Thema 14 · Vortrag 1
Psalmen, Weisheit und deuterokanonische Bücher
Das Gebetbuch der Kirche, die Bücher der Weisheit und die Schriften, die die Kirche mit der Septuaginta empfangen hat
17 Min. LesezeitDas Alte Testament IV
Lernziele
- Die Weisheitsbücher mit je einem Kernthema nennen und den Psalter als Gebetbuch der Kirche erklären.
- Die deuterokanonischen Bücher und Zusätze aufzählen und ihren liturgischen Gebrauch beschreiben (Ps 151, Gebet der drei Jünglinge und Susanna am Lichtsamstag).
- Begründen, warum die Kirche die deuterokanonischen Bücher als Heilige Schrift liest (Überlieferung der Kirche; Lesungen der Großen Fastenzeit, der Pascha-Woche und des Lichtsamstags; Zeugnis der Väter), und Athanasius’ 39. Festbrief als Zeugen der Kanongeschichte nennen.
Schlüsselbegriffe
Psalter · Septuaginta · Weisheitsbücher · deuterokanonische Bücher · Zusätze zu Ester und Daniel · Brief des Jeremia · Psalm 151 · Apokryphen · Kanon · Agpeya · Lichtsamstag
Bibelstellen
Ps 51:3; Ps 51:12; Ps 22:2; Ps 110; Ps 34:2; Ps 34:5; Ps 136:1; Ps 119:62; Ps 141:2; Ps 150:6; Ijob 1:21; Ijob 19:25; Ijob 42:7; Spr 1:7; Spr 22:6; Koh 1:2; Koh 12:13; Hld 8:6; Weish 3:1; Weish 7:26; Sir 1:14; Sir 2:1; Tob 4:15; Tob 12:8; Tob 12:15; Jdt 4:13; Jdt 13:18; Lk 1:42; 1. Makk 4:59; Joh 10:22; 2. Makk 7:9; Hebr 11:35; Bar 3:38; Bar 6:1; Est 4:17l; Dan 3:52; Dan 13:42; Ps 151
Inhalt
Am Ende des Gangs durch das Alte Testament stehen die Bücher, aus denen die Kirche jeden Tag betet und singt: der Psalter, die Bücher der Weisheit und die deuterokanonischen Bücher, die die Kirche mit der griechischen Bibel, der Septuaginta (LXX), empfangen hat. Viele dieser Texte kennst du aus der Agpeya, aus der Großen Fastenzeit und aus der Nacht des Lichtsamstags. Als Diener sollst du sie kennen, mit Kindern aus ihnen beten und ruhig erklären können, warum unsere Bibel mehr Bücher hat als manche andere Ausgabe.
Der Psalter – das Gebetbuch der Kirche
Ein Buch, das man betet
Der Psalter, das Buch der Psalmen, enthält in der Einheitsübersetzung hundertfünfzig Psalmen.
Viele tragen eine Überschrift wie „Ein Psalm Davids“, manche nennen sogar die Lage, in der gebetet wurde, etwa „als der Prophet Natan zu ihm kam“ (Ps 51:2; LXX 50). Der Herr selbst hat am Kreuz mit einem Psalm gebetet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27:46; vgl. Ps 22:2; LXX 21). Seither betet die Kirche die Psalmen Tag für Tag.
