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Thema 7 · Vortrag 3

Der Weihrauch – Abend- und Morgenweihrauch

Biblische Begründung, Deutung und Ablauf der Emporhebung des Weihrauchs

17 Min. LesezeitRitus und Gotteshaus

Lernziele

  1. Den Weihrauch biblisch begründen (Ex 30:1⁠–⁠10; Mal 1:11; Offb 8:3⁠–⁠4) und die Kinderfrage „War Weihrauch nicht heidnisch?“ beantworten.
  2. Den Ablauf des Abend- und Morgenweihrauchs in seinen Hauptteilen wiedergeben und erklären, warum er kein Sakrament ist.

Schlüsselbegriffe

Weihrauch · Weihrauchgefäß (Rauchfass) · Weihrauchbehälter · Emporhebung des Abend-/Morgenweihrauchs · stilles Weihrauchgebet · Zimbelstrophen · Litanei · Rückkehrgebet · fünf kleine Bittgebete · Absolution des Sohnes · Sakrament (Mysterium)

Bibelstellen

Ex 30:1⁠–⁠10; Ex 30:37; Ps 141:2; Mal 1:11; Lk 1:8⁠–⁠13; Mt 2:11; Offb 5:8; Offb 8:3⁠–⁠4; Mt 10:39; 2. Kor 2:15; Num 17:11⁠–⁠13; Hld 1:3; Lk 2:29⁠–⁠32; 1. Joh 2:2; Hebr 10:14; Eph 5:2; Lk 23:42⁠–⁠43; Lk 18:13

Inhalt

Am Vorabend der Göttlichen Liturgie und am Morgen vor ihr steigt in unseren Kirchen der Weihrauch auf. Der Priester geht mit dem Weihrauchgefäß um den Altar und durch die ganze Kirche, die Gemeinde singt, und der Duft erfüllt den Raum. Wer weiß, wie fest der Weihrauch in der Heiligen Schrift verankert ist und was er bedeutet, kann auch die Frage beantworten, die Kinder früher oder später stellen: „War Weihrauch nicht etwas Heidnisches?“

Weihrauch in der Heiligen Schrift

Der Rauchopferaltar

Den Weihrauch haben die Christen nicht erfunden. Gott selbst hat ihn für seinen Gottesdienst angeordnet. Zu Mose sprach er: „Mach auch einen Altar zum Verbrennen von Räucherwerk; aus Akazienholz sollst du ihn machen“ (Ex 30:1). Dieser Altar sollte mit Gold überzogen vor dem Vorhang stehen, vor der Lade der Bundesurkunde: „Dort will ich mich dir offenbaren“ (Ex 30:6b). Dann folgt eine Anordnung, in der man den Abend- und Morgenweihrauch der Kirche schon erkennt:

Heilige Schrift

Aaron soll auf ihm Morgen für Morgen duftendes Räucherwerk verbrennen; wenn er die Lampen herrichtet, soll er es verbrennen. Wenn Aaron zur Zeit der Abenddämmerung die Lampen wieder aufsetzt, soll er das Räucherwerk verbrennen; es soll ein immer währendes Rauchopfer vor dem Herrn sein von Generation zu Generation.

Ex 30:7⁠–⁠8

Auch die Mischung des Räucherwerks bestimmte Gott selbst; es „soll dir als dem Herrn heilig gelten“ (Ex 30:37b). Manche meinen, der Weihrauch habe nur den Geruch der Brandopfer überdecken sollen und sei heute überflüssig. Papst Schenouda III. widerspricht:

Aus der Lehre unserer Päpste

Das ist absolut unwahr, denn der Weihrauch selbst war eine Art von Andacht und Verehrung. Er hatte seinen eigenen Altar, der sich vom Brandopferaltar unterschied. Es gab spezielle Riten den Weihrauch darzubringen, es bedeutete ein Gebet und war kein Symbol für etwas anderes.1

– Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4, Nr. 4

Weihrauch als Gebet

Die Psalmen verbinden Weihrauch und Gebet: „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf; als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe“ (Ps 141:2; LXX 140). Dieser Vers klingt im stillen Gebet des Abendweihrauchs an. Im Neuen Testament begegnet uns der Weihrauch gleich am Anfang des Lukasevangeliums. Dem Priester Zacharias „fiel die Aufgabe zu, im Tempel des Herrn das Rauchopfer darzubringen. Während er nun zur festgelegten Zeit das Opfer darbrachte, stand das ganze Volk draußen und betete“ (Lk 1:9b–10). Da erschien ihm der Engel und sagte: „Dein Gebet ist erhört worden“ (Lk 1:13a). Die Weisen aus dem Osten brachten dem Kind „Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar“ (Mt 2:11b). Papst Schenouda III. deutet den Weihrauch als Zeichen seines Priestertums, das Gold als Zeichen seines Königtums und die Myrrhe als Zeichen seiner Leiden.2

Weihrauch bei allen Völkern und im Himmel

Der Prophet Maleachi sieht eine Zeit voraus, in der Gott nicht mehr nur im Tempel von Jerusalem verehrt wird: „… vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang steht mein Name groß da bei den Völkern und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe“ (Mal 1:11a). Papst Schenouda III. folgert, dass dies die Zeit der Kirche meint: „Der Herr hat den Weihrauch als Bestandteil christlicher Andacht gewünscht.“3

Das letzte Buch der Bibel zeigt den Weihrauch schließlich im Himmel. Die vierundzwanzig Ältesten tragen „goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen“ (Offb 5:8b). Und:

Heilige Schrift

Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen. Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor.

Offb 8:3⁠–⁠4

Was der Priester in unserer Kirche tut, ist ein Bild dessen, was im Himmel geschieht: Mit dem Weihrauch steigen die Gebete der Gemeinde zu Gott auf.

Was der Weihrauch bedeutet

Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty nennt vier Bedeutungen:4

  1. Gegenwart Gottes. Der Weihrauch ist „ein Zeichen für die Gegenwart Gottes unter seinem Volk“.
  2. Gebet. Er steht „für das Gebet (Ex 30:1⁠–⁠8), das als Liebesopfer dargebracht wird“.
  3. Reinigung. Er ist ein Zeichen für die Reinigung des Volkes. Als eine Plage über Israel kam, lief Aaron mit der Räucherpfanne mitten unter die Leute, und die Plage hörte auf (vgl. Num 17:11⁠–⁠13).
  4. Ehre. Weihrauch ist auch eine Form, jemanden zu ehren.5 Darum bringt der Priester Weihrauch rings um den Altar, vor den Ikonen und unter den Gläubigen dar.6 Vor den Ikonen ist er Ehrerweis für die Heiligen um Gottes willen, keine Anbetung.

Papst Schenouda III. fügt geistliche Betrachtungen hinzu. Der Weihrauchpartikel brennt, „bis er zu einer wohlduftenden Weihrauchsäule wird“; man findet ihn danach nicht mehr, „da er sich als Rauchopfer Gott dargebracht hat“. Das erinnert an das Wort des Herrn: „wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 10:39b).7 Der Rauch steigt immer nach oben und lenkt die Augen zum Himmel; sein Duft erinnert daran, dass unser Leben vor Gott wohlriechend sein soll: „… wir sind Christi Wohlgeruch für Gott“ (2. Kor 2:15a).8

Das Weihrauchgefäß und seine Deutung

Weihrauchgefäß und Weihrauchbehälter

Das Weihrauchgefäß, auch Rauchfass genannt, ist ein becherförmiges Gefäß aus Kupfer oder Silber, das an drei Ketten hängt. Den Weihrauch bewahrt man in einem kleinen Kästchen auf, dem Weihrauchbehälter.9 Der Katechismus deutet es so:

