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Thema 5 · Vortrag 1

Gottes Wort im Buch der Kirche – Wesen, Kanon und Übersetzungen

Was die Bibel ist, welche Bücher zu ihr gehören und wie sie zu uns kam

17 Min. LesezeitDie Heilige Schrift

Lernziele

  1. Inspiration als Wirken des Heiligen Geistes mit menschlicher Mitwirkung erklären und von einem Diktat abgrenzen.
  2. Den Umfang des koptischen Kanons nennen (sechsundvierzig Bücher im Alten und siebenundzwanzig im Neuen Testament, mit den Zusätzen und Psalm 151), die Bezeichnung „deuterokanonisch“ verwenden und erläutern, wie Schrift und Überlieferung zusammengehören.
  3. Die Ursprachen und vier wichtige Übersetzungen (Septuaginta, Vulgata, koptische Übersetzungen, Einheitsübersetzung) nennen und Bibelstellen mit den Kürzeln der Einheitsübersetzung richtig angeben.

Schlüsselbegriffe

Heilige Schrift · Wort Gottes · Inspiration · Heilige Überlieferung (Tradition) · Kanon · deuterokanonische Bücher · Apokryphen · Psalm 151 · Ursprachen · Targum · Septuaginta · Hexapla · Vulgata · koptische Übersetzungen · Einheitsübersetzung · Lesart

Bibelstellen

2. Tim 3:16⁠–⁠17; 2. Petr 1:21b; Lk 1:3b; 2. Makk 15:38; Röm 16:22; Joh 20:31; Joh 1:14a; Joh 5:39b; 2. Petr 3:15b–16; Est 4:17k; Bar 6:1; Dan 3:24⁠–⁠90; Dan 13:1; Dan 2:4; Mk 5:41b; Mk 7:34b; Mk 15:34b; Ps 22:2; Apg 2:11b; Neh 8:8; Ps 51:3; Ps 96:10; Ps 119:105

Inhalt

„Wer hat eigentlich die Bibel geschrieben?“ Das fragen Kinder früher oder später, und Jugendliche fragen weiter: Warum gehören gerade diese Bücher dazu? Wer dient, braucht darauf eine Antwort, die einfach und zugleich richtig ist. Die Bücher der Bibel und ihre Gruppen kennst du aus Buch 1, Kapitel 2 („Die Heilige Schrift – Wesen und Bücher“). Gott hat durch Menschen gesprochen; die Kirche hat ihre Schriften empfangen, und Übersetzungen machen sie uns in unserer Sprache zugänglich.

Gottes Wort, durch Menschen geschrieben

Von Gott eingegeben

Die Kirche nennt die Bibel das Wort Gottes, weil Gott in ihr zu den Menschen spricht. Paulus erinnert Timotheus daran, dass er die heiligen Schriften schon als Kind kennengelernt hat, und schreibt dann:

Heilige Schrift

Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit; so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein.

2. Tim 3:16⁠–⁠17

Petrus sagt von den Propheten: „vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet“ (2. Petr 1:21b). Dieses Wirken Gottes nennt die Kirche Inspiration (Eingebung). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt, die Heilige Bibel sei „durch Eingebung des Heiligen Geistes gegeben“, und die Kirche bewahre, „was Gott durch jene verkündet hat, die er zum Schreiben erwählt hat“.1

Begriff
Inspiration

Inspiration (Eingebung) heißt: Der Heilige Geist hat die biblischen Schriftsteller so geführt, dass sie aufgeschrieben haben, was Gott den Menschen zu ihrem Heil sagen will. Die Schreiber blieben dabei selbst tätig – mit ihrer Sprache, ihrem Stil, ihrem Wissen und ihrer Mühe. Inspiration ist kein Diktat.

