Thema 7 · Vortrag 2
Das Gotteshaus – Bauform, Heiligtum, Altar und Geräte
Die Kirche als aufgeschlagene Bibel
16 Min. LesezeitRitus und Gotteshaus
Lernziele
- Die Bauformen der Kirche (Kreuz, Kreis, Arche) und die Deutung von Heiligtum, Altar und Altartür beschreiben.
- Die Altargeräte und ihre Bedeutung benennen.
Schlüsselbegriffe
Heiligtum (Altarraum) · Ikonostase · Königliche Pforte · Altar · Kelchthron · Patene · Kuppel (Asteriskos) · Prospherin · Narthex · Baptisterium · Verehrung · Anbetung
Bibelstellen
Gen 28:17; Ex 25:8–9; 1. Petr 3:20–21; 1. Kor 3:16; Mal 1:11; Jes 19:19; Hebr 13:10; Ex 3:5; 1. Kor 10:16; Joh 10:11; Joh 19:26–27; Ex 20:4–5; Joh 12:26; Num 21:8–9; Joh 3:14–15; Joh 1:14; Joh 8:12; Ps 119:105; Ps 104:2; Mt 17:2; Joh 3:5
Inhalt
Wer eine koptische Kirche betritt, betritt keinen gewöhnlichen Saal. Die Gestalt des Gebäudes, die Wand mit den Ikonen, der Altar und die Geräte, die Lichter und die Gewänder – alles erzählt vom Glauben. Der Weg führt vom Eingang im Westen bis zum Heiligtum im Osten. Für den Diener ist das unmittelbar praktisch: Kinder lieben es, durch die Kirche geführt zu werden, und sie fragen nach jeder Ikone und jedem Gerät.
Das Haus Gottes
Eine aufgeschlagene Bibel
Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty beschreibt das Kirchengebäude mit einem schönen Bild: „Das Kirchengebäude ist wahrhaftig eine aufgeschlagene Bibel, geschrieben in einer sichtbaren, greifbaren Sprache. Ein einfaches Kind versteht ihre Botschaft, ein Theologe kann tief über sie nachsinnen“.1
Als Jakob auf der Flucht im Traum die Treppe zum Himmel sah, sagte er: „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels“ (Gen 28:17b). Das gilt für jede Kirche. Zugleich wohnt Gott in den Gläubigen selbst: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Kor 3:16). Papst Tawadros II. folgert: „So ist jeder von uns eine Kirche mit einem Altar, nämlich dem Herzen. Dein Herz ist der Altar deiner Kirche.“2 Was wir im Gebäude sehen, soll in unserem Inneren Wirklichkeit werden.
Die erste Kirche Ägyptens. Nach dem Synaxarium verwandelte der heilige Anianus, der erste Gläubige, den der heilige Markus in Alexandrien taufte, sein Haus in eine Kirche, „in der sich die Gläubigen an den Sonntagen und Festen versammelten“.3 Die Kirche beginnt mit Menschen, die sich um Christus versammeln.
Das Offenbarungszelt als Vorbild
Schon im Alten Testament gab Gott selbst den Bauplan für sein Heiligtum: „Macht mir ein Heiligtum! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen. Genau nach dem Muster der Wohnstätte und aller ihrer Gegenstände, das ich dir zeige, sollt ihr es herstellen“ (Ex 25:8–9). Die Kirche des Neuen Bundes knüpft daran an: Das Heiligtum entspricht dem Allerheiligsten, das Kirchenschiff dem Heiligen, die Vorhalle dem Vorhof.4 Wie das Offenbarungszelt im Einzelnen auf Christus und die Kirche hinweist, behandelt Thema 12 („Das Alte Testament II“).
