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Thema 22 · Vortrag 2

Sündenfall und Erbsünde

Warum der Mensch einen Erlöser braucht

17 Min. LesezeitSchöpfung, Fall und Erlösung

Lernziele

  1. Die Folgen des Sündenfalls beschreiben und die kirchliche Lehre von der Erbsünde formulieren.

Schlüsselbegriffe

Sündenfall · Satan · Sünde · Verderbnis · Erbsünde · Taufe · Notwendigkeit der Erlösung · Gesetz · Opfer

Bibelstellen

Gen 2:17; Gen 3:1⁠–⁠6; Gen 3:10; Gen 3:15; Gen 3:17⁠–⁠19; Gen 3:21; Jes 14:14; Weish 2:24; Joh 8:44; Jak 1:13; Gen 3:9; Gen 3:19; Röm 5:12; Röm 5:19; Röm 7:19; Ez 18:20; Ps 51:7; Röm 6:3⁠–⁠4; Joh 3:5; Ex 25:8; Gal 3:24; Hebr 10:1; Hebr 10:4; Gal 4:4⁠–⁠5

Inhalt

Warum gibt es Leid und Bosheit, und warum müssen Menschen sterben? Die Schrift antwortet mit dem Sündenfall, dessen Folgen alle Menschen tragen; die Kirche spricht hier von der Erbsünde. Der Mensch konnte sich daraus nicht selbst retten; Gott bereitete ihn auf den Erlöser vor. Kinder und Jugendliche fragen dich nach Adams Sünde und der Taufe von Säuglingen. Deine Antwort soll diese Lehre erklären, ohne Gott grausam oder den Menschen hoffnungslos erscheinen zu lassen.

Satan und die Frage nach dem Bösen

Gott hat nichts Böses geschaffen; das hast du im ersten Vortrag gelernt. Woher kommt dann das Böse? Die Schrift und die Väter antworten zuerst mit einem Blick auf die unsichtbare Welt. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erklärt: „Gott erschuf alle himmlischen Wesen gut; ja, alles, was er geschaffen hat, ist seiner ursprünglichen Natur nach gut. Die bösen Engel aber fielen, weil sie die Gabe des freien Willens missbrauchten.“1 Der Grund ihres Falls war der Hochmut: Der Teufel wollte sein wie Gott; die Kirche liest das Wort des Propheten Jesaja als Bild dafür: „Ich steige weit über die Wolken hinauf, um dem Höchsten zu gleichen“ (Jes 14:14).2 Der Herr selbst sagt von ihm: „Er war ein Mörder von Anfang an“, und: „er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge“ (Joh 8:44).

Was ist dann das Böse? Der heilige Basilius der Große antwortet in seinen Predigten über das Sechstagewerk: Das Böse ist „keine lebende, beseelte Substanz“, also kein Wesen, das für sich besteht, sondern „ein der Tugend entgegengesetzter Seelenzustand“, der aus dem Abfall vom Guten entsteht. Und er folgert:

Aus den Vätern

Suche daher das Böse nicht außer dir, noch denke an eine ungezeugte Substanz des Bösen; vielmehr sehe sich jeder selbst als den Urheber seiner Bosheit an!3

– Hl. Basilius der Große, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 2,5

Ähnlich sagt der heilige Athanasius: „nichtseiend ist das Böse, seiend das Gute, weil ja vom Seienden Gott ausgegangen“.4 Das Böse ist also keine zweite Macht neben Gott, kein Gegen-Gott, sondern die Abkehr eines freien Geschöpfes von Gott, der Quelle alles Guten. Deshalb sagt die Schrift: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt“ (Jak 1:13a).

Versuchung und Fall

Die Schrift erzählt den Fall in Gen 3. Die Schlange beginnt mit einer Frage, die Gottes Gebot verdreht: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3:1b). Dann sät sie Misstrauen gegen Gottes Güte: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen 3:4b–5). Die Frau nimmt von der Frucht und isst, „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Gen 3:6b). Die Schrift sagt dazu: „Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“ (Weish 2:24a).

