Thema 9 · Vortrag 1
Altersgerecht unterrichten und biblisch erzählen
Was Kinder und Jugendliche in jeder Stufe brauchen
19 Min. LesezeitKinder und Jugendliche unterrichten
Lernziele
- Die Merkmale von drei Altersstufen beschreiben und daraus Inhalte und Sprache einer Lektion ableiten.
- Eine biblische Geschichte nach den Erzählregeln erzählen – eine Geschichte pro Lektion; Schriftwort, Überlieferung und Deutung getrennt (Erzählprobe im Kurs).
Schlüsselbegriffe
Altersstufe · Methodik · Übergabe des Glaubens · Erzählregeln · Schriftwort · Überlieferung · Deutung · Heiligenleben · Synaxarium · Märtyrer
Bibelstellen
1. Kor 3:2a; 1. Kor 9:22a; 1. Kor 13:11; 1. Kor 6:19a; 1. Petr 3:15b; Mt 13:34; Ps 78:4; 1. Sam 1; Lk 19:1–10; Phil 2:7a; 1. Thess 2:7b; Joh 21:15b
Inhalt
Wer in einer Klasse mitarbeitet, merkt bald, dass dieselbe Stunde nicht für alle passt. Was Jugendliche der Oberstufe fesselt, überfordert Kinder im Kindergarten, und was Volksschulkinder begeistert, langweilt Dreizehnjährige. Paulus schrieb den Korinthern: „Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen“ (1. Kor 3:2a). Der Diener passt seine Sprache dem Alter der Kinder und Jugendlichen an und erzählt biblische Geschichten so, dass sie ihnen im Gedächtnis bleiben und lieb werden. Vorausgesetzt ist, was du in Thema 3 („Die Sonntagsschullektion“) über Ziel und Aufbau einer Lektion gelernt hast.
Warum altersgerecht unterrichten?
Papst Schenouda III. beginnt sein Buch über den Umgang mit Kindern mit einem Satz, der den ganzen Dienst in der Sonntagsschule begründet: „… das Kind ist die erste Zelle der Gesellschaft und der Kirche. Wenn wir es gewinnen, gewinnen wir eine ganze Generation, und wenn wir es verlieren, verlieren wir die Zukunft der Generation, in der wir leben, und folglich auch die nächsten Generationen.“1 Gewinnen kann man ein Kind nur, wenn man es versteht. Darum soll der Diener nicht von oben herab reden, sondern sich auf die Ebene des Kindes begeben, wie der Apostel: „Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen“ (1. Kor 9:22a). „Du musst also für das Kind zum Kind werden, damit du das Kind gewinnen kannst.“2
Mein Rat an einen Sonntagsschullehrer ist, den Unterricht dem Alter, der Mentalität, den Umständen und den Fähigkeiten der Kinder anzupassen, denen er dient.3
Schon der heilige Augustinus lehrte in seiner Schrift über den ersten katechetischen Unterricht, also die erste Unterweisung im Glauben, dass der Unterricht je nach den Zuhörern verschieden sein muss – anders vor wenigen als vor vielen, vor Gebildeten als vor Ungebildeten.4 Paulus beschreibt den Weg, den jeder Mensch geht: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war“ (1. Kor 13:11). Wer von einem Kind verlangt, wie ein Erwachsener zu denken, verlangt, was Gott ihm noch nicht gegeben hat.
Ein Lebensabschnitt, in dem Kinder oder Jugendliche ähnliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Fragen haben. Die Grenzen sind fließend: Jedes Kind entwickelt sich nach seiner Begabung, seinem Gemüt und seiner Erziehung schneller oder langsamer.
Auch Papst Schenouda III. betont, dass man zwischen den Stufen keine scharfen Linien ziehen kann; der Diener prüft jede Regel am einzelnen Kind.5 Sein Buch beschreibt aus eigener Erfahrung die frühe und die späte Kindheit. Was hier darüber hinaus zu den älteren Kindern und den Jugendlichen gesagt wird, ist Erfahrung aus dem Dienst der Kirche.
