Thema 4 · Vortrag 1
Die geistlichen Mittel – das Leben, aus dem der Dienst kommt
Gebet, Schriftlesung, Beichte und Kommunion, Fasten, Lektüre und die geistliche Regel
17 Min. LesezeitDas geistliche Leben des Dieners
Lernziele
- Die geistlichen Mittel nennen und an zwei Beispielen erklären, wie sie den Dienst tragen.
- Eine persönliche geistliche Regel (Gebet, Lesung, Beichte) für ein Semester aufstellen und mit dem Beichtvater besprechen (persönliche Selbstprüfung).
Schlüsselbegriffe
geistliche Mittel · Mittel der Gnade · Gebet · Jesusgebet · Stoßgebet · Schriftlesung · geistliches Notizbuch · Beichtvater · heilige Kommunion · Fasten · Almosen · Synaxarium · geistliche Regel · Selbstprüfung · Wachsamkeit
Bibelstellen
Gal 2:20; Röm 8:14; Phil 2:13; Joh 17:19; 1. Tim 4:16; Mk 1:35; Lk 11:1; Mt 6:6; Lk 18:1; 1. Thess 5:17; Ps 70:2; Jos 1:8; Mt 4:4; Ps 119:105; Mt 19:21; Joh 6:56; 1. Kor 11:28; Mt 5:23–24; Mt 6:4; Mt 6:18; Apg 20:35; Mt 9:15; Apg 13:2; Hebr 13:7; 1. Thess 5:21; Spr 3:5; Mt 26:41
Inhalt
Wer Kindern von Christus erzählen will, muss selbst bei Christus bleiben. Der Diener kann nur weitergeben, was er selbst empfängt – und er empfängt es auf den Wegen, die die Kirche die geistlichen Mittel nennt: Gebet, Schriftlesung, Beichte und heilige Kommunion, Fasten und Almosen, geistliche Lektüre und die Begleitung durch den Beichtvater. Zu einem persönlichen Plan geordnet, der zum eigenen Leben passt, werden sie zur geistlichen Regel; eine solche Regel stellst du in diesem Semester mit deinem Beichtvater auf. Vorausgesetzt wird, was du in Kapitel 9 („Kirchliche Ordnung, Kirchenjahr und Gebetsleben“) und Kapitel 10 („Der Diener – Verhalten und Vorbild“) von Buch 1 über die Gebetszeiten und das geistliche Leben des Dieners gelesen hast.
Woraus der Dienst lebt
Die Mittel der Gnade
Papst Schenouda III. beginnt sein Buch Die Geistlichen Mittel mit einem Wort des Apostels Paulus: „… alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes“ (Röm 8:14). Der Geist führt auf bestimmten Wegen. Papst Schenouda III. erklärt: „Wir nennen diese Mittel, ‚die geistlichen Mittel‘ oder die Mittel der Gnade, d. h., die Mittel, durch die die Gnade Gottes wirkt oder mit denen sie wirkt …“1 Er nennt elf solche Mittel und fügt hinzu: „Diese Mittel sind für jeden Menschen unerlässlich. Egal wie hoch das geistliche Niveau eines Menschen sein mag, er könnte ohne diese Mittel nicht überleben. Sie sind seine ständige geistliche Nahrung.“2
Die geistlichen Mittel (auch „Mittel der Gnade“) sind die Wege, auf denen der Heilige Geist den Menschen führt und die Gnade Gottes in ihm wirkt: Gebet, Lesung der Heiligen Schrift, Lesung der Heiligenleben, Betrachtung (das betende Nachsinnen über Gottes Wort und Werk), geistliche Übung, Selbstprüfung, Beichte, heilige Kommunion, Fasten, Almosen und Dienst.
Auf das Wort „Gnade“ kommt es an. Die geistlichen Mittel sind keine Leistung, mit der man sich Gottes Liebe verdient, sondern Orte, an denen Gott schenkt und der Mensch mitwirkt: „… Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus“ (Phil 2:13). Das Ziel beschreibt Paulus in einem Satz, den du in diesem Semester auswendig lernst:
nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.
