Thema 13 · Vortrag 2
Die Propheten – Ruf zur Umkehr und Verheißung des Messias
Von Elija bis Maleachi
17 Min. LesezeitDas Alte Testament III
Lernziele
- Propheten den Epochen vor, im und nach dem Exil zuordnen.
- Am Buch Hosea die Botschaft der Propheten erklären: Treue Gottes und Ruf zur Umkehr.
- Drei messianische Weissagungen der Propheten mit Stelle nennen.
Schlüsselbegriffe
Prophet · große Propheten · kleine Propheten · vorexilisch · exilisch · nachexilisch · Exil · Wegführung · messianische Weissagung · Immanuel · Gottesknecht · Prophezeiungen
Bibelstellen
2. Kön 17:13; Hebr 1:1; 1. Kön 17:1; 1. Kön 18:21.39; 1. Kön 19:11–13; 2. Kön 2:11; Hos 1:2–9; Hos 2:1.16.21–22.25; Hos 6:1–2.6; Hos 11:1.8–9; Hos 14:2; Jes 7:14; Jes 9:5–6; Jes 53:4–5; Apg 8:34–35; Mi 5:1; Dan 2:44–45; Esra 1:1–3; Hag 1:4; Hag 2:9; Lk 24:27
Inhalt
Nach der Teilung des Reiches sendet Gott seinem Volk die Propheten. Sie rufen Könige und Volk zur Umkehr, deuten das Unglück der Wegführung und kündigen den Messias an. Man unterscheidet große und kleine Propheten und ordnet sie nach ihrer Zeit vor, im und nach dem Exil. Am Buch Hosea zeigt sich, wie treu Gott liebt. Die Kirche liest die Propheten in der Großen Fastenzeit und in der Karwoche; als Diener sollst du den Kindern in ihren Verheißungen Christus zeigen können.
Die Aufgabe des Propheten
Ein Prophet spricht nicht aus eigenem Antrieb. Gott sagt zu Jeremia: „Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund“ (Jer 1:9b). Der Hebräerbrief fasst die ganze Zeit des Alten Bundes so zusammen: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten“ (Hebr 1:1). Drei Aufgaben gehören zusammen:
- Ruf zur Umkehr. „Der Herr warnte Israel und Juda durch alle seine Propheten, durch alle Seher: Kehrt um von euren bösen Wegen, achtet auf meine Befehle und meine Gebote“ (2. Kön 17:13a). Die Propheten tadeln Götzendienst, Ungerechtigkeit gegen die Armen und leeren Gottesdienst.
- Treue zum Bund. Sie erinnern daran, dass Gott seinem Volk treu bleibt, auch wenn es untreu wird, und dass auf das Gericht wieder Erbarmen folgt.
- Verheißung des Messias. Sie kündigen den Erlöser an, der aus dem Haus Davids kommen soll.
Die Kirche dankt Gott für die Propheten als Zeichen seiner Liebe. In der Gregorius-Liturgie betet der Priester: „Du bist der, der mir, dem Kranken, die Propheten gesandt hat. Du hast mir das Gesetz zur Hilfe gegeben.“1 Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty folgert daraus, dass Gott die Menschheit durch Gesetz und Propheten auf die Erlösung vorbereitet hat.2
Elija und Elischa
Nicht alle Propheten haben ein eigenes Buch. Elija und Elischa wirkten im Nordreich; von ihnen erzählen die Bücher der Könige (1. Kön 17 – 2. Kön 13).
Elija – „Jahwe ist Gott“
Elija trat in der Zeit des Königs Ahab auf, als im Nordreich der Baal, ein Götze der Nachbarvölker, verehrt wurde (1. Kön 16:31–32). Er kündigte dem König eine Dürre an: „in diesen Jahren sollen weder Tau noch Regen fallen, es sei denn auf mein Wort hin“ (1. Kön 17:1b). In der Hungersnot sandte Gott ihn zu einer heidnischen Witwe in Sarepta. Ihr Mehltopf wurde nicht leer, und ihren gestorbenen Sohn erweckte Gott auf Elijas Gebet (1. Kön 17:16.22). Jesus erinnert an diese Witwe, um zu zeigen, dass Gottes Erbarmen über Israel hinausgeht (Lk 4:25–26).
