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Thema 46 · Vortrag 1

Gewissen, Gebote und Gesellschaft

Christliches Leben als Antwort auf die Liebe Gottes

18 Min. LesezeitChristliche Lebensführung

Lernziele

  1. Gewissen, Freiheit und Verantwortung aus der Schrift erklären (Röm 2:15; Joh 8:36).
  2. Die Zehn Gebote in koptischer Zählung (4 + 6) und das Doppelgebot der Liebe nennen.
  3. Den Schutz des ungeborenen Lebens mit der Schrift und der Didache begründen.

Schlüsselbegriffe

christliche Ethik · Gewissen · Freiheit · Verantwortung · Zehn Gebote · Doppelgebot der Liebe · Tugend · Laster · Lebensschutz · Sucht · Trunkenheit · Almosen · politische Neutralität

Bibelstellen

1. Joh 4:19; Joh 14:15; Röm 13:10; Röm 2:15; Gen 39:9b; Joh 19:15; Mt 23:24; Apg 24:16; Dtn 30:19; 1. Kor 6:12; Joh 8:34⁠–⁠36; Ex 20:2⁠–⁠17; Mt 22:37⁠–⁠40; Mt 5:21⁠–⁠22; Mt 5:27⁠–⁠28; Gal 5:22⁠–⁠23; Ps 139:13; Jer 1:5; 1. Joh 1:9; Ps 104:15; Eph 5:18; 1. Tim 5:23; Röm 14:21; 1. Kor 11:23⁠–⁠25; Phil 4:8; 1. Thess 5:21; Mt 6:24; Mt 25:40; 2. Kor 9:7; Mt 22:21; Röm 13:1; Apg 5:29; 1. Tim 2:1⁠–⁠2; Mt 5:9; Mt 5:44

Inhalt

Wie lebt ein Christ – in der Schule, im Beruf, im Netz, als Bürger seines Landes? Kinder, Jugendliche und Eltern fragen den Diener danach, oft unvermittelt nach der Stunde. Die Antwort beginnt beim Gewissen und bei der Freiheit, bei den Zehn Geboten und beim Doppelgebot der Liebe. Von dort aus lassen sich Tugenden und Laster, der Schutz des Lebens und die Fragen des Alltags verstehen: Sucht, Alkohol und Medien, Geld und Almosen, Kirche und Staat. Christliches Leben ist dabei kein Bündel von Verboten, sondern die Antwort auf die Liebe Gottes.

Christliche Ethik: Leben in Christus

Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty beschreibt christliche Ethik als eine Liebesbeziehung zwischen dem Menschen und Christus. Christus bereitet ihn darauf vor, an der himmlischen Herrlichkeit teilzuhaben.1

Begriff
christliche Ethik

Die christliche Ethik (Sittenlehre) beschreibt, wie ein Mensch lebt, der Christus gehört. Sie ist die Antwort auf die Liebe Gottes und zeigt sich im Umgang mit Gott, mit den Mitmenschen und mit der ganzen Schöpfung.

Am Anfang steht nicht unsere Leistung, sondern Gottes Liebe: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Joh 4:19). Darum sagt Jesus: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh 14:15), und Paulus fasst zusammen: „Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“ (Röm 13:10b).

Dieses Leben lässt sich nicht in Bereiche aufteilen, denn „das Leben in Christus ist ein einheitliches Leben, das alle Lebensbereiche prägt“.2 Wahre Gläubige haben „nicht zwei Persönlichkeiten – eine für die Kirche und eine andere für die Öffentlichkeit“.3

Das Gewissen

Aus Thema 22 („Schöpfung, Fall und Erlösung“) kennst du das Gewissen als Teil des Bildes Gottes: Die Forderung des Gesetzes ist uns „ins Herz geschrieben“, und das Gewissen „legt Zeugnis davon ab“ (Röm 2:15). Das Gewissen muss jedoch gebildet werden.

Begriff
Gewissen

Das Gewissen ist die innere Stimme, die das Gute vom Bösen unterscheidet, zum Guten mahnt und das eigene Tun beurteilt. Es ist eine Gabe Gottes, aber nicht unfehlbar; es wird durch Gottes Wort, die Lehre der Kirche und die geistliche Begleitung gebildet.