Worin bestand die Sünde? Papst Tawadros II. antwortet: „Der Mensch aber wollte für sich selbst ein ‚Gott‘ sein, der Gut und Böse kennt. So zog er es vor, die Liebe Gottes und seine Umarmung zu verleugnen, ohne zu beachten, dass der Mensch alle Gaben, alle Macht und alles Leben allein von Gott bezieht.“5 Die erste Sünde war also nicht ein kleiner Diebstahl von Obst, sondern die Entscheidung, ohne Gott und gegen sein Wort leben zu wollen – Hochmut und Misstrauen gegen seine Liebe. Der Katechismus sagt: „Aus eigenem Willen entschied ich mich für die Trennung von Gott, um mein eigenes selbstbestimmtes Dasein fern vom tiefen Meer der Liebe Gottes zu führen. Das war die erste Sünde Adams und ist in Wahrheit jede unserer Sünden.“6

Begriff
Sünde

Die freie Abkehr des Menschen von Gott und von seinem Willen in Gedanken, Worten oder Taten. Weil Gott die Quelle des Lebens ist, bedeutet Sünde Trennung vom Leben.

Beide, Adam und Eva, tragen Verantwortung; Gott ruft zuerst Adam (Gen 3:9). Der Teufel konnte verführen, aber nicht zwingen. Und Gott hat die Versuchung nicht zugelassen, weil ihm der Mensch gleichgültig war. Der Katechismus sagt im Gegenteil, die Zulassung der Versuchung sei ein Zeichen der Liebe, denn „Gott hat der Menschheit den freien Willen geschenkt“; ohne jede Prüfung „wären wir wie Schachfiguren, die von einem Spieler bewegt werden“.7

Die Kirche lehrt den Fall als geschichtliches Geschehen. Die Schrift stellt Adam und Christus nebeneinander: „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden“ (Röm 5:19). Wenn der Fall des ersten Adam nur ein Bild wäre, verlöre auch die Erlösung durch den zweiten Adam ihren Grund.

Die Folgen des Falls

Trennung von Gott

Die erste Folge zeigt sich sofort: Adam und Eva verstecken sich vor Gott unter den Bäumen, und Adam sagt: „Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht“ (Gen 3:10a). Wo vorher Vertrauen war, ist jetzt Furcht. Der Katechismus sagt: „Als die Menschen gegen Gott rebellierten, wurden sie von Gott getrennt, seiner Gnade beraubt und dem göttlichen Leben … entfremdet.“8 Doch Gott gibt den Menschen nicht auf. Er sucht ihn: „Wo bist du?“ (Gen 3:9b).

Tod und Verderbnis

Gott hatte gesagt: „sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2:17b). Athanasius erklärt, was damit geschah. Der Mensch ist aus dem Nichts geschaffen und darum von Natur aus sterblich; nur die Gemeinschaft mit Gott bewahrte ihn vor dem Verfall. Als er sich von Gott abwandte, sank er zurück: Die Menschen „verfielen dem angedrohten Todesurteil“; Athanasius fährt fort: „vielmehr sanken sie entsprechend ihrer Denkart immer tiefer, und der Tod wurde ihr Gewaltherr“.9 Die Schrift sagt zu Adam: „… Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen 3:19b).

Der Tod, von dem die Schrift spricht, ist mehr als das Ende des leiblichen Lebens. Der Katechismus unterscheidet: Der Leib stirbt, wenn er von der Seele getrennt wird; aber „auch die Seele stirbt durch die Sünde, weil sie ihr geistliches Licht, ihre innere Freude sowie den göttlichen Frieden und die göttliche Glückseligkeit verliert“.10 Mit dem Tod kam die Verderbnis über die menschliche Natur.

Begriff
Verderbnis

Die Zerrüttung und Todesverfallenheit der menschlichen Natur infolge der Sünde: Der Mensch ist dem Tod unterworfen, sein Wille ist geschwächt, und er kann Gottes Gebot aus eigener Kraft nicht mehr halten.

Papst Tawadros II. spricht von der „Verderbnis der menschlichen Natur, die den Menschen unfähig gemacht hat, das Moralgesetz aus eigener Kraft zu halten“.11 Paulus beschreibt diese Erfahrung: „… ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will“ (Röm 7:19). Der freie Wille ist nach dem Fall nicht zerstört, aber geschwächt; der Mensch braucht die Gnade, um das Gute zu tun.

