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Thema 12 · Vortrag 2

Wüste, Gesetz und Land – von Levitikus bis Rut

Gott erzieht sein Volk auf dem Weg ins Land

16 Min. LesezeitDas Alte Testament II

Lernziele

  1. Den Kreislauf der Richterzeit erklären und Josua, die Richter und Rut zeitlich einordnen.
  2. Die fünf Opferarten, den Versöhnungstag und die drei Wallfahrtsfeste nennen und zeigen, wie sie auf Christus hinweisen.
  3. Den Aufbau von Levitikus und Numeri wiedergeben und das „Höre, Israel“ (Dtn 6:4) als Mitte des Deuteronomiums nennen.

Schlüsselbegriffe

Levitikus · Brandopfer · Speiseopfer · Heilsopfer · Sündopfer · Schuldopfer · Versöhnungstag · Wallfahrtsfeste · Numeri · Kupferschlange · Deuteronomium · Landnahme · Richter · Löser

Bibelstellen

Lev 1:1⁠–⁠9; Lev 4:2⁠–⁠3; Lev 5:15⁠–⁠24; Lev 16:2⁠–⁠34; Lev 19:2; Lev 23:5⁠–⁠43; Dtn 16:16; Num 6:24⁠–⁠26; Num 9:15⁠–⁠18; Num 14:6⁠–⁠9; Num 21:4⁠–⁠9; Joh 3:14⁠–⁠15; Dtn 6:4⁠–⁠9; Dtn 8:2⁠–⁠5; Dtn 30:19; Jos 1:5⁠–⁠9; Dtn 20:16⁠–⁠18; Jos 6:21; Jos 23:10; 2. Kön 18:33⁠–⁠35; Mt 5:44; Jos 6:25; Ri 2:10⁠–⁠19; Rut 1:16; Rut 4:13⁠–⁠17; Mt 1:5⁠–⁠6; Hebr 9:7⁠–⁠24; Hebr 10:4⁠–⁠14

Inhalt

Nach dem Bund am Sinai ist Israel vierzig Jahre lang in der Wüste unterwegs, bis es unter Josua das verheißene Land betritt. Die Bücher Levitikus, Numeri und Deuteronomium zeigen, wie Gott sein Volk ordnet, prüft und lehrt; Josua, Richter und Rut erzählen, wie es im Land lebt – mit Treue und Abfall, Not und Rettung. Durch alles hindurch erweist sich Gott als der treue Erzieher seines Volkes. Der Weg Israels erinnert den Diener daran, dass auch die Kinder seiner Klasse und alle, denen er dient, Zeit zum Wachsen brauchen und Gott niemanden aufgibt.

Heilige Schrift

Daraus sollst du die Erkenntnis gewinnen, dass der Herr, dein Gott, dich erzieht, wie ein Vater seinen Sohn erzieht.

Dtn 8:5

Levitikus – wie man Gott nahen kann

Das Buch Levitikus, benannt nach dem Priesterstamm Levi, beginnt am Offenbarungszelt (Lev 1:1). Sein Leitwort lautet: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19:2). Es hat zwei Teile: Zugang zu Gott (Lev 1⁠–⁠16: Opfer, Einsetzung der Priester, Reinheit, Versöhnungstag) und Gemeinschaft mit Gott im heiligen Leben (Lev 17⁠–⁠27: Heiligkeit des Volkes, Feste, Segen). Am Ende steht die Verheißung: „Ich gehe in eurer Mitte; ich bin euer Gott und ihr seid mein Volk“ (Lev 26:12). Mitten in diesem Buch steht auch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19:18).

Die fünf Opferarten

In Lev 1⁠–⁠7 werden fünf Opferarten behandelt. Lev 7:37 nennt daneben das Priestereinsetzungsopfer, das zur Weihe der Priester gehört.