Ein Richter, der nicht unfehlbar ist

Papst Schenouda III. schreibt in seinem Buch Wer ist der Mensch?: „Das Gewissen ist ein Richter, der zwar das Gute liebt, aber nicht unfehlbar ist.“4 Es gab das Gewissen schon vor dem geschriebenen Gesetz: Es klagte Kain an, und es bewahrte Josef.5

Beispiel

Josef im Haus des Potifar. Josef war Sklave in Ägypten. Als die Frau seines Herrn ihn verführen wollte, antwortete er: „Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?“ (Gen 39:9b). Ein Gesetz vom Sinai gab es noch nicht; Josefs Gewissen stand vor Gott.

Das Gewissen kann aber irren. Papst Schenouda III. nennt, was es stärkt oder schwächt: die Leidenschaften, die das Urteil trüben, das Wissen („Gut Bescheid zu wissen, erleuchtet das Gewissen“), die Vorbilder, besonders bei jungen Menschen, und die Gemeinschaft.6 Über sie schreibt er: „Jeder Einzelne wird von den Gefühlen und dem Gewissen einer Gemeinschaft beeinflusst; er kann in ihrem Rahmen sogar eine Tat vollbringen, für die sein Gewissen ihn, wenn er allein ist, tadelt.“7 So schrie die Menge vor Pilatus: „Weg mit ihm, kreuzige ihn!“ (Joh 19:15a).

Weites und enges Gewissen

„Das Gewissen kann großzügig genug sein, um ein Kamel zu verschlucken, und eng genug, um eine Mücke auszusieben“, schreibt Papst Schenouda III. in Anspielung auf das Wort Jesu: „Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele“ (Mt 23:24b). Er erklärt: „Ein großzügiges Gewissen rechtfertigt seine Fehler, während ein enges Gewissen so skrupelhaft ist, dass es das Böse dort sieht, wo es nicht ist, Fehler aufbläht und in einen Schuldkomplex verfällt“.8 Das weite Gewissen braucht Wahrheit, das enge Trost.

Das Gewissen bilden

Darum rät Papst Schenouda III.: „Mache dich also nicht allein von deinem eigenen Gewissen abhängig, sondern erbitte den Rat von anderen, ausgewogenen und unabhängigen Gewissen“.9 Dafür hat Gott den Beichtvater gegeben, den geistlichen Führer.10 Das Gewissen wird gebildet durch die Heilige Schrift, die Lehre der Kirche, das Gebet, die tägliche Gewissenserforschung und das Gespräch mit dem Beichtvater. Paulus sagt: „… bemühe auch ich mich, vor Gott und den Menschen immer ein reines Gewissen zu haben“ (Apg 24:16).

Gewissen und Wille

Das Gewissen zeigt den Weg; gehen muss der Wille. Papst Schenouda III. gebraucht dafür ein Bild:

Aus der Lehre unserer Päpste

Das Gewissen lässt sich mit einer Ampel vergleichen. Das rote Licht bedeutet dem Fahrer, anzuhalten, ohne ihn indessen zu zwingen, es zu tun. Es ist sehr leicht für den Fahrer, gegen die rote Ampel zu verstoßen und weiterzufahren, ohne sich auch nur um diesen Verstoß zu kümmern. Das Gewissen ist nur ein Führer, der Wille ist der Ausführende.11

– Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.6

Wer das Gewissen oft überhört, bringt es zum Schweigen. Doch Gott lässt den Menschen nicht allein: „Hier greift der Wille Gottes ein, der seine Gnade sendet, um den Menschen vor seinem Willen zu retten.“12 Auch dann bleibt der Mensch frei, die Gnade anzunehmen oder abzuweisen.

Freiheit und Verantwortung

Gott hat den Menschen frei geschaffen (Thema 22 „Schöpfung, Fall und Erlösung“). Der Katechismus sagt: „Der freie Wille ist ein kostbares Geschenk Gottes und zugleich eine Verpflichtung für uns: Wir müssen dafür sorgen, dass der freie Wille der Menschen gewahrt bleibt, die uns anvertraut oder unterstellt sind“.13 Freiheit und Verantwortung gehören zusammen: „Diese Freiheit macht uns für jede unserer Handlungen rechenschaftspflichtig und verantwortlich.“14 Gott legt Leben und Tod vor und bittet: „Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Dtn 30:19b).