Kein Diktat: Die Schreiber arbeiten mit

Gott hat die Verfasser nicht wie Schreibmaschinen benützt; die Schrift zeigt selbst, wie sehr sie mitgearbeitet haben. Lukas hat sich vorgenommen, „allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben“ (Lk 1:3b). Der Verfasser des zweiten Makkabäerbuches schließt bescheiden: „Ist sie gut und geschickt erzählt, habe ich mein Ziel erreicht; ist sie aber schlecht oder mittelmäßig – ich habe mein Bestes getan“ (2. Makk 15:38). Paulus ließ seine Briefe oft von einem Schreiber niederschreiben, der im Römerbrief selbst grüßt: „Ich, Tertius, der Schreiber dieses Briefes, grüße euch im Namen des Herrn“ (Röm 16:22).

Papst Tawadros II. sagt von den vier Evangelien, sie seien „von vier Evangelisten geschrieben, jeder mit seiner eigenen Sprache und Methode, inspiriert durch die Führung des Heiligen Geistes“.2 Was das „Inspirieren“ durch den Heiligen Geist bewirkt, erklärt er so:

Aus der Lehre unserer Päpste

Es soll die göttliche Wahrheit, d. h. die göttliche Lehre, durch den Menschen vermitteln, wobei der Heilige Geist den Schreiber (Prophet, Apostel oder Jünger) unfehlbar, d. h. frei von Irrtum, macht, ihm aber die Freiheit des Ausdrucks lässt. … Die Freiheit des Schreibers ist weder in der Ausdrucksweise noch im Schreiben beeinträchtigt.3

– Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 128

Darum bekennt die Kirche: Die Heilige Schrift irrt nicht; sie ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft, sondern spricht nach dem Augenschein und will das Heil lehren.4 Wir sprechen von der Wahrheit der Schrift, denn Gott selbst steht für sein Wort ein. Johannes nennt den Zweck seines Evangeliums: „Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20:31).

Das Wort Gottes und das fleischgewordene Wort

Die Bibel ist nicht Christus. Er ist das Wort Gottes in Person, der Logos: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1:14a). Die Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten und spricht von ihm: „gerade sie legen Zeugnis über mich ab“ (Joh 5:39b). Wir ehren das Buch, aber wir beten den an, von dem es spricht.

Die Bibel ist das Buch der Kirche

Erst gepredigt, dann aufgeschrieben

Die Kirche war vor dem Neuen Testament da: „Tatsächlich empfing die Kirche das ‚Wort Gottes‘, bevor es niedergeschrieben wurde.“5 Die Apostel haben zuerst gepredigt und getauft; erst nach und nach entstanden die Evangelien und Briefe. Der heilige Irenäus von Lyon schreibt: „Was sie zuerst gepredigt und dann nach dem Willen Gottes uns schriftlich überliefert haben, das sollte das Fundament und die Grundsäule unseres Glaubens werden.“6 Was die Kirche so empfängt und weitergibt, heißt Heilige Überlieferung (Tradition).

Schrift und Überlieferung gehören zusammen

Der Katechismus erklärt:

„Die Heilige Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung der Kirche empfangen. Durch die Überlieferung wurden unsere heiligen Bücher kanonisiert; dadurch wurde bestätigt, dass sie göttlich inspiriert sind. … Obwohl die Überlieferung für die Heilige Bibel Zeugnis ablegt, kann sie nicht über die Bibel urteilen. Im Gegenteil: Eine Überlieferung wird nur anerkannt, wenn sie auf der Bibel gründet; widerspricht sie der Heiligen Bibel, kann sie nicht anerkannt werden.“7

Das schützt vor zwei Fehlern: die Bibel ohne die Kirche zu lesen, als müsste jeder allein entscheiden, was sie bedeutet – und die Überlieferung über die Schrift zu stellen. Echte Überlieferung widerspricht der Schrift nie, sondern hilft, sie zu verstehen. Darum sollen wir, so der Katechismus, „die Bibel niemals losgelöst von der Kirche leben“.8

Aus den Vätern

Es genügen ja die heiligen und inspirierten Schriften zur Verkündigung der Wahrheit; doch gibt es daneben auch viele Kommentare, die unsere seligen Lehrer dazu verfasst haben. Wer diese nachsieht, der wird ja wohl die (nötige) Schriftexegese finden und die Erkenntnis, nach der er verlangt, gewinnen können.9

– Hl. Athanasius der Apostolische, Gegen die Heiden, Kap. 1

Schriftexegese bedeutet Auslegung der Heiligen Schrift: Wir lesen die Bibel mit den Vätern, die sie erklärt haben.

