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Thema 12 · Vortrag 1

Mose und der Exodus – Pascha, Sinai und Offenbarungszelt

Gott befreit sein Volk, schließt den Bund und wohnt in seiner Mitte

17 Min. LesezeitDas Alte Testament II

Lernziele

  1. Die drei Abschnitte von je vierzig Jahren im Leben des Mose und den Ablauf des Exodus wiedergeben.
  2. Paschalamm und Manna auf Christus und die Eucharistie deuten (Joh 6:31⁠–⁠35; 1. Kor 5:7).
  3. Die Zehn Gebote in koptischer Zählung nennen.
  4. Die Teile des Offenbarungszeltes und seine Bedeutung für den Kirchenraum beschreiben.

Schlüsselbegriffe

Exodus · Pascha · Paschalamm · Vorbild (Typus) · Bund · Zehn Gebote · Manna · Wolkensäule · Feuersäule · Offenbarungszelt · Bundeslade · Deckplatte · Allerheiligstes · Heiligtum (Altarraum)

Bibelstellen

Ex 1:11; Ex 3:1⁠–⁠14; Ex 4:10⁠–⁠16; Ex 12:1⁠–⁠14; Ex 12:46; Ex 13:21⁠–⁠22; Ex 14:13⁠–⁠31; Ex 16:4⁠–⁠35; Ex 19:4⁠–⁠6; Ex 20:1⁠–⁠17; Ex 24:7⁠–⁠8; Ex 25:8⁠–⁠22; Ex 26:31⁠–⁠34; Ex 30:1⁠–⁠29; Ex 40:34⁠–⁠35; Apg 7:20⁠–⁠36; Joh 1:29; Joh 6:31⁠–⁠35; Joh 6:48⁠–⁠51; Joh 19:36; 1. Kor 5:7⁠–⁠8; 1. Kor 10:1⁠–⁠4; Lk 22:15⁠–⁠20; Hebr 8:5; Hebr 9:1⁠–⁠12; Hebr 9:24; Hebr 10:19⁠–⁠20

Inhalt

Das Buch Exodus erzählt, wie Gott sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit, am Sinai einen Bund mit ihm schließt und in seiner Mitte zu wohnen beginnt. Im Mittelpunkt steht Mose, den Gott beruft und sendet. Die Kirche liest in diesem Buch die Vorbilder ihres eigenen Lebens: das Paschalamm für Christus und die Eucharistie, den Durchzug durch das Meer für die Taufe, das Manna für das Brot des Lebens, das Offenbarungszelt für den Kirchenraum. Wer als Diener von Mose erzählt, erzählt deshalb immer auch von Christus und von dem, was die Kinder in jeder Göttlichen Liturgie erleben.

Israel in Ägypten

Am Ende des Buches Genesis zog die Familie Jakobs nach Ägypten (Thema 11, „Das Alte Testament I“). Das Buch Exodus – griechisch „Auszug“ – beginnt dort, wo aus dieser Familie ein Volk geworden ist: „sie bevölkerten das Land“ (Ex 1:7). Ein neuer Pharao fürchtet es und macht es zu Sklaven: „Sie mussten für den Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratslager bauen“ (Ex 1:11), „durch harte Arbeit mit Lehm und Ziegeln“ (Ex 1:14). Das Buch hat zwei Teile: In Ex 1⁠–⁠15 befreit Gott sein Volk aus Ägypten, in Ex 16⁠–⁠40 versorgt er es auf dem Weg und schließt am Sinai den Bund mit ihm.

Mose – dreimal vierzig Jahre

Die Rede des Stephanus teilt das Leben des Mose in drei Abschnitte: „Als er vierzig Jahre alt war“, wollte er nach seinen Brüdern sehen (Apg 7:23); „Als vierzig Jahre vergangen waren“, erschien ihm Gott im Dornbusch (Apg 7:30); dann führte er das Volk „in der Wüste, vierzig Jahre lang“ (Apg 7:36). „Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb“ (Dtn 34:7).

