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Thema 10 · Vortrag 2

Christus in der ganzen Schrift – Typologie und Messias

Wie die Kirche das Alte Testament von Christus her liest

18 Min. LesezeitDie Schrift lesen und auslegen

Lernziele

  1. Den Begriff Typologie erklären und drei Typen (z. B. Isaak, Paschalamm, eherne Schlange) mit ihrer Erfüllung im Neuen Testament deuten.
  2. Kategorien messianischer Hinweise im Alten Testament mit je einer Stelle nennen.

Schlüsselbegriffe

Einheit der Schrift · Motivstudie · Schriftsinn · Typologie · Typus · Messias · Theophanie

Bibelstellen

Lk 24:27; Lk 24:44⁠–⁠45; Hebr 1:1⁠–⁠2; 2. Kor 3:16; Mk 11:12⁠–⁠14; Lk 13:6⁠–⁠9; Röm 5:14; Kol 2:17; Hebr 11:19; Gen 22:1⁠–⁠14; Gen 50:20; Ex 12:5⁠–⁠13; 1. Kor 5:7; Gen 14:18⁠–⁠20; Ps 110:4; Num 21:8⁠–⁠9; Joh 3:14⁠–⁠15; Joh 1:41; Gen 3:15; Jes 7:14; Mi 5:1; Jes 53:5; Ps 22:17; Dtn 18:15; Gen 18:1⁠–⁠2; Ex 3:2⁠–⁠6; Gen 32:25; Joh 1:18; Joh 1:14; Gen 28:12; Joh 1:51; 1. Tim 2:5; Mt 24:36; Apg 1:7

Inhalt

Nach seiner Auferstehung erklärte der Herr den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus die ganze Schrift von sich her. So liest die Kirche bis heute die Bibel: Altes und Neues Testament sind ein Buch, und Christus ist seine Mitte. Wer das verstanden hat, erkennt in den Geschichten von Abraham, Mose und David Vorausbilder Christi; sie zu deuten heißt Typologie. Er entdeckt auch die vielen Wege, auf denen das Alte Testament den Messias ankündigt. Für den Diener folgt daraus eine Leitregel für jede Bibelstunde: Er lehrt nie aus dem Alten Testament, ohne Christus zu zeigen.

Die Schrift ist ein Buch

Christus öffnet die Schrift

Von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus heißt es: „Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24:27). Am Abend sagte der Auferstandene zu den Jüngern: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist“ (Lk 24:44b). Lukas berichtet weiter: „Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift“ (Lk 24:45). Der Herr selbst gibt damit den Schlüssel zur ganzen Bibel. Was Gott „viele Male und auf vielerlei Weise“ durch die Propheten gesagt hat, hat er „in dieser Endzeit“ durch den Sohn gesagt (Hebr 1:1⁠–⁠2). Darum hält die Kirche an der Einheit der Schrift fest: Sie betrachtet das Alte Testament als wesentlichen Teil der Bibel, verbindet in ihren Gottesdiensten die Lesungen aus beiden Testamenten und hat alle zurückgewiesen, die das Alte Testament aus der Schrift entfernen wollten.1

Der heilige Hieronymus schreibt über den Kämmerer aus Äthiopien, der im Wagen Jesaja las (Apg 8:26⁠–⁠39):

Aus den Vätern

Aber während er das Buch in der Hand hielt, über Gottes Wort nachdachte und es mit Zunge und Lippen las, war ihm doch Christus fremd, den er im Buche, ohne es zu wissen, verehrte. Da kam Philippus und lehrte ihn Jesus kennen, der im Buchstaben verborgen lag.2

– Hl. Hieronymus, Briefe, Brief 53,5 (an Paulinus)

Kurz davor sagt Hieronymus von Christus: „Vorausbestimmt und vorhergezeigt war er im Gesetze und in den Propheten.“3 Ohne Christus bleibt das Alte Testament wie verhüllt. Paulus sagt: „Sobald sich aber einer dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt“ (2. Kor 3:16). Das gilt für jeden Leser, auch für uns: Wer sich dem Herrn zuwendet, dem öffnet sich der Sinn der Schrift.

Merksatz

Altes und Neues Testament bilden eine einzige Heilige Schrift. Christus ist ihre Mitte: Das Alte Testament kündigt ihn an und bereitet auf ihn vor, das Neue verkündet seine Erfüllung.

