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Thema 10 · Vortrag 1

Die Bibel studieren und im Dienst gebrauchen

Ziele, Haltung und Methoden des Bibelstudiums

19 Min. LesezeitDie Schrift lesen und auslegen

Lernziele

  1. Drei Methoden des Bibelstudiums an einem Text anwenden.
  2. Ein Personenstudium in fünf Schritten an einer biblischen Gestalt durchführen.
  3. Mit dem heiligen Athanasius erklären, warum das Verständnis der Schrift einen reinen Lebenswandel braucht.

Schlüsselbegriffe

Bibelstudium · Warum-Methode · Was-wäre-wenn-Fragen · Personenstudium · Gleichnis · Kirchenväter

Bibelstellen

Joh 5:39; Lk 6:40; Jak 1:22; Joh 15:3; Ps 119:18; Apg 8:30⁠–⁠31; Jos 2:1⁠–⁠21; Lk 15:11⁠–⁠32; Ps 37:25; Mt 7:7⁠–⁠8; Joh 1:29; Lk 18:9⁠–⁠14; Ps 51:19; Neh 8:8; Dtn 6:6⁠–⁠7; 1. Petr 3:15

Inhalt

Wer Kindern die Bibel erklären will, muss sie zuerst selbst lesen, immer wieder, mit Ehrfurcht und mit der Kirche. Dazu braucht der Diener eine Haltung und ein einfaches Handwerkszeug: einige Fragemethoden und das Personenstudium in fünf Schritten. Und er muss wissen, wie er die Bibel mit den Kindern aufschlägt und was er tut, wenn er eine Antwort nicht weiß.

Warum ein Diener die Bibel studiert

Ziele des Bibelstudiums

Der Herr selbst fordert dazu auf, die Schrift gründlich zu lesen: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab“ (Joh 5:39). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erklärt dieses Wort so: „Es genügt nicht, sich damit zu rühmen, die Bücher zu besitzen und sie zu lesen; ihr müsst sie eifrig erforschen, um euer Heil und das ewige Leben zu erlangen, denn alles in ihnen kreist um mein Kommen zu euch.“1

Wer so liest, lernt Gott kennen und versteht seinen Heilsplan, der in Christus sein Ziel hat. Er findet Trost und Rat und wächst in der Beziehung zu Gott; wer jemanden kennen will, muss hören, was er sagt. Zugleich ist die Schrift ein Spiegel, an dem er sein Leben prüft. Darum ist Bibelstudium mehr als Bibelkunde.

Begriff
Bibelstudium

Bibelstudium ist das aufmerksame, betende und wiederholte Lesen eines Abschnitts mit dem Ziel, Gottes Wort zu verstehen und danach zu leben.

Die Bibel im Dienst

Für den Diener kommt ein zweites Ziel hinzu. Er soll seinen Kindern helfen, Christus ähnlicher zu werden, und wächst dabei selbst mit ihnen. Dazu gehört, das Leben Jesu zu kennen und danach zu handeln: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst“ (Jak 1:22). Dazu gehört auch die Reinigung des Herzens durch das Wort: „Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe“ (Joh 15:3). Die Kinder sollen außerdem ihren Glauben kennen, in der Bibel zu Hause sein und als Licht unter ihren Mitmenschen leben. Darin geschieht, was die Kirche Überlieferung nennt. Das Wort bedeutet, „etwas Kostbares weiterzugeben. Eine Generation gibt den Glauben weiter, die nächste empfängt ihn“.2

Das alles setzt voraus, dass der Diener selbst liest. Der Herr sagt: „Der Jünger steht nicht über seinem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein“ (Lk 6:40). Du kannst nicht erwarten, dass sich deine Kinder in der Bibel auskennen, wenn du selbst es nicht tust. Der heilige Hieronymus schrieb an einen jungen Priester:

Aus den Vätern

Lies fleißig in der Hl. Schrift, nie sollen Deine Hände die heilige Lesung beiseite legen! Was Du lehren willst, lerne zuvor selbst! […] Handlung und Wort sollen zueinander nicht in Gegensatz treten.3

– Hl. Hieronymus, Briefe, Brief 52,7 (an Nepotian)

