Thema 15 · Vortrag 2
Apostelgeschichte und Paulusbriefe
Von Pfingsten bis Rom – und die vierzehn Briefe des Apostels
17 Min. LesezeitDas Neue Testament im Überblick
Lernziele
- Alle vierzehn Paulusbriefe den fünf Gruppen zuordnen und je Gruppe einen Kernvers angeben.
- Die Reisen des Paulus auf der Karte verfolgen.
Schlüsselbegriffe
Apostelgeschichte · Pfingsten · Apostelkonzil · Missionsreise · Paulusbriefe · Hauptbriefe · Gefangenschaftsbriefe · Pastoralbriefe
Bibelstellen
Apg 1:8; Apg 2:42; Apg 10:34–35; Apg 15:1; Apg 15:28; Apg 13:2; Apg 16:9; Apg 28:30–31; 1. Thess 5:16–18; Röm 12:1; Phil 4:4; 1. Tim 4:16; Hebr 13:8; Gal 5:6; Eph 2:8–10; Röm 12:4–5; Röm 12:21
Inhalt
Mit der Himmelfahrt Christi endet die Geschichte der Kirche nicht, sie beginnt. Die Apostelgeschichte erzählt, wie der Heilige Geist an Pfingsten kommt und das Evangelium von Jerusalem bis nach Rom gelangt. Im zweiten Teil steht der Apostel Paulus im Mittelpunkt, aus dessen vierzehn Briefen wir in jeder Göttlichen Liturgie einen Abschnitt als Lesung „Paulus“ hören. Wer Kindern und Jugendlichen diese Briefe auslegt, muss sie einordnen können. Paulus ist dabei auch ein Vorbild für den Dienst: Er gab sein ganzes Leben für die ihm Anvertrauten hin.
Die Apostelgeschichte – das zweite Buch des Lukas
Die Apostelgeschichte beginnt mit einem Rückblick auf das Evangelium: „Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat“ (Apg 1:1). Lukas setzt also seinen Bericht fort. Den Plan des ganzen Buches nennt der auferstandene Herr selbst kurz vor seiner Himmelfahrt:
Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.
Genau so ist das Buch aufgebaut: Zuerst wirken die Apostel in Jerusalem (Apg 1–7), dann breitet sich der Glaube in Judäa und Samarien aus (Apg 8–12), schließlich tragen ihn Paulus und seine Begleiter zu den Völkern, bis nach Rom (Apg 13–28). Im ersten Teil steht vor allem Petrus im Vordergrund, im zweiten Paulus. Das Buch endet in Rom, wo Paulus „ungehindert und mit allem Freimut“ das Evangelium verkündet (Apg 28:31). In der Liturgie heißt die Lesung aus der Apostelgeschichte Praxis.
Pfingsten und die erste Gemeinde
Fünfzig Tage nach der Auferstehung kommt der Heilige Geist auf die Jünger herab: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2:4). Dann „trat Petrus auf, zusammen mit den Elf“ (Apg 2:14) und hielt die erste Predigt der Kirche. Die Hörer fragten, was sie tun sollten, und Petrus antwortete: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“ (Apg 2:38b). „An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt“ (Apg 2:41).
Wie diese erste Gemeinde lebte, fasst Lukas in einem einzigen Satz zusammen, der bis heute das Leben der Kirche beschreibt:
Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.
Lehre der Apostel, Gemeinschaft, Eucharistie und Gebet – diese vier gehören bis heute zusammen, in jeder Gemeinde und auch in jeder Sonntagsschulklasse.
Das Evangelium breitet sich aus (Apg 8; 10)
Nach dem Tod des Stephanus, des ersten Märtyrers, der für seine Mörder betete (Apg 7:59–60), „brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein“ (Apg 8:1). Doch gerade so wuchs die Kirche: „Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort“ (Apg 8:4).
- Samarien (Apg 8): Philippus kam „in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündigte dort Christus“ (Apg 8:5). Die Samariter, mit denen die Juden früher nicht verkehrten, wurden Brüder in Christus. Auf der Straße „von Jerusalem nach Gaza“ taufte Philippus einen Äthiopier, den Kämmerer der Königin der Äthiopier, also einen hohen Hofbeamten (Apg 8:26–27.36.38).