Das Netz der Bibel: eine Motivstudie

Die Bibel ist von Verweisen durchzogen wie von einem Netz. Ein Bild, ein Wort, eine Pflanze kehren in vielen Büchern wieder und erklären sich gegenseitig.

Begriff
Motivstudie

Eine Motivstudie folgt einem Bild durch die ganze Schrift.

Ein Beispiel ist der Feigenbaum. Im Markusevangelium heißt es: „Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen“ (Mk 11:13⁠–⁠14a). Warum sucht der Herr Früchte, wenn doch nicht die Zeit der Feigenernte war? Die Antwort findet sich im Netz der Schrift:

  • Nach dem Sündenfall hefteten Adam und Eva Feigenblätter zusammen, um ihre Nacktheit zu bedecken (Gen 3:7). Die Blätter verhüllen, aber heilen nicht.
  • Gott spricht durch den Propheten Hosea: „wie die erste Frucht am jungen Feigenbaum, so sah ich eure Väter“ (Hos 9:10). Das Volk Gottes sollte Gottes Freude sein wie eine frühe Frucht.
  • Jeremia sieht zwei Körbe mit guten und schlechten Feigen (Jer 24): Gott schaut auf die Frucht des Herzens.
  • Im Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum (Lk 13:6⁠–⁠9) sucht der Herr des Weinbergs drei Jahre lang Frucht; der Weingärtner bittet: „Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen“.

Der Feigenbaum mit Blättern, aber ohne Frucht, ist also ein Bild für einen Menschen oder ein Volk, das nach außen fromm aussieht, aber keine Frucht bringt. Gott ist geduldig, aber er sucht Frucht. Papst Schenouda III. wendet das Gleichnis auf uns an: „Über die grünen Blätter an deinem Feigenbaum oder über seine langen Äste sollst du dich keineswegs freuen. Sei nicht froh über die vielen Aktivitäten und Bewegungen in Ost und West. […] Konzentriere dich lieber auf das Wichtigste: auf die Früchte.“4 Der Herr sagt: „Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt“ (Joh 15:8).

Tabelle 24 · Schritte einer Motivstudie
Schritt Was du tust
1 Motiv wählen ein Bild, das öfter vorkommt: Feigenbaum, Weinstock, Lamm, Wasser, Fels, Brot
2 Stellen sammeln Querverweise der Bibelausgabe und das Stichwortregister nutzen
3 Im Zusammenhang lesen jede Stelle mit ihrem Umfeld lesen: Wer spricht, zu wem, warum?
4 Bedeutung notieren Was bedeutet das Bild an dieser Stelle?
5 Den Zusammenhang erkennen Wie führt das Bild vom Alten zum Neuen Testament und zu Christus?
6 Mit der Kirche lesen Was sagen die Väter und die Liturgie dazu?
7 Anwenden Was bedeutet das Bild für mein Leben und meine Kinder?

Die Schriftsinne in der Auslegung der Kirche

Der wörtliche und der geistliche Sinn

In Alexandrien hatte die Kirche eine berühmte Katechetenschule, also eine Schule der Glaubensunterweisung, deren Hauptanliegen das Studium der Bibel war. Ihr Bestreben war, in der Schrift den geistlichen Sinn zu entdecken, der dem geschriebenen Wort zugrunde liegt; die späteren Väter dieser Schule mahnten zugleich, die geistliche Deutung maßvoll zu gebrauchen.5 Grundlage bleibt immer der wörtliche Sinn: das, was der Text sagt und was er für seine ersten Hörer bedeutete. Darauf baut der geistliche Sinn auf: das, worauf das Geschehen über sich hinaus hinweist.

Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty nennt ein Schema der vier Schriftsinne, das der heilige Johannes Cassianus entwickelt hat:6

Begriff
Schriftsinn

Die Ebene, auf der ein Text der Schrift verstanden wird. Nach Johannes Cassianus: (1) der wörtliche Sinn; (2) der allegorische Sinn, der den Text auf Christus und die Kirche bezieht; (3) der moralische Sinn, der ihn auf die Seele und ihre Tugenden bezieht; (4) der anagogische Sinn, der ihn auf die himmlischen Wirklichkeiten bezieht.