Der Dienst selbst ist ein geistliches Mittel
Papst Schenouda III. zählt auch den Dienst zu den geistlichen Mitteln. Er ist nicht nur Frucht des geistlichen Lebens, er nährt es auch:
Der Dienst stärkt die Geistlichkeit des Dieners. Und die Geistlichkeit des Dieners stärkt den Dienst. Indem man dient, gibt man und nimmt.3
„Geistlichkeit“ meint hier das geistliche Leben des Dieners. Er nennt den Dienst eine „Schule für das Gebet“: Wer dient, merkt, wie vieles göttliche Hilfe braucht, und betet für die Kinder und die Stunde.4 Der Dienst verpflichtet auch zum Vorbild. Christus betet: „Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind“ (Joh 17:19). Papst Schenouda III. überträgt dieses Wort auf den Diener und legt ihm ein Gebet in den Mund: „Möge ich eine gute Brücke werden, durch die sie zu Dir gelangen und in meinem Herzen trage ich sie vor Dich …“5
Die Gefahr: Tätigkeit ohne Geist
Das Gleichgewicht kann kippen. Papst Schenouda III. beschreibt einen Sonntagsschulleiter voller Energie für Programme und Dienertreffen, der für sein geistliches Leben keine Zeit hat: „Sein geistliches Leben ist lauwarm und folglich wird sein Dienst lauwarm.“6 In einem anderen Buch sagt er über viele Diener: „Sie kümmern sich mehr um die Vorbereitung des Unterrichts, als darum, sich geistlich vorzubereiten.“7 Darum gilt der Leitvers des Dienerkurses in beiden Hälften: „Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören“ (1. Tim 4:16).
Das Gebet – Gespräch mit Gott
Am Anfang steht das Gebet. Der heilige Clemens von Alexandrien hat dafür ein Wort gefunden, das auch der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty aufnimmt:
Es ist also das Gebet, um diesen kühnen Ausdruck zu wagen, ein Gespräch mit Gott. Wenn wir daher auch nur flüsternd und, selbst ohne die Lippen zu öffnen, schweigend zu ihm sprechen, so rufen wir laut zu ihm in unserem Herzen; denn Gott hört ununterbrochen die innere Stimme unseres Herzens.8
Ein Gespräch hat zwei Seiten: Ich spreche zu Gott, und ich höre auf ihn – darum gehören Gebet und Schriftlesung zusammen. Der heilige Gregor von Nyssa sagt: „Das Gebet ist Umgang mit Gott, Schauen der unsichtbaren Dinge, Erfüllung der Sehnsucht, Verähnlichung mit den Engeln, Fortschritt im Guten, Zerstörung des Bösen, Bekehrung der Sünder …“9 Papst Schenouda III. sagt es schlicht: „Das Gebet ist nicht nur Worte, sondern eine Beziehung… Es ist deine Beziehung zu Gott, mit deinem Herzen und mit deinen Gedanken…“10
Von Christus beten lernen
Christus selbst betete: „In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten“ (Mk 1:35). Als die Jünger ihn beten sahen, bat einer von ihnen: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11:1b). Er lehrte sie das Vaterunser, das verborgene Gebet – „Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist“ (Mt 6:6a) – und die Ausdauer: Sie sollten „allezeit beten und darin nicht nachlassen“ (Lk 18:1b). Paulus fasst es zusammen: „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thess 5:17).
Übungen im Gebet
Papst Schenouda III. gibt konkrete Übungen; hier die wichtigsten:11
- Früh beginnen: die Zeit mit Gott an den Anfang des Tages setzen, nicht an sein Ende.
- Die Agpeya pflegen: wer nicht jede Stunde ganz beten kann, betet wenigstens Teile und die Absolution, ein abschließendes Bittgebet der Gebetsstunde (dazu der zweite Vortrag).
- Überall beten – unterwegs, beim Verlassen des Hauses, vor jedem Treffen.
- Kurze Gebete wiederholen, etwa „Mein Herr Jesus Christus, sei mir gnädig“.
- Für andere beten – bis hin zu denen, die uns schaden.
- Frei sprechen: neben den Gebeten der Kirche Gott offen sagen, was im Herzen ist.