Auf dem Berg Karmel stellte Elija das Volk vor die Entscheidung: „Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten? Wenn Jahwe der wahre Gott ist, dann folgt ihm! Wenn aber Baal es ist, dann folgt diesem!“ (1. Kön 18:21a)3 Als Gott das Opfer Elijas mit Feuer annahm, rief das Volk: „Jahwe ist Gott, Jahwe ist Gott!“ (1. Kön 18:39b). Danach floh Elija erschöpft vor der Königin Isebel bis zum Gottesberg Horeb (1. Kön 19:3–8). Dort war Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer; danach kam „ein sanftes, leises Säuseln“ (1. Kön 19:12b).
Elija berief Elischa, indem er seinen Mantel über ihn warf (1. Kön 19:19). Am Jordan wurde Elija entrückt: „Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor“ (2. Kön 2:11). Bei der Verklärung Jesu, als sein Gesicht auf dem Berg „wie die Sonne“ leuchtete, erschien Elija zusammen mit Mose (Mt 17:2–3), und von Johannes dem Täufer heißt es, er gehe dem Herrn „mit dem Geist und mit der Kraft des Elija“ voran (Lk 1:17a; vgl. Mal 3:23).
Elischa – der Schüler
Elischa bat Elija: „Möchten mir doch zwei Anteile deines Geistes zufallen“ (2. Kön 2:9b). Er wirkte viele Zeichen, etwa die Heilung des Syrers Naaman im Jordan (2. Kön 5:14), an die Jesus erinnert (Lk 4:27).
Die Kirche gedenkt der Auffahrt des Propheten Elija am 6. Tubeh und der Entschlafung des Propheten Elischa am 20. Bauna. Das Synaxarium erzählt, wie Elischa den Mantel Elijas aufhob und mit ihm den Jordan teilte (2. Kön 2:13–14).4
Die Prophetenbücher: große und kleine Propheten
Zu den Prophetenbüchern des Alten Testaments gehören die Bücher Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Baruch (mit dem Brief des Jeremia), Ezechiel und Daniel sowie die zwölf kleinen Propheten: Hosea, Joël, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja und Maleachi. Baruch ist ein deuterokanonisches Buch, eines der Bücher, die in der alten griechischen Bibel stehen, nicht aber in der hebräischen; die Kirche liest es wie die übrigen als Heilige Schrift.
Man unterscheidet große Propheten – Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel – und kleine Propheten. Die Einteilung richtet sich nach dem Umfang der überlieferten Schriften, nicht nach der Bedeutung der Propheten.
Der heilige Hieronymus spricht von den „zwölf Propheten, die eines Buches Enge vereinigt“, die also zusammen ein einziges Buch füllen.5 Über die vier großen Propheten schreibt er:
Wer wäre in der Lage, Isaias, Jeremias, Ezechiel und Daniel zu verstehen oder gar zu erklären? Vom ersten unter ihnen möchte man behaupten, dass er kein prophetisches Buch, sondern schon mehr ein Evangelium geschrieben hat.6
Die Epochen der Propheten
Die Propheten lassen sich nach den großen Einschnitten der Geschichte ordnen.
Das Exil ist die Wegführung des Volkes in ein fremdes Land: des Nordreichs nach Assur, des Südreichs nach Babel.
Zuerst eroberten die Assyrer das Nordreich mit der Hauptstadt Samaria und verschleppten die Israeliten nach Assur (2. Kön 17:6); das Synaxarium nennt dafür das Jahr 722 v. Chr.7 Später eroberte Nebukadnezzar, der König von Babel, Jerusalem, verbrannte den Tempel und führte die Bewohner nach Babel (2. Kön 25:8–11).
