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Thema 11 · Vortrag 3

Die Patriarchen – Abraham, Isaak, Jakob, Josef

Väter des Glaubens und Vorbilder Christi

18 Min. LesezeitDas Alte Testament I

Lernziele

  1. Abraham, Isaak, Jakob und Josef beschreiben und zwei Gestalten als Typus Christi deuten.

Schlüsselbegriffe

Patriarchen · Väter des Glaubens · Typus · Melchisedek · Erstgeburtsrecht · die zwölf Stämme

Bibelstellen

Gen 12:1⁠–⁠5; Gen 14:18⁠–⁠20; Gen 15:5⁠–⁠6; Gen 17:5; Gen 21:5; Gen 22:1⁠–⁠18; Hebr 11:8.17⁠–⁠19; Ps 110:4; Hebr 7:1⁠–⁠3; Gen 25:27⁠–⁠34; Gen 28:12⁠–⁠15; Joh 1:51; Gen 32:25⁠–⁠31; Gen 35:22⁠–⁠26; Gen 37:3⁠–⁠4; Gen 37:28; Gen 39:8⁠–⁠9; Gen 41:55; Gen 45:4⁠–⁠5; Gen 50:20; Mt 22:32; Dtn 7:7⁠–⁠8; Jer 7:31b

Inhalt

Mit Abraham beginnt ein neuer Abschnitt der Heilsgeschichte: Nach der Urgeschichte, die von der ganzen Menschheit erzählt, wählt Gott einen Menschen und seine Nachkommen zu einem Volk, aus dem der Erlöser für alle kommen soll. Die Kapitel 12 bis 50 der Genesis erzählen von Abraham, Isaak, Jakob und Josef. Gott selbst nennt sich nach ihnen: „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (Mt 22:32). Ihr Leben zeigt, wie Gott mit Menschen voller Glauben und voller Schwächen seinen Weg geht; in Isaak, Melchisedek und Josef sieht die Kirche Vorbilder Christi. Kinder hören diese Geschichten gern und erfahren dabei, wie Gott treu bleibt.

Die Väter des Glaubens

Begriff
Patriarchen

Abraham, Isaak und Jakob heißen die Patriarchen, die Erzväter Israels. Die Kirche nennt sie auch die Väter des Glaubens, weil sie Gott vertrauten und diesen Glauben an ihre Nachkommen weitergaben.

Josef, der Sohn Jakobs, steht am Ende ihrer Geschichte; durch ihn kommt die Familie nach Ägypten. Eine bewährte Merkhilfe fasst die drei Väter so zusammen: Abraham ist der Mann des Glaubens, Isaak der Mann des Gehorsams, Jakob der Mann des Kampfes.

Der Hebräerbrief stellt sie unter die großen Zeugen des Glaubens: „Voll Glauben sind diese alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben; nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind“ (Hebr 11:13). Die Kirche gedenkt ihrer bis heute. Im Gebet für die Entschlafenen bei der Emporhebung des Weihrauchs betet der Priester: „Bitte, o Herr, schenke allen ihren Seelen Ruhe im Schoß unserer heiligen Väter Abraham, Isaak und Jakob“.1

Der heilige Cyprian von Karthago sieht in den Patriarchen Menschen, die Christus schon im Voraus darstellten:

Aus den Vätern

So finden wir ferner, dass auch die Patriarchen und die Propheten und alle Gerechten, die Christi Gestalt als seine Vorläufer im Bilde an sich trugen, bei ihren ruhmwürdigen Tugenden auf nichts mehr achteten als darauf, dass sie in starkem und beständigem Gleichmut die Geduld bewahrten. … So kennt Abraham, der gläubig auf Gott vertraut und als der erste die Wurzel und den Grund des Glaubens legt, kein Zögern und Zaudern, wie er in seinem Sohne auf die Probe gestellt wird, sondern er gehorcht den Geboten Gottes mit der ganzen Geduld seiner Frömmigkeit. Auch Isaak, der das Opfer des Herrn voraus im Bilde andeutet, wird geduldig befunden, wie ihn sein Vater als Opfer darbietet.2

– Hl. Cyprian von Karthago, Vom Segen der Geduld, Kap. 10
Begriff
Typus

Ein Typus (Vorbild) ist eine Person, ein Ereignis oder eine Sache des Alten Testaments, in der Gott im Voraus auf Christus und sein Heilswerk hinweist. Die Schrift selbst spricht so: Adam ist „die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist“ (Röm 5:14), und von der Opferung Isaaks heißt es: „Das ist ein Sinnbild“ (Hebr 11:19). Der Typus ist nicht dasselbe wie Christus, sondern zeigt im Kleinen, was in Christus ganz geschieht.

