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Thema 19 · Vortrag 1

Die Gottesgebärerin in Lehre und Leben der Kirche

Theotokos, allzeit Jungfrau und Fürsprecherin

17 Min. LesezeitDie Gottesgebärerin

Lernziele

  1. Den Titel Gottesgebärerin mit dem heiligen Kyrill begründen und seinen ersten Anathematismus mit eigenen Worten wiedergeben.
  2. Die immerwährende Jungfräulichkeit erklären und begründen, warum die koptische Kirche die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis nicht lehrt (Heiligung bei der Verkündigung).
  3. Die Fürsprache Marias von der Mittlerschaft Christi unterscheiden (1. Tim 2:5).

Schlüsselbegriffe

Gottesgebärerin (Theotokos) · Christusgebärerin · allzeit Jungfrau · Erbsünde · Unbefleckte Empfängnis · Fürsprache · Mittler · Anbetung · Verehrung · Aufnahme ihres Leibes in den Himmel

Bibelstellen

Lk 1:26⁠–⁠38; Lk 1:35; Lk 1:43; Lk 1:45; Lk 1:46⁠–⁠48; Gal 4:4; Joh 1:14; Jes 7:14; Ez 44:1⁠–⁠2; Ex 3:2; Lk 2:7; Ex 13:2; Mt 1:25; 2. Sam 6:23; Mt 28:20; Mt 13:55; Gen 14:12.14; Mt 27:56; Joh 19:25⁠–⁠27; Gen 3:13; Gen 3:20; Joh 11:25; Apg 4:12; Röm 5:12; Hebr 4:15; 1. Tim 2:5; 1. Joh 2:2; Jak 5:16; Joh 2:3⁠–⁠5; Lk 2:19; Lk 11:28; Lk 1:39; Lk 1:56; Apg 1:14

Inhalt

Kaum ein Name ist den Kindern in unseren Gemeinden so vertraut wie der Name der heiligen Jungfrau Maria; sie hören ihn in jeder Liturgie. Was die Kirche über Maria sagt, sagt sie zuerst über Christus. Weil ihr Sohn Gott ist, nennt sie Maria Gottesgebärerin (Theotokos). Weil er allein der Erlöser ist, bittet sie Maria als Fürsprecherin und nennt sie nie Miterlöserin. Wer diese Gründe kennt, beantwortet auch die Fragen der Kinder ruhig und richtig.

Was der Titel „Gottesgebärerin“ sagt

Den Lebensweg Marias nach der Schrift kennst du aus Buch 1, Kapitel 3 („Wichtige Personen der Bibel“), das Konzil von Ephesus, die Versammlung der Bischöfe der ganzen Kirche im Jahr 431, aus Kapitel 6 („Die Konzile in Grundzügen“).

Begriff
Gottesgebärerin (Theotokos)

Maria heißt Gottesgebärerin, weil sie nicht eine bloße Natur, sondern die Person des ewigen Sohnes Gottes nach dem Fleisch, also als Menschen, geboren hat. Der Titel bedeutet nicht, dass sie die Gottheit hervorgebracht hätte. „Gottesgebärerin“ gibt das griechische Wort Theotokos wörtlich wieder, das auch die koptischen Gebete gebrauchen (ti-theotokos); „Gottesmutter“ sagt dasselbe.

Damals wie Heute, das Buch unserer Diözese über die Kirche vor Nizäa, fasst die Begründung zusammen:

„Eine Mutter gebiert nicht eine bloße Natur, sondern immer eine Person. Deshalb nennt die Kirche die heilige Jungfrau Maria mit Recht Gottesgebärerin. Denn die Person, die sie neun Monate in ihrem Leib getragen hat, ist niemand anderer als der ewige Sohn Gottes selbst.“1

Keine Mutter erschafft die Seele ihres Kindes, und doch ist sie die Mutter dieses ganzen Menschen, nicht nur seines Leibes.2 So hat Maria dem Sohn Gottes nicht seine Gottheit gegeben, sondern sein Fleisch; aber der, den sie geboren hat, ist der eine Sohn Gottes selbst. Aus Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“) kennst du den Merksatz:

Merksatz

Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.

