Thema 23 · Vortrag 2
Der geistliche Kampf
Versuchung, Laster und die Waffen des Christen
17 Min. LesezeitUmkehr, Beichte und geistlicher Kampf
Lernziele
- Die acht Laster nach Evagrius nennen und Versuchung und Sünde unterscheiden.
Schlüsselbegriffe
geistlicher Kampf · Versuchung · Sünde · Kampf der Gedanken · die acht Laster · Hauptlaster · Listen des Feindes · Verzweiflung · Lästerung gegen den Heiligen Geist · freier Wille · Wachsamkeit · Fasten · Waffenrüstung Gottes
Bibelstellen
Lk 22:31–32; Hebr 4:15; Jak 1:13–15; Mt 4:4; Mt 4:10; 1. Kor 10:13; 1. Petr 5:8–9; Eph 6:11; Eph 6:17; Mt 26:41; Mt 12:31; Mi 7:8; Jes 42:3; Lk 10:19; Mt 6:17–18; Lk 18:12; Lk 18:14; Spr 16:18; Ps 141:3; 1. Kor 6:19; Jak 1:20; 1. Kor 9:27
Inhalt
Wer zu Gott umkehrt, erlebt bald, dass der Weg nicht ohne Widerstand ist. Alte Gewohnheiten melden sich, Gedanken drängen sich auf, Müdigkeit und Mutlosigkeit kommen. Die Kirche nennt das den geistlichen Kampf. Wer Versuchung und Sünde unterscheiden kann, die Wurzeln der Sünde kennt und die Waffen, die Gott gibt, kämpft ohne Angst. Und wer dient, kann Jugendlichen in diesem Kampf beistehen.
Versuchung ist noch keine Sünde
Niemand ist ausgenommen
Papst Schenouda III. schreibt: „Denke also nicht, dass sich teuflische Kriege nur gegen Anfänger oder Sünder richten.“1 Propheten, Apostel und Heilige wurden versucht. Der Herr sagte zu Petrus: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt“ (Lk 22:31–32a). Christus selbst wurde in der Wüste versucht. Der Hebräerbrief sagt von ihm, dass er „in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4:15b).
Daraus folgt: Versuchung ist noch keine Sünde. Wenn Christus versucht wurde, ohne zu sündigen, dann ist das Versuchtwerden selbst keine Schuld. Wer von schlechten Gedanken angegriffen wird, ist deshalb kein schlechter Mensch und kein „schlechter Christ“.
Eine Lockung zum Bösen, die von außen (durch den Feind oder durch andere Menschen) oder von innen (durch die eigene Begierde) an den Menschen herantritt. Zur Sünde wird sie erst, wenn der Mensch ihr mit seinem freien Willen zustimmt.
Vom Gedanken zur Tat
Der Apostel Jakobus beschreibt, wie aus einer Versuchung Sünde wird: „Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt. Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor“ (Jak 1:14–15). Zugleich stellt er klar, dass Gott niemanden zum Bösen versucht (Jak 1:13).
Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty gibt dazu ein Wort des heiligen Markus des Asketen wieder; der Beiname meint sein Leben in Verzicht und geistlicher Übung: „Das Aufkommen eines Gedankens ist an sich weder böse noch gut, sondern vielmehr eine Prüfung unseres freien Willens.“2 Papst Schenouda III. zeichnet den Weg nach, den die Sünde nimmt, wenn man sie duldet: Am Anfang steht ein äußerer Anstoß, „ein anregender Blick, ein Bild in einem Buch, ein von jemandem gesagtes Wort“. Der Gedanke „kann immer noch leicht verjagt werden“. Wird er geduldet, sinkt er ins Herz und wird zum Gefühl, dann zur Begierde, dann zur Tat und schließlich zur Gewohnheit, die den Menschen beherrscht.3
| Stufe | Was geschieht | Ist es Sünde? |
|---|---|---|
| Anstoß | Ein Bild, ein Wort, ein Gedanke kommt von außen. | Nein – es ist Versuchung. |
| Zustimmung | Ich lasse den Gedanken bewusst bleiben, schaue absichtlich wieder hin, will es. | Ja – schon ohne Tat. |
| Tat und Gewohnheit | Ich tue es; die Sünde wiederholt sich und wird zur Fessel. | Ja, und sie wird zur Knechtschaft. |
Für die Augen gilt dasselbe. Papst Schenouda III. schreibt: „Ich sage dir, dass du nicht für den ersten Blick verantwortlich bist, solange er zufällig kommt. Du bist jedoch für den zweiten Blick verantwortlich und seinen Antrieb.“4 Niemand muss sich für einen Gedanken schämen, der ihn überfällt; jeder ist aber verantwortlich für das, was er daraus macht.
