Thema 17 · Vortrag 2
Christus im Alten Testament – und Antworten auf Einwände
Der ewige Sohn als Schöpfer, in den Gotteserscheinungen und in den Weissagungen
18 Min. LesezeitDie Gottheit Christi aus der Schrift
Lernziele
- Christus als Schöpfer (Joh 1:3; Kol 1:16; Hebr 1:2) erklären und zwei Theophanien deuten.
- Die Einwandstellen Joh 14:28 und Mt 24:36 mit der Einheit der Person und der Unterscheidung von Gottheit und Menschheit beantworten.
Schlüsselbegriffe
Schöpfer und Ziel · Theophanie (Gotteserscheinung) · Logos · Weissagung · Einwandstelle · Einheit der Person · Gottheit und Menschheit · Selbstentäußerung
Bibelstellen
Joh 1:3; Kol 1:16–17; Kol 1:20; Hebr 1:2; Jes 44:24; Eph 1:10; Joh 1:14; Joh 1:18; Gen 18:1–3; Gen 18:22; Ex 3:2–6; Jos 5:13–15; Joh 8:56; Joh 12:41; Jes 6:1; 1. Kor 10:4; Hebr 1:4; Mi 5:1; Jes 9:5; Dan 7:13–14; Joh 1:1–2; Joh 8:58; Joh 17:5; Hebr 1:10–12; Hebr 13:8; Offb 1:17; Ps 110:1; Ps 110:3; Mt 22:41–46; Jes 7:14; Mt 1:23; Joh 14:28; Joh 10:30; Phil 2:7–8; Mt 24:36; Mk 13:32; Apg 1:7; Mt 24:42; Joh 16:30; Joh 21:17; Mk 10:17–18; Joh 10:11; Joh 8:46; Mt 4:2; Joh 4:6; Joh 11:35; Jes 44:6; Joh 20:28; 1. Petr 3:15
Inhalt
Der Sohn Gottes beginnt sein Wirken nicht erst in Betlehem. Durch ihn ist die Welt geschaffen, er ist Abraham und Mose erschienen, und die Propheten haben den Messias mit Namen genannt, die Gott zukommen. Einige Verse scheinen dagegen zu sprechen, dass er Gott ist. Als Diener wirst du nach ihnen gefragt werden; wer sie mit den Vätern lesen gelernt hat, kann ruhig antworten und wird selbst fester im Glauben.
Schöpfer und Ziel aller Dinge
Die Schrift sagt dreimal mit Nachdruck, dass alles durch den Sohn geschaffen ist: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1:3). „… in ihm wurde alles erschaffen“ (Kol 1:16a). Gott hat zu uns gesprochen „durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat“ (Hebr 1:2).
Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.
Bei Jesaja sagt Gott: „Ich bin der Herr, der alles bewirkt, der ganz allein den Himmel ausgespannt hat“ (Jes 44:24b). Wenn derselbe Herr alles „durch den Sohn“ erschafft, dann gehört der Sohn nicht zu den Geschöpfen, sondern zum Schöpfer. Papst Schenouda III. fasst zusammen: „Gott, der Vater, erschuf die gesamte Welt durch den Sohn, d. h. durch die Vernunft, den Verstand, die Erkenntnis und das Wort bzw. die zweite Hypostase.“1
Das heißt nicht, dass der Sohn ohne den Vater oder neben ihm geschaffen hätte. Die Dreifaltigkeit hat ein einziges Wirken. Der heilige Athanasius der Apostolische sagt: „… der Vater tut alles durch den Logos im Heiligen Geist.“2 Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erklärt das kleine Wort „durch“: Es bedeutet „‚durch sein Wirken‘, ‚durch ihn‘ und ‚in ihm‘. Er hat alles erschaffen, lenkt seine Schöpfung fortwährend, sorgt für sie und erhält sie“.3 Darum heißt es auch: „in ihm hat alles Bestand“ (Kol 1:17b).
Christus ist auch das Ziel der Schöpfung, denn alles ist „auf ihn hin“ geschaffen (Kol 1:16). Gott hat beschlossen, „in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist“ (Eph 1:10b), und „Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen“ (Kol 1:20b). So hat die Welt einen Sinn. Sie kommt aus Gott durch den Sohn und geht durch den Sohn zu Gott zurück.