Tabelle 39 · Die fünf Opferarten in Lev 1⁠–⁠7
Opfer Was geschieht Stelle
Brandopfer ein fehlerloses Tier, ganz auf dem Altar verbrannt: „Ein Brandopfer ist es, ein Feueropfer zum beruhigenden Duft für den Herrn“ Lev 1:3⁠–⁠9
Speiseopfer Feinmehl mit Öl und Weihrauch, ohne Sauerteig Lev 2:1.11
Heilsopfer ein fehlerloses Tier; das Opferfleisch wird in einem Mahl gegessen Lev 3:1; 7:11⁠–⁠15
Sündopfer wenn jemand „ohne Vorsatz gegen eines der Gebote des Herrn sündigt“ Lev 4:1⁠–⁠5:13
Schuldopfer bei Verfehlung an dem, was dem Herrn heilig ist, oder bei Veruntreuung am Nächsten; dazu Ersatz und „ein Fünftel“ Lev 5:14⁠–⁠26

Abuna Tadros Y. Malaty erklärt, warum es mehrere Opferarten gibt: Weil das Opfer am Kreuz einzigartig ist, konnte keine einzelne Opferart alles zeigen, was es bedeutet.1

Wer arm war, durfte statt eines Schafes „zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben“ bringen (Lev 5:7): Gott verlangt nicht mehr, als einer geben kann. Beim Opfer legte man die Hand auf den Kopf des Tieres, „um ihn zu entsühnen“ (Lev 1:4). Doch das Blut von Stieren und Böcken, sagt der Hebräerbrief, „kann unmöglich Sünden wegnehmen“ (Hebr 10:4). Alle diese Opfer zeigen auf das eine Opfer Christi: „durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt“ (Hebr 10:14). Wie beim Brandopfer gab er sich ganz hin, „als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt“ (Eph 5:2) – nicht weil der Vater ihn gegen seinen Willen opferte, sondern weil Vater und Sohn uns lieben (Joh 3:16).

Gesalbte Priester aus dem Haus Aarons dienten am Zelt (Lev 8:12). Die Reinheitsvorschriften (Lev 11⁠–⁠15) lehrten, dass man Gott nur rein nahen kann. Christus führt diese Lehre nach innen: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5:8).

Der Versöhnungstag (Lev 16)

Nur einmal im Jahr, am Versöhnungstag (Lev 23:27), durfte der Hohepriester hinter den Vorhang treten (Lev 16:2). Er sprengte das Blut des Sündopfers „auf die Deckplatte und vor die Deckplatte“ (Lev 16:15) und legte die Hände auf einen zweiten Bock, der „alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen“ sollte (Lev 16:21⁠–⁠22). „… an diesem Tag entsühnt man euch, um euch zu reinigen“ (Lev 16:30). Der Hebräerbrief sieht darin ein Vorbild: Christus ist „ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt“ (Hebr 9:12) – nicht in ein Abbild, „sondern in den Himmel selbst“ (Hebr 9:24).

Die drei Wallfahrtsfeste

„Dreimal im Jahr sollen alle deine Männer hingehen, um das Angesicht des Herrn, deines Gottes, … zu schauen: am Fest der Ungesäuerten Brote, am Wochenfest und am Laubhüttenfest“ (Dtn 16:16). Deshalb heißen diese drei Feste Wallfahrtsfeste.

Tabelle 40 · Die drei Wallfahrtsfeste
Wallfahrtsfest Im Alten Testament Erfüllung
Pascha und Fest der Ungesäuerten Brote Gedenken an den Auszug; sieben Tage ungesäuertes Brot (Lev 23:5⁠–⁠6) Leiden, Tod und Auferstehung Christi, unseres Paschalammes; das Auferstehungsfest
Wochenfest fünfzig Tage nach der Darbringung der Erstlingsgarbe, der ersten Garbe der Ernte (Lev 23:15⁠–⁠16) Pfingsten, der fünfzigste Tag, an dem der Heilige Geist kam (Apg 2:1)
Laubhüttenfest sieben Tage in Hütten wohnen, zur Erinnerung an die Wüste (Lev 23:34.42⁠–⁠43) Am Laubhüttenfest verheißt Jesus „Ströme von lebendigem Wasser“, den Heiligen Geist (Joh 7:2.37⁠–⁠39)