Zerbrochene Gemeinschaft

Papst Tawadros II. nennt drei Folgen, die man in jedem Leben und in jeder Gesellschaft wiedererkennt: Der Mensch ist mit sich selbst uneins, weil Begierden und Leidenschaften gegen ihn aufstehen; er ist mit den anderen uneins – nach dem Fall erschlägt Kain seinen Bruder; und er ist mit der Natur uneins, sie wird ihm zur Quelle von Mühe und Leiden (Gen 3:17⁠–⁠19).12

Selbst die Vertreibung ist Erbarmen

Gott vertrieb den Menschen aus dem Paradies und verwehrte ihm den Baum des Lebens. War das eine Strafe aus Zorn? Der heilige Irenäus von Lyon sieht darin Gottes Erbarmen:

Aus den Vätern

Deswegen warf er ihn auch aus dem Paradiese hinaus und entfernte ihn von dem Baume des Lebens, nicht als ob er ihm diesen nicht gegönnt hätte, wie einige sich erkühnen zu behaupten, sondern aus Erbarmen, damit er nicht für immer der Sünder bliebe und die Sünde an ihm nicht unsterblich wäre oder das Übel unendlich und unheilbar.13

– Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 23,6

Der Tod wurde so zu einer Grenze, die der Sünde gesetzt ist. Er ist nicht das letzte Wort, denn Gott verheißt schon im Paradies den Sieg über die Schlange (Gen 3:15), wie Thema 11 („Das Alte Testament I“) gezeigt hat.

Das Bild Gottes ist entstellt und wird erneuert

Was geschah mit dem Bild Gottes? Es ist durch den Fall entstellt; Christus, das Bild des Vaters, hat es erneuert. Du kennst aus Buch 1, Kapitel 5, das Gleichnis des heiligen Athanasius: Ein Bild auf Holz ist durch Schmutz unkenntlich geworden; man wirft das Holz nicht weg, sondern der Dargestellte kommt selbst, damit das Bild auf demselben Holz erneuert wird.14 Gott wirft sein Geschöpf also nicht weg, auch wenn es verdunkelt und verwundet ist. Darum kann er es erneuern.

Das Gleichnis des heiligen Athanasius: Das Bild wird auf demselben Holz erneuert.

Die Erbsünde

Was hat der Fall Adams mit uns zu tun? Wir haben doch nicht von der verbotenen Frucht gegessen. Die Kirche antwortet mit der Lehre von der Erbsünde. Sie lautet:

Merksatz

Durch den Ungehorsam Adams ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod (Röm 5:12). Die ganze Menschheit hat von Adam die Erbsünde geerbt: die Trennung von Gott, die Verderbnis der Natur und die Verurteilung zum Tod. Die Sünde Adams ist für uns nicht eine von uns begangene (tatsächliche) Sünde; wir tragen aber ihre Folgen. In der Taufe werden wir von der Erbsünde befreit und neu geboren.

So lehren auch die Päpste unserer Kirche. Papst Tawadros II. schreibt:

Aus der Lehre unserer Päpste

Adam wurde so geschaffen, dass er immer in der Gemeinschaft mit Gott sein kann. Er lehnte diese Gemeinschaft jedoch ab, und diese Ablehnung war der Beginn dessen, was die Kirche „den Sündenfall Adams“ oder „die Erbsünde“ nennt, die die gesamte Menschheit von ihrem Vorvater Adam geerbt hat. … An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Sünde Adams für uns als eine Erbsünde und nicht als eine tatsächliche Sünde betrachtet wird, da wir sie nicht begangen haben.15

– Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 49

Papst Schenouda III. betont, woher die Erbsünde kommt: „Die Erbsünde wurde nicht von unseren leiblichen Eltern, die durch die Taufe erlöst worden sind, an uns vererbt; sondern sie wurde uns durch unsere Stammeltern Adam und Eva vererbt. Als Adam gesündigt hatte und sterblich wurde, wurden alle seine Nachkommen zur Sterblichkeit verurteilt. Wir sind die Nachkommen Adams und mit der Erbsünde behaftet.“16 Damals wie Heute fasst zusammen: „Die Sünde, die Adam begangen hatte, war eine Abwendung von Gott und in dieser Abwendung sind alle Menschen geboren. Dies ist auch unter dem Begriff Erbsünde bekannt.“ Das Buch vergleicht es mit einer kranken Wurzel, deren Krankheit auf alle Zweige übergeht.17 Schon der heilige Athanasius sagt: „… wie vom Sündenfall Adams die Sünde auf alle Menschen überging, so wird auch infolge der Menschwerdung des Herrn und der Überwindung der Schlange durch ihn eine solche Kraft auf alle Menschen übergehen“.18