Der Kanon: die Bücher, die die Kirche empfangen hat

Sechsundvierzig und siebenundzwanzig Bücher

Das griechische Wort Kanon heißt Richtschnur oder Maßstab.

Begriff
Kanon

Der Kanon der Heiligen Schrift ist das verbindliche Verzeichnis der Bücher, die die Kirche als von Gott eingegeben empfangen hat.

Damals wie Heute nennt den Umfang: „Die Heilige Schrift, auch Bibel genannt, besteht aus dem Alten Testament mit sechsundvierzig und dem Neuen Testament mit siebenundzwanzig Büchern, also insgesamt aus dreiundsiebzig Büchern.“10 Wir ordnen sie wie die Einheitsübersetzung; die einzelnen Bücher mit ihren Kürzeln stehen in Buch 1, Anhang „Die Bücher der Bibel“.

Tabelle 13 · Der Umfang der Heiligen Schrift in der koptischen Kirche (73 Bücher)
Altes Testament Zahl Neues Testament Zahl
Gesetz (Pentateuch) 5 Evangelien und Apostelgeschichte 5
Geschichtsbücher (mit Tob, Jdt, 1.–2. Makk; Est mit Zusätzen) 16 Paulusbriefe (mit Hebr) 14
Psalter (mit Ps 151) und Weisheitsbücher (mit Weish, Sir) 7 Katholische (allgemeine) Briefe 7
Propheten (mit Bar; Dan mit Zusätzen) 18 Offenbarung des Johannes 1
zusammen 46 zusammen 27

Besonders zu beachten:

  • Zusätze zu Ester: Gebete und Briefe, die mit Buchstaben gezählt werden, etwa das Gebet der Königin Ester (Est 4:17k–z).
  • Brief des Jeremia: das sechste Kapitel des Buches Baruch (Bar 6).
  • Zusätze zu Daniel: Gebet und Lobgesang der drei jungen Männer im Feuerofen (Dan 3:24⁠–⁠90), die Geschichte von Susanna (Dan 13) und von Bel und dem Drachen (Dan 14).
  • Psalm 151: Er folgt auf Psalm 150 und erzählt, wie Gott den jüngsten von mehreren Brüdern, einen Hirten, erwählte; nach der Überlieferung spricht hier David.11
  • Hebräerbrief: Die koptische Kirche zählt ihn als vierzehnten Paulusbrief; so zählt ihn schon der heilige Athanasius unter die vierzehn Briefe des Apostels Paulus.

Nicht zur Bibel der koptischen Kirche gehören das dritte und vierte Makkabäerbuch, das Gebet des Manasse und die Psalmen Salomos.

Beispiel

Am Lichtsamstag beginnt der Abendlobpreis mit „Anok pe pikouji“, dem Psalm 151, in dem David erzählt, wie Gott ihn erwählt hat: „Klein war ich unter meinen Brüdern und der Jüngste im Haus meines Vaters. Ich weidete die Schafe meines Vaters. Meine Hände machten eine Harfe, meine Finger eine Laute.“12 Der Psalm endet mit dem Sieg über den Philister; die Kirche dankt dabei Christus, der uns vom geistlichen Goliat, dem Feind, gerettet hat. Im selben Lobpreis folgen der Lobgesang der drei jungen Männer und die Geschichte von Susanna aus den deuterokanonischen Zusätzen zum Danielbuch.

„Deuterokanonisch“, nicht „Apokryphen“

Begriff
Deuterokanonische Bücher

Deuterokanonisch („zum zweiten Kanon gehörig“) heißen die Bücher des Alten Testaments, die die Kirche mit der griechischen Bibel empfangen hat. Die deuterokanonischen Schriften umfassen die sieben Bücher Tobit, Judit, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Baruch sowie 1. und 2. Makkabäer und außerdem die Zusätze zu den Büchern Ester und Daniel. Zum Buch der Psalmen gehört in unserer Kirche zudem Psalm 151. Sie sind vollgültige Heilige Schrift.