Tabelle 33 · Die drei Lebensabschnitte des Mose
Abschnitt Ort Was geschieht Bibelstellen
erste 40 Jahre am Hof des Pharao gerettet aus dem Nil, „in aller Weisheit der Ägypter ausgebildet“ Ex 2:1⁠–⁠10; Apg 7:20⁠–⁠22
zweite 40 Jahre Midian Flucht, Ehe mit Zippora, Hirt der Herde Jitros; Berufung am Dornbusch Ex 2:11⁠–⁠3:22; Apg 7:29⁠–⁠30
dritte 40 Jahre Ägypten, Meer, Wüste Befreiung, Bund am Sinai, Wüstenwanderung; Tod auf dem Nebo Ex 4⁠–⁠40; Dtn 34; Apg 7:36

Seine Mutter setzte das Kind „am Nilufer im Schilf aus“ (Ex 2:3); später erschlug Mose einen Ägypter, der einen Hebräer schlug, und floh nach Midian (Ex 2:11⁠–⁠15).

Die Berufung am Dornbusch (Ex 3)

Am Gottesberg Horeb „brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht“ (Ex 3:2). Gott ruft Mose beim Namen: „Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3:5b). Darum betritt man das Heiligtum bis heute barfuß, „in Befolgung des göttlichen Gebots an Mose“.1 Dann sagt Gott, warum er kommt:

Heilige Schrift

Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.

Ex 3:7

„Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen“ (Ex 3:8a). Gott sendet Mose zum Pharao (Ex 3:10) und nennt seinen Namen: „Ich bin der ‚Ich-bin-da‘“ (Ex 3:14). Mose wehrt sich: „Mein Mund und meine Zunge sind nämlich schwerfällig“ (Ex 4:10). Gott nimmt den Auftrag nicht zurück: „Geh also! Ich bin mit deinem Mund“ (Ex 4:12a), und er gibt ihm seinen Bruder Aaron zur Hilfe (Ex 4:14⁠–⁠16).

Im Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt, sieht die Kirche auch ein Bild der Gottesgebärerin (Theotokos). Papst Schenouda III. nennt ihn „ein Symbol der Jungfrau Maria, über die der Heilige Geist mit Seinem Feuer kam und sie doch nicht verbrannte“.2

Beispiel

Am 8. Tut (18./19. September) gedenkt die Kirche des Heimgangs des Propheten Mose. Das Synaxarium nennt ihn „das Haupt der Propheten“ und sagt: „Er ertrug viele Mühsale vom Volk und war sehr sanftmütig. Und Gott redete mit ihm, wie ein Mann mit seinem Freund redet.“3

Die Plagen und das Pascha

Die zehn Plagen

Der Pharao fragte: „Wer ist Jahwe, dass ich auf ihn hören … sollte?“ (Ex 5:2). Die zehn Plagen sind Gottes Antwort.

Tabelle 34 · Die zehn Plagen (Bezeichnungen nach der Einheitsübersetzung)
Nr. Plage Stelle Nr. Plage Stelle
1 Wasser wird zu Blut Ex 7:14⁠–⁠25 6 Geschwüre Ex 9:8⁠–⁠12
2 Frösche Ex 7:26⁠–⁠8:11 7 Hagel Ex 9:13⁠–⁠35
3 Stechmücken Ex 8:12⁠–⁠15 8 Heuschrecken Ex 10:1⁠–⁠20
4 Ungeziefer Ex 8:16⁠–⁠28 9 Finsternis Ex 10:21⁠–⁠29
5 Seuche am Vieh Ex 9:1⁠–⁠7 10 Tod der Erstgeborenen Ex 11:1⁠–⁠10; 12:29⁠–⁠30

Ab der vierten Plage verschont Gott sein Volk ausdrücklich: „Das Land Goschen aber, in dem mein Volk lebt, will ich an jenem Tag auszeichnen“ (Ex 8:18; vgl. Ex 9:6.26; 10:23). Die Plagen zeigen, wer der wahre Gott ist: „Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der Herr“ (Ex 12:12b).

