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Thema 4 · Vortrag 2

Agpeya und Psalmen – das Stundengebet der Kirche

Gebetszeiten, Aufbau einer Gebetsstunde, Psalmengebet und Psalmzählung

16 Min. LesezeitDas geistliche Leben des Dieners

Lernziele

  1. Die Gebetszeiten der Agpeya mit ihrem biblischen Bezug nennen.
  2. Mit Athanasius erklären, warum die Psalmen ein Spiegel der Seele sind.
  3. Einen Psalm mit der Stelle nach der Einheitsübersetzung und der Nummer der Septuaginta (LXX) richtig angeben.

Schlüsselbegriffe

Agpeya · Stundengebet · Gebetszeiten · Gebet der ersten Stunde · Mitternachtsgebet · Schleiergebet · Dankgebet · Absolution · Psalter · Septuaginta · Psalmzählung · Mitternachtslobpreis (Tasbeha) · Psalmodie

Bibelstellen

1. Thess 5:17; Ps 119:164; Ps 55:18; Dan 6:11; Apg 2:15; Apg 10:9; Apg 3:1; Apg 16:25; Mk 16:2; Ps 5:4; Ps 51:12; Lk 23:44; Mt 27:46; Lk 23:42⁠–⁠43; Joh 19:38; Ps 141:2; Lk 23:53; Mt 26:36⁠–⁠44; Mt 25:6; Ps 119:62; Ps 23:1; Joh 14:26⁠–⁠31; Joh 15:1⁠–⁠4a; Jes 6:3; Ps 51:1⁠–⁠2; Mt 22:43⁠–⁠44; Ps 110:1; Mt 26:30; Ps 22:2; Lk 24:44; Eph 5:19; Kol 3:16

Inhalt

Die Kirche betet nicht nur, wenn sie sich zur Göttlichen Liturgie versammelt. Sie heiligt den ganzen Tag mit sieben Gebetszeiten, deren Gebete im Gebetbuch der Agpeya stehen, und sie betet dabei vor allem mit den Psalmen. Für den Diener gibt die Agpeya dem eigenen Gebet eine feste Gestalt, und mit ihr kann er die Kinder in das Gebet der Kirche hineinnehmen. Weil die Agpeya die Psalmen nach der Septuaginta (LXX) zählt, der alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments, die Kursbibel aber nach dem hebräischen Text, muss der Diener Psalmen auch richtig angeben können. Die Übersicht der Gebetszeiten in Buch 1, Kapitel 9 („Kirchliche Ordnung, Kirchenjahr und Gebetsleben“) und Anhang „Gebetszeiten“, wird vorausgesetzt.

Begriff
Agpeya

Die Agpeya ist das Gebetbuch der sieben Gebetszeiten der Kirche und des Schleiergebets der Mönche, mit Psalmen, Evangelien und Gebeten. Der Name kommt vom koptischen Wort „Agp“, das „Stunde“ bedeutet; „-eya“ ist eine arabische Endung.1

Warum die Kirche zu festen Stunden betet

Paulus sagt: „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thess 5:17). Warum dann feste Stunden? Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty antwortet: Wir streben nach dem unablässigen Gebet, aber wir leben in der Zeit. „… verrichten wir die Gebete, die die Kirche für uns zu bestimmten Tageszeiten festgelegt hat; sie stützen und bewahren uns in Christus Jesus, unserem Herrn, während unseres ganzen täglichen Lebens.“2 Die festen Stunden sind also kein Gegensatz zum unablässigen Gebet, sondern sein Gerüst.

Schon das Alte Testament kennt solche Zeiten. Der Katechismus nennt den Propheten David „lebendiges Beispiel des unablässigen Gebets“.3 David sagt: „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob wegen deiner gerechten Entscheide“ (Ps 119:164; LXX 118) und: „Am Abend, am Morgen, am Mittag seufze ich und stöhne; er hört mein Klagen“ (Ps 55:18). Von Daniel heißt es, dass er dreimal am Tag niederkniete und betete (Dan 6:11). Die Apostel behielten die Gebetsstunden bei: Am Pfingsttag sagt Petrus, es sei „ja erst die dritte Stunde am Morgen“ (Apg 2:15b), Petrus stieg „um die sechste Stunde“ auf das Dach, um zu beten (Apg 10:9b), „Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf“ (Apg 3:1), und „um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder“ (Apg 16:25a).

