmächtige (Pantokrator), und er hat alles erschaffen, was es gibt, auch die unsichtbare Welt der Engel. Jeder dieser Sätze ist ein Dogma.
Von Gott richtig sprechen: drei Grenzen
Wer von Gott spricht, spricht von dem, der größer ist als alles, was wir denken können. Gott selbst sagt: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55:9). Papst Tawadros II. zieht daraus eine doppelte Folgerung: Wenn Gott jedes Denken übersteigt, „dann bedeutet dies, dass ich ihn mir nicht allein vorstellen kann. Aber weil Gott mich liebt – ich bin seine Schöpfung und sein Werk –, möchte er sich mir offenbaren“.17 Wir sprechen also von Gott, weil er sich gezeigt hat. Dabei müssen wir drei Grenzen kennen.
Erste Grenze: der Verstand
Unser Verstand ist geschaffen und begrenzt. Er kann erkennen, dass Gott ist und wie er sich uns zuwendet, aber er kann Gottes Wesen nicht ausschöpfen. Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, ihn zu erkennen, sagt der Katechismus, „doch das Wesen Gottes bleibt unaussprechlich und übersteigt unser Erkenntnisvermögen“.18 Paulus nennt Gott den, „der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat noch je zu sehen vermag“ (1. Tim 6:16). Das ist keine Absage an den Verstand: Ein Glaubensgeheimnis widerspricht der Vernunft nicht, aber es bleibt ohne Gottes Gnade und Offenbarung unbegreiflich.19 Den Weg zur Erkenntnis hat Gott selbst geöffnet: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1:18).
Zweite Grenze: die Sprache
Unsere Wörter stammen aus der geschaffenen Welt. Wer nie Honig gekostet hat, dem kann man seine Süße nicht vollständig beschreiben – um wie viel weniger lässt sich Gott in Worte fassen. Deshalb spricht die Schrift von Gott in Bildern, die wir verstehen: „Das Herz Gottes steht für sein Erbarmen und seine Liebe; die Augen und Ohren Gottes verweisen auf seine Kenntnis aller Dinge, und die Hand Gottes steht für seine Macht.“20 Wer solche Bilder wörtlich nimmt und sich Gott wie einen Menschen mit Körper vorstellt, verfällt dem Anthropomorphismus, der „Zuschreibung menschlicher Eigenschaften oder Verhaltensweisen an Gott“.21
Dritte Grenze: die Analogie
Wenn wir Gott mit etwas Bekanntem vergleichen, gebrauchen wir eine Analogie. Jeder Vergleich trifft etwas und verfehlt anderes. Für die Dreifaltigkeit sagt der Katechismus: „Wenn wir eine Analogie für das Mysterium der Heiligen Dreifaltigkeit verwenden, müssen wir von vornherein anerkennen, dass sie nur unvollkommen sein kann“.22 Ein Beispiel ist das Wort „Vater“: Gott ist Vater wie ein liebender Vater, der für seine Kinder sorgt – aber ohne die Schwächen menschlicher Väter. „Der eine Gott ist Liebe; er kennt weder körperliche Begierden noch ein Geschlecht.“23 Manche Bilder führen sogar in die Irre. Papst Tawadros II. lehnt etwa das Bild vom Baum für die Dreifaltigkeit ab: „Der Fehler ist, dass jeder seiner Bestandteile unabhängig von den anderen ist.“24
Die Verantwortung der Lehrenden
Weil Rede von Gott so leicht danebengeht, tragen alle, die lehren, eine besondere Verantwortung. Der heilige Gregor von Nazianz schreibt über den Dienst der Verkündigung:
Für diejenigen, welche mit der Predigt betraut sind, besteht die größte Gefahr, dass sie aus Angst vor Polytheismus nur von einer einzigen Person sprechen, dadurch uns zum Glauben verleiten, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist seien ein und derselbe, und so die Namen entwerten, oder es besteht die Gefahr, dass sie von drei getrennten, verschiedenen Personen, welche sich widersprechen und auflehnen, reden, also gewissermaßen von sich feindlichen Göttern und so von anderem Gesichtspunkt aus ebenfalls dem Irrtum verfallen.25
Gregor beschreibt zwei Abwege. Der eine verwischt den Unterschied zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist; diese Irrlehre heißt nach Sabellius Sabellianismus: Die drei seien „nichts anderes als drei Erscheinungsweisen einer einzigen Hypostase“.26 Der andere zerreißt die Einheit Gottes und macht aus den drei Hypostasen drei Götter. Gregor vergleicht den, der so lehrt, mit einem „gekrümmten Baume“, der sich nach einer Seite neigt.27 Richtig von Gott zu sprechen heißt also, das Gleichgewicht des Glaubens zu halten.