Der Kampf der Gedanken
Weil die Sünde in den Gedanken beginnt, wird dort auch der Kampf entschieden. In den Geistlichen Homilien, die dem heiligen Makarius dem Großen zugeschrieben werden, heißt es:
Der ganze Kampf des Menschen muss sich in den Gedanken abspielen. Er muss den ihn rings umgebenden Wald der bösen Gedanken umhauen, sich selbst zu Gott hintreiben, darf nicht dem Willen der Gedanken folgen, sondern muss sie, die nach allen Richtungen herumschweifen, sammeln und die natürlichen (= der Natur entsprechenden) von den bösen scheiden.5
Dieselben Homilien beschreiben das Herz als Kampfplatz: „Das Herz selbst ist ein kleines Gefäß und doch sind in ihm Drachen und Löwen und giftige Tiere und alle Schätze der Bosheit. […] Aber auch Gott ist darin, dort sind auch die Engel, da ist das Leben und das Reich.“6 Der Christ kämpft also nicht auf verlorenem Posten. In seinem Herzen wohnt der, der stärker ist als alles Böse.
Ein Wort des heiligen Kyrill von Jerusalem, das der Katechismus wiedergibt, zeigt den richtigen Zeitpunkt: „Schließe deine Tür, halte ihn fern von dir, und er kann dir nichts anhaben.“ Wer den Gedanken an die Begierde gleichgültig zulässt, dem schlägt er „Wurzeln“; darum: „Reiß das Böse an der Wurzel aus, bevor es aufblüht“.7 Je früher man widersteht, desto leichter ist es.
Die acht Laster
Die Väter haben beobachtet, dass die vielen einzelnen Sünden aus wenigen Wurzeln wachsen. Diese Wurzeln nennt man Laster oder Hauptsünden.
Der Katechismus stellt die Liste des Mönchsvaters Evagrius Ponticus vor: „Völlerei, Unzucht, Habgier, Traurigkeit, Zorn, Trägheit (Acedia), Ruhmsucht und Hochmut.“8 Er ordnet sie in drei Gruppen:
| Gruppe | Laster | Woraus sie entstehen |
|---|---|---|
| Laster, die mit materiellen Dingen zusammenhängen | Völlerei, Unzucht, Habgier | aus dem Missbrauch der natürlichen Triebe: Ess- und Trinklust, körperliche Begierde, Geldgier |
| Laster im Umgang mit den eigenen Gefühlen | Traurigkeit, Zorn, Trägheit (Acedia) | aus mangelnder Beherrschung der eigenen Gefühlsregungen |
| Laster der Ichbezogenheit | Ruhmsucht, Hochmut | aus der Selbstbezogenheit, die den Menschen eitel und stolz macht |
Traurigkeit meint hier nicht die gesunde Trauer über einen Verlust oder die Reue über die Sünde, sondern eine weltliche Niedergeschlagenheit, die das Herz von Gott abzieht. Eine Depression oder eine andere seelische Erkrankung ist kein Laster und keine Schuld. Sie braucht ärztliche Hilfe; die Kirche begleitet den Kranken mit Gebet und Geduld. Trägheit (griechisch akedia) ist die geistliche Lustlosigkeit, der Überdruss am Gebet und am geistlichen Leben.