Der heilige Athanasius der Apostolische schrieb seinem Freund Marcellinus einen Brief über die Psalmen. Die anderen Bücher, sagt er, liest man als Worte über andere Menschen, die Psalmen dagegen, „als wenn es seine eigenen Reden wären“.1
Und ich glaube, dass diese dem Psalmensänger zu einem Spiegel dienen, dass auch er in denselben die Bewegungen seiner Seele erkennt und in dieser Wahrnehmung dieselben ausspricht.2
Wer traurig ist, findet im Psalter Worte der Klage, wer gesündigt hat, Worte der Reue, wer sich freut, Worte des Lobes. Auch der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty beruft sich auf diesen Brief.3
Die Arten der Psalmen
Athanasius unterscheidet: Die Psalmen enthalten „die einen geschichtliche Darstellungen, die andern Lob, die andern eine Prophezeiung, andere ein Gebet, wieder andere ein Bekenntnis“.4 Solche Arten nennt man Gattungen:
| Gattung | Beispiel |
|---|---|
| Lob | Ps 150: „Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!“ (Ps 150:6) |
| Dank | Ps 34 (LXX 33): „Ich will den Herrn allezeit preisen“ (Ps 34:2a) |
| Bitte in der Not | Ps 3: David auf der Flucht vor Abschalom (Ps 3:1) |
| Bekenntnis und Umkehr | Ps 51 (LXX 50), der Bußpsalm Davids |
| Prophezeiung auf Christus | Ps 22 (LXX 21) und Ps 110 (LXX 109) |
| Geschichte und Dank für Gottes Taten | Ps 136 (LXX 135): „denn seine Huld währt ewig!“ (Ps 136:1b) |
| Wallfahrtslieder | Ps 120–134; ihre Überschrift beginnt mit „Ein Wallfahrtslied“ (Ps 120:1; LXX 119) |
Die fünfzehn Wallfahrtslieder heißen bei Athanasius „Stufengesänge“.5 Vor allem aber findet man nach Athanasius in jedem Psalm etwas, das auf Christus hinweist.6
Zwei Zählungen
Suchst du den „50. Psalm“ der Agpeya in deiner Bibel unter Ps 50, findest du einen anderen Text. Die Einheitsübersetzung und der Katechismus zählen die Psalmen nach dem hebräischen Text, die Väter und die Agpeya nach der Septuaginta; bei vielen Psalmen ist deren Nummer um eins niedriger.
Die griechische Übersetzung des Alten Testaments; sie ist die Bibel der Apostel und Väter und die Grundlage der koptischen Liturgie.
Die Stellenangaben folgen der Einheitsübersetzung, ergänzt um die Septuaginta-Nummer: „Ps 51:3 (LXX 50)“.
Psalmen in der Agpeya und in der Liturgie
Die Agpeya, das Stundengebet der Kirche, besteht zum größten Teil aus Psalmen; jede Gebetszeit hat ihre eigenen.
Schon der heilige Basilius verband die dritte Stunde, in der der Heilige Geist auf die Apostel herabkam, mit dem Psalmwort „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Ps 51:12; LXX 50).7 So betet die Kirche bis heute nach dem Evangelium der dritten Stunde: „Deinen Heiligen Geist, Herr, den du auf deine heiligen Jünger und ehrwürdigen Apostel herabgesandt hast in der dritten Stunde, nimm nicht von uns, du Gerechter, sondern erneuere ihn in unserem Inneren.“8
Im Mitternachtsgebet steht der „große Psalm“, Ps 119 (LXX 118), mit hundertsechsundsiebzig Versen der längste des Psalters; in ihm heißt es: „Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen“ (Ps 119:62a).9 Im Morgenweihrauch wird der 50. Psalm der Agpeya (= Ps 51 der Einheitsübersetzung) gebetet, vor dem Evangelium wird ein Psalm gesungen, und in der Karwoche wählt die Kirche die Psalmen, die vom Leiden des Herrn sprechen. Mehr zur Agpeya bringt Thema 4 („Das geistliche Leben des Dieners“), zu den Hymnen Thema 20 („Hymnen und Psalmodie“).
Die Bücher der Weisheit
Neben dem Psalter zählt die Einheitsübersetzung sechs Weisheitsbücher: Ijob, Sprichwörter, Kohelet, Hohelied, Weisheit und Jesus Sirach. Sie erzählen wenig Geschichte; sie fragen, wie man vor Gott lebt, leidet, liebt und stirbt. Die beiden letzten sind deuterokanonisch. Mit dem Psalter bilden die sechs eine Gruppe von sieben Büchern (Buch 1, Kapitel 2).
