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Thema 15 · Vortrag 3

Katholische Briefe und Offenbarung

Der überlieferte Glaube und das Buch der Hoffnung

17 Min. LesezeitDas Neue Testament im Überblick

Lernziele

  1. Die Offenbarung als Buch der Hoffnung und der himmlischen Liturgie erklären und Offb 20 ohne Chiliasmus deuten.

Schlüsselbegriffe

katholische Briefe · Katholikon · Krankensalbung · Offenbarung (Apokalypse) · Lamm · himmlische Liturgie · neues Jerusalem · Chiliasmus

Bibelstellen

Jak 2:17; Jak 2:26; Jak 5:14⁠–⁠15; 1. Petr 3:15; 2. Petr 3:8⁠–⁠9; 1. Joh 4:16; Jud 3; Offb 1:9; Offb 1:17⁠–⁠18; Offb 5:6; Offb 5:8; Offb 21:1⁠–⁠4; Offb 20:1⁠–⁠6; Offb 2:7; Offb 3:15⁠–⁠16; Offb 22:20; Mt 24:36; Apg 1:7

Inhalt

In jeder Göttlichen Liturgie hören wir nach dem Paulus das Katholikon, eine Lesung aus den katholischen Briefen. Diese sieben Briefe von Jakobus, Petrus, Johannes und Judas sind kurz, aber voller Weisung für das tägliche Leben. Am Ende der ganzen Bibel steht die Offenbarung des Johannes, ein Buch, das vielen Jugendlichen Rätsel aufgibt und manche erschreckt. Die Kirche liest sie als Buch der Hoffnung, das uns in die himmlische Liturgie hineinschauen lässt.

Die sieben katholischen Briefe

Begriff
Katholische Briefe

Katholisch bedeutet „allgemein, allumfassend“. Katholische Briefe ist die Sammelbezeichnung für die sieben Briefe von Jakobus, Petrus, Johannes und Judas. Die meisten richten sich an viele Christen an verschiedenen Orten.

Jakobus schreibt an „die zwölf Stämme, die in der Zerstreuung leben“ (Jak 1:1), also an Gläubige, die verstreut unter anderen Völkern wohnen, Petrus an die Christen „in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien“ (1. Petr 1:1). Es sind sieben Briefe; so zählt sie auch der heilige Athanasius in seinem 39. Festbrief.1

Tabelle 51 · Die sieben katholischen Briefe
Brief Verfasser Kernthema Kernvers
Jak Jakobus, „der Bruder des Herrn“ Glaube, der sich in Werken zeigt Jak 2:17
1. Petr Petrus Hoffnung in der Bedrängnis 1. Petr 3:15
2. Petr Petrus Treue zum Glauben, Geduld Gottes 2. Petr 3:8⁠–⁠9
1. Joh Johannes Gott ist Licht und Liebe 1. Joh 4:16
2. Joh „der Älteste“ (Johannes) in der Wahrheit und Liebe bleiben 2. Joh 5
3. Joh „der Älteste“ (Johannes) Gastfreundschaft für die Boten des Evangeliums 3. Joh 8
Jud Judas, „Bruder des Jakobus“ für den überlieferten Glauben kämpfen Jud 3

Jakobus – ein Glaube, der sich zeigt

Paulus nennt ihn „Jakobus, den Bruder des Herrn“ (Gal 1:19b). Die Kirche versteht „Brüder“ des Herrn als nahe Verwandte, seine Vettern, denn die Gottesgebärerin (Theotokos) blieb immer Jungfrau.2 Jakobus stand an der Spitze der Kirche in Jerusalem (vgl. Apg 21:18); beim Apostelkonzil sprach er das entscheidende Wort (Apg 15:13), und Paulus zählt ihn zu den „Säulen“ (Gal 2:9).

Sein Brief ist sehr praktisch. Er mahnt: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst“ (Jak 1:22). Er spricht von der Macht der Zunge, die „nur ein kleines Körperglied“ ist und doch einen großen Wald in Brand stecken kann (Jak 3:5), und von der Sorge für Waisen und Witwen (Jak 1:27).

Glaube und Werke (Jak 2:14⁠–⁠26)

Das bekannteste Kapitel fragt: „Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (Jak 2:14b). Die Antwort lautet:

Heilige Schrift

So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.