Der heilige Cyprian, Bischof von Karthago und Märtyrer, hat im 3. Jahrhundert erklärt, warum gerade diese Stunden einen tieferen Sinn haben:

Aus den Vätern

… in der dritten Stunde senkte sich auf die Jünger der Heilige Geist herab, der die gnadenvolle Verheißung des Herrn erfüllte. Ebenso ward Petrus in der sechsten Stunde, als er oben auf das Dach hinaufstieg, durch ein Zeichen und zugleich durch die mahnende Stimme Gottes angewiesen, alle zur Gnade des Heils zuzulassen […]. Und der Herr ward in der sechsten Stunde gekreuzigt und bis zur neunten Stunde wusch er unsere Sünden durch sein Blut rein und errang damals durch sein Leiden den vollen Sieg, um uns erlösen und zu neuem Leben erwecken zu können.4

– Hl. Cyprian von Karthago, Über das Gebet des Herrn, Kap. 34

Und weiter: „… auch in der Frühe muss man beten, um die Auferstehung des Herrn in der Morgenandacht zu feiern.“5 Die Gebetszeiten verbinden also den Lauf des Tages mit dem Heilswerk Christi.

Die sieben Gebetszeiten und ihr biblischer Bezug

Die Agpeya ordnet jeder Gebetszeit ein Gedächtnis zu. Die folgende Übersicht nennt es nach dem Messbuch unserer Diözese, den Überschriften der Agpeya und dem Katechismus, dazu die Bibelstellen, an denen du es nachlesen kannst:6

Tabelle 11 · Die Gebetszeiten der Agpeya
Gebetszeit Die Kirche gedenkt … Biblischer Bezug
Gebet der ersten Stunde (Morgengebet) der Auferstehung Christi; Dank für den neuen Tag Mk 16:2; Ps 5:4
Gebet der dritten Stunde der Verurteilung Christi und der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Jünger Apg 2:15; Ps 51:12 (LXX 50)
Gebet der sechsten Stunde der Kreuzigung Christi Lk 23:44; Apg 10:9
Gebet der neunten Stunde des Todes Christi im Fleisch und des rechten Schächers (des Verbrechers, der mit ihm gekreuzigt wurde), der Gnade fand Mt 27:46; Lk 23:42⁠–⁠43; Apg 3:1
Abendgebet (elfte Stunde) der Abnahme des Leibes Christi vom Kreuz; Dank für den Tag und Bitte um Vergebung Joh 19:38; Ps 141:2 (LXX 140)
Gebet vor dem Schlafengehen (zwölfte Stunde) der Grablegung Christi; Erinnerung an das eigene Entschlafen Lk 23:53
Mitternachtsgebet der drei Gebete Christi in Getsemani; Erwartung seiner Wiederkunft Mt 26:36⁠–⁠44; Mt 25:6; Ps 119:62 (LXX 118)
Schleiergebet (in den Klöstern) zusätzliches Gebet der Mönche nach dem Gebet vor dem Schlafengehen und vor dem Mitternachtsgebet Mt 26:41

Einige dieser Stellen lohnt es, im Wortlaut zu lesen. Am Morgen betet der Psalmist: „Herr, am Morgen hörst du mein Rufen, am Morgen rüst ich das Opfer zu, halte Ausschau nach dir“ (Ps 5:4). „Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27:46), und dem Schächer verhieß er: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23:43b). Am Abend steigt das Gebet auf: „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf; als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe“ (Ps 141:2; LXX 140). Und um Mitternacht: „Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen wegen deiner gerechten Entscheide“ (Ps 119:62; LXX 118).