Daraus ergeben sich vier Gruppen:
| Epoche | Propheten | Zeitgleiche Könige | Botschaft |
|---|---|---|---|
| vor dem Exil (vorexilisch) | Jona, Joël (Zeit umstritten), Amos, Hosea, Jesaja, Micha | in Juda Amazja, Usija bis Hiskija; in Israel Jerobeam II. | Jona: Gott sorgt für alle (Jona 4:11); Joël: der Tag des Herrn; Amos: Gerechtigkeit für die Armen und Gericht über das untreue Volk; Hosea: Rückkehr zu Gott (Hos 6:1); Jesaja: der leidende Gottesknecht – „durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53:5); Micha: „Wer ist ein Gott wie du, der du Schuld verzeihst“ (Mi 7:18) |
| zwischen den Wegführungen Israels und Judas | Nahum, Zefanja, Jeremia, Baruch, Habakuk | Amon, Joschija bis Zidkija | Nahum: Ende des Bösen; Zefanja: die Wegführung Judas steht bevor; Jeremia: Gericht und Barmherzigkeit, Erneuerung des Herzens; Baruch: den Glauben bewahren; Habakuk: Zwiesprache mit Gott |
| im Exil (exilisch) | Ezechiel, Daniel | babylonische, bei Daniel auch persische Könige | Ezechiel: die Herrlichkeit des Herrn und Hoffnung auf den neuen Tempel; Daniel: Zeugnis vor dem König, Licht gegen Finsternis |
| nach dem Exil (nachexilisch) | Haggai, Sacharja, Obadja (Zeit umstritten), Maleachi | Darius bei Haggai und Sacharja; bei Obadja und Maleachi nennt die Schrift keinen König | Haggai und Sacharja: Wiederaufbau des Tempels und des Herzens; Obadja: Gericht über das hochmütige Edom; Maleachi: Gottes Liebe und die Ankündigung des Herrn |
Die Königsangaben stehen meist am Anfang der Bücher, etwa bei Hosea (Hos 1:1), Jeremia (Jer 1:2–3) und Haggai (Hag 1:1); Ezechiel lebte „unter den Verschleppten am Fluss Kebar“ (Ez 1:1), Jona wirkte unter Jerobeam II. (2. Kön 14:25).
Hosea – Gottes treue Liebe
Zeit und Auftrag
Hosea wirkte im Nordreich Israel, das er oft „Efraim“ nennt (Hos 11:8), in der Zeit der Könige Usija bis Hiskija von Juda und Jerobeams II. von Israel (Hos 1:1). Er ist der erste der zwölf kleinen Propheten in der Bibel. Nach dem Synaxarium lebte Hosea zur gleichen Zeit wie Jesaja, Amos und Micha und erlebte die Wegführung Israels. Die Kirche gedenkt seiner am 26. Amschir.8 Sein Name bedeutet „Rettung“.
Die Ehe des Propheten als Zeichen
Hoseas Botschaft beginnt mit einem harten Auftrag: „Geh, nimm dir eine Kultdirne zur Frau und (zeuge) Dirnenkinder! Denn das Land hat den Herrn verlassen und ist zur Dirne geworden“ (Hos 1:2b).9 Hosea heiratete Gomer, die Tochter Diblajims (Hos 1:3). Seine Ehe wird zum lebendigen Bild: Gott ist wie ein treuer Ehemann, Israel wie eine untreue Frau, die anderen Liebhabern nachläuft – den Götzen, besonders dem Baal.
Die Kinder erhalten Namen, die Gottes Wort an das Volk tragen:
- Jesreel: Der erste Sohn trägt den Namen der Ebene und Stadt, in der Blut vergossen worden war; Gott kündigt das Ende des Königtums in Israel an (Hos 1:4–5).