Der Name bedeutet nicht, dass diese Bücher weniger wert wären; er erinnert nur daran, dass über sie in den ersten Jahrhunderten länger gesprochen wurde. Die Kirche liest aus ihnen im Gottesdienst: in der Großen Fastenzeit und der Karwoche (Pascha) Abschnitte aus Jesus Sirach und der Weisheit Salomos, in der Fastenzeit auch aus dem Buch Tobit. Im Mitternachtslobpreis (Tasbeha) singt sie den Gesang der drei jungen Männer (Dan 3:52⁠–⁠90) als dritten Hoos (Lobgesang).

Apokryphen dagegen heißen Schriften, die sich wie biblische Bücher geben, die die Kirche aber nie als Heilige Schrift angenommen hat; schon der heilige Athanasius warnte seine Gemeinden vor solchen „apokryphen“ Büchern. Für Tobit, Sirach oder die Makkabäerbücher ist dieses Wort falsch. Manche Bibelausgaben enthalten sie nicht: Seit der Reformation im 16. Jahrhundert übernehmen viele evangelische Bibeln für das Alte Testament nur die hebräisch überlieferten Bücher und drucken die übrigen im Anhang oder gar nicht. Auch die verbreitete arabische Bibel, die Van-Dyck-Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert, ist eine evangelische Übersetzung ohne diese Bücher. In der Liturgie gebraucht die Kirche für ihre Lesungen eine eigene arabische Übersetzung, die aus dem Koptischen hervorgegangen ist und diese Bücher enthält. Darüber sprechen wir sachlich und ohne Abwertung.

Wie die Kirche den Kanon empfangen hat

Den Kanon hat nicht ein einzelner Mensch oder eine Versammlung „gemacht“. Die Kirche hat die Bücher in ihrer Überlieferung empfangen, im Gottesdienst gelesen und immer wieder bestätigt; die Väter sind dafür Zeugen. Schon der zweite Petrusbrief spricht von den Briefen, die „unser geliebter Bruder Paulus“ geschrieben hat, und stellt sie neben „die übrigen Schriften“ (2. Petr 3:15b–16). Im 2. Jahrhundert schreibt der heilige Irenäus über die vier Evangelien: „… es versteht sich, dass es weder mehr noch weniger als diese Evangelien geben kann.“13

Im Jahr 367 zählt der heilige Athanasius in seinem 39. Festbrief, dem jährlichen Schreiben, mit dem der Papst von Alexandrien den Tag des Auferstehungsfestes ankündigt, die Bücher der Schrift auf; für das Neue Testament nennt er genau die siebenundzwanzig Bücher, die wir heute haben. Er nennt sie die Quellen des Heils, denen niemand etwas hinzufügen und von denen niemand etwas wegnehmen darf, und betont, dass er nur aufzählt, was als göttlich überliefert worden ist.14 Athanasius erfindet den Kanon also nicht; er bezeugt, was die Kirche überliefert hat. Wenige Jahrzehnte später rät der heilige Augustinus, „dem Ansehen der großen Mehrzahl der katholischen Kirchen“ zu folgen; in seiner Liste stehen auch Tobit, Judit, die Makkabäerbücher, die Weisheit Salomos und Jesus Sirach.15 Auch die Synoden, also Versammlungen von Bischöfen, in Hippo (393) und Karthago (397) haben diese Bücher bestätigt.16

Die Ursprachen der Bibel

Das Alte Testament ist zum größten Teil hebräisch geschrieben. Einige Abschnitte sind aramäisch, in der Sprache, die die Juden nach dem Babylonischen Exil im Alltag sprachen; die Einheitsübersetzung kennzeichnet das etwa im Buch Daniel (Dan 2:4). Die deuterokanonischen Bücher sind in der griechischen Bibel, der Septuaginta (LXX), überliefert, das zweite Makkabäerbuch wurde gleich griechisch geschrieben.