Zum richtigen Verständnis helfen diese Unterscheidungen:

  1. Geerbt, nicht selbst begangen. Die Erbsünde ist keine persönliche Tat, die uns angerechnet wird. Gott rechnet keinem Menschen die Tat eines anderen als eigene Schuld an; schon der Prophet sagt: „Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen“ (Ez 18:20b). Geerbt haben wir das Urteil des Todes (die Sterblichkeit) und die geschwächte, gefallene Natur: Weil Adams Natur durch die Trennung von Gott dem Tod verfiel und krank wurde, haben alle seine Nachkommen diese gefallene, sterbliche Natur, bis Christus sie durch seine Erlösung und die Neugeburt in der Taufe heilt. Darum spricht die Kirche von Erbsünde und nicht von einer ererbten persönlichen Schuld, die jeder selbst zu verantworten hätte.
  2. Mehr als eine Neigung. Die Erbsünde ist aber auch nicht nur eine schlechte Neigung oder bloß die Sterblichkeit. Wir werden in einen Zustand hineingeboren: getrennt von Gott, mit verdorbener Natur und dem Tod unterworfen. Der Psalm sagt: „… ich bin in Schuld geboren; in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“ (Ps 51:7; LXX 50). Gemeint ist nicht, dass Zeugung und Geburt Sünde wären – die Ehe ist heilig –, sondern dass jeder Mensch in die Lage der gefallenen Menschheit hineingeboren wird.
  3. Eine Wunde, die geheilt werden kann. Die Erbsünde ist kein Urteil über den Wert eines Kindes. Sie beschreibt die Lage, aus der Christus uns befreit.
Begriff
Erbsünde

Der von Adam ererbte Zustand der ganzen Menschheit: Trennung von Gott, Verderbnis der Natur und Verurteilung zum Tod. Sie ist keine von uns selbst begangene Sünde, aber wir tragen ihre Folgen; in der Taufe werden wir von ihr befreit.

Befreiung von der Erbsünde in der Taufe

Wenn alle Menschen in diesem Zustand geboren werden, braucht jeder Mensch die Befreiung – auch das Kind gläubiger Eltern. Genau das ist die Frage, die Papst Schenouda III. beantwortet: „Warum sollte jemand, dessen Eltern getauft und von der Erbsünde befreit worden sind, trotzdem getauft werden?“ Seine Antwort: „Die Errettung vom Tode ist eine individuelle Rettung, die nicht von der Erlösung der Eltern abhängig ist.“19 Darum tauft die Kirche auch die Kinder.

In der Taufe sterben wir mit Christus und stehen mit ihm auf: „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm 6:4). Der Herr sagt: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3:5b). In der Taufe werden wir von der Erbsünde befreit und neu geboren. Was bleibt, ist der leibliche Tod und der Kampf gegen die Sünde, der das ganze Leben dauert; die volle Befreiung des Leibes von der Verderbnis schenkt Gott in der Auferstehung.20 Wie die Taufe gespendet wird und was sie wirkt, behandelt Thema 26 („Die Sakramente; Taufe und Myronsalbung“).

Warum der Mensch sich nicht selbst retten konnte

Hätte es nicht genügt, wenn Adam bereut hätte und Gott ihm einfach vergeben hätte? Athanasius stellt diese Frage selbst. Gott konnte sein Wort nicht zurücknehmen; zugleich passte es nicht zu seiner Güte, sein Werk zugrunde gehen zu lassen: „Es reimte sich doch nicht mit der Güte Gottes zusammen, wenn die von ihm geschaffenen Wesen wegen des vom Teufel an den Menschen verübten Truges umkamen.“21 Und die Reue?

