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Thema 24 · Vortrag 1

Der Heilige Geist – Herr und Lebensspender

Der Heilige Geist als Gott und Person, sein Hervorgang und seine Sendung, der Zusatz „und vom Sohn“ und sein Wirken in der Kirche und in den Sakramenten

17 Min. LesezeitDer Heilige Geist

Lernziele

  1. Die Gottheit des Heiligen Geistes mit Athanasius und dem Glaubensbekenntnis von 381 begründen.
  2. Den Unterschied zwischen dem ewigen Hervorgang aus dem Vater und der Sendung durch den Sohn erklären und begründen, warum die Kirche den Zusatz „und vom Sohn“ (Filioque) ablehnt.
  3. Das Wirken des Geistes in der Kirche und in den Sakramenten beschreiben.

Schlüsselbegriffe

Heiliger Geist · Beistand (Paraklet) · Lebensspender · Hypostase (Person) · Gotteskindschaft und Teilhabe am göttlichen Leben aus Gnade · Hervorgang · Sendung · Filioque · Epiklese · Wiedergeburt · Myronsalbung · Gaben und Frucht des Geistes

Bibelstellen

Apg 5:3⁠–⁠4; Mt 28:19; 2. Kor 13:13; 1. Kor 3:16; 1. Kor 2:11; Ps 104:30; 2. Petr 1:4; Joh 14:16⁠–⁠17; Joh 14:26; Joh 16:13; Apg 13:2; 1. Kor 12:11; Eph 4:30; Apg 1:8; 1. Kor 1:24; Joh 15:26; Joh 16:7; Joh 20:22; 1. Petr 3:16; Ps 51:13; Joël 3:1; Apg 2:4; Apg 2:16⁠–⁠17; 2. Petr 1:21; Lk 1:35; Joh 1:32; Lk 4:18; Joh 3:5; Tit 3:5; Apg 8:17; 2. Kor 1:21⁠–⁠22; 1. Thess 5:19; Apg 2:15; Gal 5:22⁠–⁠23; 1. Kor 12:4⁠–⁠11; Lk 3:22; Apg 2:3; 1. Kor 6:19; Lk 11:13; Röm 8:26

Inhalt

„Ist der Heilige Geist eine Taube?“ – „Ist er eine Kraft, so etwas wie Energie?“ Solche Fragen hörst du in der Sonntagsschule, in anderen Diensten, in der Familie und im Freundeskreis. Dabei bekennen wir in jeder Liturgie: „Ja, wir glauben an den Heiligen Geist …“ Das Glaubensbekenntnis kennst du aus Buch 1, Kapitel 4 („Das Glaubensbekenntnis“), die Lehre von den drei Hypostasen (Personen) aus Thema 16 („Die Heilige Dreifaltigkeit“). Wer antworten will, muss wissen, warum der Heilige Geist Gott ist, wie sich Hervorgang und Sendung unterscheiden und wie der Geist in der Kirche und in den Sakramenten wirkt – in dir und in den Kindern, denen du dienst.

Der Artikel über den Heiligen Geist

Im Glaubensbekenntnis lautet der Artikel über den Heiligen Geist:1

„Ja, wir glauben an den Heiligen Geist, den lebensspendenden Herrn, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, er hat gesprochen durch die Propheten.“

Das Konzil von Nizäa (325), die erste große Versammlung der Bischöfe der ganzen Kirche, hatte sein Bekenntnis mit den Worten „und an den Heiligen Geist“ beendet; es musste vor allem die Gottheit des Sohnes gegen Arius verteidigen. Danach kam eine neue Irrlehre auf: Der Heilige Geist sei ein Geschöpf, ähnlich wie die Engel. In der Überlieferung unserer Kirche ist sie mit dem Namen des Makedonius verbunden. Darum arbeitete das Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 den Artikel über den Heiligen Geist aus und vollendete das Bekenntnis.2 Jede Aussage des Artikels antwortet auf diese Irrlehre:3

Tabelle 69 · Der Artikel über den Heiligen Geist
Aussage im Bekenntnis Bedeutung
„den lebensspendenden Herrn“ Er ist der Herr, also Gott, kein Geschöpf und keine bloße Kraft; er schenkt das natürliche Leben und das Leben der Gnade.
„der aus dem Vater hervorgeht“ Er hat seinen ewigen Ursprung im Vater.
„der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird“ Ihm gebührt die Anbetung, die Gott allein gebührt.
„er hat gesprochen durch die Propheten“ Er hat die Propheten und die Schreiber der Schrift erleuchtet.