Was die Schrift über Gott sagt: sechs Eigenschaften
Trotz aller Grenzen schweigt die Schrift nicht über Gott: „Die Heilige Bibel beschreibt durchaus die Wesensmerkmale Gottes“.28 Sechs grundlegende Eigenschaften lernst du hier je mit einer Bibelstelle kennen. Sie gehören zum einen göttlichen Wesen und kommen darum dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist in gleicher Weise zu.
- Gott ist Geist – er steht über der Materie: „Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh 4:24). Gott hat keinen Leib. Er kann sich aber in sichtbaren Zeichen offenbaren, etwa in der Flamme, die aus dem Dornbusch emporschlug (Ex 3:2).
- Gott ist ewig – er steht über der Zeit: „Ehe die Berge geboren wurden, die Erde entstand und das Weltall, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Ps 90:2; LXX 89). Er hat keinen Anfang und kein Ende. „Für ihn gibt es weder Vergangenheit noch Gegenwart noch Zukunft; alles ist ewige Gegenwart.“29
- Gott ist allgegenwärtig – er steht über dem Raum: „Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten? Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen“ (Ps 139:7–8; LXX 138). Das heißt nicht, dass Gott und die Welt dasselbe wären. Allgegenwart bedeutet nicht, „dass sich seine göttliche Gegenwart in irgendeiner Weise mit der materiellen Welt vermischt“.30 Die Gleichsetzung von Gott und Welt heißt Pantheismus; sie begegnet heute in Sätzen wie „Das Universum will es so“.
- Gott ist unveränderlich: „Ich, der Herr, habe mich nicht geändert“ (Mal 3:6); bei ihm gibt es „keine Veränderung und keine Verfinsterung“ (Jak 1:17). Seine Liebe zu uns hat nicht erst irgendwann begonnen und hört nicht auf.
- Gott ist allmächtig: „… für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1:37). Allmacht heißt nicht, dass Gott gegen sein eigenes Wesen handeln könnte: „… er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2. Tim 2:13).
- Gott ist allwissend: „Gott ist größer als unser Herz und er weiß alles“ (1. Joh 3:20); „vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen“ (Hebr 4:13). Gottes Vorherwissen nimmt uns die Freiheit nicht: „Sein Wissen zwingt weder die Menschen noch die Engel dazu, das zu tun, von dem er weiß, dass es geschehen wird; denn er hat den freien Willen vernunftbegabter Wesen geheiligt.“31
Alle Eigenschaften münden in das Wort des Apostels Johannes: „… Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4:8). Gott ist nicht erst durch die Schöpfung liebend geworden: „Gott ist Liebe – noch bevor er Himmel und Erde erschuf.“32 Seine Allmacht ist die Macht der Liebe, seine Allwissenheit der Blick eines Vaters.
Gott ist Geist, ewig, allgegenwärtig, unveränderlich, allmächtig und allwissend – und Gott ist die Liebe.
Grundbegriffe der Glaubenslehre
In den Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte hat die Kirche Wörter geschärft, mit denen sie ihren Glauben genau aussprechen kann.
Das Wesen (griechisch ousia) ist das eine göttliche Sein, das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist gemeinsam und ungeteilt besitzen. Es gibt nur ein göttliches Wesen und darum nur einen Gott.