Die frühe Kindheit: Kindergarten und Vorschulalter
Bis zum Schuleintritt erfasst das Kind die Welt mehr mit den Sinnen als mit dem Verstand. Lange Erklärungen erreichen es nicht; auf seine Fragen antwortet man kurz, einfach und verständlich. „Der Einsatz von Audio- und visuellen Hilfsmitteln ist in diesem Alter am sinnvollsten, denn Kinder mögen Bilder mehr als Informationen.“6
Papst Schenouda III. fragte einmal ein Kind nach seiner Sonntagsschullektion. Es antwortete: „Die Lektion der Taube.“ Eine solche Lektion gab es nicht. Das Kind hatte ein Bild der Heiligen Familie bekommen, in dessen Ecke eine Taube zu sehen war – sie allein war ihm von der Stunde geblieben.7 Jedes Bild lehrt etwas; es soll das Ziel der Lektion tragen, nicht davon ablenken.
Weitere Merkmale dieser Stufe:
- Bewegung. Das kleine Kind ist ständig in Bewegung. Lieder mit Gesten, Aufstehen beim Antworten und kleine Aufgaben nehmen diese Kraft auf.
- Phantasie. Das Kind erzählt Ausgedachtes, als wäre es wahr. Das ist keine Lüge: „Sage ihm nicht, dass es wegen seiner Phantasie ein Lügner ist!“8 Der Erwachsene kann die Geschichte behutsam in eine gute Richtung lenken.
- Kurze Botschaften und Wiederholung. Das Kind kann einer langen Rede nicht folgen, liebt aber Sätze, die wiederkehren wie der Kehrvers eines Liedes; eine längere Geschichte erzählt man in Teilen.9
- Nachahmung. Das Kind ahmt nach, wie die Mutter sich in der Kirche bekreuzigt, kniet und dem Priester die Hand küsst.10 So lernt es auch vom Diener, wie man betet, still wird, wenn das Evangelium gelesen wird, und freundlich redet.
- Ein frisches Gedächtnis. „Wir lassen die Kinder das ‚Glaubensbekenntnis‘, das ‚Vaterunser‘ und andere Gebete auswendig lernen und überlassen das Verstehen den späteren Stufen der Reife.“11
- Das „Ich“. Das Kind will alles für sich, manchmal tut es das Gegenteil dessen, was man ihm sagt. Freundlichkeit und Geduld helfen mehr als ein Machtkampf.
Folgerungen für Inhalt und Sprache: kurze Sätze, bekannte Wörter, eine kurze Geschichte, viel Anschauung, Lieder mit Bewegung, Gebet mit Gesten. Gott zeigt man dem Kind als den, der es liebt und für es sorgt – nie als den, der darauf wartet, es zu strafen.
Die späte Kindheit: die Volksschule
Die zweite Stufe umfasst nach Papst Schenouda III. etwa die Grundschulzeit, also die Volksschule (erste bis vierte Schulstufe). Das Kind beginnt zwischen Eigenem und Fremdem zu unterscheiden und kann ein Unrecht auch bewusst verbergen. In der Schule prägen es Lehrer und Mitschüler. Darum soll der Diener mit ihm vertraut werden, damit es ohne Angst erzählt, was es erlebt.12
In dieser Stufe nimmt das Kind den Glauben bereitwillig an: „Dies ist der richtige Zeitpunkt, um den Glauben einzupflanzen, aber durch Übergabe und nicht durch Erklärung und Erziehung.“13
Übergabe des Glaubens heißt: Das Kind lernt das Kreuzzeichen „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ und das Glaubensbekenntnis, ohne dass man ihm die Dreifaltigkeit mit gelehrten Begriffen erklären müsste; eine solche Erklärung würde es nur verwirren. Das Verstehen wächst später auf dem Boden dessen, was es empfangen hat.
