Thema 22 · Vortrag 1
Schöpfung und Mensch
Gott erschafft aus Liebe – der Mensch als sein Ebenbild
17 Min. LesezeitSchöpfung, Fall und Erlösung
Lernziele
- Schöpfung aus dem Nichts und Gottebenbildlichkeit erklären (Gen 1:26–27) und den Glauben von naturwissenschaftlichen Detailfragen abgrenzen.
Schlüsselbegriffe
Schöpfung aus dem Nichts · Ebenbild (Bild Gottes) · Seele · Vernunft · freier Wille · Gewissen · Engel · Schutzengel · Paradies · Gebot
Bibelstellen
Gen 1:1; 2. Makk 7:28; Hebr 11:3; Joh 1:3; 1. Joh 4:8b; Weish 11:24; Gen 1:31; Gen 1:26–27; Gal 3:28; Gen 2:7; 1. Thess 5:23; Sir 15:14; Dtn 30:19; Röm 2:15; Weish 2:23; Hebr 1:14; Mt 18:10; Ps 91:11; Gen 2:8; Gen 2:15–17; Ps 8:5–6; Mk 8:36; Ps 139:14
Inhalt
Wer verstehen will, warum Gott Mensch wurde, muss zuerst wissen, wer der Mensch ist und wozu Gott ihn geschaffen hat. Damals wie Heute, das Buch unserer Diözese, sagt es so: „In der Erlösung geht es nicht nur um den Tod Christi am Kreuz, sondern um den gesamten Erlösungsplan der Menschheit. Sie umfasst die Zeitspanne von der Erschaffung des Menschen bis hin zur Auferstehung der Toten und unser Eintreten ins Himmelreich.“1 Dass Gott aus dem Nichts und aus Liebe schafft und dass der Mensch sein Ebenbild ist, sollen die Kinder in der Sonntagsschule von dir hören. Daran lernt ein Kind, dass Gott es gewollt hat und liebt.
Gott erschafft aus dem Nichts
Die Bibel beginnt mit dem Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1:1). Was das bedeutet, sagt die Mutter der sieben makkabäischen Brüder ihrem jüngsten Sohn, bevor er für seinen Glauben stirbt:
Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen und so entstehen auch die Menschen.
Gott hat die Welt nicht aus einem Stoff gemacht, der schon vor ihm da war. Alles, was ist – das Sichtbare und das Unsichtbare –, hat er durch sein Wort ins Dasein gerufen. Nur Gott ist ohne Anfang; alles andere hat von ihm sein Dasein.
Ebenso sagt das Neue Testament: „Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist“ (Hebr 11:3). Und vom ewigen Wort Gottes heißt es: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1:3).
Der heilige Athanasius der Apostolische, der 20. Papst von Alexandrien, hat in seiner Schrift Über die Menschwerdung des Logos, also des ewigen Wortes Gottes, gezeigt, warum diese Lehre so wichtig ist. Manche Philosophen meinten, Gott habe die Welt aus einem Stoff geformt, der schon immer da war, so wie ein Zimmermann Holz braucht, um etwas herzustellen. Athanasius antwortet: Dann wäre Gott schwach und abhängig von etwas, das er nicht selbst gemacht hat; er wäre bloß ein Handwerker, nicht der Schöpfer.2 Der christliche Glaube dagegen lehrt, „dass vielmehr Gott durch seinen Logos alle Dinge aus dem reinen Nichts ins Dasein gerufen habe“.3
Für den Glauben folgt daraus:
- Gott ist der Herr über alles. Nichts steht neben ihm als zweite Macht; die Welt ist nicht göttlich und nicht ewig wie Gott. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt: „Die Zeit begann mit dem Beginn der Schöpfung.“4
- Die Materie ist nicht böse. Weil Gott alles geschaffen hat, ist auch der Stoff dieser Welt und unser Leib gut. Alte Irrlehren meinten, die sichtbare Welt sei von bösen Mächten geschaffen; die Kirche hat das immer abgelehnt.5
- Die ganze Dreifaltigkeit wirkt. „Jedes göttliche Wirken bei der Erschaffung der Welt geht vom Vater aus, geschieht durch den Sohn und wird durch den Heiligen Geist vollendet.“6 Die drei Hypostasen (Personen) wirken nicht getrennt, sondern gemeinsam; mehr dazu in Thema 16 („Die Heilige Dreifaltigkeit“).