- Lo-Ruhama, „Kein Erbarmen“: „… von jetzt an habe ich kein Erbarmen mehr mit dem Haus Israel“ (Hos 1:6b).
- Lo-Ammi, „Nicht mein Volk“: „… ihr seid nicht mein Volk“ (Hos 1:9b).
Doch die Namen bleiben nicht das letzte Wort. Gott kehrt sie um: „Ich habe Erbarmen mit Lo-Ruhama (Kein Erbarmen) und zu Lo-Ammi (Nicht mein Volk) sage ich: Du bist mein Volk!, und er wird sagen: (Du bist) mein Gott!“ (Hos 2:25b). Zu den Söhnen Israels wird man sagen: „Die Söhne des lebendigen Gottes (seid ihr)“ (Hos 2:1b). Auch Jesreel wird zur Verheißung: „Ich säe sie aus in meinem Land“ (Hos 2:25a).
Gott wirbt um sein untreues Volk
Gott gibt sein Volk nicht auf. „… will ich selbst sie verlocken. Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben“ (Hos 2:16). Dann wird Israel zu ihm sagen: „Mein Mann!“, und nicht mehr: „Mein Baal!“ (Hos 2:18). Gott schließt einen neuen Bund:
Ich traue dich mir an auf ewig;
ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht,
von Liebe und Erbarmen,
ich traue dich mir an
um den Brautpreis meiner Treue:
Dann wirst du den Herrn erkennen.
Hosea soll seine Frau noch einmal lieben, „so, wie der Herr die Söhne Israels liebt, obwohl sie sich anderen Göttern zuwenden“ (Hos 3:1). Gott geht dem Sünder nach.
Gotteserkenntnis, Umkehr und Christus
Hoseas Anklage lautet: „Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land“ (Hos 4:1b). Gott zu erkennen heißt in der Bibel nicht bloß, etwas über ihn zu wissen, sondern in Liebe und Treue mit ihm zu leben. Darum sagt Gott: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“ (Hos 6:6). Jesus nimmt dieses Wort auf: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9:13a).
Hosea ruft zur Umkehr: „Kommt, wir kehren zum Herrn zurück! Denn er hat (Wunden) gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird auch verbinden. Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf“ (Hos 6:1–2a). Der Katechismus liest diese Verse als Prophezeiung über die Auferstehung Christi am dritten Tag.10 Und das Wort „ich rief meinen Sohn aus Ägypten“ (Hos 11:1b) erfüllt sich nach Matthäus an Jesus, der mit der Heiligen Familie nach Ägypten floh (Mt 2:15).
Am stärksten spricht Hosea von Gottes Liebe in Kapitel 11: „Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel? … Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. … Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte“ (Hos 11:8–9). Die Schrift spricht hier in menschlichen Bildern. Sie meint keinen Kampf zwischen Zorn und Liebe in Gott; Papst Schenouda III. sagt: „Gott ist gerecht in Seiner Barmherzigkeit und barmherzig in Seiner Gerechtigkeit.“11 Das Buch endet mit dem Ruf: „Kehr um, Israel, zum Herrn, deinem Gott!“ (Hos 14:2a) und mit der Zusage: „Ich will ihre Untreue heilen und sie aus lauter Großmut wieder lieben“ (Hos 14:5a).
Exil und Rückkehr
Die Propheten hatten gewarnt, doch das Volk wollte „nicht hören“ (2. Kön 17:14a). Nach dem Nordreich fiel auch Juda (2. Kön 25:8–11). Im Exil klagten die Gläubigen: „An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten“ (Ps 137:1; LXX 136). Gerade dort sprachen Ezechiel und Daniel Hoffnung zu. Jeremia hatte angekündigt: „Wenn siebzig Jahre für Babel vorüber sind, dann werde ich nach euch sehen … und euch an diesen Ort zurückführen“ (Jer 29:10).