Schon der heilige Basilius hat die Zahl der Gebetszeiten mit dem Wort Davids vom siebenmaligen Lob verbunden.7 Zu den sieben Gebetszeiten kommt in den Klöstern das Schleiergebet, das besonders für Mönche bestimmt ist und nach dem Gebet vor dem Schlafengehen und vor dem Mitternachtsgebet gebetet wird.8

Die Agpeya ist kein Buch nur für das Gebet zu Hause. Vor dem Abendweihrauch betet die Kirche die neunte, die elfte und die zwölfte Stunde, vor dem Morgenweihrauch die erste und vor der Göttlichen Liturgie die dritte und die sechste Stunde, an Fasttagen auch weitere.9

Die sieben Gebetszeiten der Agpeya und ihr Gedächtnis

Wie eine Gebetsstunde aufgebaut ist

Alle Stunden der Agpeya folgen derselben Ordnung. Am Gebet der dritten Stunde lässt sie sich gut zeigen; weil die Kirche diese Stunde auch vor der Göttlichen Liturgie betet, steht sie im Messbuch unserer Diözese, „Die göttlichen Liturgien“.10

  1. Einleitungsgebet. Jede Stunde beginnt gleich: mit der Anrufung „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, ein Gott. Amen“, dem Ruf „Herr, erbarme dich“, dem Lob der Dreifaltigkeit, dem Vaterunser, dem Dankgebet und Psalm 51 (LXX 50), dem Bußpsalm.
  2. Ankündigung der Stunde: „Die Preisung der dritten Stunde des gesegneten Tages bringe ich dar Christus, meinem König und Gott, und erbitte von ihm die Vergebung der Sünden.“11
  3. Die Psalmen der Stunde, in der dritten Stunde zwölf, unter ihnen Ps 23 (LXX 22), jeder mit „Alleluja“.
  4. Das Evangelium der Stunde, in der dritten Stunde Joh 14:26⁠–⁠31 und 15:1⁠–⁠4a mit der Verheißung: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14:26).
  5. Bittgebete der Stunde, die das Evangelium und das Gedächtnis aufnehmen. In der dritten Stunde bittet die Kirche: „Deinen Heiligen Geist, Herr, den du auf deine heiligen Jünger und ehrwürdigen Apostel herabgesandt hast in der dritten Stunde, nimm nicht von uns, du Gerechter, sondern erneuere ihn in unserem Inneren.“12
  6. „Herr, erbarme dich“ (Kyrie eleison) einundvierzigmal.
  7. „Heilig, heilig, heilig“, ein Gebet, das mit dem Lobgesang der Serafim beginnt (vgl. Jes 6:3): „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, der Himmel und die Erde sind erfüllt von deiner Herrlichkeit und Ehre“;13 darauf das Vaterunser.
  8. Absolution (ein abschließendes Bittgebet der Gebetsstunde) und Schlussgebet, das am Ende jeder Stunde steht.

Papst Schenouda III. schreibt: „Aus diesem Grund geht das Dankgebet allen Gebeten voraus“; mit ihm beginnen die Gottesdienste der Kirche und jede Stunde der Agpeya.14 Es ist dasselbe Gebet, mit dem der Priester den Abend- und Morgenweihrauch beginnt: „Lasst uns danksagen dem Wohltaten spendenden und erbarmungsreichen Gott, dem Vater unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus. Denn er hat uns beschützt, geholfen, bewahrt, angenommen mit Erbarmen bedacht, gestärkt und bis zu dieser Stunde gelangen lassen.“15 Danach kommt die Umkehr mit Psalm 51 (LXX 50), dann das Lob mit den Psalmen, dann hört der Betende Christus selbst im Evangelium. Erst dann folgen die Bitten. Auch am Ende steht der Dank. In der Absolution der dritten Stunde betet man: „Wir danken dir, dass du uns zum Gebet erhoben hast in dieser heiligen Stunde, in der du in Fülle die Gnade deines Heiligen Geistes – wie Zungen von Feuer – über deine heiligen Jünger und ehrwürdigen und gepriesenen Apostel ausgegossen hast.“16 Das Schlussgebet empfiehlt Papst Schenouda III. als Betrachtung über die Eigenschaften Gottes: „Christus, unser guter Herr, reich an Geduld, Barmherzigkeit und Erbarmen, der die Gerechten liebt und sich aller Sünder erbarmt“.17