Der heilige Hieronymus riet einer Mutter für die Erziehung ihrer Tochter:
Zuerst lerne sie das Psalterium, dessen Gesänge sie zerstreuen mögen; dann bilde sie ihr Leben an den Sprüchen Salomos! Aus dem Prediger lerne sie die Dinge der Welt verachten! Nach dem Beispiele Jobs übe sie Tugend und Geduld! Dann gehe sie über zu den Evangelien, die sie eigentlich nie aus der Hand legen sollte.10
Ijob – das Leid des Gerechten
Ijob ist „untadelig und rechtschaffen“ (Ijob 1:1) und verliert doch Kinder, Besitz und Gesundheit. Er antwortet: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1:21b). Seine Freunde meinen, wer leide, müsse schuldig sein; am Ende aber sagt Gott zu ihnen: „ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob“ (Ijob 42:7). Das Kernthema ist das Leid des Gerechten. Leiden ist nicht immer Strafe, und Gott bleibt treu. Mitten im Leid bekennt Ijob: „Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt“ (Ijob 19:25a); das Synaxarium hört darin eine Weissagung auf Christus. Die Kirche gedenkt Ijobs am 1. Tut und am 2. Baschans; Gott wollte ihn „bis ans Ende der Zeiten zum Vorbild für Geduld und Ausharren machen“.11
Sprichwörter – Erziehung zur Gottesfurcht
Die „Sprichwörter Salomos“ (Spr 1:1a) sammeln kurze Lebensregeln über das Herz, die Zunge, die Arbeit und die Armen. Ihr Kernthema ist die Erziehung zu einem weisen Leben, und diese Weisheit beginnt bei Gott: „Gottesfurcht ist Anfang der Erkenntnis, nur Toren verachten Weisheit und Zucht“ (Spr 1:7). Gottesfurcht meint Ehrfurcht und Vertrauen, nicht Angst. Den Lernvers „Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn“ (Spr 3:5a) kennst du schon. Für jeden, der mit Kindern arbeitet, steht hier: „Erzieh den Knaben für seinen Lebensweg, dann weicht er auch im Alter nicht davon ab“ (Spr 22:6).
Kohelet – alles ist Windhauch
Kohelet beginnt mit dem Ruf: „Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch“ (Koh 1:2). Das Kernthema ist die Vergänglichkeit der Welt, doch das Buch endet nicht in Verzweiflung: „Fürchte Gott, und achte auf seine Gebote! Das allein hat jeder Mensch nötig“ (Koh 12:13). Papst Schenouda III. sieht darin das Zeugnis eines Umkehrenden: „Salomon kehrte am Ende seines Lebens um und schrieb das Buch Kohelet“.12
Hohelied – die Liebe Christi zur Kirche
Das Hohelied besingt die Liebe von Braut und Bräutigam: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8:6b). Die Kirche liest es als Lied der Liebe Christi zu seiner Kirche und Gottes zur Seele; das ist sein Kernthema.13 Hieronymus sagt, Salomo „vermählt Christus mit der Kirche und singt das süße Lied der heiligen Hochzeit“.14 Weil es in Bildern menschlicher Liebe spricht, soll man es nach Hieronymus erst zuletzt lesen.15
Weisheit – die Gerechten in Gottes Hand
Das Kernthema des Buches der Weisheit ist die Hoffnung der Gerechten über den Tod hinaus: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand und keine Qual kann sie berühren“ (Weish 3:1). Die Weisheit selbst ist „der Widerschein des ewigen Lichts“ (Weish 7:26a); Christen hören darin, was das Neue Testament über Christus sagt: Er ist „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1. Kor 1:24b).
Jesus Sirach – Gottesfurcht im Alltag
Das Buch Jesus Sirach nennt seinen Verfasser mit den Worten „Jesus, dem Sohn Eliasars, des Sohnes Sirachs“ (Sir 50:27). Es lehrt Weisheit für den Alltag: die Ehre der Eltern, die treue Freundschaft, das rechte Reden. Sein Kernthema ist die Gottesfurcht als Quelle der Weisheit: „Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht, den Glaubenden ist sie angeboren“ (Sir 1:14). Papst Schenouda III. schreibt: „Wie schön ist der Satz, der dem Mönch bei seiner Weihe aus dem Buch Jesus Sirach gesagt wird: ‚Mein Sohn, wenn du zum Dienst Gottes antrittst, bereite dich auf alle Versuchungen vor‘.“16
Die deuterokanonischen Bücher und die Zusätze
Was „deuterokanonisch“ bedeutet
Die koptische Kirche zählt dreiundsiebzig Bücher zur Heiligen Schrift: sechsundvierzig im Alten und siebenundzwanzig im Neuen Testament.17 Einige Bücher des Alten Testaments hat sie mit der Septuaginta empfangen; in der hebräischen Bibel stehen sie nicht. Das Verzeichnis der Bücher, die die Kirche als Heilige Schrift anerkennt, heißt Kanon (griechisch „Richtschnur“). Man nennt diese Bücher deuterokanonisch, Bücher des „zweiten Kanons“, im Unterschied zu den protokanonischen des „ersten Kanons“. „Zweiter“ meint keinen geringeren Rang; auch sie sind Heilige Schrift.