Als Hypostase (Person) bezeichnen wir jeweils den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Jede Hypostase existiert innerhalb des einen göttlichen Wesens in ihrer eigenen, unverwechselbaren Weise. Das Wort ist aus griechisch hypo, „unter“, und stasis, „stehen“, gebildet. In der alexandrinischen Theologie ist es „der bevorzugte Begriff für die drei Personen der Heiligen Dreifaltigkeit“.33 Jede Hypostase „ist in sich vollständig – kein Teil eines Wesens“.34 Eine Hypostase ist weder eine bloße Eigenschaft Gottes noch eine Rolle, die Gott spielt.
Beide Begriffe zusammen ergeben die Lehre der Kirche über die Dreifaltigkeit:
„Gott ist einer: Er ist ein einziges, ungeteiltes und untrennbares Wesen und zugleich eine Dreifaltigkeit von Hypostasen, die voneinander unterschieden werden können. Die Hypostasen sind ewig und ohne Anfang; sie gehören einem einzigen Wesen an und haben einen einzigen Willen.“35
Der Herr selbst nennt die drei Hypostasen nebeneinander: „tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28:19b).
Wesensgleich (griechisch homoousios) heißt: eines und desselben Wesens. Der Sohn hat nicht ein ähnliches oder ein geschaffenes Wesen, sondern dasselbe göttliche Wesen wie der Vater; ebenso der Heilige Geist.
Im Glaubensbekenntnis bekennen wir den Sohn als „eines Wesens mit dem Vater“; im koptischen Text, den die Kirche singt, steht hier das griechische Wort selbst.36 Es antwortet auf die Irrlehre des Arius, der nach dem Synaxarium behauptete: „Er war niemals dem Vater im Wesen gleich, und es gab eine Zeit, in der der Sohn überhaupt nicht existierte.“37 Das Diözesanbuch Damals wie Heute erklärt: „Es existieren zwar drei verschiedene Hypostasen, doch diese sind wesensgleich [homoousios]. Das bedeutet, sie besitzen dasselbe Wesen, also dieselbe göttliche Natur.“38 Darum kann der Herr sagen: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10:30). Und darum unterscheidet sich seine Sohnschaft von unserer: „Da er mit dem Vater wesensgleich ist, gründet seine Sohnschaft in seiner Natur und ist ewig“; unsere Sohnschaft dagegen ist ein Geschenk der Gnade.39
Natur (griechisch physis) bezeichnet, was etwas seinem Sein nach ist: die göttliche Natur, die menschliche Natur. In der Lehre von der Dreifaltigkeit sagen wir „ein Wesen“; das Wort „Natur“ brauchen wir vor allem, wenn wir von Christus sprechen, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. In der Formel des heiligen Kyrill bezeichnet „aus zwei Naturen“ die vollkommene Gottheit und die vollkommene Menschheit. „Eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ meint ihre untrennbar geeinte Wirklichkeit in Christus (wie Leib und Seele die eine Natur des Menschen bilden), nicht die Verschmelzung zu einem einzigen Wesen. Christus ist dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und uns wesensgleich nach der Menschheit.
Wenn wir von Christus sprechen, gilt der Merksatz:
Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.
Der Grund dieses Bekenntnisses ist das Wort des Evangeliums: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1:14a). Die Formel „eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes“ stammt vom heiligen Kyrill; sie ist kein Beschluss des Konzils von Ephesus.40 Was sie genau bedeutet, lernst du in Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“).
Eine Häresie (Irrlehre) ist eine Lehre, die vom überlieferten apostolischen Glauben abweicht und von der Kirche verurteilt wurde.
Papst Tawadros II. beschreibt den Häretiker als „Neuerer, der eine Lehre verkündet, die im Widerspruch zu dem steht, was in der Heiligen Schrift aufgezeichnet wurde“, und der sich nicht an die Lehren hält, die die Väter der Kirche verkündet haben.41 Die Kirche urteilt über Lehren; für die Menschen betet sie.
Für den Dienst
Kinder brauchen keine Fachwörter, aber Sätze, die stimmen – genau und kindgerecht zugleich.
- „Wo wohnt Gott?“ Gott ist überall, im Himmel und bei dir; er ist größer als die Welt und doch ganz nahe (Ps 139:7–8). Sag nicht, Gott sei „das Universum“ oder „die Natur“.