Der Vater erschafft alles durch den Sohn im Heiligen Geist; der Sohn ist darum nicht Geschöpf, sondern Schöpfer. Alles ist „durch ihn und auf ihn hin“ geschaffen (Kol 1:16): Er ist der Ursprung der Welt, er erhält sie, und in ihm soll alles vollendet werden.
Der Sohn im Alten Testament: die Gotteserscheinungen
Wer erscheint, wenn Gott erscheint?
„Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1:18). Der Sohn ist es, der den Vater offenbart. Im Alten Testament gibt es aber Erzählungen, in denen Gott Menschen erscheint, mit ihnen spricht und von ihnen verehrt wird. Solche Ereignisse heißen Theophanien (Gotteserscheinungen). Mit demselben Wort nennt die Kirche das Fest der Taufe des Herrn am 11. Tubeh (19. Jänner); Papst Schenouda III. schreibt über die Taufe im Jordan: „Wir nennen dieses großartige Ereignis ‚Theophania‘, d. h. ‚Gotteserscheinung‘.“4
Ein Ereignis, in dem Gott sich Menschen sichtbar oder hörbar offenbart. Die Erscheinungen Gottes im Alten Testament, etwa bei Mamre und am Dornbusch, sind nach der Deutung vieler Väter Erscheinungen des Sohnes, der den Vater offenbart; die vollkommene Offenbarung ist seine Menschwerdung (Joh 1:14.18).
Schon im 2. Jahrhundert schreibt der heilige Irenäus von Lyon über die Begegnungen Abrahams und Jakobs mit Gott:
Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, […] in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.5
Das Neue Testament selbst gibt Hinweise. Jesus sagt: „Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich“ (Joh 8:56). Über die Berufung Jesajas, der „den Herrn“ auf einem hohen Thron sah (Jes 6:1), schreibt Johannes: „Das sagte Jesaja, weil er Jesu Herrlichkeit gesehen hatte; über ihn nämlich hat er gesprochen“ (Joh 12:41). Und Paulus sagt vom Felsen, aus dem Israel in der Wüste trank: „Und dieser Fels war Christus“ (1. Kor 10:4b).
Abraham bei Mamre (Gen 18)
„Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. … Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei!“ (Gen 18:1–3). Der Text nennt den Besucher „den Herrn“; Abraham wirft sich nieder, bewirtet ihn und tritt später fürbittend für Sodom vor ihn: „Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn“ (Gen 18:22b). Der heilige Irenäus erklärt: „Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma“.6
Mose am Dornbusch (Ex 3)
„Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht“ (Ex 3:2). Der hier „Engel des Herrn“ genannt wird, spricht als Gott selbst: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (Ex 3:6a). Mose muss die Schuhe ablegen, denn „der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3:5b).
Der heilige Athanasius sieht in beiden Erzählungen den Sohn. Gegen die Behauptung der Arianer, der Sohn sei erst nach seinem Tod angebetet worden, fragt er:
Und wenn ihm erst nach dem Tode die Anbetung zuteil wurde, wie verstehen wir dann, dass Abraham ihn im Zelte anbetet und Moses im Dornbusch, und wie dienten ihm, wie Daniel es sah, Myriaden von Myriaden und Tausende von Tausenden?7
Wer im Alten Testament angebetet wird, ist kein Geschöpf. Das Wort „Engel“ heißt „Bote“; es bezeichnet hier den, der Gottes Willen kundtut. Der Sohn ist nicht von Natur ein Engel, denn er „ist um so viel erhabener geworden als die Engel“ (Hebr 1:4a).
Josua vor Jericho (Jos 5:13–15)
Vor dem Kampf um Jericho sieht Josua einen Mann mit gezücktem Schwert und fragt ihn: „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?“ (Jos 5:13b). Er antwortet: „Nein, ich bin der Anführer des Heeres des Herrn. Ich bin soeben gekommen“ (Jos 5:14a). Da wirft sich Josua vor ihm zu Boden, um ihm zu huldigen, und fragt, was sein Herr ihm befehle. Der Anführer antwortet: „Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heilig“ (Jos 5:15a). Die Worte sind fast dieselben wie am Dornbusch (Ex 3:5). Der Anführer nimmt die Huldigung an und verlangt dieselbe Ehrfurcht wie Gott. Der heilige Justin der Märtyrer sieht auch hier den Sohn: Er ist es, der zu Josua gesprochen hat.8
Die Gotteserscheinungen sind noch nicht die Menschwerdung. Der Sohn zeigte sich in einer Gestalt, wurde aber noch nicht Mensch. So bereitete er darauf vor, dass „das Wort … Fleisch geworden“ ist (Joh 1:14).
