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Thema 20 · Vortrag 1

Der Lobpreis der Kirche

Mitternachtslobpreis, Theotokien und Melodien

16 Min. LesezeitHymnen und Psalmodie

Lernziele

  1. Sinn und Wert der Kirchenhymnen erklären.
  2. Den Aufbau des Mitternachtslobpreises (vier Hoos, Theotokien, Psali, Doxologien) beschreiben.
  3. Die wichtigsten Melodien des Kirchenjahres (Jahres-, Kiyahk-, Fasten-, Pascha- und Freudenmelodie) nennen und mit Athanasius erklären, wie gesungene Psalmen die Seele formen.

Schlüsselbegriffe

Lobpreis · Kirchenhymnen · Psalmodie · Mitternachtslobpreis (Tasbeha) · Hoos · Psali · Theotokie · Doxologie · Lobsch · Tarh · Antiphonarium (Difnar) · Adam und Watos · Melodie · Jahresmelodie · Kiyahk-Melodie · Fastenmelodie · Pascha-Melodie (Trauermelodie) · Freudenmelodie · Kiyahk-Psalmodie · Gottesgebärerin (Theotokos)

Bibelstellen

Jes 6:3; Offb 4:8b; Lk 2:14; Ex 15:1b; Apg 16:25; Lk 1:46b–47; Mt 25:6; Ps 119:62; 1. Kor 10:1b–2; Ps 136:1; Dan 3:24; Dan 3:50b; Dan 3:52a; Dan 3:57; Ps 148:2; Ps 150:6; Ex 3:2b; 1. Kor 14:15b

Inhalt

Wer zum ersten Mal eine koptische Kirche betritt, hört zuerst den Gesang: Die Kirche betet singend. Viele Kinder lernen den Glauben durch die Hymnen kennen, lange bevor sie ihn erklären können. Als Diener kannst du ihnen helfen zu verstehen, was sie singen. Dazu musst du selbst wissen, was Lobpreis ist und wie der Mitternachtslobpreis aufgebaut ist.

Was Lobpreis ist

Das Lob der Engel und das Lob der Kirche

Der Prophet Jesaja sieht in seiner Berufung den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron. Über ihm stehen die Serafim und rufen:

Heilige Schrift

Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.

Jes 6:3

In der Offenbarung „ruhen“ die vier Lebewesen „nicht, bei Tag und Nacht“ und rufen dasselbe „Heilig, heilig, heilig“ (Offb 4:8b). In der Nacht von Betlehem singt das himmlische Heer: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2:14).

In dieses Lob stimmt die Kirche ein. Das „Heilig, heilig, heilig“ der Engel singt sie auch in der Göttlichen Liturgie (Sanctus). Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty beschreibt, was Lobpreis im Kern ist: „Lobpreis bedeutet seinem Wesen nach, dass sich die Gläubigen mit den himmlischen Geschöpfen vereinen, um dem Schöpfer aller Dinge Dank darzubringen. Er ist Ausdruck unseres Glaubens, dass Gott der Wohltätige und der Pantokrator ist.“1 Pantokrator heißt „Allherrscher“.

Begriff
Lobpreis und Kirchenhymnen

Der Lobpreis ist das Gebet, in dem die Gläubigen sich mit den Engeln vereinen, Gott preisen und ihm danken. Kirchenhymnen sind nach dem Katechismus „die musikalische Sprache der Gläubigen“: Durch sie bringt die Kirche Gott ihren Lobpreis dar.2

Der heilige Basilius der Große sieht im täglichen Lob eine Nachahmung der Engel:

Aus den Vätern

Was gibt es Seligeres, als den Chor der Engel auf Erden nachzuahmen — gleich mit Tagesanbruch zum Gebete aufzustehen, mit Hymnen und Gesängen den Schöpfer zu ehren, dann bei hellem Sonnenschein ans Werk zu gehen, überall die Sonne mit dem Gebet zu begleiten und die Arbeiten mit Lobgesängen wie mit Salz zu würzen?3

– Hl. Basilius der Große, Ausgewählte Briefe, Brief 2 (an Gregor von Nazianz), Kap. 2

Braucht Gott unser Lob? Nein. Der Katechismus gibt dazu ein Wort des heiligen Jakob von Serugh wieder: „Dein Herr bittet dich nicht um deinen Lobpreis, weil er ihn braucht, sondern weil er möchte, dass du dich ihm in jeder Lage näherst.“4 Der Lobpreis verändert nicht Gott, sondern uns.