Das Neue Testament ist uns auf Griechisch überliefert, einer Sprache, die damals weit verbreitet war.17 Jesus selbst sprach im Alltag aramäisch, und einige seiner Worte haben die Evangelisten so bewahrt: „Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ (Mk 5:41b); „Effata!, das heißt: Öffne dich!“ (Mk 7:34b); und am Kreuz: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15:34b) – der Anfang von Ps 22:2 (LXX 21).

Der heilige Augustinus schreibt: „Lateinisch sprechende Leute … haben zum Verständnis der Heiligen Schrift zwei fremde Sprachen nötig, nämlich das Hebräische und das Griechische“; manche hebräischen Wörter wie „Amen“, „Alleluja“ und „Hosanna“ blieben sogar unübersetzt – wir beten sie bis heute.18

Die wichtigsten Übersetzungen

Gott will, dass jeder sein Wort versteht; am Pfingsttag sagten die Menschen aus vielen Völkern: „wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2:11b). Darum wurde die Bibel schon früh übersetzt.

Der Weg der Bibel von den Ursprachen zu unseren Übersetzungen

Targum

Als Esra das Gesetz vorlas, geschah es so: „Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten“ (Neh 8:8). Der Targum ist eine aramäische Übersetzung des Alten Testaments, die den Text zugleich auslegt. Nach dem Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty wurde er zur Zeit des Zweiten Tempels und auch später in den jüdischen Synagogen gelesen.19

Septuaginta

Die wichtigste Übersetzung des Alten Testaments ist die Septuaginta, die griechische Bibel. Sie entstand ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. in Alexandrien. Nach der Überlieferung, die der heilige Irenäus wiedergibt, ließ König Ptolemäus die Schriften für seine Bibliothek ins Griechische übersetzen; die Juden schickten „siebzig Älteste, die in den Schriften besonders bewandert waren und beide Sprachen beherrschten“.20 Daher der Name: Septuaginta heißt „siebzig“.

Die Septuaginta war die Bibel der Apostel, schreibt Augustinus an Hieronymus: „haben doch auch nach deinem eigenen Zeugnisse die Apostel sich ihrer bedient“.21 Sie enthält die deuterokanonischen Bücher, und nach ihr zählt die koptische Kirche die Psalmen. Irenäus erinnert daran, dass die Septuaginta in Ägypten entstand:

Aus den Vätern

So sind also getreu und unter dem Beistand Gottes die Schriften übersetzt, durch die Gott unsern Glauben an seinen Sohn vorbereitete und erneuerte. So hat er uns in Ägypten die Schriften unverfälscht bewahrt, wo auch das Haus Jakobs groß wurde, als es vor der Hungersnot in Kanaan floh, und wohin auch unser Herr sich rettete, als er der Verfolgung des Herodes sich entzog.22

– Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 21,3

Hexapla

Im 3. Jahrhundert verglich der Gelehrte Origenes aus Alexandrien die griechischen Übersetzungen mit dem hebräischen Text; er stellte die Fassungen „zugleich mit dem hebräischen Texte nebeneinander“.23 So entstand die Hexapla, eine Bibelausgabe in sechs Spalten.

Vulgata

Für die lateinisch sprechende Kirche übersetzte der heilige Hieronymus, ein Zeitgenosse des heiligen Augustinus, die Bibel neu ins Lateinische: das Alte Testament aus dem Hebräischen, die Evangelien aus dem Griechischen. Augustinus schrieb ihm: „Übrigens sagen wir Gott Dank für deine Übersetzung des Evangeliums aus dem Griechischen“.24 Diese Bibel heißt Vulgata („die allgemein verbreitete“); sie wurde die Bibel der lateinischen Kirche des Westens. Die orthodoxen Kirchen des Ostens, auch die koptische, lesen das Alte Testament nach der Septuaginta und in eigenen Übersetzungen.