„Jesus ist der ewige Gott“ – im Alten und im Neuen Testament
Gott allein ist ewig. Altes und Neues Testament sagen das vom Messias:
| Altes Testament | Neues Testament |
|---|---|
| „Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen“ (Mi 5:1b) | „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1:1a) |
| „man nennt ihn: … Starker Gott, Vater in Ewigkeit“ (Jes 9:5b) | „Noch ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh 8:58b) |
| „Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft“ (Dan 7:14b) | „mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war“ (Joh 17:5b) |
| „ich habe dich gezeugt noch vor dem Morgenstern“ (Ps 110:3b; LXX 109) | „Er ist vor aller Schöpfung“ (Kol 1:17a) |
| „Ich bin der Erste, ich bin der Letzte“ (Jes 44:6b) | „Ich bin der Erste und der Letzte“ (Offb 1:17b) |
Papst Schenouda III. erklärt Mi 5:1: „Der Ursprung des Christus war seit Ewigkeit her beim Vater, er war seit Ewigkeit her als der Sohn innerhalb der Heiligen Dreieinigkeit geboren worden“.9 Und zu Offb 1:17: „Wenn Christus aber der Erste ist, dann ist er nicht erschaffen worden, denn es gibt ja niemanden vor ihm, der ihn hätte erschaffen können.“10 Papst Tawadros II. sagt kurz: „Es gab keine Zeit, in der der Sohn Gottes nicht war.“11 Der Hebräerbrief wendet auf den Sohn an: „Sie werden vergehen, du aber bleibst“ (Hebr 1:11a), und „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13:8).
Weissagungen auf den göttlichen Messias
Die Propheten geben dem Messias Namen, die Gott zukommen:
- Jes 9:5 (siehe Kasten): Das Kind, der geschenkte Sohn, heißt zugleich „Starker Gott“. Der Titel „Vater in Ewigkeit“ macht ihn nicht zum Vater der Dreifaltigkeit; Vater und Sohn bleiben unterschieden (Joh 1:1).
- Mi 5:1: Der Herrscher kommt aus dem kleinen Betlehem – und sein Ursprung liegt „in ferner Vorzeit“.
- Jes 7:14: Die Jungfrau gebiert einen Sohn mit dem Namen „Immanuel (Gott mit uns)“; Matthäus sieht das in Christus erfüllt (Mt 1:23).
- Ps 110:1 (LXX 109): „So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten“. Jesus selbst legt den Vers aus. Wenn der Messias Davids Sohn ist, fragt er: „Wie kann ihn dann David, vom Geist (Gottes) erleuchtet, ‚Herr‘ nennen?“ (Mt 22:43). „Niemand konnte ihm darauf etwas erwidern“ (Mt 22:46a). Der Messias ist Davids Sohn nach dem Fleisch und Davids Herr als Gott. In der Doxologie zur Himmelfahrt, einem Lobgesang in Strophen, singt die Kirche: „Wie David durch den Heiligen Geist gesagt hat: ‚So spricht der Herr zu meinem Herrn, setze dich mir zur Rechten.‘“12
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Antworten auf Einwände
Die Grundregel: ein Christus, Gott und Mensch
Manche Verse scheinen zu sagen, Christus sei geringer als der Vater. Wer sie verstehen will, braucht eine Grundregel. Der heilige Athanasius nennt als Ziel der ganzen Schrift ihre „Doppellehre vom Erlöser, wonach er nämlich immer Gott war und Sohn ist …, und anderseits später unsertwegen aus der Jungfrau und Gottesgebärerin Maria Fleisch angenommen hat und Mensch geworden ist“.13 Weil der eine Sohn Gottes wirklich Mensch wurde, sagt die Schrift von ihm auch Menschliches: Er hungerte (Mt 4:2), war müde (Joh 4:6), weinte (Joh 11:35). Athanasius: Man könne bei all dem sagen, Christus habe es „für uns im Fleische“ erfahren, „damit man nicht die Leiden dem Worte selbst, sondern dem Fleische als natureigen zuerkenne“.14
Dabei bleibt er einer. Das sagt der Merksatz, den du in Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“) genauer kennenlernst:
Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.