Die Gestalt des Kirchengebäudes
Kreuz, Kreis und Arche
Der Grundriss einer Kirche kann nach dem Katechismus drei Formen haben:5
| Form | Was sie ausdrückt | In koptischen Kirchen |
|---|---|---|
| Kreuz | die Kirche als Leib des gekreuzigten Christus, ihres Erlösers | selten |
| Kreis | das ewige Wesen der Kirche, die einer Linie ohne Anfang und Ende gleicht | nur sehr selten |
| Arche (Schiff) | die Kirche als Arche des Heils, die durch das Meer der Welt in den Hafen des Himmels fährt | die gewöhnliche Form: ein lang gestreckter, nach Osten ausgerichteter Bau |
Schon die frühe Kirchenordnung verlangte, die Kirche solle „rechteckig gestaltet und nach Osten ausgerichtet sein“.6 Darum heißt der Raum der Gläubigen bis heute „Kirchenschiff“, nach dem lateinischen navis, „Schiff“; die Kirche sieht darin die Arche, die rettet.7
Die Kirche als Arche und als Mutter
Die Arche Noachs ist ein Vorbild der Kirche und der Taufe. Petrus schreibt, dass in der Arche „nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet“ wurden, und fährt fort: „Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet“ (1. Petr 3:20b–21a). Der Katechismus sagt: „Die Kirche ist die Arche des Neuen Testaments, die die Menschen nicht nur vor der Flut umschließt und beschützt, sondern sie auch zu engelgleichen Wesen macht.“8
Der heilige Cyprian von Karthago verbindet die beiden Bilder von Arche und Mutter in einem berühmten Satz:
Gott kann der nicht mehr zum Vater haben, der die Kirche nicht zu Mutter hat. Wenn irgendeiner zu entrinnen vermochte, der außerhalb der Arche Noes war, nur dann mag auch einer entkommen, der draußen, außerhalb der Kirche steht.9
Cyprian schreibt diese Worte gegen Menschen, die sich bewusst von der Kirche getrennt und Spaltungen verursacht hatten. Er lehrt: Die Kirche ist die Mutter, die uns in der Taufe geboren hat; für uns ist sein Wort eine Mahnung, diese Mutter nie zu verlassen. Zum Heil anderer Menschen gilt: Wir geben treu weiter, was wir aus der Heiligen Schrift und der Überlieferung als notwendig für unser Heil empfangen haben – den Glauben an Christus, die Taufe (Joh 3:5; Mk 16:16) und das Leben in seiner Kirche (Apg 2:42.47). Wer in den Himmel kommt, entscheiden nicht wir, und wir richten nicht darüber; das Urteil über jeden Menschen gehört allein Gott (1. Kor 5:13a; Jak 4:12).
Vom Westen nach Osten: die Räume der Kirche
Narthex und Baptisterium
Am westlichen Eingang liegt die Vorhalle, der Narthex. Hier standen früher die Katechumenen, die sich auf die Taufe vorbereiteten, und die Büßer, die eine Zeit lang nicht zur Kommunion gingen; sie nahmen nur am Wortgottesdienst teil.10
Das Baptisterium mit dem Taufbecken liegt im Westen, an der Nordwestseite, beim Betreten der Kirche auf der linken Seite. Der Katechismus sagt: „Das Taufbecken ist der Schoß der Kirche, durch den sie dem Vater Kinder schenkt“.11 Die Anordnung predigt ohne Worte: Das Taufbecken steht ganz im Westen nahe dem Eingang, der Altar ganz im Osten. Das zeigt, „dass der Eintritt in unsere kirchliche Gemeinschaft nur durch die Liturgie der Taufe möglich ist“.12 Wer zum Altar will, muss durch die Taufe gehen: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3:5b).
