Thema 31 · Vortrag 1
Tod und Zwischenzustand
Der Tod im Licht Christi, Paradies und Hades, das Gebet für die Entschlafenen
17 Min. LesezeitDie letzten Dinge
Lernziele
- Paradies, Hades, Himmelreich und Hölle unterscheiden.
- Das Gebet für die Entschlafenen mit zwei Väterstellen begründen.
- Erklären, warum die Kirche weder ein Fegefeuer noch eine Umkehr nach dem Tod lehrt.
- Mit Kindern altersgerecht über Tod und Trauer sprechen.
Schlüsselbegriffe
Eschatologie · Entschlafung · Zwischenzustand · Paradies · Hades (Unterwelt) · Hölle (Gehenna) · Himmelreich · Hadesfahrt · Fegefeuer · Gebet für die Entschlafenen · Litanei für die Entschlafenen
Bibelstellen
Röm 5:12; Hebr 9:27; Phil 1:23; Joh 11:25–26; Lk 23:42–43; Gen 2:8; Lk 16:19–31; Lk 16:22–26; Offb 20:13–14; 1. Petr 3:18–19; Offb 1:18; 2. Kor 6:2; 2. Makk 12:44; Röm 14:8; Lk 20:38; Joh 11:35; 1. Thess 4:13–14; Ps 23:4; Joh 3:5; Mk 16:16; Apg 2:42; Apg 2:47; Röm 2:12–16; Lk 12:48b; Apg 17:30; 1. Kor 5:13a; Jak 4:12; Joh 11:11; Sir 38:1; Mk 9:43
Inhalt
Wenn in der Gemeinde jemand stirbt, fragen dich Kinder in der Klasse oder in der Familie: „Wo ist Opa jetzt?“ Sie brauchen eine Antwort, die wahr ist und tröstet. Im Glaubensbekenntnis bekennst du: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“1 Bis dahin warten die Verstorbenen, und die Kirche betet für sie.
Die letzten Dinge – vier Wörter, die man nicht verwechseln darf
Eschatologie ist die Lehre von den letzten Dingen. Sie „bezeichnet das, was nach der Vollendung dieser Welt geschieht – die Wirklichkeit der kommenden Welt“.2
Vier Wörter musst du sicher unterscheiden, weil sie im Alltag oft vermischt werden: Paradies, Hades, Himmelreich und Hölle. Zwei davon bezeichnen den Zustand nach dem Tod bis zum Letzten Tag, den man den Zwischenzustand nennt; zwei bezeichnen den endgültigen Zustand nach dem Gericht.
| vor dem Gericht (Zwischenzustand) | nach dem Gericht (endgültig) | |
|---|---|---|
| die Gerechten | Paradies: Ruheplatz, Vorgeschmack der Freude | Himmelreich: ewiges Leben mit Leib und Seele |
| die von Gott Getrennten | Hades (Unterwelt): bittere Zeit | Hölle (Gehenna)3: ewiges Leiden |
Der Tod im christlichen Verständnis
Woher der Tod kommt
Der Tod gehört nicht zu Gottes ursprünglichem Plan. Paulus schreibt: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten“ (Röm 5:12). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty unterscheidet drei Arten des Todes: den leiblichen Tod, in dem sich die Seele vom Leib trennt; den geistlichen Tod, die Trennung des Menschen von Gott; und den ewigen Tod, in dem sich der Mensch für immer von Gott absondert. Diesen nennt die Offenbarung den „zweiten Tod“.4 „Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee“ (Offb 20:14).
Was im Tod geschieht
Im Tod trennt sich die Seele vom Leib. Papst Tawadros II. schreibt: „Wir glauben, dass unser Geist unsterblich ist und dass er durch den Tod von unserem Körper getrennt wird.“5 Der Leib wird begraben und zerfällt; die Seele lebt weiter. Jeder Mensch stirbt nur einmal: „Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt“ (Hebr 9:27). Eine Wiedergeburt in einem anderen Leib, wie manche Religionen sie lehren, gibt es nicht. Papst Schenouda III. sagt: „An die Geisteswanderung jedoch wird im Christentum nicht geglaubt: Denn wenn der Geist den Leib verlässt, kehrt er nicht mehr in diesem Leib zurück noch in einen anderen Leib.“6
Seit Christus: Brücke und Heimgang
Für den Christen hat sich der Tod verändert, weil Christus gestorben und auferstanden ist. Paulus sagt: „Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!“ (Phil 1:23b). Der Herr selbst verspricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11:25–26a).
