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Thema 18 · Vortrag 2

Ohne Vermischung und ohne Trennung – Irrlehren und Bekenntnis

Nestorius und Eutyches, das Leiden im Fleisch und das Bekenntnis vor der Kommunion

18 Min. LesezeitMenschwerdung und Christologie

Lernziele

  1. Die koptische Lehre von Nestorianismus und Eutychianismus unterscheiden.
  2. Mit dem zwölften Anathematismus des heiligen Kyrill begründen, dass der eine menschgewordene Logos im Fleisch gelitten hat.
  3. Den Unterschied zwischen „miaphysitisch“ und „monophysitisch“ erklären.

Schlüsselbegriffe

Doketismus · Nestorianismus · Christusgebärerin · Gottesgebärerin (Theotokos) · Eutychianismus · miaphysitisch · orientalisch-orthodox · Anathematismus · Leiden im Fleisch · Hades · Bekenntnis vor der Kommunion

Bibelstellen

1. Joh 4:2b; 1. Kor 2:8b; Apg 3:15a; Lk 23:46a; 1. Petr 3:18b; 1. Petr 3:19; Lk 23:43; Mt 26:39b; Joh 6:38; Mt 24:36; Mk 13:32; Apg 1:7; 1. Petr 3:16a

Inhalt

Im ersten Vortrag hast du die Formel des heiligen Kyrill gelernt: die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht, so bekennt es die Kirche, ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. Die Schutzformeln antworten auf zwei Irrlehren, und sie entscheiden auch, wie wir vom Kreuz sprechen: Wer hat am Kreuz gelitten? Ist Gott gestorben? Was geschah im Tod Christi? Die Antworten betet der Priester in jeder Göttlichen Liturgie, wenn er vor der Kommunion das Bekenntnis spricht.

Warum die Kirche um Worte gerungen hat

Die Väter rangen um die Frage, wer uns gerettet hat. Ist Christus nur ein Mensch, in dem Gott wohnt, dann hat ein Geschöpf für uns gelitten, und wir sind nicht mit Gott vereint. Ist seine Menschheit dagegen in der Gottheit aufgegangen, dann ist er nicht mehr einer von uns, und unsere Natur ist nicht geheilt. Zwischen diesen beiden Irrwegen – der Trennung und der Vermischung – führt die Formel des heiligen Kyrill hindurch.

Die ersten Irrlehren: Doketismus und Gnosis

Schon im 1. Jahrhundert behaupteten manche, Christus habe nur scheinbar einen Leib gehabt. Diese Lehre heißt Doketismus (von griechisch dokein, „scheinen“). Die Apostel haben ihr widersprochen: „Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott“ (1. Joh 4:2b). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erinnert an die Gnostiker, die das Heil von einer geheimen Erkenntnis (griechisch gnosis) erwarteten: Der Apostel Paulus bekräftige, „dass er wahrhaft Mensch geworden ist und nicht bloß scheinbar einen Leib angenommen hat, wie die Gnostiker behaupteten“.1 Der heilige Athanasius der Apostolische sagt: „der Heiland wurde vielmehr wirklich und wahrhaft Mensch, und dadurch wurde die Erlösung des ganzen Menschen bewirkt“.2 Mehr über diese frühen Irrlehren lernst du in Thema 37 („Die Kirchenväter“).

Nestorius: zwei Personen statt einer

Nestorius war seit dem Jahr 428 Patriarch von Konstantinopel.3 Er lehrte, in Christus gebe es zwei verschiedene Personen, den Sohn Marias und den Sohn Gottes; sie seien nicht dem Wesen nach oder hypostatisch vereint, sondern nur moralisch miteinander verbunden.4 Daraus folgte für Nestorius:

  • Maria sei nicht Gottesgebärerin (Theotokos), sondern nur Christusgebärerin (Christotokos), die Mutter des Menschen Jesus, in dem die Gottheit wohnte.5
  • Christus sei ein „Gottesträger“ (Theophoros), so wie Gott in einem Heiligen wohnt. Papst Schenouda III. erklärt: In dieser Lehre wurde Christus „nur ‚Wohnort‘ für Gott“.6
  • Nach dem Katechismus meinten Nestorius und seine Anhänger, die Gottheit habe sich „im Augenblick der Kreuzigung von ihm getrennt“.7

Der heilige Kyrill von Alexandrien hat Nestorius mehrmals geschrieben, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Seinem dritten Brief fügte er zwölf Anathematismen an, feierliche Verurteilungen der Irrlehre; jeder schließt mit „so sei er im Banne“, also aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen. Der erste lautet: „Wenn jemand nicht bekennt, dass der Emmanuel in Wahrheit Gott ist und die heilige Jungfrau deshalb Gottesgebärerin ist, weil sie das fleischgewordene aus Gott entstammte Wort fleischlich geboren hat, so sei er im Banne.“8 Der fünfte verurteilt, wer zu behaupten wagt, „Christus sei ein gottgetragener Mensch und nicht vielmehr in Wahrheit Gott“.9 Das Konzil von Ephesus (431) unter dem Vorsitz des heiligen Kyrill hat Nestorius abgesetzt; davon erzählt Buch 1, Kapitel 6 („Die Konzile in Grundzügen“).

Warum ist die Lehre des Nestorius so gefährlich? Wenn am Kreuz nur ein Mensch hängt, in dem Gott wohnt, dann hat nicht der Sohn Gottes für uns gelitten. Papst Schenouda III. folgert: „Die nestorianische Lehre richtet sich deshalb auch gegen den Glauben an die Entsühnung.“10 Und der Mensch würde nicht mit Gott vereint, denn nur weil der Logos selbst unser Fleisch angenommen hat, können wir, wie Athanasius sagt, „der Gottheit des Logos teilhaftig werden“ – durch die Gnade, nicht dem Wesen nach.11 Gegen Nestorius stehen die Schutzformeln ohne Teilung, ohne Trennung.

Begriff
Nestorianismus

Der Nestorianismus ist die Lehre des Nestorius, die Gottheit und Menschheit Christi in zwei Personen trennt – den Sohn Gottes und den Sohn Marias – und Maria nur „Christusgebärerin“ nennt. Sie wurde vom Konzil von Ephesus (431) verurteilt.

Eutyches: die Menschheit aufgelöst

Eutyches war Abt eines Klosters in Konstantinopel. Er wollte die Lehre des Nestorius bekämpfen und fiel in den entgegengesetzten Irrtum. Papst Schenouda III. schreibt: „Er sagte, Christi Menschennatur sei aufgesaugt und aufgelöst worden von der göttlichen, so wie ein Tropfen Essig vom Ozean. Auf diese Weise leugnete er die menschliche Natur Christi.“12 Der Katechismus erklärt, Eutyches habe behauptet, „vor der Vereinigung habe es zwei Naturen gegeben, danach jedoch nur eine; denn die göttliche Natur habe die menschliche Natur aufgesogen, und diese habe aufgehört zu bestehen“.13

Unsere Kirche hat diese Lehre immer verworfen. „Auch die koptische Kirche exkommunizierte ihn“, schreibt Papst Schenouda III.14 Der Katechismus sagt: „Die Kirche weist gleichermaßen die nestorianische Vorstellung zurück, Christus bestehe aus zwei Personen, ebenso wie die Lehre des Eutyches, der verkündete, seine Menschheit sei von seiner Gottheit verschlungen oder in ihr aufgelöst worden.“15 Wäre die Menschheit Christi aufgelöst, dann wäre er nicht mehr einer von uns; er hätte nicht wirklich gehungert, gelitten und sein Leben hingegeben. Gegen Eutyches stehen die Schutzformeln ohne Vermischung, ohne Verwandlung.