Das Kind ist für Gott offen. Jetzt kann man ihm Gottes Liebe und Fürsorge zeigen, die in allem Guten um uns sichtbar wird, und seine Macht und Allgegenwart: Wenn schon der irdische Vater viel für sein Kind tun kann, wie viel mehr der himmlische.14 Das Kind liebt jetzt lange Geschichten und die Wunder der Schrift – die Brotvermehrung, die Heilung des Blindgeborenen, den Durchzug durch das Rote Meer: „Es sind wahre historische Geschichten, die viel besser sind als die Märchen der Welt, die von Hexerei und Zauberteppichen handeln.“15
In diesen Jahren bekommen die Kinder einen Sinn für Ursache und Wirkung und für Gerechtigkeit; es erwacht Mitgefühl mit Schwächeren, und beim Hören biblischer Geschichten fragen sie nach Gottes Plan für die Welt. Darum kann man ihnen jetzt die großen Geschichten des Alten Testaments im Zusammenhang erzählen, das Leben Jesu und Heiligenleben, also Geschichten aus dem Leben der Heiligen; Ausmalen, Basteln und Lieder begleiten die Lektion.
Auch Leid und Tod bleiben Kindern nicht immer erspart. Man prägt ihnen dann das Bild Christi ein, der unschuldig war und das Leiden annahm – doch sein Tod war nicht das Ende, denn er ist auferstanden. Wie sehr die Worte zählen, zeigt ein Erlebnis aus der Zeit, bevor Papst Schenouda III. Mönch wurde: Einem Kind, dessen Vater gestorben war, sagte man: „Gott hat ihn geholt“ – und es war lange wütend auf Gott. Besser wäre gewesen: „Dein Vater ist in den Himmel gekommen.“16 So spricht die Kirche in Hoffnung und Zuversicht von ihren Verstorbenen und betet für sie. Die Gerechten ruhen nach dem Tod im Paradies und erwarten die Auferstehung.17
Die Unterstufe: zwischen Kindheit und Jugend
In der Unterstufe (fünfte bis achte Schulstufe, etwa zehn bis vierzehn Jahre) beginnt der Übergang zur Jugend. Papst Schenouda III. unterrichtete selbst eine Klasse dieses Alters und hielt es für besonders geeignet, Grundsätze im Herzen zu verankern.18 Die Kinder sind jetzt stark von ihrer Familie geprägt und weniger offen als früher; Eifersucht und Konkurrenzdenken haben oft Spuren hinterlassen. Der Diener bevorzugt deshalb niemanden und würdigt jedes Kind. Hört ein Kind zu Hause anderes über den Glauben als in der Sonntagsschule, greift der Diener die Eltern nie an, sondern knüpft an das Wahre in dem Gesagten an und erklärt freundlich die Lehre der Kirche.
Das Denken wird klarer, und mit ihm kommen erste Zweifel. Viele trennen das Wissen der Schule vom Wissen der Kirche, als hätten beide nichts miteinander zu tun. Der Diener hilft ihnen, Glauben und Leben als ein Ganzes zu sehen, und knüpft an ihre Erfahrungen und ihre Neugier an. Ihr Bibelwissen ist oft lückenhaft: Ein paar oft gehörte Geschichten geben ihnen das Gefühl, die Bibel zu kennen. Jetzt ist die Zeit, sie im Nachschlagen der Bibel zu üben. Für dieses Alter braucht es Diener mit theologischer Reife, die Schwieriges einfach und kurz sagen können.
Gegen Ende der Unterstufe beginnt bei den meisten die Jugendzeit, bei manchen früher, bei anderen später. Der Körper verändert sich rasch; viele sind unsicher und unzufrieden mit sich selbst, mit der Familie und mit dem eigenen Aussehen. Diese Veränderungen können schmerzhaft sein und gehören zum Heranwachsen. Der Diener nimmt die Jugendlichen ernst und spricht nicht mehr mit ihnen wie mit kleinen Kindern.
