Thema 22 · Vortrag 3
Die Erlösung – Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung
Warum Christus für uns starb und auferstand
19 Min. LesezeitSchöpfung, Fall und Erlösung
Lernziele
- Mit Athanasius erklären, warum die Menschwerdung für die Erlösung nötig war.
- Zeigen, dass Sühne und Erneuerung zusammengehören, und eine rein rechtliche Deutung der Erlösung vermeiden.
- Erklären, was Gotteskindschaft und Teilhabe am göttlichen Leben aus Gnade bedeuten, und die Grenze wahren: niemals dem Wesen nach.
- Die Kinderfrage „Warum musste Jesus sterben?“ beantworten.
Schlüsselbegriffe
Erlösung · Menschwerdung · Sühne · Versöhnung · zweiter Adam · Hades · Gotteskindschaft und Teilhabe am göttlichen Leben aus Gnade · Gnade · Synergie
Bibelstellen
Ijob 35:6; Joh 1:14; Joh 3:16; Röm 5:8; 1. Joh 4:10; Jes 53:5; Hebr 9:22; 1. Joh 1:7; 2. Kor 5:19; Joh 15:13; Röm 5:19; 1. Kor 15:22; 1. Kor 15:45; 1. Petr 3:18–19; 1. Kor 15:20; 1. Kor 15:55; Röm 4:25; Eph 2:6; 2. Petr 1:4; 1. Joh 3:1; Eph 2:8–10; Phil 2:12–13; Gal 5:6; Joh 6:54; Joh 10:11; Joh 3:5; Mk 16:16; Apg 2:42; Apg 2:47; Röm 2:12–16; Lk 12:48b; Apg 17:30; 1. Kor 5:13a; Jak 4:12
Inhalt
Wenn Reue die verdorbene Natur nicht heilen konnte – wer konnte es dann? Die Antwort ist die Mitte unseres Glaubens: Der ewige Sohn Gottes ist Mensch geworden, hat für uns den Tod getragen, ist auferstanden und hat uns in sein Leben hineingenommen. Der heilige Athanasius der Apostolische, der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty und die Päpste unserer Kirche erklären Erlösung als Sühne und Heilung. Wir werden aus Gnade Kinder Gottes und in sein Leben hineingenommen; dieses Heil empfangen wir in der Kirche. Damit kannst du einem Kind erklären, warum Jesus sterben musste.
Warum Gott selbst Mensch werden musste
Athanasius hat ein doppeltes Problem beschrieben: Gottes Wort, dass der Mensch bei der Übertretung sterben werde, musste wahr bleiben; und Gottes Güte konnte sein Werk nicht verloren geben. Wer konnte beides zugleich lösen? Athanasius antwortet: Nur der, der den Menschen im Anfang geschaffen hat. „Kein anderer sollte die Menschen nach dem Ebenbilde wieder erneuern als das Ebenbild des Vaters, und kein anderer das Sterbliche unsterblich machen als unser Herr Jesus Christus, der das Leben selbst ist“.1
Der Katechismus sagt es so: „Niemand könnte ohne die Menschwerdung des Sohnes Gottes, der mit dem Vater wesensgleich ist, und ohne sein Opfer für die Sünder von der Sünde erlöst werden und eine wahre Gerechtigkeit erlangen, die Gott gefällt.“2 So wurde der ewige Sohn Gottes Mensch: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1:14a). Er blieb wahrer Gott und wurde wahrer Mensch mit Leib und vernünftiger Seele, der eine fleischgewordene Logos; mehr dazu in Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“). Darum konnte er im Fleisch für die Menschen sterben und durch seine Gottheit den Tod besiegen.