Begriff
Eutychianismus

Der Eutychianismus ist die Lehre des Eutyches, die Menschheit Christi sei nach der Vereinigung in der Gottheit aufgegangen wie ein Tropfen im Meer. Er leugnet die bleibende, wahre Menschheit Christi. Die koptische Kirche hat Eutyches verurteilt.

Tabelle 59 · Zwei Irrwege und der Glaube der Kirche
Nestorius Eutyches Lehre der Kirche
Fehler trennt Christus in zwei Personen lässt die Menschheit in der Gottheit aufgehen ein Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch
Maria „Christusgebärerin“ – Gottesgebärerin (Theotokos)
Am Kreuz litt ein Mensch, von dem sich die Gottheit trennte die Menschheit ist nicht mehr wirklich da der eine menschgewordene Logos litt im Fleisch
Schutzformeln ohne Teilung, ohne Trennung ohne Vermischung, ohne Verwandlung alle vier

Miaphysitisch, nicht monophysitisch

Nach dem Konzil von Chalcedon (451), das von Christus „in zwei Naturen“ statt wie der heilige Kyrill „aus zwei Naturen“ sprach und das unsere Kirche nicht angenommen hat, nannte man die Kopten „Monophysiten“. Papst Schenouda III. erinnert daran, dass man den Ausdruck „an eine Natur glauben“ falsch deutete, „als ob wir an eine Natur glaubten und die Existenz der anderen leugneten!“16 Das Wort monophysitisch würde bedeuten, in Christus sei nur eine der beiden Naturen übrig geblieben – genau das lehrte Eutyches, den unsere Kirche verurteilt. Deshalb ist dieses Wort für unseren Glauben falsch.

Begriff
miaphysitisch

Miaphysitisch (von griechisch mia physis, „eine Natur“) nennt man den Glauben der orientalisch-orthodoxen Kirchen, die mit dem heiligen Kyrill die eine, geeinte Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen bekennen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. „Eine“ meint die Einheit, nicht das Verschwinden einer Natur.

Papst Tawadros II. sagt: „… verkünden die orientalischen Orthodoxen, dass sie ‚Miaphysiten‘ sind“; und: „Die authentische kyrillische Formel bezeichnet eine harmonische (geeinte) Natur und nicht eine numerische.“17 Diesen Glauben bekennen die orientalisch-orthodoxen Kirchen gemeinsam; unsere Kirche gehört zu dieser Kirchenfamilie.18 In den Gesprächen des 20. Jahrhunderts haben die Gesprächspartner aus anderen Kirchen das anerkannt. Der Katechismus berichtet: „Alle Beteiligten erkannten, dass wir nicht – wie sie gedacht hatten – Eutychianer sind; das heißt, dass wir nicht lehren, seine menschliche Natur sei in seiner göttlichen Natur ausgelöscht worden.“19

Tabelle 60 · „Monophysitisch“ und miaphysitisch
„monophysitisch“ (falsch) miaphysitisch (richtig)
Bedeutung nur eine Natur bleibt übrig eine geeinte Natur aus zwei Naturen
Menschheit Christi verschwunden oder aufgelöst ganz und bleibend da
Wer lehrte so? Eutyches – von unserer Kirche verurteilt der heilige Kyrill und die orientalisch-orthodoxen Kirchen

Er hat im Fleisch gelitten

Wer hat am Kreuz gelitten? Zwei Antworten sind falsch: „Die Gottheit hat gelitten“ – denn die göttliche Natur kann nicht leiden; und „Ein Mensch neben dem Sohn Gottes hat gelitten“ – denn das wäre die Trennung des Nestorius. Die Kirche antwortet mit dem zwölften Anathematismus des heiligen Kyrill:

Aus den Vätern

Wenn jemand nicht bekennt, dass das Wort Gottes im Fleische gelitten hat und im Fleische gekreuzigt worden ist und im Fleische den Tod gekostet hat und der Erstgeborene aus den Toten geworden ist, da es als Gott Leben und lebenspendend ist, so sei er im Banne.20