Der Stammbaum der Patriarchen (nach Gen 11⁠–⁠35)

Abraham – der Mann des Glaubens

Berufung und Glaube

Gott spricht zu Abram: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein“ (Gen 12:1⁠–⁠2). Abram war mit seinem Vater Terach aus Ur in Chaldäa nach Haran gezogen (Gen 11:31). Nun gehorcht er: „Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran fortzog“ (Gen 12:4). Er nimmt seine Frau Sarai mit und „seinen Neffen Lot“ (Gen 12:5). Der Hebräerbrief sagt: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde“ (Hebr 11:8).

Gott verheißt ihm Nachkommen so zahlreich wie die Sterne. Darauf heißt es: „Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“ (Gen 15:6). Darum nennt Paulus Abraham den „Vater aller, die … glauben“ (Röm 4:11), und Jakobus nennt ihn „Freund Gottes“ (Jak 2:23).

Ein Mensch mit Schwächen

Die Schrift verschweigt Abrahams Schwächen nicht. In einer Hungersnot zieht er nach Ägypten und gibt aus Angst seine Frau als seine Schwester aus; Gott schützt Sarai und schlägt den Pharao „mit schweren Plagen“ (Gen 12:17). Weil Sarai keine Kinder bekommt, rät sie ihm, mit ihrer ägyptischen Magd Hagar ein Kind zu haben, und Abram hört auf sie (Gen 16:1⁠–⁠2). So wird Ismael geboren. Gott aber verlässt auch Hagar und Ismael nicht: Hagar nennt ihn „El-Roï (Gott, der nach mir schaut)“ (Gen 16:13), und Gott verheißt, Ismael „zu einem großen Volk“ zu machen (Gen 21:18); von ihm stammen zwölf Fürsten (Gen 25:16).

Großmut, Mut und Fürbitte

Abraham ist großzügig. Als es Streit zwischen seinen Hirten und denen Lots gibt, überlässt er Lot die Wahl: „Zwischen mir und dir … soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder“ (Gen 13:8). Als Lot gefangen genommen wird, befreit ihn Abraham (Gen 14:14⁠–⁠16). Bei den Eichen von Mamre erscheint ihm der Herr, und Abraham nimmt drei Männer gastfreundlich auf (Gen 18:1⁠–⁠8). Der heilige Irenäus sagt: „Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach“.3 So sieht die Kirche in den Erscheinungen Gottes im Alten Testament den Sohn. Mit ihm spricht Abraham, als Gott Sodom richten will, und tritt für die Stadt ein (Gen 18:23⁠–⁠32); „Gott … dachte … an Abraham und ließ Lot mitten aus der Zerstörung fortgeleiten“ (Gen 19:29).

Der Bund und die neuen Namen

Als Abram neunundneunzig Jahre alt ist, erneuert Gott den Bund mit ihm und gibt ihm einen neuen Namen: „Abraham (Vater der Menge) wirst du heißen; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt“ (Gen 17:5). Sarai soll Sara heißen (Gen 17:15). Zeichen des Bundes ist die Beschneidung (Gen 17:10⁠–⁠11). Gott hält sein Wort, auch als es menschlich unmöglich scheint: „Ist beim Herrn etwas unmöglich?“ (Gen 18:14). „Abraham war hundert Jahre alt, als sein Sohn Isaak zur Welt kam“ (Gen 21:5).

Die Opferung Isaaks (Gen 22)

Dann stellt Gott Abraham auf die Probe: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“ (Gen 22:2). Abraham gehorcht. „Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem“ (Gen 22:4). Er lädt Isaak das Holz auf. Isaak fragt: „Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?“ Abraham antwortet: „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn“ (Gen 22:7⁠–⁠8). Im letzten Augenblick ruft der Engel des Herrn: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus“, und Abraham opfert einen Widder „statt seines Sohnes“ (Gen 22:12⁠–⁠13). Gott erneuert die Verheißung: „Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast“ (Gen 22:18).