Die Paschanacht (Ex 12)

Vor der letzten Plage ordnet Gott das Pascha an. Jede Familie nimmt „ein Lamm für jedes Haus“ (Ex 12:3), „ein fehlerfreies, männliches, einjähriges Lamm“ (Ex 12:5). Es wird gegen Abend geschlachtet, und mit seinem Blut bestreicht man „die beiden Türpfosten und den Türsturz“ (Ex 12:6⁠–⁠7). Das Fleisch isst man in derselben Nacht mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern (Ex 12:8), „eure Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand“ (Ex 12:11); kein Knochen darf zerbrochen werden (Ex 12:46). Gott verheißt: „Wenn ich das Blut sehe, werde ich an euch vorübergehen“ (Ex 12:13b). Mit diesem Vorübergehen des Herrn verbindet die Schrift den Namen des Festes (Ex 12:27). Es soll ein „Gedenktag“ für alle Generationen sein (Ex 12:14), und die Kinder sollen fragen: „Was bedeutet diese Feier?“ (Ex 12:26).

Christus, unser Paschalamm

Heilige Schrift

Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden.

1. Kor 5:7

Was in der Nacht des Auszugs geschah, war ein Vorbild. Johannes der Täufer zeigt auf Jesus: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1:29b). Wir sind losgekauft „mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel“ (1. Petr 1:19). Hinter diesem Opfer steht die Liebe des Vaters und des Sohnes: Der Vater hat uns „der Macht der Finsternis entrissen“ (Kol 1:13), und der Sohn gibt sein Leben „aus freiem Willen hin“ (Joh 10:18).

Begriff
Vorbild (Typus)

Eine Person, ein Ereignis oder eine Einrichtung des Alten Testaments, in der Gott schon andeutet, was er in Christus und in seiner Kirche vollendet. Paulus sagt vom Weg Israels: „Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient“ (1. Kor 10:11). Mehr dazu in Thema 10 („Die Schrift lesen und auslegen“).

Tabelle 35 · Die Pascha-Tabelle
Pascha in Ägypten Erfüllung in Christus und in der Kirche
fehlerfreies Lamm (Ex 12:5) Christus, das Lamm „ohne Fehl und Makel“ (1. Petr 1:19)
ein Lamm für jedes Haus (Ex 12:3) ein einziges Opfer „ein für allemal“ (Hebr 9:12)
Blut an den Türen (Ex 12:7.13) das Blut Christi befreit uns (1. Petr 1:18⁠–⁠19)
kein Knochen zerbrochen (Ex 12:46) erfüllt am Kreuz (Joh 19:36)
das Lamm wird gegessen (Ex 12:8) „Das ist mein Leib“ (Lk 22:19): wir empfangen Leib und Blut Christi
ungesäuertes Brot (Ex 12:8) „Schafft den alten Sauerteig weg“ (1. Kor 5:7): wir lassen die Sünde zurück
Hüften gegürtet, Stab in der Hand (Ex 12:11) bereit zum Aufbruch in den Himmel
ein Gedenktag für immer (Ex 12:14) „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22:19b) – „bis er kommt“ (1. Kor 11:26)

Jesus selbst verbindet das Pascha mit der Eucharistie: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22:15). Er gibt den Jüngern seinen Leib und sagt vom Kelch: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22:20). Darum, so Papst Schenouda III., „sagen wir in den Gebeten der Heiligen Liturgie über dieses Sakrament: Der wahre Leib, das wahre Blut“.4 Zu Beginn jeder Göttlichen Liturgie wählt der Priester „das Lamm aus, ein makelloses Brot aus den Opfergaben“.5

Aus den Vätern

Auch wir essen ein Osterlamm, nämlich Christus … Auch wir müssen es umgürtet und beschuht genießen. Warum? Damit auch wir bereit seien zum Auszuge, zur Abreise von dieser Erde. Keiner von denen, die dieses Osterlamm essen, blicke zurück nach Ägypten, sondern auf zum Himmel, zum himmlischen Jerusalem!6