Freiheit heißt nicht, alles zu tun, was mir gerade gefällt. Paulus antwortet auf ein Schlagwort seiner Zeit: „‚Alles ist mir erlaubt‘ – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich“ (1. Kor 6:12). Die Gebote sind wie die Ufer eines Flusses: Sie nehmen ihm nicht die Kraft, sondern geben ihm die Richtung.

Wahre Freiheit ist die Freiheit von der Sünde. Jesus sagt: „Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde“ (Joh 8:34b), und:

Heilige Schrift

Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.

Joh 8:36

Die Zehn Gebote und das Doppelgebot der Liebe

Die Zehn Gebote beginnen mit dem, was Gott getan hat: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20:2). Sie sind der Weg für ein befreites Volk. Die Koptisch-Orthodoxe Kirche zählt sie, wie du aus Thema 12 („Das Alte Testament II“) weißt, in zwei Tafeln zu vier und sechs Geboten:

Tabelle 113 · Die Zehn Gebote in koptischer Zählung (4 + 6)
Tafel Nr. Gebot (Ex 20)
erste Tafel: Gott 1 „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (20:3)
2 „Du sollst dir kein Gottesbild machen …“ (20:4⁠–⁠6)
3 „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen …“ (20:7)
4 „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!“ (20:8⁠–⁠11)
zweite Tafel: der Nächste 5 „Ehre deinen Vater und deine Mutter …“ (20:12)
6 „Du sollst nicht morden“ (20:13)
7 „Du sollst nicht die Ehe brechen“ (20:14)
8 „Du sollst nicht stehlen“ (20:15)
9 „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“ (20:16)
10 „Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen …“ (20:17)

Papst Schenouda III. erklärt: „Alle Gebote der ersten Tafel betreffen Gott. Die Gebote der zweiten Tafel beziehen sich auf die menschlichen Beziehungen, denn Gott kommt zuerst.“ Und: „Ebenso richtet sich die Liebe zuerst an Gott, dann später an die Menschen.“15 So fasst auch Jesus die beiden Tafeln zusammen:

Heilige Schrift

Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

Mt 22:37⁠–⁠40

Das Doppelgebot der Liebe stand am Anfang der christlichen Unterweisung. Die Didache, eine der ältesten Schriften der Kirche, eine Kirchenordnung ohne bekannten Verfasser, beginnt mit den „zwei Wegen“: „Der Weg des Lebens nun ist dieser: ‚erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst‘“.16

Christus führt die Gebote bis ins Herz: Nicht erst Mord, sondern schon ungerechter Zorn gegen den Bruder ist Sünde (Mt 5:21⁠–⁠22a); nicht erst der Ehebruch, sondern schon der lüsterne Blick (Mt 5:27⁠–⁠28).

Zwei Tafeln, ein Gebot der Liebe
Merksatz

Die Koptisch-Orthodoxe Kirche zählt die Zehn Gebote als vier und sechs: Die vier Gebote der ersten Tafel betreffen Gott, die sechs der zweiten Tafel den Nächsten. Christus fasst sie im Doppelgebot der Liebe zusammen (Mt 22:37⁠–⁠40).

Tugenden und Laster

Paulus zählt die Frucht des Geistes auf: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5:22⁠–⁠23a). Diese Tugenden sollen „nicht bloß als ein ethischer Kodex verstanden werden, dem man folgen soll, sondern vielmehr als Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes im Gläubigen“.17

Begriff
Tugend

Eine Tugend ist eine gute Haltung, die durch Gnade und Übung wächst.

Begriff
Laster

Das Gegenteil ist das Laster, eine schlechte Haltung, aus der immer neue Sünden wachsen; die Laster sind „die Frucht der Verleugnung und Zurückweisung der göttlichen Gnade“.18

Aus Thema 23 („Umkehr, Beichte und geistlicher Kampf“) kennst du die acht Laster, die der Mönchsvater Evagrius Ponticus zusammengestellt hat: „Völlerei, Unzucht, Habgier, Traurigkeit, Zorn, Trägheit (Acedia), Ruhmsucht und Hochmut.“19 Die im Westen bekannte Liste der „sieben Todsünden“ ist eine spätere Umstellung.20

Laster wachsen langsam. Der heilige Athanasius der Apostolische beschreibt, wie die Menschheit nach dem Fall von Sünde zu Sünde glitt:

Aus den Vätern

… auch bei ihren Verfehlungen blieben die Menschen nicht bei bestimmten Grenzen stehen, sondern sie kamen nach und nach immer weiter und haben schließlich kein Maß mehr gekannt.21

– Hl. Athanasius der Apostolische, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 5

Das Leben schützen

Jedes menschliche Leben kommt von Gott: „… du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter“ (Ps 139:13; LXX 138), und zu Jeremia sagt Gott: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen“ (Jer 1:5a). Darum gilt das sechste Gebot „Du sollst nicht morden“ (Ex 20:13) auch für das Kind im Mutterleib.

Merksatz

Die Kirche verbietet die Abtreibung. Das menschliche Leben ist von Anfang an Gottes Geschöpf und steht unter seinem Schutz.

Nach dem Katechismus stellte schon Athenagoras im 2. Jahrhundert in seiner Verteidigungsschrift (Apologie) dem Kaiserreich gegenüber klar, dass die Kirche die Abtreibung verbietet; ebenso lehnt der heilige Clemens von Alexandrien jedes Mittel ab, das den Fötus tötet.22 Die Didache zählt zu den Geboten des Weges des Lebens: „du sollst nicht das Kind durch Abtreiben umbringen und das Neugeborene nicht töten“.23 Papst Schenouda III. sagt: „Wenn aber eine Schwangerschaft eingetreten ist, dann ist es eine Sünde, das Kind abzutreiben, auch wenn sein Alter nur eine Stunde beträgt.“24

Gerade hier zeigt sich, wie wichtig ein gebildetes Gewissen ist: Papst Schenouda III. nennt einen Arzt, der aus Mitleid zur Abtreibung verhilft und dabei ein ruhiges Gewissen hat, als Beispiel eines irrenden Gewissens.25 Mitleid ist gut, aber es muss dem Leben dienen – der Mutter in Not und dem Kind. Die Kirche verurteilt die Tat, nicht den Menschen in Not; sie steht Frauen und Familien in schweren Lagen bei und verkündet jedem, der bereut, die Vergebung: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht“ (1. Joh 1:9). Vertraut sich dir eine junge Frau in einer solchen Not an, urteilst du nicht und gibst keinen eigenen Rat: Du hörst zu, bleibst an ihrer Seite und ermutigst sie, sofort mit Abuna zu sprechen.

Sucht und Medien

Wenn etwas Macht über mich gewinnt

Von Sucht oder Abhängigkeit spricht man, wenn ein Mensch ein zwingendes Verlangen nach einem Stoff oder einem Verhalten hat, die Kontrolle darüber verliert und weitermacht, obwohl es ihm schadet – bei Alkohol, Drogen und Nikotin, aber auch beim Glücksspiel oder beim Bildschirm. Paulus gibt das Maß: „nichts soll Macht haben über mich“ (1. Kor 6:12b). Papst Schenouda III. beschreibt den inneren Zustand eines solchen Menschen:

Aus der Lehre unserer Päpste

Nehmen wir das Beispiel eines Menschen, der einer schlechten Gewohnheit unterworfen ist, von der er sich nicht befreien kann. Er weiß zum Beispiel, dass Rauchen seiner Gesundheit schadet, sein Geld vergeudet und seinen Willen herabwürdigt …; doch er kann nicht ohne es auskommen. Er will, ohne es zu können.26

– Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 10

Sucht beginnt meist „nach und nach“, wie Athanasius sagt. Oft sucht ein Mensch im Rauchen, im Trinken oder in Drogen Ruhe vor seinen Sorgen. Papst Schenouda III. hält dagegen, dass weder das Rauchen noch das Trinken das Problem löst, sondern „es ist ein weiteres Problem hinzugekommen“.27 Er rät, sich „von allen Reizen, den Gegenständen und den Beweggründen der Sünde“ fernzuhalten.28 Den Willen stärken Gebet, Schrift, Beichte und heilige Kommunion, eine gute Gemeinschaft und die Ehrlichkeit vor Beichtvater und Familie. Ist eine Abhängigkeit schon entstanden, braucht es oft zusätzlich ärztliche Hilfe. Sie anzunehmen ist keine Schande, sondern ein Schritt in die Freiheit.