David und der Psalter

Das Herz jeder Gebetsstunde sind die Psalmen. Der Psalter, das Buch der Psalmen, zählt in der Einheitsübersetzung hundertfünfzig Psalmen; zum Psalter der Kirche gehört dazu Psalm 151 der griechischen Bibel.18 Viele Psalmen tragen den Namen Davids in der Überschrift. Bei Psalm 51 nennt die Überschrift sogar den Anlass: „Für den Chormeister. Ein Psalm Davids, als der Prophet Natan zu ihm kam, nachdem sich David mit Batseba vergangen hatte“ (Ps 51:1⁠–⁠2). Davids Leben, seine Not, seine Sünde und seine Umkehr sind zum Gebet geworden. Christus nennt ihn „vom Geist (Gottes) erleuchtet“ (Mt 22:43).

Die Psalmen sind auch das Gebet Christi. Nach dem letzten Abendmahl sang er mit den Jüngern: „Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus“ (Mt 26:30). Am Kreuz betet er mit dem Anfang von Psalm 22 (LXX 21): „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Ps 22:2a). Mit Psalm 110 (LXX 109) bezeugt er, dass der Messias Davids Herr ist (Mt 22:43⁠–⁠44). Nach seiner Auferstehung sagt er: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist“ (Lk 24:44b). Der heilige Athanasius sieht darin eine Absicht Christi: „… deshalb ließ er sich auch vor seiner Ankunft unter uns in denen vernehmen, die diese Psalmen sangen“, damit jeder in den Psalmen „die Heilung und Besserung jeder Bewegung finde“.19

Und die Psalmen sind das Gebet der Kirche. Paulus schreibt: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt“ (Eph 5:19a); ähnlich mahnt er die Kolosser, Gott in ihrem Herzen Psalmen zu singen (Kol 3:16). Der Katechismus gibt ein Wort des heiligen Basilius wieder, der den Psalm „die Stimme der Kirche“ nennt.20

Ein Spiegel der Seele – Athanasius an Marcellinus

Der heilige Athanasius der Apostolische schrieb einem Freund namens Marcellinus, der sich nach einer Krankheit besonders mit den Psalmen beschäftigte, einen Brief über ihr Verständnis. Er gibt darin wieder, was ihn ein erfahrener alter Mann gelehrt hat.21 Der Grundgedanke: In den anderen Büchern der Schrift lesen wir die Worte anderer – der Patriarchen (der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob), des Mose, der Propheten. Die Psalmen aber liest der Beter, „als wenn es seine eigenen Reden wären“.22 Dann folgt das Bild vom Spiegel:

Aus den Vätern

Und ich glaube, dass diese dem Psalmensänger zu einem Spiegel dienen, dass auch er in denselben die Bewegungen seiner Seele erkennt und in dieser Wahrnehmung dieselben ausspricht. Denn auch wer sie vorlesen hört, nimmt den Gesang so auf, als würde er über ihn selbst vorgetragen, und er wird entweder von seinem Gewissen überführt von Reueschmerz ergriffen werden, oder er wird, wenn er von der Hoffnung auf Gott vernimmt und von der großen Gnade, welche die Gläubigen erlangen, von Freude erfüllt und beginnt Gott zu danken.23

– Hl. Athanasius der Apostolische, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 12

Athanasius nennt Beispiele: Wer in Bedrängnis ist, findet seine Worte in einem Psalm der Not; wer gesündigt hat, „spricht im 50. [= Ps 51 der Einheitsübersetzung] gleichsam selbst die Worte seiner Reue aus“.24 Darin liegt dreierlei:

  • Der Spiegel zeigt, wer ich bin. Wie man im Spiegel sein Gesicht sieht, so erkennt der Beter in den Psalmen die „Bewegungen seiner Seele“: seine Angst, seinen Zorn, seine Schuld, seine Freude. Der Psalm überführt das Gewissen und führt zur Reue – oder er weckt Hoffnung und Dank.
  • Der Spiegel gibt Worte. Für jede Lage gibt es einen Psalm. Athanasius schreibt: Ob man Reue braucht, in Trübsal oder Versuchung ist, verfolgt wurde oder Gott loben und ihm danken will – „so findet er die Unterweisung hierin in den göttlichen Psalmen“.25
  • Der Spiegel verwandelt. Die Psalmen sind, so Athanasius, „wie über uns gesprochen und gleichsam unsere eigenen Worte“, und zwar, „um die Bewegungen in unserm Innern auszudrücken und unser Leben zu bessern“.26 Wer sie betet, wird nach ihnen geformt.