Jungen und Mädchen werden in diesen Jahren einander gegenüber befangen und urteilen oft streng übereinander. Darum sagt der Diener nie etwas über den Körper oder das Aussehen eines Kindes, auch nicht im Scherz, und duldet keinen Spott in der Klasse. Was Papst Schenouda III. von allen Kindern sagt, ist in diesem Alter besonders zu beachten: „Ein Kind ist sehr auf seine Würde bedacht und mag es nicht, wenn es wegen seiner Fehler gedemütigt wird.“19 Wer sich sorgt, weil er schneller oder langsamer wächst als die anderen, hört vom Diener: Gott hat deinen Leib geschaffen, und jeder wächst zu seiner Zeit.
Die Oberstufe: Jugendliche mit eigenen Fragen
In der Oberstufe (neunte bis zwölfte oder dreizehnte Schulstufe, bis zur Matura) stellen Jugendliche eigene Fragen: Warum lässt Gott das Leid zu? Was kommt nach dem Tod? Ist der Glaube meiner Eltern auch mein Glaube? Der Glaube soll jetzt ihr eigener werden. Darum erschließt die Kirche ihnen den Glauben so, dass sie ihn aus freier Entscheidung bewusst bejahen können. Jugendliche brauchen Geborgenheit in Freiheit, ein Bild davon, was Heiligkeit und Treue bedeuten, und eine Kirche, in der sie Vergebung und Verständnis finden, wenn sie etwas falsch gemacht haben.
Zu ihrer eigenen Erfahrung wird der Glaube, wenn sie frei darüber reden dürfen, in der Kirche mitarbeiten und Freundschaft erleben. Zugleich brauchen sie Wissen, mit dem sie selbst denken und urteilen können. Darum baut man den Unterricht um Fragen, die sie wirklich bewegen. Die Schrift ermutigt dazu: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1. Petr 3:15b). Wer eine Antwort nicht weiß, sagt das ehrlich und sucht sie bis zum nächsten Mal. Der Diener gewinnt das Vertrauen der Jugendlichen mit Verständnis und echtem Interesse und bleibt doch fest in seiner Überzeugung.
Jugendliche wissen heute aus Schule, Freundeskreis und Internet früh viel über Sexualität, ohne es schon einordnen zu können. Fragen sie danach, erschrickt der Diener nicht. Er antwortet ruhig, kurz und nach der Lehre der Kirche: Der Leib ist „ein Tempel des Heiligen Geistes“ (1. Kor 6:19a), und seine Triebe sind nichts Böses. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt von den Trieben und Regungen des Leibes: „sie sind die Schöpfung des guten Gottes, der die Menschen liebt, und alles, was er schafft, ist gut. Gerade die Regungen, die deine Beziehung zum Herrn zerstören, sind dieselben, die dir auf dem Weg des Herrn helfen – wenn du sie in die Hände des Heiligen Geistes legst“.20 Reinheit ist darum kein bloßes Verbot, sondern „eine positive Tugend“.21 Vor der Klasse geht der Diener nicht ins Einzelne; bei persönlichen Fragen verweist er behutsam auf die Eltern und den Beichtvater. Immer gilt die Haltung von Nähe und Distanz aus Thema 2 („Vorbild, Verhalten und Schutz“): kein falsches Wort, keine falsche Berührung, Achtung vor jedem Jugendlichen. Ausführlicher behandelt Thema 46 („Christliche Lebensführung“) Leib, Reinheit und Sexualität.