„Das Rauchfass symbolisiert die heilige Maria, die das ‚wahre lebendige Kohlenfeuer‘ trug, das heißt den menschgewordenen Sohn Gottes. Seine drei Ketten erinnern uns an die Heilige Dreifaltigkeit, die an der Menschwerdung des Sohnes mitwirkte: Der Vater sandte seinen Sohn, der Sohn gehorchte, und der Heilige Geist kam über die Jungfrau, damit der Sohn Mensch werde.“10

Papst Schenouda III. erklärt das Bild: „Da die Vereinigung von Göttlichkeit und Menschlichkeit in unserem Herrn Jesus Christus der Vereinigung von Kohle und Feuer ähnlich ist, so ähnelt Maria, die diese Vereinigung in sich trug, dem Weihrauchgefäß.“ Darum nennt man die Gottesgebärerin (Theotokos) auch „Aarons Weihrauchgefäß“ oder „das goldene Weihrauchgefäß“.11 Das Bild erinnert an das Bekenntnis der Kirche: Mit dem heiligen Kyrill bekennt sie die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. Diese Lehre entfaltet Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“).

Die Emporhebung des Abend- und Morgenweihrauchs

Begriff
Emporhebung des Abend- und Morgenweihrauchs

Die Emporhebung des Abendweihrauchs am Vorabend und die Emporhebung des Morgenweihrauchs am Morgen sind Gottesdienste der Kirche mit Gebeten, Lobgesängen, Litaneien (Fürbittgebeten), Lesungen und der Darbringung von Weihrauch. Sie bereiten auf die Göttliche Liturgie vor, können aber auch für sich allein gefeiert werden. Kurz sagt man Abendweihrauch und Morgenweihrauch.

Schon im Alten Testament gab es das Räucherwerk am Morgen und am Abend (Ex 30:7⁠–⁠8); die Kirche hat diese Ordnung erfüllt und auf Christus hin ausgerichtet. Der Abendweihrauch wird „beim Sonnenuntergang“ gebetet, nach den Gebeten der neunten, elften und zwölften Stunde der Agpeya, der Morgenweihrauch „beim Sonnenaufgang“, nach dem Gebet der ersten Stunde.12 Außerhalb der Großen Fastenzeit betet die Kirche jeden Tag den Abendweihrauch, und vor jeder Göttlichen Liturgie wird der Morgenweihrauch gehalten.13 „Gesänge, Weihrauch und Ikonen stimmen unsere Seelen ein“ auf die große Feier.14

Der Ablauf in seinen Hauptteilen

Abend- und Morgenweihrauch haben denselben Aufbau. Sie unterscheiden sich vor allem im stillen Weihrauchgebet, in den Litaneien und in den Gebeten der Gemeinde.15