Das Kirchenschiff
Im Kirchenschiff versammelt sich die Gemeinde. Im Westteil ist in vielen Kirchen ein abgedecktes Becken in den Boden eingelassen; es wird beim Lakkan, der Wasserweihe, am Gründonnerstag, am Fest der Theophanie (der Taufe des Herrn) und am Apostelfest verwendet.13
Der Katechismus sagt: „Der Altar heiligt das Kirchenschiff, und das Kirchenschiff vollendet seinerseits den Altar. Der Altar steht für die Gegenwart Gottes; im Kirchenschiff versammelt sich sein Volk, um ihm zu begegnen.“14
Der Chor der Diakone
Vor der Ikonostase, der Ikonenwand vor dem Heiligtum, liegt, einige Stufen höher, der Chor der Diakone. Hier stehen die Diakone und die Lesepulte mit dem Katameros, dem Buch der Lesungen.15 Die Stellung des Lesepults „zwischen Altar und Gemeinde“ zeigt, „welche Bedeutung dem Wort Gottes im liturgischen Leben der Gläubigen zukommt: Sie können sich den Mysterien des Altars nur durch das Wort Gottes nähern“.16
Das Heiligtum
Das Heiligtum ist der Altarraum im Osten der Kirche. In seiner Mitte steht der Altar.
Heiligtum und Altar sind so eng verbunden, dass man oft auch das Heiligtum „Altar“ nennt. Das Euchologion, das Messbuch der Kirche, erklärt: „… wenn der Altarraum der Himmel ist, erkennen wir den Himmel nur durch den Altartisch, der das Kreuz ist.“17 Hinter dem Altar liegt die Apsis, eine halbrunde Nische in der Ostwand, „die dem Schoß Gottes gleicht“.18 Papst Tawadros II. erklärt: Die Apsis in der Ostwand des Heiligtums wird „‚Schoß des Vaters‘ genannt“; ihr Bild zeigt Christus als Pantokrator, den Allmächtigen.19
Das Heiligtum betritt man barfuß, nach dem Wort an Mose: „Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3:5b). Im Heiligtum wird nur gesprochen, wenn es unbedingt nötig ist.20 Der Priester tritt mit gesenktem Haupt durch die rechte Seite der Tür und mit dem rechten Fuß zuerst ein, „als betrete er das Himmelreich“, und er geht hinaus, ohne dem Altar den Rücken zuzukehren.21
Der Altar und seine Geräte
Der Altar
Wozu braucht die Kirche einen Altar, wenn es keine Tieropfer mehr gibt? Katechismus und Papst Schenouda III. antworten mit der Schrift:22 Maleachi sieht voraus, dass „an jedem Ort … meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht“ wird „und eine reine Opfergabe“ (Mal 1:11a). Jesaja kündigt an: „An jenem Tag wird es für den Herrn mitten in Ägypten einen Altar geben“ (Jes 19:19a). Der Hebräerbrief sagt: „Wir haben einen Altar, von dem die nicht essen dürfen, die dem Zelt dienen“ (Hebr 13:10). Auf dem Altar wird das eine Opfer Christi im Gedächtnis gefeiert; es wird nicht wiederholt, sondern ist gegenwärtig.