– Hl. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismus 12

Der eine menschgewordene Logos hat im Fleisch gelitten; seine Gottheit blieb leidensunfähig. Im selben Brief schreibt Kyrill, dass der Sohn Gottes, „wiewohl der eigenen Natur nach leidensunfähig, im Fleische für uns gelitten hat nach den Schriften. Leidenslos hat er in dem gekreuzigten Leibe die Leiden seines Fleisches sich zu eigen gemacht“.21 Er hat die Leiden „sich zu eigen gemacht“: Es war wirklich sein Leib, der litt, nicht der Leib eines anderen. Der heilige Athanasius erklärt:

Aus den Vätern

… was der menschliche Leib des Logos litt, das bezog der ihm einwohnende Logos auf sich selbst, damit wir der Gottheit des Logos teilhaftig werden könnten. Es war auch wunderbar, dass derselbe litt und nicht litt; litt, weil der ihm eigene Leib litt, und er im leidenden Leib war; nicht litt, weil der Logos von Natur Gott ist und deshalb nicht leiden kann.22

– Hl. Athanasius der Apostolische, Brief an Epiktet, Kap. 6

So spricht auch die Schrift: Die Machthaber dieser Welt „hätten … den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt“ (1. Kor 2:8b), und Petrus sagt: „Den Urheber des Lebens habt ihr getötet“ (Apg 3:15a). Papst Schenouda III. erklärt: „Der Eine, der da gekreuzigt wurde, war der Herr der Herrlichkeit. Er wurde mit seinem Leib tatsächlich gekreuzigt, doch sein Leib war verbunden mit der göttlichen Natur, zu einer Natur.“23 Darum betet die Kirche in der neunten Stunde der Agpeya, wie Papst Tawadros II. anführt: „O Du, der Du den Tod im Fleisch geschmeckt hast zur Zeit der Neunten Stunde …“24 Und in jeder Liturgie singt die Gemeinde im Dreimalheilig (Trishagion) zu Christus: „Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Lebendiger, Unsterblicher, der du für uns gekreuzigt wurdest, erbarme Dich unser.“25

Hier hilft noch einmal das Bild vom glühenden Eisen. Das Synaxarium erzählt, Kyrill habe es so erklärt: „Wenn man das Eisen hämmert, trifft der Hammerschlag das Eisen und nicht das Feuer, obwohl das Feuer mit dem Eisen vereint ist“.26 Auch hier gilt die Grenze des Bildes: Das Feuer bleibt dem Schlag gegenüber gleichgültig. Der Logos aber hat die Leiden seines Fleisches als seine eigenen getragen – aus Liebe zu uns.

Warum musste er so leiden? Der heilige Athanasius antwortet: „Und so nahm er einen Leib an, dem unsrigen gleich, überantwortete ihn, da alle unter der Macht des Todes standen, anstatt aller dem Tode und brachte ihn dem Vater dar.“27 Sein Leiden ist Sühne für unsere Sünden und zugleich Heilung unserer Natur: Was der Logos in seinem Fleisch getragen hat, hat er überwunden.

Der Herr der Herrlichkeit wurde gekreuzigt (1. Kor 2:8)

Im Tod nicht getrennt

Was geschah, als Christus starb? Er „rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23:46a). Der Tod ist die Trennung der Seele vom Leib. Christus ist wirklich gestorben: Seine menschliche Seele trennte sich von seinem Leib. Aber seine Gottheit trennte sich von keinem der beiden. Papst Tawadros II. sagt: „Sein Geist wurde von seinem Körper getrennt, aber seine Göttlichkeit trennte sich weder von seinem Geist noch von seinem Körper. … Die Gottheit hat sich niemals von der Menschheit getrennt, weder vor dem Tod noch während oder nach dem Tod.“28

Papst Schenouda III. führt dazu ein Gebet der Brotteilung aus dem syrischen Ritus an: „Die Seele verließ den Leib, doch seine Göttlichkeit trennte sich nie, weder von der Seele noch vom Leib. Seine mit der Gottheit vereinte Seele stieg zur Hölle hinab, um denen zu predigen, die gläubig starben, um ihnen die Tore des Paradieses zu öffnen und sie eintreten zu lassen. Doch blieb sein mit der Gottheit vereinter Leib im Grab …“29 Die Schrift sagt: „dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt“ (1. Petr 3:18b–19).

