Thema 11 · Vortrag 2
Heilsgeschichte im Überblick und Urgeschichte
Die Bünde Gottes und Genesis 1–11
18 Min. LesezeitDas Alte Testament I
Lernziele
- Die Bundesschlüsse Gottes mit Noach, Abraham, Mose und David und das Protoevangelium (Gen 3:15) als Teile der einen Heilsordnung nennen.
- Die Urgeschichte (Gen 1–11) sachlich richtig erzählen und ihren Glaubenskern erklären.
Schlüsselbegriffe
Heilsordnung · Bund · Protoevangelium · Urgeschichte · Ebenbild · Erbsünde · Arche
Bibelstellen
Hebr 1:1–2; Gen 1:1; Gen 1:26–27; Gen 1:31; Gen 2:2–3; Gen 2:15–17; 2. Makk 7:28; Gen 3:9; Gen 3:15; Gen 3:21; Röm 5:12; Gen 4:3–9; Hebr 11:4; Gen 6:5–8; Gen 6:14–16; Gen 7:2–3; Gen 9:8–13; 1. Petr 3:20–21; Gen 11:1–9; Apg 2:6; Gen 12:1–3; Gen 17:10–11; Ex 19:5–6; Ex 24:7–8; 2. Sam 7:16; Ps 89:4–5; Jer 31:31–33; Lk 22:20; Gal 3:16; Kol 2:11–12
Inhalt
Die Bibel ist keine Sammlung einzelner Geschichten, sondern erzählt eine einzige Geschichte: wie Gott den Menschen erschafft, ihn nach dem Fall nicht aufgibt und ihn Schritt für Schritt zum Heil in Christus führt. Ihre Wegmarken sind die Bünde, die Gott mit den Menschen geschlossen hat. Am Anfang stehen die ersten elf Kapitel der Bibel, die Urgeschichte: Schöpfung, Sündenfall, Kain und Abel, Noach und die Arche, der Turm von Babel. Gerade diese Geschichten erzählst du in der Sonntagsschule und in der Familie oft schon den Kleinsten. Darum sollst du genau wissen, was in der Schrift steht, was sie über Gott und den Menschen lehrt und wo spätere Ausschmückungen beginnen.
Die Heilsgeschichte im Überblick
Der Hebräerbrief fasst die ganze Bibel in einem Satz zusammen: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1:1–2). Das Alte Testament ist die Zeit der Vorbereitung, Christus ist die Erfüllung. Die Übersicht zeigt die großen Abschnitte der Heilsgeschichte; jeder wird in einem eigenen Thema vertieft.
| Abschnitt | Bücher (Auswahl) | Inhalt | Thema |
|---|---|---|---|
| Urgeschichte | Gen 1–11 | Schöpfung, Fall, Kain und Abel, Noach, Babel | Thema 11 |
| Die Väter Israels | Gen 12–50 | Abraham, Isaak, Jakob, Josef | Thema 11 |
| Auszug, Sinai und Wüste | Ex, Lev, Num, Dtn | Mose, Pascha, Bund am Sinai, Gesetz | Thema 12 |
| Landnahme und Richter | Jos, Ri, Rut | Josua, die Richter, Rut | Thema 12 |
| Könige und Propheten | 1.–2. Sam, 1.–2. Kön, 1.–2. Chr; Prophetenbücher | Saul, David, Salomo, das geteilte Reich, Elija, Jesaja, Jeremia | Thema 13 |
| Exil und Heimkehr | 2. Kön 25; Esra, Neh; Prophetenbücher | Verbannung nach Babylon, Rückkehr, neuer Tempel | Thema 13 |
| Bewahrung in Bedrängnis | Tob, Jdt, Est, Dan, 1.–2. Makk; Weisheitsbücher | Treue zum Gesetz unter fremder Herrschaft, die Makkabäer | Thema 14 |
| Jesus Christus | Evangelien | Menschwerdung, Wirken, Kreuz und Auferstehung | Thema 15 |
| Die Kirche | Apg bis Offb | Pfingsten, die Apostel, die Vollendung | Thema 15 |
Die Themen der Übersicht: Thema 11 („Das Alte Testament I“), Thema 12 („Das Alte Testament II“), Thema 13 („Das Alte Testament III“), Thema 14 („Das Alte Testament IV“) und 15 („Das Neue Testament im Überblick“).