Jak 2:17

Jakobus sagt sogar: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein“ (Jak 2:24). Widerspricht er damit Paulus? Nein. Paulus wendet sich gegen die Meinung, man müsse die Werke des Gesetzes, etwa die Beschneidung, erfüllen, um gerettet zu werden; Jakobus wendet sich gegen einen toten Glauben, der nur redet. Beide meinen denselben lebendigen Glauben, „der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5:6b). Papst Schenouda III. stellt viele Beispiele aus der Schrift zusammen und fragt: „Nach all diesen Beispielen, können wir da die Zusammenhänge zwischen dem Glauben und den dazugehörenden Werken verleugnen?“3 Der Vergleich des Jakobus ist einfach: „… wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke“ (Jak 2:26).

Die Krankensalbung (Jak 5:14⁠–⁠15)

Am Ende seines Briefes spricht Jakobus von einem Sakrament der Kirche:

Heilige Schrift

Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.

Jak 5:14⁠–⁠15

Die „Ältesten“ sind die Priester der Kirche; sie beten und salben mit Öl, und der Herr schenkt Aufrichtung und Vergebung. Das Buch Die sieben Sakramente beschreibt es so: „Mit diesem Öl salbt der Priester den kranken Menschen, nachdem er über dem Öl und dem Kranken gebetet hat; er bittet um die Gnadengabe des Heiligen Geistes für die Heilung des Kranken von leiblichen und seelischen Krankheiten.“4 Krankheit ist dabei keine Strafe, die man einem Kranken vorhält; die Kirche begleitet ihn mit ihrem Gebet. Mehr über dieses Sakrament lernst du in Thema 30 („Priestertum, Krankensalbung und Ehe“).

Petrus – Hoffnung in der Bedrängnis

Der erste Petrusbrief ist an Christen gerichtet, die „als Fremde“ in der Zerstreuung leben (1. Petr 1:1) und wegen ihres Glaubens leiden. Petrus beginnt mit einem Lobpreis: Gott hat uns „neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1. Petr 1:3). Die Christen sollen sich „als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ lassen (1. Petr 2:5). Die Hirten sollen „Vorbilder für die Herde“ sein (1. Petr 5:3). Für jeden Diener gilt der Kernvers: „… haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1. Petr 3:15). Am Ende grüßt Petrus von „Markus“, den er „mein Sohn“ nennt (1. Petr 5:13).

Der zweite Petrusbrief ist wie ein Testament: Petrus weiß, dass sein „Zelt bald abgebrochen wird“ (2. Petr 1:14). Er erinnert daran, dass die Schrift nicht „eigenmächtig ausgelegt“ werden darf, denn „vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet“ (2. Petr 1:20⁠–⁠21). Manche spotteten, weil Christus noch nicht wiedergekommen war. Petrus antwortet: „Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren“ (2. Petr 3:8⁠–⁠9).

Johannes – Gott ist Liebe

Der erste Johannesbrief verkündet: „Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm“ (1. Joh 1:5). Er verlangt das klare Bekenntnis: „Jesus Christus sei im Fleisch gekommen“ (1. Joh 4:2), und eine Liebe, die nicht nur redet: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (1. Joh 3:18). Seine Mitte ist der Satz:

Heilige Schrift

Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

1. Joh 4:16

Die beiden kleinen Briefe schreibt „der Älteste“: den zweiten „an die von Gott auserwählte Herrin und an ihre Kinder“ (2. Joh 1), den dritten an „den geliebten Gaius“ (3. Joh 1). Sie mahnen, „dass wir einander lieben sollen“ (2. Joh 5), und loben die Gastfreundschaft gegenüber den Boten des Evangeliums: „damit auch wir zu Mitarbeitern für die Wahrheit werden“ (3. Joh 8b).

Judas – für den überlieferten Glauben kämpfen

Der Judasbrief stammt von „Judas, Knecht Jesu Christi, Bruder des Jakobus“ (Jud 1); die Kirche ehrt ihn als den Apostel Judas, mit Beinamen Thaddäus, einen der Zwölf.5 Er warnt vor Menschen, die sich in die Gemeinde eingeschlichen haben und den Glauben verdrehen. Sein Leitwort ist für jeden Diener wichtig:

Heilige Schrift

Liebe Brüder, da es mich sehr drängt, euch über unsere gemeinsame Rettung zu schreiben, halte ich es für notwendig, euch mit diesem Brief zu ermahnen: Kämpft für den überlieferten Glauben, der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist.