Der Katechismus sagt: „Wer seinen Blick auf die Tiefen seines Inneren richtet, erblickt Christus in sich und sieht deshalb dem Tod des Leibes als einem göttlichen Geschenk entgegen. Er erkennt in ihm die Brücke zur Unsterblichkeit“.7 Der heilige Athanasius zeigt, was die Auferstehung Christi für die Gläubigen bedeutet:
Seitdem aber der Heiland seinen Leib von den Toten auferweckt hat, ist der Tod nicht mehr schrecklich; vielmehr treten ihn alle, die an Christus glauben, mit Füßen, wie wenn er nichts bedeutete, und wollen lieber sterben als den Glauben an Christus verleugnen. Denn sie sind sich sicher, dass sie sterbend nicht untergehen, sondern fortleben und durch die Auferstehung unverweslich werden.8
Darum nennt die Kirche den Tod ihrer Gläubigen Entschlafung: Der Gläubige stirbt im Herrn und geht zu ihm heim. Der Herr selbst sagte vom toten Lazarus: „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken“ (Joh 11:11b). Im Abendweihrauch betet der Priester für die Entschlafenen und bekennt dabei, dass den Dienern Gottes „kein Tod, sondern Heimgang zuteil“ wird.9
Der leibliche Tod des Gläubigen als Übergang zum Herrn. Das Wort sagt: Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Schlaf, aus dem Christus am Letzten Tag aufweckt.
Das Paradies – der Ruheplatz der Gerechten
Am Kreuz bittet der Räuber zur Rechten den Herrn:
Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
Papst Schenouda III. achtet genau auf die Antwort des Herrn. Der Räuber hatte vom „Reich“ gesprochen; Christus antwortet mit dem Wort „Paradies“ und berichtigt ihn damit „ruhig und liebenswürdig“:
Aber das Reich der Himmel wird von den Menschen erst betreten nach der allgemeinen Auferstehung. Unmittelbar nach dem Tod aber verweilen die Menschen am Ruheplatz; und dieser Ruheplatz der Gerechten ist das Paradies.10
Der Ruheplatz, an dem die Seelen der Gerechten nach dem Tod beim Herrn sind und die Auferstehung erwarten. Das Paradies ist noch nicht das Himmelreich, sondern sein Vorgeschmack. („Paradies“ heißt auch der Garten Eden, vgl. Gen 2:8.)
Was erleben die Gerechten dort? Der Katechismus sagt: „Die Seelen der Gerechten, die entschlafen sind, verweilen im göttlichen Licht und in erhabener Seligkeit und erfahren bereits einen Vorgeschmack der ewigen Freude.“11 Papst Schenouda III. nennt das Wichtigste: „Das Zusammensein mit dem Herrn ist schöner als das Paradies selbst“.12 Im Gleichnis vom armen Lazarus zeigt der Herr, dass die Engel die Seele des Gerechten tragen: „Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen“ (Lk 16:22a). „Abrahams Schoß“ ist ein Bild für die Ruhe und Geborgenheit der Gerechten bei den Vätern des Glaubens. Darum bittet die Kirche für ihre Verstorbenen: „O, Herr, schenke ihren Seelen allen Ruhe im Schoß unserer heiligen Väter Abraham, Isaak und Jakob.“13
Das Paradies ist aber noch nicht die Vollendung. Papst Tawadros II. schreibt: „Die Gerechten werden erst nach dem Tag des Gerichts mit dem ewigen Himmelreich belohnt, und die Bösen werden erst nach dem Tag des Gerichts zu ewigem Leiden verurteilt, wenn alle Entschlafenen leiblich auferstehen werden, aber nicht sofort nach dem Tod.“14 Der Mensch ist Leib und Seele; erst wenn auch der Leib aufersteht, ist seine Freude vollkommen.
Seit dem Sündenfall war das Paradies verschlossen; Christus hat es geöffnet. In Damals wie Heute heißt es: Seither „sind alle, die nun in Christus sterben, nicht mehr der Unterwelt ausgeliefert, sondern erwarten im Paradies, in der Gegenwart Gottes, glückselig das kommende Himmelreich“.15
Wenn sich die Kirche von einem Verstorbenen verabschiedet, erinnert sie an den Räuber am Kreuz. Papst Schenouda III. berichtet, dass wir im Gebet zur Entschlafungsfeier sprechen: „Öffne ihr, o Herr, das Tor des Paradieses wie Du es geöffnet hast jenem Räuber.“16 Was Christus einem reuigen Sünder in seiner letzten Stunde geschenkt hat, erbitten wir für jeden, der im Glauben entschlafen ist.