Papst Gregor der Große hat die Liste später umgestellt; daraus wurden die „sieben Todsünden“, die man vor allem im Westen kennt.9
Die Laster hängen zusammen. Der heilige Johannes Cassianus, ein Schüler des Evagrius, warnt vor Eitelkeit und Hochmut: „aber in die Gefahr dieser beiden geraten wir als Sieger und am meisten nach Triumphen“.10 Weil nicht jeder gleich bedrängt wird, soll jeder sein besonderes Laster erkennen und vor allem dagegen kämpfen.11 Dieses Hauptlaster zu kennen ist ein wichtiges Ziel der Gewissenserforschung und des Gesprächs mit dem Beichtvater.
Die Listen des Feindes
Die Schrift bezeugt den Teufel als wirkliches Wesen.12 Paulus mahnt: „Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt“ (Eph 6:11). Beispiele seiner Listen:
- Sünde im Kleid der Tugend. „Die Sünde unter dem Deckmantel der Tugend zu verstecken, ist eine listige List des Teufels.“13 Härte heißt dann „Disziplin“, Spott heißt „Scherz“.14
- Kleine Dinge. Wer sich vor großen Sünden hütet, wird mit kleinen bekämpft: „Der Teufel kämpft mit kleinen Dingen, weil der Mensch nicht auf der Hut vor ihnen und auch nicht ängstlich in Bezug auf sie ist.“15
- Aufschieben. Der Feind sagt nicht „Nein“ zum Gebet oder zur Beichte, sondern „Später“.16
- Die überraschende Gelegenheit. Gerade wenn jemand umgekehrt ist, bietet ihm der Feind die alte Sünde besonders verlockend an. Papst Schenouda III. rät: „Sage nicht: ‚Es ist eine Gelegenheit‘, sondern: ‚Es ist ganz sicher das Werk des Teufels.‘“17
Die gefährlichste Waffe: Verzweiflung
Die schlimmste List kommt nach dem Fall. Papst Schenouda III. schreibt:
Die gefährlichste Waffe, die Satan benutzt, ist es, dem sündigen Menschen das Gefühl zu geben, dass es nichts nütze, dass die Sünde die vollständige Kontrolle über ihn übernommen und er keinen Ausweg mehr hätte!18
Der Feind arbeitet dabei doppelt: Vor der Sünde stellt er sie als harmlos dar, danach vergrößert er sie so sehr, dass der Mensch an der Vergebung verzweifelt.19 Er versucht auch, den Gefallenen „von seinem Beichtvater, von jedem geistlichen Rat und von der gesamten Kirche fernzuhalten“, damit er allein bleibt.20 Darum ist es gefährlicher, an der Buße zu verzweifeln, als in die Sünde zu fallen: Judas ging an seiner Verzweiflung zugrunde, Petrus kehrte unter Tränen zurück.21
Die Antwort steht beim Propheten Micha: „Freu dich nicht über mich, meine Feindin! Zwar liege ich am Boden, doch ich stehe wieder auf“ (Mi 7:8a). Papst Schenouda III. fügt hinzu: „Wenn du die Hoffnung für dich selbst verloren hast, hat doch der Herr die Hoffnung auf deine Rettung nicht verloren.“22 Von Christus heißt es: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“ (Jes 42:3a).