| Stufe | Was sie prägt | Inhalte | Sprache |
|---|---|---|---|
| Kindergarten (bis etwa 6) | Sinne, Bewegung, Phantasie, Nachahmung, frisches Gedächtnis | eine kurze Geschichte, Lieder, Gebet mit Gesten, Vaterunser | kurze Sätze, Bilder, Wiederholung |
| Volksschule (etwa 6–10) | Unterscheiden, Gerechtigkeit, Offenheit für Gott, Liebe zu Geschichten | Bibelgeschichten im Zusammenhang, Wunder, Heiligenleben, Glaubensbekenntnis | anschaulich, erzählend, mit Fragen |
| Unterstufe (etwa 10–14) | Prägung durch die Familie, erste Zweifel, Umbruch der Jugendzeit, Befangenheit wegen des eigenen Körpers | Bibel selbst nachschlagen, Glaube und Alltag, Vorbilder | ernsthaft, nicht kindlich, Fragen zulassen |
| Oberstufe (etwa 14–18) | eigene Fragen, Freiheit, Suche nach Sinn | Fragen nach Leid, Tod und Glauben; Leib und Reinheit; Kirche, Beichte, Mitarbeit | Gespräch, begründete Antworten, Ehrlichkeit |
Die Stufen beschreiben, was für viele Kinder eines Alters gilt. Jede Gruppe ist aber gemischt. In kleinen Gemeinden lernen oft Kinder verschiedenen Alters zusammen; manche Kinder sprechen noch wenig Deutsch, lesen langsamer, können sich schwer konzentrieren, haben Lernschwierigkeiten oder eine Behinderung. Der Diener plant darum für die ganze Gruppe und schaut auf jedes Kind: ein kurzer Text, ein Bild, Arbeit zu zweit, ein Wechsel zwischen Sitzen und Bewegung, ein ruhiger Platz. Was einem Kind hilft, fragt er seine Eltern; sie kennen es am besten.
Biblisch erzählen
Jesus selbst lehrte in Geschichten: „Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge durch Gleichnisse; er redete nur in Gleichnissen zu ihnen“ (Mt 13:34). Israel gab seinen Glauben weiter, indem es erzählte: „das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen, sondern dem kommenden Geschlecht erzählen: die ruhmreichen Taten und die Stärke des Herrn, die Wunder, die er getan hat“ (Ps 78:4). Papst Schenouda III. sagt es für die Sonntagsschule so: „Wenn ein Kind in die Sonntagsschule geht und keine Geschichte hört, ist das so, als hätte es keine Lehre erhalten.“22 Darum braucht der Diener einen großen Vorrat an Geschichten: aus der Heiligen Schrift, aus dem Leben der Heiligen, aus der Geschichte der Kirche, aber auch ausgedachte Geschichten mit einem guten Ziel.23
Die Erzählregeln. (1) Eine Geschichte pro Lektion – und sie passt zum Ziel. (2) Die Geschichte als Geschichte erzählen, ohne viele Kommentare. (3) Schriftwort, Überlieferung und Deutung getrennt halten. (4) Die Phantasie lenken, ohne sie einzuengen. (5) Der Altersstufe entsprechend erzählen – kurz und wiederholend für die Kleinen, mit Zusammenhängen und Fragen für die Größeren.
Eine Geschichte pro Lektion
In einer Lektion verwendet der Diener nicht mehr als eine Geschichte, und diese muss zum Thema passen; mehrere Geschichten schwächen die Wirkung. Wer über das Gebet spricht und nacheinander von Mose, Hanna und Paulus erzählt, erschwert es den Kindern, sich die einzelnen Geschichten zu merken. Wer nur von Hanna erzählt (1. Sam 1), hilft ihnen, diese Geschichte zu behalten. Davon zu unterscheiden ist das Beispiel: ein kurzes Bild aus dem Alltag der Kinder, das die Geschichte verdeutlicht. Davon darf es mehrere geben, solange sie kurz bleiben.