Wer betet, betet mit der ganzen Kirche: Wir bitten die Gottesgebärerin und die Heiligen um ihre Fürsprache, wie es auch die Agpeya tut, etwa in der ersten Stunde.12 Wo es möglich ist, betest du auch mit deiner Familie. Papst Schenouda III. schreibt: „Das Familiengebet wirkt sich auf das Kind aus. Wenn es die Erwachsenen beten sieht, gibt es ihm ein gutes Beispiel, dem es folgen kann.“13
Zum Jesusgebet sagt der Katechismus: „Im Vertrauen auf die Kraft des Namens Jesu spricht der Gläubige ihn häufig aus. Das nennen wir das Jesusgebet.“14 Ein solches Stoßgebet ist auch der Psalmvers „Gott, komm herbei, um mich zu retten, Herr, eil mir zu Hilfe!“ (Ps 70:2; LXX 69). Wie man sich daran gewöhnt, beschreibt Papst Schenouda III. in kleinen Schritten: Man wählt ein kurzes Gebet, das zu einem passt, und wiederholt es in freien Minuten, unterwegs, bei Tisch, vor dem Einschlafen und gleich nach dem Aufwachen. Die Agpeya und das persönliche Gebet ersetzt es nicht.15
Einige fragten den heiligen Makarius den Großen, wie man beten soll. Er antwortete: „Es ist nicht notwendig, viele Worte zu machen (Mt 6:7), sondern man muss die Hände ausstrecken und sprechen: ‚Herr, wie du willst und weißt, erbarme dich!‘ Wenn aber eine Anfechtung kommt, dann: ‚Herr, hilf!‘ Denn er weiß, was förderlich ist und wirkt an uns Erbarmen.“16
Die tägliche Schriftlesung
Das zweite große Mittel ist die Schriftlesung. Gott hat Josua gesagt: „Über dieses Gesetzbuch sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen“ (Jos 1:8a), und Christus antwortet dem Versucher: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4:4b). Der Psalm sagt: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119:105; LXX 118). Für den, der lehrt, schreibt der heilige Hieronymus an den jungen Priester Nepotian:
Lies fleißig in der Hl. Schrift, nie sollen Deine Hände die heilige Lesung beiseite legen! Was Du lehren willst, lerne zuvor selbst!17
Papst Schenouda III. erinnert sich an ein Wort, das er oft gesagt hat: „Lernt das Evangelium und das Evangelium wird euch beschützen. Lernt die Psalmen und die Psalmen werden euch beschützen.“18
Leseplan und geistliches Notizbuch
Tägliches Lesen braucht Ordnung. In seinem Buch Jüngerschaft rät Papst Schenouda III.: Der Einzelne „tut gut daran, sich ein tägliches oder zumindest wöchentliches Leseprogramm zu erstellen, so dass er, wenn er an einem Tag nicht genug gelesen hat, es am nächsten Tag nachholen kann“.19 Ein Leseplan kann einfach sein: ein Evangelium von Anfang bis Ende, jeden Tag ein Abschnitt, dazu ein Psalm – langsam und betend gelesen, mit der Frage: Was sagt Gott mir heute?
Damit das Gelesene nicht verloren geht, empfiehlt Papst Schenouda III. ein geistliches Notizbuch: „Lies und vergewissere dich, dass du alles verstanden hast. Und zieh die geistlichen Konzepte heraus, die für dich am nützlichsten und geeignet sind. Schreib sie in einem persönlichen Notizbuch auf, sodass du dich von Zeit zu Zeit an sie erinnern kannst.“20 Das Aufgeschriebene soll man dann üben; das Wort will Leben werden.