Numeri – Gott führt durch die Wüste

Das Buch Numeri hat seinen Namen von den Zählungen des Volkes (Num 1; 26). Es hat drei Teile:

Tabelle 41 · Der Aufbau des Buches Numeri
Teil Ort Inhalt Stelle
Ordnung am Sinai Zählung des Volkes; Lager rings um das Offenbarungszelt; Segen Aarons; Wolke über dem Zelt Num 1:1⁠–⁠10:10
Prüfungen vom Sinai bis Moab Murren; Kundschafter; Aufstand Korachs; Mose am Wasser; Kupferschlange Num 10:11⁠–⁠21:35
Neuordnung in den Steppen von Moab Bileam; zweite Zählung; Josua wird Nachfolger Num 22⁠–⁠36

Gott war mit seinem Volk unterwegs: „Bei Tag bedeckte die Wolke die Wohnstätte und bei Nacht der Feuerschein. Jedes Mal, wenn sich die Wolke über dem Zelt erhob, brachen die Israeliten auf“ (Num 9:16⁠–⁠17). Das Zelt stand in der Mitte; die Stämme lagerten „rings um das Offenbarungszelt“ (Num 2:2). Den Priestern gab Gott einen Segen in den Mund:

Heilige Schrift

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.

Num 6:24⁠–⁠26
Aus der Lehre unserer Päpste

Die Priester sind Kanäle, durch die Gott seinen Segen an das Volk leitet, oder sie sind Verwalter Gottes, die seinen Segen zu den Menschen bringen.2

– Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 10.1.2

Dann kamen die Prüfungen. Von zwölf Kundschaftern vertrauten nur Josua und Kaleb auf Gott: „Habt keine Angst vor ihnen!“ (Num 14:9). Weil das Volk nicht glaubte, mussten die Israeliten „vierzig Jahre lang“ in der Wüste bleiben (Num 14:33⁠–⁠34). Korach und seine Anhänger lehnten sich gegen Mose und Aaron auf (Num 16:3); Gott bestätigte Aarons Priestertum durch seinen Stab, der grün wurde und Mandeln trug (Num 17:23), denn „keiner nimmt sich eigenmächtig diese Würde, sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron“ (Hebr 5:4). Selbst Mose durfte das Land nicht betreten, weil er Gott am Wasser nicht „als den Heiligen bezeugen“ wollte (Num 20:12). In Moab segnete der Seher Bileam Israel und sah: „Ein Stern geht in Jakob auf“ (Num 24:17).

Die Kupferschlange (Num 21:4⁠–⁠9)

Als das Volk wieder murrte, kamen Giftschlangen – nach dem heiligen Augustinus eine Plage Gottes, „der strafte und geißelte, um zu erziehen“.3 Die Leute bekannten: „Wir haben gesündigt“, und Mose betete für sie (Num 21:7). Gott sagte: „Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht“ (Num 21:8). Die Einheitsübersetzung nennt sie Kupferschlange (Num 21:9); ältere Bücher sagen „eherne Schlange“. Jesus deutet sie auf sich:

Heilige Schrift

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

Joh 3:14⁠–⁠15
Aus den Vätern

Was sind die beißenden Schlangen? Die aus der Sterblichkeit des Fleisches stammenden Sünden. Wer ist die erhöhte Schlange? Der Tod des Herrn am Kreuze. … Der Biss der Schlange ist tödlich, der Tod des Herrn ist lebenspendend.4

– Hl. Augustinus, Vorträge über das Johannes-Evangelium, Vortrag 12,11

Papst Schenouda III. fügt hinzu, dass Mose mit diesem Bild „das zweite Gebot nicht“ brach; Christus lehre, „dass diese Tat ein Beispiel für Sein geheiligtes Kreuz war“.5

Deuteronomium – das Gesetz im Herzen

Im Deuteronomium spricht Mose „im vierzigsten Jahr“ in Moab zum ganzen Volk (Dtn 1:1.3). Der Name bedeutet „zweites Gesetz“; doch das Buch wiederholt das Gesetz nicht bloß, es legt es der neuen Generation nach den vierzig Jahren in der Wüste aus.6 Mose deutet den Weg durch die Wüste: Gott hat dich geführt, „um dich gefügig zu machen und dich zu prüfen“ (Dtn 8:2). Er wiederholt die Gebote und erneuert den Bund „zusätzlich zu dem Bund, den er mit ihnen am Horeb geschlossen hatte“ (Dtn 28:69). Die Mitte des Buches ist das Bekenntnis:

Heilige Schrift

Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.