- Saulus (Apg 9): Vor Damaskus begegnete der Verfolger dem auferstandenen Herrn: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9:4). Christus nannte ihn „mein auserwähltes Werkzeug“ (Apg 9:15).
- Kornelius (Apg 10): Der Hauptmann Kornelius in Cäsarea war ein Heide (Apg 10:1). Petrus verstand im Haus des Kornelius: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist“ (Apg 10:34b–35). Noch während Petrus sprach, „kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten“ (Apg 10:44), und sie wurden getauft.
- Antiochia (Apg 11): In Antiochia verkündeten Gläubige „auch den Griechen das Evangelium“ (Apg 11:20), und es entstand eine Gemeinde aus Juden und Heiden; „in Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen“ (Apg 11:26b). Von dort gingen die Reisen des Paulus aus.
Das Apostelkonzil (Apg 15)
Mit den Heiden, die Christen wurden, entstand eine ernste Frage. Einige Leute aus Judäa lehrten: „Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden“ (Apg 15:1b). Es ging also darum, ob Christen aus den Heiden beschnitten werden und das ganze Gesetz des Mose halten müssen. Um diese Frage zu klären, traten in Jerusalem „die Apostel und die Ältesten“ zusammen (Apg 15:6); man nennt diese Versammlung das Apostelkonzil.
Petrus erinnerte an Kornelius und bekannte: „Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene“ (Apg 15:11). Barnabas und Paulus erzählten, was Gott unter den Heiden getan hatte, und Jakobus sprach zum Schluss (Apg 15:12–13). Die Versammlung schrieb einen Brief an die Gemeinden mit dem Satz: „… der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge“ (Apg 15:28). Die Heidenchristen sollten nur einiges Wenige meiden, darunter Götzenopferfleisch und Unzucht (Apg 15:29), aber nicht beschnitten werden.
Die Versammlung der Apostel und Ältesten in Jerusalem (Apg 15), die unter der Führung des Heiligen Geistes entschied, dass Christen aus den Heiden nicht beschnitten werden müssen.
Das Apostelkonzil ist das Vorbild aller Synoden der Kirche, der Versammlungen ihrer Bischöfe: Wenn eine Frage den Glauben berührt, entscheidet nicht ein Einzelner, sondern die Apostel und Ältesten gemeinsam, im Gehorsam gegenüber dem Heiligen Geist. Es ging dort nicht um die Frage, ob Paulus ein echter Apostel sei; die „Säulen“ der Kirche gaben ihm vielmehr die Hand „zum Zeichen der Gemeinschaft“ (Gal 2:9).
Paulus – vom Verfolger zum Apostel der Heiden
Saulus stammte aus Tarsus in Zilizien (Apg 22:3) und lebte als Pharisäer streng nach dem Gesetz (Phil 3:5). Er schreibt selbst: „wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte“ (Gal 1:13). Nach seiner Bekehrung wurde er „Apostel der Heiden“ (Röm 11:13b); das Evangelium „für die Unbeschnittenen“ war ihm anvertraut „wie dem Petrus für die Beschnittenen“ (Gal 2:7). Wie Paulus als Diener lebte – mit Tränen, Sorge und Freude –, hast du in Thema 1 („Berufen zum Dienst“) gesehen: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1. Kor 9:16), und dazu „die Sorge für alle Gemeinden“ (2. Kor 11:28).
Die Reisen des Paulus
Die Apostelgeschichte erzählt drei große Missionsreisen und die Fahrt als Gefangener nach Rom. Alle Reisen beginnen mit dem Ruf Gottes. In Antiochia sprach der Heilige Geist, als die Gemeinde „zu Ehren des Herrn Gottesdienst“ feierte und fastete: „Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie mir berufen habe“ (Apg 13:2b).