Der Tod für alle
Athanasius beschreibt zuerst, was Christus mit seinem Leib getan hat:
Und so nahm er einen Leib an, dem unsrigen gleich, überantwortete ihn, da alle unter der Macht des Todes standen, anstatt aller dem Tode und brachte ihn dem Vater dar. Und das tat er aus Liebe zu den Menschen, damit alle in ihm sterben und so das Gesetz von der Verwesung der Menschen aufgehoben würde, da ja seine Macht am Leibe des Herrn sich erschöpft hat und bei den gleichartigen Menschen keinen Zugang mehr finden kann.3
Auf drei Wendungen kommt es an. „Anstatt aller“: Christus stirbt stellvertretend; er trägt den Tod, der uns galt. „Aus Liebe“: Der Grund ist die Menschenliebe Gottes. „Damit alle in ihm sterben“: Weil er unsere Natur angenommen hat, betrifft sein Tod alle, die zu ihm gehören. Der Tod hat sich an ihm „erschöpft“.
Athanasius erklärt die Erlösung mit einem Bild: „Wie wenn ein mächtiger König in irgendeine große Stadt kommt und darin auch nur in einem Hause Wohnung nimmt, sicher eine solche Stadt aller Ehre gewürdigt wird und kein Feind oder Räuber sie mehr anfällt und unterjocht“ – so ist es beim König aller Dinge: Weil er in unserer Menschheit Wohnung genommen hat, „hat jede feindliche Nachstellung gegen die Menschen ein Ende genommen“.4 Dieses Bild kannst du Kindern gut erzählen: Der König ist selbst in unsere Stadt gekommen, um sie zu beschützen.
Das makellose Opfer
Im nächsten Kapitel sagt Athanasius, warum Christus sterben konnte und warum sein Tod uns rettet. Der Logos selbst kann als Gott nicht sterben; darum nahm er einen sterblichen Leib an, „damit dieser durch seine Teilnahme am Logos, dem alle unterstehen, zum Tod für alle geeignet würde“:
… hat er den Leib, den er angenommen, als eine Weihegabe und als ganz makelloses Schlachtopfer in den Tod gegeben und verscheuchte alsobald von allen seinesgleichen den Tod durch das stellvertretende Opfer.5
Das nennt die Kirche Sühne: Christus hat sich selbst als makelloses Opfer für alle in den Tod gegeben und so die Sünde getilgt; Athanasius sagt, dass er „zur Sühne für alle starb“.6 Die Schrift sagt: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat“ (1. Joh 4:10). Und der Prophet: „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53:5b).
Die Hingabe Christi, der sich als makelloses Opfer für alle in den Tod gab und so die Sünde tilgte. Sie geht von der Liebe Gottes aus (1. Joh 4:10): Der Vater liebt uns von Anfang an und hat selbst seinen Sohn zu unserer Erlösung gesandt.
Die Wiederherstellung des Bildes
Der Mensch hatte aber auch das Bild Gottes entstellt und die Erkenntnis Gottes verloren. Athanasius sagt:
… kam der Logos persönlich zu uns, um als Bild des Vaters den ebenbildlich erschaffenen Menschen wiederherzustellen. Dies hätte aber wieder nicht anders vor sich gehen können, wenn nicht Tod und Verwesung beseitigt wurden. Daher nahm er natürlich einen sterblichen Leib an, damit nunmehr der Tod in ihm vernichtet werden könnte und die ebenbildlich erschaffenen Menschen wieder erneuert würden.7
Der Sieg über den Tod und die Erneuerung des Bildes sind bei Athanasius ein einziges Werk: Nur Christus, das Urbild, konnte das übermalte Bild auf demselben Holz neu zeichnen. Er kam, um „zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19:10b).8 Das Bild Gottes ist durch den Fall entstellt; Christus, das Bild des Vaters, hat es erneuert.