Die Bücher des Alten Testaments, die die Kirche mit der Septuaginta als Heilige Schrift empfängt. Die deuterokanonischen Schriften umfassen die sieben Bücher Tobit, Judit, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Baruch sowie 1. und 2. Makkabäer und außerdem die Zusätze zu den Büchern Ester und Daniel. Zum Buch der Psalmen gehört in unserer Kirche zudem Psalm 151.
Viele evangelische Bibelausgaben drucken diese Bücher seit der Reformation nicht oder bezeichnen sie als „Apokryphen“; auch die verbreitete arabische Van-Dyck-Bibel enthält sie nicht. Unsere Kirche gebraucht dieses Wort für sie nicht und liest sie in ihrer Liturgie, auch auf Arabisch in einer eigenen Übersetzung, die aus dem Koptischen hervorgegangen ist.
Apokryphen („verborgene Schriften“) nennt die Kirche Bücher, die sie nicht als Heilige Schrift angenommen hat, etwa Evangelien, die unter dem Namen eines Apostels verbreitet wurden.
In diesem Sinn warnt schon der heilige Athanasius vor den sogenannten apokryphen Büchern, die man wegen ihrer Namen mit den echten verwechseln könnte.18
| Teil | Stelle in der Einheitsübersetzung | Kapitel |
|---|---|---|
| Tobit | nach Nehemia | 14 |
| Judit | nach Tobit | 16 |
| Zusätze zu Ester | im Buch Ester, Verse mit Buchstaben (z. B. Est 4:17k) | – |
| 1. und 2. Makkabäer | nach Ester | 16 und 15 |
| Weisheit Salomos | nach dem Hohelied | 19 |
| Jesus Sirach | nach der Weisheit | 51 |
| Baruch mit dem Brief des Jeremia | nach den Klageliedern; Bar 6 ist der Brief des Jeremia | 6 |
| Zusätze zu Daniel | Dan 3:24–90; Dan 13; Dan 14 | – |
| Psalm 151 | nicht in der Einheitsübersetzung; in der Septuaginta nach Ps 150 | – |
Tobit
Tobit lebt in der Verbannung in Ninive, bleibt dem Gesetz treu und begräbt die Toten seines Volkes (Tob 1:3.17). Seinem Sohn gibt er die Regel mit: „Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu!“ (Tob 4:15a) – der Herr hat sie ins Positive gewendet (Mt 7:12). Auf seiner Reise begleitet den jungen Tobias der Engel Rafael, dessen die Kirche am 3. Nesi gedenkt.19 Er sagt: „Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen“ (Tob 12:15). Den Kern des Buches fasst ein Satz zusammen: „Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein“ (Tob 12:8a).
Judit
Die gottesfürchtige Witwe Judit (Jdt 8:4) rettet ihr belagertes Volk. In der Not fasten und beten alle, und „der Herr hörte ihr Rufen“ (Jdt 4:13). Der Katechismus nimmt gerade dieses Buch als Beispiel: „Auch im deuterokanonischen Buch Judit des Alten Testaments vertrauten die Führer und das Volk darauf, dass der Herr ihre Gebete erhören würde, wenn sie vor dem Herrn im Fasten und Gebet standhaft blieben (Jdt 4:8–15).“20 Usija preist Judit: „du bist von Gott, dem Allerhöchsten, mehr gesegnet als alle anderen Frauen auf der Erde“ (Jdt 13:18). An dieses Wort erinnert Elisabets Gruß an Maria, die Gottesgebärerin (Theotokos), in Lk 1:42.
Die beiden Bücher der Makkabäer
Ein fremder König verlangt, „jeder solle seine Eigenart aufgeben“ (1. Makk 1:42a), und verbietet das Gesetz Gottes. Der Priester Mattatias und seine Söhne leisten Widerstand; einer von ihnen ist „Judas, der als der Makkabäer bekannt wurde“ (1. Makk 2:4). Judas reinigt den Tempel, und man beschließt, „Jahr für Jahr zur selben Zeit mit festlichem Jubel die Tage der Altarweihe zu begehen“ (1. Makk 4:59). Zu diesem Fest war auch der Herr im Tempel (Joh 10:22–23). Das zweite Buch erzählt vom Martyrium einer Mutter und ihrer sieben Söhne; einer sagt im Sterben: „der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind“ (2. Makk 7:9). Wie ein Nachklang liest sich, was der Hebräerbrief von Glaubenszeugen sagt, die sich foltern ließen, „um eine bessere Auferstehung zu erlangen“ (Hebr 11:35b). Das Kernthema ist die Treue zu Gott bis zum Martyrium und die Hoffnung auf die Auferstehung.