| Reise | Bibelstellen | Begleiter | Wichtige Orte | Ein Ereignis |
|---|---|---|---|---|
| Erste Missionsreise | Apg 13–14 | Barnabas, anfangs Johannes Markus | Antiochia, Seleuzia, Zypern (Salamis, Paphos), Perge, Antiochia in Pisidien, Ikonion, Lystra, Derbe | Markus kehrt in Perge um (Apg 13:13) |
| Zweite Missionsreise | Apg 15:36–18:22 | Silas, Timotheus | Derbe, Lystra, Troas, Philippi, Thessalonich, Beröa, Athen, Korinth, Ephesus | der Ruf nach Mazedonien (Apg 16:9); Lydia in Philippi (Apg 16:14) |
| Dritte Missionsreise | Apg 18:23–21:17 | Timotheus und andere (Apg 20:4) | Galatien, Phrygien, Ephesus, Mazedonien, Griechenland, Troas, Milet, Jerusalem | drei Jahre in Ephesus (Apg 20:31); Abschied in Milet (Apg 20:17–38) |
| Gefangenschaft und Fahrt nach Rom | Apg 21–28 | Aristarch und andere (Apg 27:2) | Jerusalem, Cäsarea, Kreta, Malta, Rom | Schiffbruch vor Malta (Apg 27:1–28:1) |
Auf der ersten Reise zogen Barnabas und Paulus, „vom Heiligen Geist ausgesandt“, über Zypern in das Hochland Kleinasiens (Apg 13:4). Auf der zweiten Reise sah Paulus in Troas in der Nacht einen Mazedonier, der ihn bat: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ (Apg 16:9). So kam das Evangelium über das Meer nach Philippi, Thessalonich und Korinth, wo Paulus „ein Jahr und sechs Monate“ blieb (Apg 18:11). In Athen sprach er auf dem Areopag, dem Hügel des Rates von Athen, über den Altar „EINEM UNBEKANNTEN GOTT“ (Apg 17:23). Auf der dritten Reise blieb er lange in Ephesus, sodass „alle Bewohner der Provinz Asien“ das Wort hörten (Apg 19:10). In Troas versammelte sich die Gemeinde „am ersten Wochentag“, „um das Brot zu brechen“ (Apg 20:7). In Jerusalem wurde Paulus verhaftet, blieb zwei Jahre in Cäsarea in Haft (Apg 24:27) und legte „Berufung beim Kaiser“ ein (Apg 25:11), verlangte also, vor dem Gericht des Kaisers in Rom gehört zu werden. Nach einem Schiffbruch vor Malta kam er nach Rom:
Er blieb zwei volle Jahre in seiner Mietwohnung und empfing alle, die zu ihm kamen. Er verkündete das Reich Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, den Herrn, vor.
Als Paulus den Römerbrief schrieb, gab es in Rom schon Christen, deren Glaube „in der ganzen Welt verkündet“ wurde (Röm 1:8). Der heilige Irenäus erinnert an die Zeit, „als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten“.1 Beide Apostel erlitten in Rom unter Kaiser Nero das Martyrium; die Kirche feiert ihr Fest am 5. Abib.2 Der letzte Brief des Paulus, der zweite an Timotheus, klingt wie ein Testament: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten“ (2. Tim 4:7).
Die vierzehn Paulusbriefe
Paulus schrieb an Gemeinden, die er gegründet oder besucht hatte, aber auch an Gemeinden, die er noch nicht persönlich kannte (Röm 1:13; Kol 2:1), und an einzelne Mitarbeiter. Seine Briefe wurden in den Gemeinden vorgelesen und an andere weitergegeben (Kol 4:16). Das Synaxarium sagt kurz: „Er schrieb vierzehn Briefe.“3 So zählt sie auch der heilige Athanasius, mit dem Hebräerbrief, in seinem 39. Festbrief; mit solchen Briefen kündigte der Papst von Alexandrien jedes Jahr den Tag des Auferstehungsfestes an.4 Wie sehr die Väter diese Briefe liebten, zeigt der heilige Johannes Chrysostomus am Anfang seiner Homilien (Predigten) über den Römerbrief:
Immer wenn ich aus den Briefen des hl. Paulus vorlesen höre – und es ist dies wöchentlich zweimal der Fall, oft aber auch dreimal und viermal, wenn wir nämlich Gedächtnistage heiliger Märtyrer feiern –, erfreue ich mich daran, den Schall dieser geistigen Posaune zu genießen.5
In der Bibel stehen die Briefe nicht in der Reihenfolge, in der sie geschrieben wurden. Schon Chrysostomus bemerkt, der Brief an die Thessalonicher sei früher als die an die Korinther, der Römerbrief später geschrieben.6 Damit du die vierzehn Briefe leicht behältst, ordnen wir sie in fünf Gruppen. Zu jeder Gruppe gehört ein Kernvers, den du auswendig kennen sollst.