Sühne und Heilung gehören zusammen
Man kann die Erlösung verkürzen: als bloßen Rechtsvorgang, bei dem eine Schuld bezahlt wird – dann bleibt unklar, warum Gott Mensch werden und auferstehen musste –, oder als bloße Heilung ohne Sühne – dann wird das Kreuz unverständlich. Die Kirche hält beides zusammen, wie Athanasius in den Kapiteln 8 und 13 zeigt: Christus ist Mensch geworden und am Kreuz gestorben, um das Todesurteil stellvertretend für alle Menschen auf sich zu nehmen, und er hat unsere gefallene Natur vom Tod geheilt und erneuert. Durch sein Kreuz ist das Urteil über uns getilgt – „aufgehoben ist ja dies Urteil“ –, und durch seine leibliche Auferstehung ist der Tod besiegt, „da der Tod in Kraft der Gnade des Heilandes überwunden ist“.9
Papst Schenouda III. verbindet beide Seiten:
Er erlöste uns von der Last der Sünde und von ihren Konsequenzen, dem Tod und dem Jüngsten Gericht … Denn hätte er uns nur von der Last der Sünde erlöst und uns in der Verderbtheit unserer Natur belassen, die Sünde und damit der Tod würden von neuem die Oberhand über uns gewinnen. … Denn so, wie er uns von der Last der Sünde erlöste, erlöste er uns auch von der Verderbtheit der menschlichen Natur.10
Warum konnte nur der Sohn Gottes, der Mensch wurde, uns erlösen? Nicht, weil die Sünde Gott schaden könnte. Im Buch Ijob heißt es: „Wenn du gesündigt hast, was tust du ihm, sind zahlreich deine Frevel, was schadest du ihm?“ (Ijob 35:6). In der Gregorius-Liturgie betet der Priester: „Du benötigtest meinen Dienst nicht, ich jedoch brauchte deine Herrschaft.“11 Die Sünde trennt aber den Menschen von Gott, der Quelle des Lebens, und bringt der ganzen Menschheit den Tod. Die Erlösung muss für die Sünden aller Menschen aller Zeiten genügen; kein Geschöpf, weder ein Mensch noch ein Engel, kann das leisten und den Tod besiegen. Das konnte nur der unendliche Schöpfer selbst, der Mensch wurde.12 Gott erlöst uns also nicht, um einen Schaden an sich selbst zu heilen, sondern weil der Mensch ohne ihn im Tod verloren wäre.
Im Hebräerbrief steht der Satz: „ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung“ (Hebr 9:22b). Er bedeutet nicht, dass Gott Blut sehen muss, um vergeben zu können. Die Sünde hat uns von Gott getrennt und dem Tod ausgeliefert; sie musste von uns weggenommen werden: „das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde“ (1. Joh 1:7b). Athanasius sagt, der Logos habe das Leiden seines Leibes zu seinem eigenen gemacht, „damit er das Unsrige auf sich nehme, zum Opfer brächte und dadurch vollständig vernichte, dagegen mit dem Seinigen uns umkleide“.13
Ebenso falsch wäre es, sich Gott als zornigen Vater vorzustellen, den der gute Sohn umstimmen muss. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist wollen gemeinsam unser Heil. „… Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3:16a). „Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5:8). In Gott gibt es keinen Kampf zwischen Gerechtigkeit und Liebe; Papst Tawadros II. sagt: „die Barmherzigkeit Gottes ist voll von Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit Gottes ist voll von Barmherzigkeit“.14
Das Kreuz aus Liebe – die Versöhnung
Warum gerade das Kreuz? Der Katechismus antwortet: „Doch der Herr Christus nahm aus Liebe zu uns das Leiden und den Tod am Kreuz auf sich und unterwarf sich dem Fluch – nicht wegen irgendeiner Sünde, die er begangen hätte, sondern um uns mit sich zu vereinen, die Sünde abzuschaffen … und uns anstelle des Todes das Leben der Auferstehung zu schenken.“15 Der Herr selbst sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15:13).
Das Ziel des Kreuzes ist die Versöhnung, die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott.
„Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat“ (2. Kor 5:19a). Papst Schenouda III. betont, wer den ersten Schritt tut: „Hier ist es Gott, der die Versöhnung will und darum bittet und dafür Boten schickt“.16 Der Katechismus führt dazu ein Wort des heiligen Kyrill von Alexandrien an: Das Opfer Christi hat uns „nicht nur mit dem Vater, sondern auch mit dem Sohn versöhnt“; er selbst ist die Hypostase (Person), die uns versöhnt, denn „wir haben gegen ihn gesündigt“.17
Athanasius sieht sogar in der Gestalt des Kreuzes ein Zeichen der Liebe: „… nur am Kreuze stirbt man mit ausgespannten Armen. Daher musste der Herr gerade diesen Tod erdulden und die Arme ausspannen, um mit dem einen das alte Volk, mit dem anderen die Berufenen aus der Heidenwelt an sich zu ziehen und beide Teile in sich zu verbinden.“18 Wenn Kinder ein Kreuz sehen, können sie lernen: Jesus breitet die Arme aus, um alle Menschen zu umarmen.
Der zweite Adam
Paulus stellt Christus als den neuen Anfang der Menschheit Adam gegenüber: „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden“ (Röm 5:19), und: „… wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Kor 15:22). Christus ist der „Letzte Adam“ (1. Kor 15:45). Der Katechismus sagt: „Der erste Adam, als Stammvater der Menschheit dem Fleisch nach, hat uns die Sünde und durch die Sünde den Tod vererbt. Der Herr Christus aber, der Stammvater der Menschheit dem Geist nach, hat uns … die Versöhnung mit dem Vater geschenkt“.19
Was Adam verdarb, macht Christus heil. Am Kreuz brachte er nach dem Katechismus „das Opfer des Gehorsams gegenüber dem Willen des Vaters dar – anstelle der Sünde des Ungehorsams, die der erste Adam begangen hatte“.20 Der heilige Irenäus fasst das in einen Satz: „Den Ungehorsam am Holze heilte er durch den Gehorsam am Holze.“21 Das erste Holz ist der Baum im Paradies, das zweite das Kreuz.
Hadesfahrt, Auferstehung und Himmelfahrt
Nach seinem Tod am Kreuz stieg Christus mit seiner Seele in den Hades hinab.
Vor der Erlösung war der Hades (die Unterwelt) der Warteort aller Entschlafenen; Christus stieg hinab, um die Gerechten seit Adam zu befreien. Seitdem gehen die Gerechten in das Paradies der Freude (Lk 23:43), und der Hades ist der Warteort der von Gott Getrennten bis zum Gericht. Er ist nicht die Hölle, die erst nach dem Gericht folgt (Offb 20:13–14).
Der Katechismus sagt: „der Herr Christus stieg in den Hades hinab und befreite die darin Gefangenen. Er öffnete seine Arme und umschloss sie, sodass der Hades nun keine Macht mehr über sie hat, sie festzuhalten, denn seine Tore sind zerbrochen“.22 Christus stieg nicht als Besiegter, sondern als Sieger hinab: „Dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt“ (1. Petr 3:18b–19). Seine Gottheit trennte sich auch im Tod weder von seinem Leib noch von seiner Seele.23
Am dritten Tag ist er auferstanden. „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen“ (1. Kor 15:20). „Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt“ (Röm 4:25). Dass der Tod wirklich besiegt ist, sieht Athanasius im Leben der Christen: „Seitdem aber der Heiland seinen Leib von den Toten auferweckt hat, ist der Tod nicht mehr schrecklich; vielmehr treten ihn alle, die an Christus glauben, mit Füßen, wie wenn er nichts bedeutete, und wollen lieber sterben als den Glauben an Christus verleugnen.“24 „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1. Kor 15:55).
In der Himmelfahrt nimmt Christus unsere menschliche Natur mit in die Herrlichkeit des Vaters. Paulus sagt, Gott habe uns „mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben“ (Eph 2:6). Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt sind ein einziges Werk der Erlösung.
