Thema 32 · Vortrag 1
Die Kirche im Zeitalter der Apostel
Kirchengeschichte als Gedächtnis der Kirche – von Pfingsten bis zu den apostolischen Kirchen
17 Min. LesezeitDie Kirche der Apostel und der heilige Markus
Lernziele
- Zweck und Methoden der Kirchengeschichte nennen und Quelle, Überlieferung und Legende unterscheiden.
- Pfingsten, die Urgemeinde und das Apostelkonzil (Apg 15) sachlich richtig beschreiben.
- Die apostolischen Gründungen und die späteren Patriarchate (Nizäa, Kanon 6) erklären.
Schlüsselbegriffe
Kirchengeschichte · Quelle · Überlieferung · Legende · Epoche · Pfingsten · Wochenfest · Urgemeinde · Apostelkonzil · apostolische Kirche · apostolische Sukzession · Patriarch · Patriarchat
Bibelstellen
Lk 1:2–3; Apg 12:25; Apg 13:5; Apg 1:8; Apg 1:14; Apg 1:22; Apg 1:24–26; Ex 34:22; Lev 23:16; Apg 2:1–4; Apg 2:10; Apg 2:16–17; Apg 2:38; Apg 2:41; Apg 2:42; Apg 4:32; Apg 6:1–6; Apg 7:60; Apg 8:1.4; Apg 11:20–26; Apg 12:2; Apg 12:12; Lk 19:41; Mt 24:2; Apg 15:1–29; Gal 1:19; Gal 2:11; Röm 1:8; Apg 28:15; Apg 28:30–31
Inhalt
Die Geschichte der Kirche beginnt am Pfingsttag in Jerusalem. Wenige Jahrzehnte später gibt es in den großen Städten des Römischen Reiches Kirchen, die auf die Apostel zurückgehen. Die Kirchengeschichte erforscht diesen Weg, und sie lehrt, eine Quelle von einer frommen Erzählung zu unterscheiden. Als Diener brauchst du beides: die Liebe zur Geschichte deiner Kirche und den klaren Blick dafür, was wir sicher wissen und was die Kirche als Überlieferung bewahrt.
Warum Kirchengeschichte?
Ein Baum ohne tiefe Wurzeln fällt beim ersten Sturm. So ist es auch mit dem Glauben: Wer nicht weiß, woher er kommt, verliert leicht den Halt. Die Kirchengeschichte ist das Gedächtnis der Kirche. Wer sie lernt,
- sieht, wie Gott in der Geschichte seiner Kirche wirkt – auch in der Verfolgung;
- lernt die Väter kennen, die den Glauben gegen Irrlehren und oft mit ihrem Blut bewahrt haben;
- versteht, warum die Kirche heute so betet, fastet und feiert;
- erkennt, dass auch er selbst seinen Platz in dieser Geschichte hat.
Schon Lukas hat so gearbeitet: Er hielt sich an die Überlieferung derer, „die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren“ (Lk 1:2), und beschloss, „allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen“ (Lk 1:3a). Die erste ganze Kirchengeschichte schrieb Eusebius von Cäsarea († um 340), den das Synaxarium den „Vater der Kirchengeschichte“ nennt.1 Er wollte berichten „über die Nachfolgen der heiligen Apostel, über die von unserem Erlöser an bis auf uns verflossenen Zeiten …“.2 Eusebius ist ein wichtiger Zeuge der Geschichte, aber kein Lehrer des Glaubens; im Streit um den Irrlehrer Arius, der die Gottheit des Sohnes leugnete, stand er Arius nahe.3
Wie man Kirchengeschichte erforscht
Quellen und Hilfsmittel
Woher wissen wir, was in den ersten Jahrhunderten geschah? Die Kirchengeschichte arbeitet mit Quellen:
- Die Heilige Schrift, vor allem die Apostelgeschichte und die Briefe – für die Anfänge die sicherste Quelle.