Die Angst vor der Lästerung gegen den Heiligen Geist
Manche Jugendliche quält eine besondere Angst. Der Herr sagt: „Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben“ (Mt 12:31). Diese Sünde ist kein einzelnes Wort gegen den Geist und kein Unglaube, den ein Mensch später bereut. Papst Schenouda III. erklärt sie als „die vollkommene und beharrliche Ablehnung jeglichen Wirkens des Heiligen Geistes im Herzen: eine Ablehnung, welche das ganze Leben andauert!“23 Ohne Vergebung bleibt sie, weil die Umkehr selbst ein Werk des Geistes ist: Wer ihn bis zum Tod abweist, kehrt nicht um. Jede Sünde, die bereut wird, vergibt Gott.24 Die Angst, man habe sie begangen, nennt Papst Schenouda III. „Kriegsführung des Satans, um dich zur Verzweiflung zu führen“. Schon die Sorge um das eigene Heil zeigt, dass der Geist im Menschen wirkt.25
Der Teufel hat keine Macht gegen den Willen
So listig der Feind ist, er kann niemanden zwingen. Der Katechismus gibt ein Wort des heiligen Kyrill von Jerusalem wieder: „Die Seele ist selbstbestimmt; und obwohl der Teufel etwas eingeben kann, hat er nicht die Macht, gegen den Willen zu zwingen. Er legt dir den Gedanken an Unzucht nahe: Wenn du willst, nimmst du ihn an; wenn du nicht willst, weist du ihn zurück.“26
Der Teufel kann böse Gedanken eingeben, aber niemanden zur Sünde zwingen. Versuchung ist noch keine Sünde; zur Sünde wird sie, wenn der freie Wille zustimmt.
Papst Schenouda III. sagt es so: „Der Teufel beherrscht nur den Menschen, der sich ihm unterwirft.“ Und weiter: „Sei dir sicher, dass die Angst in dir schädlicher für dich ist als der Krieg des Teufels von außen.“27 Gott setzt dem Feind Grenzen. Paulus schreibt: „Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt“ (1. Kor 10:13b). Und Christus hat den Seinen Vollmacht gegeben, „die ganze Macht des Feindes zu überwinden“ (Lk 10:19a).
Das heißt nicht, dass der Mensch sich aus eigener Kraft rettet. Papst Schenouda III. betont: „Gott wehrt die teuflischen Kriege nicht für uns ab, sondern gibt uns den Sieg über sie.“28 Der Mensch wirkt mit, der Sieg aber ist Gottes Geschenk.
Die Waffen des Kampfes
Gott lässt uns nicht ohne Waffen. Der Apostel nennt „das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes“ (Eph 6:17b), und der Herr sagt in Getsemani: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Mt 26:41).
Das Gebet. Papst Schenouda III. nennt es die wichtigste Waffe: „Wir werden in unseren Kriegen fallen, wenn wir uns dem Teufel allein ohne Gott stellen.“29 Im Dankgebet, das zu jeder Gebetszeit gehört, bittet die Kirche: „Jeden Neid, jede Versuchung, alle Werke des Satans … halte fern von uns …“30
Das Wort der Schrift. Christus hat jede Versuchung mit einem Schriftwort beantwortet: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4:4b); „Weg mit dir, Satan!“ (Mt 4:10a). Papst Schenouda III. rät, gegen die eigenen Kämpfe Verse auswendig zu lernen, und nennt diesen Weg einen Rat des Evagrius.31 Wer mit Zorn kämpft, sagt sich: „… im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist“ (Jak 1:20). Wer mit Unreinheit kämpft, bedenkt, dass „euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist“ (1. Kor 6:19a). Wer mit der Zunge kämpft, betet Ps 141:3 (LXX 140): „Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen!“
Die Beichte. „Die Beichte offenbart Kriege, deren sich Anfänger vielleicht nicht bewusst sind.“ Der Feind liebt das Verborgene: „Die Teufel arbeiten auch gerne in der Dunkelheit, und die Beichte enthüllt sie.“32 Wer einen Gedanken ausspricht, der ihn quält, schwächt damit oft seine Macht.
Das Kreuz. Der heilige Athanasius erzählt im Leben des heiligen Antonius, wie Besucher sich vor dem Lärm der Dämonen fürchteten. Antonius sagte zu ihnen: „Ihr aber drückt euch das Siegel des Kreuzes auf und geht getrost von dannen.“33 Das Kreuzzeichen ist kein Zauber, sondern ein Bekenntnis zu dem, der am Kreuz gesiegt hat.