Der heilige Antonius der Große ging eines Tages, wie er es gewohnt war, in die Kirche und hörte das Evangelium: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach“ (Mt 19:21b). Das Synaxarium berichtet: „Dieser Vers hatte eine tiefe Wirkung auf sein Herz.“ Er verkaufte, was er besaß, und verteilte seinen Anteil an die Armen und die Kirchen.21
Beichte, Beichtvater und Kommunion
Die Beichte als Weg der Umkehr
Das Sakrament der Buße und Beichte kennst du aus Buch 1. Papst Schenouda III. nennt es ein geistliches Mittel: „Die Beichte ist eines der geistlichen Mittel für die Buße des Menschen“.22 Die Beichte ist vor allem eine Beziehung zu Gott: Du bekennst deine Sünden vor Gott in Gegenwart des Priesters. Durch das Gebet der Lossprechung (Absolution), das der Priester spricht, empfängst du Gottes Vergebung.23
Der Beichtvater als geistlicher Führer
Zur Beichte gehört der Beichtvater. Der heilige Johannes Cassianus gibt dazu die Lehre der ägyptischen Väter weiter: Christus hätte Paulus selbst unterweisen können, ließ ihn aber von Hananias „den Weg der Wahrheit lernen“ (vgl. Apg 9:6), damit niemand meint, er brauche keine Anleitung durch Ältere.24 Papst Schenouda III. nennt den Menschen glücklich, der einen geistlichen Vater hat, der ihn führt, lehrt und ihm den geistlichen Weg erklärt.25 Er soll fest im Glauben und erfahren sein und nicht nur anweisen, sondern überzeugen.26 Wer beichtet, soll sich vorbereiten, offen sein und dem Beichtvater nicht fertige Entscheidungen vorlegen, sondern ihn um Rat fragen.27 Darum ist der Beichtvater auch der richtige Gesprächspartner für deine geistliche Regel.
Die heilige Kommunion
Papst Schenouda III. nennt die heilige Kommunion eines der göttlichen Sakramente und das wichtigste unter den geistlichen Mitteln.28 Christus verheißt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“ (Joh 6:56). Die Vorbereitung gehört dazu: „Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken“ (1. Kor 11:28). Dazu gehören Beichte, Versöhnung (Mt 5:23–24) und das Fasten vor der Kommunion nach der Ordnung der Kirche, die dir der Beichtvater erklärt. Und doch empfängt sie niemand, weil er sie verdient hätte. Papst Schenouda III. betet vor dem Empfang, er komme nicht, weil er würdig sei, sondern um seiner Not willen: „Nicht um meiner Würdigkeit willen, sondern um meines Heilmittels willen.“29
Fasten und Almosen
In der Bergpredigt stellt Christus Almosen, Gebet und Fasten nebeneinander (Mt 6:1–18); alle drei geschehen vor Gott, nicht vor den Menschen: „Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6:4); beim Fasten sollen „die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht“ (Mt 6:18a).
Das Fasten kennt die Kirche von Anfang an (Mt 9:15; Apg 13:2). Der Katechismus sagt: „Das Fasten ist die Niederwerfung des ganzen Menschen vor dem Heiligen Geist, damit er ihn heilige. Gott will nicht die Zerstörung des Leibes, sondern dessen Heiligung.“30 Zum Fasten gehören die Enthaltung von Nahrung für eine bestimmte Zeit und danach pflanzliche Fastenspeise.31 Das Maß richtet sich, wie Johannes Cassianus lehrt, „je nach der Fähigkeit der Kräfte oder des Körpers oder des Alters“.32 Wie lange du dich enthältst, besprichst du darum mit deinem Beichtvater: Zu langes Fasten kann Leib und Seele schaden, zu nachgiebiges nimmt dem Fasten seinen Nutzen.33 Papst Schenouda III. zeigt sein Ziel: „Und so kommst Du vom Fasten des Mundes zum Fasten der Zunge, dem Fasten der Gedanken und dem Fasten des Herzens.“34 Die Fastenzeiten behandelt Thema 8 („Das Kirchenjahr“), den geistlichen Sinn des Fastens Thema 23 („Umkehr, Beichte und geistlicher Kampf“).
Zum Almosen erinnert Paulus an ein Wort des Herrn: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20:35b). Was wir Gott geben, stammt schon aus seiner Hand (1. Chr 29:14). Papst Schenouda III. rät: „… ist es gut für uns, jedes Mal, wenn wir dem Herrn geben, zu sagen: ‚Von Deinem Eigenen haben wir Dir gegeben.‘“35 Geben und Fasten machen frei und das Herz weit für das Gebet.