- Die Väter, etwa die Briefe des heiligen Ignatius von Antiochien und des heiligen Polykarp von Smyrna, der nach Irenäus noch „von den Aposteln unterrichtet“ war.4
- Alte Kirchenordnungen wie die Didache („Lehre der zwölf Apostel“) mit Weisungen über Taufe, Fasten, Gebet und Eucharistie.5
- Geschichtsschreiber: Eusebius; für Alexandrien die Geschichte der Patriarchen, die auf Bischof Severus ibn al-Muqaffa (10. Jahrhundert) zurückgeht.6
- Liturgie und Synaxarium, dazu Berichte jüdischer und heidnischer Schriftsteller.
- Denkmäler: Kirchen, Klöster, Inschriften, Handschriften, Ikonen, Gräber.
Hilfsmittel sind Landkarten, Zeittafeln, Tabellen und Listen, etwa die Liste der Päpste von Alexandrien. Für das Vorgehen unterscheidet man fünf Methoden:
| Methode | Vorgehen | Beispiel |
|---|---|---|
| Jahrhundert-Methode | ein Jahrhundert mit Staat, Herrschern, Ereignissen und Personen betrachten | die Kirche im 1. Jahrhundert |
| Personen-Methode | das Leben einer Person untersuchen | der heilige Markus |
| Themen-Methode | ein Thema durch die Zeiten verfolgen | das Mönchtum |
| Ereignis-Methode | ein Ereignis befragen: was, wann, warum, wer? | das Apostelkonzil |
| Vergleichs-Methode | Quellen nebeneinanderlegen | Apostelgeschichte und Synaxarium über Markus |
Quelle, Überlieferung und Legende
Nicht alles, was über die Heiligen erzählt wird, hat das gleiche Gewicht.
Ein Zeugnis aus der Zeit des Geschehens oder aus großer Nähe zu ihm: ein biblischer Bericht, ein Brief, eine Inschrift, ein Bauwerk. Für die Zeit der Apostel ist die Heilige Schrift die erste Quelle.
Was die Kirche über Personen und Ereignisse von Generation zu Generation bewahrt und weitergibt – in der Liturgie, im Synaxarium, in ihren Geschichtswerken –, auch wenn es nicht in der Schrift steht.
Eine fromme Erzählung, die erst spät bezeugt ist und deren Einzelheiten sich nicht prüfen lassen. Sie will zum Glauben ermutigen, nicht genau berichten.
Verwechsle das nicht mit der Heiligen Überlieferung des Glaubens aus Thema 6 („Glaube, Dogma und Heilige Überlieferung“): Der Glaube, den die Apostel verkündet und die Väter bewahrt haben, ist kein „Vielleicht“. In der Kirchengeschichte geht es dagegen oft um Einzelheiten – ein Jahr, einen Ort, eine Begebenheit –, bei denen die Berichte auseinandergehen können. Dann fragst du: Wer berichtet es? Wann wurde es aufgeschrieben? Woher konnte er es wissen?