Dtn 6:4⁠–⁠7

Jesus nennt dieses Wort das erste Gebot (Mk 12:29⁠–⁠30). In der Versuchung antwortet er dem Teufel dreimal mit dem Deuteronomium: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Mt 4:4; Dtn 8:3), „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ (Mt 4:7; Dtn 6:16) und „ihm allein dienen“ (Mt 4:10; Dtn 6:13). Am Ende legt Mose dem Volk die Entscheidung vor: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben“ (Dtn 30:19). Dann stirbt er auf dem Berg in Moab; „Bis heute kennt niemand sein Grab“ (Dtn 34:6). Josua, dem Mose „die Hände aufgelegt“ hatte, führt das Volk weiter (Dtn 34:9).

Josua – Gott erfüllt seine Verheißung

Gott sagt zu Josua: „Wie ich mit Mose war, will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“ (Jos 1:5). Er soll über das Gesetzbuch „Tag und Nacht“ nachsinnen (Jos 1:8):

Heilige Schrift

Habe ich dir nicht befohlen: Sei mutig und stark? Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.

Jos 1:9

In Jericho versteckte Rahab die Kundschafter und bekannte: „der Herr, euer Gott, ist Gott droben im Himmel und hier unten auf der Erde“ (Jos 2:11); sie wurde mit ihrer Familie verschont (Jos 6:25), „Aufgrund des Glaubens“ (Hebr 11:31). Die Priester mit der Bundeslade standen im Jordan, „während ganz Israel trockenen Fußes hindurchzog“ (Jos 3:17); dann hörte das Manna auf (Jos 5:12), und die Mauern Jerichos stürzten ein (Jos 6:20). Am Ende heißt es: „Keine von all den Zusagen, die der Herr dem Haus Israel gegeben hatte, war ausgeblieben“ (Jos 21:45). Josua stellt das Volk vor die Wahl: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“ (Jos 24:15b).

Josua trägt denselben Namen wie Jesus. Der heilige Johannes Chrysostomus erklärt:

Aus den Vätern

Der Name des Jesus (Josue) war ein Vorbild Christi. … Dieser führte das Volk in die Verheißung, wie Jesus in den Himmel, nicht das Gesetz, so wie auch nicht Moses, denn er kam nicht hinein; denn das Gesetz hat nicht die Kraft, hineinzuführen, sondern die Gnade.7

– Hl. Johannes Chrysostomus, Homilien über den Brief an die Hebräer, Homilie 27,3
Beispiel

Am 4. Tut (14./15. September) gedenkt die Kirche der Entschlafung Josuas, des Sohnes Nuns. Das Synaxarium erzählt, dass er vor seinem Tod die Ältesten ermahnte, „nicht von der Anbetung Gottes abzuweichen“, und „im Alter von einhundertzehn Jahren“ in Frieden entschlief.8

Gericht und Kriege im Alten Testament

Die Kriege der Landnahme, also der Einnahme des Landes Kanaan unter Josua, werfen Fragen auf. Die Bücher Deuteronomium und Josua berichten, dass Gott befahl, die Bewohner mancher Städte zu vernichten, und dass es geschah (Dtn 20:16⁠–⁠17; Jos 6:21). Wir beschönigen diese Texte nicht. Die Schrift selbst gibt aber Grundsätze, mit denen die Kirche sie liest:

  1. Es ist der Kampf des einen Gottes gegen die Götzen. Die Schrift erzählt diese Kriege nicht einfach als Kampf eines Volkes gegen ein anderes: „der Herr, euer Gott, kämpft selbst für euch“ (Jos 23:10b). Damals meinte man, im Sieg eines Volkes siege sein Gott (vgl. 2. Kön 18:33⁠–⁠35); gegen den wahren Gott aber kann niemand einen Krieg gewinnen. Er richtet die Völker, deren Götzendienst mit schweren Gräueln verbunden war, damit sie Israel nicht lehrten, „alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten“ (Dtn 20:18). Dabei ist Gott nicht der Gott eines Volkes gegen die anderen.
  2. Gott gibt Zeit zur Umkehr. Schon zu Abraham sagt er, „noch hat die Schuld der Amoriter nicht ihr volles Maß erreicht“ (Gen 15:16). Das Buch der Weisheit sagt zu Gott: Du „vollzogst … erst nach und nach die Strafe und ließest so Zeit für die Umkehr“ (Weish 12:10).
  3. Kein Volk ist von sich aus gerecht. „… nicht, weil du im Recht bist …, kannst du in ihr Land hineinziehen“ (Dtn 9:5). Wenn Israel selbst abfiel, traf es dasselbe Gericht – das zeigt die Richterzeit.
  4. Wer glaubt, wird gerettet. Rahab aus Jericho wurde verschont (Jos 6:25; Hebr 11:31).
  5. Gott will das Leben. „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen …?“ (Ez 18:23).
  6. Die Kriege sind kein Vorbild für uns. Als die Jünger Feuer vom Himmel fallen lassen wollten, „wies“ Jesus „sie zurecht“ (Lk 9:55), und er gebietet: „Liebt eure Feinde“ (Mt 5:44). Unser Kampf ist geistlich: „nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut“ (Eph 6:12). Papst Schenouda III. sagt: „Stärke ist nicht Gewalt. Das Christentum ist gegen Gewalt.“9

Die Kirche liest diese Kämpfe zugleich als Bild des geistlichen Kampfes. Abuna Tadros Y. Malaty deutet die Eroberung von Ai (Jos 8) auf den Kampf jedes Gläubigen gegen die Sünde unter der Führung des wahren Josua, Christus: in der Liturgie, im Fasten und im Gebet.10

Aus der Lehre unserer Päpste

Es gibt überhaupt keinen Widerspruch zwischen Gottes Gerechtigkeit und Seiner Barmherzigkeit. Seine Barmherzigkeit ist voll von Gerechtigkeit. Und Seine Gerechtigkeit ist voll von Barmherzigkeit.11

– Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 12

Ausführlicher behandelt diese Fragen Thema 42 („Glaube und Vernunft“).

Die Richterzeit

Nach dem Tod Josuas „kam eine andere Generation, die den Herrn und die Taten, die er für Israel vollbracht hatte, nicht mehr kannte“ (Ri 2:10). Das Buch der Richter beschreibt einen Kreislauf, der sich immer wiederholt (Ri 2:11⁠–⁠19):

  1. Abfall: Die Israeliten „verließen den Herrn“ und dienten den Baalen, den Göttern der Kanaaniter (Ri 2:11⁠–⁠12).
  2. Not: Gott „lieferte sie der Gewalt ihrer Feinde ringsum aus“ (Ri 2:14).
  3. Umkehr: Sie schrien zum Herrn und klagten über ihre Unterdrücker (Ri 2:18; 3:9).
  4. Rettung: Gott setzte einen Richter ein und schenkte Ruhe (Ri 2:16; 3:10⁠–⁠11).
Heilige Schrift

Wenn aber der Herr bei ihnen Richter einsetzte, dann war der Herr mit dem Richter und rettete die Israeliten aus der Gewalt ihrer Feinde, solange der Richter lebte; denn der Herr hatte Mitleid mit ihnen, wenn sie über ihre Feinde und Unterdrücker klagten.

Ri 2:18

„Sobald aber der Richter gestorben war, wurden sie rückfällig“ (Ri 2:19). Das erste Beispiel ist Otniël: acht Jahre Unterdrückung, dann Schreien zum Herrn, Rettung und „vierzig Jahre lang Ruhe“ (Ri 3:7⁠–⁠11).

