Thema 15 · Vortrag 1
Die Zeit Jesu und die vier Evangelien
Vorbereitung, Umwelt und Profil der vier Evangelien
17 Min. LesezeitDas Neue Testament im Überblick
Lernziele
- Die religiöse und politische Umwelt Jesu beschreiben (Pharisäer, Sadduzäer, Römer, Samariter).
- Die vier Evangelisten mit je einem Merkmal nennen und mit dem heiligen Irenäus erklären, dass die Kirche genau vier Evangelien empfangen hat.
Schlüsselbegriffe
Neues Testament · Evangelium · Evangelist · Pharisäer · Sadduzäer · Samariter · synoptische Evangelien · Katameros
Bibelstellen
Gal 4:4; Röm 9:4–5; Joh 19:20; Lk 2:1; Lk 3:1; Mk 12:17; Mk 7:3; Apg 23:8; Mt 23:2–3; Apg 5:17; Joh 4:9; Joh 4:22; Lk 10:33; Röm 11:1; Lk 23:34; Mk 1:1; Offb 4:7; Mt 1:22; Mk 10:45; Lk 19:10; Joh 20:31; Joh 2:11
Inhalt
Jeden Sonntag hören wir in der Göttlichen Liturgie einen Abschnitt aus einem der vier Evangelien. Wer Kindern davon erzählen will, muss wissen, aus welchem Evangelium der Abschnitt stammt, in welche Zeit er gehört und was dieser Evangelist besonders von Christus zeigt. Die Liste der Bücher und ihre Kürzel kennst du schon aus Buch 1, Kapitel 2 („Die Heilige Schrift – Wesen und Bücher“).
Das Neue Testament – ein Überblick
Das Neue Testament umfasst siebenundzwanzig Bücher. Sie lassen sich in vier Gruppen ordnen, und jede Gruppe hat eine eigene Aufgabe:
| Gruppe | Bücher | Aufgabe |
|---|---|---|
| Evangelien | Mt, Mk, Lk, Joh | Christus erscheint: sein Kommen, seine Person, sein Werk |
| Apostelgeschichte | Apg | Das Evangelium breitet sich aus, von Jerusalem bis Rom |
| Briefe | vierzehn Paulusbriefe (Röm bis Hebr), sieben katholische, also allgemeine Briefe (Jak bis Jud) | Die Apostel erklären, was Christus getan hat und wie wir mit ihm leben |
| Offenbarung | Offb | Die Vollendung: Christus kommt wieder, Gott macht alles neu |
Die Mitte des ganzen Neuen Testaments ist Christus; darum stehen die Evangelien am Anfang. Schon der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea († um 340), für uns ein Zeuge der Geschichte, schreibt: „An die erste Stelle ist die heilige Vierzahl der Evangelien zu setzen, an welche sich die Apostelgeschichte anschließt. Nach dieser sind die Briefe des Paulus einzureihen.“1
„Als aber die Zeit erfüllt war“ – Gott bereitet die Welt vor
Christus kam nicht zufällig in die Welt. Paulus schreibt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4:4). Gott hatte die Welt auf das Kommen seines Sohnes vorbereitet. Er bereitete ein Volk, eine Sprache und einen Weg.
Das Volk
Gott hatte Israel erwählt; ihm gehören nach Paulus „die Bundesordnungen“, „das Gesetz“ und „die Verheißungen“, und aus ihm stammt „dem Fleisch nach“ der Christus (Röm 9:4–5). Durch das Gesetz, die Psalmen und die Propheten wartete Israel auf den Messias. Lukas erzählt von Menschen, die in dieser Erwartung lebten, etwa von Simeon, der „gerecht und fromm“ war und „auf die Rettung Israels“ wartete (Lk 2:25). Jesus selbst wuchs in diesem Volk auf; er ging „wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge“ (Lk 4:16a). Er kam nicht, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern „um zu erfüllen“ (Mt 5:17).