Der Hebräerbrief deutet: Abraham „verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild“ (Hebr 11:19). Die Kirche sieht in Isaak einen Typus Christi:

Tabelle 31 · Isaak als Typus Christi
Isaak Christus
der einzige, geliebte Sohn (Gen 22:2) „Du bist mein geliebter Sohn“ (Mk 1:11)
trägt das Holz für das Opfer (Gen 22:6) „Er trug sein Kreuz“ (Joh 19:17)
auf einem Berg im Land Morija (Gen 22:2), wo später der Tempel stand (2. Chr 3:1) gekreuzigt in Jerusalem, auf Golgota (Joh 19:17)
„am dritten Tag“ (Gen 22:4) erhielt Abraham ihn lebend zurück (Hebr 11:19) am dritten Tag auferstanden
„Gott wird sich das Opferlamm aussuchen“ (Gen 22:8) „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1:29b)

Der Vergleich hat auch eine Grenze, und gerade sie ist wichtig: Isaak wurde verschont, an seiner Stelle starb der Widder. Christus aber wurde nicht verschont. Der Vater „hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“ (Röm 8:32), und der Sohn gab sein Leben selbst: „ich gebe es aus freiem Willen hin“ (Joh 10:18). Vater und Sohn handeln in der einen Liebe für uns.

Melchisedek

Als Abraham vom Sieg über die Könige zurückkehrt, kommt ihm ein geheimnisvoller Priester entgegen: „Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war Priester des Höchsten Gottes“ (Gen 14:18). Er segnet Abram, und Abram gibt ihm „den Zehnten von allem“ (Gen 14:20). Später sagt der Psalm über den Messias: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (Ps 110:4; LXX 109). Der Hebräerbrief erklärt, dass Melchisedek „ohne Vater, ohne Mutter und ohne Stammbaum ist, ohne Anfang seiner Tage und ohne Ende seines Lebens, ein Abbild des Sohnes Gottes“ (Hebr 7:3): Die Schrift nennt weder seine Herkunft noch seinen Tod, und gerade so wird er zum Bild des ewigen Priesters Christus. Papst Schenouda III. erläutert außerdem, dass Melchisedek sein Priestertum nicht durch Abstammung erhalten hat.4

Die Väter sehen in Brot und Wein des Melchisedek einen Hinweis auf die Eucharistie. Der heilige Cyprian schreibt: „Geradeso sehen wir in dem Priester Melchisedech das Geheimnis des Herrn vorgebildet“.5 Papst Schenouda III. erklärt den Unterschied der beiden Priestertümer des Alten Testaments: „Es gibt Priestertum mit Darbringung von Tieropfern; das ist das Priestertum von Aaron. Und es gibt ein anderes Priestertum mit der Darbringung von Brot und Wein; das ist das Priestertum des Melchisedech, das bis heute unter uns besteht.“6 In jeder Göttlichen Liturgie bringt die Kirche Brot und Wein dar, die zum Leib und Blut Christi werden. Thema 28 („Die Eucharistie und die Göttliche Liturgie“) vertieft das.

Isaak – der Mann des Gehorsams

Isaak, der Sohn der Verheißung, ist in der Schrift ein stiller Mann. Er ging mit seinem Vater auf den Berg und trug das Holz für das Opfer (Gen 22:6⁠–⁠8). Abraham schickte seinen Großknecht in die alte Heimat, um für Isaak eine Frau aus der eigenen Verwandtschaft zu holen (Gen 24:2⁠–⁠4): Rebekka, die Tochter Betuëls, eines Sohnes von Nahor, dem Bruder Abrahams (Gen 24:15). „Isaak gewann sie lieb und tröstete sich so über den Verlust seiner Mutter“ (Gen 24:67).

Isaak ist ein Mann des Gebets und des Friedens. Als Rebekka kinderlos bleibt, „betete [er] zum Herrn für seine Frau … und der Herr ließ sich von ihm erbitten“ (Gen 25:21). Als die Hirten von Gerar um seine Brunnen streiten, kämpft er nicht, sondern zieht weiter und gräbt einen neuen Brunnen, bis er sagen kann: „Jetzt hat uns der Herr weiten Raum verschafft“ (Gen 26:22). Rebekka bringt Zwillinge zur Welt, Esau und Jakob.