Gotteskindschaft und Teilhabe am göttlichen Leben aus Gnade
Athanasius fasst das Ziel der ganzen Erlösung in einem Satz zusammen:
… er wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden. Er offenbarte sich im Leibe, damit wir zur Erkenntnis des unsichtbaren Vaters gelangten; er ließ sich den Frevelmut seitens der Menschen gefallen, damit wir die Unsterblichkeit ererbten.25
Gemeint ist: aus Gnade als Kinder Gottes durch den Heiligen Geist, niemals dem Wesen nach. Schon der heilige Irenäus von Lyon sagt dasselbe: „Dazu nämlich ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohne, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn Gottes werde.“26 Und der Apostel Petrus schreibt, Gott habe uns seine Verheißungen geschenkt, „damit ihr … an der göttlichen Natur Anteil erhaltet“ (2. Petr 1:4b).
Der Mensch wird nicht Gott, wie Gott Gott ist; er bleibt Geschöpf. Der Katechismus erklärt den Ausdruck „Anteil an der göttlichen Natur“ ausdrücklich: Er bedeutet nicht, dass der Mensch am göttlichen Wesen teilhat; vielmehr wird durch die Gnade das Bild Gottes im Menschen erneuert, und er erhält Anteil an Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit, lebt in Gerechtigkeit und Heiligkeit und bringt die Frucht des Heiligen Geistes.27 Durch die Menschwerdung Christi und die Sakramente wirkt der Heilige Geist in uns; so wachsen wir als Kinder Gottes in die Heiligkeit hinein. „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“ (1. Joh 3:1a).
Durch Christus und im Heiligen Geist werden wir aus Gnade Kinder Gottes und erhalten Anteil am Leben Gottes – niemals an seinem Wesen und ohne Gleichheit mit Gott. Der Mensch wird Kind Gottes aus Gnade, Christus ist Sohn Gottes von Natur.
Gnade und Mitwirken – das Heil empfangen
Wie wird das Heil, das Christus für alle gewirkt hat, mein Heil? Der Katechismus antwortet: Christus „hat sich für alle als Opfer dargebracht“ und schenkt allen „seine Gnade und sein Heil als freies Geschenk“; unser Anteil ist, den freien Willen, den er uns gegeben hat, zu gebrauchen und uns dafür zu entscheiden, mit ihm an seinen Leiden teilzuhaben.28
Beides gehört zusammen: Das Heil ist Geschenk, und der Mensch wirkt mit. „… aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt“ (Eph 2:8). Verdienen kann es niemand; der heilige Markus der Asket, so genannt wegen seines Lebens in Verzicht und geistlicher Übung, sagt nach dem Katechismus: „So ist das Himmelreich keine Belohnung für Werke, sondern vielmehr ein Geschenk des Herrn, das für seine treuen Diener bereitet ist.“29 Und doch sagt derselbe Apostel: „müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt“ (Phil 2:12b–13a). Es kommt darauf an, „den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5:6b). Dieses Zusammenwirken der Gnade Gottes mit der freien Antwort des Menschen nennt die Kirche Synergie.
Das Zusammenwirken der zuvorkommenden Gnade Gottes mit der freien Mitwirkung des Menschen. Die Gnade geht voraus und trägt; der Mensch antwortet im Glauben, der in der Liebe wirksam ist. Das Heil wird nicht verdient, aber auch nicht ohne den Menschen empfangen.
Wir empfangen dieses Heil in den Sakramenten der Kirche:
- Taufe und Myronsalbung: „In der Taufe empfangen wir die Wiedergeburt und die Vergebung der Sünden; in der Myronsalbung empfangen wir den Heiligen Geist, damit er in uns Wohnung nimmt.“30 Hier werden wir von der Erbsünde befreit (Vortrag 2); mehr dazu in Thema 26 („Die Sakramente; Taufe und Myronsalbung“).
- Eucharistie: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“ (Joh 6:54a); davon handelt Thema 28 („Die Eucharistie und die Göttliche Liturgie“).