Der Altar einer koptischen Kirche ist annähernd würfelförmig und erinnert an das Grab Christi. Er steht frei in der Mitte des Heiligtums, aus Stein oder Holz, unmittelbar auf dem Boden, und trägt keine Gravur. An seiner Ostseite hat er eine Öffnung: In Zeiten der Verfolgung konnte man dort die heiligen Gaben verbergen, und dort wurden Reliquien von Heiligen verwahrt; heute liegen die Reliquien neben den Ikonen der Heiligen im Kirchenraum. An einem Altar darf am selben Tag nur eine Liturgie gefeiert werden.23 Geweiht wird der Altar, indem man auf ihm die Liturgie feiert, Reliquien unter ihm niederlegt oder ihn mit dem heiligen Myron salbt.24 Auf den Altar wird nichts gelegt außer den heiligen Gaben, den heiligen Gefäßen und dem Evangelium. Ein Kreuz dient nie als Schmuck des Altars, denn „der Altar selbst ist Golgota des Herrn oder sein Kreuz“; auch Blumen stellt man nicht darauf. Die zwei Leuchter beim Altar stellen die beiden Engel im Grab des Herrn dar.25
Der äußere Altar weist auf den inneren. Der heilige Clemens von Alexandrien schreibt:
Jedenfalls ist unser Opferaltar hier die irdische Gemeinschaft derer, die sich den Gebeten geweiht haben, eine Gemeinschaft, die gleichsam eine gemeinsame Sprache und eine einheitliche Gesinnung hat.26
Die Altartücher
Nach dem koptischen Ritus bleibt der Altar nie unbedeckt. Er trägt drei Decken. Nach alter Ordnung sind sie aus reinem Leinen wie die Tücher, in die Christus bei seinem Begräbnis gehüllt wurde; heute sind sie oft aus Samt oder Seide. Die erste reicht an allen Seiten bis zum Boden und ist mit vier Kreuzen oder einem großen Kreuz verziert, die zweite hängt etwa fünfzehn Zentimeter herab.27 Die dritte ist die Prospherin, vom griechischen prosphora, „Opfergabe“, das große Tuch, das auch die Gaben bedeckt. Das Euchologion erklärt: „Der Altar symbolisiert das Grab Christi, das Prosfarin den großen Grabstein, der das Grab verschlossen hatte“; wird sie nach dem Friedensgruß abgenommen, ist das ein Zeichen für das Wegwälzen des Steines.28 Mit kleineren Tüchern, den Velen, werden die Gaben bedeckt.
Die heiligen Geräte
Die Geräte des Altars werden „durch Gebet, das Wort Gottes und das heilige Myron geweiht“ und dürfen danach nur noch für den Dienst an Gott verwendet werden.29 Die wichtigsten sind:30
| Gerät | Was es ist | Deutung |
|---|---|---|
| Kelch | Gefäß für den mit Wasser gemischten Wein, der zum Blut des Herrn geheiligt wird; „Kelch des Segens“ (1. Kor 10:16a) | Blut und Wasser aus der Seite Christi; Einheit Christi mit seinem Volk (Fr. 640) |
| Patene | kleine runde Schale ohne Fuß, meist aus Silber oder Gold, für das Lamm | erinnert an die Krippe des Herrn oder an sein Grab (Fr. 641) |
| Kuppel (Asteriskos) | zwei gewölbte, gekreuzte Silberbänder, die auf die Patene gelegt werden und die Tücher tragen | erinnert an das Grab oder an den Stern der Weisen (Fr. 642) |
| Löffel | dient zur Austeilung des Blutes des Herrn | – (seit dem 6. Jahrhundert in Gebrauch, Fr. 643) |
| Kelchthron | Holzkasten in der Mitte des Altars, in dem der Kelch steht | „Thron“: Gegenwart des gekreuzigten Herrn; „Arche“: Arche Noachs und Bundeslade (Fr. 645) |
| Evangeliar | mit Silber oder Gold verkleidetes Evangelienbuch mit Ikonen (Fr. 647) | geht beim Umschreiten des Altars dem Kreuz voraus, denn es steht für die Botschaft von Jesus Christus (Euchologion) |
| liturgische Fächer | Fächer mit dem Bild eines Seraphs | die Gegenwart der Kerubim, die sich an unserem Lobpreis beteiligen (Fr. 648) |
| Weihrauchgefäß und Weihrauchbehälter | Gefäß an drei Ketten, in dem Weihrauch verbrannt wird; kleines Kästchen für den Weihrauch | Deutung im dritten Vortrag (Fr. 651–652) |
| Handkreuz | das Kreuz in der Hand des Priesters | Segen und Gebet geschehen durch das Opfer Christi und in seinem Namen (Fr. 634) |
Die Ikonostase
Schranke und Tor
