Thema 45 · Vortrag 3
Gnade, Glaube und Werke
Das orthodoxe Verständnis des Heils – Synergie, Vorherbestimmung und Heilsgewissheit
16 Min. LesezeitDie Kirchen und die Ökumene
Lernziele
- Gnade, Glaube und Werke mit Röm 5:1, Jak 2 und Gal 5:6 und ihr Zusammenwirken (Synergie) erklären.
- Ein sachliches Gespräch mit evangelischen Mitschülern über Taufe und Heilsgewissheit führen.
Schlüsselbegriffe
Gnade · Glaube · Werke · Rechtfertigung · allein aus Glauben (sola fide) · Synergie · Gotteskindschaft und Teilhabe am göttlichen Leben aus Gnade · Vorherbestimmung (Prädestination) · Heilsgewissheit · Hoffnung
Bibelstellen
Eph 2:8–10; Röm 3:24; Tit 3:5a; Tit 3:5b; Joh 1:12a; Gal 4:6–7; 2. Petr 1:4; Röm 5:1; Röm 3:28; Jak 2:14.17; Jak 2:22; Jak 2:24; Jak 2:26; Gal 5:6; Mt 7:21; Mk 16:16a; Phil 2:12–13; 1. Kor 3:9a; 1. Kor 15:10b; Kol 1:29; Ex 17:8–13; 1. Tim 2:4; Röm 8:29a; 1. Kor 10:12; Mt 24:13; Hebr 10:38; 1. Kor 9:27; 1. Joh 5:13; Röm 8:24a; 1. Kor 1:18b; Phil 2:12b; Röm 13:11b; Röm 8:38–39; Phil 3:12; Lk 17:10; 1. Joh 4:19; Röm 3:30; Lk 15:11–32
Inhalt
Koptische Jugendliche werden von evangelischen oder freikirchlichen Freunden oft gefragt, ob sie sicher wissen, dass sie gerettet sind. Manche werden dadurch unsicher oder hören den Vorwurf, sie wollten sich den Himmel mit guten Werken verdienen. Mit evangelischen Christen teilen wir die Überzeugung, dass das Heil Gottes Geschenk ist. Die Unterschiede liegen im Verständnis des Glaubens und in der Frage, wie der Mensch mit Gottes Gnade zusammenwirkt.
Die Gnade ist Geschenk
Am Anfang steht nicht unser Tun, sondern Gottes Liebe und seine Gnade. Paulus schreibt an die Epheser:
Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat.
Kein Mensch kann sich selbst retten. „Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus“ (Röm 3:24). Gott hat uns gerettet: „nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens“ (Tit 3:5a). Achte aber auf den letzten Satz bei Paulus: Wir sind „dazu geschaffen“, gute Werke zu tun. Die Werke sind nicht der Preis für das Heil, sondern sein Weg.
Gottes freies, unverdientes Geschenk seines Lebens und seiner Kraft an den Menschen.
Die Väter haben das immer gelehrt. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty führt den heiligen Markus den Asketen an, einen Mönchsvater der alten Kirche, der in strenger Enthaltsamkeit lebte; er legt das Wort des Herrn aus: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17:10). Jedes Gebot ist verbindlich, sagt Markus, die Gotteskindschaft aber ist ein Geschenk, durch das Blut des Herrn verliehen: „So ist das Himmelreich keine Belohnung für Werke, sondern vielmehr ein Geschenk des Herrn, das für seine treuen Diener bereitet ist.“1 Auch der heilige Johannes Chrysostomus sagt nach dem Katechismus: „Auch wir alle sind aus Gnade gerettet worden“.2
Darum ist der Satz „aus Gnade gerettet“ kein fremdes, evangelisches Wort. Er steht in der Bibel und bei unseren Vätern. Wenn ein evangelischer Freund sagt: „Ich bin aus Gnade gerettet“, dann kannst du antworten: „Das glaube ich auch.“
Kinder Gottes aus Gnade
Die Gnade schenkt nicht nur die Vergebung der Sünden, sondern eine neue Beziehung zu Gott: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1:12a).
Die Gotteskindschaft ist die neue Beziehung zu Gott, die die Gnade schenkt: Wir werden seine Kinder und erhalten Anteil an seinem Leben, niemals an seinem Wesen.
Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.
Petrus schreibt, dass wir „an der göttlichen Natur Anteil“ erhalten (2. Petr 1:4), und der heilige Athanasius fasst das Ziel der Menschwerdung in einem Satz zusammen: Christus „wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden“.3 Gemeint ist: aus Gnade als Kinder Gottes durch den Heiligen Geist, niemals dem Wesen nach.