Die Gottheit hat sich nie von der Menschheit getrennt. Darum teilen wir Christus nicht in „zwei“, sondern unterscheiden nur, was die Schrift von ihm als Gott und was sie von ihm als Mensch sagt. Diese Einheit entfaltet Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“).
„Der Vater ist größer als ich“ (Joh 14:28b)
„Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich“ (Joh 14:28b). Arius schloss daraus, der Sohn sei geringer als der Vater. Die Kirche antwortet auf zwei Weisen, die zusammengehören.
Erstens: Er spricht in der Gestalt des Knechtes. Der heilige Kyrill von Alexandrien sagt, Christus habe das Wort „Der Vater ist größer als ich“ gesprochen, weil er als Mensch zu unserer Niedrigkeit hinabstieg, „obwohl er, insofern er Gott und der Natur nach aus Gott geboren ist, stets in Gott und in allem durchaus Gott gleich ist“.15 So erklärt es auch Papst Tawadros II.:
Der Vater ist nicht dem Wesen nach größer als der Sohn, denn der Sohn hat dieselbe Natur und dasselbe Wesen wie der Vater […]. Die Aussage „Mein Vater ist größer als ich“ wurde während der Selbstentäußerung bei der Menschwerdung gesagt.16
Der Sohn „entäußerte sich“, „erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2:7a.8). Wer im Begriff steht, den Weg des Kreuzes zu gehen, sagt, dass der Vater größer ist; derselbe sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10:30).
Zweitens: Der Vater ist die Quelle. Der heilige Athanasius beachtet das Wort genau: Der Sohn sagt nicht „vorzüglicher“, „damit man nicht meine, er sei der Natur des Vaters fremd, sondern er sagte ‚größer‘, nicht mit Bezug auf eine bestimmte Größe oder Zeit, sondern wegen seiner Geburt aus dem Vater selbst“.17 Der Vater ist die ungezeugte Quelle, aus der der Sohn von Ewigkeit gezeugt ist. Das ist eine Ordnung des Ursprungs, nicht ein Unterschied an Gottheit. Gerade mit dem Wort „größer“ habe der Sohn, so Athanasius, „wieder die Eigenheit der Substanz angezeigt“ (ebd.): Vater und Sohn haben dasselbe Wesen.
„Nicht einmal der Sohn“ (Mt 24:36)
Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.
Wie kann der Sohn, durch den alles geschaffen ist, den Tag nicht kennen?18 Die Jünger sagen doch zu ihm: „Jetzt wissen wir, dass du alles weißt“ (Joh 16:30a), und Petrus: „Herr, du weißt alles“ (Joh 21:17b).
Die Kirche lehrt im Einklang mit den Vätern: Der eine Christus kennt als Gott und Richter die Stunde; er offenbart sie den Jüngern aber zu ihrem geistlichen Nutzen nicht. Nach der Auferstehung sagt er ihnen: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg 1:7b). Der Katechismus vergleicht ihn mit einem Lehrer, der eine Prüfung ansetzt und seinen Schülern die Antworten nicht verrät.19 Der heilige Athanasius sagt es so:
Es weiß also der Sohn als Wort. Denn das gab er zu verstehen mit den Worten: Ich weiß es, aber euch steht es nicht zu, zu wissen. […] Also des Vorteils wegen, der aus der Unkenntnis entspringt, hat er dies gesagt. Wenn er nämlich dies sagt, will er, dass wir jederzeit bereit stehen.20
Christus ist selbst der Richter, der kommt; darum, so Athanasius, „weiß er, wann und zu welcher Stunde er kommt“.21 Der eine Christus weiß in seiner Gottheit alles und verschweigt die Stunde zu unserem Heil, damit wir wachsam bleiben; als Mensch hat er sie mit uns nicht gewusst, denn die menschliche Natur besitzt aus sich heraus keine Allwissenheit. Der heilige Athanasius sagt: „… wie er Mensch geworden, mit den Menschen hungert, dürstet und leidet, so weiß er nicht als Mensch mit den Menschen, in der Gottheit aber, als Wort und Weisheit im Vater, weiß er und es gibt nichts, das er nicht wüßte.“22 Dieses Nichtwissen ist „nicht eine Schwäche des Wortes, sondern der menschlichen Natur“,23 die er zu unserer Erlösung angenommen hat. Es ist derselbe Eine, der als Mensch „nicht einmal der Sohn“ sagt und als Gott alles weiß; wir teilen ihn nicht in einen wissenden und einen unwissenden Christus. Darum folgt im Evangelium: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (Mt 24:42). Wer einen Termin für das Ende berechnet, geht gegen dieses Wort.