Koptische Übersetzungen

Schon in den ersten Jahrhunderten wurde die Bibel ins Koptische übersetzt, die Sprache des ägyptischen Volkes, und zwar aus dem Griechischen: das Alte Testament aus der Septuaginta, das Neue aus dem griechischen Text der Apostel.25 Es gibt Übersetzungen in mehreren Dialekten. Lange herrschte das Sahidische vor; seit dem Mittelalter ist das Bohairische der Dialekt der Kirche, den sie im Gottesdienst gebraucht. Heute hören wir die Lesungen koptisch und in der Sprache des Landes, in dem wir leben.

Die Einheitsübersetzung als Kursbibel

Warum diese Übersetzung

Im Kurs verwenden wir die Einheitsübersetzung in der Fassung von 1980. Sie ist eine deutsche Übersetzung mit allen dreiundsiebzig Büchern, auch den deuterokanonischen Büchern und den Zusätzen zu Ester und Daniel. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty und manche deutsche Bücher Papst Schenoudas III. zitieren sie; auch die Lernverse des Kurses stehen in ihrem Wortlaut. Nur Psalm 151 fehlt; seinen Wortlaut nehmen wir aus dem Pascha-Buch unserer Kirche.

So zitierst du eine Bibelstelle

  • Grundform: Buchkürzel, Leerzeichen, Kapitel, Doppelpunkt, Vers: „Joh 3:16“, „1. Kor 13:4“.
  • Mehrere Verse: „1. Kor 13:4⁠–⁠7“ (Bereich), „Joh 10:11.14“ (einzelne Verse), „Mt 28:19; 2. Kor 13:13“ (mehrere Stellen); ein Teilvers mit Buchstaben: „Lk 12:42b“.
  • Bücher mit nur einem Kapitel: ohne Kapitelzahl: „Jud 3“, „Phlm 10“.
  • Deuterokanonische Teile: „Est 4:17k“ (Esterzusatz), „Bar 6:1“ (Brief des Jeremia), „Dan 3:52“ oder „Dan 13:1“ (Danielzusätze).
  • Nicht so: Buchnamen anderer Bibelausgaben wie „1. Mose“ oder „Off“. Die Kürzel findest du in Buch 1, Anhang „Die Bücher der Bibel“.
  • Lesungen der Liturgie: „Paulus“, „Katholikon“, „Praxis“ und „Evangelium“ sind Namen der Lesungen, keine Bibelkürzel.

Zwei Zählungen der Psalmen

Die Einheitsübersetzung zählt die Psalmen nach dem hebräischen Text, die Septuaginta – und mit ihr die Agpeya (Stundengebetbuch) und die Liturgie – meist um eine Zahl niedriger. Den Bußpsalm, den wir in jeder Gebetszeit der Agpeya beten, nennt die Kirche „Psalm 50“; in der Einheitsübersetzung ist es Ps 51. Das deutsche Euchologion, das Buch der Göttlichen Liturgie, gibt darum beide Zahlen an: „Psalm 50 LXX [51]“.26 Darum schreiben wir die Zählung der Septuaginta in Klammern dazu: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!“ (Ps 51:3; LXX 50).

Wenn ein Vater anders liest

Die Bibel wurde über Jahrhunderte von Hand abgeschrieben und übersetzt. Deshalb lauten einige Verse in alten Handschriften oder Übersetzungen etwas anders; eine solche Fassung heißt Lesart. Zitiert ein Vater oder ein Papst einen Vers anders als unsere Kursbibel, ändern wir sein Zitat nicht, sondern geben in einer Fußnote an, wie die Einheitsübersetzung liest.27 Solche Unterschiede sind Fragen der Überlieferung des Textes; niemand wirft deswegen anderen vor, die Bibel gefälscht zu haben.

Der heilige Augustinus zeigt die richtige Haltung: Er verehrt die kanonischen Bücher so, „dass ich felsenfest glaube, keiner ihrer Verfasser sei bei der Abfassung in einem Irrtum gewesen“; scheint ihm eine Stelle unverständlich, so nimmt er an, „dass entweder die Abschrift fehlerhaft ist oder dass der Übersetzer den Gedanken des Originals nicht genau ausgedrückt hat oder dass ich die Sache nicht verstanden habe“.28 Wir begegnen der Schrift mit Ehrfurcht und sind uns der Grenzen unseres eigenen Verstehens bewusst.