Ehrfurcht vor dem Wort

Äußere und innere Ehrfurcht

Die Bibel ist das Wort Gottes, das die Kirche durch die Überlieferung empfangen hat und bewahrt; davon handelt Thema 5 („Die Heilige Schrift“). Darum begegnen wir ihr mit Ehrfurcht. In der Göttlichen Liturgie zeigt die Kirche das sichtbar. Papst Schenouda III. erklärt: „… brennen Kerzen, wenn wir in der Kirche das Evangelium lesen, als Zeichen für das leuchtende Wort Gottes.“4 Diese Ehrfurcht setzt sich im Alltag fort: Wir lesen in würdiger Haltung, legen nichts auf die Bibel und sprechen über die biblischen Gestalten mit Achtung, auch dort, wo die Schrift ihre Fehler offen erzählt.

Wichtiger noch ist die innere Haltung. Der Katechismus nennt fünf Wege, wie wir uns an den Geheimnissen der Bibel erfreuen können: Lies die Bibel mit Liebe; lies sie und bitte dabei um Gottes Gnade; lege die Liebe zur Welt ab, die die Seele für die Wahrheit blind macht; lies sie in Demut; lies sie im Geist des Lobpreises.5 Ein gutes Gebet vor dem Lesen steht im Psalm: „Öffne mir die Augen für das Wunderbare an deiner Weisung!“ (Ps 119:18; LXX 118).

Demut ist dabei entscheidend. Wer viel über die Bibel weiß, ist in Gefahr, sich über andere zu stellen. Papst Schenouda III. beschreibt einen jungen Sonntagsschullehrer, der zu Hause alle belehrt, und sagt über ihn: „Seine Kenntnis von Gottes Wort führt ihn anstatt zur Demut zur Strenge.“6 Das Wort Gottes soll uns sanfter machen, nicht härter.

Warum das Verständnis einen reinen Lebenswandel braucht

Am Ende seiner Schrift über die Menschwerdung des Logos, also des ewigen Wortes Gottes, lädt der heilige Athanasius der Apostolische seinen Leser ein, sich selbst mit den biblischen Schriften zu befassen. Dann sagt er, was dafür nötig ist:

Aus den Vätern

Aber zum Studium und wahren Verständnis der Schriften hin bedarf es noch eines guten Lebenswandels, eines reinen Herzens und der christlichen Tugend, damit der Geist auf diesem Weg erlangen und erfassen kann, wonach er strebt, soweit überhaupt der Menschennatur ein Wissen über Gott den Logos erreichbar ist. Denn ohne reinen Sinn und Nachahmung des Lebens der Heiligen kann wohl niemand die Sprache der Heiligen verstehen.7

– Hl. Athanasius der Apostolische, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 57

Athanasius begründet das mit drei Gedanken:

  1. Die Schrift ist die Sprache der Heiligen. Wer verstehen will, was Gott den Heiligen geoffenbart hat, muss ihnen im Leben ähnlich werden und „durch gleichartige Handlungen den Heiligen selbst nahekommen“.
  2. Das Bild vom Auge. Wer das Licht der Sonne sehen will, wischt zuerst sein Auge ab und reinigt es. Ebenso muss der, der die Gedanken der Schrift verstehen will, „seine Seele im Leben zuvor abwaschen und reinigen“. Ein Herz voller Sünde ist wie ein trübes Auge.
  3. Das Ziel ist das Heil. Wir lesen nicht, um mehr zu wissen, sondern um mit den Heiligen verbunden zu werden und das zu erlangen, „was den Heiligen im Himmelreich hinterlegt ist“.8
Merksatz

Die Schrift wird mit dem Herzen verstanden, nicht nur mit dem Verstand. Wer rein lebt, betet und den Heiligen nachfolgt, dem öffnet sich ihr Sinn; Umkehr und Bibelstudium gehören zusammen.

Mit der Kirche lesen

Der Kämmerer aus Äthiopien, ein hoher Hofbeamter, las im Wagen den Propheten Jesaja. Philippus fragte ihn: „Verstehst du auch, was du liest?“ Der Kämmerer antwortete: „Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg 8:30⁠–⁠31). Der heilige Hieronymus folgert daraus, „dass Du ohne Führer und Wegweiser beim Studium der Hl. Schrift den richtigen Pfad nicht finden kannst“.9 Unsere Führer sind die Kirchenväter, also die heiligen Lehrer der frühen Kirche, die Lehre der Kirche, wie sie im Katechismus und in den Büchern unserer Päpste steht, und unsere Priester. Papst Schenouda III. mahnt: Wenn jemand lehrt, dann „muss das einen Beweis aus der Heiligen Schrift haben und durch Erläuterungen nach der Lehre der Kirche bestätigt sein“.10 Wer eine Stunde vorbereitet, liest darum zuerst, was die Väter zum Abschnitt sagen; Erklärungen unbekannter Herkunft übernimmt er nicht ungeprüft.