Papst Schenouda III. zeigt das am Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10:25⁠–⁠37). Er sagt, man könne es „entweder ‚symbolisch‘ oder ganz ‚praktisch‘ und ‚real‘ deuten“.7 In der wirklichen, praktischen Deutung lernen wir, dass mein Nächster jeder ist, der mich braucht, und dass ein Diener niemanden am Weg liegen lässt.8 In der symbolischen Deutung ist der Reisende der Mensch auf dem Weg des Lebens und der Samariter Christus: „Das Öl stellt den Heiligen Geist dar und der Wein symbolisierte sein kostbares Blut im Sakrament der Eucharistie“, die Herberge ist die Kirche, und die versprochene Rückkehr ist die Wiederkunft Christi.9 Beide Deutungen gehören zusammen; die eine verdrängt die andere nicht.

Allegorie und Typologie

Zwei Begriffe werden oft verwechselt:

Begriff
Allegorie und Typologie

Die Allegorie deutet irdische Dinge als Bilder für himmlische Wirklichkeiten. Die Typologie dagegen nimmt die Geschichte ernst: Ein wirkliches Ereignis oder eine wirkliche Person des Alten Testaments ist ein Vorausbild eines späteren Geschehens, besonders der Person und des Wirkens Christi.10

Die Typologie beruht auf der Einheit der beiden Testamente.

Typologie: Christus im Vorausbild

Was ist ein Typus?

Begriff
Typus (Vorausbild)

Eine Person, ein Ereignis, eine Sache oder eine Einrichtung des Alten Testaments, die geschichtlich wirklich ist und zugleich auf Christus, die Kirche oder die Sakramente vorausweist. Die Erfüllung im Neuen Testament ist größer als das Vorausbild.

Die Schrift selbst denkt so. Paulus nennt Adam „die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist“ (Röm 5:14) und sagt über die Vorschriften des Gesetzes: „Das alles ist nur ein Schatten von dem, was kommen wird, die Wirklichkeit aber ist Christus“ (Kol 2:17). Der Hebräerbrief sagt über Isaak, Abraham habe ihn zurückerhalten, und fügt hinzu: „Das ist ein Sinnbild“ (Hebr 11:19). Der Katechismus erklärt, Gott habe seinem Volk „tatsächliche geschichtliche Ereignisse“ gegeben, „die Sinnbilder des göttlichen Heilswerks sind“, und verweist auf das Wort des Herrn über die Schlange in der Wüste (Joh 3:14⁠–⁠15).11

Zwei Regeln gehören dazu. Erstens: Ein Typus gleicht Christus in einem Punkt, nicht in allem. Die Schrift verschweigt die Fehler der Gestalten nicht, die auf ihn hinweisen; Jona etwa weist mit den drei Tagen im Fisch auf die drei Tage im Grab hin (Mt 12:40), war aber selbst ungehorsam. Weil jedes Bild begrenzt ist, braucht es viele Vorausbilder, um etwas von Christus zu zeigen. Zweitens: Der Typus ist geschichtlich wirklich. Isaak ist nicht nur ein Gleichnis, sondern ein Mensch, an dem Gott gehandelt hat.

Fünf Typen und ihre Erfüllung

Tabelle 25 · Fünf Typen und ihre Erfüllung
Typus Altes Testament Hinweis auf Christus Erfüllung
Isaak Gen 22 der „einzige“ geliebte Sohn (Gen 22:2) trägt das Holz auf den Berg (Gen 22:6); „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen“ (Gen 22:8); er kehrt lebendig zurück Gott hat die Welt so geliebt, „dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3:16); Christus trägt sein Kreuz (Joh 19:17) und ersteht von den Toten
Josef Gen 37⁠–⁠50 von den Brüdern verkauft (Gen 37:28), unschuldig erniedrigt, dann erhöht; er rettet Leben: „Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn“ (Gen 50:20) Christus, verraten und erniedrigt, wird erhöht und rettet die Welt
Paschalamm Ex 12 ein fehlerfreies Lamm (Ex 12:5); sein Blut schützt vor dem Verderben (Ex 12:13); kein Knochen wird zerbrochen (Ex 12:46) „als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden“ (1. Kor 5:7b); am Kreuz zerbrach man ihm kein Gebein (Joh 19:36)
Melchisedek Gen 14:18⁠–⁠20 König und Priester, bringt Brot und Wein; „Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (Ps 110:4; LXX 109) Christus, der Priester für immer; Melchisedek ist „ein Abbild des Sohnes Gottes“ (Hebr 7:3); Christus reicht seinen Leib und sein Blut
eherne Schlange Num 21:8⁠–⁠9 Mose hängt eine Schlange aus Kupfer an einer Stange auf; wer zu ihr aufblickt, bleibt am Leben „wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden“ (Joh 3:14)