Baruch und der Brief des Jeremia
Das Buch Baruch wurde nach seiner Überschrift „in Babel geschrieben“ (Bar 1:1). Es beginnt mit einem Bekenntnis der Schuld und lobt dann die Weisheit, die Gott seinem Volk gab: „Dann erschien sie auf der Erde und hielt sich unter den Menschen auf“ (Bar 3:38). Bar 3:36–38 liest die Kirche am Fest der Theophanie, der Taufe des Herrn im Jordan, bei der Wasserweihe (Lakkan). Das letzte Kapitel ist der Brief des Jeremia an die, „die vom König der Babylonier als Gefangene nach Babel weggeführt werden sollten“ (Bar 6:1); er warnt sie vor den Götzen.
Die Zusätze zu Ester
Die Septuaginta hat im Buch Ester mehrere Abschnitte mehr. Die Einheitsübersetzung druckt diese Zusätze zu Ester an ihrer Stelle ab und zählt sie mit Buchstaben, etwa Est 4:17a–z. Dazu gehören der Traum und das Gebet Mordechais (Est 1:1a; 4:17a) und das Gebet der Ester (Est 4:17k). In höchster Gefahr betet sie: „Herr, unser König, du bist der Einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir“ (Est 4:17l).
Die Zusätze zu Daniel
- Dan 3:24–90: Die drei jungen Männer loben Gott mitten im Feuerofen. Nach dem Gebet Asarjas (Dan 3:25–45) singen die drei den großen Lobgesang: „Gepriesen bist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit“ (Dan 3:52a).
- Dan 13 – Susanna: Die gottesfürchtige Susanna wird von zwei Ältesten fälschlich angeklagt und ruft: „Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene“ (Dan 13:42). Gott erweckt den Geist „in einem jungen Mann namens Daniel“ (Dan 13:45), der ihre Unschuld aufdeckt.
- Dan 14 – Bel und der Drache: Daniel sagt: „Nur den Herrn, meinen Gott, bete ich an; denn er ist wirklich ein lebendiger Gott“ (Dan 14:25).
Schon Athanasius nennt die Geschichte der Susanna selbstverständlich einen Bericht des Propheten Daniel.21
Psalm 151
In der Septuaginta folgt auf den 150. Psalm noch Psalm 151.22 Er ist kein eigenes Buch, sondern gehört zum Psalter. In ihm spricht der junge David, den Gott unter seinen Brüdern erwählt und gesalbt hat (vgl. 1. Sam 16:11–13) und der den Philister besiegt (vgl. 1. Sam 17:50). Die Kirche singt ihn als Hymne mit den koptischen Anfangsworten „Anok pe pikouji“; in der Nacht des Lichtsamstags stimmt der Priester ihn an:23 „Klein war ich unter meinen Brüdern und der Jüngste im Haus meines Vaters.“24
Die Bücher im Leben der Kirche
Große Fastenzeit und Karwoche
Die Kirche liest die deuterokanonischen Bücher im Gottesdienst. In der Großen Fastenzeit hört sie im Morgenweihrauch an mehreren Tagen Lesungen aus Jesus Sirach und aus dem Buch Tobit; in der Karwoche (Pascha) stehen unter den Lesungen der Gebetsstunden Abschnitte aus Jesus Sirach und aus der Weisheit.
Der Lichtsamstag
Am deutlichsten wird das am Lichtsamstag, der Nacht zwischen Karfreitag und dem Auferstehungsfest. Der Abendlobpreis beginnt mit „Anok pe pikouji“, dem Psalm 151: Wie Gott den jungen David erwählte, um Goliat zu besiegen und Israel zu retten, so kam Christus, um uns vom geistlichen Goliat, dem Satan, zu befreien. Später singt die Kirche den Lobpreis der drei Jünglinge im Feuerofen und lobt den Retter aus dem Feuer dieser Welt; eine Hymne der Nacht stammt aus dem Gebet Asarjas, und gelesen wird die Geschichte der Susanna.