Diese Abschnitte sind keine voneinander getrennten Zeitalter mit verschiedenen Wegen des Heils. Es ist ein einziger Plan Gottes, den die Kirche Heilsordnung nennt: Gott handelt immer als derselbe, er bereitet vor, verheißt und erfüllt. Darum lesen wir das Alte Testament mit Christus als Mitte, wie du es in Thema 10 („Die Schrift lesen und auslegen“) gelernt hast.
Die Bünde Gottes – eine Heilsordnung
Ein Bund ist in der Schrift eine Gemeinschaft, die Gott aus freier Liebe stiftet. Er geht von Gott aus, enthält seine Verheißung und eine Antwort, die er vom Menschen erwartet, und wird oft durch ein Zeichen bestätigt.
Die erste Verheißung: das Protoevangelium
Schon nach dem Sündenfall, bevor von einem Bund die Rede ist, verheißt Gott den Sieg über das Böse. Er spricht zur Schlange:
Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.
Protoevangelium, „erste frohe Botschaft“, nennt die Kirche Gottes Wort an die Schlange in Gen 3:15, die erste Verheißung des Erlösers.
Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erklärt: Gott „kündigte … an, dass der Erlöser von einer Frau geboren werden würde“, und weiter: „Der Erlöser wurde von einer Frau geboren und zerschmetterte den Kopf der Schlange. Obwohl Satan Christus bis zum Kreuz nachstellte, zerschmetterte der Herr Christus seinen Kopf, indem er von den Toten auferstand und die Seelen der Gerechten aus dem Hades befreite.“1 Die Frau, von der der Erlöser geboren wird, ist die heilige Jungfrau Maria, die Gottesgebärerin (Theotokos).
Die großen Bundesschlüsse
Der heilige Irenäus, einer der frühesten Lehrer der Kirche, sieht in seinem Werk gegen die Häresien, die Irrlehren seiner Zeit, in den Bünden Gottes Stufen der einen Heilsordnung, die im Evangelium ihre Vollendung finden:
Viergestaltig die Tiere, viergestaltig das Evangelium, viergestaltig die Heilsordnung des Herrn. Daher also wurden auch vier allgemeine Bündnisse der Menschheit gegeben, das erste nach der Sintflut mit Noe bei dem Regenbogen, das zweite mit Abraham unter dem Zeichen der Beschneidung, das dritte bei der Gesetzgebung durch Moses, das vierte, das den Menschen erneuert und in sich alle zusammenfasst, in dem die Menschen erhoben und zu dem himmlischen Reich emporgetragen werden, ist das Evangelium unseres Herrn Jesu Christi.2
Mit dem Bund mit David richtet sich die Verheißung auf den Messias, den Sohn Davids.
| Bund | Stelle | Verheißung | Zeichen |
|---|---|---|---|
| mit Noach | Gen 9:8–17 | „Nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben“ (Gen 9:11) | der Bogen in den Wolken (Gen 9:13) |
| mit Abraham | Gen 12:1–3; 15; 17 | Land, Nachkommen und Segen: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12:3) | die Beschneidung (Gen 17:10–11) |
| mit Mose am Sinai | Ex 19:5–6; 24:7–8 | Israel wird Gottes „besonderes Eigentum“, „ein Reich von Priestern“ (Ex 19:5–6) | das Gesetz und „das Blut des Bundes“ (Ex 24:8) |
| mit David | 2. Sam 7:12–16 | „dein Thron soll auf ewig Bestand haben“ (2. Sam 7:16) | kein eigenes Zeichen; die Verheißung selbst |
| der Neue Bund | Jer 31:31–33; Lk 22:20 | „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz“ (Jer 31:33) | das Blut Christi: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut“ (Lk 22:20); die Taufe |
Noach. Nach der Flut schließt Gott einen Bund mit Noach, seinen Nachkommen „und mit allen Lebewesen“ (Gen 9:9–10). Dieser Bund gilt der ganzen Menschheit: Gott erhält die Welt, damit er sie retten kann.
Abraham. Gott beruft Abraham und verheißt ihm drei Dinge: ein Land („Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land“, Gen 12:7), zahlreiche Nachkommen („Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne“, Gen 15:5) und Segen für alle Völker (Gen 12:3). Paulus zeigt, wer der eine Nachkomme ist, in dem sich die Verheißung erfüllt: „das aber ist Christus“ (Gal 3:16). Das Zeichen des Bundes ist die Beschneidung (Gen 17:11); ihr entspricht im Neuen Bund die Taufe: „In ihm habt ihr eine Beschneidung empfangen, die man nicht mit Händen vornimmt … Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt“ (Kol 2:11–12).