Wein und Trunkenheit

Der Wein ist eine Gabe Gottes, die „das Herz des Menschen erfreut“ (Ps 104:15; LXX 103). Sünde ist nicht der Wein, sondern die Trunkenheit: „Berauscht euch nicht mit Wein – das macht zügellos –, sondern lasst euch vom Geist erfüllen!“ (Eph 5:18). Der heilige Johannes Chrysostomus sagt in einer seiner Homilien (Predigten): „… der Wein ist Gottes Werk, die Trunkenheit aber ein Werk des Teufels. Nicht der Wein gebiert die Trunkenheit, sondern die Unmäßigkeit verursacht dieselbe.“29 Manche berufen sich darauf, dass Paulus dem Timotheus riet, „etwas Wein“ zu nehmen (1. Tim 5:23). Das ist ein Rat für einen Kranken, „mit Rücksicht auf deinen Magen und deine häufigen Krankheiten“; Chrysostomus nennt ihn sogar „eine Aufforderung zur Nüchternheit“.30

Ein Diener trinkt nicht vor Kindern und Jugendlichen und nicht mit ihnen und bleibt auch im Netz ein Vorbild. Er nimmt Rücksicht auf die Schwächeren: „Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt“ (Röm 14:21). Merkt er, dass ein Jugendlicher trinkt, spricht er ruhig mit ihm, ohne ihn vor anderen bloßzustellen. Sorgt er sich um den Jugendlichen, spricht er sofort mit dem Priester, der die Eltern einbezieht. Bei akuter Gefahr handelt er selbst und sofort: Notruf, Hilfe holen.

Viele muslimische Freunde trinken aus ihrem Glauben heraus keinen Wein und keinen Alkohol. Ein Diener achtet das, spottet nie darüber und bringt niemanden in Verlegenheit. Fragt ein muslimischer Freund, warum die Kirche in der Liturgie Wein gebraucht, erklärt man ruhig: Die Kirche tut, was Christus beim letzten Abendmahl aufgetragen hat (1. Kor 11:23⁠–⁠25); sie empfängt nach Fasten und Gebet nicht Wein zum Genuss, sondern das Blut Christi (Thema 28).

Medien: Werkzeuge mit Wirkung

Handy, Internet, Serien und Spiele sind nicht an sich böse; es kommt darauf an, wofür wir sie gebrauchen. Aber Medien prägen Gedanken und Gewissen. Papst Schenouda III. sagt: „Du bist nicht allein in der Welt. Deine ganze Umgebung übt Einfluss auf dich aus.“31 Auch Gerüchte drücken einem Menschen ihren Stempel auf, selbst wenn sie sich später als falsch erweisen. Dagegen gilt: „eine gesunde und starke Vernunft untersucht und überprüft“.32 Paulus sagt: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5:21), und er gibt einen Maßstab für alles, was du ansiehst, liest und teilst: „Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ (Phil 4:8).

Eigentum, Armut und Almosen

Darf ein Christ Besitz haben? „Die Kirchenväter verurteilten das Privateigentum nicht; sie verurteilten jedoch seinen Missbrauch und seine Verderbnis.“ Sie verstehen Eigentum „als eine Form verantwortlicher Verwaltung von Gütern, zu deren treuen Verwaltern wir eingesetzt wurden“.33 Gefährlich wird Besitz, wenn er das Herz beherrscht: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6:24b); der Mammon ist der Reichtum, der den Menschen wie ein Herr beherrscht.

Warum geben wir Almosen? Wir helfen Menschen in ihrer Not und erkennen im Armen Christus selbst.34 Christus sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25:40b). Der heilige Johannes Chrysostomus folgert:

Aus den Vätern

Willst du also Christi Leib ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn du ihn nackt siehst; ehre ihn nicht hier mit seidenen Gewändern, während du dich draußen auf der Straße nicht um ihn kümmerst, wo er vor Kälte und Blöße zugrunde geht! […] Gott braucht keine goldenen Kelche, sondern goldene Seelen.35

– Hl. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 50,3

Dabei soll das Geben aus freiem Herzen kommen, denn „Gott liebt einen fröhlichen Geber“ (2. Kor 9:7b).