Lobpreis in jeder Lage

Die Kirche ist nach dem Katechismus „eine Gemeinschaft des Lobpreises – nicht nur in frohen Zeiten, sondern auch mitten in den schwersten Bedrängnissen“.5 Das zeigt schon die Heilige Schrift:

  • Nach dem Durchzug durch das Rote Meer singt Israel: „Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer“ (Ex 15:1b).
  • Die drei jungen Männer im Feuerofen „gingen mitten in den Flammen umher, lobten Gott und priesen den Herrn“ (Dan 3:24).
  • Im Gefängnis von Philippi: „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu“ (Apg 16:25).

Ein besonderes Vorbild ist die heilige Jungfrau Maria. Als das menschgewordene Wort in ihr Wohnung genommen hat, singt sie: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1:46b–47). Ihr Lobpreis beginnt bei ihrem Retter. Daraus folgt nach dem Katechismus eine Regel für jeden Lobpreis der Kirche: Auch wenn wir die heilige Maria und die Heiligen verehren, wenden wir den Blick nicht vom Kreuz ab.6

Warum die Kirche singt

Singt die Kirche nur, weil es schön klingt? Der heilige Athanasius der Apostolische antwortet in seinem Brief an Marcellinus. Die anderen Bücher der Schrift, sagt er, liest man als Worte anderer Menschen; die Psalmen aber spricht jeder, „als wären sie über ihn geschrieben“.7 Dann folgt das bekannte Bild:

Aus den Vätern

Und ich glaube, dass diese dem Psalmensänger zu einem Spiegel dienen, dass auch er in denselben die Bewegungen seiner Seele erkennt und in dieser Wahrnehmung dieselben ausspricht. … Und überhaupt ist in dieser Weise jeder Psalm vom Geiste ausgesprochen und geordnet, dass in ihnen, wie vorhin gesagt, die Bewegungen unserer Seele erkannt werden, und dass sie alle wie über uns gesprochen und gleichsam unsere eigenen Worte sind, um die Bewegungen in unserm Innern auszudrücken und unser Leben zu bessern.8

– Hl. Athanasius der Apostolische, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 12

Warum werden die Psalmen gesungen? In der Seele gibt es viele Bewegungen – Denken, Begehren, Zorn –, die leicht gegeneinander geraten. Wie mehrere Flöten einen einzigen Klang ergeben, so soll der Mensch nicht „mit sich selbst in Zwiespalt“ liegen.9 Deshalb, so Athanasius, „hat der Herr, da er wollte, dass die Melodie in den Worten ein Zeichen der geistigen Harmonie in der Seele sei, die Anordnung getroffen, dass die Psalmen melodisch und mit Gesang vorgetragen werden“.10 Und weiter: „… so bringt, wer in der rechten Weise singt, seine Seele in Einklang und führt sie gleichsam aus der Ungleichheit zur Gleichheit“.11 Wer dagegen nur den Klang genießen will, singt „nicht in verständiger Weise“.12

So formen gesungene Psalmen die Seele in drei Schritten:

  1. Erkennen: Im Psalm wie in einem Spiegel sieht der Beter seine eigene Seele.
  2. Aussprechen: Der Psalm gibt ihm Worte, um Reue, Hoffnung und Dank vor Gott zu bringen.
  3. Ordnen: Die Melodie bringt die Bewegungen der Seele in Einklang und richtet sie auf Gott aus.

Die Psalmodie und der Mitternachtslobpreis

Buch und Gottesdienst

Begriff
Psalmodie

Die Psalmodie ist das Hymnenbuch der Kirche und zugleich der Lobgottesdienst, der mit ihm gefeiert wird. Es gibt die Psalmodie für das ganze Jahr (Jahrespsalmodie) und die Kiyahk-Psalmodie für den Monat Kiyahk.13

Aus Buch 1, Kapitel 9 („Kirchliche Ordnung, Kirchenjahr und Gebetsleben“) kennst du schon den Mitternachtslobpreis (Tasbeha): den nächtlichen Lobgottesdienst der Kirche mit den Lobgesängen der Psalmodie. Die Kirche wählt die Mitternacht, weil sie den wiederkommenden Herrn erwartet: „Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!“ (Mt 25:6). Sie betet mit dem Psalmisten: „Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen wegen deiner gerechten Entscheide“ (Ps 119:62; LXX 118).