Dafür muss niemand alle Väter selbst durcharbeiten. Schon der heilige Athanasius schreibt, neben der Schrift gebe es „auch viele Kommentare, die unsere seligen Lehrer dazu verfasst haben“.11 Eine gute Hilfe sind heute die Bibelkommentare von Abuna Tadros Y. Malaty. Sie geben die Auslegung der Väter verständlich wieder; eine seiner Reihen schrieb er ausdrücklich für Laien und besonders für junge Leute. Auf Deutsch liegen unter anderem die Bände zu Habakuk, zu Haggai und zur Offenbarung vor.12

Methoden des Bibelstudiums

Wozu Methoden?

Wer einen Abschnitt nur überfliegt, nimmt wenig mit. Eine Methode lässt dich langsamer lesen, den Text mehrmals durchgehen und Fragen stellen. So bleibt mehr hängen, und du entdeckst, was der Text für dein Leben sagt. Papst Schenouda III. schreibt: „Es wäre schön, wenn wir die Schrift mit intensiver Besinnung lesen würden, damit wir in ihr vergrabene Schätze erkennen.“ Er mahnt: „Wir sollten aber das oberflächliche Lesen vermeiden, das nur auf die Blumen und nicht auf die vergrabenen Schätze achtet und sich danach richtet.“13 Das kostet Mühe, aber sie lohnt sich:

Aus den Vätern

Dem Gebete widme dich ohne Unterlass; bitte um größere Einsicht, als du hast. […] Wo größere Mühe, ist reicher Lohn.14

– Hl. Ignatius von Antiochien, An Polykarp, Kap. 1,3

Der heilige Ignatius schreibt das einem Bischof über seinen Hirtendienst; es gilt auch für den Diener, der sich die Mühe des Bibelstudiums macht. Die folgenden fünf Methoden sind Denkanstöße; du kannst sie wechseln und verbinden.

1. Ein Titel und ein Vers

Bei der einfachsten Methode gibst du einem Kapitel oder seinen Abschnitten einen eigenen kurzen Titel. Dann wählst du einen Vers aus, der die Botschaft trägt, und lernst ihn auswendig. Übernimm nicht einfach die Überschriften deiner Bibelausgabe, sondern formuliere selbst. Für Johannes 1 könnte der Titel lauten: „Das Wort ist Fleisch geworden“; als Vers bietet sich an: „Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1:29). So prägst du dir den Hauptgedanken ein und sammelst nach und nach einen Schatz an Versen, die du im Gespräch zur Hand hast.

2. Die Warum-Methode

Die Warum-Methode eignet sich besonders für Erzählungen. Du stellst dir zu einem Kapitel drei bis fünf Warum-Fragen und suchst die Antworten im Text, im Zusammenhang und bei den Vätern. So verstehst du, wie die Ereignisse zusammenhängen. Du stellst dir die Geschichte lebendig vor, liest sie mehrmals und kannst in der Gruppe gut darüber sprechen.

Beispiel

Rahab und die Kundschafter (Jos 2). Josua schickt zwei Kundschafter nach Jericho; sie kommen in das Haus der Rahab, die sie versteckt und rettet.