Christus ist also nicht als Besiegter in die Unterwelt gegangen. Der Katechismus sagt: „der Herr Christus stieg in den Hades hinab und befreite die darin Gefangenen“.30 Der heilige Kyrill schreibt, er sei am dritten Tag wieder aufgelebt, „nachdem er die Unterwelt geplündert hatte“.31 Der Hades war vor der Erlösung der Aufenthaltsort aller Entschlafenen; in ihn stieg Christus hinab, um die Gerechten seit Adam zu befreien. Seitdem gehen die Gerechten in das Paradies (Lk 23:43); mehr dazu in Thema 31 („Die letzten Dinge“). Darum ist es falsch zu sagen, Christus sei „den ewigen Tod gestorben“: Er ist den Tod des Leibes gestorben, und seine Gottheit hat weder seine Seele noch seinen Leib verlassen. Am dritten Tag hat er Seele und Leib wieder vereint und ist auferstanden.

Der Wille Christi

Papst Schenouda III. schreibt: „… wir glauben an eine Natur des fleischgewordenen Wortes mit einem Willen und einer Handlungskraft. Einen Willen und konsequenterweise eine Tat. Was die göttliche Natur will, will die menschliche.“ Im selben Kapitel sagt er, die Heiligkeit Christi „kam sowohl aus dem göttlichen wie dem menschlichen Willen“.32 „Ein Wille“ heißt also nicht, dass Christus kein menschliches Wollen gehabt hätte. Es heißt: Der eine Christus will und handelt, und in ihm gibt es keinen Widerstreit zwischen göttlichem und menschlichem Wollen. Dasselbe Verständnis halten die orthodoxen Kirchen beider Familien in ihrer gemeinsamen Erklärung von 1989 fest, die Papst Schenouda III. in sein Buch aufgenommen hat: Die hypostatische Einheit ist die Einheit des Göttlichen mit dem Menschlichen „mit allen Eigenschaften und Funktionen der ungeschaffenen göttlichen Natur, einschließlich natürlichen Willens und natürlicher Handlungskraft, untrennbar unverwechselbar vereint mit der geschaffenen menschlichen Natur mit ihren Eigenschaften und Funktionen, einschließlich natürlichem Willen und natürlicher Handlungskraft. Der fleischgewordene Logos ist es, der in allem Willen und Handeln von Jesus Christus will und handelt“.33

In Getsemani zeigt sich die wahre Menschheit Christi, die vor dem Leiden zurückschreckt, und zugleich ihre vollkommene Einheit mit dem Willen Gottes. Er betet: „Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26:39b). Sein menschliches Wollen stimmt immer mit dem Willen des Vaters überein: „ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6:38). Papst Schenouda III. begründet: „Gäbe es Konflikte zwischen menschlichen und göttlichen Willen, wäre da auch Sünde möglich – Gott bewahre –, und unser Herr Jesus Christus war doch völlig ohne Sünde.“34

„Nicht einmal der Sohn“ (Mt 24:36)