Papst Schenouda III. beschreibt die Nachtwache in drei Teilen: eine Einleitung, das Mitternachtsgebet der Agpeya mit seinen drei Andachten und die Huldigung zur Mitternacht mit Lobgesängen aus der Psalmodie. Die Kirche weckt ihre Kinder mit dem Ruf: „Erhebt euch, Söhne des Lichts! Lasst uns lobsingen dem Herrn der Mächte!“14

Der nächtliche Lobpreis ist sehr alt. Der heilige Athanasius erzählt von den Klöstern des heiligen Antonius: Sie lagen im Gebirge „wie Zelte voll göttlicher Chöre, die Psalmen sangen“.15

Der Aufbau des Mitternachtslobpreises

Die Ordnung wechselt nach Wochentag und Fest; ihr Grundgerüst bleibt gleich:16

Tabelle 63 · Der Mitternachtslobpreis im Überblick
Teil Was gesungen wird
Eröffnung der Aufruf „Erhebt euch, Söhne des Lichts“
Erster Hoos der Lobgesang des Mose nach dem Durchzug durch das Rote Meer (Ex 15), danach seine Auslegung (Lobsch)
Zweiter Hoos Ps 136 (LXX 135) mit dem Kehrvers „denn seine Huld währt ewig“, danach sein Lobsch
Dritter Hoos der Lobgesang der drei jungen Männer im Feuerofen (Dan 3:52⁠–⁠90), dazu die Psali der drei jungen Männer
Gedächtnis der Heiligen und Doxologien Bitten an die Gottesgebärerin (Theotokos) und die Engel um Fürsprache, an die Apostel, die Märtyrer und die Heiligen um ihr Gebet; Doxologien
Vierter Hoos die Lobpsalmen Ps 148⁠–⁠150
Psali und Theotokie des Tages Hymnus auf Christus und Lobgesang auf die Gottesgebärerin für den jeweiligen Wochentag, mit Lobsch
Schluss Antiphonarium (Difnar), ein kurzer Lobpreis auf den Heiligen des Tages; Abschluss der Theotokien; Glaubensbekenntnis, „Herr, erbarme dich“, die Absolution (das Vergebungsgebet des Priesters)

Die vier Hoos

Begriff
Hoos

Das koptische Wort ϩⲱⲥ (hoos) bedeutet „loben, lobpreisen“.17 Ein Hoos ist ein Lobgesang; die vier Hoos des Mitternachtslobpreises stammen aus der Heiligen Schrift.

Der erste Hoos ist das Lied des Mose und der Israeliten nach der Rettung am Roten Meer (Ex 15:1⁠–⁠21); die Kirche singt es bis heute in ihrem täglichen Lobpreis.18 Der Apostel Paulus sieht in diesem Durchzug ein Vorausbild der Taufe: Er schreibt, dass „unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer“ (1. Kor 10:1b–2). Wer den ersten Hoos singt, dankt also für die eigene Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde.

Der zweite Hoos ist Ps 136 (LXX 135). Er beginnt: „Dankt dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig!“ (Ps 136:1). Jeder Vers endet mit dem Kehrvers „denn seine Huld währt ewig“. Der Psalm zählt Gottes Werke auf: die Schöpfung, die Befreiung aus Ägypten, den Zug durch das Schilfmeer, die Führung durch die Wüste (Ps 136:5⁠–⁠16). Für Papst Schenouda III. sind die Lobgesänge der Mitternacht „ein Dank an den Herrn und ein Nachsinnen über Seine vielen Wundertaten, denn Seine Huld währt ewig – wie es in der zweiten Hymne steht“.19

Der dritte Hoos ist der Lobgesang der drei jungen Männer Hananja, Asarja und Mischaël im Feuerofen. Er gehört zu den Zusätzen des Buches Daniel, die in der Einheitsübersetzung als Dan 3:24⁠–⁠90 stehen; sie sind deuterokanonisch, das heißt, die Kirche hat sie mit der Septuaginta als Heilige Schrift empfangen; sie gehören ganz zur Heiligen Schrift. Der Engel des Herrn war bei ihnen, und das Feuer „tat ihnen nichts zuleide“ (Dan 3:50b). Der Gesang beginnt: „Gepriesen bist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit“ (Dan 3:52a). Dann rufen die drei die ganze Schöpfung zum Lob: „Preist den Herrn, all ihr Werke des Herrn; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!“ (Dan 3:57). Engel, Gestirne, Wetter, Berge, Meere, Tiere und Menschen werden eingeladen – nach Papst Schenouda III. „eine Symphonie der Huldigung“.20