Die Wachsamkeit. Petrus mahnt: „Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens!“ (1. Petr 5:8–9a). Papst Schenouda III. beschreibt das geistliche Wachen als „Zustand eines gerechten Menschen, der über die Erlösung seiner Seele wacht“.34 Zur Wachsamkeit gehört, die Anlässe der Sünde zu meiden. Die Sprüche der Wüstenväter (Apophthegmata Patrum) erzählen, wie Abba Arsenius im Gebet eine Stimme hörte: „Arsenius, fliehe, schweige, ruhe! Das sind die Wurzeln der Sündenlosigkeit.“35
Das Fasten als geistliche Übung
Auch das Fasten ist eine Waffe. Der heilige Basilius der Große nennt es „eine Waffenrüstung zum Kampfe gegen die bösen Geister“.36 Das Fasten der Kirche besteht in der Enthaltung von Speise für eine bestimmte Zeit und danach in pflanzlicher Fastenspeise;37 wie lange du dich enthältst, besprichst du mit deinem Beichtvater. Papst Schenouda III. warnt: Zu langes Fasten kann Leib und Seele schaden und zu falschem Stolz verleiten.38
Das Fasten des Leibes ist aber nur die eine Hälfte:
Das wahre Fasten besteht in der Entfernung der Fehler. „Löse alle Bande der Bosheit!“ Vergib dem Nebenmenschen die Beleidigung! Vergib ihm die Schulden! „Fastet nicht zu Streit und Hader!“ Fleisch issest du nicht; aber du vertilgest den Bruder. Du enthältst dich des Weines; aber du beherrschest deinen Übermut nicht.39
Der heilige Johannes Chrysostomus sagt dasselbe: „… die Ehre des Fastens ist nicht Enthaltung von Speisen, sondern Vermeidung von Sünden […]. Du fastest? Zeige es mir durch die Werke!“40 Und er fährt fort: „… nicht nur der Mund soll fasten, sondern auch Auge und Ohr und Füße und Hände und alle Glieder unseres Leibes.“41 Fasten gehört zusammen mit Gebet, Almosen und der Abkehr von der Sünde. Ohne die Hinwendung des Herzens zu Gott bleibt es leer: „Ein Mensch mag zum Beispiel fasten, aber er bringt Gott nicht in sein Fasten ein.“42
Fasten ist kein Verdienst. Der Pharisäer im Tempel betete: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens“ (Lk 18:12) – und kehrte doch nicht als Gerechter nach Hause zurück (Lk 18:14). Papst Schenouda III. folgert: „Gott will ein reines Herz mehr als einen hungrigen Körper.“43 Darum fasten wir im Verborgenen: „damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht“ (Mt 6:18a).
Davon zu unterscheiden ist die eucharistische Nüchternheit vor jeder Kommunion: Man isst und trinkt nichts bis zum Empfang der Kommunion, nicht weniger als neun Stunden, üblicherweise ab Mitternacht.44 Mehr dazu in Thema 28 („Die Eucharistie und die Göttliche Liturgie“).
Gefahren im Dienst: Hochmut und Routine
Der Dienst selbst kann zum Kampfplatz werden. Papst Schenouda III. beschreibt zwei Wege, auf denen Diener abgleiten. Bei den einen „verwandelte sich der Dienst zum Ziel, und sie verloren dabei ihre Liebe zu Gott“: Sie fanden keine Zeit mehr für Gebet und Betrachtung. Bei anderen „verwandelte sich der Dienst … zu einer Art Führerschaft, Herrschaft und Macht“, und „das Ich nahm den Platz Gottes ein“.45 Das sind die beiden Gefahren: Routine, die den Dienst leer macht, und Hochmut, der ihn zur Bühne macht.