Ein Kind, das David, die drei Jünglinge und Susanna kennt, erlebt die lange Nacht mit Psalm 151 und dem Lobgesang „Preist den Herrn, all ihr Werke des Herrn“ (Dan 3:57a) als eine Reihe von Rettungsgeschichten, die auf die Auferstehung Christi zulaufen.
Warum die Kirche diese Bücher als Heilige Schrift liest
- Die Überlieferung: „Die Heilige Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung der Kirche empfangen. Durch die Überlieferung wurden unsere heiligen Bücher kanonisiert; dadurch wurde bestätigt, dass sie göttlich inspiriert sind.“25
- Die Liturgie: Sie verkündet sie in der Großen Fastenzeit, in der Pascha-Woche und am Lichtsamstag.
- Die Väter: Der heilige Gregor von Nyssa erzählt, seine Schwester Makrina habe als Kind „die Teile der gotterleuchteten Schrift“ gelernt, „zumeist die Weisheit Salomos“.26
- Das Neue Testament kennt ihre Feste und Gestalten (Joh 10:22; Hebr 11:35). Solche Anklänge sind keine Beweise, zeigen aber die Nähe dieser Bücher zum Neuen Testament.
Athanasius und sein 39. Festbrief
Der heilige Athanasius kündigte in seinen Festbriefen das Auferstehungsfest und den Beginn der Fastenzeit an. Im 39. Festbrief des Jahres 367 zählt er die Bücher der Schrift auf; für das Neue Testament nennt er genau unsere siebenundzwanzig Bücher. Dabei betont er, dass er nichts Eigenes festsetzt, sondern aufzählt, was als göttlich überliefert worden ist.27 Athanasius ist also ein Zeuge dafür, dass die Kirche die Schrift empfängt; er ist nicht der Urheber des Kanons. Den ganzen Umfang des Alten Testaments mit den deuterokanonischen Büchern bezeugen die Überlieferung und die Liturgie der Kirche, wie oben gezeigt.
Auch die deuterokanonischen Bücher sind Heilige Schrift. Die Bezeichnung „Apokryphen“ bleibt nichtkanonischen Schriften vorbehalten.
Für den Dienst
Psalmen mit Kindern beten. Die heilige Makrina betete den Psalter beim Aufstehen und bei der Arbeit, bei Tisch und vor dem Schlafen: „überall hatte sie den Psalter bei sich wie einen lieben Gefährten, der sie zu keiner Zeit verließ“.28 Das kannst du mit Kindern üben, in der Klasse ebenso wie in der Familie. Wähle, wie Athanasius rät, für jede Lage einen kurzen Vers: in der Angst „Ich suchte den Herrn und er hat mich erhört, er hat mich all meinen Ängsten entrissen“ (Ps 34:5; LXX 33), nach einer Schuld Ps 51:12 (LXX 50), am Abend „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf“ (Ps 141:2a; LXX 140), in der Freude Ps 150:6.
Die Sprichwörter als Erziehungsweisheit. Die Sprichwörter und Jesus Sirach sind zuerst für dich selbst geschrieben: Wer erzieht, muss selbst auf den Herrn vertrauen und sanft antworten (Spr 15:1). Auch wenn diese Bücher von Zucht und Rute sprechen, ist Strafen nicht Sache des Dieners. Erkläre Gottesfurcht nie als Angst; Papst Schenouda III. mahnt die Diener mit Blick auf das Kind: „Hüte dich auch davor ihn einzuschüchtern. Mache ihm keine Angst vor Gott und den Kirchenvätern.“29
Den Lichtsamstag erklären. Erzähle vorher von David und Goliat, von den drei Jünglingen und von Susanna. Dann verstehen die Kinder, warum die Kirche gerade diese Texte singt: Gott rettet die Seinen.
Ruhig antworten. Fragt ein Jugendlicher, warum die Bibel seines Schulfreundes weniger Bücher hat, oder fragt dich ein Bekannter danach, antworte ohne Streit: Unsere Kirche hat diese Bücher mit der griechischen Bibel empfangen und liest sie im Gottesdienst.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Psalter ist das Gebetbuch der Kirche, nach Athanasius ein Spiegel der Seele; Ps 51 (LXX 50) ist der „50. Psalm“ der Agpeya.