Gott erschafft aus Liebe
Warum hat Gott die Welt überhaupt geschaffen? Hatte er sie nötig? Der Katechismus antwortet: Gott „war schon vor der Schöpfung vollkommen“; seine Liebe war in der Heiligen Dreifaltigkeit vollkommen, „ohne dass er der von ihm geschaffenen Geschöpfe bedarf“.7 Er schuf die Welt „nicht aus einer natürlichen Notwendigkeit heraus, sondern aus seinem freien Willen; nicht aufgrund äußerer Einflüsse, sondern aus seiner unendlichen Güte, seiner göttlichen Liebe, Weisheit und Fürsorge“.8
Der heilige Irenäus von Lyon, einer der frühesten Lehrer der Kirche, sagt in seinem Werk Gegen die Häresien, also gegen die Irrlehren seiner Zeit, dasselbe über den Menschen:
Also hat Gott im Anfang den Adam erschaffen, nicht als ob er selbst des Menschen bedurft hätte, sondern damit er auf jemand sein Wohlgefallen ausschütten konnte.9
Damals wie Heute erklärt das mit einem Bild aus der Familie: Gott schuf den Menschen nicht, „weil Er ihn gebraucht hätte oder auf seinen Dienst angewiesen wäre, sondern weil Gott ein Vater ist, der Seine Liebe auf Seine Kinder ausschütten wollte“.10 Die Schrift sagt: „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4:8b), und sie betet: „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen“ (Weish 11:24).
Darum ist die Schöpfung gut. Am Ende des sechsten Tages heißt es: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1:31a). Der Katechismus folgert: „Er schuf die Welt aus freiem Willen, ohne ein böses Wesen oder etwas Böses zu schaffen.“11 Woher das Böse dennoch kommt, ist die Frage des nächsten Vortrags.
Der Mensch als Ebenbild Gottes
Unter allen Geschöpfen nimmt der Mensch einen besonderen Platz ein. Bei seiner Erschaffung spricht Gott nicht „Es werde“, sondern:
Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.
Die Einheitsübersetzung sagt „Abbild“; die Kirche spricht vom Ebenbild oder vom Bild Gottes. Aus Buch 1, Kapitel 5 („Die Erlösung in Grundzügen“) kennst du die Grundbestimmung: Der Mensch ist mit Vernunft und freiem Willen zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen. Nach dem Katechismus schuf Gott den Menschen als sein Abbild, „damit er Gemeinschaft mit ihm erfahren kann“; „Der Mensch ist Gottes liebstes Geschöpf.“12 Mann und Frau sind gemeinsam nach dem Bild Gottes geschaffen, gleich an Würde und Natur (Gen 1:27; Gal 3:28).
Der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen: mit einer geistigen Seele, mit Vernunft, freiem Willen und Gewissen, bestimmt zur Gemeinschaft mit Gott. Das Bild Gottes ist eine Gabe und eine Berufung zugleich: Der Mensch soll Gott immer ähnlicher werden.
Leib und Seele
„Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (Gen 2:7). Der Mensch ist aus Erde geformt und vom Atem Gottes belebt; er hat einen Leib und eine Seele, und beide gehören zu ihm. Der Apostel Paulus betet für die Gläubigen, Gott möge „euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt“ bewahren (1. Thess 5:23); Papst Schenouda III. folgt dieser Redeweise und spricht vom Menschen als Leib, Seele und Geist. Gemeint ist immer der eine, ganze Mensch.
Der Leib ist kein Gefängnis und nichts Schlechtes. Papst Schenouda III. sagt: „Das Böse wohnt nicht im Fleisch, sondern in der Art, wie sich dieses Fleisch verhält.“13 Der Katechismus nennt den Leib den „Partner der Seele“: Ist der Wille geheiligt, „unterstützt der Leib die Seele durch das Lesen, das Fasten, die Niederwerfung und das Geben“.14 Darum beten wir auch mit dem Leib, etwa in der Metanie (Niederwerfung).