Tabelle 19 · Der Ablauf des Abend- und Morgenweihrauchs
Nr. Teil Was geschieht
1 Eröffnung Der Priester öffnet den Vorhang des Heiligtums; Vaterunser; er wirft sich vor dem Heiligtum nieder und bittet die anderen Priester und die Diakone um Vergebung.
2 Danksagungsgebet Die Kirche beginnt jedes Gebet mit Dank an Gott.
3 Stilles Weihrauchgebet Während die Gemeinde die Zimbelstrophen singt, die zum Klang der Zimbeln gesungen werden, legt der Priester fünf Löffel Weihrauch ein und betet still das Gebet des Abend- oder Morgenweihrauchs; dann geht er dreimal um den Altar und betet still die drei kleinen Gebete für den Frieden, für die Väter und für die Versammlungen.
4 Weihrauch vor dem Heiligtum An der Schwelle des Heiligtums bringt der Priester Weihrauch nach Osten dar, dann nach Norden für die Gottesgebärerin, nach Westen zum Volk und nach Süden für Johannes den Täufer.
5 Litaneien Abends das Gebet für die Entschlafenen; morgens das Gebet für die Kranken und – je nach Tag – für die Reisenden oder für die Opfergaben; am Samstagmorgen in der Regel für die Entschlafenen.
6 Weihrauchumgang Der Priester bringt Weihrauch für die Priester und für das ganze Volk dar und geht dabei durch die ganze Kirche; die Gläubigen bitten still um Vergebung.
7 Rückkehrgebet Zurück am Altar betet der Priester still für das Bekenntnis seines Volkes.
8 Gebete der Gemeinde Während des Umgangs betet die Gemeinde abends „Gewähre uns, o Herr“, morgens den Lobpreis der Engel (Gloria); dann das Trishagion, das Dreimalheilig, und den Gruß an die heilige Maria „Gegrüßt seist du!“.
9 Doxologien und Glaubensbekenntnis Die Gemeinde singt die Doxologien (Lobpreisgesänge) und bekennt den Glauben der Kirche.
10 Gott, erbarme dich Mit dem Kreuz und drei brennenden Kerzen in der Hand segnet der Priester das Volk und betet „Gott, erbarme dich unser“ („Efnouti nai nan“).
11 Evangelium Evangeliumsgebet, Umgang um den Altar mit dem Gebet des Simeon (Lk 2:29⁠–⁠32), Psalm und Evangelium.
12 Fünf kleine Bittgebete Kurze Gebete für den Frieden, die Väter, den Ort, je nach Jahreszeit für die Gewässer, die Saaten oder die Früchte, und für die Versammlungen; oft betet sie der Priester still.
13 Absolutionen Die Absolutionen sind drei Gebete um Vergebung an den Sohn; das dritte ist die Absolution des Sohnes; alle neigen das Haupt. Dann küssen die Gläubigen Kreuz und Evangeliar.
14 Schluss Abschlusshymne, Abschlusssegen und Entlassung.

Die Litaneien: Die Kirche betet für alle

In den Litaneien betet die Kirche wie eine Mutter für ihre Kinder. Am Abend, wenn der Tag zu Ende geht, gedenkt sie der Entschlafenen und betet für sie, „damit Christus, unser Gott, ihren Seelen im Paradies der Freude ewige Ruhe schenke“.16 Am Samstagmorgen betet sie in der Regel ebenfalls für die Entschlafenen. An den übrigen Morgen betet sie für die Kranken: „Pflege sie mit Barmherzigkeit und Gnade, heile sie.“17 Werktags gedenkt sie dann der Reisenden, an Sonntagen, an Herrenfesten und vor einer Göttlichen Liturgie derer, die Gaben für die Kirche gebracht haben.18 Wer am Abend- und Morgenweihrauch teilnimmt, lernt, nicht nur für sich zu beten.

Die Lesungen

Im Weihrauch hört die Gemeinde das Wort Gottes: einen Psalm und das Evangelium, nach der Ordnung des Katameros. Der Diakon ruft: „Steht auf in Ehrfurcht vor Gott, um das hl. Evangelium zu hören.“19 Wie die Lesungen der Göttlichen Liturgie geordnet sind, beschreibt Buch 1, Kapitel 8 („Die Göttliche Liturgie – Aufbau und Lesungen“).

Das stille Weihrauchgebet

Der Wortlaut

Das Herzstück ist das stille Gebet, das der Priester über dem Weihrauch spricht. Am Abend richtet er es an Christus selbst, das wahre Opfer:

„O Christus, unser großer, furchterregender, wahrer Gott, eingeborener Sohn und Gotteswort des Vaters. Hingegossenes Salböl ist Dein heiliger Name. Überall wird Deinem heiligen Namen Weihrauch geopfert als reines, aufsteigendes Opfer. Wir bitten Dich, unser Herr, nimm Dich unserer Bitten an. Wie ein Rauchopfer steige unser Gebet vor Dir auf. Als Abendopfer gelte vor Dir, wenn wir unsere Hände erheben. Denn Du bist das wahre Abendopfer der Du Dich als Opfer an dem ehrbaren Kreuz wegen unserer Sünden hingegeben hast …“20