Ein Beispiel: Dass Markus mit Paulus und Barnabas reiste, steht in der Apostelgeschichte (Apg 12:25; 13:5). Dieser biblische Bericht ist eine Quelle. Dass er in Alexandrien das Martyrium erlitt, bewahrt die Kirche als Überlieferung im Synaxarium. Die Erzählung der Venezianer von einem Engel, der Markus an der Adria eine große Stadt ankündigte, gibt Papst Schenouda III. mit den Worten „Man sagt …“ wieder7 – eine Legende, deren Herkunft sich nicht prüfen lässt. Wer so unterscheidet, zweifelt nicht an der Kirche, sondern ehrt die Wahrheit. Papst Schenouda III. beschreibt seine eigene Arbeitsweise so:
Jeder Quelle haben wir entnommen, was darin wahr ist. Wenn wir etwas gefunden haben, das der Wahrheit nicht entspricht, haben wir es weggelassen oder – wenn es nötig war – widerlegt. Deshalb sind wir nicht an alles gebunden, was wir gelesen haben …8
Die Epochen
Zur Übersicht teilt man die Geschichte in Epochen ein. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty beschreibt den Weg der koptischen Kirche in neun Abschnitten, beginnend mit dem Zeitalter der Apostel.9 Für den Kurs genügen sechs Epochen:
| Epoche | Zeit |
|---|---|
| Das Zeitalter der Apostel | 1. Jh. |
| Die Kirche der Märtyrer und die Theologische Schule von Alexandrien | 2.–4. Jh. |
| Mönchsväter, Kirchenväter und die drei ökumenischen Konzile | 4.–5. Jh. |
| Chalcedon und die Trennung | ab 451 |
| Die Kirche unter islamischer Herrschaft | ab dem 7. Jh. |
| Erneuerung, Auswanderung und Gegenwart | 19.–21. Jh. |
Die Welt, in die die Kirche hineingeboren wurde
Die Kirche entstand im Römischen Reich. Straßen und Seewege verbanden die Städte rund um das Mittelmeer, und fast überall verstand man Griechisch. In den großen Städten – Antiochien, Alexandrien, Rom – lebten viele Juden mit ihren Synagogen und Heiligen Schriften; zu den großen Festen kamen sie aus allen Ländern nach Jerusalem. So nennt die Apostelgeschichte am Pfingsttag auch Menschen aus „Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin“ (Apg 2:10); nach Papst Schenouda III. nahmen viele dieser ägyptischen Juden den Glauben an.10
Pfingsten – die Geburtsstunde der Kirche
Das Wochenfest
Vor seiner Himmelfahrt verhieß der Herr den Aposteln: „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1:8). Bis dahin verharrten sie einmütig im Gebet, „zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu“ (Apg 1:14) – in ihrer Mitte war die Gottesgebärerin (Theotokos).
Der Geist kam an einem jüdischen Fest, dem Wochenfest, sieben Wochen nach dem Pascha: „Zählt fünfzig Tage bis zum Tag nach dem siebten Sabbat, und dann bringt dem Herrn ein neues Speiseopfer dar!“ (Lev 23:16). Darum heißt es griechisch Pentekoste, der fünfzigste Tag.11 Das Gesetz unterscheidet es klar vom Laubhüttenfest im Herbst, dem „Fest der Lese“: „Du sollst das Wochenfest feiern, das Fest der Erstlingsfrüchte von der Weizenernte und das Fest der Lese an der Jahreswende“ (Ex 34:22).
Das Fest am fünfzigsten Tag nach der Auferstehung, an dem der Heilige Geist auf die Apostel herabkam (Apg 2:1–4). Im Alten Bund war dieser Tag das Wochenfest, das Fest der Erstlingsfrüchte der Weizenernte.
Was geschah
Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.
Petrus predigte und erklärte, dass sich erfüllt, was der Prophet Joël angekündigt hatte (Apg 2:16–17). Den Zuhörern rief er zu: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“ (Apg 2:38b). „An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt“ (Apg 2:41).
Derselbe Petrus hatte wenige Wochen zuvor den Herrn verleugnet. Nachdem er den Geist empfangen hatte, legte er, wie der Katechismus sagt, „mit Freude Zeugnis für seinen Namen ab, selbst um den Preis von Leiden und Verfolgung“.12 Die Kirche entstand nicht aus menschlicher Kraft, sondern aus der Kraft des Geistes. Nach koptischer Überlieferung war das Haus, in dem die Jünger versammelt waren, das Haus der Mutter des Markus; in ihm „kam der Heilige Geist am Pfingsttag herab“.13 Die Schrift nennt dieses Haus später als Ort, an dem die Gemeinde betete (Apg 12:12).
Die erste Gemeinde in Jerusalem
Die Wahl des Matthias
Schon vor Pfingsten musste der Kreis der Zwölf wieder vollständig werden, denn Judas hatte sein Amt verlassen. Der Neue musste mit Jesus gegangen sein und nun „Zeuge seiner Auferstehung“ sein können (Apg 1:22). Die Apostel beteten: „Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen“ (Apg 1:24–25). „Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugerechnet“ (Apg 1:26). Die Kirche legte die Wahl im Gebet in Gottes Hand.