Die drei jungen Männer im Feuerofen (Dan 3)

Der vierte Hoos besteht aus den letzten drei Psalmen, Ps 148⁠–⁠150.21 Ps 148 ruft wieder Himmel und Erde zum Lob: „Lobt ihn, all seine Engel, lobt ihn, all seine Scharen“ (Ps 148:2). Ps 150 lobt Gott mit allen Instrumenten und endet mit dem Aufruf: „Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!“ (Ps 150:6). Papst Schenouda III. erinnert daran, dass die Betenden Gott „mit Musikinstrumenten huldigen gemäß Psalm 150, den wir in der vierten Hymne besingen“.22

Psali, Theotokien, Doxologien, Lobsch und Tarh

Zwischen und nach den Hoos singt die Kirche weitere Hymnen.

Begriff
Psali

Eine Psali ist ein rhythmischer Hymnus in Strophen, meist an Christus gerichtet.23

Für jeden Wochentag gibt es eine eigene Psali, dazu Psalis für Feste, für die Gottesgebärerin und für Heilige. Viele Psalis kreisen um den Namen Jesu. Der Katechismus zitiert die Psali vom Montag: „Jesus ist mein Herr, Jesus ist mein Gott, Jesus ist die Hoffnung der Christen“.24 Die Hymnen der Woche haben zwei Weisen: Adam für Sonntag, Montag und Dienstag, Watos für Mittwoch bis Samstag. Ihre Namen stammen aus den Anfangsworten zweier Theotokien: „Adam“ aus der Theotokie vom Montag („Während Adam noch trauerte …“), „Watos“, das heißt „Busch“, aus der Theotokie vom Donnerstag („Der Dornbusch, den Moses in der Wüste gesehen hat …“).25

Begriff
Theotokie

Eine Theotokie ist ein Lobgesang auf die Gottesgebärerin (Theotokos) für jeden Tag der Woche.

Die Theotokien sind keine bloßen Marienlieder, sondern gesungene Lehre über die Menschwerdung. Sie erklären, warum Maria Gottesgebärerin heißt: „Eine Mutter gebiert nicht eine bloße Natur, sondern immer eine Person.“26 Die Person, die Maria geboren hat, ist der ewige Sohn Gottes selbst.

Die Theotokien lesen das Alte Testament auf Christus und seine Mutter hin.27 Mose sah einen Dornbusch: „Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht“ (Ex 3:2b). Abuna Bishoy Kamel gibt dazu die Donnerstagstheotokie wieder: „Obwohl das Feuer loderte, verbrannte der Dornbusch nicht, denn in ihm war Gott und sprach zum Propheten.“ Er erklärt: „Die Jungfrau war wie der Dornbusch, der nicht verbrannte, als er die Glut der Göttlichkeit in sich trug.“28 Die Botschaft der Theotokien fasst er in Sätzen zusammen wie: „Er nahm, was uns gehört, und gab uns, was ihm gehört.“ und „Er wurde Menschensohn, um uns zu Söhnen Gottes zu machen.“29 Gemeint ist die Gotteskindschaft aus Gnade: Christus schenkt uns Anteil an seinem Leben, nicht an seinem göttlichen Wesen.

Begriff
Doxologie

Eine Doxologie ist ein Lobpreis in Strophen auf Gott, auf die Gottesgebärerin, die Engel und die Heiligen.

Im Gedächtnis der Heiligen bittet die Gemeinde die Gottesgebärerin um Fürsprache. Die Bitte lautet: „Sei unsere Fürsprecherin, unser aller Herrin, Muttergottes Maria, Mutter unseres Erlösers, damit er uns unsere Sünden vergebe!“30 Ebenso ruft sie die Engel und Johannes den Täufer an. Die Propheten, die Apostel, die Märtyrer und die Heiligen bittet sie um ihr Gebet. So lautet die Apostelstrophe: „Bittet beim Herrn für uns – meine Herren und Väter, die Apostel – und die übrigen Jünger, – damit er uns unsere Sünden vergibt.“31 Zu Gott betet die Kirche: „Durch die Fürsprache der Muttergottes der hl. Maria, gewähre uns, O Herr, die Vergebung unserer Sünden.“32 Die Heiligen beten für uns, die Vergebung schenkt Gott. Angebetet wird allein Gott; die Heiligen verehren wir, und Christus bleibt der einzige Mittler.