Zwischen dem Heiligtum und dem Kirchenschiff steht die Ikonostase, eine feste Wand aus Holz oder Marmor, an der Ikonen des Herrn, seiner Engel und seiner Heiligen angebracht sind.31
Sie ist eine Weise, dem „Mysterium des Altars“ Ehrfurcht zu erweisen, „ohne dass dadurch der Gedanke an die Liebe Gottes ausgeblendet wird“; die Göttliche Liturgie bleibt „das gemeinsame Werk der ganzen Kirche, von Klerus und Laien“.32 Die Ikonen schaffen eine himmlische Atmosphäre, und sie bezeugen, dass unsere entschlafenen Väter und Brüder uns nicht fern sind.33 Papst Tawadros II. sagt, die Ikonostase trage „Ikonen der Heiligen, die auf uns schauen – auf jene, die auf der Erde noch zu kämpfen haben“.34
Die Ikonostase hat drei Türen. Die mittlere ist die Königliche Pforte (Heilige Pforte), die Tür des Heiligtums. Sie heißt „königlich“, weil an ihr die Opfergaben dargebracht werden und der Priester das Brot auswählt, das in den Leib Christi, des Königs der Könige, verwandelt wird. Die drei Türen verweisen auf das Wirken der Heiligen Dreifaltigkeit, durch das Gott und Mensch versöhnt und Himmel und Erde geeint werden.35 So ist die Altartür ein Bild für die Tür zum Himmel, die Christus geöffnet hat.
Die Ordnung der Ikonen
Die Ikonen folgen einer festen Überlieferung:36
- Rechts von der Königlichen Pforte (vom Kirchenschiff aus gesehen) hängt die Ikone des Herrn Jesus mit dem Buch, auf dem steht: „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10:11a). Christus ist „das einzige Tor …, das in das Reich Gottes führt“. Es folgen Johannes der Täufer, der Patron der Kirche und weitere Heilige.
- Links von der Pforte hängt die Ikone der heiligen Maria, der Gottesgebärerin (Theotokos), die die Kirche verkörpert; es folgen die Verkündigung, der Erzengel Michael und der heilige Markus.
- Über der Pforte ist das Letzte Abendmahl dargestellt, daneben die zwölf Apostel: Unsere Kirche ist apostolisch.
- Ganz oben steht das Kreuz, zu beiden Seiten die heilige Maria und der heilige Johannes, der geliebte Jünger (vgl. Joh 19:26–27). Nach dem Euchologion steht es dort „als Schlüssel zum Altar, als Schlüssel zum Himmel“.37
An der Ikonostase hängen Öllampen; sie erinnern an das Licht Christi, das durch seine Heiligen leuchtet. Vor der Ikone Christi brennt keine Lampe, denn „er ist das Licht, das die ganze Kirche erleuchtet“.38 Die Straußeneier, die in alten Kirchen zwischen den Ikonen hängen, gelten nach einer Überlieferung als Zeichen der Hoffnung und der Auferstehung.39
Lichter und Kerzen
Papst Schenouda III. erklärt die vielen Lichter der Kirche: Die Kirche gleicht dem Himmel und braucht Lichter wie der Himmel die Sterne; in ihr ist Christus gegenwärtig, der sagt: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8:12a). Das Öl der Lampen ist ein Sinnbild des Heiligen Geistes und erinnert an die klugen Jungfrauen (Mt 25:1–13); die Kerzen beim Evangelium an das Wort: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119:105; LXX 118).40 Vor einer Ikone lässt die Kerze die Menschen „spüren, dass der Heilige noch lebt und nicht gestorben ist“.41
Verehrung, nicht Anbetung
Kinder und Jugendliche hören oft den Einwand: „Ihr betet Bilder an! Gott hat doch verboten, sich ein Bild zu machen.“ Das Gebot lautet: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ (Ex 20:4). Es fährt fort: Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen (Ex 20:5). Der Katechismus erklärt: „Der Sinn dieses Gebotes besteht darin, eine Grenze zwischen Götzendienst und wahrer Gottesverehrung zu ziehen – nicht darin, die Verwendung von Bildern überhaupt zu verbieten.“42 Derselbe Gott befahl Mose, zwei Kerubim aus Gold für die Bundeslade anzufertigen (Ex 25:18) und eine Schlange aus Kupfer aufzurichten (Num 21:8–9), die Christus auf sich selbst deutet: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden“ (Joh 3:14).