Jud 3

Der Glaube ist nicht unsere Erfindung. Wir haben ihn empfangen, wir bewahren ihn und geben ihn unverändert weiter. Der heilige Athanasius der Apostolische sagt dasselbe mit Worten, die wie eine Auslegung von Jud 3 klingen:

Aus den Vätern

Trotzdem wollen wir überdies auch noch die alte Überlieferung sowie die Lehre und den Glauben der allgemeinen Kirche ins Auge fassen, den der Herr gegeben, die Apostel verkündet und die Väter bewahrt haben. Denn auf ihn ist die Kirche gegründet.6

– Hl. Athanasius der Apostolische, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28

Judas schließt mit der Mahnung, auf diesem „hochheiligen Glauben“ weiterzubauen und „in der Kraft des Heiligen Geistes“ zu beten (Jud 20), und mit einem Lobpreis: „Dem einen Gott aber, der die Macht hat, euch vor jedem Fehltritt zu bewahren …“ (Jud 24).

Die Offenbarung des Johannes – das Buch der Hoffnung

Das letzte Buch der Bibel beginnt mit den Worten: „Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muss“ (Offb 1:1a). Das griechische Wort apokalypsis bedeutet „Enthüllung“: Gott zieht den Vorhang zur Seite und lässt sehen, was hinter der sichtbaren Geschichte geschieht. Johannes schreibt in einer Zeit der Verfolgung:

Heilige Schrift

Ich, euer Bruder Johannes, der wie ihr bedrängt ist, der mit euch an der Königsherrschaft teilhat und mit euch in Jesus standhaft ausharrt, ich war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus.

Offb 1:9

Die Offenbarung ist kein Buch, das Angst machen will. Als Johannes den auferstandenen Herrn sieht und „wie tot“ zu Boden fällt, hört er: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ (Offb 1:17b–18). Der Herr hält die Geschichte in seiner Hand. Wer treu bleibt, wird siegen: „Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben“ (Offb 2:10b). Darum heißt es gleich am Anfang: „Selig, wer diese prophetischen Worte vorliest und wer sie hört“ (Offb 1:3a).

In Bildern geschrieben

Die Offenbarung spricht in Bildern und Zahlen: ein Lamm mit sieben Hörnern, Tiere, Siegel, Posaunen und Schalen. Man darf diese Bilder nicht wie einen Fahrplan für die Zukunft lesen.7 Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt: „Wir müssen verstehen, dass das Buch der Offenbarung göttliche Geheimnisse hinter dem Schleier der Symbole verbirgt.“8 Auch die Einzelheiten muss man genau lesen: Das erste Tier steigt „aus dem Meer“, das zweite „aus der Erde herauf“ (Offb 13:1.11), und die sieben goldenen Schalen der Engel sind „gefüllt mit dem Zorn des Gottes“ (Offb 15:7).

Tabelle 52 · Der Aufbau der Offenbarung
Kapitel Inhalt
Offb 1 Johannes sieht den auferstandenen Christus
Offb 2⁠–⁠3 Briefe an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien
Offb 4⁠–⁠5 Der Thron Gottes und das Lamm – die himmlische Liturgie
Offb 6⁠–⁠20 Siegel, Posaunen und Schalen: der Kampf des Bösen gegen Gottes Volk und der Sieg Christi
Offb 21⁠–⁠22 Der neue Himmel, die neue Erde und das neue Jerusalem

Das Lamm und die himmlische Liturgie

In der Mitte der Offenbarung steht Christus als das Lamm: „Zwischen dem Thron und den vier Lebewesen und mitten unter den Ältesten stand ein Lamm; es sah aus wie geschlachtet“ (Offb 5:6a). Es ist das Lamm, auf das schon Johannes der Täufer gezeigt hat: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1:29b). Es ist geschlachtet und doch lebendig – der Gekreuzigte und Auferstandene.