Begriff
Lobsch und Tarh

Ein Lobsch („Erläuterung“) ist eine Auslegung in Strophen: Er folgt auf einen Hoos oder eine Theotokie und erklärt deren Inhalt im Gesang. Ein Tarh (arabisch „Erklärung“) erläutert eine Lesung oder einen Hymnus und fügt eine Mahnung für das Leben hinzu; Tarh-Texte gibt es vor allem im Monat Kiyahk und in der Karwoche.33

Hinweis
Hymnentexte auf Deutsch

Die Hoos stehen hier im Wortlaut der Einheitsübersetzung, die anderen Hymnenworte im Wortlaut der angegebenen deutschen Bücher der Kirche.

Die Melodien des Kirchenjahres

Die Kirche singt nicht das ganze Jahr in derselben Weise. Der Katechismus erklärt: Der Ritus, die Ordnung des Gottesdienstes, mit seinen Hymnen „richtet sich nach dem jeweiligen Anlass. Er ist wie eine Sprache, die sogar von Menschen verstanden wird, die unsere Sprache nicht kennen“.34

Tabelle 64 · Die Melodien des Kirchenjahres
Melodie Wann sie gesungen wird Was sie ausdrückt
Jahresmelodie an den gewöhnlichen Tagen des Jahres den täglichen Lobpreis der Kirche
Kiyahk-Melodie im Monat Kiyahk, im Weihnachtsfasten die Freude über die Menschwerdung und das Gedächtnis der Gottesgebärerin
Fastenmelodie in der Großen Fastenzeit, auch im Jona-Fasten die Zeit der Umkehr
Pascha-Melodie (Trauermelodie) in der Karwoche (Pascha) Ehrfurcht vor dem gekreuzigten Herrn und das Verlangen nach Umkehr
Freudenmelodie an den großen und kleinen Herrenfesten, in den Heiligen Fünfzig Tagen, vom Nayrouz bis zum Kreuzfest und von Weihnachten bis zur Beschneidung des Herrn die Freude über das Heilswirken Christi
Hosanna-Melodie (Shaniny) am Palmsonntag und an den Festen des Kreuzes den Ruf „Hosanna“, das heißt „Rette uns“

Die Melodie der Karwoche nennt der Katechismus Pascha-Melodie; ihr Geheimnis liege „im Verlangen nach der Umkehr von den Sünden“. Manche nennen sie „Trauermelodie“.35

Wozu dienen die Melodien? „Die Schönheit der Kirchenhymnen liegt nicht im Wohlklang der Stimme oder in der Treue zur richtigen Melodie“, sagt der Katechismus; sie sollen uns einen Vorgeschmack des Himmels schenken.36 Die Melodie dient dem Herzen, wie schon Athanasius lehrt.

Der Kiyahk-Lobpreis

Den Monat Kiyahk nennt der Katechismus den „Monat der Nachtwachen und des Lobpreises“.37 Er liegt im Weihnachtsfasten; die Kirche gedenkt der Verkündigung an die Gottesgebärerin und bereitet sich auf die Geburt Christi vor. Abuna Bishoy Kamel schreibt, im Monat Kiyahk drehten sich „alle Gebete, Meditationen und Hymnen um die Menschwerdung Christi von der Muttergottes für uns“.38

Im Kiyahk singt die Kirche die Kiyahk-Psalmodie mit eigenen Psalis, Erläuterungen (Tarh) und Doxologien; die Theotokien erklingen in der Kiyahk-Melodie.39 Der Katechismus nennt die Mitternachtslobpreise dieses Monats „Sieben und Vier“:40 die sieben Theotokien, eine für jeden Wochentag, und die vier Hoos. Besonders feierlich werden sie in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag gesungen.41 Mehr dazu in Thema 19 („Die Gottesgebärerin“) und Thema 8 („Das Kirchenjahr“).