Zu Melchisedek sagt der Katechismus: Christus ist der ewige Priester geworden, „der denen, die an ihn glauben, Brot und Wein reicht, wie einst Melchisedek Brot und Wein darbrachte; doch diese Gaben sind sein heiliger Leib und sein heiliges Blut“.12 Die eherne Schlange heißt in der Kursbibel „Kupferschlange“ (Num 21:9).

Auch das Opfer Isaaks zeigt, wie ein Typus zu lesen ist. Isaak wurde nicht geopfert; an seiner Stelle starb der Widder (Gen 22:13). Christus aber hat sich selbst hingegeben. So ist die Erfüllung größer als das Vorausbild.

Die typologische Methode des heiligen Kyrill

Die Väter von Alexandrien lasen das Alte Testament auf diese Weise, besonders der heilige Kyrill von Alexandrien. Nach dem Katechismus nennt er das Gesetz „vollkommen, wenn es geistlich verstanden wird und zu uns vom Mysterium Christi spricht“, unvollkommen dagegen, wenn man nur dem Buchstaben folgt; für die, die es verstehen, ist das Gesetz „zu einem Wegweiser zum Mysterium Christi geworden“.13 Wie Kyrill selbst einen Typus deutet, zeigt seine Auslegung des brennenden Dornbuschs:

Aus den Vätern

In Gestalt eines Feuers ließ er sich in den Dornstrauch der Wüste nieder, und das Feuer flammte in dem Strauche auf, aber er verbrannte nicht. […] Allein es war, wie gesagt, ein Vorbild des Geheimnisses, welches die göttliche Natur des Wortes für die Kräfte der Menschheit tragbar macht, wenn es selbst es so will.14

– Hl. Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 11

Das Ereignis von Ex 3:2 ist wirklich geschehen; zugleich ist es ein Vorbild der Menschwerdung: Die Gottheit des Wortes wohnt in der Menschheit, ohne sie zu verzehren. Darin besteht die typologische Methode: Kyrill nimmt das geschichtliche Ereignis ernst und sucht darin das Mysterium Christi, das Geheimnis seiner Person und seines Heilswerks.

Liturgische Typologie: Isaak am Gründonnerstag

Die Kirche lehrt die Typologie nicht nur, sie betet sie. Am Gründonnerstag (Donnerstag des Bundes), an dem wir das Abendmahl des Herrn feiern, betet der Priester in der Göttlichen Liturgie ein eigenes Brotteilungsgebet über die Opferung Isaaks. Es erzählt die Geschichte von Gen 22 bis zum Widder im Gestrüpp und deutet sie dann:

… die Opferung des Isaaks war ein Zeichen für das Vergießen des Blutes Christi … am Kreuz für die Erlösung der Welt. Und wie Isaak das Holz des Brandopfers trug, so trug Christus das Holz des Kreuzes.15

Wie Isaak lebendig zurückkam, so ist Christus von den Toten auferstanden. Dann bittet der Priester Gott, der das Opfer Abrahams annahm: „… nimm dieses Opfer in dieser Stunde von uns an.“16 So verbindet die Liturgie das Vorausbild, das Kreuz und die Eucharistie, die der Herr an diesem Tag eingesetzt hat.

Die Opferung Isaaks (Gen 22): ein Vorausbild des Kreuzes

Der Messias im Alten Testament

Der Gesalbte

Andreas „traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus)“ (Joh 1:41).

Begriff
Messias

Das hebräische Wort Messias und das griechische Wort Christos bedeuten beide „der Gesalbte“.