Erzählen, nicht erklären
Eine Geschichte wirkt, wenn sie als Geschichte erzählt wird – mit Anfang, Spannung und Ende –, nicht wenn Erklärungen sie bei jedem Satz unterbrechen. Der heilige Augustinus rät, das Bemerkenswerte mit Muße zu entfalten und das Übrige rasch dazwischen einzufügen, damit der Zuhörer beim Wichtigsten nicht schon ermüdet ist.24 Den Sinn der Ereignisse soll man durchaus zeigen, aber so, dass die Erzählung nicht verloren geht:
Lassen wir uns indes auf die Darlegung der Gründe nicht so ein, dass Herz und Mund den Faden der Erzählung verlieren und sich in verwickelte und schwierige Untersuchungen verirren; unsere wahrheitsgetreue Darstellung sei gleichsam nur die Goldfassung, welche die Perlenreihe zusammenhält, die aber nicht durch Überladung die Schmuckkette irgendwie stört.25
Gut erzählen heißt: die Geschichte vorher mehrmals lesen, bis man sie frei erzählen kann; die Reden der Personen so wiedergeben, wie die Schrift sie überliefert; lebendig sprechen, mit Pausen vor dem Wichtigen; die Kinder mit kleinen Fragen mitnehmen, statt am Ende eine lange Predigt zu halten. Die Phantasie lenkt der Diener, ohne sie einzuengen. Er sagt, worauf es ankommt – Zachäus ist klein, die Menge versperrt ihm die Sicht –, statt jede Einzelheit auszumalen. Bilder helfen den Kleinen, wie Papst Schenouda III. sagt; zu viele Abbildungen können aber ihre weite Vorstellungskraft auch einengen.
Schriftwort, Überlieferung und Deutung trennen
Wer biblisch erzählt, unterscheidet drei Ebenen:
Schriftwort ist das, was die Heilige Schrift selbst berichtet. Der Diener erzählt es lebendig, dichtet aber keine Ereignisse, Gedanken oder Worte hinzu, die er dann als Inhalt der Bibel ausgibt. Was eine Person in der Schrift sagt, gibt er möglichst wörtlich wieder.
Überlieferung ist die Weitergabe des Glaubens in der Kirche; in ihr wird auch die Heilige Schrift empfangen und ausgelegt.26 Beim Erzählen kennzeichnet der Diener Berichte, die über den Bibeltext hinausgehen, etwa die Lebensgeschichten der Heiligen im Synaxarium, dem Buch der Heiligen der koptischen Kirche: „Die Kirche erzählt …“, „Nach der Überlieferung …“.
Deutung ist das, was die Geschichte für uns bedeutet – das Ziel der Lektion. Sie steht nach der Erzählung, kurz und klar, oder die Kinder entdecken sie durch Fragen. Sie folgt dem Verständnis der Kirche, nicht einem Einfall des Augenblicks.
Ausgedachte Geschichten mit gutem Ziel sind eine eigene Gattung; die Kinder sollen merken, dass sie erfunden sind.
Zachäus (Lk 19:1–10). Schriftwort: Zachäus ist der oberste Zollpächter von Jericho und sehr reich; er ist klein und steigt auf einen Maulbeerfeigenbaum; Jesus ruft ihn beim Namen und kehrt bei ihm ein; die Leute empören sich; Zachäus gibt die Hälfte seines Vermögens den Armen und erstattet vierfach zurück. Diese Schritte erzählt der Diener so, wie Lukas sie berichtet. Nicht hinzudichten: etwa, Zachäus habe an diesem Morgen schon beschlossen, sich zu ändern – davon sagt die Schrift nichts. Deutung am Ende: „… der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19:10). Für die Volksschule genügt: Jesus kennt deinen Namen, und er kommt gern zu dir.
Heiligenleben und Märtyrergeschichten
Heiligenleben zeigen, dass Menschen wie wir das Evangelium gelebt haben. Der Diener erzählt eine Episode, nicht die ganze Lebensgeschichte, und hält sich an das Synaxarium und die Lebensbeschreibungen der Väter.