Der tiefste Grund für die Ikone ist die Menschwerdung: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1:14a). Seitdem Gott sich sichtbar gezeigt hat, können die Ereignisse seines Lebens „in Ikonen dargestellt oder in Worten niedergeschrieben werden“.43 Ikonen „sind sichtbare Predigten und Bücher“; wer nicht lesen kann, erfasst ihre Botschaft.44
Entscheidend ist der Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung:
So sagen auch wir, dass wir nicht die Bilder oder Ikonen anbeten, wir verehren sie, wir verehren diejenigen die sie darstellen, ganz nach den Worten des Herrn: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren“ (Joh 12:26). Wenn der Vater Seine Heiligen ehrt, sollen wir sie dann nicht verehren? … Wenn wir die Bilder verehren, so verehren wir eigentlich die Dargestellten.45
Die Kirche weiht ihre Ikonen mit dem heiligen Myron.46 Wenn wir eine Ikone küssen oder vor ihr Weihrauch darbringen, gilt diese Ehre dem Dargestellten. Die Anbetung gebührt allein Gott. Die Ikone ist geheiligt, aber sie ist nicht selbst eine Quelle der Gnade: Gott wirkt, und die Heiligen, die wir verehren, beten für uns.
Die Gewänder der Altardiener
Wer am Altar dient – Bischof, Priester, Diakone –, trägt weiße Gewänder. Papst Schenouda III. schreibt über den Priester vor der Liturgie: „Er und die Diakone legen weiße Dienstgewänder an, die speziell für die Feier der Liturgie sind. Sie sind ein Symbol der inneren Reinheit.“47 Von Gott sagt der Psalm: „Du hüllst dich in Licht wie in ein Kleid“ (Ps 104:2a; LXX 103), und bei der Verklärung wurden die Kleider des Herrn „blendend weiß wie das Licht“ (Mt 17:2b).
Zu den liturgischen Gewändern gehören vor allem:
- die Tunika (Tonja), das lange weiße Gewand der Altardiener, das „auf die Reinheit der Engel verweist“;48
- das Orarion („Patrashel“), die Stola des Diakons;
- die Sadra, die Stola des Priesters und des Bischofs;
- das Phelonion („Burnus“), der weite, ärmellose Mantel des Priesters und des Bischofs;
- der Tailasan, die Kopfbedeckung des Priesters.
Die Gewänder im Einzelnen und ihre Bedeutung in der Liturgie behandelt Thema 28 („Die Eucharistie und die Göttliche Liturgie“).
Für den Dienst
Die Kirchenführung. Eine Führung durch das eigene Gotteshaus ist eine der schönsten Sonntagsschulstunden; ebenso hilft sie Gästen, die unsere Kirche kennenlernen wollen. Geh den Weg dieses Vortrags vom Baptisterium („Hier bist du Kind Gottes geworden“) bis zur Ikonostase und lass die Kinder die Ikonen benennen. In das Heiligtum blicken sie nur mit Erlaubnis des Priesters durch die Tür; sie betreten es nicht und berühren keine geweihten Geräte – nicht aus Strenge, sondern aus Ehrfurcht.
Der Dienst der Jungen. Wer als Epsaltos im Diakonenchor dient, sieht Altar und Geräte aus der Nähe. Wer weiß, dass der Altar Golgota und das Grab des Herrn darstellt, dient aufmerksamer und blickt mit Ehrfurcht zum Heiligtum.
Kinderfragen zu den Ikonen. Fragt ein Kind „Beten wir die Ikone an?“, antworte klar: Wir beten nur Gott an; die Heiligen ehren wir und bitten sie, für uns zu beten.