Um den Thron Gottes wird die himmlische Liturgie gefeiert. Die vier Lebewesen rufen ohne Unterlass: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung; er war und er ist und er kommt“ (Offb 4:8b). Die vierundzwanzig Ältesten werfen sich nieder, legen ihre Kränze vor dem Thron ab (Offb 4:10) und tragen „Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen“ (Offb 5:8b). Ein Engel bringt mit Weihrauch „die Gebete aller Heiligen vor Gott“ (Offb 8:3b). Die koptische Kirche gedenkt der vierundzwanzig Ältesten am 24. Hatur9 und singt ihre Doxologie, einen Lobpreishymnus:10 „Groß ist der Ruhm der körperlosen Heiligen, der Priester der Wahrheit, der vierundzwanzig Ältesten. […] Sie sitzen auf vierundzwanzig Thronen, mit Kronen auf ihren Häuptern und goldenen Schalen in ihren Händen, voll von feinstem Räucherwerk.“11 Eine große Schar „aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ steht in weißen Gewändern vor dem Lamm (Offb 7:9); „sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“ (Offb 7:14b). Wenn in der Kirche der Weihrauch aufsteigt, beten wir mit dem Psalm: „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf“ (Ps 141:2a; LXX 140) – und wir beten zusammen mit der Kirche im Himmel.

Die himmlische Liturgie: Der Thron und das Lamm (Offb 4⁠–⁠5)

Das neue Jerusalem

Am Ende steht keine Katastrophe, sondern eine Hochzeit: Die heilige Stadt kommt von Gott herab, „bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“ (Offb 21:2b).

Heilige Schrift

Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.

Offb 21:3⁠–⁠4

In dieser Stadt gibt es keinen Tempel mehr, denn „der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm“ (Offb 21:22b). Das ganze Buch und die ganze Bibel schließen mit dem Gebet der Kirche: „Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22:20b).

Offb 20 – die tausend Jahre

In Offb 20 sieht Johannes einen Engel, der den Drachen, „das ist der Teufel oder der Satan“, ergreift und „für tausend Jahre“ fesselt, damit er die Völker nicht mehr verführt (Offb 20:2⁠–⁠3). Dann sieht er die Seelen der Märtyrer:

Heilige Schrift

Sie gelangten zum Leben und zur Herrschaft mit Christus für tausend Jahre. Die übrigen Toten kamen nicht zum Leben, bis die tausend Jahre vollendet waren. Das ist die erste Auferstehung. Selig und heilig, wer an der ersten Auferstehung teilhat. Über solche hat der zweite Tod keine Gewalt. Sie werden Priester Gottes und Christi sein und tausend Jahre mit ihm herrschen.

Offb 20:4b–6
Begriff
Chiliasmus

Chiliasmus (von griechisch chilioi, „tausend“) ist die Lehre, Christus werde vor dem Ende der Welt tausend Jahre lang in einem irdischen Reich herrschen. Die Kirche lehnt diese Lehre ab; die tausend Jahre in Offb 20 sind symbolisch zu verstehen.

Der Katechismus erklärt: „Es ist klar, dass der Zeitraum von tausend Jahren symbolisch zu verstehen ist.“ Das tausendjährige Reich der Schrift „bezeichnet den Sieg der Kirche und die Erfüllung der Botschaft des Evangeliums in der ganzen Welt. Es ist eine Prophezeiung davon, dass Gott seine Herrschaft in den Herzen aufrichtet“.12 Papst Tawadros II. sagt dasselbe:

Aus der Lehre unserer Päpste

Der Ausdruck „Tausendjährige Herrschaft“ ist nach dem Glauben unserer Kirche und aller anderen apostolischen Kirchen bildlich und nicht wörtlich zu verstehen. Er bedeutet, dass der Herr Christus vom Zeitpunkt seines Todes am Kreuz bis zu seiner Wiederkunft zum Gericht über die Herzen der Gläubigen regiert hat.13

– Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 120

Die tausend Jahre sind also die Zeit der Kirche, in der wir jetzt leben. Durch das Kreuz ist der Satan gebunden und seine Macht eingeschränkt. Er kann uns weiterhin versuchen, aber nicht gegen unseren Willen zur Sünde zwingen; wir bleiben zu Wachsamkeit, Glauben und Umkehr gerufen.14 Die erste Auferstehung ist die geistliche Auferstehung, die Christus schon jetzt schenkt: „Die Stunde kommt und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden“ (Joh 5:25). Abuna Tadros Y. Malaty verbindet sie mit der Taufe, in der wir mit Christus begraben und mit ihm auferweckt wurden (Kol 2:12), und mit der Umkehr, in der wir schon auf Erden die Auferstehung erfahren.15 Dazu passen ein Wort des Herrn und eines des Apostels Petrus: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18:36a), und „beim Herrn“ sind „ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag“ (2. Petr 3:8).