  • Warum nahm Rahab die Fremden auf? Sie hatte gehört, was Gott für sein Volk getan hatte, und bekannte: „der Herr, euer Gott, ist Gott droben im Himmel und hier unten auf der Erde“ (Jos 2:11).
  • Warum gebraucht Gott eine Frau, die gesündigt hatte? Gott weist keinen Sünder ab, der zu ihm umkehrt. Rahab wurde wegen ihres Glaubens gerettet (Hebr 11:31) und gehört zu den Vorfahren Jesu (Mt 1:5).
  • Warum gerade eine purpurrote Schnur am Fenster (Jos 2:18)? Sie war ein Zeichen, das man von außen sehen konnte. Der heilige Hieronymus sieht tiefer: Rahab „hat als Vorbild der Kirche jene rote Schnur, die geheimnisvoll das Blut Christi versinnbildet, herausgehängt, um ihr Haus beim Untergange Jerichos zu retten“.15

3. Was-wäre-wenn-Fragen

Die Warum-Methode sucht Gründe und Ziele. Was-wäre-wenn-Fragen suchen Alternativen: Du stellst dir vor, ein Teil der Geschichte wäre anders verlaufen, und fragst, warum er doch so geschehen ist. So vergleichst du Möglichkeiten mit dem, was tatsächlich geschah, und entdeckst Gedanken, die beim ersten Lesen verborgen bleiben. Die Antwort auf eine solche Frage ist nur eine Vermutung. Du sagst das auch so und erfindest nichts zur Geschichte hinzu; am Ende steht immer der Vers, der zeigt, was wirklich geschah.

Beispiel

Der barmherzige Vater (Lk 15:11⁠–⁠32).

  • Was wäre, wenn dem Sohn das Geld nie ausgegangen wäre? Er wäre wohl nicht zurückgekehrt. Erst in der Not „ging er in sich“ (Lk 15:17). Manchmal führt gerade eine schwere Zeit den Menschen zu Gott zurück.
  • Was wäre, wenn der Vater im Haus gewartet hätte? Vielleicht hätte sich der Sohn nicht hineingewagt. Aber der Vater „lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15:20) – so groß ist Gottes Liebe zum Sünder, der umkehrt.
  • Was wäre, wenn der ältere Bruder sich mitgefreut hätte? Der Text erzählt es anders: Er wollte nicht hineingehen. „Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu“ (Lk 15:28b). Gott geht auch dem nach, der sich für gerecht hält.

4. Mit dem Bibelabschnitt beten

Diese Methode ist die wichtigste. Unsere Kirche lehrt uns, mit den Worten der Bibel zu beten; in der Agpeya, dem Stundengebet, beten wir mit den Psalmen. Du kannst mit dem Sinn eines Abschnitts beten oder mit seinem Wortlaut. Liest du etwa: „Einst war ich jung, nun bin ich alt, nie sah ich einen Gerechten verlassen noch seine Kinder betteln um Brot“ (Ps 37:25; LXX 36), dann wird daraus ein Dank: „Herr, ich danke dir für deine Treue.“ Liest du ein Gebot, das du nicht hältst, wird daraus die Bitte: „Vergib mir und hilf mir.“ So entsteht ein Gespräch: Gott spricht in der Schrift zu dir, du antwortest ihm im Gebet. Das bewegt das Herz und lehrt Demut, denn du merkst, dass du ohne Gott seine Gebote nicht halten kannst.

5. Gebot, Verheißung, Tatsache

Für Texte, die keine Geschichte erzählen, eignet sich diese Methode. Du fragst: Wo ist ein Gebot? Danach handle ich. Wo ist eine Verheißung? Darauf hoffe ich. Wo ist eine Tatsache? Diese glaube und lehre ich. Ein Beispiel aus der Lehre über die Eucharistie: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6:35a) ist eine Tatsache; „Nehmt und esst; das ist mein Leib“ (Mt 26:26) ist ein Gebot, und „das ist mein Leib“ ist zugleich eine Tatsache; „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“ (Joh 6:54a) ist eine Verheißung. Gebot und Verheißung ruhen auf der Tatsache. Versuche es selbst an diesem Wort: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“ (Mt 7:7⁠–⁠8).

Das Personenstudium in fünf Schritten

Die Bibel erzählt von wirklichen Menschen: Gott offenbart sich durch sie, wir erkennen uns in ihnen wieder, viele weisen auf Christus hin, und viele hat Gott für seinen Dienst vorbereitet. Darum lohnt sich das Personenstudium.

Begriff
Personenstudium

Die geordnete Betrachtung einer biblischen Gestalt anhand aller Bibelstellen über sie, ergänzt durch die Auslegung der Väter, in fünf Schritten: Hintergrund, Lebensweg, Charakter, geistliche Lektion, persönliche Anwendung.

Vorbereitung: Wähle eine Person. Lies alle Stellen über sie im Zusammenhang und achte auf Querverweise; ergänze, was die Väter über sie sagen.