Jakob – der Mann des Kampfes

Erstgeburtsrecht und Segen

„Esau war ein Mann geworden, der sich auf die Jagd verstand, ein Mann des freien Feldes. Jakob dagegen war ein untadeliger Mann und blieb bei den Zelten“ (Gen 25:27). Unterscheide zwei Geschichten: Das Erstgeburtsrecht, also den Vorrang des ältesten Sohnes in der Familie, verkauft Esau selbst für ein Linsengericht – „Vom Erstgeburtsrecht aber hielt Esau nichts“ (Gen 25:34). Den Erstgeburtssegen dagegen erschleicht sich Jakob später mit List, auf den Rat seiner Mutter, bei seinem alten Vater, der nicht mehr sehen konnte (Gen 27:1⁠–⁠29). Esau klagt: „Er hat mich jetzt schon zweimal betrogen“ (Gen 27:36). Esau heißt auch Edom; von ihm stammen die Edomiter (Gen 36:1).

Die Schrift beschönigt Jakobs Betrug nicht. Jakob muss fliehen und erlebt selbst, wie es ist, betrogen zu werden: Bei seinem Onkel Laban, dem Bruder seiner Mutter (Gen 29:10), dient er sieben Jahre um Rahel, und am Morgen nach der Hochzeit stellt sich heraus, dass Laban ihm Lea gegeben hat: „Warum hast du mich hintergangen?“ (Gen 29:25). Gottes Plan geht weiter, aber nicht wegen Jakobs List, sondern trotz seines Betrugs.

Die Treppe zum Himmel

Auf der Flucht hat Jakob in Bet-El einen Traum: „Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder“ (Gen 28:12). Gott verspricht ihm: „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land“ (Gen 28:15). Der Herr selbst bezieht dieses Bild auf sich: „Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“ (Joh 1:51). Christus ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Der heilige Irenäus sieht in der Treppe das Kreuz: „… auf derselben steigen die, welche an ihn glauben, zum Himmel hinauf.“7

Der Kampf am Jabbok

Auf dem Rückweg, vor der Begegnung mit Esau, ringt in der Nacht ein Mann mit Jakob. Jakob lässt nicht los: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ Da sagt der Mann: „Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen“ (Gen 32:27⁠–⁠29). Jakob sagt danach: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen“ (Gen 32:31). Darum heißt Jakob der Mann des Kampfes: Er ringt mit Gott im Gebet und wird verwandelt. Danach versöhnt er sich mit Esau: „Esau lief ihm entgegen, umarmte ihn … und sie weinten“ (Gen 33:4).

Die zwölf Söhne

„Jakob hatte zwölf Söhne“ (Gen 35:22): von Lea Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar und Sebulon; von Rahel Josef und Benjamin; von Bilha, der Magd Rahels, Dan und Naftali; von Silpa, der Magd Leas, Gad und Ascher (Gen 35:23⁠–⁠26). Von ihnen stammen die zwölf Stämme Israels. Aus dem Stamm Levi kommen später die Priester, aus dem Stamm Juda David und schließlich Christus; Jakob segnet Juda: „Nie weicht von Juda das Zepter …, bis der kommt, dem er gehört“ (Gen 49:10).

Erwählung aus Gnade

Warum wählt Gott Abraham, Isaak, Jakob und ihr Volk? Nicht weil sie besser wären als andere. Mose sagt zu Israel: „Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. Weil der Herr euch liebt …“ (Dtn 7:7⁠–⁠8). Paulus erinnert daran, dass Gott Jakob berief, als die Zwillinge „noch nicht geboren“ waren und „weder Gutes noch Böses getan“ hatten (Röm 9:11⁠–⁠12): Die Berufung ist Gnade, nicht Lohn. Das heißt nicht, dass Gott den Menschen die Freiheit nimmt. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty lehrt: „Gott weiß im Voraus, was wir tun; doch dieses Vorherwissen veranlasst uns nicht dazu, zu sündigen oder Böses zu tun. Vielmehr gehen unsere Handlungen aus unserem eigenen freien Willen hervor.“8 Die Erwählung eines Volkes dient dem Heil aller: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12:3).

Josef – Treue und Vergebung

Verkauft und doch nicht verlassen

„Israel liebte Josef unter allen seinen Söhnen am meisten …“ und ließ ihm einen Ärmelrock machen; die Brüder hassten ihn (Gen 37:3⁠–⁠4). Als Josef im Auftrag seines Vaters zu ihnen kommt (Gen 37:13⁠–⁠14), werfen sie ihn in eine Zisterne, eine Grube zum Sammeln von Regenwasser. Auf den Vorschlag Judas „verkauften [sie] ihn für zwanzig Silberstücke an die Ismaeliter“ (Gen 37:28), und die Händler verkauften ihn in Ägypten an Potifar, „einen Hofbeamten des Pharao, den Obersten der Leibwache“ (Gen 37:36). Die Schrift sagt immer wieder: „Der Herr war mit Josef“ (Gen 39:2.21).