Die Sprache
Zur Zeit Jesu sprachen viele Völker rund um das Mittelmeer Griechisch. Schon die Heilige Schrift des Alten Testaments lag in einer griechischen Übersetzung vor, der Septuaginta (LXX); sie war die Bibel der Apostel und der Väter. Die Bücher des Neuen Testaments sind uns in griechischer Sprache überliefert und konnten so in kurzer Zeit in vielen Ländern gelesen werden. Wie viele Sprachen sich in dieser Welt begegneten, zeigt das Schild am Kreuz: „Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst“ (Joh 19:20).
Der Weg
Das Land Jesu gehörte zum Römischen Reich. Es herrschte weithin Frieden, und gute Straßen und Seewege verbanden die Städte. Auf diesen Wegen zogen später die Apostel. Lukas beginnt die Geburtsgeschichte mit dem Kaiser in Rom: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen“ (Lk 2:1). Ohne es zu wissen, diente dieser Befehl dem Plan Gottes: Josef zog mit Maria nach Betlehem, in die Stadt Davids (Lk 2:4).
Die Welt, in der Jesus lebte
Die Römer
Die Römer beherrschten das Land. Lukas nennt genau, wer herrschte, als Johannes der Täufer auftrat: Kaiser Tiberius in Rom, „Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa“ (Lk 3:1).2 Judäa wurde also von einem römischen Statthalter regiert; bei der Geburt Jesu hatte noch König Herodes regiert (Mt 2:1). Die Menschen zahlten Steuern an den Kaiser. Die Zöllner, die Abgaben eintrieben, waren wenig angesehen; man fragte empört, wie Jesus „zusammen mit Zöllnern und Sündern essen“ könne (Mt 9:11). Auf die Frage nach der Steuer antwortete Jesus: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mk 12:17a). Später verurteilte der Statthalter Pontius Pilatus Jesus zum Tod am Kreuz.
Die Pharisäer
Die Pharisäer waren eine Gruppe frommer Juden, die das Gesetz des Mose sehr genau halten wollten; Paulus sagt, er habe als Pharisäer „nach der strengsten Richtung unserer Religion gelebt“ (Apg 26:5). Neben der Schrift hielten sie an der „Überlieferung der Alten“ fest, etwa an den Waschungen vor dem Essen (Mk 7:3). Sie glaubten an die Auferstehung der Toten und an die Engel (Apg 23:8). Auch viele Schriftgelehrte, also Lehrer des Gesetzes, gehörten zu ihnen; Markus nennt „die Schriftgelehrten, die zur Partei der Pharisäer gehörten“ (Mk 2:16).
Jesus hat die Pharisäer oft scharf ermahnt, weil manche von ihnen das Äußere wichtiger nahmen als das Herz und anderen Lasten auflegten, die sie selbst nicht trugen. Ihre Lehre aus dem Gesetz verwarf er aber nicht: „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen“ (Mt 23:2–3). Man darf die Pharisäer auch nicht alle gleich sehen. Nikodemus, „ein Pharisäer“, kam zu Jesus, um von ihm zu lernen (Joh 3:1); der Pharisäer Gamaliël riet im Hohen Rat, der obersten Versammlung der Juden in Jerusalem, zur Mäßigung gegenüber den Aposteln (Apg 5:34). Auch Paulus „lebte als Pharisäer nach dem Gesetz“, bevor Christus ihn berief (Phil 3:5).
Die Sadduzäer
Die Sadduzäer standen den Hohepriestern am Tempel in Jerusalem nahe (Apg 5:17). Im Glauben unterschieden sie sich deutlich von den Pharisäern: „Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geister, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu all dem“ (Apg 23:8). Darum stellten sie Jesus eine spitzfindige Frage über die Auferstehung (Mk 12:18), und Jesus antwortete ihnen aus der Schrift.