„Warum nennst du mich gut?“ (Mk 10:18)
Ein Mann fragt Jesus: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus antwortet: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen“ (Mk 10:17b–18). Leugnet Jesus damit seine Gottheit? Papst Schenouda III. versteht die Antwort als Frage an den Mann: „Ist das ein routinemäßiger Titel, mit dem du mich da ansprichst? Wenn das so ist, dann musst du wissen, dass nur einer der Gute ist und das ist Gott allein! Glaubst du also, dass ich dieser Gott bin?“24 Jesus sagt an anderer Stelle selbst: „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10:11a), und: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Joh 8:46a). Er weist das Wort „gut“ nicht ab, sondern führt den Fragenden weiter: Wer ihn gut nennt, soll erkennen, wer er ist.
Eine Antwort an die Zeugen Jehovas
Die Zeugen Jehovas sind nach Papst Schenouda III. eine Gemeinschaft, die im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten entstanden ist.25 Er beschreibt ihre Lehre so: „In ihrer Behauptung steht, dass Christus ein Gott ist, sogar ein starker Gott, aber er ist nicht Gott selbst, sondern er ist der zweite Gott, der unmittelbar nach Jahwe kommt.“26 In Joh 1:1 behaupten sie, „dass das Wort ein Gott wäre“.27 Die Antwort folgt aus dem, was du in beiden Vorträgen gelernt hast:
- Die Schrift kennt nur einen Gott: „außer mir gibt es keinen Gott“ (Jes 44:6b). Einen „zweiten Gott“ gibt es nicht. Papst Schenouda III.: „Allein schon das Bekenntnis, dass Christus ein Gott ist, wird automatisch dazu hinführen, dass Jesus Christus Gott ist, denn es gibt nur einen Gott.“28
- Christus ist „der Erste und der Letzte“ (Offb 1:17b) – das sagt Gott bei Jesaja von sich (Jes 44:6).
- Christus wird angebetet, und Thomas nennt ihn „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20:28b).
- Christus ist Schöpfer, nicht erstes Geschöpf (Kol 1:16); „Erstgeborener“ meint nicht „Geschaffener“ (siehe Vortrag 1).
- Joh 14:28 und Mt 24:36 sprechen nicht gegen seine Gottheit: Er hat sie als der Mensch gewordene Sohn gesagt, und die Stunde verschweigt er zu unserem Nutzen.
Wie man das Gespräch führt, zeigt Papst Schenouda III. selbst: Als ein Gesprächspartner in Verlegenheit kam, hatte er „Mitleid mit ihm“ und sagte: „Ich lasse es für kurze Weile so stehen, schließlich hängt der Glaube ja nicht von einem Vers ab.“29 Ausführlicher behandelt die Sondergemeinschaften Thema 44 („Christentum und Islam; Sondergemeinschaften“).
Für den Dienst
Die Gotteserscheinungen erzählen. Mamre, der Dornbusch und Josua vor Jericho sind Lieblingsgeschichten der Kinder, in der Sonntagsschule wie zu Hause. Erzähle sie so, wie die Schrift sie berichtet, und zeige, wer hier begegnet: der Herr, den die Kinder aus den Evangelien kennen. Aus dem Dornbusch und aus Jos 5 lernen sie die Ehrfurcht vor dem heiligen Ort; der Katechismus erinnert daran: „Wir betreten das Heiligtum barfuß, in Befolgung des göttlichen Gebots an Mose“.30
Wenn ein Kind fragt: „Ist Jesus kleiner als Gott?“ Antworte einfach: Jesus ist Gott, genauso groß wie der Vater; als er Mensch wurde, hat er sich klein gemacht, um uns zu retten – wie Phil 2 es sagt. Mit Jugendlichen kannst du die beiden Antworten zu Joh 14:28 durchgehen.