Über den Tag seiner Wiederkunft sagt der Herr: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mt 24:36).35 Die Kirche lehrt im Einklang mit den Vätern: Der eine Christus kennt als Gott und Richter die Stunde; er offenbart sie den Jüngern aber zu ihrem geistlichen Nutzen nicht (Apg 1:7); ausführlich davon handelt Thema 17, Vortrag 2. Der eine Christus weiß in seiner Gottheit alles und verschweigt die Stunde zu unserem Heil, damit wir wachsam bleiben; als Mensch hat er sie mit uns nicht gewusst, denn die menschliche Natur besitzt aus sich heraus keine Allwissenheit. Der heilige Athanasius sagt: „… wie er Mensch geworden, mit den Menschen hungert, dürstet und leidet, so weiß er nicht als Mensch mit den Menschen, in der Gottheit aber, als Wort und Weisheit im Vater, weiß er und es gibt nichts, das er nicht wüßte.“36 Dieses Nichtwissen ist „nicht eine Schwäche des Wortes, sondern der menschlichen Natur“,37 die er zu unserer Erlösung angenommen hat. Es ist derselbe Eine, der als Mensch „nicht einmal der Sohn“ sagt und als Gott alles weiß; wir teilen ihn nicht in einen wissenden und einen unwissenden Christus. Auch diese Rede verbindet Athanasius mit unserem Heil: Indem er die menschliche Unwissenheit an seinem Leib trug, wollte er unsere Natur erlösen und reinigen.38

Das Bekenntnis vor der Kommunion

In jeder Göttlichen Liturgie spricht der Priester nach dem Brotteilungsgebet, kurz vor der heiligen Kommunion, das Bekenntnis. Er erhebt kniend mit beiden Händen die Patene, die Schale mit dem heiligen Leib, und bekennt vor der ganzen Gemeinde:

„Amen, Amen, Amen. Ich glaube! Ich glaube! Ich glaube und bekenne bis zum letzten Atemzug, dass dies der lebensspendende Leib ist, der Deinem eingeborenen Sohn, unserem Herrn, unserem Gott und unserem Erlöser Jesus Christus eigen ist. Er nahm ihn von unserer Herrin und unser aller Königin, der Mutter Gottes, der heiligen, vollkommen reinen Maria. Er machte ihn eins mit seiner Gottheit ohne Vermischung, ohne Verquickung und ohne Veränderung. Er legte das gute Bekenntnis vor Pontius Pilatus ab. Er gab ihn für uns an das Holz des Kreuzes, allein durch seinen eigenen Willen für uns alle. In Wahrheit glaube ich, dass seine Gottheit seine Menschheit keinen Moment lang und keinen einzigen Augenblick verlassen hat. …“39

Jeder Satz dieses Bekenntnisses enthält die Lehre, die du in diesen beiden Vorträgen gelernt hast:

Tabelle 61 · Das Bekenntnis vor der Kommunion
Worte des Bekenntnisses Bedeutung
„Er nahm ihn von … Maria“ Christus hat wirklich unser Fleisch angenommen (gegen den Doketismus); Maria ist die Mutter des menschgewordenen Gottes.
„Er machte ihn eins mit seiner Gottheit“ die hypostatische Einheit
„ohne Vermischung, ohne Verquickung und ohne Veränderung“ die Schutzformeln gegen Eutyches
„Er gab ihn für uns … allein durch seinen eigenen Willen für uns alle“ Er hat sein Leben freiwillig hingegeben; der Eine hat im Fleisch gelitten.
„dass seine Gottheit seine Menschheit keinen Moment lang und keinen einzigen Augenblick verlassen hat“ ohne Teilung, ohne Trennung – gegen Nestorius, auch im Tod
„dass dies der lebensspendende Leib ist“ Die Formel ist Grund unseres Heils; in der Kommunion empfangen wir den Leib des fleischgewordenen Wortes.