„Wer hat die Bibel geschrieben?“ – eine Antwort für Kinder

In der Antwort müssen beide Teile vorkommen: Gott ist der Urheber, und Menschen haben geschrieben. Papst Tawadros II. sagt: „Das Evangelium wurde von heiligen Männern Gottes geschrieben, d. h. die Jünger und Apostel unseres Herrn Jesus Christus, die von Gott zum Schreiben inspiriert wurden“.29

Beispiel

Für jüngere Kinder: „Die Bibel ist ein Geschenk Gottes. Gott hat Menschen ausgesucht, die ihn liebten – Mose, König David, die Propheten, die Apostel. Der Heilige Geist hat ihnen geholfen, aufzuschreiben, was Gott uns sagen will. Jeder schrieb mit seinen eigenen Worten, so wie du einen Brief schreibst, aber die Botschaft kommt von Gott. Die Kirche hat diese Bücher gesammelt und bewahrt; darum lesen wir sie in jeder Liturgie.“

Für Jugendliche: „Über viele Jahrhunderte haben Hirten, Könige, Propheten, ein Arzt, ein Zöllner und Fischer geschrieben und sich dabei abgemüht – und gerade durch sie hat der Heilige Geist gesprochen. Die Kirche hat diese Bücher als Gottes Wort erkannt und weitergegeben.“

Vermeide zwei Fehler: „Gott hat alles diktiert“ stimmt nicht, wie das Vorwort des Lukas zeigt; „Das haben eben Menschen geschrieben wie andere Bücher auch“ stimmt ebenso wenig.

Für den Dienst

  • Welche Bibel? Bereite deine Stunden mit der Einheitsübersetzung vor. Für kleine Kinder kann eine gute Kinderbibel helfen; prüfe aber, ob sie nichts hinzuerfindet.
  • Fehlende Bücher: Sagt ein Kind oder ein Bekannter, in seiner Bibel gebe es kein Buch Tobit, erkläre ruhig, dass unsere Kirche diese Bücher seit alter Zeit liest.
  • Richtig zitieren: Gib auf Arbeitsblättern jede Stelle so an, wie es oben beschrieben ist, und prüfe den Wortlaut nach.
  • Ehrfurcht zeigen: Der Katechismus rät: „Lies die Heilige Bibel mit Liebe“ und „Lies die Heilige Bibel in Demut“.30
  • Selbst lesen: Wer die Schrift lehrt, liest sie selbst jeden Tag: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119:105; LXX 118).

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten: Der Heilige Geist hat die Schreiber geführt, und sie schrieben mit eigener Sprache, eigenem Stil und eigener Mühe (2. Tim 3:16; 2. Petr 1:21). Inspiration ist kein Diktat.
  • Die Heilige Schrift irrt nicht; sie ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft, sondern will das Heil lehren. Christus ist das Wort Gottes in Person, die Schrift bezeugt ihn.
  • Die Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung empfangen; echte Überlieferung widerspricht ihr nie (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65).
  • Der Kanon umfasst dreiundsiebzig Bücher: sechsundvierzig im Alten Testament und siebenundzwanzig im Neuen Testament (mit vierzehn Paulusbriefen einschließlich des Hebräerbriefs).
  • Die deuterokanonischen Schriften umfassen die sieben Bücher Tobit, Judit, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Baruch sowie 1. und 2. Makkabäer und außerdem die Zusätze zu den Büchern Ester und Daniel. Zum Buch der Psalmen gehört in unserer Kirche zudem Psalm 151. Sie heißen „deuterokanonisch“, nicht „Apokryphen“.
  • Väter wie Athanasius (39. Festbrief, 367) sind Zeugen, nicht Urheber des Kanons; Athanasius nennt für das Neue Testament genau die siebenundzwanzig Bücher.
  • Ursprachen: Hebräisch, Aramäisch, Griechisch; wichtige Übersetzungen: Targum, Septuaginta, Vulgata, koptische Übersetzungen und für uns die Einheitsübersetzung.
  • Bibelstellen werden mit den Kürzeln der Einheitsübersetzung angegeben („Joh 3:16“), Psalmen mit der Zählung der Septuaginta in Klammern („Ps 51:3 (LXX 50)“).