Treue, auch wenn niemand zusieht

Die Frau Potifars will Josef verführen. Josef ist fern von seinem Vater, allein in einem fremden Land, niemand aus seiner Familie würde es erfahren. Doch er antwortet: „Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?“ (Gen 39:9b). Josef ist treu, weil er vor Gott lebt, nicht weil ihn jemand beobachtet. Dafür wird er ungerecht ins Gefängnis geworfen; aber auch dort ist der Herr mit ihm (Gen 39:21).

Erhöhung, Brot und Vergebung

Im Gefängnis deutet Josef die Träume des Mundschenks, der dem Pharao den Wein reichte, und des Bäckers, später die Träume des Pharao. Der Pharao setzt ihn über ganz Ägypten (Gen 41:40⁠–⁠43). „Josef war dreißig Jahre alt, als er vor dem Pharao, dem König von Ägypten, stand“ (Gen 41:46). In der Hungersnot sagt der Pharao zu den Ägyptern: „Geht zu Josef! Tut, was er euch sagt“ (Gen 41:55). Als die Brüder kommen, um Getreide zu kaufen, erkennen sie ihre Schuld (Gen 42:21). Josef gibt sich zu erkennen und vergibt: „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein … Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt“ (Gen 45:4⁠–⁠5). Und nach dem Tod Jakobs: „Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn“ (Gen 50:20a). Cyprian lobt Josef, weil er seinen Brüdern „nicht nur geduldig“ verzeiht, sondern ihnen „sogar bei ihrer Ankunft voll Güte in reichem Maße unentgeltlich Getreide“ zuweist.9

Josef starb in Ägypten mit hundertzehn Jahren: „Man balsamierte ihn ein und legte ihn in Ägypten in einen Sarg“ (Gen 50:26). Er ließ seine Brüder aber schwören, seine Gebeine mitzunehmen, wenn Gott sie heimführt (Gen 50:25); beim Auszug nahm Mose sie mit (Ex 13:19), und sie wurden in Sichem begraben (Jos 24:32).

Josef als Typus Christi

Tabelle 32 · Josef als Typus Christi
Josef Christus
vom Vater geliebt und zu den Brüdern gesandt (Gen 37:3.13⁠–⁠14) der geliebte Sohn, vom Vater gesandt (Mk 1:11)
von den Brüdern gehasst und für zwanzig Silberstücke verkauft (Gen 37:4.28) für dreißig Silberstücke ausgeliefert (Mt 26:15)
unschuldig im Gefängnis zwischen zwei Mitgefangenen, von denen einer gerettet wird (Gen 40:21⁠–⁠22) gekreuzigt zwischen zwei Verbrechern (Lk 23:33), von denen einer das Paradies empfängt (Lk 23:43)
mit dreißig Jahren tritt er vor den Pharao (Gen 41:46) „etwa dreißig Jahre alt“ beim ersten öffentlichen Auftreten (Lk 3:23)
erhöht über ganz Ägypten (Gen 41:40⁠–⁠43) „… hat ihn Gott über alle erhöht“ (Phil 2:9)
gibt Brot in der Hungersnot: „Tut, was er euch sagt“ (Gen 41:55) „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6:35a); „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2:5)
vergibt seinen Brüdern (Gen 45:4⁠–⁠5; 50:19⁠–⁠21) „Vater, vergib ihnen“ (Lk 23:34)

Auch hier gilt die Grenze: Josef rettete Menschen vor dem Hunger, Christus rettet die Welt von Sünde und Tod. Josef ist ein Vorbild, Christus ist der Erlöser.