Die Routine ist besonders tückisch, weil sie fromm aussieht. Papst Schenouda III. schreibt, der Feind lasse einen Diener „vielleicht sogar Lektionen und Vorträge über solche geistlichen Praktiken und deren Nutzen geben, aber er gibt dir keine Zeit, sie selbst zu praktizieren“. So werde man wie Glocken, „die die Menschen zum Heiligtum rufen, aber sie gehen nicht selbst hinein!“46 Der Hochmut kommt oft nach dem Erfolg, wie Johannes Cassianus beobachtet hat, und die Schrift warnt: „Hoffart kommt vor dem Sturz und Hochmut kommt vor dem Fall“ (Spr 16:18). Thema 27 („Wachsen im Dienst“) vertieft das.
Versuchung und Medien
Für Jugendliche geschieht ein großer Teil des Kampfes heute auf dem Bildschirm, zu jeder Stunde des Tages. Die alten Regeln gelten auch dort:
- Der erste und der zweite Blick. Ein unerwartetes Bild kann zum Bösen locken. Entscheidend ist, ob man sich darauf einlässt; auch ein erster Blick kann bewusst gesucht sein.
- Die Augen fasten lassen. Chrysostomus sagt, nicht nur der Mund soll fasten, sondern „auch Auge und Ohr“. Ein Fasten vom Bildschirm in den Fastenzeiten, am Abend vor der Kommunion oder in der ersten Stunde des Tages ist eine gute Übung.
- Die Tür schließen. Wer weiß, wo er schwach ist, meidet die Orte, Apps und Inhalte, durch die der Gedanke eintritt, statt mit ihm zu spielen. „Fliehe“ ist die erste Weisung an Arsenius.
- Zeit für Gott zuerst. Papst Schenouda III. rät: „Beginne deinen Tag mit Gott, vor jeder anderen Beschäftigung.“47
- Nicht allein bleiben. Wer in einen Kampf verstrickt ist, spricht mit seinem Beichtvater. Scham ist kein Grund zu schweigen, sondern ein Grund zu beichten.
Für den Dienst
Mit Jugendlichen über Versuchung sprechen. Viele Jugendliche halten sich für schlecht, weil sie versucht werden. Hier hilft die Unterscheidung von Versuchung und Sünde: Ein Gedanke, der kommt, ist noch keine Sünde; der Kampf gegen ihn ist schon Treue zu Christus. Sprich ruhig und ohne Bloßstellung, im Gespräch mit der Gruppe, nicht als Verhör Einzelner. Fragen, die ins Persönliche gehen, gehören zum Beichtvater; ermutige die Jugendlichen, zu ihm zu gehen. Fürchtet jemand, er habe die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen, beruhige ihn und rate ihm, mit seinem Beichtvater darüber zu sprechen.
Mut machen statt Angst. Ein Diener, der nur von Gefahr und Strafe spricht, arbeitet dem Feind ungewollt in die Hände. Papst Schenouda III. nennt es ein Werk des heiligen Eifers, die Sünder zu ermutigen, damit sie „nicht in Verzweiflung geraten und nicht den Mut verlieren“.48 Erzähle von Heiligen, die gekämpft und gesiegt haben, und von solchen, die gefallen und wieder aufgestanden sind.
Selbst wachsam bleiben. Wer lehrt, ist nicht weniger versucht, sondern oft mehr. Halte deine geistliche Regel, also die feste Ordnung deines Gebets und deiner Schriftlesung, beichte regelmäßig und frage dich, ob dein Dienst noch aus der Liebe zu Gott kommt. Der Apostel schreibt: „vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde“ (1. Kor 9:27).
Das Wichtigste in Kürze
- Niemand ist von Versuchung ausgenommen; auch Christus wurde versucht, ohne zu sündigen (Hebr 4:15).
- Versuchung ist noch keine Sünde. Schon die freiwillige Zustimmung zum bösen Gedanken ist Sünde. Ein zufälliger Blick ist schuldlos, ein bewusst gesuchter böser Blick bereits Sünde.