Der Hades und die Hölle
Der Hades – die bittere Zwischenzeit
Das Gegenstück zum Paradies ist der Hades. Die Einheitsübersetzung nennt ihn „Unterwelt“. Im Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus heißt es: „In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß“ (Lk 16:23). Für den Hades gilt zweierlei:
Vor der Erlösung war der Hades der Warteort aller Entschlafenen, auch der Gerechten des Alten Bundes. Seit Christus hinabgestiegen ist, gehen die Gerechten in das Paradies der Freude (Lk 23:43); der Hades ist seither der Warteort der von Gott Getrennten bis zum Gericht. Die Hölle (Gehenna) folgt nach dem Gericht.
Die Schrift unterscheidet beides: Beim Gericht geben „der Tod und die Unterwelt“ ihre Toten heraus, und dann heißt es: „Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee“ (Offb 20:13–14). Der Hades ist also vorläufig, die Hölle endgültig. Im deutschen Sprachgebrauch meint „Hölle“ oft beides; die Kirche unterscheidet aber den Warteort vor dem Gericht vom ewigen Zustand nach dem Gericht. Dass die Gerechten schon jetzt im Paradies ruhen, bezeugt auch das Gebet der Kirche für die Entschlafenen im Gottesdienst (siehe unten). Was den Hades bitter macht, ist zuerst die Trennung von Gott.17 Die Hölle dagegen ist der endgültige Zustand derer, die Gott bis zuletzt ablehnen; über sie spricht der zweite Vortrag.
Vor der Erlösung der Warteort aller Entschlafenen, in den Christus hinabstieg, um die Gerechten seit Adam zu befreien; seither der Warteort der von Gott Getrennten bis zum Gericht. Der Hades ist nicht die Hölle.
In älteren Übersetzungen steht manchmal „Hölle“, wo der Hades gemeint ist. Lies dann „Unterwelt“ mit. Im eigenen Sprechen hältst du die Wörter auseinander.
Die Hadesfahrt Christi – ein Sieg
Vor der Erlösung kamen alle Verstorbenen in den Hades, auch die Gerechten des Alten Bundes. Christus hat diesen Zustand verändert. Über die Zeit nach seinem Tod am Kreuz schreibt Petrus: „So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt“ (1. Petr 3:19). Der Katechismus erklärt: „der Herr Christus stieg in den Hades hinab und befreite die darin Gefangenen“.18 In der Basilius-Liturgie betet der Priester von Christus: „Er stieg hinab in die Unterwelt durch das Kreuz.“19
Christus ging also nicht als Besiegter in die Unterwelt, sondern als Sieger. Er hat dort keine Strafe erlitten; er hat die Gefangenen befreit. Darum sagt der Auferstandene: „Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ (Offb 1:18b). Thema 22 („Schöpfung, Fall und Erlösung“) behandelt die Erlösung, die Christus dabei vollbracht hat.
Keine Umkehr nach dem Tod – kein Fegefeuer
Die Zeit der Umkehr ist dieses Leben
Kann ein Mensch nach dem Tod noch umkehren? Der Katechismus verneint das: Der Geist ist dann vom Leib getrennt und kann sein Leben nicht mehr ändern.20 Umkehr geschieht mit Leib und Seele:
„In dieser Welt nimmt der Leib gemeinsam mit der Seele am Glauben teil, und beide wandeln gemeinsam im Herrn. Daher empfangen beide auch gemeinsam, was ihnen gebührt – entweder den Eintritt in den Himmel oder den Entzug der Schau Gottes.“21
Auch das Gleichnis vom reichen Mann zeigt das. Abraham sagt: „Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte“ (Lk 16:26). Das Gleichnis zeichnet keine Landkarte des Jenseits; Bilder wie „Abrahams Schoß“ und der „Abgrund“ sprechen von geistlichen Wirklichkeiten: Der Mensch lebt nach dem Tod bewusst weiter, er erfährt schon einen Vorgeschmack seines Loses, und eine nachträgliche Umkehr ist nicht mehr möglich. Der heilige Johannes Chrysostomus spricht von denen, die „in die Unterwelt eingegangen sind, wo die Reue nichts mehr hilft“.22
Daraus folgt kein Grund zur Angst, sondern ein Ruf: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung“ (2. Kor 6:2b). Am Räuber zur Linken, der auch in seiner letzten Stunde nicht umkehrte, zeigt Papst Schenouda III.: „Es ist eine harte Lektion für jeden, der seine Reue hinausschiebt in der Meinung, er würde schon in seinen letzten Tagen – deren Zeitpunkt er nicht kennt – bereuen.“23
Warum die Kirche kein Fegefeuer lehrt
Manche Christen nehmen eine Läuterung (Reinigung) der Seele nach dem Tod an; man nennt sie Fegefeuer. Die koptisch-orthodoxe Kirche lehrt kein Fegefeuer. Dafür gibt es drei Gründe:
- Das Wort an den Räuber. Für Papst Schenouda III. zeigt die Zusage „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, dass es kein Fegefeuer gibt. Der Räuber „ging ein ins Paradies am selbigen Tage seines Todes, ohne, dass er in dem sogenannten Fegefeuer auch nur eine Stunde verbracht hätte“.24
- Keine Umkehr nach dem Tod. Nach dem Tod gibt es keine Umkehr (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1368); darum gibt es auch keine Besserung durch Strafen nach dem Tod.