Christus ist Sohn Gottes von Natur, wir sind Kinder Gottes aus Gnade. Wir werden also nicht zu einem Teil Gottes und erhalten nicht sein Wesen. Papst Tawadros II. sagt von der Liebe, mit der Gott uns zu seinen Kindern macht: „Diese Liebe überbrückt die Kluft zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung, beseitigt sie aber nicht.“4 Wir erhalten aber Anteil an seinem Leben, an seiner Heiligkeit und Unvergänglichkeit.5
Die Gotteskindschaft kann man sich nicht erarbeiten, so wenig wie ein Kind sich seine Eltern verdient. Aber ein Kind lebt in der Familie, hört auf den Vater und wächst. Mehr dazu steht in Thema 22 („Schöpfung, Fall und Erlösung“).
Der Glaube, der in der Liebe wirksam ist
Paulus und Jakobus
Paulus schreibt an die Römer:
Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
„Gerecht gemacht“ – man spricht von der Rechtfertigung – heißt: Gott spricht den Sünder in Christus gerecht und macht ihn wirklich gerecht.
Paulus schreibt weiter: „… wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“ (Röm 3:28). Der Apostel Jakobus scheint das Gegenteil zu sagen:
Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? … So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.
Von Abraham sagt Jakobus: „Du siehst, dass bei ihm der Glaube und die Werke zusammenwirkten und dass erst durch die Werke der Glaube vollendet wurde“ (Jak 2:22). Und er schließt: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein“ (Jak 2:24). „… wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke“ (Jak 2:26).
Widersprechen sich die beiden Apostel? Nein. Paulus spricht von den „Werken des Gesetzes“: Es geht ihm darum, dass niemand durch die Beschneidung und die Vorschriften des Gesetzes des Mose gerecht wird. Gott macht „sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen“ aufgrund des Glaubens gerecht (Röm 3:30). Jakobus spricht von einem Glauben, der nur behauptet wird und nichts tut. Beide meinen denselben lebendigen Glauben, den Paulus so beschreibt:
Denn in Christus Jesus kommt es nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist.
Papst Schenouda III. stellt in seinem Buch Ein Leben im Glauben Jak 2:23, das Wort über Abraham, und Röm 5:1 ohne jeden Gegensatz nebeneinander.6 Er nennt den Glauben, „der in der Liebe wirksam ist“, die Stufe, in der sich alle Merkmale des Glaubens vereinigen.7 Und er unterscheidet:
Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem theoretischen Glauben, durch den die Seele nicht erlöst wird, und dem praktischen, in welchem sich seine Saat und deren Wirkung in Deinem Leben zeigt, indem Du den wirklichen Glauben lebst.8
Schon im 2. Jahrhundert mahnte der heilige Ignatius von Antiochien: „So ziemt es sich denn also, nicht bloß Christ zu heißen, sondern auch zu sein.“9 Der Herr selbst sagt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7:21).
Was evangelische Christen meinen
Seit der Reformation sagen die evangelischen Kirchen: Der Mensch wird allein durch den Glauben gerecht (lateinisch sola fide). Wer das hört, denkt leicht, evangelische Christen hielten gute Werke für unwichtig. Das ist nicht ihre Lehre. Nach ihr sind gute Werke nicht die Bedingung, sondern die Frucht der Rechtfertigung, so wie ein gesunder Baum Früchte trägt; ein echter Glaube tut von selbst Gutes. Dieses Anliegen verstehen wir: Niemand soll meinen, er könne Gott etwas vorrechnen.
Der Unterschied liegt woanders. Martin Luther übersetzte Röm 3:28 mit „allein durch den Glauben“; das Wort „allein“ steht im griechischen Text nicht, und die Einheitsübersetzung übersetzt ohne es. In ihr steht die Verbindung „Glauben allein“ nur an einer einzigen Stelle – und dort wird sie verneint: „nicht durch den Glauben allein“ (Jak 2:24b). Für unsere Kirche gehören Glaube und Werke, Glaube und Taufe, Glaube und Leben in der Kirche zusammen. Der Herr sagt: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet“ (Mk 16:16a). Viele Freikirchen verstehen die Taufe nur als Zeichen des Gehorsams. Papst Schenouda III. antwortet mit dem Pfingsttag, an dem dreitausend Menschen getauft wurden: „Wenn der Glaube allein selig machen würde, dann wäre es überflüssig gewesen, diese Tausende von Gläubigen zu taufen.“10
Zusammenwirken: die Synergie
Wenn das Heil Geschenk ist – was tut dann der Mensch? Paulus schreibt:
Darum, liebe Brüder – ihr wart ja immer gehorsam, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit –: müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus.