Am Morgen betet er:

„O Gott, der du die Opfergaben des rechtschaffenen Abel, das Schlachtopfer Noahs und Abrahams und den Weihrauch Aarons und Zacharias angenommen hast, nimm Dich dieses Weihrauchs aus den Händen von uns Sündern an als Rauchduft zur Vergebung unserer Sünden mit Deinem übrigen Volk.“21

Beide Gebete zeigen den Sinn des Weihrauchs: Er ist Gebet, das zu Gott aufsteigt, und Bitte um Vergebung. Das eigentliche Opfer aber ist Christus, „das wahre Abendopfer“.

Die fünf Löffel Weihrauch

Bevor er betet, legt der Priester fünf Löffel Weihrauch in das Weihrauchgefäß. Dreimal segnet er dabei den Weihrauch mit dem Kreuzzeichen und preist den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.22 So wird der Weihrauch dem einen heiligen Gott dargebracht, nicht Götzen oder fremden Göttern, wie es bei Maleachi heißt: an jedem Ort wird seinem Namen ein Rauchopfer dargebracht (Mal 1:11).23 Die fünf Löffel deutet die Kirche auf fünf Gerechte der Heiligen Schrift, die Gott ein wohlgefälliges Opfer darbrachten.24

Warum der Weihrauch kein Sakrament ist

Die Kirche kennt sieben Sakramente: Taufe, Myronsalbung, Eucharistie, Buße und Beichte, Ehe, Krankensalbung und Priestertum.25 In jedem Sakrament (Mysterium) wirkt Gott durch das Wort Gottes, das Gebet und sichtbare Gaben wie Wasser, Öl, Brot und Wein; der Heilige Geist gebraucht „das Sichtbare, um den unsichtbaren Segen zu schenken“.26 Der Abend- und Morgenweihrauch gehört nicht dazu. Er ist ein Gottesdienst des Gebets und der Vorbereitung, und sein Name lautet „Emporhebung des Abend- bzw. Morgenweihrauchs“.

Warum spricht man dann manchmal vom „Sakrament“ des Weihrauchs? Das stille Gebet des Priesters über dem Weihrauch heißt im Arabischen sirr; in englischen Büchern steht dafür „mystery“. Gemeint ist das leise, nur vom Priester gesprochene Gebet. So steht es auch im Euchologion: „Beim Abendweihrauchopfer spricht der Priester still das Gebet des Abendweihrauchopfers an den Sohn.“27 Weil dasselbe Wort auch „Sakrament“ bedeutet, nennen manche Bücher dieses Gebet „Sakrament des Weihrauchs“; gemeint ist dann das Geheimnis, das leise Gebet des Priesters. Es ist also das stille Weihrauchgebet – ein Gebet, nicht eines der sieben Sakramente.

Sühne allein durch Christus

Im Morgengebet bittet der Priester, Gott möge den Weihrauch annehmen „zur Vergebung unserer Sünden“. Das heißt nicht, dass der Weihrauch die Sünden tilgt. Sühne für unsere Sünden gibt es allein durch Christus: „Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1. Joh 2:2). „… durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt“ (Hebr 10:14). Christus hat uns geliebt und „sich für uns hingegeben … als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt“ (Eph 5:2b). Der Katechismus sagt: „Unsere Opfergaben und Gebete sind wohlgefällig, weil sie durch das Opfer Christi dargebracht werden.“28