Geistliche Lektüre und die Leben der Heiligen
Auch die Lebensgeschichten der Heiligen sind ein geistliches Mittel: „Und so zeigen uns die Leben der Heiligen, dass die Gebote Gottes schön und möglich sind, und nicht nur theoretische Ideale.“36 Im Synaxarium, dem Buch der Heiligen für jeden Tag des koptischen Jahres, hört die Gemeinde in der Göttlichen Liturgie fast das ganze Jahr hindurch vom Leben der Heiligen des Tages.37 Die Schrift lädt dazu ein: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13:7).
Zur geistlichen Lektüre gehören auch die Bücher der Väter und der Päpste. Papst Schenouda III. mahnt, Bücher sorgfältig auszuwählen, nach dem Wort „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5:21).38 Er warnt auch davor, die Stufe, die ein Heiliger erst nach langen Jahren erreicht hat, zum eigenen Ausgangspunkt zu machen: Man erreicht sie nur, wenn man dem allmählichen Weg folgt, „eine Stufe nach der anderen“.39
Die geistliche Regel
Die geistliche Regel ist ein mit dem Beichtvater besprochener persönlicher Plan für Gebet, Schriftlesung, Beichte und Kommunion, Fasten und Dienst. Sie ordnet die geistlichen Mittel so, dass sie zum eigenen Leben passen und beständig geübt werden können.
Schritt für Schritt
Viele beginnen mit großem Eifer und hören bald wieder auf. Über den Umgang mit Anfängern schreibt Papst Schenouda III.: „Heiliger Eifer bedeutet nicht, dass man versucht, den Anfänger dazu zu bringen, den ganzen geistlichen Weg in einem Zug zu gehen; denn das ist in der Praxis unmöglich. Vielmehr bedeutet es, ihn an die Hand zu nehmen und Schritt für Schritt mit ihm zu gehen, bis er auf dem richtigen Weg ankommt.“40 Das gilt auch für dich selbst. Für die geistliche Übung gibt Papst Schenouda III. Regeln:41
- Klar und bestimmt: nicht „Ich will demütig werden“, sondern ein einzelner Schritt, etwa: Ich lobe mich nicht selbst. Gelingt das, kommt der nächste: Ich suche nicht das Lob der Leute.
- Im Rahmen deiner Kräfte: kein Gebetsplan, den deine Zeit, deine Arbeit oder deine Gesundheit nicht zulassen.
- Ein Schritt nach dem anderen: Erst wenn etwas fest geworden ist, kommt das Nächste dazu.
- Beständigkeit vor Neuheit: „Wenn du dich für den Erwerb einer Tugend trainiert hast, musst du wissen, dass das Festhalten daran, fest in den Tugenden zu bleiben, viel wichtiger ist als sie zu erwerben.“42
- Unter Führung: Du übst unter der Anleitung eines erfahrenen, weisen geistlichen Begleiters, denn die Schrift sagt: „Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit“ (Spr 3:5).
- Aufschreiben: In ein eigenes Heft gehören die Übung, ein ermutigender Bibelvers und das, was man aus einem Misserfolg gelernt hat.
Wachsamkeit
Eine Regel braucht Wachsamkeit. Christus sagt in Getsemani: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Mt 26:41). Papst Schenouda III. warnt vor einer Gefahr, die man leicht übersieht: „Es ist leicht für den Menschen, den plötzlichen Fall zu bemerken, das allmähliche Abgleiten jedoch, welches sich über lange Zeit erstreckt, könnte er nicht bemerken…Und genau dies macht das Wachen und die Beobachtung nötig.“43 Der Feind, so schreibt er, hält den Menschen langsam von den Mitteln der Gnade fern: vom Evangelium, weil man meint, es schon zu kennen; von der Agpeya; von der geistlichen Lektüre; von der Kommunion „im Namen der Demut“ – und vom Gebet „wegen der Geschäftigkeit im Dienst am Nächsten“.44
Ihr Werkzeug ist die Selbstprüfung. Papst Schenouda III. schreibt dem Diener: „Deshalb, gesegnetes Kind, lass dich nicht durch die Beschäftigung mit dem Dienst davon abhalten, mit dir selbst zu sitzen und Rechenschaft über dich abzulegen. Hält dich der Dienst nicht manchmal davon ab, zu beten, zu lesen und zu kontemplieren?!“45 Besser als eine Selbstprüfung nur zu Neujahr oder vor der Beichte ist es, sie am Ende jedes Tages zu halten.46 Ein kurzer Blick am Abend genügt: Habe ich gebetet und gelesen? Wo bin ich gefallen, wo hat Gott geholfen?