Kirche und Staat

Gute Bürger

Jesus sagt: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22:21b). Paulus mahnt: „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam“ (Röm 13:1a). Der heilige Johannes Chrysostomus erklärt, der Apostel wolle zeigen, „dass Christus seine Gesetze nicht zum Umsturz der staatlichen Ordnung, sondern zu ihrer Verbesserung gegeben habe“.36 Christen erfüllen ihre Pflichten gegenüber dem Staat „nicht aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus selbstloser Liebe“,37 und sie beten für alle, die Verantwortung tragen (1. Tim 2:1⁠–⁠2). Die Grenze nennen die Apostel selbst: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5:29b).

Politische Neutralität

Die Kirche ist Mutter aller ihrer Kinder, gleich welcher politischen Meinung. Der Katechismus sagt: „Als Mutter der Menschheit darf sich die Kirche nicht in die Politik hineinziehen lassen, denn dies könnte dazu führen, dass sie bestimmte Gruppen oder Personen auf Kosten anderer bevorzugt. Sie muss vielmehr allen eine liebevolle Mutter sein.“ Darum gründet sie keine Partei und drängt ihre Kinder nicht, einer Partei beizutreten. Zugleich ermutigt sie jeden Christen, sich in die Gesellschaft einzubringen, ohne ihn dazu zu verpflichten.38

Diese politische Neutralität heißt nicht Gleichgültigkeit. Die Kirche betet für alle, die Verantwortung tragen, auch wenn sie sich gegen die Kirche stellen, wie der Apostel es gebietet: „für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben“ (1. Tim 2:2a).39

Militärdienst

Beim Militärdienst rangen die Väter mit der Spannung zwischen der Unterordnung unter den Staat (Röm 13:1) und dem Gebot, die Feinde zu lieben (Mt 5:44).40 Viele frühe Christen mieden das römische Heer, weil man dort Götzenopfer verlangte; andere dienten als Soldaten.41 Später lehrten Ambrosius und Augustinus, dass die Verteidigung des Landes und der Schwachen gerecht sein kann, das Ziel aber immer der Friede bleibt.42

Beispiel

Der heilige Mauritius. Nach dem Synaxarium führte der heilige Mauritius die Thebäische Legion, die von Theben in Ägypten in das Gebiet der heutigen Schweiz verlegt worden war. Als der Kaiser befahl, vor dem Angriff den Göttern zu opfern, weigerten sich die Soldaten. Mauritius „ermutigte die Soldaten, an ihrem Glauben festzuhalten und zugleich ihre militärische Loyalität gegenüber dem Kaiser zu bekunden“; er und viele seiner Soldaten starben als Märtyrer.43 Als Kaiser und Gott Widersprüchliches verlangten, folgte er Gott.

Gemeinsam ist allen Vätern: Der Christ liebt den Frieden – „Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5:9a). Wer vor der Entscheidung über den Dienst mit der Waffe steht, prüft sie im Gewissen und bespricht sie mit seinem Beichtvater.