Diese Verheißung erfüllte sich, als der Perserkönig Kyrus den Befehl gab, das Haus des Herrn in Jerusalem wieder aufzubauen (Esra 1:1–3). Haggai und Sacharja ermutigten die Heimgekehrten, den Tempel zu vollenden (Esra 5:1). Später wurde unter Esra dem Volk das Gesetz Gottes vorgelesen und erklärt (Neh 8:8), unter Nehemia die Mauer Jerusalems vollendet (Neh 6:15).
Haggai tadelt die Heimgekehrten, weil jeder sein eigenes Haus baute und das Haus Gottes liegen ließ: „Ist etwa die Zeit gekommen, dass ihr in euren getäfelten Häusern wohnt, während dieses Haus in Trümmern liegt?“ (Hag 1:4). Abuna Tadros Y. Malaty fasst die Botschaft des Buches in den Grundsatz „Gott soll zuerst kommen“: Gott suche nicht Gold und Silber, sondern die Herzen der Menschen als seine Wohnung.12 Den Entmutigten verheißt der Prophet: „Die künftige Herrlichkeit dieses Hauses wird größer sein als die frühere“ (Hag 2:9). Abuna Tadros Y. Malaty versteht diese Verheißung als Hinweis auf den neuen Tempel, den Leib Christi (Joh 2:19–21).13
Die Verheißung des Messias
Die Propheten blicken über ihre eigene Zeit hinaus auf den Erlöser. Der Katechismus ordnet ihre Weissagungen nach dem Leben, dem Wirken und der Gottheit Christi.14 Drei dieser Weissagungen merkst du dir mit Stelle:
1. Die Geburt aus der Jungfrau (Jes 7:14).
Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.
Matthäus sieht diese Verheißung in der Geburt Jesu erfüllt (Mt 1:22–23). Der Katechismus erklärt: Gott gibt nicht nur ein Zeichen, „vielmehr wird er selbst durch seine Geburt aus einer Jungfrau zum Zeichen oder zum Wunder, und sein Name ist ‚Immanuel‘, was ‚Gott mit uns‘ bedeutet“.15
2. Das göttliche Kind auf dem Thron Davids (Jes 9:5–6). „… uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ (Jes 9:5). Der Katechismus führt diese Stelle unter den Prophezeiungen über die Gottheit Christi an.16
3. Die Geburt in Betlehem (Mi 5:1). „Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen“ (Mi 5:1). Die Schriftgelehrten nennen Herodes diese Stelle, als die Sterndeuter nach dem neugeborenen König fragen (Mt 2:5–6).
Dazu: der leidende Gottesknecht (Jes 53). Jesaja beschreibt einen Knecht Gottes, der für die Sünden der anderen leidet:
Aber er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinten, er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt.
Der Katechismus bemerkt, Jesaja habe die Leiden Christi beschrieben, als hätte er die Kreuzigung mit eigenen Augen gesehen, obwohl er mehr als siebenhundert Jahre vor Christus lebte; manche nennen ihn deshalb den „Propheten des Evangeliums“.17 Schon der Kämmerer aus Äthiopien fragte bei diesem Kapitel: „Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen?“ Philippus verkündete ihm, „ausgehend von diesem Schriftwort“, Jesus (Apg 8:34–35). Manche jüdische Ausleger beziehen den Gottesknecht auf das Volk Israel; die Kirche liest das Kapitel mit den Aposteln auf Christus hin. Weitere Weissagungen führt der Katechismus an: den Einzug in Jerusalem auf einem Esel (Sach 9:9) und die Sendung des Boten, der dem Herrn den Weg bereitet (Mal 3:1).18 Der auferstandene Herr selbst legte den Jüngern dar, „ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24:27).