Die sieben Gemeinden – keine Zeitalter

Johannes soll sein Buch „an die sieben Gemeinden“ schicken: „nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea“ (Offb 1:11b). Das sind wirkliche Gemeinden in der Provinz Asien.16 Laodizea etwa lag nahe bei Kolossä; Paulus bittet die Kolosser, seinen Brief auch „in der Gemeinde von Laodizea“ vorlesen zu lassen (Kol 4:16). Jede Gemeinde wird gelobt oder ermahnt, je nach ihrem Zustand. An Laodizea schreibt der Herr: „Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien“ (Offb 3:15⁠–⁠16).

Manche Ausleger machen aus den sieben Gemeinden sieben Zeitalter der Kirchengeschichte und meinen, wir lebten heute in der Zeit von Laodizea. Diese Deutung lehrt die Kirche nicht. Jeder der sieben Briefe enthält denselben Ruf an alle Gemeinden: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb 2:7a). So spricht der Herr auch heute zu jeder Gemeinde und zu jedem Einzelnen. Und er klopft an: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten“ (Offb 3:20a).

Für den Dienst

Endzeitfragen von Jugendlichen. Jugendliche hören im Internet und von Freunden viele Endzeitprophezeiungen: genaue Daten, Zeichen in der Politik, eine heimliche „Entrückung“, bei der die Gläubigen vor einer großen Not plötzlich in den Himmel geholt würden. Antworte ruhig und mit der Schrift: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mt 24:36).17 Die Kirche lehrt im Einklang mit den Vätern: Der eine Christus weiß in seiner Gottheit alles und verschweigt die Stunde zu unserem Heil, damit wir wachsam bleiben; als Mensch hat er sie mit uns nicht gewusst, denn die menschliche Natur besitzt aus sich heraus keine Allwissenheit. Der heilige Athanasius sagt: „… wie er Mensch geworden, mit den Menschen hungert, dürstet und leidet, so weiß er nicht als Mensch mit den Menschen, in der Gottheit aber, als Wort und Weisheit im Vater, weiß er und es gibt nichts, das er nicht wüßte.“18 Dieses Nichtwissen ist „nicht eine Schwäche des Wortes, sondern der menschlichen Natur“,19 die er zu unserer Erlösung angenommen hat. Es ist derselbe Eine, der als Mensch „nicht einmal der Sohn“ sagt und als Gott alles weiß; wir teilen ihn nicht in einen wissenden und einen unwissenden Christus. Den Jüngern sagt er: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg 1:7b); mehr dazu in Thema 17, Vortrag 2. Darum berechnen wir keine Termine. Der Katechismus weist auch die Lehre von einer heimlichen Entrückung vor der Wiederkunft zurück.20 Wir erwarten die eine Wiederkunft Christi in Herrlichkeit. Ausführlich behandelt Thema 31 („Die letzten Dinge“) die Wiederkunft.

Die Offenbarung mit Kindern. Erzähle Kindern nicht von Schrecken, sondern vom Lamm, das gesiegt hat, von der großen Schar in weißen Gewändern und von der Stadt, in der Gott „alle Tränen“ abwischt (Offb 21:4). Das ist das Herz der Offenbarung: Hoffnung.

Rede und Antwort stehen. Jugendliche fragen kritisch, und auch Freunde, Kollegen oder Fremde fragen nach deinem Glauben. Petrus verlangt nicht, alles zu wissen, sondern bereit zu sein, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt“ (1. Petr 3:15b) – und zwar mit Ruhe und Achtung vor dem Fragenden.