Für den Dienst

  • Geschichten mit Gesicht. Stelle die Väter beim Erzählen nicht als fehlerlose Helden dar. Gerade weil Abraham Angst hatte und Jakob log, verstehen Kinder: Gott geht auch mit mir seinen Weg, wenn ich umkehre. Sage aber deutlich, was falsch war, und beschönige es nicht.
  • Ideen für die Klasse. Für Kleine: mit Sternen aus Papier Gen 15:5 darstellen („So zahlreich werden deine Nachkommen sein“); eine Leiter malen und daran schreiben, was uns mit Gott verbindet (Gebet, Liturgie, Bibel), mit Joh 1:51. Für die Volksschule: das Gebet Isaaks und das Graben der Brunnen als Geschichte vom Frieden erzählen. Für Jugendliche: die Tabellen „Isaak – Christus“ und „Josef – Christus“ selbst aus der Bibel erarbeiten lassen.
  • Die Opferung Isaaks behutsam erzählen. Kleine Kinder hören die Geschichte mit den Augen Isaaks. Erzähle sie darum erst Kindern, die sie verstehen können, und sag ihnen deutlich: Gott wollte den Tod Isaaks nicht und sorgte selbst für das Opfer (Gen 22:8.13); er will nie, dass einem Kind etwas angetan wird. Durch Jeremia sagt er über die Kinderopfer: „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jer 7:31b). Den Kleinen erzählst du von Abraham lieber den Aufbruch (Gen 12:1) und die Sterne am Himmel (Gen 15:5). Mach Kindern keine Angst, Gott könnte etwas Grausames von ihnen verlangen.
  • Treue ohne Zuschauer. Josefs Satz „Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?“ (Gen 39:9b) ist ein guter Lernvers für Jugendliche. Er gilt auch für dich als Diener: im Internet, in der Schule, im Beruf, auch wenn niemand aus der Kirche zusieht.
  • Vergebung. Josef vergibt, bevor die Brüder darum bitten können. Frage dich, wem du in deiner Familie, deiner Klasse oder unter den anderen Dienern vergeben sollst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Abraham, Isaak und Jakob sind die Patriarchen, die Väter des Glaubens; Gott nennt sich „der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (Mt 22:32). Merkhilfe: Abraham Mann des Glaubens, Isaak Mann des Gehorsams, Jakob Mann des Kampfes.
  • Abraham zog mit fünfundsiebzig Jahren aus Haran fort (Gen 12:4); er glaubte dem Herrn, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet (Gen 15:6); bei der Geburt Isaaks war er hundert Jahre alt (Gen 21:5).
  • Die Opferung Isaaks (Gen 22) ist ein Sinnbild (Hebr 11:19): Isaak, der einzige geliebte Sohn, trägt das Holz auf den Berg; Gott sorgt selbst für das Opfer – Typus Christi.
  • Melchisedek, König von Salem und Priester des Höchsten, brachte Brot und Wein und segnete Abraham (Gen 14:18⁠–⁠20); Christus ist „Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (Ps 110:4; Hebr 7).
  • Isaak ist ein Mann des Gebets und des Friedens; Jakob ringt mit Gott, wird Israel genannt und ist der Vater der zwölf Stämme. Erstgeburtsrecht (verkauft) und Erstgeburtssegen (erschlichen) sind zwei verschiedene Geschichten.
  • Gott erwählt aus Liebe, nicht wegen besonderer Vorzüge (Dtn 7:7⁠–⁠8); sein Vorherwissen nimmt dem Menschen die Freiheit nicht.
  • Josef bleibt treu, auch wenn niemand zusieht (Gen 39:9b), und vergibt seinen Brüdern; als verkaufter, erhöhter und vergebender Bruder ist er ein Typus Christi.

Zum Weiterlesen

  • Hl. Cyprian von Karthago, Vom Segen der Geduld, Kap. 9⁠–⁠10.
  • Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 6.2 (Melchisedek).
  • Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 8 (Die drei Gäste Abrahams) und Fr. 26 (Melchisedek).
  • Hl. Irenäus von Lyon, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 44⁠–⁠45 (Abraham bei Mamre, die Treppe Jakobs).
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 292 (Vorherwissen und Freiheit) und Fr. 342 (Prophezeiungen über die Menschwerdung).

Anmerkungen

  1. Euchologion, S. 36 (Gebet für die Entschlafenen); vgl. Lk 16:22.↑

  2. Cyprian, Vom Segen der Geduld, Kap. 10.↑

  3. Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 44.↑

  4. Vgl. Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 26.↑

  5. Cyprian, Brief 63 an Cäcilius, bei Augustinus, Vier Bücher über die christliche Lehre, Buch IV, Kap. 21,45. Cyprian liest Gen 14:18: „brachte Brot und Wein dar“; die Einheitsübersetzung (1980) liest: „brachte Brot und Wein heraus“ (Gen 14:18).↑

  6. Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 6.2.↑

  7. Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 45.↑

  8. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 292.↑

  9. Cyprian, Vom Segen der Geduld, Kap. 10.↑

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