Der Weihrauch ist Gebet um Vergebung. Geht der Priester mit dem Weihrauch an einem Gläubigen vorbei, betet dieser still: „Bitte mein Herr Jesus Christus, vergib mir meine Sünden, die, die ich weiß und die, die ich nicht weiß.“29 Zurück am Altar betet der Priester das Rückkehrgebet: „o Gott, der Du die Reue des Diebes am ehrwürdigen Kreuz angenommen hast, nimm auch die Reue Deines Volks an, vergib ihnen allen ihre Sünden um Deines heiligen Namens willen“ (vgl. Lk 23:42⁠–⁠43).30 Am Ende spricht er die Absolution des Sohnes, die sich an Christus richtet: „O Meister und Herr Jesus Christus, … der Du alle Ketten unserer Sünden zerbrochen hast durch Dein lebensspendendes, erlösendes Leiden“.31 Papst Schenouda III. sagt dazu: „Der Priester ist nicht die Quelle der Vergebung, sondern ist der, der die Vergebung mitteilt. … Die Vergebung geschieht durch Gott; der Priester ist nur sein Verwalter.“32

War Weihrauch nicht heidnisch?

Die Frage verdient eine ehrliche Antwort. Ja, auch die Heiden verbrannten Weihrauch: als Opfer für ihre Götter und für die Geister der Verstorbenen, zur Ehrung des Kaisers, zur Austreibung böser Geister und bei ihren Festen. Der Katechismus berichtet, dass frühe christliche Schriftsteller den Weihrauch im öffentlichen Gottesdienst kritisierten, „weil er ein wesentliches Opfer im heidnischen Gottesdienst darstellte“. Und: „Jeder Christ, der sich weigerte, den Götzen Weihrauch darzubringen, wurde zum Tod verurteilt.“33

Beispiel

Der Diakon Timotheus. Das Synaxarium erzählt vom heiligen Timotheus, einem Diakon im Bezirk von Ansena, zur Zeit der Verfolgung unter Kaiser Diokletian. Der Statthalter befahl ihm, die Bücher der Kirche zum Verbrennen herbeizuschaffen und den Götzen Weihrauch zu opfern. Timotheus weigerte sich und sagte von den Büchern der Kirche: „Kann etwa ein Vater seine eigenen Kinder eigenhändig einem mörderischen Feind ausliefern?“ Auch den Götzen Weihrauch zu opfern, lehnte er ab, selbst unter der Folter. Er und seine Frau Mora blieben standhaft und empfingen die Krone des Martyriums.34 Der Weihrauch an sich war nicht das Problem. Es ging darum, wem man ihn darbringt.

Daraus ergibt sich die Antwort:

  1. Gott selbst hat den Weihrauch geboten, lange bevor es die Kirche gab (Ex 30:1⁠–⁠10). Der Weihrauch der Kirche kommt aus der Heiligen Schrift, nicht aus dem Heidentum.
  2. Entscheidend ist, wem er gilt. Die Märtyrer verweigerten den Götzen den Weihrauch und gaben dafür ihr Leben. Als Opfer und Anbetung bringt die Kirche den Weihrauch allein dem wahren Gott dar; darum macht der Priester das Kreuzzeichen über den Weihrauch, bevor er ihn einlegt. Wenn er vor den Ikonen räuchert, ehrt er die Heiligen um Gottes willen; er betet sie nicht an. Auf den Einwand, wer die Heiligen um ihre Fürbitte anrufe, bete zu ihnen, antwortet Papst Schenouda III.: „Das stimmt nicht, wir beten die Heiligen nicht an, sondern wir bitten die Heiligen um deren Fürsprache beim Herrn.“35
  3. Die Propheten haben es angekündigt. Bei allen Völkern sollte dem Namen Gottes ein Rauchopfer dargebracht werden (Mal 1:11).
  4. Der Himmel selbst kennt den Weihrauch. Der Engel bringt die Gebete der Heiligen mit dem Weihrauch vor Gott (Offb 8:3⁠–⁠4).
  5. Es geht um das Gebet. Schon der heilige Clemens von Alexandrien hielt den Heiden entgegen, was der wahre Weihrauch der Christen ist:
Aus den Vätern