Weil das ewige Wort Fleisch geworden ist (Joh 1:14a) und die Menschheit mit sich selbst geeint hat, gibt es nicht zwei Söhne, einen Sohn Gottes und einen Sohn Marias. Elisabet grüßt Maria: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1:43). Paulus schreibt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4:4a). Papst Schenouda III. erklärt: „Wenn unsere Kirche sagt, dass die Jungfrau die ‚Mutter Gottes‘ ist, bringt sie zum Ausdruck, dass sie das fleischgewordene Wort gebar und nicht selbst Quelle der Göttlichkeit war, Gott behüte!“3

Warum „Christusgebärerin“ nicht genügt

Nestorius, der Patriarch von Konstantinopel, wollte Maria nur Christusgebärerin nennen, die Mutter des Menschen Jesus, in dem die Gottheit wohnte. Nach Papst Schenouda III. war Christus in dieser Lehre nur „Wohnort“ für Gott, wie es bei den Heiligen geschieht.4 Der Titel Christusgebärerin drückt diese Verkürzung aus. Damals wie Heute urteilt: „Wer behauptet, Maria dürfe nur ‚Christusgebärerin‘ genannt werden, der leugnet in Wirklichkeit entweder die Gottheit des Geborenen oder die Einheit der Person Christi und ‚trennt den einen Herrn in zwei‘: in einen Christus, der aus Maria geboren wurde, und in einen, der nicht aus ihr geboren ist.“5 Wer „Gottesgebärerin“ sagt, bekennt dagegen, dass das Kind in der Krippe Gott ist, der Mensch geworden ist.

Der heilige Kyrill und das Konzil von Ephesus

Gegen Nestorius trat der heilige Kyrill, Papst von Alexandrien, auf. In seinem zweiten Brief an Nestorius beruft er sich auf die Väter: „So, finden wir, haben die heiligen Väter gedacht; so haben sie unbedenklich die heilige Jungfrau Gottesgebärerin genannt, nicht wie wenn die Natur des Wortes oder seine Gottheit aus der heiligen Jungfrau ihren Ursprung genommen hätte, sondern weil aus ihr der heilige Leib geboren worden ist, der vernünftig beseelt und dem das Wort der Person nach geeint war“.6 Seinem dritten Brief fügte er zwölf Anathematismen, feierliche Verurteilungen von Irrlehren, an. Der erste lautet:

Aus den Vätern

Wenn jemand nicht bekennt, dass der Emmanuel in Wahrheit Gott ist und die heilige Jungfrau deshalb Gottesgebärerin ist, weil sie das fleischgewordene aus Gott entstammte Wort fleischlich geboren hat, so sei er im Banne.7

– Hl. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismus 1

Weil der Emmanuel wirklich Gott ist, ist Maria Gottesgebärerin. Wer ihr den Titel nimmt, nimmt Christus die Gottheit. Das Konzil von Ephesus hat im Jahr 431 unter dem Vorsitz des heiligen Kyrill diesen Glauben bekannt und Nestorius abgesetzt; die Formel von der einen Natur stammt dagegen von Kyrill selbst und ist kein Konzilsbeschluss. In seinem Friedensbrief an Johannes von Antiochien schreibt Kyrill, „dass sozusagen unser ganzer Kampf für den Glauben hinausgelaufen ist auf Verfechtung des Satzes: Die heilige Jungfrau ist Gottesgebärerin“.8

Ein Titel aus der Zeit vor Ephesus

Der Titel war in Ephesus nicht neu. Schon der heilige Alexander, Papst von Alexandrien, bekennt noch vor dem Konzil von Nizäa in einem Brief gegen Arius Christus, „der in Wahrheit und nicht nur dem Scheine nach einen Leib angenommen hat aus Maria der Gottesgebärerin“.9 Sein Nachfolger, der heilige Athanasius der Apostolische, schreibt: „Und weil das Fleisch aus der Gottesgebärerin Maria geboren wird, deshalb sagt man vom Worte selbst, es sei geboren worden“.10 Die Kirche von Alexandrien hat diesen Glauben nicht erfunden, sondern bewahrt.

Der Titel ist kein bloßer Ehrenname; er schützt das Bekenntnis, dass der Sohn Gottes selbst uns erlöst hat. Abuna Tadros Y. Malaty schreibt: „Durch das Muttersein Mariens floss unser Blut in seinen Adern, das von ihm zur Vergebung unserer Sünden vergossen wurde.“11

Allzeit Jungfrau

Begriff
allzeit Jungfrau

Maria hat den Sohn Gottes als Jungfrau empfangen und geboren und ist vor und nach der Geburt Jungfrau geblieben. Die Kirche nennt sie deshalb „allzeit Jungfrau“ oder „immerwährende Jungfrau“.