Aus den Vätern

… noch hebt auch anderseits die Reue den natürlichen Zustand auf, sondern setzt nur dem Sündigen ein Ende. Wenn also nur Sünde, und nicht auch Vernichtung als deren Folge dagewesen wäre, dann wäre es mit der Reue gut gewesen.22

– Hl. Athanasius der Apostolische, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 7

Der Katechismus erklärt: „Die Buße allein hätte die Menschheit niemals in jenen Zustand der Reinheit zurückführen können, den sie am Anfang besessen hatte; ebenso wenig hätte sie die menschliche Natur von der Verderbnis heilen können, die sie infolge der Sünde befallen hatte.“23 Das Problem war nicht nur eine Schuld, die vergeben werden musste, sondern eine Krankheit, die geheilt werden musste. Papst Tawadros II. gibt zu bedenken, „dass Vergebung eine Sache ist, aber die Reinigung und die Wiederherstellung der verdorbenen menschlichen Natur eine andere, wichtigere Sache ist“.24 Der Mensch brauchte nach Papst Tawadros II. jemanden, der drei Dinge zugleich ist: einen Befreier von der Sünde, einen Wiederhersteller der verdorbenen Natur und ein Vorbild vollkommener Menschlichkeit.25 Diese Aufgabe konnte nur der Logos erfüllen, durch den alles geworden ist (Joh 1:3) und durch den Gott den Menschen im Anfang geschaffen hat. Wie er durch sein Kreuz das Urteil des Todes getilgt, durch seine Auferstehung den Tod besiegt und unsere Natur erneuert hat, zeigt der dritte Vortrag.

Gesetz und Tempel als Vorbereitung

Zwischen dem Fall und dem Kommen Christi liegt eine lange Zeit. Gott hat sie nicht ungenutzt gelassen, sondern die Menschen Schritt für Schritt auf den Erlöser vorbereitet.

  • Die Verheißung. Schon im Paradies kündigt Gott den Sieg über die Schlange an (Gen 3:15). Später erneuert er die Verheißung an Abraham, David und durch die Propheten.
  • Das Gesetz. Athanasius sagt, Gott habe den Menschen, als sie ihn nicht mehr aus der Schöpfung erkannten, „ein Gesetz gegeben und bekannte Propheten“; sie wurden zu den Juden gesandt, „waren aber für den ganzen Erdkreis eine heilige Lehranstalt für Theologie und Moral“.26 Das Gesetz zeigte, was Sünde ist und wie heilig Gott ist, aber es konnte die verdorbene Natur nicht heilen. Paulus sagt: „So hat das Gesetz uns in Zucht gehalten bis zum Kommen Christi“ (Gal 3:24a).
  • Die Opfer. In den Opfern lernte der Mensch, dass die Sünde den Tod bringt und dass er einen Stellvertreter braucht. Doch „das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen“ (Hebr 10:4). Der Katechismus sagt: Die Blutopfer „vermögen aus sich heraus Gottes Liebe zur sündigen Menschheit nicht sichtbar zu machen“; der Mensch brauchte „einen Versöhner, der zwischen Gott und seinen Kindern vermitteln kann“.27
  • Der Tempel. Gott sprach zu Mose: „Macht mir ein Heiligtum! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen“ (Ex 25:8). Das Offenbarungszelt, das Zeltheiligtum Israels in der Wüste, und der Tempel lehrten Israel, dass Gott bei seinem Volk wohnen will. Diese Sehnsucht erfüllt sich, als das Wort Fleisch wird und unter uns wohnt.

Das Gesetz enthält „nur einen Schatten der künftigen Güter“ (Hebr 10:1a). Dann kam die Vorbereitung an ihr Ziel: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen“ (Gal 4:4⁠–⁠5). Sohnschaft heißt: Gott nimmt uns als seine Söhne und Töchter an.