Hymnen in der Sprache der Gläubigen

Koptisch wird heute vor allem im Gottesdienst gesungen. Darf man die Hymnen übersetzen? Der Katechismus antwortet:

„Zugleich müssen wir die Gläubigen berücksichtigen, die am Gottesdienst teilnehmen, und uns bemühen, diese Kirchenhymnen in die Sprachen zu übersetzen, die die Menschen vor Ort sprechen, wie dies gegenwärtig in der Diaspora geschieht.“42

Der Grund steht schon bei Paulus: „Ich will nicht nur im Geist beten, sondern auch mit dem Verstand. Ich will nicht nur im Geist Gott preisen, sondern auch mit dem Verstand“ (1. Kor 14:15b). Die Kirche achtet deshalb, so der Katechismus, „sehr darauf, dass die Worte klar ausgesprochen und leicht verständlich sind, damit alle daraus Nutzen ziehen können“.43

Papst Tawadros II. sagt es für die Kirchen in der Fremde:

Aus der Lehre unserer Päpste

Unsere Kirchen in der Diaspora beten in der jeweiligen Landessprache, sei es Englisch, Deutsch, Schwedisch, Französisch usw. Entwicklung ist zwingend notwendig! Das Beharren auf dem Beten in nur einer Sprache kann zum Verlust vieler Seelen führen.44

– Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 16

Übersetzen heißt nicht, das Koptische aufzugeben. Die Liturgiebücher unserer Diözese stellen neben die deutschen Gebete den koptischen Wortlaut;45 so wird in unseren Gemeinden auf Koptisch und auf Deutsch gebetet und gesungen. Über das Erbe der koptischen Sprache spricht Thema 39 („Die koptische Sprache“).

Für den Dienst

Hymnen mit Kindern singen. Der Katechismus spricht von der erzieherischen Bedeutung der Hymnen für Kinder und Jugendliche und beobachtet, „dass Kinder, die in der Gruppe schweigen, zu Hause den Hymnus, den sie gehört haben, laut singen“.46 Für deine Sonntagsschulstunde, für jeden anderen Dienst mit Kindern und für das Singen in der Familie heißt das:

  • Wähle kurze Antworten zum Mitsingen, etwa den Kehrvers „denn seine Huld währt ewig“ oder die Bitte an die Gottesgebärerin aus dem Gedächtnis der Heiligen.
  • Erkläre vor dem Singen die Worte mit einer biblischen Geschichte: das Rote Meer zum ersten Hoos, der Feuerofen zum dritten, der Dornbusch zu den Theotokien.
  • Verbinde die Hymnen mit dem Kirchenjahr: im Kiyahk die Theotokien, in der Karwoche die ernste Melodie, nach dem Auferstehungsfest die Freudenmelodie.

Mit dem Herzen singen. Der Katechismus warnt vor dem Sänger, der nur noch darauf achtet, gut zu singen, und bei den Einzelheiten der Melodie „geradezu fanatisch“ wird: „dadurch verliert er seine Gemeinschaft mit Gott“.47 Papst Schenouda III. tadelt jene, die „die Worte der Doxologie in der Psalmodie mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit“ wiederholen, „wobei sie dem Sinn nicht folgen“.48 Kinder lernen mehr durch dein Vorbild als durch jede Erklärung.

Dienst im Chor. Manche Diener singen im Chor oder dienen als Epsaltos (Sänger). Der Katechismus erinnert: „Diakone müssen Diener des Wortes sein, die den Gesang der Hymnen mit dem Wort Gottes zu verbinden wissen.“49 Die Melodien selbst lernst du beim Kantor, dem Vorsänger, oder bei den Diakonen deiner Gemeinde; nimm dir für dieses Semester einen Hymnus vor.

Beispiel

Eine Stunde im Kiyahk. Eine Dienerin erzählt der dritten und vierten Klasse der Volksschule vom brennenden Dornbusch (Ex 3:1⁠–⁠6). Dann zeigt sie, dass die Kirche im Kiyahk davon singt: Wie das Feuer den Dornbusch nicht verbrannte, so trug Maria den Sohn Gottes. Zum Schluss singen alle die kurze Bitte um die Fürsprache der Gottesgebärerin.