Die Jungfrauengeburt ist vom Propheten angekündigt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben“ (Jes 7:14b). Maria fragt den Engel: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1:34),12 und er antwortet, dass der Heilige Geist über sie kommen wird (Lk 1:35). Maria blieb aber auch nach der Geburt Jungfrau: „… bekennt die Kirche von Anfang an, dass die Mutter Gottes sowohl vor der Geburt als auch nach der Geburt Christi Jungfrau blieb.“13 Schon der heilige Athanasius spricht von der „immerwährenden Jungfrau“.14 Der heilige Hieronymus, der ihre Jungfräulichkeit verteidigte, schreibt:

Aus den Vätern

Christus ist jungfräulich; die Mutter unseres jungfräulichen Heilandes ist die immerwährende Jungfrau, Jungfrau und Mutter zugleich.15

– Hl. Hieronymus, Briefe, Brief 49 (48),21 (an Pammachius)

Ein Bild dafür findet die Kirche beim Propheten Ezechiel:

Heilige Schrift

Da sagte der Herr zu mir: Dieses Tor soll geschlossen bleiben, es soll nie geöffnet werden, niemand darf hindurchgehen; denn der Herr, der Gott Israels, ist durch dieses Tor eingezogen; deshalb bleibt es geschlossen.

Ez 44:2

„Diese Tür ist das Bild der jungfräulichen Maria, durch die der Herr in die Welt kam.“16

Drei Einwände aus der Bibel

Manche schließen aus einzelnen Bibelversen, Maria habe nach Jesus weitere Kinder gehabt. Papst Schenouda III. antwortet darauf in der Vergleichenden Theologie.17

Tabelle 62 · Einwände gegen die immerwährende Jungfräulichkeit
Einwand Antwort
Maria „gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen“ (Lk 2:7a). „Erstgeborener“ heißt: Vor ihm wurde keiner geboren, nicht: Nach ihm kamen andere. Jeder erstgeborene Sohn war Gott geweiht, sobald er geboren war (Ex 13:2; Lk 2:23).
Josef „erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar“ (Mt 1:25a). „Bis“ sagt etwas über die Zeit davor, nicht über die Zeit danach. Michal „bekam bis zu ihrem Tod kein Kind“ (2. Sam 6:23) – auch nicht danach. Christus ist „bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28:20b) – und danach erst recht.
Die Leute von Nazaret nennen „Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder“ (Mt 13:55b). „Bruder“ meint in der Schrift oft einen nahen Verwandten: Die Schrift nennt Lot „den Neffen Abrams“ (Gen 14:12) und kurz darauf Abrams „Bruder“ (Gen 14:14). Unter dem Kreuz steht „Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef“ (Mt 27:56) – nach Papst Schenouda III. eine andere Maria als die Mutter Jesu.

Am Kreuz vertraut Jesus seine Mutter dem Jünger an, den er liebte: „Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh 19:27). Hätte Maria weitere Söhne gehabt, hätten diese für sie gesorgt.18 Papst Schenouda III. deutet die „Brüder des Herrn“ als Vettern Jesu, Söhne der „Maria, die Frau des Klopas“ (Joh 19:25).19 Maria hatte keine weiteren Kinder und blieb allzeit Jungfrau.

Eva und Maria

Schon der heilige Irenäus von Lyon, ein Vater des 2. Jahrhunderts, stellt Maria neben Eva. Eva ließ sich verführen: „Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen“ (Gen 3:13b). Maria hört auf Gottes Boten und antwortet: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1:38a). Irenäus schreibt in seinem Werk gegen die Irrlehren (Häresien):

Aus den Vätern

War jene Gott ungehorsam, so folgte diese Gott willig, damit die Jungfrau Maria der Anwalt der Jungfrau Eva wurde. Und wie das Menschengeschlecht durch eine Jungfrau mit dem Tode behaftet wurde, so wird es auch gerettet durch eine Jungfrau.20

– Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch V, Kap. 19,1

„Anwalt“ meint hier Beistand: Marias Gehorsam macht Evas Ungehorsam wieder gut. Eva heißt „die Mutter aller Lebendigen“ (Gen 3:20b); Maria wurde die Mutter dessen, der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11:25a). Der heilige Hieronymus fasst es in einem Satz: „Eva brachte den Tod, Maria das Leben.“21

Die Väter meinen damit: Durch Maria ist der Retter zu uns gekommen; gerettet hat uns Christus, der aus ihr geboren ist. „Und in keinem anderen ist das Heil zu finden“ (Apg 4:12a). Das Leben, das Maria bringt, ist ihr Sohn. Papst Tawadros II. schreibt: „Damit übertrifft sie die Engel, denn sie wurde würdig gemacht, den menschgewordenen Sohn Gottes zu gebären, indem sie ein lebendiges Heiligtum für Ihn wurde, der zu unserer Erlösung Fleisch von ihr angenommen hat. Mit all dem war sie erlösungsbedürftig wie jeder andere Mensch, was in ihrem Magnifikat deutlich wird“.22 Im Magnifikat, ihrem Lobgesang (Lk 1:46⁠–⁠55), singt Maria: „mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1:47).

Gereinigt und geheiligt bei der Verkündigung

Zur Erbsünde halten wir fest: Durch den Ungehorsam Adams ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod (Röm 5:12). Die ganze Menschheit hat von Adam die Erbsünde geerbt: die Trennung von Gott, die Verderbnis der Natur und die Verurteilung zum Tod. Die Sünde Adams ist für uns nicht eine von uns begangene (tatsächliche) Sünde; wir tragen aber ihre Folgen. In der Taufe werden wir von der Erbsünde befreit und neu geboren. Auch Maria stammt von Adam ab und brauchte Christus als Erlöser. Abuna Tadros Y. Malaty schreibt: „Wir stellen sie nicht auf ein Podest weit ab von den Menschen, so als ob sie nicht menschlichem Samen entsprungen sei und ohne Erbsünde geboren wurde.“23

Wie aber konnte der Sohn Gottes aus ihr ohne Sünde Mensch werden? Die Antwort gibt der Engel:

Heilige Schrift

Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.

Lk 1:35

Bei der Verkündigung kam der Heilige Geist über Maria, reinigte und heiligte sie, damit sie den Sohn Gottes empfangen konnte (vgl. Lk 1:35). Papst Schenouda III. schreibt:

Aus der Lehre unserer Päpste

Der Heilige Geist reinigte und heiligte Marias Leib; deshalb hatte das Kind, das sie gebar, auch die Erbsünde nicht; das Fleisch aus ihrem Blut wurde vereinigt mit dem eingeborenen Sohn. Dieses Einssein geschah vom ersten Moment der heiligen Schwangerschaft im Leib der Jungfrau.24

– Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1

Ebenso sagt Abuna Bishoy Kamel: „Die Inkarnation fand statt, als der Heilige Geist auf die Jungfrau Maria kam, sie reinigte und sie den göttlichen Leib empfing.“25 So ist Christus ohne Sünde Mensch geworden; er ist der eine, „der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4:15b).

Das macht Maria nicht kleiner. Ihre Heiligkeit ist Gabe der Gnade und zugleich Frucht ihres Glaubens; Elisabet sagt von ihr: „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1:45).

Warum unsere Kirche die Unbefleckte Empfängnis nicht lehrt

Begriff
Unbefleckte Empfängnis

Die römisch-katholische Kirche lehrt als Glaubenssatz, Maria sei vom ersten Augenblick ihrer eigenen Empfängnis im Schoß ihrer Mutter an von der Erbsünde bewahrt worden. Diese Lehre heißt Unbefleckte Empfängnis.

Beide Kirchen ehren Maria als heilig; der Unterschied betrifft die Frage, wann und wie sie geheiligt wurde. Die koptische Kirche lehrt die Unbefleckte Empfängnis nicht, aus drei Gründen:

  1. Maria gehört zu unserem Geschlecht. Sie hat die Erbsünde geerbt.
  2. Maria brauchte Erlösung. Gott ist ihr Retter (Lk 1:47).26
  3. Heiligung bei der Verkündigung. Der Heilige Geist reinigte und heiligte sie (Lk 1:35).