Wenn jemand das Weltende berechnet. Manchmal kommen Jugendliche mit Videos oder Berechnungen zum Ende der Welt. Zeige ihnen Mt 24:36 und Apg 1:7: Der Herr hat die Stunde verborgen, damit wir wachsam leben. Auf die Frage nach dem Ende antworten wir, indem wir jeden Tag bereit sind.
Im Gespräch mit Andersgläubigen. Bleibe freundlich und bei der Schrift: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1. Petr 3:15b). Wer selbst unsicher ist, darf sagen: „Ich frage meinen Beichtvater oder einen erfahrenen Diener und komme darauf zurück.“
Das Wichtigste in Kürze
- Der Vater erschafft alles durch den Sohn im Heiligen Geist (Joh 1:3; Kol 1:16; Hebr 1:2); der Sohn ist Schöpfer, nicht Geschöpf, und das Ziel, in dem alles vollendet wird (Kol 1:16.20; Eph 1:10).
- Die Erscheinungen Gottes (Theophanien) im Alten Testament sind nach vielen Vätern Erscheinungen des Sohnes: Er spricht mit Abraham bei Mamre (Irenäus, Erweis 44–45), Mose betet ihn am Dornbusch an (Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 38), und Josua begegnet ihm vor Jericho (Justin, Dialog 62,4). Johannes sagt, Jesaja habe „Jesu Herrlichkeit“ gesehen (Joh 12:41).
- Altes und Neues Testament nennen den Messias ewig: Mi 5:1; Jes 9:5; Ps 110:3 – Joh 1:1; Joh 8:58; Joh 17:5; Offb 1:17.
- Die Propheten nennen den Messias „Starker Gott“ (Jes 9:5) und „Immanuel“ (Jes 7:14); David nennt ihn „Herr“ (Ps 110:1; Mt 22:43).
- Grundregel für die Einwände: Der eine Christus ist Gott und Mensch; die Schrift sagt von ihm Göttliches und Menschliches, ohne ihn zu teilen.
- Joh 14:28: in der Gestalt des Knechtes gesagt (Kyrill; Papst Tawadros II.); „größer“ wegen der Geburt aus dem Vater, nicht dem Wesen nach (Athanasius).
- Mt 24:36: Der eine Christus weiß als Gott alles, auch die Stunde, und verschweigt sie zu unserem Heil, damit wir wachsam bleiben (Apg 1:7); als Mensch hat er sie mit uns nicht gewusst, denn die menschliche Natur besitzt aus sich heraus keine Allwissenheit (Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 43–49).
- Mk 10:18 ist eine Frage an den Fragenden: Erkenne, wer ich bin.
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 2.1–2.6 und 3.
- Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 43–48.
- Hl. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 42–50 (BKV 1. Reihe 13).
- Hl. Irenäus von Lyon, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 43–47.
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 116.
Anmerkungen
Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 2.1.↑
Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 116.↑
Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 1.2; Datum nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1100.↑
Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 45. „Gesichte“ heißt hier „Erscheinungen“.↑
Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 44.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 38. „Myriaden“ heißt „Zehntausende“ (vgl. Dan 7:10).↑
Vgl. Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Trypho, Kap. 62,4.↑
Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 2.3.↑
Ebd., Kap. 2.6.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 44.↑
Die koptische Psalmodia, S. 343 (Doxologie für die Himmelfahrt).↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 29.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 34.↑
Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 19.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 48.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 58.↑
Die Worte „nicht einmal der Sohn“ fehlen in vielen Handschriften von Mt 24:36; in Mk 13:32 stehen sie fest. Die Erklärung der Kirche gilt beiden Stellen.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1389.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 49.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 46.↑
Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 46.↑
Ebd., Kap. 43.↑
Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 2.11. Der Papst legt denselben Bericht bei Matthäus (Mt 19:16–17) aus und führt die Frage Jesu im Wortlaut „Was nennst du mich gut?“ an. Die Einheitsübersetzung (1980) liest in Mt 19:17: „Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist ‚der Gute‘.“ Den Wortlaut „Warum nennst du mich gut?“ hat sie in Mk 10:18 und Lk 18:19.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Vorwort (S. V).↑
Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 3.1. Jahwe ist der Name, den Gott Mose am Dornbusch offenbart (Ex 3:15).↑
Ebd., Kap. 3.1.↑
Ebd., Kap. 3.1.↑
Ebd., Kap. 2.6.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 600.↑