Begriff
Richter

Die Richter waren von Gott berufene Retter und Führer Israels in der Zeit zwischen Josua und dem ersten König.

Tabelle 42 · Die Richter im Buch der Richter
Richter Stelle Richter Stelle
Otniël Ri 3:7⁠–⁠11 Jaïr Ri 10:3⁠–⁠5
Ehud Ri 3:12⁠–⁠30 Jiftach Ri 10:6⁠–⁠12:7
Schamgar Ri 3:31 Ibzan Ri 12:8⁠–⁠10
Debora (mit Barak) Ri 4⁠–⁠5 Elon Ri 12:11⁠–⁠12
Gideon Ri 6⁠–⁠8 Abdon Ri 12:13⁠–⁠15
Tola Ri 10:1⁠–⁠2 Simson Ri 13⁠–⁠16

Debora war „eine Prophetin … Richterin in Israel“ (Ri 4:4). Gott schickte Gideon mit nur dreihundert Mann, damit Israel nicht sage: „Meine eigene Hand hat mich gerettet“ (Ri 7:2.7); ein König wollte er nicht sein: „der Herr soll über euch herrschen“ (Ri 8:23). Simson fiel tief und rief am Ende doch zum Herrn (Ri 16:28). Das Buch schließt mit dem Satz: „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel“ (Ri 21:25).

Merksatz

Der Kreislauf der Richterzeit: Abfall – Not – Umkehr – Rettung. Gott straft, um zu erziehen, und er rettet, sobald sein Volk zu ihm schreit.

Der Kreislauf der Richterzeit (Ri 2:11⁠–⁠19)

Rut – Treue in dunkler Zeit

Das Buch Rut spielt „Zu der Zeit, als die Richter regierten“ (Rut 1:1). Die Moabiterin Rut bleibt nach dem Tod ihres Mannes bei ihrer Schwiegermutter Noomi:

Heilige Schrift

Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.

Rut 1:16

In Betlehem findet sie Schutz bei Boas. Er sieht sie unter den Flügeln des Gottes Israels geborgen (Rut 2:12). Boas tritt als naher Verwandter, als Löser, für die Familie ein: Er erwirbt das Erbe und nimmt Rut zur Frau (Rut 4:9⁠–⁠10); die Frauen preisen Gott, der Noomi „nicht an einem Löser hat fehlen lassen“ (Rut 4:14). Ruts Sohn Obed „ist der Vater Isais, des Vaters Davids“ (Rut 4:17), und Matthäus nennt Rut im Stammbaum Jesu (Mt 1:5). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt: „Rut ist ein Sinnbild dafür, dass die Heiden den Glauben an den Erlöser annehmen“.12

Aus den Vätern

Sie war eine Fremde und befand sich in drückendster Armut. Gleichwohl hat Booz, als er sie sah, sie weder ihrer Armut wegen gering geschätzt, noch wegen ihrer fremden Stammeszugehörigkeit sie verachtet. So hat auch Christus die Kirche aufgenommen, obwohl sie fremd und arm war, und ihr von seinem großen Reichtum mitgeteilt.13

– Hl. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 3,4

Vom Auszug bis zu Rut – die Zeitfolge

  1. Auszug aus Ägypten und Bund am Sinai (Exodus; Levitikus wird am Sinai gegeben).
  2. Vierzig Jahre in der Wüste (Numeri), Abschiedsreden des Mose in Moab (Deuteronomium).
  3. Josua führt das Volk über den Jordan; Landnahme und Verteilung des Landes (Josua).
  4. Die Zeit der Richter von Otniël bis Simson (Richter).
  5. In der Richterzeit lebt Rut, die Urgroßmutter Davids (Rut 4:17).
  6. Danach folgen Samuel, Saul und David (Thema 13, „Das Alte Testament III“).