| Gruppe | Briefe | Worum es geht | Kernvers |
|---|---|---|---|
| Thessalonicherbriefe | 1. Thess, 2. Thess | eine junge Gemeinde in Bedrängnis; Hoffnung auf die Wiederkunft | 1. Thess 5:16–18 |
| Hauptbriefe | Röm, 1. Kor, 2. Kor, Gal | das Evangelium der Gnade; Leben und Ordnung der Gemeinde | Röm 12:1 |
| Gefangenschaftsbriefe | Eph, Phil, Kol, Phlm | Christus, das Haupt der Kirche; Freude in der Gefangenschaft | Phil 4:4 |
| Pastoralbriefe | 1. Tim, 2. Tim, Tit | Hirten der Kirche, gesunde Lehre, Ordnung der Gemeinde | 1. Tim 4:16 |
| Hebräerbrief | Hebr | Christus, der ewige Hohepriester, und sein Opfer | Hebr 13:8 |
Die Thessalonicherbriefe
Paulus hatte Thessalonich auf der zweiten Reise rasch verlassen müssen (Apg 17:10). Er schreibt „an die Gemeinde von Thessalonich“ (1. Thess 1:1), um sie in der Bedrängnis zu stärken und zu trösten: Wer in Christus gestorben ist, ist nicht verloren (1. Thess 4:13–14). Im zweiten Brief warnt er vor der Meinung, „der Tag des Herrn sei schon da“ (2. Thess 2:2). Der Kernvers zeigt, wie Christen auf die Wiederkunft warten:
Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört.
Die Hauptbriefe
Die vier großen Briefe tragen die Grundlehren des Apostels. Im Römerbrief schreibt Paulus an eine Gemeinde, die er noch nicht besucht hat (Röm 1:11): Alle Menschen brauchen die Erlösung (Röm 3:23), und das Evangelium „ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (Röm 1:16). In den beiden Korintherbriefen antwortet er auf Spaltungen (1. Kor 1:10) und Fragen einer lebendigen, aber zerstrittenen Gemeinde; dort stehen die Einsetzung der Eucharistie (1. Kor 11:23–26), das Hohelied der Liebe (1. Kor 13) und das große Kapitel über die Auferstehung (1. Kor 15). Im Galaterbrief verteidigt er die Freiheit der Heidenchristen gegenüber denen, die die Beschneidung verlangten – dieselbe Frage wie beim Apostelkonzil.
Paulus lehrt, dass wir aus Gnade gerettet werden und nicht durch eigene Leistung. Er lehrt aber nicht, dass Werke unnötig seien. Es kommt darauf an, „den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5:6b). Und an die Epheser schreibt er: „… aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat“ (Eph 2:8–10). Glaube und gute Werke gehören zusammen; davon spricht auch der Jakobusbrief.
Die Gefangenschaftsbriefe
Vier Briefe schrieb Paulus als Gefangener: Er nennt sich „der Gefangene Christi Jesu“ (Eph 3:1; Phlm 1), spricht von seinen „Fesseln“ (Kol 4:18) und davon, dass er „um Christi willen im Gefängnis“ ist (Phil 1:13). Im Epheser- und Kolosserbrief steht Christus als Haupt der Kirche im Mittelpunkt: „Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche“ (Kol 1:18a). Christus ist „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1:15), und „in ihm allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes“ (Kol 2:9) – er ist nicht der Vater, sondern der Sohn, der uns den Vater zeigt. Der Philipperbrief ist ein Brief der Freude, geschrieben aus dem Gefängnis; der Kernvers lautet: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4:4). Der kleine Philemonbrief bittet einen Christen, seinen entlaufenen Sklaven Onesimus „nicht mehr als Sklaven“, sondern „als geliebten Bruder“ aufzunehmen (Phlm 16).
Die Pastoralbriefe
Die Briefe an Timotheus, den Paulus in Ephesus zurückließ (1. Tim 1:3), und an Titus auf Kreta (Tit 1:5) heißen Pastoralbriefe, „Hirtenbriefe“, weil sie Hirten der Kirche anleiten. Paulus spricht über die Aufgaben der Bischöfe, Ältesten und Diakone und nennt die Kirche „die Säule und das Fundament der Wahrheit“ (1. Tim 3:15). Timotheus soll weitergeben, was er gehört hat: „das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren“ (2. Tim 2:2b). Der Kernvers ist der Leitvers unseres Kurses:
Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören.