Eine Regel für den Anfang könnte so aussehen – ein Beispiel, kein Maß für alle:
| Bereich | Beispiel für den Anfang |
|---|---|
| Gebet | Morgengebet und Abendgebet aus der Agpeya, wenigstens in Teilen; ein kurzes Gebet für die Kinder der Klasse oder die Menschen, denen du dienst; wenn möglich ein gemeinsames Gebet mit der Familie |
| Schriftlesung | täglich ein Abschnitt aus einem Evangelium und ein Psalm; ein Satz ins geistliche Notizbuch |
| Beichte und Kommunion | regelmäßige Beichte in dem Abstand, den du mit dem Beichtvater vereinbarst; Vorbereitung auf die Kommunion |
| Fasten und Almosen | Fasten nach der Ordnung der Kirche; ein fester Anteil zum Geben |
| Lektüre | ein Heiligenleben oder ein Kapitel eines geistlichen Buches in der Woche |
| Selbstprüfung | jeden Abend wenige Minuten |
Für den Dienst
Das Gebet trägt die Stunde. Wer vor der Sonntagsschule für jedes Kind seiner Klasse beim Namen betet, sieht im unruhigen Kind nicht zuerst den Störenfried, sondern einen Menschen, den er Gott anvertraut hat. Papst Schenoudas III. Gebet um eine „gute Brücke“ kann dein eigenes werden.
Die Schriftlesung trägt das Wort. Papst Schenouda III. schreibt: „Jeder, der im Lehramt tätig ist, muss persönlich viel lesen, um seine Schüler zufriedenstellen zu können, und damit er ihnen nicht nur eine Wiederholung von Fakten, oberflächliches Wissen, oder Dinge präsentiert, die sie schon kennen.“47 Eine Lektion, die aus der eigenen Lesung kommt, erreicht die Kinder anders als ein auswendig gelerntes Blatt.
Ebenso die Beichte: Wer selbst immer wieder neu anfängt, wird geduldig mit Kindern, die dieselben Fehler wiederholen.
Den Kindern – in der Klasse wie in der Familie – predigst du nicht deine eigene Regel. Du zeigst durch dein Leben, dass Gebet und Schrift Freude machen, und lehrst kleine Schritte, die zu ihrem Alter passen: ein kurzes Morgengebet, einen Vers in der Woche.
Selbstprüfung zu diesem Vortrag: Stelle in den nächsten Wochen deine geistliche Regel für dieses Semester auf (Gebet, Lesung, Beichte) und besprich sie mit deinem Beichtvater. Die Vorlage „Meine geistliche Regel“ im Arbeitsheft hilft dir dabei. Was du darin festhältst, bleibt zwischen dir und deinem Beichtvater.
Das Wichtigste in Kürze
- Die geistlichen Mittel sind Wege der Gnade: Gebet, Schrift, Heiligenleben, Betrachtung, Übung und Selbstprüfung, Beichte, Kommunion, Fasten, Almosen und Dienst – Geschenk und Mitwirkung, kein Verdienst.
- „Der Dienst stärkt die Geistlichkeit des Dieners. Und die Geistlichkeit des Dieners stärkt den Dienst“ (Papst Schenouda III.). Ein Dienst ohne geistliches Leben wird lau.
- Das Gebet ist nach dem heiligen Clemens von Alexandrien „ein Gespräch mit Gott“; kurze Gebete wie das Jesusgebet tragen es in den Alltag.
- Die tägliche Schriftlesung braucht einen Leseplan und ein geistliches Notizbuch (Hieronymus: „Was Du lehren willst, lerne zuvor selbst!“).