- Weisheitsbücher und Kernthemen: Ijob – Leid des Gerechten; Sprichwörter – Erziehung und Gottesfurcht; Kohelet – Vergänglichkeit; Hohelied – Liebe Christi zur Kirche; Weisheit – Hoffnung der Gerechten; Jesus Sirach – Gottesfurcht im Alltag.
- Die deuterokanonischen Schriften umfassen die sieben Bücher Tobit, Judit, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Baruch sowie 1. und 2. Makkabäer und außerdem die Zusätze zu den Büchern Ester und Daniel. Zum Buch der Psalmen gehört in unserer Kirche zudem Psalm 151.
- Am Lichtsamstag singt die Kirche Psalm 151 und den Lobpreis der drei Jünglinge und liest die Geschichte der Susanna.
- Die Kirche hat diese Bücher durch die Überlieferung empfangen und verkündet sie in der Großen Fastenzeit, in der Pascha-Woche und am Lichtsamstag.
- Athanasius zählt im 39. Festbrief (367) auf, was ihm als Schrift überliefert ist, für das Neue Testament genau die siebenundzwanzig Bücher; er ist Zeuge, nicht Urheber des Kanons. „Apokryphen“ heißen nur Schriften, die die Kirche nicht als Heilige Schrift angenommen hat.
Zum Weiterlesen
- Hl. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 2–15 und 27–33 (BKV 1. Serie 29).
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 920–930 (Die Gebete der Agpeya).
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 61–66 (Schrift und Überlieferung).
- Hl. Hieronymus, Briefe, Brief 107 an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter (BKV 2. Reihe 16/18).
Anmerkungen
Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 11.↑
Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 12.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 920.↑
Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 14.↑
Vgl. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 24.↑
Vgl. ebd., Kap. 26; dort nennt er unter anderem den 21. und den 109. Psalm (= Ps 22 und Ps 110 der Einheitsübersetzung).↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 928.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 45.↑
Zu Ps 119 im Mitternachtsgebet vgl. Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 2.2.↑
Hieronymus, Briefe, Brief 107,12 (an Laeta). „Psalterium“ ist das lateinische Wort für den Psalter; „zerstreuen“ steht hier im älteren Sinn von „erheitern“; „Prediger“ ist der ältere Name des Buches Kohelet, „Job“ die ältere Form von „Ijob“.↑
Synaxarium, 1. Tut, Gedenken an die Heilung des gerechten Ijob, S. 3–4; vgl. 2. Baschans, S. 424.↑
Papst Schenouda III., Betrachtungen über die Bergpredigt, Kap. 9.11.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, The Song of Songs. A Patristic Commentary, S. 5 und 8.↑
Hieronymus, Briefe, Brief 53,8 (an Paulinus).↑
Vgl. Hieronymus, Briefe, Brief 107,12 (an Laeta).↑
Papst Schenouda III., Betrachtungen über die Bergpredigt, Kap. 8. Wortlaut des Weiheritus, wie der Papst ihn anführt; die Einheitsübersetzung (1980) liest: „Mein Sohn, wenn du dem Herrn dienen willst, dann mach dich auf Prüfung gefasst!“ (Sir 2:1).↑
Vgl. Damals wie Heute, S. 286.↑
Vgl. Athanasius, Ein Bruchstück aus dem neununddreißigsten Festbriefe, S. 238.↑
Vgl. Synaxarium, 3. Nesi, Gedenken an den ehrwürdigen Erzengel Raphael, S. 630.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1015.↑
Vgl. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 9 und 27.↑
Psalm 151 der Septuaginta, in der koptischen Kirche am Lichtsamstag gesungen („Anok pe pikouji“); nicht in der Einheitsübersetzung.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1069.↑
Der Ritus des Heiligen Pascha in der koptischen Kirche, Samstag der Freude.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑
Gregor von Nyssa, Lebensbeschreibung seiner Schwester Makrina, Kap. 4.↑
Vgl. Athanasius, Ein Bruchstück aus dem neununddreißigsten Festbriefe, S. 238 f.↑
Gregor von Nyssa, Lebensbeschreibung seiner Schwester Makrina, Kap. 4.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36).↑