Gott wirkt das Wollen und das Vollbringen – und doch sollen wir uns mühen. Paulus sagt: „… wir sind Gottes Mitarbeiter“ (1. Kor 3:9a). Über seine eigene Arbeit schreibt er: „Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir“ (1. Kor 15:10b). Und: „Dafür kämpfe ich unter vielen Mühen; denn seine Kraft wirkt mit großer Macht in mir“ (Kol 1:29). Dieses Zusammenwirken nennt die Kirche Synergie, vom griechischen Wort für „Zusammenarbeit“.
Gottes Gnade geht dem Handeln des Menschen voraus und trägt es. Der Mensch antwortet frei im Glauben, der in der Liebe wirksam ist. Das Heil wird nicht verdient, aber auch nicht ohne die Mitwirkung des Menschen empfangen.
Warum braucht es den Menschen? Weil Gott ihn frei geschaffen hat und ihn nicht zwingt. Der Katechismus sagt: „Gott, der uns durch seine Gnade nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat, gab uns den freien Willen, damit wir unseren Willen mit dem Willen Gottes in Einklang bringen, das Gute erkennen und tun und andere als unsere Brüder und Schwestern betrachten können. Doch wir haben diese heilige Freiheit verdorben.“11 Die Gnade heilt diese Freiheit, sie schaltet sie nicht aus. Abuna Tadros Y. Malaty schreibt: „Ohne Gottes Gnade kann der Gläubige alleine das Gute nicht tun, dazu braucht er Gott, der dem Menschen den freien Willen als edelste Gabe geschenkt hat. Er gewährt ihm, die freie Gnade anzunehmen oder aber, sie abzulehnen.“12
Papst Schenouda III. beschreibt dasselbe als Leben mit Gott: „In Wahrheit ist unser Werk nur in enger Zusammenarbeit mit Gott zustande gekommen“.13 Und in der Vergleichenden Theologie: „Die orthodoxe Lehre betrachtet das ganze geistige Leben eines Menschen als Nachfolge des Heiligen Geistes. Der Hl. Geist unterstützt uns, aber wir müssen kämpfen.“14
Als Amalek gegen Israel kämpfte, stieg Mose auf einen Hügel und erhob seine Hände zu Gott, während Josua unten mit den Männern kämpfte. „Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker“ (Ex 17:11). Aaron und Hur stützten die Arme des Mose, bis die Sonne unterging. „So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer“ (Ex 17:13). Der Sieg kam von Gott, und doch betete Mose mit erhobenen Händen, und Josua kämpfte. So ist es im geistlichen Leben: Wir beten und kämpfen, und Gott schenkt den Sieg.
Keine Vorherbestimmung zur Verdammnis, keine Heilsautomatik
Will Gott, dass alle gerettet werden?
Im 16. Jahrhundert lehrte Johannes Calvin, einer der Reformatoren der Schweiz, auf den sich die reformierten Kirchen berufen, eine strenge Vorherbestimmung (Prädestination): Gott habe von Ewigkeit her festgelegt, wer gerettet wird und wer nicht. Daraus folgt für viele seiner Nachfolger, dass ein wahrhaft Gläubiger das Heil nicht mehr verlieren kann. In manchen Freikirchen hört man den Satz: „Einmal gerettet, immer gerettet.“ Nicht alle evangelischen Christen lehren so; frag darum nach, was dein Gesprächspartner wirklich glaubt.
Unsere Kirche glaubt mit der Schrift, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Tim 2:4). Paulus schreibt zwar: „… alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben“ (Röm 8:29a). Achte auf die Reihenfolge: Zuerst steht das Vorauserkennen. Gott weiß alles im Voraus, aber sein Wissen zwingt niemanden. Der Katechismus sagt: „Gott weiß im Voraus, was wir tun; doch dieses Vorherwissen veranlasst uns nicht dazu, zu sündigen oder Böses zu tun. Vielmehr gehen unsere Handlungen aus unserem eigenen freien Willen hervor.“15
Gottes ewiger Ratschluss, die Menschen zum Heil in Christus zu berufen. Nach orthodoxer Lehre gründet sie in Gottes Vorherwissen und hebt den freien Willen nicht auf; eine Vorherbestimmung zur Verdammnis lehrt unsere Kirche nicht.
Kann man das Heil verlieren?