Im Alten Testament wurden Könige, Priester und Propheten mit Öl gesalbt: Samuel salbte David (1. Sam 16:13), Gott befahl Mose, den Priester Aaron zu salben (Ex 29:7), Elija sollte Elischa „zum Propheten“ salben (1. Kön 19:16). Christus ist der Gesalbte schlechthin, König, Priester und Prophet zugleich. Als die Samariterin sagte, dass der Messias kommt, antwortete Jesus: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht“ (Joh 4:26).

Woher kannten Andreas und die Samariterin dieses Wort? Aus dem Alten Testament. Gott hat sein Volk über Jahrhunderte auf das Kommen des Erlösers vorbereitet. Der Katechismus sagt, die Prophezeiungen zeichneten „Jahrhunderte vor seinem Kommen … beinahe ein vollständiges Bild von der Person unseres Herrn Jesus Christus“.17

Sieben Wege, auf denen das Alte Testament auf den Messias hinweist

Tabelle 26 · Sieben Wege messianischer Hinweise
Weg Beispiel Stelle Erfüllung
1 Personen Isaak, Josef, Mose Gen 22; Gen 50:20 Christus, der Sohn, der Retter
2 Ereignisse Durchzug durch das Meer; Jona im Fisch 1. Kor 10:1⁠–⁠2; Mt 12:40 Taufe; drei Tage im Grab
3 Gegenstände Paschalamm, Kupferschlange Ex 12:5⁠–⁠13; Num 21:8⁠–⁠9 Christus am Kreuz (1. Kor 5:7; Joh 3:14)
4 Prophezeiungen Nachwuchs der Frau; Geburt aus der Jungfrau; Betlehem; der leidende Knecht Gen 3:15; Jes 7:14; Mi 5:1; Jes 53:5 Geburt, Leiden und Sieg Christi
5 Ämter König, Priester, Prophet Gen 49:10; Ps 110:4; Dtn 18:15 Christus, König, Hohepriester und Prophet
6 Gotteserscheinungen Mamre; der brennende Dornbusch Gen 18:1⁠–⁠2; Ex 3:2 der Sohn, der den Vater offenbart; Vorbild der Menschwerdung
7 Gottesdienst und Opfer Opfer des Gesetzes; Brot und Wein des Melchisedek Hebr 10:1; Gen 14:18 das eine Opfer Christi und die Eucharistie

Die Prophezeiungen

Der Katechismus ordnet die messianischen Prophezeiungen nach dem Leben, dem Wirken und der Gottheit Christi.18 Einige der wichtigsten:

  • Herkunft: Schon nach dem Sündenfall kündigt Gott an, dass der Nachwuchs der Frau der Schlange den Kopf trifft (Gen 3:15). Juda wird das Zepter nicht verlieren, „bis der kommt, dem er gehört“ (Gen 49:10).
  • Geburt: „… wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben“ (Jes 7:14). Der Herrscher Israels wird aus Betlehem hervorgehen, „Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit“ (Mi 5:1).
  • Flucht nach Ägypten: „ich rief meinen Sohn aus Ägypten“ (Hos 11:1b; Mt 2:15). Der Katechismus stellt dazu das Wort: „Seht, der Herr fährt auf einer leichten Wolke daher; er kommt nach Ägypten“ (Jes 19:1).
  • Einzug und Leiden: Der König kommt „demütig und reitet auf einem Esel“ (Sach 9:9). Im Psalm heißt es: „Sie durchbohren mir Hände und Füße“ (Ps 22:17c; LXX 21). Jesaja beschreibt den leidenden Knecht: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53:5). Wegen dieser Weissagungen haben manche Jesaja den „Propheten des Evangeliums“ genannt.19
  • Ämter: Gott wird einen Propheten wie Mose erstehen lassen (Dtn 18:15); der Messias ist „Priester auf ewig“ (Ps 110:4).
  • Gottheit: Das Kind wird genannt: „Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ (Jes 9:5).

Gotteserscheinungen

Begriff
Theophanie

Eine Theophanie ist eine Gotteserscheinung: ein Ereignis, in dem Gott sich Menschen sichtbar oder hörbar offenbart. Die vollkommene Offenbarung Gottes ist die Menschwerdung des Sohnes.

„Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre“; Abraham sah drei Männer vor sich stehen (Gen 18:1⁠–⁠2). Mose sah den Dornbusch, der brannte und nicht verbrannte, und Gott rief ihm aus dem Dornbusch zu (Ex 3:2⁠–⁠6). Wer ist es, der hier erscheint? Johannes schreibt: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1:18). Darum sehen viele Väter, besonders Justin und Irenäus, in den Erscheinungen Gottes im Alten Testament Erscheinungen des Sohnes, der den Vater offenbart.

Schon im 2. Jahrhundert zeigt der heilige Justin der Märtyrer, dass es immer derselbe ist, der Abraham bei Mamre „in Begleitung der beiden Engel“ erschien, der mit Jakob rang (Gen 32:25) und der „dem Moses im Feuer der Flamme aus dem Dornbusch erschien und mit ihm sprach“. Justin nennt ihn beim Namen: „Christus, der Herr, Gott und Sohn Gottes, der einst wunderbar sich offenbarte als Mann und Engel“.20 „Engel“ heißt hier Bote: Der Sohn ist kein Engel von Natur und kein Geschöpf, sondern dem Vater wesensgleich. Gottes Wesen bleibt dabei unsichtbar. Der Sohn zeigte sich in einer Gestalt; Mensch wurde er erst aus der Jungfrau Maria. So bereiten die Gotteserscheinungen darauf vor, dass „das Wort … Fleisch geworden“ ist (Joh 1:14); Kyrill sieht im Dornbusch darum ein Vorbild der Menschwerdung. Ausführlich behandelt Thema 17 („Die Gottheit Christi aus der Schrift“) die Gotteserscheinungen.

Grenzen der Deutung

Typologie ist keine Fantasie. Sie bleibt an den Text, an den Glauben der Kirche und an die Väter gebunden. Der heilige Irenäus beschreibt die Irrlehrer, die „die Ordnung und den Zusammenhang der Schriften“ übertreten: Sie nehmen die Steine eines schönen Mosaiks, das einen König zeigt, setzen sie neu zusammen und machen daraus „die Gestalt eines Hundes oder Fuchses“.21 Dieselben Verse ergeben ein falsches Bild, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt. Zwei Beispiele zeigen, worauf zu achten ist.

Die Treppe Jakobs. Jakob sah im Traum eine Treppe, die bis zum Himmel reichte, und Engel stiegen auf ihr auf und nieder (Gen 28:12). Der Herr selbst bezieht dieses Bild auf sich: „Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“ (Joh 1:51). Die Hymnen der Kirche nennen auch die Gottesgebärerin (Theotokos) die Leiter, die Jakob sah, denn durch sie ist Gott in der Menschwerdung zu uns herabgekommen.22 Maria ist aber nicht „Vermittlerin“ zwischen Gott und den Menschen: „Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (1. Tim 2:5). Abuna Tadros Y. Malaty schreibt: „In unserer orthodoxen Kirche kennen wir keinen anderen Mittler zwischen Gott und seinem Volk als Jesus Christus, den einzigen Hohenpriester im Himmel, durch dessen Opferblut wir Versöhnung und Vergebung der Sünden erlangen.“23 Die Gottesgebärerin ist unsere Fürsprecherin, die für uns betet.

Keine Zeitpläne der Endzeit. Manche lesen die Prophezeiungen, etwa im Buch Daniel, wie einen Fahrplan der Weltgeschichte und berechnen Zeitalter, Termine und Ereignisse der Endzeit. Diese Schemata kommen nicht aus der Überlieferung der Kirche. Der Herr sagt: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand“ (Mt 24:36a). Der eine Christus weiß als Gott die Stunde und verschweigt sie zu unserem Heil: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg 1:7b); als Mensch hat er sie mit uns nicht gewusst, denn die menschliche Natur besitzt aus sich heraus keine Allwissenheit. Ausführlich davon handelt Thema 17, Vortrag 2. Die Prophezeiungen zeigen auf Christus, sie sind kein Kalender.

Für den Dienst

Merksatz

Lehre nie aus dem Alten Testament, ohne Christus zu zeigen.