Hörer und Täter. Der Jakobusbrief ist ein Spiegel für Diener: Wer lehrt, muss selbst tun, was er sagt (Jak 1:22). Und Jud 3 erinnert daran, dass wir nicht unsere eigene Meinung weitergeben, sondern den überlieferten Glauben der Kirche. Abuna Tadros Y. Malaty schreibt dazu, Christus habe seine Jünger selbst erzogen und sie ausgesandt, alle Völker zu Jüngern zu machen (Mt 28:19), „damit jede Generation an den Händen ihrer Väter für unseren Herrn Jesus Christus erzogen werde“.21

Das Wichtigste in Kürze

  • Die sieben katholischen Briefe (Jak, 1.–2. Petr, 1.–3. Joh, Jud) sind eine Briefgruppe; die meisten richten sich an viele Christen an verschiedenen Orten. In der Liturgie heißt ihre Lesung Katholikon.
  • Jakobus lehrt: „Der Glaube für sich allein“ ist „tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (Jak 2:17); das widerspricht Paulus nicht. In Jak 5:14⁠–⁠15 bezeugt er die Krankensalbung.
  • Petrus schenkt Hoffnung in der Bedrängnis; Johannes verkündet: „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4:16); Judas mahnt, „für den überlieferten Glauben“ zu kämpfen (Jud 3).
  • Die Offenbarung ist ein Buch der Hoffnung für die bedrängte Kirche; sie spricht in Bildern, nicht in einem Fahrplan der Zukunft.
  • Im Himmel feiert die Kirche eine Liturgie um den Thron und das Lamm, „das geschlachtet wurde“; am Ende steht das neue Jerusalem, in dem Gott alle Tränen abwischt.
  • Die tausend Jahre in Offb 20 sind symbolisch: Sie bezeichnen die Zeit der Kirche zwischen dem Kreuz und der Wiederkunft. Ein irdisches Tausendjahrreich (Chiliasmus) lehrt die Kirche nicht.
  • Die sieben Gemeinden sind wirkliche Gemeinden, keine Zeitalter der Kirchengeschichte; ihre Briefe gelten allen Gemeinden.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1372⁠–⁠1379 (Chiliasmus) und Fr. 1380⁠–⁠1389 (Wiederkunft).
  • Papst Tawadros II.: Mein Glaube, Fr. 113⁠–⁠122 (Wiederkunft und Gericht).
  • Papst Schenouda III.: Ein Leben im Glauben, Kap. 3 (Glaube und Werke).
  • Abuna Tadros Y. Malaty: Das Buch der Offenbarung. Patristische Kontemplationen, Kap. 1⁠–⁠3 (die sieben Gemeinden) und Kap. 20.
  • Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 867 (Krankensalbung).

Anmerkungen

  1. Vgl. Athanasius, Ein Bruchstück aus dem neununddreißigsten Festbriefe, S. 239.↑

  2. Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.7.5.↑

  3. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 3.↑

  4. Die sieben Sakramente, S. 98.↑

  5. Vgl. Synaxarium, 2. Abib, Das Martyrium des heiligen Apostels Judas (Lebbäus, mit Beinamen Thaddäus), S. 536.↑

  6. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28.↑

  7. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch der Offenbarung. Patristische Kontemplationen, S. 10.↑

  8. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1379.↑

  9. Vgl. Synaxarium, 24. Hatur, Gedenken der vierundzwanzig körperlosen Priester, S. 144.↑

  10. „Körperlos“ heißen die vierundzwanzig Ältesten, weil die Kirche sie als himmlische, leiblose Wesen vor dem Thron Gottes versteht, die ihm wie Priester dienen (Offb 4:4; 5:8).↑

  11. Doxologie für die vierundzwanzig Priester, in: Der Ritus für den Empfang des neuen Priesters, S. 23.↑

  12. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1379.↑

  13. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 120.↑

  14. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch der Offenbarung, S. 163⁠–⁠164; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1372.↑

  15. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch der Offenbarung, S. 165; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1372⁠–⁠1373.↑

  16. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Das Buch der Offenbarung, S. 18: Die sieben Gemeinden waren „real existierende Gemeinden“ und stehen zugleich für den Zustand der ganzen Kirche.↑

  17. Die Worte „nicht einmal der Sohn“ fehlen in vielen Handschriften von Mt 24:36; in Mk 13:32 stehen sie fest. Die Erklärung der Kirche gilt beiden Stellen.↑

  18. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 46.↑

  19. Ebd., Kap. 43.↑

  20. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1385⁠–⁠1388.↑

  21. Abuna Tadros Y. Malaty, Der Brief des Judas. Kontemplationen der frühen Kirchenväter, S. 18.↑

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