- „Hat Gott einen Bart?“ Gott ist Geist und hat keinen Körper (Joh 4:24). Wenn die Bibel von Gottes Augen oder Händen spricht, meint sie, dass er alles sieht und alles kann. Erkläre auch, warum wir Christus auf Ikonen malen: weil er Mensch geworden ist (Joh 1:14).
- „Sieht Gott mich immer?“ Ja, wie ein Vater, der sein Kind liebt. Papst Schenouda III. warnt die Diener davor, dem Kind ein Bild von Gott zu geben, vor dem es sich fürchtet, als warte Gott nur darauf, es zu bestrafen.42 Gottes Allwissenheit ist kein Drohmittel.
- Vergleiche mit Grenze: Wenn du ein Bild für die Dreifaltigkeit gebrauchst, sag dazu, was es nicht kann.
- Dogma, Theologie, Brauch: Wenn ein Kind fragt, warum wir etwas tun, unterscheide: Was glaubt die Kirche? Wie erklärt sie es? Wie feiert sie es? Wenn du etwas nicht weißt, frage deinen Priester oder schlage im Katechismus nach, statt eine Antwort zu erfinden.
Der Leitvers des Dieners verbindet beides, das eigene Leben und die richtige Lehre: „Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören“ (1. Tim 4:16).
Das Wichtigste in Kürze
- Glaube ist Leben in Gemeinschaft mit Gott und Bekenntnis des Glaubens der Kirche; „orthodox“ heißt rechter Glaube, rechte Verherrlichung Gottes und rechtes Leben.
- Die alexandrinische Theologie ist eine Theologie des Heils: Wir erkennen Gott durch sein rettendes Handeln.
- Ein Dogma ist eine verbindliche Glaubenswahrheit, gegründet auf Schrift und apostolische Überlieferung; Theologie erklärt den Glauben; der Brauch (Ritus) feiert und schützt ihn.
- Rede von Gott hat drei Grenzen: den begrenzten Verstand, die begrenzte Sprache und die begrenzte Analogie.
- Sechs Eigenschaften Gottes: Geist (Joh 4:24), ewig (Ps 90:2), allgegenwärtig (Ps 139:7–8), unveränderlich (Mal 3:6), allmächtig (Lk 1:37), allwissend (1. Joh 3:20) – und Gott ist die Liebe (1. Joh 4:8).
- Gott ist ein Wesen (ousia) in drei Hypostasen (Personen); der Sohn ist wesensgleich (homoousios) mit dem Vater.
- „Natur“ bezeichnet, was etwas ist. Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung.
- Eine Häresie ist eine Irrlehre, die vom überlieferten apostolischen Glauben abweicht.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 93–95 (Dogma) und Fr. 145–176 (Gotteslehre).
- Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 1–13.
- Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 23–31.
- Gregor von Nazianz, Reden, Rede 2,34–37.
Anmerkungen
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 1.↑
Ebd., Fr. 2.↑
Ebd., Fr. 2.↑
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 25.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Synaxarium, 30. Baramuda, Das Martyrium des großen heiligen Markus, des Apostels, des Evangelisten, des Verkünders des ägyptischen Landes, S. 421–422.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 93.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 94.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 2, Kap. 70.↑
Synaxarium, 24. Tut, Die Entschlafung des heiligen Gregor, des Theologen, S. 49.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 94.↑
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 29–30.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 91.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 177.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 12.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 3.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 152.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 146.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 150.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 56, Anmerkung 172.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 190.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 109.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 27.↑
Gregor von Nazianz, Reden, Rede 2,36. „Polytheismus“ heißt Glaube an viele Götter.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 192.↑
Gregor von Nazianz, Reden, Rede 2,36.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 149.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 163.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 165.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 167.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 191.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 176, Anmerkung 359.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 192.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 176.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 177; koptischer Wortlaut: Euchologion, S. 124.↑
Synaxarium, 9. Hatur, Versammlung des Ersten Ökumenischen Konzils von Nizäa, S. 115.↑
Damals wie Heute, S. 47.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 109.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 6 und Fr. 122.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 8.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36).↑