– Hl. Johannes Chrysostomus, Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser, Homilie 23,2

Durch das Meer – Vorbild der Taufe

Als der Pharao nachjagte, sagte Mose: „Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet“ (Ex 14:13). „Die Israeliten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand“ (Ex 14:22). Danach sang Mose: „Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer“ (Ex 15:1b). Die Kirche bewahrt diesen Lobgesang in ihrem täglichen Lobpreis.7 Im Mitternachtslobpreis (Tasbeha) wird er als erster Hoos (Lobgesang) gesungen.

Heilige Schrift

Ihr sollt wissen, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer.

1. Kor 10:1⁠–⁠2

Papst Schenouda III. sagt vom Durchzug: „Es bedeutet Erlösung aus der Sklaverei des Todes, des Satans und der Sünde.“8 Der heilige Ambrosius erklärt es den Neugetauften:

Aus den Vätern

Du gewahrst, wie schon damals in jenem Durchzug der Hebräer die heilige Taufe vorgebildet ward: der Ägypter fand darin Untergang und der Hebräer Rettung. Denn was anders wird uns tagtäglich in diesem Sakramente kund, als dass die Schuld versenkt und die Sünde getilgt wird?9

– Hl. Ambrosius von Mailand, Über die Mysterien, Kap. 3,12

Paulus fügt eine Warnung an: „Gott aber hatte an den meisten von ihnen kein Gefallen“ (1. Kor 10:5). Die Taufe ist der Anfang eines Weges, auf dem wir treu bleiben sollen (Thema 26, „Die Sakramente; Taufe und Myronsalbung“).

Gott führt und nährt sein Volk

Wolken- und Feuersäule

„Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten“ (Ex 13:21). Die Wolkensäule und die Feuersäule sind Zeichen der Gegenwart Gottes, der sein Volk bei Tag und bei Nacht führt und schützt (Ex 13:22). Der heilige Ambrosius sieht in der Wolke ein Bild des Heiligen Geistes: „Eine Segenswolke überschattet jene, welche der Heilige Geist heimsucht.“10

Manna – Brot vom Himmel

In der Wüste sagte Gott: „Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln“ (Ex 16:4). „Das Haus Israel nannte das Brot Manna“ (Ex 16:31), und sie aßen es „vierzig Jahre lang“ (Ex 16:35). Aus dem Felsen gab Gott Wasser (Ex 17:6), und Paulus sagt: „dieser Fels war Christus“ (1. Kor 10:4). Jesus deutet das Manna auf sich: „Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel“ (Joh 6:32).

Heilige Schrift

Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Joh 6:35

Er fügt hinzu: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt“ (Joh 6:51c).

Wie kann die Eucharistie zugleich Opfer und Gedächtnis sein (Lk 22:19)? Papst Schenouda III. antwortet mit dem Manna:

Aus der Lehre unserer Päpste

Wir haben keine Schwierigkeiten damit, dass eine Sache Gedächtnis ihrer selbst sein kann. Ein Beispiel dafür ist das Manna, das Symbol für Christus, der das wahre Manna war. Die Israeliten bewahrten in der Bundeslade das Mannagefäß auf, das einige Mannastücke enthielt. Das war ein Gedächtnis des Mannas, das sie 40 Jahre lang in der Wüste gegessen hatten.11

– Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 6.3

Der heilige Ambrosius sagt den Neugetauften vom eucharistischen Brot: „wer immer dieses Brot isst, wird nicht sterben in Ewigkeit. Es ist der Leib Christi“.12

Der Bund am Sinai

Gott schließt einen Bund

Begriff
Bund

Im Bund verbindet Gott sich mit seinem Volk. Er befreit es und ruft es zu einem Leben nach seinem Wort (Ex 19:4⁠–⁠6).