Daniel – ohne Endzeitspekulation
Daniel wurde als junger Mann aus Jerusalem nach Babel verschleppt und diente am Hof des Königs (Dan 1:1–6); er blieb Gott auch unter den persischen Königen treu (Dan 6:29). König Nebukadnezzar sah im Traum einen Stein, der „ohne Zutun von Menschenhand“ vom Berg losbrach und die Reiche der Welt zermalmte (Dan 2:45a). Daniel deutete den Traum: „Zur Zeit jener Könige wird aber der Gott des Himmels ein Reich errichten, das in Ewigkeit nicht untergeht“ (Dan 2:44a). Der heilige Hieronymus sagt von Daniel: „Er weissagt in klaren Worten den ohne Menschenhand vom Berge losgelösten Stein, der allen Reichen ein Ende macht.“19 Dieser Stein ist das Reich Gottes, das mit Christus kommt. In einer Vision Daniels kommt „mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn“, dessen Herrschaft „eine ewige, unvergängliche Herrschaft“ ist (Dan 7:13–14); Jesus bezieht dieses Wort auf sich (Mt 26:64). Der Katechismus sagt, Daniel habe „den Zeitpunkt seines Kommens“ prophezeit (Dan 9:24–27).20
Das Buch will die Bedrängten trösten. Gott lenkt die Geschichte – „er setzt Könige ab und setzt Könige ein“ (Dan 2:21) –, und die drei jungen Männer im Feuerofen lässt er nicht allein (Dan 3:92).21 Ein Fahrplan für die Endzeit ist Daniel nicht. Manche heutigen Gruppen lesen in seinen Bildern die Staaten und Bündnisse unserer Zeit oder errechnen Daten für die Wiederkunft Christi. Die Kirche tut das nicht: Die Visionen Daniels finden ihre Mitte in Christus und seinem Reich, und über die Zukunft sagt der Herr: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg 1:7b).
Die Propheten in der Liturgie
Die Kirche liest die Propheten nicht als alte Geschichte, sondern als Wort, das sich in Christus erfüllt. In der Großen Fastenzeit werden an den Wochentagen beim Morgenweihrauch die Prophezeiungen aus dem Katameros der Großen Fastenzeit, dem Lesungsbuch für diese Zeit, gelesen, an den Samstagen und Sonntagen dagegen nicht. Im Jona-Fasten erinnert die Kirche an die Umkehr Ninives, das nach der Predigt Jonas „ein Fasten“ ausrief (Jona 3:5), und an das Zeichen des Jona, das Christus auf seinen Tod und seine Auferstehung bezieht (Mt 12:40).22
In der Karwoche beginnt jede Gebetsstunde mit Prophezeiungen aus dem Alten Testament; danach folgen Psalm und Evangelium. In der letzten Stunde des Karfreitags werden auch die Klagelieder Jeremias gelesen.23
Für den Dienst
- Die Lesungen erklären. Erkläre den Kindern vor der Fastenzeit oder der Karwoche eine Prophezeiung, zum Beispiel Jes 53:5, damit sie verstehen, warum die Kirche sie liest.
- Elija erzählen. Sarepta und der Karmel zeigen Gottes Fürsorge und den Mut des Bekenntnisses; das „sanfte, leise Säuseln“ lehrt, auf Gottes leise Stimme zu hören.
- Hosea mit Jugendlichen lesen. Hos 2:25 und 11:8–9 zeigen eine Liebe, die nicht aufgibt. Jugendliche, die sich von Gott entfernt haben, hören hier, dass er auf sie wartet.
- Zur Umkehr rufen, ohne Angst zu machen. Die Propheten mahnen ernst, aber aus Liebe. Papst Schenouda III. warnt den Diener mit Blick auf das Kind: „Hüte dich auch davor ihn einzuschüchtern.“24
- Bei Fragen zur Endzeit ruhig bleiben. Jugendliche begegnen im Internet Deutungen Daniels auf heutige Staaten. Zeige ihnen den Stein aus Dan 2 als Reich Christi und erinnere an Apg 1:7.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Prophet spricht Gottes Wort: Er ruft zur Umkehr (2. Kön 17:13), erinnert an Gottes Treue zum Bund und verheißt den Messias.