Mose. Am Sinai wird aus den Nachkommen Abrahams das Volk des Bundes. Das Volk antwortet: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen.“ Und Mose besprengt es mit Blut und sagt: „Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat“ (Ex 24:7–8). Das Gesetz zeigt Israel den Willen Gottes und erzieht es auf Christus hin (Gal 3:24).
David. Gott verheißt David durch den Propheten Natan: „Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben“ (2. Sam 7:16). Der Psalm singt: „Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David, meinem Knecht, geschworen“ (Ps 89:4; LXX 88). Kein irdisches Königreich besteht ewig; die Verheißung erfüllt sich in Christus, dem Sohn Davids, dessen Reich kein Ende hat (Lk 1:32–33).
Der Neue Bund. Jeremia verheißt einen neuen Bund, „nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe“ (Jer 31:32). Beim letzten Abendmahl stiftet der Herr ihn: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22:20). In diesen Bund treten wir durch die Taufe ein, und in der Göttlichen Liturgie empfangen wir seinen Leib und sein Blut. Die Bünde des Alten Testaments sind nicht aufgehoben, sondern erfüllt: Was Gott Noach, Abraham, Mose und David verheißen hat, schenkt er in Christus.
Gott hat mit Noach, Abraham, Mose und David Bünde geschlossen und schon nach dem Fall den Erlöser verheißen (Gen 3:15). Diese Bünde sind keine getrennten Heilswege, sondern Stufen der einen Heilsordnung Gottes, die im Neuen Bund in Christus erfüllt ist.
Die Urgeschichte (Gen 1–11)
Die Schöpfung (Gen 1–2)
Die Bibel beginnt mit dem Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1:1). Die Mutter der sieben Brüder im zweiten Makkabäerbuch sagt es ihrem jüngsten Sohn ausdrücklich: „Gott hat das aus dem Nichts erschaffen“ (2. Makk 7:28). Der heilige Athanasius lehrt, Gott habe „durch seinen Logos alle Dinge aus dem reinen Nichts ins Dasein gerufen“.3 Das Johannesevangelium sagt dasselbe vom Wort, griechisch Logos: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1:3).
Gen 1 ordnet das Werk Gottes in sechs Tage: am ersten Tag das Licht, am zweiten das Gewölbe, das Gott Himmel nennt, am dritten das Meer, das trockene Land und die Pflanzen, am vierten die Lichter am Himmelsgewölbe, „die beiden großen Lichter … auch die Sterne“, am fünften die Lebewesen im Wasser und die Vögel, am sechsten die Tiere des Landes und zuletzt den Menschen (Gen 1:3–31).
Die Schöpfung ist gut: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1:31a). Ihr Höhepunkt ist der Mensch: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1:27). Die Kirche spricht vom Ebenbild Gottes: Der Mensch ist mit Vernunft und freiem Willen zur Gemeinschaft mit Gott bestimmt. Athanasius sagt, Gott habe die Menschen „nach seinem Bilde“ gemacht und ihnen „von der Kraft seines eigenen Logos“ mitgeteilt, damit sie „vernünftig geworden, in seligem Zustand verbleiben könnten“.4 Gott setzt den Menschen in den Garten Eden, „damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2:15b): Herrschaft über die Schöpfung heißt Verantwortung, nicht Ausbeutung. Am siebten Tag ruht Gott, „und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig“ (Gen 2:3).
Wie sollen wir diese Kapitel lesen? Der heilige Basilius der Große hat in der Fastenzeit über die sechs Schöpfungstage gepredigt; diese Predigten (Homilien) heißen nach dem griechischen Wort für das Sechstagewerk Hexaemeron. Er beginnt damit, dass die Welt „als ein Werk, das in Gott seine Ursache hat“, erzählt wird.5 Und er erklärt, warum Mose nicht über die Gestalt der Erde oder die Ursache der Mondfinsternis schreibt:
Wenn er nun das, was für uns belang- und nutzlos ist, verschwiegen hat, soll ich deshalb die Offenbarungen des Geistes geringer werten als die törichte Weltweisheit? Oder soll ich nicht vielmehr den preisen, der unsern Geist mit eitlen Dingen verschonen wollte und nur das aufschreiben ließ, was zur Erbauung und Läuterung unserer Seelen dient?6
Den Glaubenskern fasst dieser Merksatz zusammen:
Gott hat Himmel und Erde aus dem Nichts erschaffen; der Mensch ist sein Ebenbild mit geistiger Seele; der Fall Adams ist geschichtlich. Die Heilige Schrift irrt nicht; sie ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft, sondern spricht nach dem Augenschein und will das Heil lehren (Basilius, Hexaemeron 9,1). Naturwissenschaftliche Theorien über den Anfang des Weltalls, etwa die Urknalltheorie, widersprechen dem Glauben an die Schöpfung aus dem Nichts nicht. Ein Weltbild ohne Gott lehnt der Glaube ab. Die Dauer der Schöpfungstage bleibt offen.