Erzählungen von den Leiden und Qualen der Märtyrer sind für Kinder nach Papst Schenouda III. völlig unpassend; sie sollen die Nachfolge Christi nicht mit Angst verbinden. „Wir müssen die Angst von ihm fernhalten. Aber wir können ihm vom Mut der Märtyrer erzählen und davon, wie sie den Drohungen der Machthaber furchtlos begegneten.“27 Erzählt werden ihr Lobgesang, ihr Mut im Gefängnis, die Kraft Gottes, die sie stärkte, die Wunder und ihre Fürsprache für uns. Erst wenn die Kinder reifer sind, sagt man ihnen, wie viel die Märtyrer aus Liebe zum Herrn ertragen haben.28
Der heilige Georg in der Volksschule. Nach dem Synaxarium war Georg ein hoher Offizier am Hof Kaiser Diokletians. Als der Kaiser ein Edikt, einen Erlass zur Verfolgung der Christen, herausgab, ließ Georg seine Sklaven frei, verteilte sein Geld, zerriss das Edikt und bekannte vor dem Kaiser seinen Glauben. Er blieb Christus treu und gab schließlich sein Leben für ihn.29 Diese Züge – Mut, Bekenntnis, Treue bis zum Ende – erzählt der Diener am Fest des Heiligen und schließt mit seiner Fürsprache: „Heute betet er für uns.“ Die Folterungen, die das Synaxarium ebenfalls berichtet, lässt er bei kleinen Kindern weg. Und er sagt dazu: „So erzählt es die Überlieferung unserer Kirche.“
Die Freude des Lehrenden
Altersgerecht lehren kostet Mühe: Man muss sich klein machen und Einfaches oft wiederholen. Der heilige Augustinus kannte diese Versuchung zur Verdrossenheit und zeigte den Weg aus ihr: auf Christus schauen, von dem Paulus sagt: „er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“ (Phil 2:7a) – und auf den Apostel, der ihm darin folgte:
… ist er [Paulus] klein geworden unter uns, wie eine Amme, die ihrer Kinder wartet. Ist es etwa ein Vergnügen, abgebrochene und verstümmelte Worte vorzulallen, wenn nicht die Liebe dazu einlädt?30
Paulus selbst schreibt: „wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt“ (1. Thess 2:7b). Der ewige Sohn Gottes ist Mensch geworden, ohne aufzuhören, Gott zu sein, um uns nahe zu sein; der Diener, der sich zum Kind hinabbeugt, folgt diesem Weg. Augustinus verspricht ihm dafür eine Freude: Wenn wir uns „in Bruder-, Vater- und Mutterliebe zu ihnen herablassen, und wenn wir so mit ihrem Herzen verbunden sind, dann werden auch uns diese Dinge wieder neu erscheinen“.31
Die Erzählprobe
Im Kurs erprobst du die Erzählregeln in einer Erzählprobe. In kleinen Gruppen erzählt jeder eine biblische Geschichte für eine genannte Altersstufe, etwa fünf Minuten lang. Die anderen hören zu, als wären sie Kinder dieses Alters, und geben dir mit dem Rückmeldebogen im Arbeitsheft eine freundliche Rückmeldung nach den Erzählregeln.
Für den Dienst
- Kenne deine Klasse. Frage dich vor jeder Vorbereitung: Was können die Kinder in diesem Alter verstehen, und was brauchen sie? Sprich mit dem erfahrenen Diener, der die Klasse leitet, über die Kinder.
- Wähle zuerst das Ziel, dann die eine Geschichte. Lies sie in der Kursbibel mindestens dreimal und erzähle sie vorher laut.
- Markiere beim Vorbereiten, was Schriftwort, was Überlieferung und was Deutung ist, und halte die Deutung für das Ende zurück.
- Lege dir einen Geschichtenvorrat an: biblische Geschichten, die du frei erzählen kannst, Episoden aus dem Synaxarium zu den Festen des Jahres und gute Beispiele aus dem Alltag der Kinder.