Abuna Tadros Y. Malaty fasst zusammen: Diese Auffassung „bewahrt vor jeglicher Übertreibung und Verwechselung zwischen Christus und seiner Mutter“.27 Den Unterschied nennen wir klar, aber ohne Härte: Wir vergleichen Lehre mit Lehre und ehren die Mutter des Herrn, wie sie selbst gesagt hat: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1:48b).

Fürsprecherin, nicht Miterlöserin

Es gibt nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen:

Heilige Schrift

Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus …

1. Tim 2:5

Christus ist Mittler, weil er sich selbst für uns hingegeben hat: „Er ist die Sühne für unsere Sünden“ (1. Joh 2:2a). Diese Mittlerschaft teilt er mit niemandem, auch nicht mit seiner Mutter. Papst Schenouda III. unterscheidet genau:

Aus der Lehre unserer Päpste

Unser Herr vermittelt für uns als der Erlöser, der sich selbst für unsere Sünden geopfert hat. Diese Art von Vermittlung ist gänzlich unbestritten und ist allein Christus zugehörig, dagegen haben die Fürbitten der Heiligen absolut keine Beziehung zum Sühneopfer und zur Erlösung. Es ist eine Fürbitte zum Herrn selbst um unsertwillen.28

– Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.1
Begriff
Fürsprache

Fürsprache oder Fürbitte heißt das Gebet für andere. Die Gottesgebärerin und die Heiligen beten bei Gott für uns; wir beten füreinander und für die Welt. Beides ist Bitten, nicht Erlösen. Erlöser und Mittler ist allein Christus.

Wenn wir um Fürsprache bitten, tun wir, was die Schrift lehrt: „betet füreinander … Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten“ (Jak 5:16). Wir bitten einen Bruder, für uns zu beten; erst recht können wir die Mutter des Herrn darum bitten. Im Abend- und Morgenweihrauch singt die Kirche: „Durch die Fürsprache der Muttergottes der hl. Maria, gewähre uns, O Herr, die Vergebung unserer Sünden.“29 Maria bittet; die Vergebung schenkt der Herr.

Wie Marias Fürsprache wirkt, zeigt die Hochzeit zu Kana. Sie bringt die Not zu ihrem Sohn: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Dann sagt sie zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2:3b.5b). Ihre Fürsprache lenkt den Blick nicht auf sich, sondern auf Christus. Abuna Tadros Y. Malaty schreibt: „Kein orthodoxer Theologe nennt Maria ‚Miterlöserin‘ …“30

Beten wir Maria an?

Kinder hören diese Frage manchmal als Vorwurf. Die Antwort unterscheidet zwei Worte: Anbetung gebührt allein Gott; Verehrung ist die Ehre, die wir den Heiligen um Gottes willen erweisen. Papst Schenouda III. sagt: „Wir beten nicht zur Jungfrau Maria, sondern wir wenden uns an sie, wenn wir beten und bitten sie, für uns einzutreten.“31 „Beten“ meint hier die Anbetung, die allein Gott gebührt. Maria sprechen wir im Gebet an, wir ehren sie und bitten um ihre Fürsprache, etwa in der Einleitung des Glaubensbekenntnisses: „Wir rühmen dich, du Mutter des wahren Lichts“.32 Wir ehren sie, weil Gott sie geehrt hat: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1:48b). Und der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty mahnt: „Bei all unserem Lobpreis – selbst wenn wir die heilige Maria und die Heiligen verehren – dürfen unsere Augen niemals vom Kreuz abweichen“.33

Wie die Kirche die Gottesgebärerin ehrt

Aus Buch 1, Kapitel 9 („Kirchliche Ordnung, Kirchenjahr und Gebetsleben“) kennst du die Marienfeste und das Marienfasten. Am 21. jedes koptischen Monats feiert die Kirche „das monatliche Gedenken der Gottesgebärerin, der heiligen Jungfrau Maria“.34 Im Monat Kiyahk vor Weihnachten singt sie die Kiyahk-Psalmodie mit ihren Theotokien, den Lobgesängen auf die Gottesgebärerin; davon handelt Thema 20 („Hymnen und Psalmodie“). Die Theotokien nennen Maria das goldene Gefäß mit dem Manna, den brennenden Dornbusch, den zweiten Himmel und das östliche Tor, das du aus Ez 44:1⁠–⁠2 kennst.35 Jeder dieser Namen spricht von Christus, der in ihr wohnte.