Am Sinai sagt Gott: „ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19:6a). Das Volk antwortet: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun“, und Mose besprengt es mit Blut: „Das ist das Blut des Bundes“ (Ex 24:7⁠–⁠8). Beim Abendmahl nimmt Jesus dieses Wort auf (Lk 22:20).

Vierzig Tage blieb Mose auf dem Berg (Ex 24:18) und empfing „die beiden Tafeln der Bundesurkunde“ (Ex 31:18). Als das Volk ein goldenes Kalb verehrte, zerschmetterte Mose die Tafeln (Ex 32:4.19) und trat dann für das Volk ein: „Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast“ (Ex 32:32). Für die neuen Tafeln blieb er noch einmal vierzig Tage und vierzig Nächte beim Herrn und „aß kein Brot und trank kein Wasser“ (Ex 34:28). Papst Schenouda III. zählt ihn darum mit Christus (Mt 4:2) und Elija (1. Kön 19:8) zu denen, die „das Fasten zur Vollkommenheit gebracht haben“.13

Die Zehn Gebote in koptischer Zählung

Die Zehn Gebote, „die zehn Worte“ (Ex 34:28), beginnen mit dem, was Gott getan hat: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20:2). Die Gebote sind die Antwort des befreiten Volkes. Die Koptisch-Orthodoxe Kirche zählt sie in zwei Tafeln zu vier und sechs Geboten:

Tabelle 36 · Die Zehn Gebote in koptischer Zählung (4 + 6)
Tafel Nr. Gebot (Ex 20) Vers
erste Tafel: Gott 1 „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ Ex 20:3
2 „Du sollst dir kein Gottesbild machen …“ Ex 20:4⁠–⁠6
3 „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen …“ Ex 20:7
4 „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!“ Ex 20:8⁠–⁠11
zweite Tafel: der Nächste 5 „Ehre deinen Vater und deine Mutter …“ Ex 20:12
6 „Du sollst nicht morden.“ Ex 20:13
7 „Du sollst nicht die Ehe brechen.“ Ex 20:14
8 „Du sollst nicht stehlen.“ Ex 20:15
9 „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“ Ex 20:16
10 „Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen …“ Ex 20:17
Aus der Lehre unserer Päpste

Wenn wir uns also das erste Gebot ansehen, stellen wir fest, dass es Gott gehört. Aber es ist nicht nur das erste Gebot, sondern auch die ersten vier Gebote. Alle Gebote der ersten Tafel betreffen Gott. Die Gebote der zweiten Tafel beziehen sich auf die menschlichen Beziehungen, denn Gott kommt zuerst.14

– Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 2

Das Verbot des Gottesbildes ist ein eigenes, das zweite Gebot; so nennt es Papst Schenouda III. ausdrücklich.15 Es verbietet den Götzendienst, nicht die heiligen Bilder: „Der Sinn dieses Gebotes besteht darin, eine Grenze zwischen Götzendienst und wahrer Gottesverehrung zu ziehen – nicht darin, die Verwendung von Bildern überhaupt zu verbieten.“16

Merksatz

Die Koptisch-Orthodoxe Kirche zählt die Zehn Gebote (Ex 20:2⁠–⁠17) als vier und sechs: Die vier Gebote der ersten Tafel betreffen Gott, die sechs Gebote der zweiten Tafel den Nächsten.

Christus hebt die Gebote nicht auf: „Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5:17b). Er fasst beide Tafeln im Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten zusammen (Mt 22:37⁠–⁠40). Das Sabbatgebot erfüllt sich im Sonntag, dem Tag der Auferstehung: „Der Sabbat war der Tag, an dem Gott, der Schöpfer, ruhte, und der Sonntag ist der Tag an dem Gott, der Erlöser und Retter, ruhte.“17 Wie die Gebote heute das Gewissen formen, vertieft Thema 46 („Christliche Lebensführung“).

Das Offenbarungszelt

Gott will in der Mitte seines Volkes wohnen

Heilige Schrift

Macht mir ein Heiligtum! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen. Genau nach dem Muster der Wohnstätte und aller ihrer Gegenstände, das ich dir zeige, sollt ihr es herstellen.