So lebte die Urgemeinde
Die erste Gemeinde in Jerusalem nennt man Urgemeinde. Lukas fasst ihr Leben zusammen:
Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.
Diese vier Kennzeichen tragen die Kirche bis heute; das Brechen des Brotes ist die Eucharistie. „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam“ (Apg 4:32).
Die Sieben
Einige Jünger beklagten, dass ihre Witwen „bei der täglichen Versorgung übersehen wurden“ (Apg 6:1). Die Apostel wollten den „Dienst am Wort“ nicht vernachlässigen und ließen „sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ wählen; die Apostel „beteten und legten ihnen die Hände auf“ (Apg 6:3–6). Die Gemeinde verschweigt das Problem nicht; sie löst es gemeinsam. In den Sieben sieht die Kirche den Anfang des Diakonats;14 im Synaxarium heißt Stephanus „der Erzdiakon und der erste der Märtyrer“.15
Verfolgung und Ausbreitung
Sterbend betete Stephanus für seine Mörder: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7:60). Danach „brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein“ (Apg 8:1). Doch gerade so breitete sich der Glaube aus: „Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort“ (Apg 8:4). König Herodes ließ später „Jakobus, den Bruder des Johannes, … mit dem Schwert hinrichten“ (Apg 12:2).
An der Spitze der Kirche von Jerusalem stand ein anderer Jakobus: Jakobus, der Bruder des Herrn (Gal 1:19). Nach Eusebius erhielt er „als erster den Bischofsstuhl der Kirche von Jerusalem“;16 das Synaxarium nennt ihn Bischof „der Mutterkirche in Jerusalem“.17
Diese Mutterkirche erlebte noch, wie sich ein Wort des Herrn erfüllte. Er hatte über Jerusalem geweint (Lk 19:41) und vom Tempel gesagt: „Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden“ (Mt 24:2). Im Krieg gegen Rom wurden die Stadt und der Tempel im Jahr 70 zerstört.18 Die Gemeinde war nicht mehr in der Stadt. Nach Eusebius hatte sie durch eine Weissagung die Weisung erhalten, „noch vor dem Kriege die Stadt zu verlassen“, und war nach Pella gezogen.19
Das Apostelkonzil (Apg 15)
Die Streitfrage
In Antiochia hatten sich viele Heiden bekehrt. Da kamen Leute aus Judäa und lehrten: „Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden“ (Apg 15:1b). Einige gläubig gewordene Pharisäer forderten, die Heiden müssten „am Gesetz des Mose“ festhalten (Apg 15:5). Musste ein Heide also zuerst Jude werden, um Christ zu sein? Paulus und Barnabas gingen deshalb „zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem“ (Apg 15:2).
Verlauf und Entscheidung
„Die Apostel und die Ältesten traten zusammen, um die Frage zu prüfen“ (Apg 15:6). Petrus schloss: „Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene“ (Apg 15:11). Barnabas und Paulus erzählten, „welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte“ (Apg 15:12). Zuletzt „nahm Jakobus das Wort“ (Apg 15:13) und schlug vor, „den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden“ (Apg 15:19). Jakobus, der Bruder des Herrn, leitete die Versammlung; das Synaxarium sagt von ihm: „Er hatte die letzte Entscheidung auf dem Konzil.“20 Die Versammlung schrieb den Gemeinden:
Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!
Das Apostelkonzil lehrt dich dreierlei. Erstens: Das Heil kommt aus der Gnade Christi; die Heiden müssen nicht erst Juden werden. Zweitens: Juden und Heiden bilden eine einzige Kirche. Drittens: Entsteht Streit, entscheiden die Hirten der Kirche gemeinsam, im Hören aufeinander und auf den Heiligen Geist. Darum ist das Apostelkonzil das Vorbild aller späteren Konzile und Synoden, der Versammlungen der Hirten der Kirche, die über Fragen des Glaubens und der Ordnung beraten und entscheiden.