Die Fragen von Glaube und Naturwissenschaft vertieft Thema 42 („Glaube und Vernunft“), die Lehre von der Schöpfung Thema 22 („Schöpfung, Fall und Erlösung“).
Der Sündenfall (Gen 3)
Gott gibt dem Menschen ein einziges Gebot: „doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2:17). Die Schlange sät Misstrauen gegen Gott: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott“ (Gen 3:4–5). Die Frau nimmt von der Frucht, „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Gen 3:6b). Beide tragen Verantwortung; Gott ruft zuerst Adam: „Wo bist du?“ (Gen 3:9b).
Achte auf das, was Gott nach dem Fall tut. Er sucht den Menschen. Er verheißt den Erlöser (Gen 3:15). Er bekleidet die Menschen: „Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit“ (Gen 3:21). Die Folgen der Sünde sind ernst – Mühe, Schmerz, Tod und die Trennung vom Garten (Gen 3:16–24) –, aber Gott gibt den Menschen nicht auf. Der heilige Athanasius sagt darum, dass die Menschwerdung des Wortes mit unserem Fall zusammenhängt: „Wir sind die Ursache seiner Verkörperung. Und um unseres Heiles willen offenbarte er seine Menschenliebe, wollte in einem menschlichen Leibe geboren werden und erscheinen.“7
Was der Fall für alle Menschen bedeutet, fasst dieser Merksatz zusammen:
Durch den Ungehorsam Adams ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod (Röm 5:12). Die ganze Menschheit hat von Adam die Erbsünde geerbt: die Trennung von Gott, die Verderbnis der Natur und die Verurteilung zum Tod. Die Sünde Adams ist für uns nicht eine von uns begangene (tatsächliche) Sünde; wir tragen aber ihre Folgen. In der Taufe werden wir von der Erbsünde befreit und neu geboren.
Das Bild Gottes im Menschen ist durch den Fall entstellt; in Christus wird es erneuert. Athanasius vergleicht den Menschen mit einem Bild auf Holz, das „durch den Schmutz von außen unkenntlich geworden ist“: Damit es erneuert werden kann, muss der Dargestellte selbst wiederkommen – und so kam der Sohn, das Bild des Vaters.8
Kain und Abel (Gen 4)
„Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht“ (Gen 4:3–5). Warum? Nicht weil Tiere besser wären als Früchte. Der Hebräerbrief nennt den Grund: „Aufgrund des Glaubens brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain“ (Hebr 11:4). Entscheidend ist das Herz, mit dem man gibt. Gott warnt Kain noch: „wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!“ (Gen 4:7). Kain hört nicht und erschlägt seinen Bruder. Auf Gottes Frage antwortet er: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4:9). Danach schenkt Gott Adam und Eva einen anderen Sohn, Set, „für Abel“ (Gen 4:25); aus seiner Linie kommt Noach (Gen 5).
Die Kirche gedenkt Abels bis heute. Beim Morgenweihrauch betet der Priester still: „O Gott, der du die Opfergaben des rechtschaffenen Abel, das Schlachtopfer Noahs und Abrahams und den Weihrauch Aarons und Zacharias angenommen hast …“9
Noach und die Arche (Gen 6–9)
Die Menschen werden immer böser: „Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war“ (Gen 6:5). Die Schrift sagt, es „reute“ den Herrn (Gen 6:6); sie spricht damit in menschlicher Sprache vom Schmerz Gottes über die Sünde, nicht davon, dass Gott sich irrt. „Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn“ (Gen 6:8).