Ex 25:8⁠–⁠9
Begriff
Offenbarungszelt

Die Einheitsübersetzung nennt dieses tragbare Heiligtum Offenbarungszelt oder „Wohnstätte“; andere Bücher sagen „Stiftshütte“ oder „Zelt der Begegnung“.

Der Hebräerbrief nennt es „Abbild und Schatten der himmlischen Dinge“ (Hebr 8:5).

Die Teile des Zeltes

Der Weg führt von außen nach innen: vom Vorhof über das Heilige bis ins Allerheiligste, wo Gott sich „zwischen den beiden Kerubim“ zu erkennen geben will (Ex 25:22).

Tabelle 37 · Die Teile des Offenbarungszeltes
Bereich Gegenstand Stelle
Vorhof Brandopferaltar; kupfernes Becken, in dem die Priester vor dem Dienst „ihre Hände und Füße waschen“ Ex 27:1⁠–⁠9; 30:18⁠–⁠21
das Heilige goldener Leuchter mit sieben Lampen; Tisch mit den Schaubroten, die vor Gott ausgelegt waren; Rauchopferaltar für das Räucherwerk am Morgen und am Abend Ex 25:23⁠–⁠40; 30:1⁠–⁠8; Hebr 9:2
Vorhang mit Kerubim; trennt „das Heiligtum vom Allerheiligsten“ Ex 26:31⁠–⁠33
Allerheiligstes Bundeslade aus Akazienholz mit goldener Deckplatte und zwei Kerubim; darin Bundestafeln, Krug mit Manna, „der Stab Aarons, der Triebe angesetzt hatte“ Ex 25:10⁠–⁠22; Hebr 9:4
Das Offenbarungszelt (Schema nach Ex 25⁠–⁠30)

Als alles fertig war, „verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnstätte“ (Ex 40:34). In das Allerheiligste ging „nur einmal im Jahr der Hohepriester allein hinein“ (Hebr 9:7).

Vom Zelt zur Kirche

Das Zelt weist über sich hinaus: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1:14a). Bei seinem Tod „riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei“ (Mt 27:51); seither haben wir „die Zuversicht, … durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten“ (Hebr 10:19). Vieles, was das Zelt im Schatten zeigte, hat die Kirche in ihren Kirchenraum aufgenommen:

Tabelle 38 · Vom Offenbarungszelt zum Kirchenraum
Im Offenbarungszelt In der Kirche Beleg
Gott wohnt in der Mitte des Volkes (Ex 25:8) die Kirche als Haus Gottes, in dem Christus seine Glieder versammelt Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 586
Allerheiligstes mit der Bundeslade (Ex 25:22) das Heiligtum (Altarraum) mit dem Altar; „das Heiligtum stellt den Himmel dar“ Hebr 9:24; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 598
Vorhang mit Kerubim (Ex 26:31⁠–⁠33) die Ikonostase zwischen Heiligtum und Kirchenschiff – doch durch Christus ist der Weg offen Hebr 10:19⁠–⁠20; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 610
Leuchter, der immer brennt (Ex 27:20⁠–⁠21) Lampen und Kerzen; das Öl als Symbol des Heiligen Geistes Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.5
Rauchopferaltar, morgens und abends (Ex 30:7⁠–⁠8) Weihrauch im Abend- und Morgenweihrauch Ps 141:2 (LXX 140); Offb 8:3⁠–⁠4
Manna im goldenen Krug (Hebr 9:4) Christus, das Brot des Lebens, in der Eucharistie Joh 6:32⁠–⁠35
Salbung von Zelt und Geräten (Ex 30:26⁠–⁠29) Weihe von Kirche, Altar, Geräten und Ikonen mit dem heiligen Myron Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 604, 617, 639

Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt über unser Gotteshaus: „Das Kirchengebäude ist wahrhaftig eine aufgeschlagene Bibel, geschrieben in einer sichtbaren, greifbaren Sprache. Ein einfaches Kind versteht ihre Botschaft, ein Theologe kann tief über sie nachsinnen …“18 Heiligtum, Altar und Geräte im Einzelnen behandelt Thema 7 („Ritus und Gotteshaus“).