Der Hebräerbrief
Der Hebräerbrief ist in der koptischen Kirche der vierzehnte Paulusbrief; in der Liturgie wird er als „Paulus“ gelesen. Er beginnt nicht mit einem Gruß, sondern mit Christus: „In dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1:2a). Christus ist der Hohepriester, „der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4:15b); durch die Opfergabe seines Leibes sind wir „ein für alle Mal geheiligt“ (Hebr 10:10). Kapitel 11 erzählt von den Glaubenden des Alten Bundes. Schon die alten Kirchenschriftsteller fragten, warum Paulus hier seinen Namen nicht nennt; Clemens von Alexandrien meint nach dem Bericht des Eusebius, er habe sich den Hebräern gegenüber „aus Bescheidenheit“ nicht als ihr Apostel bezeichnet.7 Der Kernvers lautet: „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13:8).
Ein Brief, fünf Fragen
Jeden Brief kannst du mit fünf Fragen erschließen:
- Wer? Wer schreibt an wen, und von wo?
- Was? Was ist der Inhalt?
- Warum? Was war der Anlass?
- Wie? In welchem Ton und mit welchem Aufbau schreibt Paulus?
- Kernvers: Welcher Vers fasst den Brief zusammen?
Ein Beispiel ist der Philemonbrief: Wer? Paulus, „Gefangener Christi Jesu“, mit Timotheus an Philemon (Phlm 1). Was? Eine Bitte für Onesimus, „dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin“ (Phlm 10). Warum? Paulus schickt Onesimus zu seinem Herrn zurück (Phlm 12); er soll als Bruder aufgenommen werden. Wie? Paulus könnte befehlen, zieht es aber „um der Liebe willen“ vor zu bitten (Phlm 8–9). Kernvers: „nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder“ (Phlm 16a). Das Arbeitsblatt im Arbeitsheft hilft dir, die Briefe so zu erschließen.
Röm 12 – eine ganze Lebenslehre
Papst Schenouda III. hat dem zwölften Kapitel des Römerbriefes ein eigenes Buch gewidmet. Er zählt es zu den Kapiteln der Bibel, die „von nützlicher Lebenslehre erfüllt sind“, wie die Bergpredigt (Mt 5–7) und das Hohelied der Liebe (1. Kor 13), und nennt es eines der zentralen unter ihnen.8 Das Kapitel lässt sich in drei Schritte gliedern.
Das Leben als Gottesdienst (Röm 12:1–2). Der Kernvers der Hauptbriefe steht am Anfang: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst“ (Röm 12:1). Papst Schenouda III. erklärt: „Seien wir ein lebendiges Opfer, indem wir unseren Leib mit unseren Sehnsüchten kreuzigen und ihn als heiliges Opfer Gott darbringen.“9 Wie das im Alltag aussieht, sagt der heilige Johannes Chrysostomus:
Das Auge schaue nichts Sündhaftes an, und es ist zum Opfer geworden; die Zunge rede nichts Schlimmes, und sie ist zur Opfergabe geworden; die Hand tue nichts Verbotenes, und sie ist zum Brandopfer geworden. Ja, das genügt noch nicht, sondern es bedarf auch guter Taten: die Hand gebe Almosen, der Mund spreche Segenswünsche gegen Widersacher aus, das Ohr sei stets zum Anhören von Reden über göttliche Dinge bereit.10
Ein Leib, viele Gaben (Röm 12:3–8). „So sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören“ (Röm 12:5). Jeder hat seine Gabe: dienen, lehren, trösten, geben (Röm 12:7–8). Papst Schenouda III. beschreibt den Diener so: „Der wahre Diener fühlt die Bedürfnisse der anderen zu jeder Zeit.“ Und er warnt: „Wer im Dienst konkurriert, nimmt sich selbst wichtiger als den Dienst.“11
Die Liebe im Alltag (Röm 12:9–21). „Eure Liebe sei ohne Heuchelei“ (Röm 12:9a): einander achten, eifrig dienen, fröhlich hoffen, beharrlich beten, Gastfreundschaft üben, segnen statt fluchen. Das Kapitel endet mit dem Satz: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12:21).