Schritt 1 – Hintergrund und Zusammenhang. Name, Herkunft, Familie, Beruf, Zeit, Umfeld und die biblischen Bücher, in denen sie vorkommt. Manchmal erklärt die Schrift selbst den Namen: Die Tochter des Pharao nannte das Kind Mose und sagte: „Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen“ (Ex 2:10); Jesus sagt zu Simon: „Du sollst Kephas heißen“, das bedeutet Fels (Joh 1:42). Der Beruf prägt einen Menschen: David war Hirte, Petrus Fischer, Nehemia Mundschenk des persischen Königs Artaxerxes, der dem König den Wein reichte (Neh 2:1).

Schritt 2 – Lebensweg und Schlüsselmomente. Wo greift Gott sichtbar ein, welche Entscheidungen verändern das Leben? Bei David etwa: die Salbung des Hirtenjungen, bei der Gott „das Herz“ ansieht (1. Sam 16:7); der Sieg über Goliat „im Namen des Herrn“ (1. Sam 17:45); die Flucht vor Saul (1. Sam 19⁠–⁠26); die Sünde mit Batseba und seine Umkehr: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt“ (2. Sam 12:13a).

Schritt 3 – Charakter. Welche Stärken und Schwächen zeigt die Person, wie entwickelt sie sich? Petrus will eifrig auf dem Wasser zu Jesus gehen (Mt 14:28⁠–⁠31) und bekennt: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16:16b). Zugleich handelt er vorschnell (Joh 18:10) und verleugnet den Herrn aus Furcht; danach heißt es bei Lukas: „Und er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lk 22:62). Der Auferstandene fragt ihn dreimal nach seiner Liebe und vertraut ihm seine Schafe an (Joh 21:17).

Schritt 4 – Geistliche Lektion und Hinweis auf Christus. Was will Gott durch diese Person zeigen? Was lernen wir über Gott? Weist sie auf Christus hin? Josef sagt zu seinen Brüdern: „Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten“ (Gen 50:20). Er litt unschuldig, wurde erhöht und rettete sein Volk; so weist er auf Christus hin (mehr dazu im zweiten Vortrag). Bei Petrus lernen wir: Christi Liebe und Vergebung sind größer als unser Versagen.

Schritt 5 – Persönliche Anwendung. Was kann ich von dieser Person lernen? Wo erkenne ich mich selbst? Wie ermutigt mich ihr Glaube, ihre Geduld oder ihre Umkehr?

Tabelle 23 · Das Personenstudium in fünf Schritten
Schritt Leitfrage Beispiel Nehemia
1 Hintergrund Wer ist diese Person? Jude in der Festung Susa, Mundschenk des Königs Artaxerxes (Neh 1:1; 2:1)
2 Lebensweg Wo greift Gott ein? Nachricht vom zerstörten Jerusalem; Erlaubnis des Königs; Bau der Mauer (Neh 1⁠–⁠6)
3 Charakter Stärken, Schwächen? betet bei jedem Schritt (Neh 1:4; 2:4), mitfühlend, mutig gegen Widerstand
4 Lektion Was zeigt Gott? „Der Gott des Himmels wird uns Erfolg verleihen“ (Neh 2:20)
5 Anwendung Was lerne ich? Vor einer großen Aufgabe zuerst beten, dann ans Werk gehen

Ein Gleichnis auslegen: der Pharisäer und der Zöllner

Begriff
Gleichnis

Ein Gleichnis ist eine Erzählung Jesu aus dem Alltag, die eine Wahrheit über Gott und sein Reich anschaulich macht.

Wie man ein Gleichnis auslegt, zeigt Papst Schenouda III. in seinen Überlegungen über die Gleichnisse Christi. Am Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner (Lk 18:9⁠–⁠14) lassen sich vier Schritte erkennen.

1. Der Anlass. Jesus erzählt es „einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten“ (Lk 18:9). Das Gleichnis spricht also nicht gegen eine Gruppe von damals, sondern zu jedem, der sich für gerecht hält und andere verachtet.