- Buße und Beichte: Wer nach der Taufe fällt, kehrt durch Umkehr und Beichte zurück; die Gnade der Taufe wird erneuert. Davon handelt Thema 23 („Umkehr, Beichte und geistlicher Kampf“).
Und was ist mit den Menschen, die Christus nicht kennen? Für uns gilt: Wir geben treu weiter, was wir aus der Heiligen Schrift und der Überlieferung als notwendig für unser Heil empfangen haben – den Glauben an Christus, die Taufe (Joh 3:5; Mk 16:16) und das Leben in seiner Kirche (Apg 2:42.47). Wer das Gesetz Gottes nicht empfangen hat, wird nach dem gerichtet, was ihm gegeben war (Röm 2:12–16; Lk 12:48b). Heute aber können die Menschen fast überall von Christus hören; wer von ihm hört, soll diese Gelegenheit nutzen und umkehren (Apg 17:30). Wer in den Himmel kommt, entscheiden nicht wir, und wir richten nicht darüber; das Urteil über jeden Menschen gehört allein Gott (1. Kor 5:13a; Jak 4:12).
Das Verhältnis von Gnade, Glaube und Werken in anderen Kirchen behandelt Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“).
„Warum musste Jesus sterben?“ – eine Antwort für Kinder
Deine Antwort auf diese Frage soll wahr sein und darf keine Angst machen. Papst Schenouda III. mahnt die Diener mit Blick auf das Kind: „Hüte dich auch davor ihn einzuschüchtern. Mache ihm keine Angst vor Gott und den Kirchenvätern. Sage ihm nicht: ‚Gott wird sich über dich ärgern‘, ‚Gott wird dich nicht lieben, wenn du das tust‘“.31 Drei Regeln helfen:
- Beginne bei der Liebe, nicht bei der Strafe. Jesus ist gestorben, weil er uns liebt (Joh 15:13), nicht weil Gott Freude am Leiden hätte oder wütend auf uns wäre.
- Sag, wovon er uns befreit. Die Sünde trennt von Gott und bringt den Tod; Jesus hat den Tod für uns getragen und besiegt – wie der gute Hirt, der sein Leben für die Schafe hingibt (vgl. Joh 10:11b), oder wie der König, der die Stadt beschützt (Athanasius, Menschwerdung, Kap. 9).
- Höre nie beim Kreuz auf. Die Geschichte endet mit der Auferstehung: Jesus lebt, und er schenkt uns sein Leben – schon jetzt in der Taufe und in der heiligen Kommunion.
Bischof Anba Youssef sagt, wofür das Kreuz steht: „für grenzenlose Liebe, den Triumph des Guten über das Böse und die Hoffnung auf das ewige Leben“.32
So kann eine Antwort für ein Kind in der Volksschule lauten: „Gott hat uns lieb wie ein guter Vater. Aber die Menschen haben sich von ihm weggedreht, und dadurch kamen das Böse und der Tod in die Welt. Wir konnten das allein nicht wiedergutmachen. Darum ist Jesus, Gottes Sohn, selbst ein Mensch geworden. Er hat uns so lieb, dass er an unserer Stelle den Tod auf sich genommen hat. Aber der Tod konnte ihn nicht festhalten: Am dritten Tag ist er auferstanden. Auch wenn wir sterben, schenkt Jesus uns in der Auferstehung ewiges Leben. In der Taufe hat er dich zu Gottes Kind gemacht.“ Jugendlichen erklärst du dasselbe mit Athanasius.
Für den Dienst
- Karwoche vorbereiten. Bereite deine Klasse – oder die Kinder in deiner Familie – mit diesen Bildern auf die Karwoche und das Auferstehungsfest vor: der König, der in die Stadt kommt, die ausgebreiteten Arme am Kreuz, das zerbrochene Tor des Hades. Mehr dazu in Thema 29 („Karwoche, Auferstehungsfest und die Heiligen Fünfzig Tage“).
- Die Kinderfrage üben. Formuliere für deine Altersstufe eine Antwort auf „Warum musste Jesus sterben?“, prüfe sie an den drei Regeln und probiere sie mit einem anderen Diener aus.