Gott gibt Noach genaue Anweisungen: eine Arche, „dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch“, mit einem Dach, einem Eingang an der Seite und drei Stockwerken (Gen 6:15–16); die Elle ist ein altes Längenmaß. Von den Tieren soll er „je zwei“ mitnehmen (Gen 6:19); genauer heißt es: „Von allen reinen Tieren nimm dir je sieben Paare mit und von allen unreinen Tieren je ein Paar, auch von den Vögeln des Himmels je sieben Männchen und Weibchen“ (Gen 7:2–3). Der Regen fällt „vierzig Tage und vierzig Nächte“ (Gen 7:12), das Wasser schwillt „hundertfünfzig Tage lang“ an (Gen 7:24), und die Arche setzt „im Gebirge Ararat“ auf (Gen 8:4). Danach baut Noach einen Altar und bringt Gott ein Opfer dar (Gen 8:20), und Gott schließt mit ihm den Bund mit dem Regenbogen als Zeichen (Gen 9:8–13).
Die Arche ist ein Bild der Kirche und der Taufe. Der erste Petrusbrief sagt: In ihr „wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet“ (1. Petr 3:20–21). Der heilige Cyprian von Karthago schreibt über die Kirche: „Wenn irgendeiner zu entrinnen vermochte, der außerhalb der Arche Noes war, nur dann mag auch einer entkommen, der draußen, außerhalb der Kirche steht.“10
Cyprian ermahnt damit Christen, die die Einheit der Kirche verlassen wollten. Für das Heil anderer Menschen gilt: Wir geben treu weiter, was wir aus der Heiligen Schrift und der Überlieferung als notwendig für unser Heil empfangen haben – den Glauben an Christus, die Taufe (Joh 3:5; Mk 16:16) und das Leben in seiner Kirche (Apg 2:42.47). Wer in den Himmel kommt, entscheiden nicht wir, und wir richten nicht darüber; das Urteil über jeden Menschen gehört allein Gott (1. Kor 5:13a; Jak 4:12).
Der Turm von Babel (Gen 11)
Nach der Flut haben die Menschen „die gleiche Sprache“. Im Land Schinar sagen sie: „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen“ (Gen 11:4). Ihr Ziel ist der eigene Ruhm ohne Gott. Gott verwirrt ihre Sprache und zerstreut sie; darum nannte man die Stadt „Babel (Wirrsal)“ (Gen 11:9). Das Gegenbild steht am Pfingsttag: Als der Heilige Geist kommt, ist die Menge bestürzt, denn „jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ (Apg 2:6). Was in Babel zerbrach, führt der Geist in der Kirche wieder zusammen.
Fakten und Deutung unterscheiden
Über die Urgeschichte wird viel erzählt, was nicht in der Bibel steht. Halte drei Ebenen auseinander:
- Was die Schrift sagt. Lies den Text selbst. Zum Beispiel: Die Arche hatte drei Stockwerke und einen Eingang an der Seite (Gen 6:16); von den unreinen Tieren kam je ein Paar in die Arche (Gen 7:2); die Menschen in Babel wollten sich „einen Namen“ machen und nicht zerstreut werden (Gen 11:4). Zahlen und Maße gibst du nur so weiter, wie sie dastehen.
- Wie die Kirche deutet. Die Arche ist Bild der Kirche (1. Petr 3:20–21); Gen 3:15 ist die erste Verheißung des Erlösers; der Bund mit Noach ist Teil der einen Heilsordnung. Solche Deutungen kommen aus der Schrift selbst und von den Vätern.
- Was ausgeschmückt oder vermutet wird. Dass der Turm von Babel gebaut wurde, um einer neuen Flut zu entgehen, steht nicht in der Bibel. Umrechnungen der Ellen in Meter, Vermutungen über das Aussehen der Tiere in der Arche oder Zuordnungen der Söhne Noachs zu heutigen Völkern sind keine Lehre der Kirche. Erzähle sie nicht als Tatsache.
Biblische Geschichten für Kinder sicher erzählen
Die Geschichten der Urgeschichte gehören zu den ersten, die Kinder hören. Einige Regeln helfen dir, sie treu und kindgerecht zu erzählen:
- Lies vorher den Bibeltext, nicht nur eine Kinderbibel. Erzähle die Reihenfolge und die Einzelheiten so, wie sie dastehen.
- Zeige das Gesicht Gottes. In jeder dieser Geschichten sucht Gott den Menschen: Er fragt Adam „Wo bist du?“, er warnt Kain, er rettet Noach, er schließt einen Bund. Papst Schenouda III. mahnt die Diener mit Blick auf das Kind: „Hüte dich auch davor ihn einzuschüchtern. Mache ihm keine Angst vor Gott und den Kirchenvätern.“11 Die Geschichte von der Flut erzählst du kleinen Kindern als Geschichte der Rettung und des Bundes, nicht als Bild eines strafenden Gottes.