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Lobpreis vereinen sich die Gläubigen mit den Engeln, preisen Gott und danken ihm; Kirchenhymnen sind die musikalische Sprache der Gläubigen.
  • Nach dem heiligen Athanasius sind die Psalmen ein Spiegel der Seele; gesungen werden sie, weil die Melodie die Seele in Einklang bringt (Brief an Marcellinus 12 und 28⁠–⁠29).
  • Die Psalmodie ist das Hymnenbuch (Jahres- und Kiyahk-Psalmodie) und der Lobgottesdienst der Kirche, besonders im Mitternachtslobpreis (Tasbeha).
  • Die vier Hoos sind biblische Lobgesänge: Ex 15, Ps 136 (LXX 135), Dan 3:52⁠–⁠90 und Ps 148⁠–⁠150.
  • Psali (rhythmischer Hymnus, meist an Christus), Theotokie (Lobgesang auf die Gottesgebärerin für jeden Wochentag), Doxologie (Lobpreis auf Gott und die Heiligen), Lobsch (Auslegung) und Tarh (Erläuterung) ergänzen die Hoos.
  • Die Melodien des Kirchenjahres sind die Jahres-, Kiyahk-, Fasten-, Pascha- (Trauer-) und Freudenmelodie, dazu die Hosanna-Melodie; im Kiyahk singt die Kirche die Kiyahk-Psalmodie.
  • Die Kirche übersetzt ihre Hymnen in die Sprache der Gläubigen, damit sie „mit dem Verstand“ singen (1. Kor 14:15).

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1054⁠–⁠1072.
  • Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 1.3.
  • Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 10⁠–⁠31.
  • Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 10⁠–⁠19.
  • Das heilige Euchologion der koptisch-orthodoxen Kirche, hg. vom Koptisch-Orthodoxen Kloster des heiligen Antonius, Kröffelbach 2022, Kap. 7.2 und 7.7.4 (Glossar und „Psalmodie“, S. 1194⁠–⁠1199, 1217⁠–⁠1218).

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1066.↑

  2. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1066.↑

  3. Basilius, Ausgewählte Briefe, Brief 2 (an Gregor von Nazianz), Kap. 2.↑

  4. Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1065.↑

  5. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1057.↑

  6. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1062.↑

  7. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 11.↑

  8. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 12.↑

  9. Athanasius, Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen, Kap. 27.↑

  10. Ebd., Kap. 28.↑

  11. Ebd., Kap. 29.↑

  12. Ebd.↑

  13. Vgl. Euchologion, S. 1217⁠–⁠1218.↑

  14. Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 1.3.↑

  15. Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 44.↑

  16. Vgl. Die koptische Psalmodia, Vorspann „Die Anordnung der Gebete in der Lobpreisung“.↑

  17. Vgl. Euchologion, S. 1217.↑

  18. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1057.↑

  19. Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 1.3.↑

  20. Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 1.3.↑

  21. Vgl. Bischof Anba Mettaous, The Spirituality of the Praise, S. 351.↑

  22. Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 1.3.↑

  23. Vgl. Euchologion, S. 1217.↑

  24. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 974.↑

  25. Die koptische Psalmodia, S. 102 und 136; vgl. Euchologion, S. 1194 und 1199.↑

  26. Damals wie Heute, S. 357.↑

  27. Vgl. Euchologion, S. 1218.↑

  28. Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 13.↑

  29. Ebd., S. 16.↑

  30. Die koptische Psalmodia, S. 37.↑

  31. Euchologion, S. 1090; zum Gedächtnis der Heiligen vgl. Die Gemeinschaft der Heiligen, S. 17⁠–⁠21, 41 und 43.↑

  32. Die göttlichen Liturgien, S. 6.↑

  33. Vgl. Euchologion, S. 1197⁠–⁠1198.↑

  34. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1069.↑

  35. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1070; zur Fastenmelodie vgl. Euchologion, S. 1197.↑

  36. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1072.↑

  37. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1099.↑

  38. Abuna Bishoy Kamel, Die Reise der göttlichen Inkarnation, S. 37.↑

  39. Vgl. Euchologion, S. 930 und 1218.↑

  40. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1099.↑

  41. Vgl. Lobpreisung des Monats Kiahk, S. 8.↑

  42. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1068. „Diaspora“ heißen die Gemeinden einer Kirche außerhalb ihres Ursprungslandes, für die koptische Kirche die Gemeinden außerhalb Ägyptens.↑

  43. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1067.↑

  44. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 16.↑

  45. Vgl. etwa Die göttlichen Liturgien, S. 6.↑

  46. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1069.↑

  47. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1067.↑

  48. Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 8.↑

  49. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1072.↑

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