Für die Bibelstunde – und für jedes Gespräch über das Alte Testament, auch in der Familie – heißt das:

  1. Zuerst die Geschichte. Erzähle das Ereignis so, wie die Schrift es berichtet. Die Kinder sollen Abraham und Isaak als wirkliche Menschen kennenlernen.
  2. Dann das Vorausbild. Zeige ein oder zwei klare Verbindungen, die die Schrift oder die Kirche selbst ziehen: Isaak trägt das Holz – Jesus trägt das Kreuz. Kleinere Kinder verstehen Vergleiche gut; Jugendliche können selbst Verbindungen suchen.
  3. Mit der Kirche feiern. Verbinde die Lektion mit dem Kirchenjahr: das Paschalamm in der Karwoche, Isaak am Gründonnerstag, Melchisedek bei der Göttlichen Liturgie.
  4. Nicht überdehnen. Lieber eine sichere Deutung als zehn erfundene. Was du nicht bei den Vätern oder in der Schrift findest, bietest du nicht als Lehre der Kirche an.
  5. Selbst forschen. Eine Motivstudie ist eine gute Vorbereitung: Wer ein Bild durch die ganze Schrift verfolgt hat, erzählt mit größerer Freude.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Schrift ist ein einziges Buch mit Christus als Mitte; er selbst hat die Schrift von sich her ausgelegt (Lk 24:27.44⁠–⁠45).
  • Eine Motivstudie verfolgt ein Bild durch die ganze Schrift; der Feigenbaum ohne Frucht mahnt, Frucht zu bringen statt nur Blätter.
  • Die Kirche kennt den wörtlichen und den geistlichen Sinn der Schrift; nach Cassianus vier Schriftsinne: wörtlich, allegorisch, moralisch, anagogisch.
  • Typologie: Ein wirkliches Ereignis oder eine wirkliche Person des Alten Testaments ist Vorausbild Christi, der Kirche oder der Sakramente. Beispiele: Isaak, Josef, Paschalamm, Melchisedek, eherne Schlange.
  • Kyrill von Alexandrien las das Alte Testament typologisch und sah darin das Mysterium Christi, etwa im Dornbusch ein Vorbild der Menschwerdung; die Liturgie betet die Typologie, etwa im Brotteilungsgebet über Isaak am Gründonnerstag.
  • Das Alte Testament weist auf sieben Wegen auf den Messias hin: Personen, Ereignisse, Gegenstände, Prophezeiungen, Ämter, Gotteserscheinungen, Gottesdienst und Opfer.
  • Die Erscheinungen Gottes im Alten Testament sind nach vielen Vätern Erscheinungen des Sohnes, der den Vater offenbart (Joh 1:18); Mensch wurde er erst aus der Jungfrau Maria.
  • Grenzen: Deutung bleibt an Schrift, Kirche und Väter gebunden; Christus ist der einzige Mittler (1. Tim 2:5); keine Zeitpläne der Endzeit.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 54⁠–⁠60 und Fr. 338⁠–⁠349.
  • Hl. Hieronymus, Brief 53 an Paulinus (BKV 2. Reihe 16/18).
  • Hl. Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 10.
  • Hl. Irenäus von Lyon, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 44⁠–⁠46.
  • Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 3 (B) (S. 42⁠–⁠49) und Kap. 6.

Anmerkungen

  1. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 338.↑

  2. Hieronymus, Briefe, Brief 53,5 (an Paulinus).↑

  3. Hieronymus, Briefe, Brief 53,4 (an Paulinus).↑

  4. Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 3 (B): Das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum (S. 45).↑

  5. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 54.↑

  6. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 56.↑

  7. Papst Schenouda III., Überlegungen über die Gleichnisse Christi, Kap. 6: Nächstenliebe (S. 128).↑

  8. Vgl. ebd. (S. 134, 137).↑

  9. Ebd. (S. 132).↑

  10. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 55.↑

  11. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 39.↑

  12. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 348.↑

  13. Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 60.↑

  14. Kyrill von Alexandrien, Dass Christus einer ist, Kap. 11.↑

  15. Die göttlichen Liturgien, S. 424 (Gebet zum Brotbrechen am Gründonnerstag über die Opferung Isaaks).↑

  16. Ebd.↑

  17. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 349.↑

  18. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 342⁠–⁠349.↑

  19. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 344.↑

  20. Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Trypho, Kap. 56,1; 58,10⁠–⁠59,1; 128,1.↑

  21. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch I, Kap. 8,1.↑

  22. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 8.3.6.↑

  23. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 5.1.↑

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