2. Die Personen. Die Pharisäer nahmen das Gesetz sehr genau; Paulus sagt, er habe „nach der strengsten Richtung unserer Religion gelebt …, nämlich als Pharisäer“ (Apg 26:5). Der Pharisäer im Gleichnis fastete zweimal in der Woche und gab den zehnten Teil seines eigenen Einkommens (Lk 18:12). Den Zöllner dagegen verachtete man.

3. Die Kernaussage. Beide beten, aber nur der Zöllner kehrt „als Gerechter nach Hause zurück“ (Lk 18:14a). Papst Schenouda III. erklärt: „Der Maßstab Gottes ist nicht die Dauer des Gebetes, oder wie schön gereimt die Worte klingen, während man zu Gott betet, sondern Demut und Schlichtheit“.16 Der Pharisäer lobte sich selbst, richtete den Zöllner, verglich sich mit den Schlechtesten statt mit den Heiligen und bat Gott um nichts. „Wie hochgefährlich ist es, wenn das Gebet in eine Sünde verwandelt wird“, schreibt der Papst.17 Der Zöllner dagegen blieb hinten stehen und bekannte seine Schuld. Sein Gebet entspricht dem Psalmwort: „Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen“ (Ps 51:19; LXX 50).

4. Die Anwendung. Das Gebet des Zöllners, „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18:13b), lebt in unserem „Kyrie eleison“ (Herr, erbarme dich) weiter. Papst Schenouda III. fragt, ob wir es mit dem Herzen beten oder nur mit der Zunge. Für dich heißt das: Vergleiche dich nicht mit anderen, um besser dazustehen, sondern mit den Heiligen; und bete kurz, aber von Herzen.

Mit Kindern die Bibel aufschlagen

Als das Volk nach dem Exil zusammenkam, wurde ihm das Gesetz vorgelesen: „Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten“ (Neh 8:8). Lesen und erklären ist auch die Aufgabe des Dieners. Gott hat den Eltern aufgetragen, sein Wort weiterzugeben, „wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst“ (Dtn 6:7); die Sonntagsschule hilft ihnen dabei.

  • Bring deine eigene Bibel mit. Kinder achten genau darauf, was sie an dir sehen.
  • Lass die Kinder selbst nachschlagen. Zeige ihnen Inhaltsverzeichnis, Abkürzungen und die Angabe von Kapitel und Vers: „Joh 3:16“ heißt Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 16. Übt das Nachschlagen jede Woche, bis es sicher sitzt.
  • Lest gemeinsam. Lass laut lesen, stelle Fragen und lass mit eigenen Worten nacherzählen.
  • Wiederhole regelmäßig. Eine kurze Bibelfrage am Stundenbeginn und ein Lernvers lassen das Wissen Stück für Stück wachsen.
  • Keine Stunde ohne die Bibel. Auch eine Stunde über ein Fest oder einen Heiligen braucht ihren Grund in der Schrift.

Lesepläne helfen, regelmäßig zu lesen. Für dich kann das heißen: Lies jeden Tag einen Abschnitt, etwa fortlaufend aus einem Evangelium oder aus den Lesungen des Tages im Katameros, dem Lesungsbuch der Kirche. Bete vor dem Lesen und wähle einen Vers für den Tag. Besprich den Plan mit deinem Beichtvater. Den Kindern gibst du einen kleinen Wochenplan: jeden Tag ein paar Verse aus der Geschichte der Stunde, mit einer Frage zum Nachdenken.

Wenn du eine Frage nicht beantworten kannst

Kinder stellen Fragen, auf die du keine Antwort weißt. Das ist keine Schande. Gefährlich ist nur, eine Antwort zu erfinden; damit lehrst du vielleicht etwas Falsches über Gottes Wort.

  1. Sei ehrlich: „Das weiß ich nicht sicher. Ich schaue nach und sage es dir nächstes Mal.“ Schreibe dir die Frage auf und halte dein Versprechen.
  2. Frage die Kirche: Lies nach, was die Väter, der Katechismus und die Bücher unserer Päpste sagen, und frage einen Priester oder einen erfahrenen Diener.
  3. Sucht gemeinsam: Manchmal wird die Frage zu einer kleinen Aufgabe für die ganze Klasse, die ihr in der nächsten Stunde besprecht. Hinter manchen Fragen steht aber auch eine Sorge, und das Kind braucht dann Begleitung, nicht nur eine Antwort; sprich in diesem Fall mit dem Priester.