- Der Kampf wird in den Gedanken entschieden; je früher man widersteht, desto leichter.
- Die acht Laster nach Evagrius sind Völlerei, Unzucht, Habgier, Traurigkeit, Zorn, Trägheit (Acedia), Ruhmsucht und Hochmut. Jede Sünde, die bereut wird, vergibt Gott.
- Die gefährlichste Waffe des Feindes ist die Verzweiflung; der Herr gibt die Hoffnung auf unsere Rettung nie auf. Die Lästerung gegen den Heiligen Geist ist die beharrliche Ablehnung seines Wirkens ein ganzes Leben lang; wer sich davor fürchtet, hat sie nicht begangen.
- Der Teufel kann böse Gedanken eingeben, aber niemanden zur Sünde zwingen; er herrscht nur über den, der sich ihm unterwirft.
- Die Waffen des Christen sind Gebet, Fasten, das Wort der Schrift, die Beichte, das Kreuz und die Wachsamkeit.
- Fasten ist Enthaltung von Speise und von Sünde, im Verborgenen und mit Demut; es ist kein Verdienst.
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III.: Teuflische Kriege, Kap. 3 und 4.
- Papst Schenouda III.: Das geistige Wachen, Kap. 2–3.
- Papst Schenouda III.: Die Spiritualität des Fastens, Kap. 2–3.
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1168–1184 (Der Teufel hat keine Macht über uns) und Fr. 1243–1254 (Laster oder Übel).
- Athanasius: Leben des heiligen Antonius, Kap. 1–43 (BKV 1. Reihe 31).
Anmerkungen
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 1.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1242.↑
Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Drei, Nr. 7.↑
Ebd., Teil Drei, Nr. 6.↑
Makarius (zugeschrieben), Fünfzig geistliche Homilien, Homilie 6,3. Die Verfasserschaft des Makarius ist nicht gesichert; die Kirche gebraucht die Homilien unter seinem Namen.↑
Ebd., Homilie 43,7.↑
Kyrill von Jerusalem, Katechesen 2,3; zitiert nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1248.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1249.↑
Vgl. ebd.↑
Johannes Cassianus, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern, Unterredung 5,10.↑
Vgl. ebd., Unterredung 5,13–14.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1170.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.1.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Drei, Nr. 8.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.10.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.11.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.16.↑
Papst Schenouda III., Heiliger Eifer, Kap. 1, Abschnitt „Die Schwachen ermutigen“.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.5.↑
Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Eins, Abschnitt 4.↑
Vgl. ebd.↑
Ebd.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 13.↑
Vgl. ebd.; Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.5.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 13.↑
Kyrill von Jerusalem, Katechesen 4,21; zitiert nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 240.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 4.2.↑
Ebd., Kap. 1.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 4.9.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 70 (Danksagungsgebet); vgl. Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 4.9.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 4.11.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 4.7.↑
Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 13.↑
Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Einleitung.↑
Apophthegmata Patrum, Nr. 40 (Arsenius 2).↑
Basilius, Ausgewählte Predigten, Predigt I (Über das Fasten), Kap. 9.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Spiritualität des Fastens, Kap. 2.1.↑
Vgl. ebd., Kap. 2.2.↑
Basilius, Ausgewählte Predigten, Predigt I (Über das Fasten), Kap. 10.↑
Johannes Chrysostomus, Homilien über die Bildsäulen, Homilie 3,4.↑
Ebd.↑
Papst Schenouda III., Rückkehr zu Gott, Kap. 2.2.↑
Papst Schenouda III., Die Spiritualität des Fastens, Kap. 3.3.↑
Vgl. Die sieben Sakramente, S. 97.↑
Papst Schenouda III., Das geistige Wachen, Kap. 3.1.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.12.↑
Papst Schenouda III., Teuflische Kriege, Kap. 3.12.↑
Papst Schenouda III., Heiliger Eifer, Kap. 1, Abschnitt „Die Schwachen ermutigen“.↑