- Der Beichtvater ist geistlicher Führer; mit ihm wird die Regel besprochen. Die heilige Kommunion ist das wichtigste geistliche Mittel.
- Fasten und Almosen geschehen im Verborgenen vor Gott (Mt 6).
- Die geistliche Regel wächst Schritt für Schritt und unter Führung; Beständigkeit zählt mehr als ein großer Anfang. Tägliche Selbstprüfung schützt vor dem allmählichen Abgleiten. Lernvers: Gal 2:20.
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III.: Die Geistlichen Mittel, Einleitung, Kap. 1 (Gebet), Kap. 2 (Die Heilige Bibel), Kap. 5–6 (Geistliches Training, Rechenschaft) und Kap. 11 (Der Dienst).
- Papst Schenouda III.: Jüngerschaft, Abschnitte „Jüngerschaft aus Büchern“ (S. 27–31) und „Von einem geistlichen Vater lernen“ (S. 55–63).
- Papst Schenouda III.: Das geistige Wachen, Kap. 3 „Wie sieht das geistige Wachen aus?“.
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Buch 4, Kap. 2 „Das Gebetsleben“ (Fr. 896–919).
- Hl. Johannes Cassianus: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern, Unterredung 2 (Abt Moses über die Klugheit).
Anmerkungen
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Einleitung.↑
Ebd.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 11 „Der Dienst und seine Erfolgsbedingungen“.↑
Vgl. ebd.↑
Ebd.↑
Ebd.↑
Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 2 „Der geistliche Mensch stellt Gott an die erste Stelle in all seinen Angelegenheiten“.↑
Clemens von Alexandrien, Teppiche (Stromateis), Buch VII, 39,6; vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 896.↑
Gregor von Nyssa, Das Gebet des Herrn, Rede 1.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 1 „Gebet“.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 1, Abschnitt „Übungen im Gebet“.↑
Vgl. Agpeya, erste Stunde (englische Ausgabe Agpia, C.O.P.T., Sydney 2000, S. 6 und 26).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Gebet“ (S. 24).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 960; ausführlicher Abuna Tadros Y. Malaty, Das Jesusgebet oder das Pfeilgebet, S. 3.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Worte zum geistlichen Gewinn III, Nr. 123 „Ständig das Gebet üben“.↑
Apophthegmata Patrum, Nr. 472 (Makarius der Ägypter 19).↑
Hieronymus, Briefe, Brief 52,7 (an Nepotian).↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 2 „Die Heilige Bibel“.↑
Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Jüngerschaft aus Büchern“ (S. 29).↑
Ebd.↑
Synaxarium, 22. Tubeh, Die Entschlafung des großen Heiligen Anba Antonius, des Vaters aller Mönche, S. 256.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 7 „Beichte“.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 7; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 729.↑
Vgl. Johannes Cassianus, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern, Unterredung 2,15.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von einem geistlichen Vater lernen“ (S. 55).↑
Vgl. ebd., Nr. 1–2 (S. 56).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 7, Abschnitt „Ratschläge für Beichtende“.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 8 „Heilige Kommunion“.↑
Ebd.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1022.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 9 „Fasten“; ders., Die Spiritualität des Fastens, Kap. 2.↑
Johannes Cassianus, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern, Unterredung 2,22.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Spiritualität des Fastens, Kap. 2.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 9 „Fasten“.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 10 „Geben und Gottes Partnerschaft in unserem Besitz“.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 3 „Lesen der Lebensgeschichten der Heiligen“.↑
Vgl. ebd.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Jüngerschaft aus Büchern“ (S. 27–28).↑
Ebd., S. 28.↑
Papst Schenouda III., Heiliger Eifer, Kap. 1, Abschnitt „Schritt für Schritt mit ihnen gehen“.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 5 „Geistliches Training“.↑
Ebd.↑
Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 3.2.↑
Ebd.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 6 „Über sich selbst Rechenschaft ablegen“. „Kontemplieren“ meint die Betrachtung, das betende Nachsinnen über Gottes Wort.↑
Vgl. ebd.↑
Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Jüngerschaft aus Büchern“ (S. 29).↑