Eigene Zweifel besprichst du mit deinem Beichtvater; vor den Kindern spielst du keine Sicherheit vor, machst ihnen deine Zweifel aber auch nicht zur Last. Petrus mahnt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1. Petr 3:15b). Dazu gehört auch die Bereitschaft, weiterzulernen.

Für den Dienst

Aus allem ergibt sich ein Weg, wie du eine Bibellektion aus einem Text entwickelst:

  1. Beten und lesen: Bitte um Erleuchtung (Ps 119:18) und lies den Abschnitt mehrmals, mit seinem Zusammenhang.
  2. Fragen stellen: Wende zwei oder drei Methoden an.
  3. Mit der Kirche lesen: Schlage nach, was die Väter und die Bücher der Kirche sagen, etwa in einem Kommentar von Abuna Tadros Y. Malaty.
  4. Die Kernaussage finden: ein Satz, den die Kinder mitnehmen, und ein Lernvers.
  5. Christus zeigen: Wo weist der Text auf Christus und das Leben der Kirche hin? (dazu der zweite Vortrag)
  6. Anwenden: Was bedeutet der Text für Kinder deiner Altersstufe – oder für die Menschen, denen du in einem anderen Dienst oder in deiner Familie davon erzählst? Bete selbst mit ihm, bevor du ihn lehrst.

Die Methodenblätter im Arbeitsheft helfen dir dabei.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wir studieren die Schrift, weil sie von Christus Zeugnis gibt (Joh 5:39); der Diener liest zuerst für sich selbst, dann für seine Kinder (Lk 6:40).
  • Das Wort Gottes verlangt äußere und innere Ehrfurcht: Liebe, Gebet, Demut und Lobpreis.
  • Nach dem heiligen Athanasius braucht das Verständnis der Schrift einen guten Lebenswandel und ein reines Herz: Nur wer den Heiligen ähnlich wird, versteht ihre Sprache, wie nur ein gereinigtes Auge die Sonne sieht.
  • Wir lesen die Bibel mit der Kirche: mit den Vätern und ihren Kommentaren, der Lehre der Kirche und unseren Priestern.
  • Methoden: Ein Titel und ein Vers; Warum-Methode; Was-wäre-wenn-Fragen; mit dem Abschnitt beten; Gebot, Verheißung, Tatsache. „Wo größere Mühe, ist reicher Lohn“ (Ignatius an Polykarp 1,3).
  • Das Personenstudium hat fünf Schritte: Hintergrund, Lebensweg, Charakter, geistliche Lektion, persönliche Anwendung.
  • Wer eine Frage nicht beantworten kann, erfindet nichts, sondern sucht die Antwort bei der Kirche und gibt sie später.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 39⁠–⁠53: Die Heilige Bibel.
  • Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 2 (A) (S. 24⁠–⁠29) und Kap. 5 (5) (S. 111⁠–⁠116).
  • Hl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 56⁠–⁠57.
  • Hl. Hieronymus, Brief 52 an Nepotian und Brief 53 an Paulinus (BKV 2. Reihe 16/18).

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 40.↑

  2. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 61.↑

  3. Hieronymus, Briefe, Brief 52,7 (an Nepotian).↑

  4. Papst Schenouda III., Betrachtungen über die Bergpredigt, Kap. 10.1.↑

  5. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 46.↑

  6. Papst Schenouda III., Betrachtungen über die Bergpredigt, Kap. 1.4.↑

  7. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 57.↑

  8. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 57.↑

  9. Hieronymus, Briefe, Brief 53,6 (an Paulinus).↑

  10. Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 1: Bloß Verwalter (S. 16).↑

  11. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 1.↑

  12. Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch Habakuk; Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch Haggai; Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch der Offenbarung. Zur Reihe für Laien und Jugendliche vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Introduction to Genesis (Studies in the Holy Bible), Vorwort zur arabischen Ausgabe (S. 5).↑

  13. Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 2 (A): Das Gleichnis vom vergrabenen Schatz (S. 27).↑

  14. Ignatius von Antiochien, An Polykarp, Kap. 1,3.↑

  15. Hieronymus, Briefe, Brief 52,3 (an Nepotian).↑

  16. Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 5 (5): Das Gleichnis von dem Pharisäer und dem Zöllner (S. 112).↑

  17. Ebd. (S. 114).↑

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