Die Taufe ist neue Geburt. Papst Schenouda III. erklärt aber: „Laut der Hl. Schrift ist die Taufe eine Erneuerung des Lebens (Röm 6:4), aber sie verleiht keine Sündlosigkeit.“16 Wir bleiben frei, auch frei, uns von Gott abzuwenden. Darum mahnt die Schrift: „Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt“ (1. Kor 10:12). „Wer jedoch bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 24:13). „Mein Gerechter aber wird durch den Glauben leben; doch wenn er zurückweicht, habe ich kein Gefallen an ihm“ (Hebr 10:38). Sogar Paulus sagt von sich: „vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde“ (1. Kor 9:27).
Das soll dir keine Angst machen. Wer fällt, kann umkehren. Gott wartet auf den verlorenen Sohn (Lk 15:11–32), und in der Beichte empfangen wir immer neu die Vergebung. Papst Schenouda III. sagt darum, die Reue sei „ein Prozess der Änderung im Leben eines Menschen“ – nicht ein einmaliges Erlebnis, sondern ein Weg.17
Bist du gerettet? Die Frage der Heilsgewissheit
Viele evangelische Christen, besonders in Freikirchen, sprechen von Heilsgewissheit: Wer sich Christus im Glauben anvertraut hat, darf wissen, dass er gerettet ist.
Oft erzählen sie von einem bestimmten Tag, an dem sie sich bekehrt haben. Sie berufen sich auf Worte wie: „Dies schreibe ich euch, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt; denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes“ (1. Joh 5:13).
Auch wir lesen diesen Vers mit Freude. Ein orthodoxer Christ lebt nicht in ständiger Angst. Papst Schenouda III. schreibt: „Das Leben im Glauben ist mit Frieden und Zuversicht verbunden und kennt keine Angst.“18 Paulus bekennt:
Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Auch unsere Gewissheit gründet auf der Treue Gottes; sie hängt aber nicht an einem Augenblick der Entscheidung in der Vergangenheit, sondern lebt als Hoffnung: „… wir sind gerettet, doch in der Hoffnung“ (Röm 8:24a). Derselbe Paulus, der so gewiss ist, schreibt: „Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Phil 3:12). Das Heil umfasst das ganze Leben. Darum kann ein orthodoxer Christ auf die Frage „Bist du gerettet?“ dreifach antworten:
| Antwort | Bibelwort | Was gemeint ist |
|---|---|---|
| Ich bin gerettet worden. | „… aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet“ (Eph 2:8a); Gott hat uns gerettet „durch das Bad der Wiedergeburt“ (Tit 3:5b) | Christus hat uns durch sein Kreuz und seine Auferstehung erlöst; in der Taufe sind wir neu geboren worden. |
| Ich werde gerettet. | „uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft“ (1. Kor 1:18b); „müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!“ (Phil 2:12b) | Jeden Tag wirkt Gottes Gnade in uns – im Gebet, in der Beichte, in der Eucharistie; wir wirken mit. |
| Ich hoffe, gerettet zu werden. | „… jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden“ (Röm 13:11b); „Wer jedoch bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 24:13) | Am Jüngsten Tag vollendet Gott in seiner Barmherzigkeit, was er begonnen hat. |
Das Heil wird nicht verdient
Oft hören orthodoxe Christen den Vorwurf: „Ihr wollt euch den Himmel verdienen.“ Das ist nicht die Lehre unserer Kirche. Erinnere dich an das Wort des heiligen Markus des Asketen: „So ist das Himmelreich keine Belohnung für Werke, sondern vielmehr ein Geschenk des Herrn“. Wenn wir alles getan haben, sind wir „unnütze Sklaven“ (Lk 17:10). Gute Werke sind keine Zahlung, mit der wir Gott etwas abkaufen. Sie sind die Antwort der Liebe auf die Liebe: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Joh 4:19). Und sie sind selbst Gottes Werk in uns, denn er bewirkt „das Wollen und das Vollbringen“ (Phil 2:13).
Die Gegenüberstellung erfasst nur verbreitete Positionen; die evangelischen Kirchen unterscheiden sich auch untereinander.