Darum rät Athanasius auch, die Psalmen nicht mit eigenen Worten zu verschönern, sondern sie zu beten, „wie es ausgesprochen ist, damit die heiligen Männer, die es uns verschafft haben, indem sie ihr Eigentum erkennen, mit uns beten“.27 Wer die Psalmen der Agpeya betet, betet also nie allein: Er betet mit David, mit den Heiligen und mit der ganzen Kirche.

Wie man einen Psalm richtig angibt

Wenn du in der Agpeya „Psalm 50“ betest und in der Kursbibel Psalm 50 aufschlägst, findest du einen anderen Psalm. Der Grund: Es gibt zwei Zählungen. Die Einheitsübersetzung zählt die Psalmen nach dem hebräischen Text. Die Agpeya und die Väter zählen nach der Septuaginta. Sie zählt Ps 9 und 10 sowie Ps 114 und 115 der Einheitsübersetzung als je einen Psalm und teilt Ps 116 und Ps 147 in je zwei. Darum liegt die Nummer der Agpeya bei den meisten Psalmen um eins unter der Nummer der Einheitsübersetzung; bei Ps 1⁠–⁠8 und Ps 148⁠–⁠150 sind beide gleich.28 Die Bücher der Kirche schreiben deshalb oft beide Zahlen: Die englische Agpeya setzt die hebräische Nummer zuerst, „PSALM 23 (22)“; das deutsche Euchologion setzt die Nummer der Septuaginta zuerst und die hebräische in eckige Klammern, „Psalm 22 LXX [23]“.29

Im Dienerkurs gilt eine feste Regel:

  • Die Stellenangabe folgt immer der Einheitsübersetzung, Kapitel und Vers eingeschlossen: Ps 51:12.
  • Die Nummer der Septuaginta steht in Klammern dahinter, und zwar nur die Psalmnummer: „Ps 51:12 (LXX 50)“, in einer Klammer „(Ps 51:12; LXX 50)“.
  • Im liturgischen Gebrauch bleibt die Bezeichnung der Kirche, mit der Angabe nach der Einheitsübersetzung: „der 50. Psalm der Agpeya (= Ps 51 der Einheitsübersetzung)“.
  • In einem Väterzitat bleibt die Nummer des Vaters stehen; die Stelle der Einheitsübersetzung folgt in eckigen Klammern, wie oben bei Athanasius: „im 50. [= Ps 51 der Einheitsübersetzung]“.
Tabelle 12 · Beispiele für die Psalmzählung
Einheitsübersetzung Agpeya (Septuaginta) Anfang (Einheitsübersetzung)
Ps 23 22 „Der Herr ist mein Hirte“
Ps 51 50 „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld“
Ps 91 90 „Wer im Schutz des Höchsten wohnt“
Ps 119 118 „Wohl denen, deren Weg ohne Tadel ist“
Ps 121 120 „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“
Ps 141 140 „Herr, ich rufe zu dir“

Rechne nie nur im Kopf, sondern schau nach: Die Nummer der Agpeya steht in ihrer Psalmenüberschrift, die Stelle der Einheitsübersetzung findest du in der Kursbibel am Wortlaut.

Beispiel

Du willst den Kindern sagen, welchen Psalm die Kirche am Beginn jeder Stunde betet. Richtig ist: „Psalm 51 – in der Agpeya der 50. Psalm“. In einem Arbeitsblatt schreibst du: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!“ (Ps 51:3; LXX 50).