- Bete für die Kinder, denen du erzählst. Nicht deine Kunst, sondern Gott öffnet ihr Herz; der Herr hat Petrus aufgetragen: „Weide meine Lämmer!“ (Joh 21:15b).
Das Wichtigste in Kürze
- Altersgerecht unterrichten heißt, wie Paulus Milch statt fester Speise zu geben und für das Kind zum Kind zu werden; die Grenzen der Stufen sind fließend.
- In der frühen Kindheit lernen Kinder durch ihre Sinne, Bewegung, Nachahmung und Wiederholung; ihre Phantasie ist keine Lüge, und sie können sich vieles gut merken.
- In der Volksschule nimmt das Kind den Glauben bereitwillig an – „durch Übergabe und nicht durch Erklärung“; es liebt Geschichten und hat Sinn für Gerechtigkeit und Gottes Plan.
- In der Unterstufe beginnen Zweifel und Umbrüche; der Diener verbindet Glauben und Alltag, übt den Gebrauch der Bibel und sagt nie etwas über Körper und Aussehen.
- In der Oberstufe soll der Glaube der eigene werden; die Jugendlichen brauchen Geborgenheit in Freiheit, ehrliche Antworten und Vergebung, auf Fragen zur Sexualität eine ruhige, kurze Antwort nach der Lehre der Kirche.
- Die Erzählregeln: eine Geschichte pro Lektion; erzählen statt erklären; Schriftwort, Überlieferung und Deutung getrennt; die Phantasie lenken; altersgerecht erzählen.
- Märtyrergeschichten erzählen Kindern vom Mut, vom Lobpreis, von Gottes Kraft und von der Fürsprache der Heiligen, nicht von der Folter.
- Die Freude des Lehrenden kommt aus der Liebe, die sich wie Christus und sein Apostel zu den Kleinen hinabbeugt.
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III.: Wie man mit den Kindern umgeht, ganz (S. 9–58), besonders „Der richtige Unterricht“ (S. 50–52), „Die Geschichten“ (S. 54–55) und „Wie man die Geschichten von Märtyrern erzählt“ (S. 55–57).
- Augustinus: Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 1–15.
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1223–1228: Reinheit, Leib und Triebe.
- Synaxarium, die Lebensgeschichten der Heiligen zu den Festen deiner Klasse, z. B. 23. Baramuda (der heilige Georg), S. 408–410.
Anmerkungen
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einführung“ (S. 9).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Dich auf sein Niveau herablassen“ (S. 13).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Der richtige Unterricht“ (S. 50).↑
Vgl. Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 15,23.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Die Beziehung zwischen den beiden Stufen“ (S. 46).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Die Bedeutung seiner Sinne“ (S. 16).↑
Vgl. ebd.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Vorstellungskraft“ (S. 24).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Hasst Verlängerung und liebt Wiederholungen“ (S. 25–26).↑
Vgl. ebd., S. 26–28.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Erinnerungsvermögen“ (S. 40).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitte „Differenz“ und „Breitere Gesellschaft“ (S. 47–48).↑
Ebd., S. 50.↑
Vgl. ebd., S. 52–53.↑
Ebd., Abschnitt „Das Kind ist gläubig“ (S. 54).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36–37).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Der richtige Unterricht“ (S. 51).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Lob und Ermutigung“ (S. 35).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1227.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1223.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Die Geschichten“ (S. 54).↑
Vgl. ebd., S. 54–55.↑
Vgl. Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 3,5.↑
Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 6,10.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 61 und Fr. 65.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Wie man die Geschichten von Märtyrern erzählt“ (S. 55).↑
Vgl. ebd., S. 55–57.↑
Vgl. Synaxarium, 23. Baramuda, Das Martyrium des heiligen Georg, des Großen unter den Märtyrern, S. 408–409.↑
Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 10,15. Augustinus bezieht sich auf 1. Thess 2:7. Amme: eine Frau, die ein fremdes Kind nährt und pflegt.↑
Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 12,17.↑