Vernunft
Was unterscheidet den Menschen von den Tieren? Athanasius sagt: Gott schuf die Menschen „nicht einfach wie die ganze vernunftlose Lebewelt auf der Erde, sondern er machte sie nach seinem Bilde und teilte ihnen von der Kraft seines eigenen Logos mit, damit sie gleichsam einen Schatten vom Logos hätten und so, vernünftig geworden, in seligem Zustand verbleiben könnten“.15 Das griechische Wort für „vernünftig“ ist mit „Logos“ verwandt: Die Vernunft des Menschen ist ein Abglanz des ewigen Wortes Gottes. Mit ihr kann der Mensch denken, sprechen, die Welt erforschen und vor allem Gott erkennen.
Freier Wille
Zum Bild Gottes gehört die Freiheit. Der Katechismus sagt: „Gott, der uns durch seine Gnade nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat, gab uns den freien Willen, damit wir unseren Willen mit dem Willen Gottes in Einklang bringen, das Gute erkennen und tun und andere als unsere Brüder und Schwestern betrachten können.“16 Der freie Wille ist also nicht die Freiheit, alles zu tun, was mir gefällt, sondern die Fähigkeit, Gott aus Liebe zu antworten. Die Schrift sagt: „Er hat am Anfang den Menschen erschaffen und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen“ (Sir 15:14), und Gott spricht durch Mose: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Dtn 30:19b).
Gott wusste, dass der Mensch seine Freiheit missbrauchen konnte. Warum gab er sie ihm trotzdem? Papst Schenouda III. antwortet:
So schuf Gott den Menschen mit einem freien Willen. Sein Sündenfall entsprang seiner Freiheit. Gott wusste, dass der Mensch durch diese Freiheit fallen und sündigen konnte: sein Heil würde die Inkarnation und die Erlösung notwendig machen. Doch Gott wählte diesen Weg, um dem Geist des Menschen seine Freiheit zu lassen. Er zwang ihn nicht, in der Gerechtigkeit zu leben, damit er sie aus freiem Willen wählen könne.17
Liebe kann man nicht erzwingen. Darum kann auch der Teufel den Menschen versuchen, aber nicht zwingen. Der Katechismus führt dazu ein Wort des heiligen Kyrill von Jerusalem an: Die Seele bestimmt selbst über sich; der Teufel kann ihr etwas eingeben, aber er kann sie nicht gegen ihren Willen zwingen.18
Gewissen
Gott hat dem Menschen auch ein inneres Gesetz ins Herz gelegt. Paulus schreibt über Menschen, die das Gesetz des Mose nicht kannten: „Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab“ (Röm 2:15a). Der Katechismus nennt es „ein inneres, naturgegebenes Gesetz“, das Gott der Menschheit gegeben hat, und zählt es zu den Wegen, auf denen der Mensch Gott erkennen kann.19
Das Gewissen ist ein großes Geschenk, aber es muss gebildet werden. Papst Schenouda III. warnt: „Das Gewissen ist nicht die Stimme Gottes im Menschen; denn dieses Gewissen kann sich irren und fehlgehen, und die Stimme Gottes kann sich niemals irren.“ Es kann sich „durch den Heiligen Geist, die Worte der heiligen Väter, ihre Lehren und das spirituelle Leben erleuchten lassen“, aber auch „abschwächen und einschlafen“, wenn es vom eigenen Interesse beherrscht wird.20 Darum hört der Christ auf die Schrift, auf die Lehre der Kirche und auf seinen Beichtvater, damit sein Gewissen wach bleibt und richtig urteilt.
Berufen zur Unvergänglichkeit
Das Bild Gottes ist eine Berufung: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“ (Weish 2:23). Der Mensch sollte in der Gemeinschaft mit Gott wachsen. Was mit diesem Bild durch den Fall geschah und wie Christus es erneuert, zeigen die Vorträge 2 und 3.