Der Mitternachtslobpreis (Tasbeha)

Um Mitternacht betet die Kirche nicht nur das Mitternachtsgebet der Agpeya, sondern feiert auch den Mitternachtslobpreis (Tasbeha), den nächtlichen Lobgottesdienst mit den Hymnen der Psalmodie, dem Hymnenbuch der Kirche. Papst Schenouda III. beschreibt, wie die Kirche ihre Kinder zu dieser Nachtwache einlädt: Auf die Einleitung folgt das Mitternachtsgebet in drei Teilen und dann der Lobpreis, „bestehend aus verschiedenen Psalmen aus dem Buche der Psalmodie“. Und er fügt hinzu: „Die Kirche erweckt ihre Söhne, die mit dem Leibe schlafen, auf, damit auch sie mit ihr gemeinsam Ein Gebet und Eine Huldigung zu Gott erheben…“30 Was der Einzelne in der Agpeya betet, betet hier die Gemeinde gemeinsam. Die Hymnen und den Aufbau der Psalmodie lernst du in Thema 20 („Hymnen und Psalmodie“) kennen.

Für den Dienst: Die Agpeya im Alltag und in der Sonntagsschule

Im eigenen Alltag. Papst Schenouda III. rät: „Kümmer dich mehr um die ‚Stundengebete‘ aus der Agpia: Wenn du nicht jede Stunde am Tag ganz beten kannst, bete wenigstens die Teile und die Absolution von jeder.“ Je mehr Psalmen du auswendig kannst, desto mehr kannst du „ohne Buch“ beten, auch unterwegs.31 Ein guter Anfang für deine geistliche Regel ist das Morgengebet und das Abendgebet oder das Gebet vor dem Schlafengehen, wenigstens mit Einleitungsgebet, einem Psalm, dem Evangelium und der Absolution. Wer tagsüber einen Psalmvers der dritten, sechsten oder neunten Stunde auswendig kann, kann ihn still in der Pause beten.

Zu Beginn der Sonntagsschulstunde. Ein kurzer Gebetsbeginn aus der Agpeya verbindet die Klasse – wie jede andere Gruppe oder auch die Familie – mit dem Gebet der Kirche. Er kann so aussehen:

  • Kreuzzeichen und die Anrufung „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, ein Gott. Amen“;
  • das Vaterunser, gemeinsam gesprochen;
  • ein Satz zur Stunde, kindgerecht erklärt: Findet die Stunde am Vormittag statt, passt das Gebet der dritten Stunde, das daran erinnert, dass der Heilige Geist auf die Jünger herabkam;
  • ein Psalmvers, den die Kirche in dieser Stunde betet und den die Kinder nachsprechen und mit der Zeit auswendig lernen, etwa „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Ps 51:12; LXX 50);
  • „Alleluja“ oder „Herr, erbarme dich“, von allen gemeinsam.

Der Gebetsbeginn soll kurz bleiben (drei bis fünf Minuten), ruhig und ehrfürchtig sein und zum Alter passen. Wo deine Gemeinde schon eine feste Form hat, übernimmst du sie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Agpeya ist das Gebetbuch der sieben Gebetszeiten und des Schleiergebets der Mönche; ihr Name kommt vom koptischen Wort für „Stunde“. Die festen Stunden sind das Gerüst des unablässigen Gebets (1. Thess 5:17).
  • Die Gebetszeiten haben biblische Wurzeln: David (Ps 119:164; LXX 118), Daniel (Dan 6:11) und die Apostel zur dritten, sechsten und neunten Stunde und um Mitternacht (Apg 2:15; 10:9; 3:1; 16:25).
  • Erste Stunde: Auferstehung; dritte: Verurteilung Christi und Herabkunft des Heiligen Geistes; sechste: Kreuzigung; neunte: Tod im Fleisch und rechter Schächer; elfte: Abnahme vom Kreuz; zwölfte: Grablegung; Mitternacht: Getsemani und Wiederkunft. In den Klöstern folgt auf die zwölfte Stunde das Schleiergebet.
  • Jede Stunde beginnt mit Einleitungsgebet, Vaterunser, Dankgebet und Psalm 51 (LXX 50) und führt über Psalmen, Evangelium und Bittgebete zu Absolution und Schlussgebet.
  • Die Psalmen sind das Gebet Davids, das Gebet Christi und das Gebet der Kirche.
  • Nach dem heiligen Athanasius (Brief an Marcellinus 12) sind die Psalmen ein Spiegel: Der Beter erkennt in ihnen die Bewegungen seiner Seele, findet Worte für jede Lage und wird zu Reue, Hoffnung und Dank geführt.
  • Psalmen werden nach der Einheitsübersetzung angegeben, die Nummer der Septuaginta steht in Klammern: Ps 51:3 (LXX 50); liturgisch „der 50. Psalm der Agpeya (= Ps 51 der Einheitsübersetzung)“.