Die Samariter
Zwischen Galiläa im Norden und Judäa im Süden lag Samarien. Nachdem der König von Assur die Stadt Samaria erobert und die Israeliten verschleppt hatte, siedelte er fremde Völker „in den Städten Samariens“ an (2. Kön 17:6.24). Die Samariter verehrten den Gott Israels, hatten aber einen eigenen Ort der Anbetung auf einem Berg in ihrem Land. Die Samariterin am Brunnen sagt zu Jesus: „Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss“ (Joh 4:20). Zwischen Juden und Samaritern herrschte tiefes Misstrauen; Johannes bemerkt: „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern“ (Joh 4:9).
Gerade hier zeigt Jesus, dass seine Liebe keine Grenzen kennt. Er spricht mit der Samariterin und offenbart sich ihr als Messias (Joh 4). Im Gleichnis ist es „ein Mann aus Samarien“, der dem Verletzten hilft (Lk 10:33). Von zehn geheilten Aussätzigen kehrt nur einer zurück, um zu danken: „Dieser Mann war aus Samarien“ (Lk 17:16). Nach Pfingsten kam Philippus „in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündigte dort Christus“ (Apg 8:5).
Nicht von „den Juden“ pauschal sprechen. Jesus selbst war Jude; die Samariterin nennt ihn so (Joh 4:9), und er sagt: „das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4:22). Seine Mutter, die Apostel und die erste Gemeinde in Jerusalem kamen aus diesem Volk. Paulus fragt: „Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit …“ (Röm 11:1). Christus gab sein Leben aus freiem Willen hin (Joh 10:18), und am Kreuz betete er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23:34a). Wer im Unterricht von „den Juden“ als Schuldigen spricht, widerspricht dem Evangelium: Christus starb für unsere Sünden.
Ein Evangelium in vier Büchern
Evangelium bedeutet „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“. Die vier Verfasser der Evangelien heißen Evangelisten.
Markus beginnt sein Buch mit diesem Wort: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1:1).
Papst Tawadros II. erklärt, warum wir trotz vier Büchern von einem Evangelium sprechen:
„In Wirklichkeit handelt es sich um ein einziges Evangelium (vier Berichte von vier Zeugen), das vom Leben einer Person, nämlich unseres Herrn Jesus Christus, und von einem Werk, nämlich der Erlösung der Menschheit durch Gott, berichtet.“3
Schon im 2. Jahrhundert gab es Gruppen, die nur ein einziges Evangelium gelten lassen wollten oder neue „Evangelien“ hinzufügten. Gegen sie schrieb der heilige Irenäus von Lyon (um 130/140 – um 200), ein Schüler des heiligen Polykarp und darum nahe an der Zeit der Apostel, sein Werk Gegen die Häresien, also gegen die Irrlehren. Dort schreibt er über die Evangelien:
… es versteht sich, dass es weder mehr noch weniger als diese Evangelien geben kann. Da es nämlich in der Welt, in der wir uns befinden, vier Gegenden und vier Hauptwindrichtungen gibt und die Kirche über die ganze Erde ausgesät ist, das Evangelium aber die Säule und Grundfeste der Kirche und ihr Lebenshauch ist, so muss sie naturgemäß auch vier Säulen haben, die von allen Seiten Unsterblichkeit aushauchen und die Menschen wieder beleben. Daraus ergibt sich, dass das Wort, als Urheber des Weltalls, thronend über den Cherubinen und alles umfassend, als es den Menschen sich offenbarte, uns ein viergestaltiges Evangelium gab, das aber von einem Geiste zusammengehalten wird.4