- Elija und Elischa wirkten im Nordreich und haben kein eigenes Buch (1. Kön 17 – 2. Kön 13); Elija fuhr im feurigen Wagen zum Himmel (2. Kön 2:11).
- Große Propheten sind Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel; dazu kommen die zwölf kleinen Propheten. Die Einteilung richtet sich nach dem Umfang der Schriften.
- Vor dem Exil wirkten unter anderen Amos, Hosea, Jesaja und Micha, zwischen den Wegführungen etwa Zefanja, Jeremia und Habakuk, im Exil Ezechiel und Daniel, nach dem Exil unter anderen Haggai, Sacharja und Maleachi.
- Die Assyrer eroberten das Nordreich (722 v. Chr.), die Babylonier später Juda. Kyrus ließ das Volk heimkehren (Esra 1:1–3). Haggai rief die Heimgekehrten, zuerst das Haus Gottes zu bauen (Hag 1:4).
- Hosea zeigt Gottes treue Liebe zu seinem untreuen Volk und ruft: „Kehr um, Israel, zum Herrn, deinem Gott!“ (Hos 14:2a).
- Messianische Weissagungen: Jes 7:14 (Jungfrau, Immanuel), Jes 9:5–6 (Starker Gott, Thron Davids), Mi 5:1 (Betlehem), Jes 53 (leidender Gottesknecht).
- Daniel wird ohne Endzeitberechnung gelesen: Der Stein aus Dan 2 ist das Reich Gottes, das mit Christus kommt.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 341–350
- Hl. Hieronymus: Brief 53 an den Priester Paulinus, Abschnitt 8
- Abuna Tadros Y. Malaty: Das Buch Haggai. Patristische Kontemplationen (Koptisch-Orthodoxe Kirche in Österreich und St. Georg Kirche, Sporting – Alexandria, 2020), S. 7 und 19
- Papst Schenouda III.: Betrachtung über die Karwoche, Abschnitte „Die Bedeutung dieser Woche“ (S. 3) und „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 32)
- Synaxarium, 26. Amschir (Hosea), 6. Tubeh (Elija) und 20. Bauna (Elischa)
Anmerkungen
Die göttlichen Liturgien, S. 271 (Gregorius-Liturgie, „Du mein Herr“).↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 341.↑
Jahwe ist der Name, den Gott Mose am Dornbusch offenbart hat: „Das ist mein Name für immer“ (Ex 3:15). Die Einheitsübersetzung gibt ihn meist mit „der Herr“ wieder.↑
Synaxarium, 6. Tubeh, Gedenken an die Auffahrt des Propheten Elija bei lebendigem Leib in den Himmel, S. 227; 20. Bauna, Die Entschlafung des heiligen Propheten Elischa, S. 520–521.↑
Hieronymus, Briefe, Brief 53,8 (an Paulinus).↑
Hieronymus, Briefe, Brief 53,8 (an Paulinus). Isaias ist Jesaja, Jeremias Jeremia.↑
Synaxarium, 26. Amschir, Die Entschlafung des gerechten Hosea, des Propheten, S. 311.↑
Synaxarium, 26. Amschir, S. 311.↑
„Dirne“ ist ein altes Wort für eine Frau, die sich für Geld hingibt; eine Kultdirne gab sich im Dienst eines Götzenkultes hin. Das Bild steht für den Götzendienst des Volkes.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 345.↑
Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Zwei, Kap. 4.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch Haggai, S. 7.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch Haggai, S. 19.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 342–349.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 343.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 349.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 344.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 344 und 350.↑
Hieronymus, Briefe, Brief 53,8 (an Paulinus).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 350.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, The Book of Daniel, Vorwort (S. 5).↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, A Patristic Commentary: Jonah, zu Jona 2 (S. 15).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Betrachtung über die Karwoche, Abschnitt „Wie können wir von der Karwoche geistig profitieren?“ (S. 32).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36).↑