Für den Dienst
Mit Kindern auf Reisen gehen. Lege die Karte der Reisen auf den Tisch und lass die Kinder mit dem Finger den Weg des Paulus verfolgen, während du erzählst: von Antiochia nach Zypern, von Troas über das Meer nach Philippi, vom Schiffbruch vor Malta bis nach Rom. So bleiben Orte und Ereignisse im Gedächtnis.
Die Lesung „Paulus“ einordnen. Wenn in der Liturgie der Paulus gelesen wird, frage dich: Aus welcher Gruppe stammt der Brief? Die fünf Fragen helfen dir, einen Abschnitt für Jugendliche aufzuschlüsseln.
Röm 12 als Spiegel. Papst Schenouda III. rät: „Ich empfehle dir, lieber Leser, dass du die Verse dieses Kapitels auswendig lernst“.12 Lies Röm 12 vor einem Dienertreffen und prüfe dich: Konkurriere ich, oder sehe ich, was den anderen fehlt?
Paulus als Vorbild. Paulus konnte sagen: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1. Kor 11:1). Ein Diener darf nur dorthin führen, wohin er selbst geht.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Apostelgeschichte ist das zweite Buch des Lukas; ihr Plan steht in Apg 1:8: Jerusalem – Judäa und Samarien – bis an die Grenzen der Erde.
- An Pfingsten kam der Heilige Geist; Petrus hielt die erste Predigt. Die Gemeinde hielt fest an Lehre, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet (Apg 2:42).
- Das Apostelkonzil (Apg 15) entschied gemeinsam unter der Führung des Heiligen Geistes, dass Christen aus den Heiden nicht beschnitten werden müssen.
- Paulus unternahm drei Missionsreisen und kam als Gefangener nach Rom, wo er mit Petrus das Martyrium erlitt.
- Paulus schrieb vierzehn Briefe in fünf Gruppen: Thessalonicherbriefe (1. Thess 5:16–18), Hauptbriefe Röm, 1.–2. Kor, Gal (Röm 12:1), Gefangenschaftsbriefe Eph, Phil, Kol, Phlm (Phil 4:4), Pastoralbriefe 1.–2. Tim, Tit (1. Tim 4:16) und Hebräerbrief (Hebr 13:8).
- Glaube und Werke gehören zusammen: der Glaube, „der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5:6b).
- Röm 12 ist nach Papst Schenouda III. eine ganze Lebenslehre: das Leben als lebendiges Opfer, ein Leib mit vielen Gaben, die Liebe im Alltag.
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III.: Eine komplette spirituelle Lebenslehre. Nach dem Brief an die Römer, Einführung und Kapitel zu Röm 12:1 und 12:6–8 (S. 14–26, 96–123).
- Johannes Chrysostomus: Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, Homilien 1 und 21 (BKV 1. Reihe 39 und 42).
- Synaxarium, 5. Abib: Das Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus (S. 542–543).
- Papst Schenouda III.: Der Augenzeuge Gottes, Abba Markus, Kap. 2 und 4 (Markus als Begleiter des Paulus).
Anmerkungen
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1,1.↑
Vgl. Synaxarium, 5. Abib, Das Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus, S. 542–543; Eusebius, Kirchengeschichte, Buch II, Kap. 25.↑
Synaxarium, 5. Abib, Das Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus, S. 543.↑
Vgl. Athanasius, Ein Bruchstück aus dem neununddreißigsten Festbriefe, S. 239–240.↑
Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, Homilie 1,1.↑
Vgl. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, Homilie 1,1–2.↑
Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VI, Kap. 14.↑
Papst Schenouda III., Eine komplette spirituelle Lebenslehre. Nach dem Brief an die Römer, Einführung (S. 14).↑
Papst Schenouda III., Eine komplette spirituelle Lebenslehre, Kap. „Bringt euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer dar“ (S. 20).↑
Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, Homilie 21,1.↑
Papst Schenouda III., Eine komplette spirituelle Lebenslehre, Kap. „Je nach der uns verliehenen Gnade“, Abschnitt „Der Dienst“ (S. 109 und 113).↑
Papst Schenouda III., Eine komplette spirituelle Lebenslehre, Einführung (S. 14).↑