- Gib niemandem die ganze Schuld. Beim Sündenfall tragen Adam und Eva beide Verantwortung; erzähle nicht so, als wäre die Frau schuldiger oder weniger wert.
- Erkläre bildhafte Sprache. Wenn es heißt, es „reute“ Gott, erkläre: So zeigt die Bibel, wie sehr die Sünde Gott traurig macht.
- Führe zu Christus. Jede Geschichte hat eine Brücke zum Neuen Testament: das Protoevangelium zu Maria und Christus, die Arche zur Taufe, Babel zu Pfingsten.
Für den Dienst
- Schöpfung erleben. Für Kindergarten und Volksschule bewährt sich eine Stunde, in der jede Kleingruppe einen Schöpfungstag auf einem Plakat gestaltet; am Ende liest du Gen 1:31 vor: „Es war sehr gut.“ Danke mit den Kindern Gott für ein Geschöpf, das sie lieben.
- Babel und Pfingsten. Lass die Kinder gemeinsam einen Turm aus Bechern oder Bausteinen bauen, ohne miteinander zu sprechen. Sie merken, wie schwer es wird, wenn man einander nicht versteht. Sprich danach darüber, warum die Menschen in Babel bauten (Gen 11:4) und wie der Heilige Geist am Pfingstfest schenkte, dass jeder die Apostel „in seiner Sprache reden“ hörte (Apg 2:6).
- Jugendliche und Wissenschaft. Wenn Jugendliche fragen, ob die Bibel und die Naturwissenschaft einander widersprechen, antworte mit dem Glaubenskern: Die Heilige Schrift irrt nicht, ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft; sie will das Heil lehren. Schwierigere Fragen nimm auf und besprich sie mit dem Priester oder im Dienertreffen.
- Für dich selbst. „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4:9) – als Diener antwortest du mit Ja. Bete für die Kinder deiner Klasse und für alle, denen du dienst, beim Namen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bibel erzählt eine einzige Heilsgeschichte: Gott spricht durch die Propheten und zuletzt durch den Sohn (Hebr 1:1–2); alle Abschnitte gehören zur einen Heilsordnung Gottes.
- Gott schloss Bünde mit Noach (Zeichen: der Bogen), mit Abraham (Zeichen: die Beschneidung), mit Mose am Sinai (Gesetz und Blut des Bundes) und mit David (ewiger Thron); sie sind im Neuen Bund in Christus erfüllt (Lk 22:20).
- Gen 3:15 ist das Protoevangelium, die erste Verheißung des Erlösers, der von einer Frau geboren wird und den Kopf der Schlange zertritt.
- Gott hat Himmel und Erde aus dem Nichts erschaffen; der Mensch ist sein Ebenbild. Die Heilige Schrift irrt nicht, ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft und will das Heil lehren (Basilius, Hexaemeron 9,1); die Dauer der Schöpfungstage bleibt offen.
- Durch den Ungehorsam Adams kamen Sünde und Tod in die Welt; wir tragen die Folgen der Erbsünde und werden in der Taufe davon befreit. Das Bild Gottes ist entstellt und wird in Christus erneuert.
- Abels Opfer gefiel Gott wegen seines Glaubens (Hebr 11:4); die Arche ist Bild der Kirche und der Taufe (1. Petr 3:20–21); Babel ist das Gegenbild zu Pfingsten.
- Erzähle die Urgeschichte nach dem Bibeltext, ohne erfundene Zahlen und Einzelheiten, und zeige den Kindern einen Gott, der rettet.
Zum Weiterlesen
- Hl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 3–10 (Schöpfung und Fall) und 13–14 (Erneuerung des Bildes).
- Hl. Basilius der Große, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 1 und 9.
- Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11 (die Bünde und die vier Evangelien).
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 342 (Prophezeiungen über die Menschwerdung).
Anmerkungen
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 342. Der Hades ist die Unterwelt, der Aufenthaltsort der Entschlafenen, in den Christus hinabstieg, um die Gerechten seit Adam zu befreien.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11,8. Die „Tiere“ sind die vier Wesen am Thron Gottes, die Irenäus auf die vier Evangelien deutet.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 3.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 3.↑
Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 1,1.↑
Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 9,1.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 4.↑
Vgl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 14.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 73 (Sakrament des Morgenweihrauchs).↑
Cyprian, Über die Einheit der katholischen Kirche, Kap. 6. „Katholisch“ bedeutet hier „allumfassend“.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36).↑