Das Evangelium breitet sich aus
Bis an die Grenzen der Erde
In Antiochia verkündeten Gläubige aus Zypern und Zyrene „auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn“; Barnabas kam aus Jerusalem und holte Paulus dazu. „In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen“ (Apg 11:20–26). Auch Petrus kam dorthin (Gal 2:11). Von Antiochia brachen Paulus und Barnabas zu ihren Reisen auf, die du aus Thema 15 („Das Neue Testament im Überblick“) kennst. Papst Tawadros II. fragt, was die Apostel bewegte:
Was motivierte den heiligen Markus, nach Ägypten zu kommen? Was bewegte den heiligen Thomas, nach Indien zu gehen? …21
Ebenso fragt er nach Matthäus, der nach Äthiopien, und nach Paulus, der nach Europa ging, obwohl „ihr menschliches Potenzial sehr schwach war“. Er antwortet: „Die Kraft des Heiligen Geistes in ihnen vervollständigte jede Schwäche, und der Geist Gottes entflammte ihre Herzen.“22
Petrus und Paulus in Rom
Als Paulus an die Römer schrieb, gab es dort schon Christen, deren Glaube „in der ganzen Welt verkündet wird“ (Röm 1:8b). Als er als Gefangener nach Rom kam, reisten ihm „die Brüder“ entgegen (Apg 28:15), und zwei Jahre lang verkündete er dort „das Reich Gottes“ (Apg 28:30–31).
Am Ende ihres Lebens wirkten Petrus und Paulus in Rom, und beide starben dort unter Kaiser Nero als Märtyrer. Eusebius schreibt: „Wie berichtet wird, wurde Paulus eben in Rom unter Nero enthauptet und Petrus gekreuzigt.“2324 Der heilige Irenäus spricht von der Kirche, „die von den beiden ruhmreichen Aposteln Petrus und Paulus zu Rom gegründet und gebaut ist“.25 Die Kirche von Rom ist auf beide Apostel gegründet; die koptische Kirche feiert sie gemeinsam am Apostelfest, dem 5. Abib (12. Juli).26
Die apostolischen Kirchen und die späteren Patriarchate
Kirchen, die auf die Apostel zurückgehen
Wo die Apostel predigten, entstanden Gemeinden, und die Apostel setzten Bischöfe ein. Eine Kirche, die auf einen Apostel zurückgeht, heißt apostolische Kirche. Tertullian, der hier noch vor seinem Übertritt zum Montanismus schreibt, lädt seine Leser zu einer „Rundreise durch die apostolischen Kirchen“ ein: nach Korinth, Philippi, Ephesus und Rom.27
| Kirche | Ursprung nach Schrift und Überlieferung |
|---|---|
| Jerusalem | die Mutterkirche; erster Bischof Jakobus, der Bruder des Herrn |
| Antiochien | Gemeinde aus Juden und Heiden (Apg 11); Wirken von Barnabas, Paulus und Petrus |
| Alexandrien | gegründet vom heiligen Markus (Vortrag 2) |
| Rom | gegründet auf die Apostel Petrus und Paulus |
| Ephesus, Smyrna, Korinth, Philippi und andere | Gründungen des Paulus und des Johannes |
Die Überlieferung in jeder Kirche
Warum war es so wichtig, wer eine Kirche gegründet hatte? Im 2. Jahrhundert behaupteten Irrlehrer, die Apostel hätten eine geheime Lehre weitergegeben. Der heilige Irenäus von Lyon antwortete:
Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage.28
Weil es „zu weitläufig“ wäre, die Nachfolge aller Kirchen aufzuzählen, nimmt Irenäus Rom als Beispiel; gleich danach nennt er Smyrna und Ephesus als Zeugen derselben Überlieferung.29 Wo die Kette der Bischöfe bis zu den Aposteln zurückreicht und überall derselbe Glaube gelehrt wird, dort ist für ihn der Glaube der Apostel.