… auch das Opfer der Kirche ist eine Rede, die von den heiligen Seelen wie Rauch aufsteigt, wobei zugleich mit dem Opfer auch die ganze Gesinnung Gott enthüllt wird. … wenn aber wir sagen, dass ein wahrhaft heiliger Altar die gerechte Seele und der von ihr aufsteigende Weihrauch das fromme Gebet sei, da wollen sie es uns nicht glauben?36

– Hl. Clemens von Alexandrien, Teppiche (Stromateis), Buch VII, 32,4⁠–⁠5

Einem Kind kann man es so sagen: „Den Weihrauch hat Gott selbst Mose gezeigt, lange bevor Jesus geboren wurde. Früher haben andere Völker ihn ihren Göttern gebracht – wir beten mit dem Weihrauch nur den einen wahren Gott an; vor den Ikonen ehren wir die Heiligen. Und im Himmel steigen mit dem Weihrauch unsere Gebete zu Gott auf.“

Für den Dienst

Kinderfragen beantworten. Neben „War Weihrauch nicht heidnisch?“ fragen Kinder oft: „Warum geht Abuna mit dem Weihrauch durch die Kirche?“ Antworte mit dem Katechismus: Die Umgänge des Priesters sammeln die Gebete der ganzen Gemeinde und vereinen sie mit denen der Heiligen; dann bringt er sie zum Heiligtum zurück.37 So wird sichtbar, was die Offenbarung zeigt (Offb 8:3⁠–⁠4).

Zum Abendweihrauch einladen. Viele Kinder und Jugendliche kennen nur die Göttliche Liturgie am Sonntag. Lade sie ein, einmal zum Abendweihrauch zu kommen, und nenne vorher drei Dinge, auf die sie achten sollen: die fünf Löffel, den Weihrauchumgang durch die Kirche und den Segen mit dem Kreuz und den drei Kerzen.

Den Dienst der Jungen begleiten. Jungen, die im Diakonenchor dienen, sehen aus der Nähe, wie der Diakon dem Priester das Weihrauchgefäß reicht.38 Erkläre ihnen: Wer beim Weihrauch dient, dient dem Gebet der ganzen Gemeinde.

Für dich selbst. Wenn der Priester mit dem Weihrauch an dir vorübergeht, ist das ein Augenblick für das stille Gebet um Vergebung, das die Kirche dafür kennt, oder für die Worte des Zöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18:13b). Lehre auch die Kinder, in diesem Augenblick still um Vergebung zu bitten. Und am Abend kannst du mit dem Psalm sprechen: „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf“ (Ps 141:2a; LXX 140).

Das Wichtigste in Kürze

  • Gott selbst hat den Weihrauch angeordnet: Auf dem Rauchopferaltar sollte Aaron morgens und abends Räucherwerk verbrennen (Ex 30:1⁠–⁠10). Maleachi kündigt Rauchopfer bei allen Völkern an (Mal 1:11), die Offenbarung zeigt den Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen im Himmel (Offb 5:8; 8:3⁠–⁠4).
  • Der Weihrauch bedeutet Gegenwart Gottes, Gebet als Liebesopfer, Reinigung und Ehre; das brennende Korn erinnert an die Hingabe des eigenen Lebens.
  • Das Weihrauchgefäß deutet der Katechismus auf die Gottesgebärerin, die das „wahre lebendige Kohlenfeuer“ trug, die drei Ketten auf die Heilige Dreifaltigkeit.
  • Hauptteile des Abend- und Morgenweihrauchs: Danksagungsgebet, stilles Weihrauchgebet mit dem Umgang um den Altar, Litaneien, Weihrauchumgang durch die Kirche, Rückkehrgebet, Gebete der Gemeinde, Glaubensbekenntnis, Segen mit Kreuz und drei Kerzen, Psalm und Evangelium, fünf kleine Bittgebete, Absolutionen, Schlusssegen.
  • Der Weihrauch ist kein Sakrament; arabisch sirr bezeichnet hier das stille Gebet des Priesters. Der Gottesdienst heißt „Emporhebung des Abend- bzw. Morgenweihrauchs“.
  • Sühne gibt es allein durch Christus; der Weihrauch ist Gebet um Vergebung.
  • Weihrauch ist nicht heidnisch: Gott hat ihn geboten, und als Opfer und Anbetung bringt die Kirche ihn allein dem wahren Gott dar, wie die Märtyrer es bezeugten; vor den Ikonen ist er Ehrerweis, keine Anbetung.