Für den Dienst

  • Den Sündenfall ohne Angst erzählen. Erzähle Gen 3 so, dass die Kinder vor allem den Gott sehen, der sucht („Wo bist du?“), der verheißt (Gen 3:15) und der die Menschen bekleidet (Gen 3:21). Male keine Strafszenen aus und mache den Kindern keine Angst vor Gott.
  • Niemand ist „schuldiger“. Adam und Eva tragen beide Verantwortung. Erzähle nie so, als sei die Frau schuld oder weniger wert.
  • Die Erbsünde richtig erklären. Sag einem Kind nie: „Du bist schuld an Adams Sünde.“ Sag: „Durch Adam wurden die Menschen von Gott getrennt und mussten sterben. Darum ist Jesus gekommen: Er hat den Tod besiegt, und in der Taufe hat er dich zu Gottes Kind gemacht.“ Mit Jugendlichen kannst du die drei Unterscheidungen dieses Vortrags durchgehen.
  • Die Frage nach dem Bösen. Wenn Jugendliche oder Erwachsene, die den Glauben nicht kennen, fragen, warum Gott das Böse zulässt, beginne mit der Freiheit: Gott wollte Kinder, keine Schachfiguren. Das Böse ist nicht Gottes Werk, sondern Abkehr von ihm. Gib keine schnellen Antworten auf persönliches Leid; höre zu und bete mit ihnen.
  • Die Taufe als Geschenk zeigen. Erzähle den Kindern von der Taufe als Geschenk Gottes: In ihr befreit er uns und macht uns zu seinen Kindern. Wer schon als Säugling getauft wurde, hat dieses Geschenk empfangen, bevor er etwas leisten konnte.
  • Für dich selbst. Lies Röm 7:19 und frage dich: Wo erlebe ich in mir den Kampf zwischen dem Guten, das ich will, und dem Bösen, das ich nicht will? Nimm es mit in dein Gebet und in die Beichte; mehr dazu in Thema 23 („Umkehr, Beichte und geistlicher Kampf“).

Das Wichtigste in Kürze

  • Gott hat nichts Böses geschaffen. Das Böse ist keine Substanz, sondern Abkehr des freien Geschöpfes von Gott (Basilius, Hexaemeron 2,4⁠–⁠5); der Teufel ist ein gut geschaffener Engel, der aus Hochmut fiel.
  • Die erste Sünde war die Entscheidung, ohne Gott „wie Gott“ sein zu wollen (Gen 3:5); der Fall Adams ist ein geschichtliches Geschehen.
  • Folgen des Falls: Trennung von Gott, Tod und Verderbnis der Natur, geschwächter Wille, zerbrochene Gemeinschaft; die Vertreibung aus dem Paradies geschah aus Erbarmen (Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 23,6).
  • Das Bild Gottes ist durch den Fall entstellt; Christus, das Bild des Vaters, hat es erneuert.
  • Durch den Ungehorsam Adams ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod (Röm 5:12). Die ganze Menschheit hat von Adam die Erbsünde geerbt: die Trennung von Gott, die Verderbnis der Natur und die Verurteilung zum Tod. Die Sünde Adams ist für uns nicht eine von uns begangene (tatsächliche) Sünde; wir tragen aber ihre Folgen.
  • In der Taufe werden wir von der Erbsünde befreit und neu geboren; darum tauft die Kirche auch Kinder.
  • Reue allein konnte die verdorbene Natur nicht heilen (Athanasius, Menschwerdung, Kap. 7; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 328); nur der Logos, durch den der Mensch geschaffen ist, konnte ihn erneuern.
  • Verheißung, Gesetz, Opfer und Tempel bereiteten die Menschen auf den Erlöser vor.

Zum Weiterlesen

  • Hl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 4⁠–⁠7 und 12⁠–⁠14.
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 308⁠–⁠337 (der Sündenfall der Menschheit).
  • Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 49⁠–⁠58.
  • Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1 (die Taufe, mit Fr. 10 zur Erbsünde).
  • Koptisch-Orthodoxe Diözese Österreichs und der Deutschschweiz (Hg.), Damals wie Heute, S. 127 ff. (der Sündenfall).

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1174.↑

  2. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1168 und 1172.↑

  3. Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 2,5.↑

  4. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 4.↑

  5. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 51.↑

  6. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 326.↑

  7. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 308.↑

  8. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 320.↑

  9. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 4.↑

  10. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 322.↑

  11. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 49.↑

  12. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 55.↑

  13. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 23,6.↑

  14. Vgl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 14.↑

  15. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 49.↑

  16. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.6, Fr. 10.↑

  17. Damals wie Heute, S. 127.↑

  18. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 51.↑

  19. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.6, Fr. 10.↑

  20. Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.6, Fr. 10.↑

  21. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 6.↑

  22. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 7.↑

  23. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 328.↑

  24. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 62.↑

  25. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 57.↑

  26. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 12.↑

  27. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 335.↑

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