Die ununterbrochene Weitergabe des apostolischen Amtes und der apostolischen Lehre durch Handauflegung von den Aposteln bis heute.
Nizäa, Kanon 6: die drei großen Sitze
Im Lauf der Zeit wurden drei Kirchen Mittelpunkte großer Gebiete: Alexandrien, Rom und Antiochien. Das erste ökumenische Konzil, die erste Versammlung der Bischöfe aus der ganzen Kirche, tagte in Nizäa (325) und bestätigte ihre Vorrechte als alte Gewohnheit. Das steht in Kanon 6, einem der Beschlüsse des Konzils. Der Kanon beginnt mit Alexandrien; Papst Schenouda III. gibt diesen Anfang so wieder: „Mögen die alten, in Ägypten, Libyen und den fünf westlichen Städten gängigen Gewohnheiten bewahrt werden, dass nämlich dem Bischof von Alexandria die Jurisdiktion über sie alle zusteht.“30 Der Kanon fährt fort, dass dasselbe für den Bischof von Rom Brauch sei und dass auch Antiochien und die anderen Gebiete ihre Vorrechte behalten.31 Jerusalem erhielt im folgenden Kanon einen Ehrenrang.32 Die Bischöfe dieser großen Sitze heißen Patriarchen, ihr Gebiet Patriarchat.
Der Bischof einer großen, meist apostolischen Hauptkirche, der den Bischöfen eines weiten Gebiets vorsteht. Der Patriarch von Alexandrien heißt zugleich Papst.
Konstantinopels Ehrenrang als neues Rom
Im Kanon 6 kommt Konstantinopel nicht vor. Die Stadt war damals noch nicht Hauptstadt des Reiches; erst Kaiser Konstantin baute sie dazu aus. Als das Konzil von Konstantinopel (381) ihrem Bischof den Ehrenrang nach dem Bischof von Rom gab, begründete es das damit, dass Konstantinopel das neue Rom sei – also mit dem Rang der Hauptstadt.33
Für den Dienst
Eine apostolische Kirche. Die Kinder deiner Gruppe sind oft die einzigen Kopten in ihrer Schulklasse. Sie dürfen wissen: Ihre Kirche ist eine der ältesten Kirchen der Welt und reicht bis zu den Aposteln zurück. Erzähle Pfingsten als Geburtstag dieser Kirche – auch der Name Ägyptens steht in der Pfingstgeschichte (Apg 2:10).
Apg 2:42 als Spiegel. Prüfe deine Sonntagsschulstunde, ebenso jeden anderen Dienst mit Kindern und Jugendlichen, an den vier Kennzeichen der Urgemeinde: Hören die Kinder die Lehre der Apostel? Erleben sie Gemeinschaft? Führst du sie zur Göttlichen Liturgie? Betest du mit ihnen?
Ehrlich erzählen. Jugendliche fragen: „Ist das wirklich passiert?“ Hilf ihnen zu unterscheiden: Das steht in der Schrift; das bewahrt die Kirche als Überlieferung; das ist eine fromme Erzählung. Sag offen, wenn wir ein Jahr nicht genau wissen. Das macht dich glaubwürdig, wenn du von der Auferstehung sprichst, die die Apostel mit ihrem Leben bezeugt haben.
Ohne Streit. Fragt jemand, wer die Kirche von Rom gegründet hat, antworte mit Irenäus: Petrus und Paulus.
Im Gebet beauftragt. Wie Matthias und die Sieben empfängst auch du deinen Dienst im Gebet von Gott und der Kirche.
Das Wichtigste in Kürze
- Kirchengeschichte ist das Gedächtnis der Kirche. Sie arbeitet mit Quellen, Hilfsmitteln (Karten, Zeittafeln) und fünf Methoden (Jahrhundert, Person, Thema, Ereignis, Vergleich).