- Der Zwischenzustand ist kein Reinigungsort. Die Gerechten sind im göttlichen Licht und kosten die Freude vor; die Gottlosen sind in Bitterkeit (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1396). Einen dritten Ort der Läuterung kennt die Lehre der Kirche nicht.
Das Gebet für die Entschlafenen
Die Kirche betet für ihre Verstorbenen
Wenn es keine Umkehr nach dem Tod gibt – warum betet die Kirche dann für die Verstorbenen? Weil die Liebe nicht mit dem Tod endet. Von Gott sagt der Herr: „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig“ (Lk 20:38). Lebende und Verstorbene gehören zu dem einen Leib Christi: „Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn“ (Röm 14:8b). Papst Schenouda III. schreibt: „In unsern Gebeten bitten wir für die Verstorbenen, und diese legen durch deren Gebet Fürbitte für uns ein; es ist eine untrennbare Beziehung.“25
Schon das Alte Testament bezeugt das Gebet für die Toten. Als Judas der Makkabäer für seine gefallenen Soldaten opfern ließ, heißt es: „Hätte er nicht erwartet, dass die Gefallenen auferstehen werden, wäre es nämlich überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten“ (2. Makk 12:44). Das Gebet für die Verstorbenen ist also ein Bekenntnis der Hoffnung auf die Auferstehung.
In jedem Abendweihrauch und in der Regel auch am Samstagmorgen betet die Kirche die Litanei für die Entschlafenen, ein Fürbittgebet des Priesters mit der Antwort der Gemeinde. Der Diakon ruft: „Bittet für unsere Väter und Brüder, die entschlafen und aus dem Leben geschieden sind im Glauben an Christus seit dem Anfang“, und er schließt alle Christen ein, „damit Christus, unser Gott, ihren Seelen im Paradies der Freude ewige Ruhe schenke“.26
Zwei Väter bezeugen das Gebet für die Entschlafenen
Der heilige Johannes Chrysostomus führt das Gedächtnis der Verstorbenen in der Liturgie auf die Apostel zurück:
Nicht umsonst ist von den Aposteln die Anordnung getroffen worden, dass bei der Feier der schauervollen Geheimnisse der Abgeschiedenen gedacht werden solle. Sie wussten recht gut, dass denselben daraus großer Gewinn, großer Nutzen zufließe.27
Der heilige Augustinus erzählt vom Tod seiner Mutter, der heiligen Monika. Sie lag schwer krank fern der Heimat, und sein Bruder wünschte, sie möge in der Heimat sterben. Da sagte sie zu ihren Söhnen:
Begrabet diesen Leib, wo ihr wollt; machet euch um ihn keine Sorge. Nur darum bitte ich: gedenket meiner am Altare Gottes, wo ihr auch seid.28
Augustinus erfüllte diesen Wunsch und bat Gott, dass alle Leser seines Buches „an deinem Altare deiner Dienerin Monika eingedenk seien“.29 Die Gemeinschaft der Kirche reicht über das Grab hinaus.