„Aufnahme ihres Leibes in den Himmel“

Am 21. Tubeh (29. Jänner) feiert die Kirche das Entschlafen der Gottesgebärerin; nach der Überlieferung empfing der Herr selbst „ihre reine Seele“.36 Am 16. Misra (22. August) gedenkt die Kirche der Aufnahme ihres Leibes in den Himmel. Nach der Überlieferung trugen Engel den Leib in den Himmel, denn „der Leib, der Gott, das Wort, neun Monate getragen und von dem Er seine Menschheit genommen hatte, sollte nicht im Staub der Erde bleiben und verwesen wie die übrigen Leiber, sondern sollte im Himmel bewahrt werden“.37

Christus ist als der Herr in den Himmel aufgefahren; den Leib seiner Mutter trugen nach der Überlieferung die Engel in den Himmel. Darum ist die Himmelfahrt ein Herrenfest, die Aufnahme ihres Leibes ein Marienfest.

Die Gottesgebärerin mit dem Kind: Maria zeigt auf ihren Sohn.

Maria, Vorbild des Dieners

In Thema 1 („Berufen zum Dienst“), Vortrag 2, hast du an Maria gesehen, wie Hören, Gehorsam und Dienen zusammengehören. Die Kirche sieht in ihr ein „vorbildliches Mitglied der Kirche“ und feiert ihre Feste, „damit wir sie nachahmen und sie um Fürsprache bitten“.38 Maria bewahrt das Wort in ihrem Herzen (Lk 2:19) und ist selig als eine von denen, „die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11:28). Nach der Verkündigung „eilte“ sie zu Elisabet und blieb etwa drei Monate bei ihr (Lk 1:39.56). Abuna Tadros Y. Malaty sieht darin den Weg jedes Dieners: Wer Christus in sich trägt, geht hinaus, um den anderen zu dienen.39 Und Maria betet mit der Kirche: Vor Pfingsten verharren die Apostel „einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu“ (Apg 1:14).

Für den Dienst

  • Erkläre, warum Maria Gottesgebärerin heißt. Schon Kinder der Volksschule verstehen: Eine Mutter ist die Mutter eines ganzen Menschen, nicht nur eines Körpers.
  • Antworte auf „Beten wir Maria an?“ mit drei Sätzen: Wir beten nur Gott an. Maria verehren wir, weil sie die Mutter des Herrn ist. Wir bitten sie, für uns zu beten, wie wir einander um das Gebet bitten (Jak 5:16).
  • Führe von Maria zu Christus. Erzähle von Kana und lass die Kinder den Satz finden, mit dem Maria auf ihren Sohn zeigt (Joh 2:5b). Zeige auf der Ikone, wohin Marias Hand weist.
  • Feiere mit den Kindern. Erinnere am 21. jedes koptischen Monats an die Gottesgebärerin und lade die Kinder im Kiyahk gemeinsam mit ihren Eltern zum Mitternachtslobpreis ein. Erkläre dabei einen Namen Marias aus den Theotokien, etwa den Dornbusch (Ex 3:2).
  • Trenne Schrift und Überlieferung. Was das Synaxarium über das Entschlafen Marias berichtet, erzählst du als Überlieferung der Kirche, nicht als Bibeltext.