Für dich selbst. „Dein Herz ist der Altar deiner Kirche“: Achte darauf, dass dieser innere Altar bereit ist, wenn du in die Kirche kommst.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Kirchengebäude ist „eine aufgeschlagene Bibel“: Gestalt, Räume und Geräte verkünden den Glauben.
- Die Grundformen sind Kreuz, Kreis und Arche; koptische Kirchen sind meist lang gestreckt wie ein Schiff und nach Osten ausgerichtet. Die Kirche ist Arche des Heils und Mutter der Gläubigen (Cyprian).
- Der Weg führt von Westen nach Osten: Narthex, Baptisterium (Eintritt durch die Taufe), Kirchenschiff, Chor der Diakone, Ikonostase, Heiligtum.
- Das Heiligtum stellt den Himmel dar; die Königliche Pforte ist die Tür zum Himmel, die Christus geöffnet hat. Der Altar erinnert an Golgota und das Grab des Herrn.
- Altartücher und Geräte (Prospherin, Kelch, Patene, Kuppel, Löffel, Kelchthron, Evangeliar, Fächer, Weihrauchgefäß) sind geweiht und dienen nur dem Gottesdienst.
- Die Ikonostase verbindet Himmel und Erde. Ikonen werden verehrt, nicht angebetet; Anbetung gebührt allein Gott.
- Lichter erinnern an Christus, das Licht der Welt, an den Heiligen Geist und an die Heiligen; die weißen Gewänder an die Reinheit des Dienstes.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 584–669: Haus Gottes, Ikonostase, Geräte, Kirchenschiff.
- Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.3, 7.5 und 7.6.
- Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 23–27.
- Hl. Cyprian von Karthago, Über die Einheit der katholischen Kirche, Kap. 5–7.
- Das heilige Euchologion der koptisch-orthodoxen Kirche, Kröffelbach 2022, Glossar (S. 1194–1198): Altar, Altartücher, Evangeliar, Kelchthron, Patene, Vorhang.
Anmerkungen
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 585.↑
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 26.↑
Synaxarium, 20. Hatur, Die Entschlafung des heiligen Anianus, S. 137; vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 593.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, The Church, House of God, S. 57.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 597.↑
Apostolische Konstitutionen, Buch II, Kap. 57; zitiert nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 595.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 653.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 476.↑
Cyprian, Über die Einheit der katholischen Kirche, Kap. 6. „Katholisch“ heißt hier „allumfassend“; „zu Mutter“ steht so in der Übersetzung.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 659.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 662.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 588.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 658.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 653.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 653.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 588.↑
Euchologion, Glossar Nr. 4; vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 598.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 599.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 29.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 600.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 610; vgl. Euchologion, S. 20 und 296.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 602; Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.3.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 603; Euchologion, Glossar Nr. 4.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 604.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 605; vgl. Euchologion, Glossar Nr. 4.↑
Clemens von Alexandrien, Teppiche (Stromateis), Buch VII, 31,8.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 605; Euchologion, Glossar Nr. 4.↑
Euchologion, Glossar Nr. 1; das Euchologion schreibt „Prosfarin“, der Katechismus „Prospherine“.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 639.↑
Angaben der Tabelle nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 634–652; zum Evangeliar und zum Weihrauchbehälter Euchologion, Glossar Nr. 12 und S. 20, Anmerkung 42.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 608–612.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 609.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 609.↑
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 27.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 610.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 612.↑
Euchologion, Glossar Nr. 30.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 613.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 613.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.5.↑
Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 48).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 615.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 615.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 614.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.6, Nr. 8 und 13.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 617; Euchologion, Einführung, S. XIII (Teil 14 „Die Weihen“).↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 8 Heilige Kommunion, Abschnitt „Vorbereitung auf die Heilige Kommunion“.↑
Euchologion, Glossar Nr. 26; dort „Sticharion (Im Arabischen: Tuneja)“.↑