Für den Dienst

  • Pascha und Eucharistie verbinden. Wie die Kinder Israels fragten „Was bedeutet diese Feier?“ (Ex 12:26), fragen auch unsere Kinder in der Klasse und zu Hause nach der Liturgie. Die Paschanacht führt zur Darbringung des Lammes und zur heiligen Kommunion; die Pascha-Tabelle hilft dabei.
  • Den Kirchenraum lesen lernen. In einer Stunde „Vom Zelt zur Kirche“ können die Kinder in der eigenen Kirche entdecken, was Lampe, Weihrauch, Ikonostase und Altar bedeuten.
  • Die Gebote von der Befreiung her lehren. Beginne mit Ex 20:2: Gott befreit zuerst, dann gibt er seine Gebote. Lerne mit den Kindern die Zählung vier und sechs und verbinde beide Tafeln mit dem Gebot der Liebe (Mt 22:37⁠–⁠40; Joh 14:15).
  • Mose als Vorbild des Dieners. Mose hielt sich für ungeeignet (Ex 4:10), doch Gott war mit ihm. Er trat für das schuldige Volk ein (Ex 32:32) – so betet auch der Diener für seine Kinder.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Leben des Mose hat drei Abschnitte zu je vierzig Jahren: am Hof des Pharao, in Midian, als Führer des Volkes (Apg 7:23.30.36; Dtn 34:7).
  • Am Dornbusch beruft Gott Mose, weil er das Elend seines Volkes gesehen hat (Ex 3:7⁠–⁠10).
  • Durch die zehn Plagen und das Pascha befreit Gott sein Volk; das fehlerfreie Paschalamm ist Vorbild Christi, „unser Paschalamm“ (1. Kor 5:7), der uns in der Eucharistie seinen Leib und sein Blut gibt.
  • Der Durchzug durch das Meer ist Vorbild der Taufe (1. Kor 10:1⁠–⁠2); Wolken- und Feuersäule zeigen, dass Gott sein Volk führt und schützt.
  • Das Manna ist Vorbild Christi, des wahren Brotes vom Himmel (Joh 6:32⁠–⁠35.51).
  • Die Koptisch-Orthodoxe Kirche zählt die Zehn Gebote als vier Gebote zu Gott und sechs Gebote zum Nächsten.
  • Das Offenbarungszelt hat Vorhof (Brandopferaltar, Becken), das Heilige (Leuchter, Tisch, Rauchopferaltar), Vorhang und Allerheiligstes (Bundeslade); es lebt im Kirchenraum weiter.

Zum Weiterlesen

  • Papst Schenouda III.: Der geistliche Mensch, Kap. 2
  • Papst Schenouda III.: Das Priestertum, Kap. 6
  • Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 584⁠–⁠618
  • Hl. Ambrosius von Mailand: Über die Mysterien, Kap. 3 und 8

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 600.↑

  2. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.1.↑

  3. Synaxarium, 8. Tut, Der Heimgang des Propheten Mose, S. 21⁠–⁠22.↑

  4. Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 6.2.↑

  5. Euchologion, S. 268.↑

  6. Johannes Chrysostomus, Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser, Homilie 23,2. Eine Homilie ist eine Predigt, die einen Abschnitt der Schrift auslegt.↑

  7. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1057.↑

  8. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.5.↑

  9. Ambrosius, Über die Mysterien, Kap. 3,12.↑

  10. Ambrosius, Über die Mysterien, Kap. 3,13.↑

  11. Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 6.3.↑

  12. Ambrosius, Über die Mysterien, Kap. 8,47.↑

  13. Papst Schenouda III., Die Spiritualität des Fastens, Kap. 1.↑

  14. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 2.↑

  15. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.6.↑

  16. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 615.↑

  17. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 7.↑

  18. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 585.↑

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