Entscheidend ist sein Zeugnis: Die Kirche hat genau diese vier Evangelien empfangen, während die Irrlehrer seiner Zeit nur eines davon oder ein verkürztes gebrauchten. Gerade darin sieht er ihre Zuverlässigkeit: „Die Zuverlässigkeit der Evangelien aber ist so groß, daß selbst die Häretiker für sie Zeugnis ablegen“.5 Die vier Weltgegenden und die vier Säulen, die vier Gesichter der Kerubim (Ez 1:10; Offb 4:7) und das viergestaltige Evangelium sind seine Bilder dafür. Das Wichtigste sagt er zuletzt: Die vier Bücher werden „von einem Geiste zusammengehalten“ – vier Zeugen, ein Heiliger Geist, ein Christus. An anderer Stelle sagt Irenäus von den Aposteln: „Was sie zuerst gepredigt und dann nach dem Willen Gottes uns schriftlich überliefert haben, das sollte das Fundament und die Grundsäule unseres Glaubens werden.“6
Die vier Gestalten. Irenäus deutet die vier Gesichter – Löwe, Stier, Mensch und Adler (Offb 4:7) – auf die Evangelien: Johannes auf den Löwen, Lukas, der mit dem Priester Zacharias beginnt, auf den Stier, Matthäus mit dem Stammbaum auf den Menschen und Markus auf den Adler.7 Die koptische Kirche ordnet anders: Matthäus ist der Mensch, weil er die Abstammung Christi erzählt, Markus der Löwe, weil er Christus als den Starken und Wundertäter zeigt, Lukas der Stier, weil er von den Opfern spricht, und Johannes der Adler, weil er von der Gottheit Christi spricht.8 Solche Zuordnungen sind Bilder, keine Glaubenssätze.
Die vier Evangelisten und ihr Profil
Jeder Evangelist hat dasselbe Evangelium für bestimmte Hörer geschrieben und dabei eine Seite Christi besonders hervorgehoben. Papst Tawadros II. fasst es so zusammen: Matthäus schrieb „vor allem an die Juden über Christus, den König“, Markus „vor allem an die Römer über den mächtigen Christus“, Lukas „vor allem an die Griechen über Christus, den Menschensohn“ und Johannes „vor allem an die ganze Welt über Christus, den menschgewordenen Gott“.9
| Evangelist | Wer er war | Für wen er vor allem schrieb | Christus als … | Ein Kennzeichen | Kernvers |
|---|---|---|---|---|---|
| Matthäus | Zöllner, einer der Zwölf (Mt 9:9) | Juden | König, Erfüller der Schrift | „damit sich erfüllte …“; Bergpredigt (Mt 5–7) | Mt 5:17 |
| Markus | Johannes Markus, Begleiter des Petrus und des Paulus | Römer | der mächtige Sohn Gottes | kurz, schnell, voller Taten | Mk 10:45 |
| Lukas | Arzt, Begleiter des Paulus (Kol 4:14) | Griechen | Menschensohn, Retter aller | sorgfältiger Bericht; Arme und Sünder | Lk 19:10 |
| Johannes | Apostel, „der, den Jesus liebte“ (Joh 13:23) | die ganze Welt | menschgewordener Gott | „Ich bin“-Worte, Zeichen, lange Reden | Joh 20:31 |
Matthäus – Christus, der König
Matthäus saß „am Zoll“, als Jesus ihn rief (Mt 9:9). Sein Evangelium beginnt mit dem Stammbaum Jesu, „des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ (Mt 1:1). Für Leser, die das Alte Testament kannten, zeigt er, dass Jesus der verheißene König aus dem Haus David ist. Immer wieder heißt es: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat“ (Mt 1:22). Bei Matthäus finden wir die große Bergpredigt (Mt 5–7), in der Jesus sagt, er sei gekommen, das Gesetz „zu erfüllen“ (Mt 5:17). Nach Irenäus schrieb Matthäus sein Evangelium „bei den Hebräern in hebräischer Sprache“.10
Markus – der mächtige Sohn Gottes
Markus heißt in der Apostelgeschichte „Johannes mit dem Beinamen Markus“; im Haus seiner Mutter Maria versammelte sich die erste Gemeinde zum Gebet (Apg 12:12). Er begleitete Paulus und Barnabas, seinen Vetter (Apg 12:25; Kol 4:10), und Petrus nennt ihn „mein Sohn Markus“ (1. Petr 5:13b). Für uns Kopten ist er der Apostel Ägyptens: Er gründete die Kirche von Alexandrien und starb dort als Märtyrer; die Kirche feiert sein Martyrium am 30. Baramuda.11 Papst Schenouda III. schreibt im Vorwort seines Buches über ihn:
Wir verdanken unseren Glauben diesem großen Heiligen, der, damit das Wort des Herrn zu uns gelange, in unserem Land den Namen Christi verkündet und auf unserem Boden sein reines Blut vergossen hat.12
Das Markusevangelium ist knapp; schon Irenäus nennt seine Botschaft „knapp und vorwärtseilend“.13 Es beginnt ohne Kindheitsgeschichte sofort mit dem Wirken Jesu und erzählt mehr Taten als Reden. Papst Schenouda III. erklärt das mit den Lesern: „Mari Markus war sich bewusst, dass die Römer ein Volk der Tat und nicht des Nachdenkens waren, so präsentierte er ihnen Christus in seinem Wirken und seiner Macht.“14 Darum übersetzt er Wörter aus dem Aramäischen, der Sprache, die Jesus sprach, wie „Talita kum!“ (Mk 5:41). Der mächtige Herr ist aber zugleich der Diener aller: „… auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10:45).
Lukas – der Retter aller Menschen
Lukas war „der Arzt“ (Kol 4:14) und blieb bei Paulus bis zuletzt: „Nur Lukas ist noch bei mir“ (2. Tim 4:11). Nach der Überlieferung der Kirche stammte er aus Antiochia und gehörte zu den Siebzig, die der Herr aussandte (vgl. Lk 10:1).15 Er schrieb das Evangelium und die Apostelgeschichte, beide an Theophilus (Lk 1:3; Apg 1:1), und hatte sich entschlossen, „allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen“ (Lk 1:3a). Lukas zeigt den Menschensohn, der „den Armen eine gute Nachricht“ bringt (Lk 4:18), von Frauen begleitet wird (Lk 8:1–3) und sich „mit Sündern“ abgibt (Lk 15:2); bei ihm stehen die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn (Lk 10; 15). Sein Kernsatz lautet: „… der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19:10).
Johannes – das Wort, das Fleisch geworden ist
Johannes, der Sohn des Zebedäus (Mk 1:19), nennt sich selbst „der, den Jesus liebte“ (Joh 13:23; vgl. Joh 21:24). Er beginnt nicht in Betlehem, sondern vor aller Zeit: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1:1), und: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1:14a). Johannes erzählt von Zeichen Jesu, beginnend mit der Hochzeit zu Kana (Joh 2:11), und überliefert die „Ich bin“-Worte Jesu, etwa: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11:25a). Er selbst sagt, warum er geschrieben hat: „Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20:31).
Die synoptischen Evangelien und das Johannesevangelium
Die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas heißen synoptische Evangelien. Sie erzählen das Wirken Jesu in ähnlicher Reihenfolge: Taufe und Versuchung, Wirken in Galiläa, Weg nach Jerusalem, Leiden, Tod und Auferstehung. Viele Abschnitte stehen bei allen dreien mit fast gleichen Worten. Der Name kommt vom griechischen synopsis, „Zusammenschau“: Man kann die drei Evangelien nebeneinander lesen und vergleichen.
Das Johannesevangelium geht einen eigenen Weg. Johannes erzählt weniger Gleichnisse, dafür lange Reden Jesu, etwa die Abschiedsreden beim letzten Mahl (Joh 14–17). Er berichtet von mehreren Festen, zu denen Jesus nach Jerusalem hinaufzog (Joh 2:13; 5:1; 7:2; 10:22). Eusebius bemerkt, Johannes erzähle vor allem, „was Christus getan hatte, noch ehe der Täufer ins Gefängnis geworfen wurde“, während die übrigen drei die Ereignisse danach berichten; zu Beginn belehre Johannes „über dessen göttliches Wesen“.16 Nach einer Überlieferung, die Eusebius vom Lehrer Clemens von Alexandrien wiedergibt, habe Johannes zuletzt, „vom Geiste inspiriert ein geistiges Evangelium verfasst“.17
Die vier Evangelien stehen nicht gegeneinander; Papst Tawadros II. sagt: „In dieser Form vervollständigen sie sich gegenseitig.“18 Die Speisung der Fünftausend etwa steht in allen vier (Mt 14:13–21; Mk 6:30–44; Lk 9:10–17; Joh 6:1–15), jedes Mal mit eigenen Einzelheiten.