Für den Dienst

  • Das Gewissen der Kinder bilden. Erkläre Gebote als Wege der Liebe, nicht als Drohung. Papst Schenouda III. mahnt: „Mache dem Kind nicht das Bild von Gott, das es fürchtet“.44 Kinder mit einem sehr engen Gewissen brauchen Ermutigung und den Hinweis auf Gottes Vergebung, nicht noch mehr Regeln.
  • Die Zehn Gebote lehren. Zeige die zwei Tafeln und das Doppelgebot; lass die Kinder zu jedem Gebot ein Beispiel der Liebe finden, nicht nur ein Verbot.
  • Medien und Sucht mit den Eltern. Die erste Verantwortung tragen die Eltern. Sprich mit ihnen ab, was bei Gruppen und Freizeiten für Handy und Spiele gilt, und sei selbst ein Vorbild, auch online. Bemerkst du Zeichen einer Abhängigkeit, sprichst du mit Abuna; er klärt mit den Eltern den weiteren Weg. Du stellst keine Diagnose und gehst nicht allein vor. Ist jemand in akuter Gefahr, rufst du sofort selbst den Notruf.
  • Politik. In deiner Klasse oder Gruppe sitzen Kinder aus Familien mit verschiedenen Meinungen. Du wirbst für keine Partei; du betest mit den Kindern für das Land und für alle, die es regieren.
  • Leben und Leid. Sprich über den Schutz des Lebens mit Ehrfurcht und nie verurteilend über Personen; manche Kinder kennen schwere Erfahrungen aus ihrer Familie.
  • Almosen üben. Eine Sammelaktion der Klasse oder Gruppe zeigt, dass wir Christus im Armen begegnen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Christliche Ethik ist die Antwort auf die Liebe Gottes, eine Liebesbeziehung zwischen der Seele und ihrem Erlöser.
  • Das Gewissen ist „ein Richter, der zwar das Gute liebt, aber nicht unfehlbar ist“; Gottes Wort, die Lehre der Kirche und der Beichtvater bilden es.
  • Freiheit ist Geschenk und Verantwortung; wirklich frei ist, wen Christus von der Sünde befreit (Joh 8:36).
  • Die Koptisch-Orthodoxe Kirche zählt die Zehn Gebote als 4 + 6: vier zu Gott, sechs zum Nächsten. Christus fasst sie im Doppelgebot der Liebe zusammen (Mt 22:37⁠–⁠40).
  • Tugenden sind Frucht des Heiligen Geistes; die acht Laster nach Evagrius sind Völlerei, Unzucht, Habgier, Traurigkeit, Zorn, Trägheit, Ruhmsucht und Hochmut.
  • Die Kirche verbietet die Abtreibung (Didache 2,2); sie begleitet Menschen in Not und verkündet jedem, der bereut, die Vergebung.
  • Gegen Sucht helfen Wachsamkeit, die Gnadenmittel (Gebet, Schrift, Beichte und heilige Kommunion) und, wo nötig, ärztliche Hilfe. Der Wein ist Gottes Gabe, die Trunkenheit Sünde. Medien prüfen wir nach Phil 4:8.
  • Besitz ist anvertrautes Gut; im Armen begegnen wir Christus. Christen beten für den Staat, gehorchen aber Gott mehr als den Menschen; die Kirche ist politisch neutral.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 565⁠–⁠575; Bd. 2, Buch 6, Kap. 1 und 5 (Tugenden und Laster), Kap. 7⁠–⁠8 (Kirche und Staat, Militärdienst), Kap. 12⁠–⁠13 (Freiheit, Reichtum).
  • Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5 (das Gewissen) und Kap. 10 (der Wille).
  • Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 2 und 7.
  • Didache – Lehre der zwölf Apostel, Kap. 1⁠–⁠6 (die zwei Wege).

Anmerkungen

  1. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 565.↑

  2. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1185.↑

  3. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 566.↑

  4. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.1.↑

  5. Vgl. ebd.↑

  6. Vgl. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.2⁠–⁠5.5; Zitat Kap. 5.3.↑

  7. Ebd., Kap. 5.4.↑

  8. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.1.↑

  9. Ebd., Kap. 5.2.↑

  10. Vgl. ebd., Kap. 5.3.↑

  11. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.6.↑

  12. Ebd.↑

  13. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1327.↑

  14. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1326.↑

  15. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 2.↑

  16. Didache, Kap. 1,2.↑

  17. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1186.↑

  18. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1243.↑

  19. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1249.↑

  20. Vgl. ebd.↑

  21. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 5.↑

  22. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 575.↑

  23. Didache, Kap. 2,2.↑

  24. Papst Schenouda III., Ordination of Women & Homosexuality. Two Lectures, erster Vortrag, Antwort auf die achte Frage, S. 32.↑

  25. Vgl. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.1.↑

  26. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 10.↑

  27. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 7.↑

  28. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 10.1.↑

  29. Johannes Chrysostomus, Homilien über die Bildsäulen, Homilie 1,4.↑

  30. Ebd.↑

  31. Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 8.4.↑

  32. Ebd., Kap. 4.1.↑

  33. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1333.↑

  34. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1343.↑

  35. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 50,3. „Hier“ meint in der Kirche.↑

  36. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, Homilie 24,1.↑

  37. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1270.↑

  38. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1220.↑

  39. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1269.↑

  40. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Buch 6, Kap. 8, Einleitung (S. 393).↑

  41. Vgl. ebd., Fr. 1266, 1268, 1277 und 1280.↑

  42. Vgl. ebd., Fr. 1293⁠–⁠1294.↑

  43. Synaxarium, 25. Tut, Das Martyrium des heiligen Mauritius, des Anführers der Thebäischen Legion, S. 51.↑

  44. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36).↑

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