Das Synaxarium berichtet vom heiligen Papst Gabriel II., dem 70. Patriarchen: Nach einer Liturgie im Kloster des heiligen Makarius „fügte er dem Bekenntnis folgenden Satz hinzu: ‚und machte es eins mit seiner Gottheit‘“. Die Mönchsväter wandten sich zunächst an den Papst; er verwies auf den Beschluss der Heiligen Synode. „Nach eingehender Beratung mit ihm“ baten sie ihn, auch die Worte „ohne Vermischung, ohne Vermengung und ohne Veränderung“ hinzuzufügen, weil das Bekenntnis sonst im Sinn des Eutyches verstanden werden könnte, „und der Papst stimmte ihnen zu“.40 Abuna Bishoy Kamel sieht im Bekenntnis einen Beweis dafür, dass das Geheimnis der Menschwerdung fortbesteht: Wir leben es, „indem wir den Leib und das Blut des Herrn essen“.41

Ausblick: Ephesus und Chalcedon

Die Auseinandersetzung mit Nestorius führte zum Konzil von Ephesus (431), die Auseinandersetzung um Eutyches und den Lehrbrief Leos von Rom zum Konzil von Chalcedon (451), auf dem Papst Dioskorus abgesetzt wurde und an dem sich die Kirchen trennten. Wie es dazu kam und wie unsere Kirche Chalcedon sieht, lernst du in Thema 36 („Ephesus und Chalcedon“); die Gespräche der Kirchen in unserer Zeit behandelt Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“).

Für den Dienst

  • Das Bekenntnis bewusst mitbeten. Wenn der Priester „Ich glaube, ich glaube, ich glaube“ spricht, ist das auch dein Bekenntnis. Erkläre den Kindern in der Sonntagsschule oder zu Hause in einfachen Worten, was der Priester sagt: „Das ist der Leib, den der Sohn Gottes von Maria angenommen hat. Seine Gottheit bleibt immer mit seiner Menschheit vereint, auch im Tod.“ So verstehen sie, warum wir uns mit Ehrfurcht auf die Kommunion vorbereiten.
  • „Ist Gott am Kreuz gestorben?“ Für Kinder: „Jesus, der Sohn Gottes, ist am Kreuz wirklich gestorben, weil er ein Mensch geworden ist. Seine Gottheit kann nicht sterben und hat ihn nie verlassen. Darum ist er am dritten Tag auferstanden.“ Sag nicht: „Nur der Körper ist gestorben, Gott war nicht dabei“, und auch nicht: „Gott ist tot gewesen.“
  • Der Karfreitag. Wenn ihr in der Karwoche über das Leiden sprecht, verwende die Worte der Schrift: „Den Urheber des Lebens habt ihr getötet“ (Apg 3:15a). Sie zeigen, wer gelitten hat, ohne die Gottheit leidensfähig zu machen.
  • Der Vorwurf „Monophysiten“. Wenn ein Mitschüler oder Arbeitskollege die Kopten so nennt, antworte freundlich: „Wir bekennen mit dem heiligen Kyrill die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. Gottheit und Menschheit bleiben vollständig da. Die Lehre des Eutyches verwerfen wir.“ Die Schrift sagt dazu: „aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1. Petr 3:16a) – ohne abwertende Urteile über andere Christen.
  • Für dein eigenes Leben. Christus hat seinen Willen ganz in den Willen des Vaters gelegt: „nicht wie ich will, sondern wie du willst“. Dieses Gebet von Getsemani kannst du in schweren Entscheidungen selbst beten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nestorius trennte Christus in zwei Personen und nannte Maria nur „Christusgebärerin“; dagegen stehen „ohne Teilung, ohne Trennung“. Das Konzil von Ephesus (431) hat ihn verurteilt.
  • Eutyches ließ die Menschheit Christi in der Gottheit aufgehen wie einen Tropfen Essig im Ozean; dagegen stehen „ohne Vermischung, ohne Verwandlung“. Auch die koptische Kirche hat ihn verurteilt.
  • Unsere Kirche ist miaphysitisch, nicht monophysitisch: Sie bekennt eine geeinte Natur aus zwei Naturen, nicht eine Natur, in der die andere verschwunden wäre.
  • Der eine menschgewordene Logos hat im Fleisch gelitten; seine Gottheit blieb leidensunfähig (Kyrill, Anathematismus 12; Athanasius, Brief an Epiktet 6: „derselbe litt und nicht litt“).
  • Im Tod trennte sich die Seele Christi vom Leib, aber seine Gottheit trennte sich von keinem der beiden. Christus stieg als Sieger in den Hades hinab und befreite die Gefangenen.
  • Papst Schenouda III. spricht von „einem Willen und einer Handlungskraft“: Der eine Christus will und handelt ohne Widerstreit; sein göttliches und sein menschliches Wollen sind untrennbar vereint (so auch die gemeinsame Erklärung von 1989).
  • Mt 24:36: Der eine Christus weiß als Gott alles, auch die Stunde, und offenbart sie zu unserem Nutzen nicht (Apg 1:7); als Mensch hat er sie mit uns nicht gewusst, denn die menschliche Natur besitzt aus sich heraus keine Allwissenheit (Athanasius).
  • Das Bekenntnis vor der Kommunion fasst die Christologie zusammen: der Leib aus Maria, eins mit der Gottheit ohne Vermischung, ohne Verquickung und ohne Veränderung, keinen Augenblick von ihr verlassen.