Das Wichtigste in Kürze

  • „Eine Mutter gebiert nicht eine bloße Natur, sondern immer eine Person.“ Maria ist Gottesgebärerin (Theotokos), weil sie den ewigen Sohn Gottes nach dem Fleisch geboren hat.
  • Wer Maria nur „Christusgebärerin“ nennt, trennt den einen Christus in zwei. Der heilige Kyrill verteidigte den Titel (2. Brief an Nestorius; Anathematismus 1); Ephesus bekannte ihn im Jahr 431.
  • Maria ist allzeit Jungfrau, vor und nach der Geburt (Hieronymus, Brief 49,21; Ez 44:2); „Erstgeborener“, „bis“ und „Brüder“ widersprechen dem nicht.
  • Eva brachte durch Ungehorsam den Tod, Maria wurde durch Gehorsam die Mutter des Lebens (Irenäus, Gegen die Häresien, Buch V, Kap. 19,1). Erlöst hat uns allein Christus; Maria übertrifft die Engel und war doch „erlösungsbedürftig wie jeder andere Mensch“ (Mein Glaube, Fr. 77).
  • Maria hat wie alle die Erbsünde geerbt; bei der Verkündigung kam der Heilige Geist über sie, reinigte und heiligte sie (Lk 1:35). Darum lehrt die koptische Kirche die Unbefleckte Empfängnis nicht.
  • Christus ist der einzige Mittler (1. Tim 2:5); Maria ist Fürsprecherin, nicht Miterlöserin. Anbetung gebührt allein Gott, Maria gebührt Verehrung.
  • Die Kirche feiert das Entschlafen Marias und die Aufnahme ihres Leibes in den Himmel.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty: Die heilige Jungfrau Maria, die Gottesmutter Ti-theo-tokos, bei den Kirchenvätern … (Lebensgeschichten der Heiligen, Teil 1), Kap. 1⁠–⁠5 und Kap. 8.
  • Papst Schenouda III.: Vergleichende Theologie, Kap. 3 („Fürbitte“) und Kap. 5.
  • Hl. Kyrill von Alexandrien: Drei ökumenische Briefe, zweiter und dritter Brief an Nestorius (BKV 2. Reihe 12, S. 81⁠–⁠100).
  • Damals wie Heute. Die Kirche vor Nizäa, Abschnitte „Hl. Jungfrau Maria“ und „Die Fürsprache der Engel und Heiligen“ (S. 357⁠–⁠370).

Anmerkungen

  1. Damals wie Heute, S. 357.↑

  2. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 2.3.↑

  3. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.3.↑

  4. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4; Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 2.3.↑

  5. Damals wie Heute, S. 357.↑

  6. Kyrill von Alexandrien, Zweiter Brief an Nestorius, S. 85⁠–⁠86. „Vernünftig beseelt“ heißt: mit einer menschlichen, denkenden Seele.↑

  7. Kyrill von Alexandrien, Dritter Brief an Nestorius, Anathematismus 1. „Emmanuel“ ist die Form der Kirche; die Einheitsübersetzung schreibt „Immanuel“ (Jes 7:14). „So sei er im Banne“ heißt: Er sei aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen.↑

  8. Kyrill von Alexandrien, Friedensbrief an Johannes von Antiochien, S. 103.↑

  9. Alexander von Alexandrien, Brief an Alexander von Konstantinopel (bei Theodoret, Kirchengeschichte), Buch I, Kap. 4.↑

  10. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 3, Kap. 33.↑

  11. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 2.3.↑

  12. „Erkennen“ meint in der Sprache der Bibel die eheliche Gemeinschaft (vgl. Mt 1:25).↑

  13. Damals wie Heute, S. 362.↑

  14. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 2, Kap. 70.↑

  15. Hieronymus, Briefe, Brief 49 (48),21 (an Pammachius).↑

  16. Damals wie Heute, S. 361; ebenso Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.8, und Hieronymus, Briefe, Brief 49 (48),21 (an Pammachius).↑

  17. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.7.1⁠–⁠5.8.↑

  18. Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.8; Damals wie Heute, S. 362.↑

  19. Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.7.5.↑

  20. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch V, Kap. 19,1.↑

  21. Hieronymus, Briefe, Brief 22,21 (an Eustochium).↑

  22. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 77.↑

  23. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 4.4.↑

  24. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑

  25. Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 30. „Inkarnation“ heißt Menschwerdung.↑

  26. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 77.↑

  27. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 4.4.↑

  28. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.1.↑

  29. Die göttlichen Liturgien, S. 6.↑

  30. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 4.4.↑

  31. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.5.↑

  32. Die göttlichen Liturgien, S. 92.↑

  33. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1062.↑

  34. Synaxarium, 21. Babeh, Das monatliche Gedenken der Gottesgebärerin, der heiligen Maria, S. 85.↑

  35. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 8.1 und 8.3.↑

  36. Vgl. Synaxarium, 21. Tubeh, Die Entschlafung der Gottesgebärerin, der heiligen Jungfrau Maria, S. 254.↑

  37. Synaxarium, 16. Misra, Das Bekanntwerden der Aufnahme des Leibes der heiligen und reinen Jungfrau Maria in den Himmel, S. 606⁠–⁠607.↑

  38. Euchologion, S. 1225.↑

  39. Vgl. Jakob von Serugh, Homilien über die Geburt Christi, Teil 1, hg. und kommentiert von Abuna Tadros Y. Malaty, S. 27 (Kommentar).↑

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