Die Engel
Zur Schöpfung gehört nicht nur die sichtbare Welt. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir Gott als „Schöpfer des Himmels und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren“.21 Zu den unsichtbaren Geschöpfen gehören die Engel. Der Katechismus erklärt: „Engel sind vernunftbegabte himmlische Wesen ohne menschlichen Leib, die einen eigenen Willen und eigene Kraft besitzen, zugleich aber Gott gehorsam sind.“22 Das Wort „Engel“ bedeutet „Bote“: Gott sendet sie, um den Menschen „seinen Willen und sein Heil“ zu verkünden – so der Erzengel Gabriel bei der Verkündigung an die heilige Maria (Lk 1:26–38) oder der Erzengel Rafael im Buch Tobit.23
Von Gott geschaffene, leiblose, vernunftbegabte Geister mit eigenem Willen, die Gott loben, ihm gehorchen und von ihm zum Dienst an den Menschen gesandt werden.
Die Engel sind uns zugewandt. Der Hebräerbrief fragt: „Sind sie nicht alle nur dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen?“ (Hebr 1:14). Über die Kinder sagt der Herr selbst: „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters“ (Mt 18:10). Darauf gründet die Lehre vom Schutzengel; der Psalm sagt: „… er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen“ (Ps 91:11; LXX 90).24 Nach dem Katechismus nimmt das Gespräch über die Engel Kindern und Erwachsenen die Angst vor dem Tod, weil sie in den Engeln Freunde erfahren.25
Die Engel sind Geschöpfe: Wir ehren sie und bitten um ihre Fürsprache, angebetet wird allein Gott. Auch sie wurden gut geschaffen und mit freiem Willen begabt. Dass einige von ihnen sich gegen Gott gewandt haben, behandelt der nächste Vortrag.
Paradies und Gebot
„Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte“ (Gen 2:8). Das Paradies war nach dem Katechismus beides zugleich: „Für den Leib war das Paradies eine materielle, sichtbare und gesegnete Wohnstätte. Für die Seele aber bedeutete es, die Gnade Gottes zu genießen und die geschaffenen Dinge geistlich zu betrachten.“26 Der Mensch lebte dort nicht untätig: Gott setzte ihn in den Garten, „damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2:15b). Herrschaft über die Schöpfung heißt Verantwortung, nicht Ausbeutung.
Dann gibt Gott dem Menschen ein einziges Gebot: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2:16b–17). Es war kein Misstrauen und keine Falle. Der Katechismus sagt: Gott gab Adam „ein äußerst leichtes Gebot, damit er durch seinen Gehorsam Gottes Liebe erwidern konnte“.27 Athanasius sieht im Gebot eine Fürsorge Gottes: Weil Gott „die doppelte Wahlfreiheit der Menschen kannte“, das heißt ihre Möglichkeit, sich für oder gegen ihn zu entscheiden, „so traf er Vorsorge und suchte ihnen durch Gesetz und Ort die ihnen gewährte Gnade zu sichern“.28 Papst Tawadros II. fasst zusammen: „Gottes Gebot für Adam war eine Gelegenheit für ihn, seine Verantwortung wahrzunehmen und sich auf etwas Größeres vorzubereiten. Es war auch Gottes Bestätigung des freien Willens des Menschen, der das größte Geschenk ist, das Gott dem Menschen gemacht hat.“29
Eltern schenken ihrem Kind ein Zimmer voller Spielsachen und sagen: „Nur an den Herd darfst du nicht.“ Das eine Verbot nimmt dem Kind keine Freude; es schützt das Kind und lässt es zeigen, dass es den Eltern vertraut. Ähnlich erklären der Katechismus und Athanasius das Gebot im Paradies: Alles war geschenkt, und das eine leichte Gebot schützte die Gnade, die Gott dem Menschen gegeben hatte, und war der Raum, in dem der Mensch Gott aus freiem Herzen antworten konnte.
Schrift und Naturwissenschaft
Viele Jugendliche fragen: Stimmt die Schöpfungsgeschichte mit der Naturwissenschaft überein? Zuerst gilt: Die Heilige Schrift irrt nicht. Papst Tawadros II. sagt, der Heilige Geist mache den Schreiber „unfehlbar, d. h. frei von Irrtum“, und lasse ihm doch „die Freiheit des Ausdrucks“.30 Darum lohnt die Frage, was die Schrift lehren will. Sie zeigt uns, wer die Welt gemacht hat, warum und wozu – nicht, wie man ihre Abläufe misst.