Zum Weiterlesen

  • Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4 „Weihrauch“.
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 649⁠–⁠652 und Fr. 670⁠–⁠673.
  • Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 7.4.
  • Synaxarium, 5. Hatur: Das Martyrium des heiligen Timotheus (S. 107⁠–⁠108).
  • Die göttlichen Liturgien der koptischen Kirche, Wien 2009, „Emporhebung des Abend- und Morgenweihrauchs“ (S. 65⁠–⁠119); Die stillen Gebete in den koptischen Liturgien, Koptisch-Orthodoxe Kirche in Österreich, 2022, S. 20⁠–⁠27.
  • Das heilige Euchologion der koptisch-orthodoxen Kirche, Kröffelbach 2022, Kap. 1 „Emporhebung des Abend- und des Morgenweihrauchopfers“ (S. 2⁠–⁠189).

Anmerkungen

  1. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4, Nr. 4.↑

  2. Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4, Nr. 12.↑

  3. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4, Nr. 8.↑

  4. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 650.↑

  5. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 650.↑

  6. Vgl. ebd., Fr. 649.↑

  7. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.4, „Geistige Bedeutungen und Kontemplation des Weihrauches“; „er“ meint dort den „Weihrauchpartikel“.↑

  8. Vgl. ebd., Nr. 15⁠–⁠16.↑

  9. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 651⁠–⁠652; Euchologion, S. 20, Anmerkung 42.↑

  10. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 651.↑

  11. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.1.↑

  12. Euchologion, S. 2.↑

  13. Vgl. Die sieben Sakramente, S. 71.↑

  14. Ebd., S. 69.↑

  15. Vgl. Die göttlichen Liturgien, S. 65⁠–⁠119; Die sieben Sakramente, S. 70⁠–⁠72.↑

  16. Die göttlichen Liturgien, S. 78.↑

  17. Ebd., S. 83; zur Ordnung der Tage Euchologion, S. 34 und 42.↑

  18. Vgl. Euchologion, S. 48 und 52.↑

  19. Die göttlichen Liturgien, S. 101.↑

  20. Die stillen Gebete, S. 21; vgl. Hld 1:3; Mal 1:11; Ps 141:2 (LXX 140).↑

  21. Ebd., S. 22.↑

  22. Euchologion, S. 14 und 20⁠–⁠22.↑

  23. Vgl. Bischof Anba Mettaous, The Spirituality of the Rites of the Holy Liturgy in the Coptic Orthodox Church, S. 25.↑

  24. Vgl. ebd., S. 25⁠–⁠26.↑

  25. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 673.↑

  26. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 671.↑

  27. Euchologion, S. 22; die Überschrift lautet dort „Stilles Gebet des Abendweihrauchopfers“.↑

  28. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 649.↑

  29. Die sieben Sakramente, S. 70.↑

  30. Die göttlichen Liturgien, S. 91.↑

  31. Ebd., S. 115.↑

  32. Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 7.4, Nr. 31.↑

  33. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 649.↑

  34. Synaxarium, 5. Hatur, Das Martyrium des heiligen Timotheus, S. 107⁠–⁠108.↑

  35. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.10.↑

  36. Clemens von Alexandrien, Teppiche (Stromateis), Buch VII, 32,4⁠–⁠5. „Sie“ sind die Griechen, die ihren alten Altar auf Delos als heilig rühmten.↑

  37. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 649.↑

  38. Vgl. Die göttlichen Liturgien, S. 192.↑

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