Wann genau die einzelnen Evangelien geschrieben wurden, ist nicht sicher überliefert. Die alten Zeugen nennen Matthäus zuerst und Johannes zuletzt: So ordnet Irenäus die vier, und Clemens berichtet, die Evangelien mit den Stammbäumen seien zuerst geschrieben worden.19 Viele heutige Bibelforscher halten das Markusevangelium für das älteste. Für unseren Glauben ist diese Frage nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass alle vier vom Heiligen Geist geführt wurden und dass die Kirche sie als Heilige Schrift empfangen und überliefert hat.
Das Evangelium des Sonntags einordnen
Welche Abschnitte an welchem Tag gelesen werden, ordnet der Katameros, das Lesungsbuch der Kirche. Wie die Lesungen in der Göttlichen Liturgie aufeinander folgen, weißt du aus Buch 1, Kapitel 8 („Die Göttliche Liturgie – Aufbau und Lesungen“); das Evangelium bildet ihren Höhepunkt. Um einen Abschnitt einzuordnen, helfen drei Fragen:
- Welcher Evangelist? Was zeigt er besonders von Christus (König, mächtiger Sohn Gottes, Retter aller, menschgewordenes Wort)?
- Wo im Leben Jesu? Kindheit, Taufe und Beginn, Wirken in Galiläa, Weg nach Jerusalem, Leiden und Auferstehung.
- Warum heute? Was will die Kirche uns an diesem Tag mit diesem Abschnitt sagen?
Ein Beispiel sind die Sonntage der Großen Fastenzeit. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty zeigt, dass ihre Evangelien einen Weg bilden: zuerst Abschnitte aus der Bergpredigt über Almosen, Gebet und Fasten (Mt 6:1–18) und über den himmlischen Schatz (Mt 6:19–33), dann die Versuchung Jesu in der Wüste (Mt 4), danach der verlorene Sohn (Lk 15), die Samariterin (Joh 4), der Gelähmte am Teich Betesda (Joh 5) und der Blindgeborene (Joh 9).20 Der Weg führt also von Matthäus über Lukas zu Johannes: von der Ordnung des geistlichen Lebens über die Umkehr zur Heilung und Erleuchtung durch Christus.
Für den Dienst
Das Evangelium des Sonntags vorbereiten. Lies vor der Sonntagsschule oder vor deinem Dienst das Evangelium des Tages und stelle die drei Fragen. Welcher Abschnitt an diesem Sonntag gelesen wird, steht im Katameros, den deine Gemeinde gebraucht; weißt du es nicht, frag den Diakon oder Abuna. Schon kleine Kinder können sich merken, aus welchem Evangelium der Abschnitt stammt. Mit Jugendlichen kannst du zwei Evangelien vergleichen, etwa die Speisung der Fünftausend bei Markus und bei Johannes.
Das Leben Jesu für Kinder. Kinder brauchen einen roten Faden. Erzähle das Leben Jesu in klaren Stationen: Geburt und Kindheit, Taufe, Wirken in Galiläa, Weg nach Jerusalem, Leiden, Auferstehung und Himmelfahrt. Erzähle eine Geschichte möglichst nach einem Evangelium und füge nichts hinzu, was nicht in der Schrift steht. Bei den Kleinen steht die Liebe Jesu im Mittelpunkt, der die Kinder „in seine Arme“ nahm und sie segnete (Mk 10:16). Die Karte des Landes (oben) hilft, Orte wie Nazaret, Kafarnaum und Jerusalem zu zeigen.