Schon im 4. Jahrhundert hat der heilige Basilius der Große in seinen Predigten über die sechs Schöpfungstage (griechisch Hexaemeron, „Sechstagewerk“) darauf hingewiesen. Die Gelehrten seiner Zeit stritten über die Gestalt der Erde und die Ursache der Mondfinsternis. Mose hat darüber nichts geschrieben, und Basilius fragt: „Soll ich deshalb die Offenbarungen des Geistes geringer werten als die törichte Weltweisheit? Oder soll ich nicht vielmehr den preisen, der unsern Geist mit eitlen Dingen verschonen wollte und nur das aufschreiben ließ, was zur Erbauung und Läuterung unserer Seelen dient?“31 Zugleich waren die Väter keine Feinde der Wissenschaft: Basilius hatte selbst die Philosophie und die Naturkunde seiner Zeit studiert und ermutigte junge Menschen, aus den Wissenschaften anzunehmen, was nützlich ist.32
Den Glaubenskern fasst dieser Merksatz zusammen:
Gott hat Himmel und Erde aus dem Nichts erschaffen; der Mensch ist sein Ebenbild mit geistiger Seele; der Fall Adams ist geschichtlich. Die Heilige Schrift irrt nicht; sie ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft, sondern spricht nach dem Augenschein und will das Heil lehren (Basilius, Hexaemeron). Naturwissenschaftliche Theorien über den Anfang des Weltalls, etwa die Urknalltheorie, widersprechen dem Glauben an die Schöpfung aus dem Nichts nicht. Ein Weltbild ohne Gott lehnt der Glaube ab.
„Nach dem Augenschein“ heißt: Die Schrift beschreibt die Welt so, wie der Mensch sie sieht, ohne eine Lehre über die Abläufe der Natur aufzustellen. Auch die Dauer der Schöpfungstage hat die Kirche nicht festgelegt. Die Naturwissenschaft erforscht, wie die Dinge in der Natur ablaufen; der Glaube bekennt, dass die Welt Gottes Werk ist und einen Sinn hat. Athanasius sagt, dass „die Schöpfung Schriftzügen gleich durch ihre Ordnung und Harmonie ihren Herrn und Schöpfer anzeigt und laut verkündet“.33 Wer behauptet, alles sei ohne Gott und Sinn entstanden, vertritt keine Naturwissenschaft mehr, sondern eine Weltanschauung. Das Gespräch zwischen Glauben und Naturwissenschaft vertieft Thema 42 („Glaube und Vernunft“).
Selbstwert aus der Gottebenbildlichkeit
Der Katechismus fragt: „Weißt du, wer du bist?“ Er zeigt zuerst, wie klein und verletzlich der Mensch ist, und antwortet dann:
„Möchtest du wissen, wer du wirklich bist? Du bist von Gott geliebt und empfängst seine Fürsorge und Zuwendung – so sehr, dass es scheint, als hätte er um deinetwillen die ganze Welt vergessen. … Er blickt auf dich und sieht in dir sein Bild und sein Gleichnis. Du besitzt einen Verstand; du hast einen freien Willen; er hat dir die Gabe verliehen, lieben zu können … Er freut sich an dir.“34
Der Wert eines Menschen hängt nicht an Leistung, Aussehen oder Begabung, sondern daran, dass Gott ihn nach seinem Bild geschaffen hat und liebt. Der Psalm staunt darüber: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Ps 8:5–6). Der Herr selbst sagt, dass ein Menschenleben mehr wert ist als die ganze Welt: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ (Mk 8:36).
Weil jeder Mensch Gottes Bild trägt, verdient jeder Ehrfurcht – ob ihm das Lernen leichtfällt oder schwer, ob er gesund ist oder krank. Für dich selbst heißt das: Du musst dir deinen Wert nicht verdienen und nicht beweisen. Du darfst mit dem Psalm danken: „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast“ (Ps 139:14a; LXX 138).
Für den Dienst
- Die Schöpfung als Geschenk erzählen. Erzähle den Kindern die Schöpfung nicht als Kraftakt, sondern als Werk der Liebe: Gott brauchte nichts, er wollte uns beschenken. Der Satz „Gott sah, dass es gut war“ eignet sich als Kehrvers, den die Kinder überall dort mitsprechen, wo er in der Erzählung steht (Gen 1).