- Eine Quelle stammt aus der Zeit des Geschehens; Überlieferung ist, was die Kirche weitergibt; eine Legende ist eine späte fromme Erzählung, die sich nicht prüfen lässt.
- Pfingsten war das jüdische Wochenfest am fünfzigsten Tag. An ihm kam der Heilige Geist auf die Apostel herab, und etwa dreitausend Menschen ließen sich taufen.
- Die Urgemeinde hielt an der Lehre der Apostel, der Gemeinschaft, dem Brechen des Brotes und den Gebeten fest (Apg 2:42). Matthias wurde unter Gebet durch das Los zu den Zwölf gewählt, die Sieben unter Handauflegung eingesetzt.
- Das Apostelkonzil (Apg 15) entschied unter der Leitung des Jakobus, des Bruders des Herrn, dass die Heiden nicht beschnitten werden müssen: Das Heil kommt aus der Gnade Christi.
- Petrus und Paulus erlitten in Rom unter Nero das Martyrium; die Kirche von Rom ist auf beide gegründet.
- Nach Irenäus findet man die Überlieferung der Apostel in jeder Kirche, deren Bischöfe ununterbrochen auf die Apostel zurückgehen (apostolische Sukzession).
- Nizäa (325) bestätigte im Kanon 6 die Vorrechte von Alexandrien, Rom und Antiochien. Konstantinopel erhielt 381 den Ehrenrang nach Rom, weil es als Hauptstadt das neue Rom war.
Zum Weiterlesen
- Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1–4.
- Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte, Buch I, Kap. 1, und Buch II, Kap. 1–25 (BKV 2. Reihe 1).
- Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 9–18: die Besonderheiten der Apostelkirche.
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 4: der Weg der koptischen Kirche durch die Jahrhunderte.
Anmerkungen
Synaxarium, 10. Tut, Das Martyrium des heiligen Johannes des Ägypters, S. 25.↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch I, Kap. 1.↑
Vgl. Theodoret, Kirchengeschichte, Buch I, Kap. 5.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,4.↑
Vgl. Didache, Kap. 7–10.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Abba Markus, der Apostel, Evangelist und Märtyrer, Abschnitt „Quellen“ (S. 136); Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 8.6.↑
Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Abschnitt „Quellen“ (S. 136).↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 6.2.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Acts of the Apostles, Part I. A Patristic Commentary, Sporting-Alexandria, zu Apg 2:1 (S. 100).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 428.↑
Synaxarium, 30. Baramuda, Das Martyrium des großen heiligen Markus, S. 421.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Acts of the Apostles, Kap. 6.↑
Synaxarium, 1. Tubeh, Das Martyrium des heiligen Stephanus, des Erzdiakons, S. 217.↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch II, Kap. 1.↑
Synaxarium, 18. Abib, Das Martyrium des heiligen Apostels Jakobus, des Bruders des Herrn, S. 568.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Acts of the Apostles, zu Apg 1:13 (S. 67).↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch III, Kap. 5.↑
Synaxarium, 18. Abib, S. 568.↑
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 11.↑
Ebd.↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch II, Kap. 25.↑
Vgl. auch Synaxarium, 5. Abib, Das Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus, S. 542–543.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,2.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1106.↑
Tertullian, Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker, Kap. 36. Tertullian ist kein Heiliger der Kirche; er wird hier nur als Zeuge der Geschichte angeführt. Der Montanismus war eine Bewegung des 2. Jahrhunderts um Montanus aus Phrygien, dessen Anhänger ihn als den verheißenen Beistand priesen; die Kirche verwarf sie.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,1.↑
Vgl. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,2–4.↑
Konzil von Nizäa, Kanon 6, nach Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 5.8. „Jurisdiktion“ bedeutet Zuständigkeit als Hirte.↑
Vgl. Konzil von Nizäa, Kanon 6.↑
Vgl. ebd., Kanon 7.↑
Vgl. Konzil von Konstantinopel, Kanon 3.↑