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Kap. 4 „Die Heilige Bibel“ und Kap. 5 „Heilige Überlieferung“, Fr. 39⁠–⁠66.
  • Papst Tawadros II.: Mein Glaube, Fr. 101⁠–⁠104 und 128.
  • Damals wie Heute. Die Kirche vor Nizäa, „Die Heilige Schrift“ und „Die Heilige Überlieferung“ (S. 286⁠–⁠302).
  • Hl. Athanasius: Gegen die Heiden, Kap. 1 (BKV 1. Reihe 31).
  • Hl. Augustinus: Vier Bücher über die christliche Lehre, Buch II, Kap. 8⁠–⁠11 (BKV 1. Reihe 49).

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 42.↑

  2. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 103.↑

  3. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 128.↑

  4. Vgl. Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 9,1. Mehr dazu in Thema 42 („Glaube und Vernunft“).↑

  5. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 64.↑

  6. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1,1.↑

  7. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65. „Kanonisiert“ heißt: in den Kanon, das Verzeichnis der biblischen Bücher, aufgenommen (siehe unten).↑

  8. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑

  9. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 1.↑

  10. Damals wie Heute, S. 286.↑

  11. Psalm 151 der Septuaginta, in der koptischen Kirche am Lichtsamstag gesungen („Anok pe pikouji“); nicht in der Einheitsübersetzung. Vgl. Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Samstag der Freude.↑

  12. Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Samstag der Freude.↑

  13. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11,8.↑

  14. Zum Jahr vgl. J. Lippl, Einleitung zu den Werken des Athanasius (BKV 1. Reihe 13, Kempten/München 1913, S. 5).↑

  15. Augustinus, Vier Bücher über die christliche Lehre, Buch II, Kap. 8,12⁠–⁠13. „Katholisch“ bedeutet hier „allumfassend“, die ganze Kirche.↑

  16. Vgl. die Liste der kanonischen Schriften der Synode von Hippo (393), Kanon 36, aufgenommen als Kanon 24 in den Codex der Kanones der afrikanischen Kirche.↑

  17. Zum griechisch verfassten Markusevangelium vgl. Papst Schenouda III., Der Schauer Gottes, Kap. 15. Irenäus berichtet zugleich von einer hebräischen Abfassung des Matthäusevangeliums: Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1,1.↑

  18. Augustinus, Vier Bücher über die christliche Lehre, Buch II, Kap. 11,16.↑

  19. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1163.↑

  20. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 21,2.↑

  21. Augustinus, Ausgewählte Briefe, Brief 71,6 (an Hieronymus).↑

  22. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 21,3.↑

  23. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VI, Kap. 16.↑

  24. Augustinus, Ausgewählte Briefe, Brief 71,6 (an Hieronymus); zur Übersetzung aus dem Hebräischen Brief 71,3.↑

  25. Vgl. zum Markusevangelium: Papst Schenouda III., Der Schauer Gottes, Kap. 15.↑

  26. Euchologion, S. 266. Zum Psalm 50 in jeder Gebetszeit vgl. Papst Schenouda III., Das Leben der Danksagung, Vorwort (S. 6): „die gemeinsamen Gebete in der Agbia, z.B. Psalm 50“.↑

  27. Beispiel: Der heilige Justin zitiert Ps 96:10 (LXX 95) mit „der Herr ist Herrscher geworden vom Holze her!“ (Erste Apologie, Kap. 41). Lesart „vom Holze her“ nach altkirchlicher Überlieferung (Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Trypho, Kap. 73; Erste Apologie, Kap. 41); Einheitsübersetzung (1980): „Der Herr ist König“ (Ps 96:10).↑

  28. Augustinus, Ausgewählte Briefe, Brief 82,3 (an Hieronymus).↑

  29. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 104.↑

  30. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 46.↑

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