- Selbstwert stärken. Viele Kinder und Jugendliche messen sich an Noten, Beliebtheit oder Aussehen. Sag ihnen oft und persönlich: „Du bist Gottes Bild, er freut sich an dir.“ Vermeide alles, was Kinder bloßstellt oder gegeneinander ausspielt.
- Freiheit und Gewissen einüben. Sprich mit älteren Kindern über Entscheidungen im Alltag: Was sagt mein Gewissen, und woran prüfe ich es – an der Schrift, im Gebet, beim Beichtvater?
- Fragen zur Naturwissenschaft ernst nehmen. Fragt ein Jugendlicher – oder ein Bekannter, der nicht glaubt – nach Urknall, Alter der Welt oder Evolution, antworte mit dem Merksatz und mit Basilius und sag dazu: Welche Abläufe es in der Natur und bei den Lebewesen gibt, untersucht die Naturwissenschaft; der Glaube bekennt, dass Gott alles geschaffen hat und dass der Mensch sein Ebenbild mit geistiger Seele ist, und lehnt die Behauptung ab, er sei nur ein Zufallsprodukt der Materie. Auf naturwissenschaftliche Detailstreitigkeiten lässt du dich nicht ein; schwierige Fragen besprichst du mit dem Priester oder im Dienertreffen.
- Die Engel als Freunde zeigen. Lies kleinen Kindern Mt 18:10 vor: Ihre Engel sehen das Angesicht des Vaters.
- Für dich selbst. Danke Gott diese Woche jeden Abend für ein Werk seiner Schöpfung und für einen Menschen, in dem du sein Bild entdeckt hast.
Das Wichtigste in Kürze
- Gott hat Himmel und Erde aus dem Nichts erschaffen (2. Makk 7:28), durch sein Wort (Joh 1:3), in freiem Willen und aus Liebe; er brauchte die Schöpfung nicht (Irenäus, Gegen die Häresien, Buch IV, Kap. 14,1).
- Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut (Gen 1:31); die Materie und der Leib sind nicht böse.
- Der Mensch ist als Mann und Frau nach dem Bild Gottes geschaffen (Gen 1:26–27): mit Leib und geistiger Seele, mit Vernunft, freiem Willen und Gewissen, berufen zur Gemeinschaft mit Gott. Der freie Wille ist das Geschenk, Gott aus Liebe zu antworten; das Gewissen muss gebildet werden.
- Die Engel sind leiblose, vernunftbegabte Geschöpfe, die Gott dienen und den Menschen beistehen (Hebr 1:14; Mt 18:10).
- Im Paradies gab Gott ein einziges, leichtes Gebot, damit der Mensch seine Liebe im Gehorsam erwidern konnte.
- Die Heilige Schrift irrt nicht, ist aber kein Lehrbuch der Naturwissenschaft; sie will das Heil lehren. Die Urknalltheorie widerspricht dem Glauben an die Schöpfung aus dem Nichts nicht; ein Weltbild ohne Gott lehnt der Glaube ab.
- Der Wert jedes Menschen gründet in der Gottebenbildlichkeit, nicht in seinen Leistungen.
Zum Weiterlesen
- Hl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 2–4 (Schöpfung und Erschaffung des Menschen).
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 207–216 (der Schöpfer) und Fr. 233–261 (die erhabene Natur des Menschen).
- Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 1 (Leib, Seele und Geist; der Geist als Abbild Gottes) und Kap. 5 (das Gewissen).
- Hl. Basilius der Große, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 1 und 9.
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1113–1118 (die Engel).
Anmerkungen
Damals wie Heute, S. 123.↑
Vgl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 2.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 3.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 215.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 208.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 214.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 213.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 211.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch IV, Kap. 14,1.↑
Damals wie Heute, S. 123.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 216.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 233.↑
Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 1.1.2.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 252.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 3.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 304.↑
Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 1.3. Inkarnation heißt Menschwerdung.↑
Vgl. Kyrill von Jerusalem, Katechesen 4,21; nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 240.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 154.↑
Papst Schenouda III., Wer ist der Mensch?, Kap. 5.1.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 177 (Glaubensbekenntnis).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1114.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1115.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1118.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1116.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 234.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 233.↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 3.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 52.↑
Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 128.↑
Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 9,1.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 209.↑
Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 34.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 325.↑