Für den Dienst

  • Gott als Erzieher zeigen. Der Kreislauf der Richterzeit ist für Kinder leicht verständlich: Gott lässt Folgen spüren, aber er wartet auf unser Rufen und rettet. So entsteht kein Bild von einem Gott, der nur straft.
  • Segnen und gesegnet werden. Der Segen Aarons (Num 6:24⁠–⁠26) kann die Kinder ein Leben lang begleiten; der Diener lernt ihn mit ihnen auswendig und betet ihn für sie.
  • Auf den Gekreuzigten schauen. Die Kupferschlange erklärt Kindern, warum wir auf das Kreuz schauen: nicht als Zauberzeichen, sondern im Glauben an den, der für uns erhöht wurde (Joh 3:14⁠–⁠15).
  • Mutig wie Josua, treu wie Rut. Jos 1:9 und Rut 1:16 sind gute Lernverse für Jugendliche, die Angst vor neuen Aufgaben haben oder in ihrem Umfeld zu ihrem Glauben stehen sollen.
  • Schwierige Geschichten ehrlich erzählen. Bei Kriegen und Gericht nichts beschönigen und nichts ausschmücken; die Grundsätze dieses Vortrags helfen bei Fragen der Kinder.

Das Wichtigste in Kürze

  • Levitikus zeigt den Zugang zu Gott (Opfer, Priester, Reinheit, Versöhnungstag) und die Gemeinschaft mit Gott im heiligen Leben (Lev 19:2).
  • Die fünf Opferarten sind Brand-, Speise-, Heils-, Sünd- und Schuldopfer; alle weisen auf das eine Opfer Christi (Hebr 10:14).
  • Am Versöhnungstag ging der Hohepriester einmal im Jahr ins Allerheiligste; Christus ist mit seinem eigenen Blut in den Himmel eingegangen (Hebr 9:12.24).
  • Die drei Wallfahrtsfeste sind Pascha mit dem Fest der Ungesäuerten Brote, Wochenfest und Laubhüttenfest (Dtn 16:16).
  • Numeri gliedert sich in Ordnung, Prüfungen und Neuordnung; Gott führt sein Volk in Wolke und Feuerschein; die Kupferschlange ist Vorbild des Kreuzes (Joh 3:14⁠–⁠15).
  • Das Deuteronomium erneuert den Bund; seine Mitte ist das „Höre, Israel“ (Dtn 6:4⁠–⁠9).
  • Josua führt ins Land; die Richterzeit folgt dem Kreislauf Abfall – Not – Umkehr – Rettung; Rut lebt in der Richterzeit und wird Urgroßmutter Davids.

Zum Weiterlesen

  • Papst Schenouda III.: Das Priestertum, Kap. 10.1 „Priestertum und Segenspenden“
  • Papst Schenouda III.: Der geistliche Mensch, Kap. 12 „Integrale Persönlichkeit“
  • Hl. Augustinus: Vorträge über das Johannes-Evangelium, Vortrag 12
  • Synaxarium, 4. Tut: Josua, der Sohn Nuns

Anmerkungen

  1. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Leviticus (Bible Study 3), Sporting-Alexandria 1992, Kap. 2.↑

  2. Papst Schenouda III., Das Priestertum, Kap. 10.1.2.↑

  3. Augustinus, Vorträge über das Johannes-Evangelium, Vortrag 12,11.↑

  4. Augustinus, Vorträge über das Johannes-Evangelium, Vortrag 12,11.↑

  5. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.6.↑

  6. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, A Patristic Commentary: The Book of Deuteronomy, Orange (California) 2005, S. 10.↑

  7. Johannes Chrysostomus, Homilien über den Brief an die Hebräer, Homilie 27,3.↑

  8. Synaxarium, 4. Tut, Gedenken an die Entschlafung Josuas, des Sohnes Nuns, S. 10⁠–⁠11.↑

  9. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 5 „Ein starker Mann“.↑

  10. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Commentary for the Book of Joshua, zu Jos 8 (S. 128).↑

  11. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 12.↑

  12. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 181.↑

  13. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 3,4. Booz ist die ältere Namensform für Boas.↑

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