Gerecht über andere sprechen. Mache Pharisäer und Sadduzäer nicht zu Witzfiguren. Zeige, wovor Jesus warnt – Heuchelei und Hochmut –, und frage, wo diese Gefahr bei uns selbst liegt.
Wie Markus dienen. Markus, der Apostel Ägyptens, hatte als Helfer von Paulus und Barnabas einmal aufgegeben (Apg 13:5.13). Später schrieb Paulus über ihn: „er wird mir ein guter Helfer sein“ (2. Tim 4:11b). Kein Diener muss fertig sein, wenn er beginnt.
Das Wichtigste in Kürze
- Gott bereitete das Kommen Christi vor: durch das Volk Israel, durch eine gemeinsame Sprache und durch die Wege des Römischen Reiches (Gal 4:4).
- Zur Umwelt Jesu gehören die Römer mit ihrem Statthalter, die gesetzestreuen Pharisäer, die Sadduzäer, die die Auferstehung leugneten, und die Samariter mit ihrem eigenen Ort der Anbetung.
- Wir sprechen nie pauschal von „den Juden“; Jesus, Maria und die Apostel kamen aus diesem Volk, und Christus gab sein Leben freiwillig für unsere Sünden.
- Es gibt ein Evangelium in vier Büchern. Der heilige Irenäus bezeugt, dass die Kirche genau diese vier empfangen hat und es „weder mehr noch weniger“ geben kann; die vier Säulen und das viergestaltige Evangelium sind seine Bilder dafür, und die vier werden „von einem Geiste zusammengehalten“.
- Matthäus zeigt Christus als König für die Juden, Markus als mächtigen Sohn Gottes für die Römer, Lukas als Menschensohn und Retter für die Griechen, Johannes als menschgewordenen Gott für die ganze Welt.
- Matthäus, Markus und Lukas heißen synoptische Evangelien; Johannes ergänzt sie mit Reden, Zeichen und der Botschaft vom ewigen Wort.
- Der Katameros ordnet die Lesungen; das Evangelium des Sonntags ordnet man nach Evangelist, Station im Leben Jesu und Anlass ein.
Zum Weiterlesen
- Papst Tawadros II.: Mein Glaube, Fr. 103–104.
- Papst Schenouda III.: Der Augenzeuge Gottes, Abba Markus, der Apostel, Evangelist und Märtyrer, Kap. 15 „Das Markusevangelium“.
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1032 (Sonntage der Großen Fastenzeit).
- Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1 und 11 (BKV 1. Reihe 3).
Anmerkungen
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch III, Kap. 25.↑
Ein Tetrarch, wörtlich „Vierfürst“, herrschte unter der Oberhoheit Roms über einen Teil des Landes; gemeint ist Herodes Antipas, ein Sohn des Königs Herodes.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 103.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11,8. „Cherubinen“ ist die Wortform der Übersetzung; die Einheitsübersetzung sagt „Kerubim“.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11,7.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1,1.↑
Vgl. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11,8.↑
Vgl. Synaxarium, 22. Babeh, S. 88.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 103.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1,1.↑
Vgl. Synaxarium, 30. Baramuda, S. 420–422; dort auch die Überlieferung, er sei einer der Siebzig gewesen (vgl. Lk 10:1). Die koptische Überlieferung spricht von siebzig; die Einheitsübersetzung liest in Lk 10:1 „zweiundsiebzig“.↑
Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Abba Markus, der Apostel, Evangelist und Märtyrer, Vorwort.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 11,8.↑
Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 15.4. „Mari Markus“ ist die Namensform dieser Ausgabe.↑
Vgl. Synaxarium, 22. Babeh, S. 88.↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch III, Kap. 24.↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VI, Kap. 14.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 103.↑
Vgl. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1,1; Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VI, Kap. 14.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1032.↑