Was das Gebet für die Entschlafenen ist – und was nicht
Das Gebet für die Entschlafenen ist keine zweite Chance zur Umkehr und kein Weg durch ein Fegefeuer. Es ist die Liebe der Kirche, die ihre Verstorbenen der Barmherzigkeit Gottes anvertraut und für sie um Vergebung und Ruhe bittet. Für die Versäumnisse ihres irdischen Lebens betet der Priester: „… vergib ihnen bitte, o Gott, gemäß Deiner Güte und Menschenliebe“, und weiter: „Aber jene, o Gott, deren Seelen Du aufgenommen hast, lass ausruhen, und Deines Himmelreiches würdig werden.“30 Wie Gott dieses Gebet aufnimmt, überlassen wir ihm. Uns ist aufgetragen zu beten, nicht zu rechnen.
Vom Gebet für die Entschlafenen ist die Fürsprache der Heiligen zu unterscheiden: Im Totengedächtnis beten wir für die im Glauben Entschlafenen; Heilige bitten wir um Fürsprache. Mehr dazu in Thema 25 („Die Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen“).
Für den Dienst
Trauer ist erlaubt
Als Lazarus gestorben war, heißt es: „Da weinte Jesus“ (Joh 11:35). Auch der Katechismus nimmt den Schmerz ernst: „Der Schmerz der Trennung gehört ganz natürlich zum Leben jedes Menschen, denn Gott hat uns Gefühle und Empfindungen geschenkt, damit wir sie erleben.“31 Paulus verbietet die Trauer nicht, er gibt ihr eine Richtung: „damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben“ (1. Thess 4:13b). Der heilige Ambrosius von Mailand sagt in seiner Trauerrede für seinen Bruder:
Indessen haben wir mit den Tränen eine schwere Schuld uns sicher nicht aufgeladen: nicht jedes Weinen ist ja Ausfluss des Unglaubens oder der Schwachherzigkeit. Ein anderes ist der Schmerz der Natur, ein anderes das Klagen des Misstrauens. […] Also habe auch ich geweint, ich will es gestehen; aber auch der Herr hat geweint.32
Beides ist wahr: Wir sind traurig, und wir haben Hoffnung. Sag einem weinenden Kind darum nie, es dürfe nicht weinen. Im Gebet des dritten Tages, das der Priester mit der Familie betet, bittet er für die Angehörigen: „Nimm von ihnen ihre Schmerzen und trockne ihre Tränen. Gib ihnen Geduld und Trost.“33
Mit Kindern über den Tod sprechen
- Wahr und einfach sprechen. Papst Schenouda III. erzählt von einem Kind, dem man nach dem Tod seines Vaters sagte: „Gott hat ihn geholt“. Das Kind war danach lange wütend auf Gott. Man hätte sagen können: „Dein Vater ist in den Himmel gekommen“.34
- Keine Angst machen. Gott ist nicht der, der Menschen „wegnimmt“; Christus hat den Tod besiegt. Ein guter Begleiter für Kinder ist der Psalm: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir“ (Ps 23:4a; LXX 22).
- Nach dem Alter unterscheiden. Kleine Kinder brauchen wenige, klare Sätze: „Oma ist in Gottes Hand; wir hoffen voll Zuversicht, dass sie bei Jesus ist, und wir beten für sie. Am Ende wird Jesus alle Toten auferwecken.“ Ältere Kinder fragen: „Sehe ich sie wieder?“; hier helfen Lk 23:43 und 1. Thess 4:14. Jugendliche stellen schwere Fragen nach Leid und Gerechtigkeit; sie brauchen Ehrlichkeit und Zeit.
- Gemeinsam beten. Kinder können für den Verstorbenen beten und so erleben, dass die Liebe weitergeht.
- Nicht allein lassen. Wenn ein Kind schwer trauert, sprichst du mit dem Priester; er bezieht je nach Lage die Eltern ein, damit das Kind gut begleitet wird.
- Wenn die ganze Klasse betroffen ist. Stirbt ein Kind der Klasse oder ein Mensch, den alle kennen, sprichst du mit Abuna ab, was du den Kindern sagst. Gib ihnen Raum für Fragen und Tränen und betet gemeinsam.