- Kein zorniger Vater. Vermeide Sätze wie „Gott war so böse auf uns, dass jemand bestraft werden musste“. Sag: Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist haben uns gemeinsam gerettet, aus Liebe.
- Für dich selbst. Lies Athanasius, Über die Menschwerdung, Kap. 8–10 und 54. Frage dich: Lebe ich wie jemand, für den der Tod besiegt ist?
Das Wichtigste in Kürze
- Nur der Logos, durch den der Mensch geschaffen ist, konnte ihn erneuern; darum wurde der ewige Sohn Gottes Mensch (Athanasius, Menschwerdung, Kap. 20).
- Christus nahm einen Leib an und gab ihn „anstatt aller dem Tode“ (Menschwerdung, Kap. 8), als „ganz makelloses Schlachtopfer“ (Menschwerdung, Kap. 9); so hat er den Tod für alle getragen und besiegt.
- Er kam, „um als Bild des Vaters den ebenbildlich erschaffenen Menschen wiederherzustellen“ (Menschwerdung, Kap. 13): Das Bild Gottes ist in Christus erneuert.
- Sühne und Heilung gehören zusammen; das Heil kommt aus der Liebe des dreieinen Gottes. Der Vater liebt uns von Anfang an und hat selbst seinen Sohn zu unserer Erlösung gesandt (Joh 3:16; Röm 5:8; 2. Kor 5:19).
- Christus ist der zweite Adam (Röm 5:19); er stieg als Sieger in den Hades hinab, ist auferstanden und hat unsere Natur in den Himmel erhoben.
- Wir werden aus Gnade Kinder Gottes und erhalten Anteil am göttlichen Leben (2. Petr 1:4; Athanasius, Menschwerdung, Kap. 54): durch den Heiligen Geist, niemals dem Wesen nach.
- Das Heil ist Geschenk, und der Mensch wirkt mit (Synergie, Phil 2:12–13; Gal 5:6); wir empfangen es in Taufe, Myronsalbung, Eucharistie und Buße.
- Auf „Warum musste Jesus sterben?“ antwortest du mit der Liebe, der Befreiung und der Auferstehung – nie mit Angst.
Zum Weiterlesen
- Hl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8–10, 13–14, 20–27 und 54.
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 124, 132, 354–368 (der Erlöser) und Fr. 379 (der neue Adam).
- Papst Schenouda III., Die Offenbarung der Geburt Christi, Kap. 1.6 (Wir erhielten eine neue Natur).
- Papst Schenouda III., Rückkehr zu Gott, Kap. 3 (Versöhnung mit Gott).
- Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 59–63 (der Erlöser und der Sinn der Menschwerdung).
Anmerkungen
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 20.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 124. Wesensgleich heißt: von demselben göttlichen Wesen wie der Vater.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 9.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 9. Eine Weihegabe ist eine Gabe, die Gott dargebracht wird.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 21.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 13.↑
Vgl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 14, mit Lk 19:10.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 21.↑
Papst Schenouda III., Die Offenbarung der Geburt Christi, Kap. 1.6.↑
Euchologion, S. 558 (Gregorius-Liturgie, „Agios, agios, agios“).↑
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 59–60; Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 6.↑
Athanasius, Brief an Epiktet, Kap. 6.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 62.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 355.↑
Papst Schenouda III., Rückkehr zu Gott, Kap. 3.3.↑
Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 337.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 25.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 379.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 124.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch V, Kap. 16,3.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 132.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 357.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 27.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 54. Frevelmut: die Bosheit und Überheblichkeit der Menschen gegen ihn.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 19,1. „An Kindesstatt angenommen“ heißt: als Kind angenommen.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 327, Anmerkung 666.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 356.↑
Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 307.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 715.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Einschüchterung“ (S. 36).↑
Bischof Anba Youssef, Meditationen über das Kreuz, Kap. 1.↑