Zum Weiterlesen

  • Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2, 5⁠–⁠7 und 10.
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 4 und Fr. 122.
  • Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius mit den zwölf Anathematismen, in: Drei ökumenische Briefe (BKV 2. Reihe 12, S. 86⁠–⁠100).
  • Athanasius, Brief an Epiktet (BKV 1. Reihe 13).
  • Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 92⁠–⁠95.

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 121.↑

  2. Athanasius, Brief an Epiktet, Kap. 7.↑

  3. Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.3.↑

  4. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  5. Ebd.↑

  6. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.3.↑

  7. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  8. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismus 1.↑

  9. Ebd., Anathematismus 5.↑

  10. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.3. „Entsühnung“: die Tilgung unserer Sünden durch das Opfer Christi.↑

  11. Athanasius, Brief an Epiktet, Kap. 6.↑

  12. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.4.↑

  13. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  14. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.4. „Exkommunizieren“: aus der Gemeinschaft der Kirche ausschließen.↑

  15. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 122.↑

  16. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑

  17. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 78.↑

  18. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4 und Fr. 122.↑

  19. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  20. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismus 12.↑

  21. Ebd. (S. 92⁠–⁠93).↑

  22. Athanasius, Brief an Epiktet, Kap. 6.↑

  23. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 6.↑

  24. Nach Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 93.↑

  25. Die göttlichen Liturgien, S. 157.↑

  26. Synaxarium, 3. Abib, Die Entschlafung des heiligen Papstes Kyrillus I., des vierundzwanzigsten Patriarchen des Markusstuhles, S. 538.↑

  27. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8.↑

  28. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 95.↑

  29. Nach Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 5.2. „Hölle“ meint hier die Unterwelt (Hades), den Aufenthaltsort der Entschlafenen vor der Erlösung, nicht die Hölle des Gerichts.↑

  30. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 132.↑

  31. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, S. 93.↑

  32. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 10.↑

  33. Übereinstimmende Erklärung der Vereinigten Kommission zum theologischen Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und den Orientalischen Orthodoxen Kirchen, Kloster Anba Bischoi, Juni 1989, abgedruckt in: Die Natur Christi, Kap. 14.↑

  34. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 10.↑

  35. Die Worte „nicht einmal der Sohn“ fehlen in vielen Handschriften von Mt 24:36; in Mk 13:32 stehen sie fest. Die Erklärung der Kirche gilt beiden Stellen.↑

  36. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 46.↑

  37. Ebd., Kap. 43.↑

  38. Vgl. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 2, Kap. 9.↑

  39. Die göttlichen Liturgien, S. 236⁠–⁠237.↑

  40. Synaxarium, 10. Baramuda, Die Entschlafung des heiligen Papstes Gabriel II., des siebzigsten Patriarchen, bekannt als Ibn Turayk, S. 387⁠–⁠388.↑

  41. Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 26.↑

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