Schwere Fälle: der Tod eines Kindes, Suizid, Todesgedanken
Manchmal stirbt ein Kind, auch vor der Taufe; manchmal stirbt ein Mensch, der Christus nicht kannte, oder einer nimmt sich das Leben. Hier sprichst du besonders behutsam. Mit der Kirche sagen wir voll Zuversicht: Kinder, die sterben, nimmt Gott in seinem Erbarmen zu sich. Für das Heil anderer Menschen gilt: Wir geben treu weiter, was wir aus der Heiligen Schrift und der Überlieferung als notwendig für unser Heil empfangen haben – den Glauben an Christus, die Taufe (Joh 3:5; Mk 16:16) und das Leben in seiner Kirche (Apg 2:42.47). Wer das Gesetz Gottes nicht empfangen hat, wird nach dem gerichtet, was ihm gegeben war (Röm 2:12–16; Lk 12:48b). Heute aber können die Menschen fast überall von Christus hören; wer von ihm hört, soll diese Gelegenheit nutzen und umkehren (Apg 17:30). Wer in den Himmel kommt, entscheiden nicht wir, und wir richten nicht darüber; das Urteil über jeden Menschen gehört allein Gott (1. Kor 5:13a; Jak 4:12). Über einen Menschen, der sich das Leben genommen hat, urteilst du nicht, denn die Umstände kennen wir nicht; über die kirchliche Begleitung entscheidet der Priester bzw. der Bischof.
Spricht ein Kind oder ein Jugendlicher selbst von Todesgedanken, lässt du es nicht allein. Ist es in akuter Gefahr, rufst du sofort selbst den Notruf; sonst sprichst du sofort mit Abuna, der je nach Lage die Eltern und weitere Hilfe hinzuzieht. Gott hilft auch durch Ärzte (Sir 38:1).
Das Wichtigste in Kürze
- Im Tod trennt sich die Seele vom Leib; jeder Mensch stirbt nur einmal (Hebr 9:27), eine Seelenwanderung gibt es nicht.
- Seit der Auferstehung Christi ist der Tod des Gläubigen eine Entschlafung, eine „Brücke zur Unsterblichkeit“ (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1357).
- Vor der Erlösung war der Hades der Warteort aller Entschlafenen. Seit Christus hinabgestiegen ist, sind vor dem Gericht die Gerechten im Paradies und die von Gott Getrennten im Hades; nach dem Gericht folgen Himmelreich und Hölle (Gehenna) (Offb 20:13–14). „Unmittelbar nach dem Tod aber verweilen die Menschen am Ruheplatz; und dieser Ruheplatz der Gerechten ist das Paradies“ (Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2).
- Christus stieg als Sieger in den Hades hinab und befreite die Gerechten seit Adam (1. Petr 3:19; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 132).
- Nach dem Tod gibt es keine Umkehr (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1368); darum lehrt die Kirche kein Fegefeuer. Der Räuber ging „heute noch“ ins Paradies (Lk 23:43).
- Die Kirche betet für die Entschlafenen, weil die Liebe im Leib Christi nicht endet (Johannes Chrysostomus; Augustinus, Bekenntnisse IX,11).
- Trauer ist erlaubt – Jesus weinte (Joh 11:35); mit Kindern sprechen wir wahr, einfach und ohne Angst.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1357–1371 und Fr. 1390–1399.
- Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.
- Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 113–118 und Fr. 143–147.
- Ambrosius, Über den Tod seines Bruders Satyrus, Buch I.
Anmerkungen
Die göttlichen Liturgien, S. 178; vgl. Buch 1, Kapitel 4 („Das Glaubensbekenntnis“).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1146, Anmerkung 683.↑
Gehenna hieß ursprünglich ein Tal bei Jerusalem; im griechischen Text der Evangelien ist es das Wort, das die Einheitsübersetzung mit „Hölle“ wiedergibt (etwa Mk 9:43).↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1359.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 143.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 19.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1357.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 27. „Unverweslich“: frei von Verfall und Verwesung.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 79 (Gebet für die Entschlafenen).↑
Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1396.↑
Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 389 (Kyrillus-Liturgie).↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 114.↑
Damals wie Heute, Abschnitt „Der Abstieg in die Unterwelt“, S. 170.↑
Nach Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1390.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 132.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 193.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1368.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1368.↑
Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper, Homilie 4 (3),4.↑
Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑
Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.11.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 78; zur Ordnung (Abendweihrauch, Samstagmorgen) Euchologion, S. 34.↑
Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper, Homilie 4 (3),4. „Schauervolle Geheimnisse“ meint die ehrfurchtgebietende Feier der Eucharistie; „Abgeschiedene“ sind die Verstorbenen.↑
Augustinus, Bekenntnisse, Buch IX, Kap. 11.↑
Augustinus, Bekenntnisse, Buch IX, Kap. 13.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 79–80.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1370.↑
Ambrosius, Über den Tod seines Bruders Satyrus, Buch I, Nr. 10.↑
Dienstgebete außerhalb der Kirche, S. 93 (Gebet des dritten Tages).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36–37).↑