| Frage | verbreitete evangelische Antwort | Antwort unserer Kirche |
|---|---|---|
| Woher kommt das Heil? | allein aus Gnade | aus Gnade, als Geschenk Gottes (Eph 2:8) |
| Wie empfängt es der Mensch? | allein durch den Glauben; in vielen Freikirchen ist die Taufe ein Zeichen des Gehorsams | durch den Glauben und die Taufe (Mk 16:16a) und im Leben der Kirche |
| Welche Rolle haben die Werke? | Frucht des Glaubens, nicht Bedingung | Der Glaube wird durch die Werke vollendet (Jak 2:22); Mitwirken mit der Gnade, kein Verdienst |
| Wer wird gerettet? | bei Calvin: wen Gott dazu vorherbestimmt hat | Gott will, dass alle gerettet werden (1. Tim 2:4); der Mensch kann die Gnade annehmen oder ablehnen |
| Kann man das Heil verlieren? | verschieden; manche sagen: „Einmal gerettet, immer gerettet“ | Wer fällt, kann umkehren – wer sich aber dauerhaft abwendet, verliert, was er empfangen hat (Hebr 10:38) |
| Bist du gerettet? | in vielen Freikirchen: ja, seit meiner Bekehrung | Ich bin gerettet worden, ich werde gerettet, ich hoffe, gerettet zu werden. |
Für den Dienst
- Mit Kindern – in der Klasse wie zu Hause: Erzähl zuerst von Gottes Liebe, nicht von Pflichten. Kinder sollen wissen: Gott hat sie lieb, bevor sie etwas leisten. Gutes tun wir, weil er uns zuerst geliebt hat (1. Joh 4:19). Sag nie: „Wenn du brav bist, hat Gott dich lieb.“
- Keine Angst machen: Wenn du mit Jugendlichen über das Verlieren des Heils sprichst, sprich im selben Atemzug von der Umkehr und der Beichte. Gottes Tür steht offen.
- Wenn ein Jugendlicher gefragt wird „Bist du gerettet?“: Übe mit ihm die dreifache Antwort. Sie ist biblisch, ehrlich und freundlich – und sie öffnet ein Gespräch, statt es zu beenden.
- Das Gemeinsame zuerst: Beginne jedes Gespräch mit dem, was wir teilen: Das Heil ist Gottes Geschenk in Christus. Erst dann sprich über das „allein“, die Taufe und das Mitwirken.
- Ehrlich bleiben: Wenn du eine Frage nicht beantworten kannst, sag es, und frag deinen Beichtvater oder einen erfahrenen Diener.
- Üben: Für das Gesprächsrollenspiel über Taufe und Heilsgewissheit bekommst du ein eigenes Arbeitsblatt mit Rollenkarten und Beobachtungsbogen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Heil ist Gottes Geschenk: „… aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet“ (Eph 2:8a). Die Gotteskindschaft ist ein Geschenk, das Himmelreich „keine Belohnung für Werke“ (Markus der Asket nach dem Katechismus).
- Aus Gnade werden wir Kinder Gottes und erhalten Anteil am Leben Gottes – nicht an seinem Wesen. Christus ist Sohn von Natur, wir sind es aus Gnade (Athanasius; Papst Tawadros II.).
- Paulus (Röm 5:1; Röm 3:28) und Jakobus (Jak 2:14–26) widersprechen sich nicht: Gemeint ist der Glaube, „der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5:6b). Der Glaube wird durch die Werke vollendet (Jak 2:22).
- Evangelische Christen lehren „allein durch den Glauben“; gute Werke sind für sie Frucht, nicht Bedingung. Unsere Kirche verbindet Glaube, Taufe, Werke und das Leben in der Kirche.
- Synergie heißt: Gottes Gnade geht voraus und trägt, der Mensch wirkt frei mit (Phil 2:12–13; 1. Kor 3:9).
- Gott will, dass alle gerettet werden (1. Tim 2:4); sein Vorherwissen zwingt niemanden (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 292). Die Taufe verleiht keine Sündlosigkeit; wer fällt, kann umkehren.
- Auf die Frage „Bist du gerettet?“ antworten wir: Ich bin gerettet worden, ich werde gerettet, ich hoffe, gerettet zu werden – in Zuversicht und ohne Angst.
- Das Heil ist Geschenk, der Mensch wirkt mit, er verdient es nicht.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 292 (Vorherwissen) und Fr. 303–307 (Gnade und Mühe).
- Papst Tawadros II.: Mein Glaube, Fr. 42.
- Papst Schenouda III.: Ein Leben im Glauben, Vorwort, Kap. 1, Kap. 3 und Kap. 7.
- Papst Schenouda III.: Vergleichende Theologie, Kap. 1.3 und 1.6 (Taufe) und Kap. 8 (Reue).
- Abuna Tadros Y. Malaty: Die Göttliche Gnade, Abschnitt „Wachstum oder Verlust der Gnade“ (ab S. 47).
Anmerkungen
Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 307.↑
Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 303.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 54.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 42.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 327 mit Anmerkung 666.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 1.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 3.↑
Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Vorwort (S. IX).↑
Ignatius von Antiochien, An die Magnesier, Kap. 4.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.3.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 304.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Die Göttliche Gnade (Die Koptische Orthodoxe Kirche und die Dogmen 5), S. 47.↑
Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 7.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 8.5.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 292.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.6.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 8.8.↑
Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Vorwort (S. IX).↑