Zum Weiterlesen

  • Hl. Athanasius: Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 1⁠–⁠14 und 27⁠–⁠33 (BKV 1. Serie 29).
  • Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Buch 4, Kap. 3 „Die Gebete der Agpeya“ (Fr. 920⁠–⁠930) und Fr. 1077.
  • Papst Schenouda III.: Das Leben der Danksagung, Kap. 1 „Leben der Danksagung“.
  • Hl. Cyprian von Karthago: Über das Gebet des Herrn, Kap. 34⁠–⁠36 (BKV 1. Reihe 34).
  • Papst Schenouda III.: Das geistige Wachen, Kap. 1.3 „Der Ritus der Kirche bei den Nachtwachen“.

Anmerkungen

  1. Euchologion, S. 1216.↑

  2. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 921.↑

  3. Ebd., Fr. 922.↑

  4. Cyprian, Über das Gebet des Herrn, Kap. 34.↑

  5. Ebd., Kap. 35.↑

  6. Für die dritte, sechste und neunte Stunde nach Die göttlichen Liturgien, S. 38, 47, 56 und 62⁠–⁠63; sonst nach den Überschriften der Agpeya (englische Ausgabe Agpia, C.O.P.T., Sydney 2000, S. 5, 31, 47, 63, 78, 90, 111) und Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1077; die Tageszeiten der Stunden nennt das Euchologion, S. 1216.↑

  7. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 925.↑

  8. Vgl. Agpeya, Schleiergebet, Einleitung (englische Ausgabe, S. 104).↑

  9. Euchologion, S. 2; Die göttlichen Liturgien, S. 124⁠–⁠125.↑

  10. Die göttlichen Liturgien, S. 38⁠–⁠46; vgl. Agpeya, Einleitungsgebet und Gebet der dritten Stunde (englische Ausgabe, S. 1⁠–⁠4 und 31⁠–⁠46).↑

  11. Die göttlichen Liturgien, S. 38.↑

  12. Die göttlichen Liturgien, S. 45.↑

  13. Euchologion, S. 264.↑

  14. Papst Schenouda III., Das Leben der Danksagung, Kap. 1.↑

  15. Die göttlichen Liturgien, S. 68 (Danksagungsgebet); in der Agpeya steht dasselbe Gebet im Einleitungsgebet jeder Stunde (englische Ausgabe, S. 1).↑

  16. Die göttlichen Liturgien, S. 46 (Sündennachlass); vgl. Papst Schenouda III., Das Leben der Danksagung, Kap. 1.↑

  17. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 4 „Kontemplation“.↑

  18. Psalm 151 der Septuaginta, in der koptischen Kirche am Lichtsamstag gesungen („Anok pe pikouji“); nicht in der Einheitsübersetzung.↑

  19. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 13.↑

  20. Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 928.↑

  21. Vgl. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 1.↑

  22. Ebd., Kap. 11.↑

  23. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 12.↑

  24. Ebd., Kap. 12.↑

  25. Ebd., Kap. 30.↑

  26. Ebd., Kap. 12.↑

  27. Ebd., Kap. 31.↑

  28. Vgl. Euchologion, S. 1217 (mit einer Übersicht beider Zählungen).↑

  29. Vgl. Agpeya, Vorwort (englische Ausgabe, S. vi); Euchologion, S. 222.↑

  30. Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 1.3.↑

  31. Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 1, Übung 3.↑

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