Der Herr nennt den Heiligen Geist den Beistand. Das griechische Wort parakletos, eingedeutscht Paraklet, bezeichnet einen, der einem anderen zur Seite steht: einen Helfer, Fürsprecher und Verteidiger.4 Die Kirche nennt ihn auch Tröster und betet in der dritten Stunde zu ihm: „Himmlischer König, du Tröster, Geist der Wahrheit, überall und alles erfüllend, Schatz der Güte und Lebensspender, kehre gnädig ein und erfülle uns …“5

Begriff
Heiliger Geist

Der Heilige Geist ist eine der drei Hypostasen (Personen) der Heiligen Dreifaltigkeit, wesensgleich mit dem Vater und dem Sohn. Er geht von Ewigkeit aus dem Vater hervor, wird vom Sohn zu uns gesandt, heiligt und macht lebendig und wirkt in der Kirche und in den Sakramenten.

Der Heilige Geist ist Gott

Das Zeugnis der Schrift

Die Schrift zeigt, dass der Heilige Geist selbst Gott ist. Als Hananias einen Teil seines Erlöses für sich behielt und die Apostel täuschte, sagte Petrus: „Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst …? … Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott“ (Apg 5:3⁠–⁠4). Den Heiligen Geist belügen heißt Gott belügen.6

  • Er wird mit dem Vater und dem Sohn zusammen genannt: im Taufbefehl „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28:19) und im Segen des Apostels (2. Kor 13:13).
  • Er wohnt im Menschen wie Gott in seinem Tempel: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Kor 3:16).
  • Er kennt, was nur Gott kennt: „So erkennt auch keiner Gott – nur der Geist Gottes“ (1. Kor 2:11b).
  • Er schafft, was nur Gott schafft: „Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen und du erneuerst das Antlitz der Erde“ (Ps 104:30; LXX 103).

Wer uns mit Gott verbindet, ist Gott

Bischof Serapion von Thmuis berichtete dem heiligen Athanasius dem Apostolischen, einige behaupteten vom Heiligen Geist, „derselbe sei nicht bloß ein Geschöpf, sondern sogar einer der dienenden Geister“.7 Athanasius setzt beim Heil des Menschen an: Wäre der Geist ein Geschöpf, „so würde uns durch ihn keine Gemeinschaft mit Gott zuteil; wir würden vielmehr mit einem Geschöpf verbunden und der göttlichen Natur entfremdet“.8

Aus den Vätern

Wenn wir aber durch die Teilnahme am Geiste der göttlichen Natur teilhaft werden, so kann nur ein Wahnsinniger behaupten, dem Geiste eigne eine geschaffene Natur, aber nicht die Natur Gottes. Deshalb werden ja jene, zu denen er kommt, vergöttlicht. Wenn er aber vergöttlicht, ist es unzweifelhaft, dass seine Natur göttlich ist.9

– Hl. Athanasius der Apostolische, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 24

Nur wer selbst Gott ist, kann uns mit Gott verbinden. Athanasius nimmt dabei das Wort des Apostels Petrus auf: „damit ihr … an der göttlichen Natur Anteil erhaltet“ (2. Petr 1:4b). Gemeint ist: aus Gnade als Kinder Gottes durch den Heiligen Geist, niemals dem Wesen nach.

Begriff
Gotteskindschaft und Teilhabe am göttlichen Leben aus Gnade

Das heißt nicht, dass wir Götter neben Gott würden. Durch den Heiligen Geist werden wir aus Gnade Kinder Gottes und haben Anteil am Leben Gottes, nicht an seinem Wesen.10

„den lebensspendenden Herrn“

Ebenso kann nur Gott Leben schenken und heiligen. Papst Tawadros II. erklärt, der Heilige Geist heiße Lebensspender, „weil er jedem Lebewesen das wahre Leben gibt“, und weil er es ist, „der uns das Leben der Gnade schenkt“.11 Das Buch unserer Diözese Damals wie Heute sagt: „Wäre der Heilige Geist nicht Gott, so könnte Er nicht Lebensspender genannt werden.“ Zur Heiligung fragt das Buch: „Aber wie kann derjenige uns heiligen, der selbst die Heiligung notwendig hat?“12

Eine Hypostase, keine bloße Kraft

Manche stellen sich den Heiligen Geist als unpersönliche Kraft vor, als etwas, das Gott „hat“. Die Schrift spricht anders. Der Herr verheißt:

Heilige Schrift

Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.

Joh 14:16⁠–⁠17

„Einen anderen Beistand“: nicht der Vater und nicht der Sohn, sondern ein anderer. Der Geist handelt wie eine Person. Er „wird euch alles lehren und euch an alles erinnern“ (Joh 14:26b), führt „in die ganze Wahrheit“ und „wird sagen, was er hört“ (Joh 16:13). Barnabas und Saulus beruft er zu ihrem Werk (Apg 13:2). Jedem teilt er seine Gabe zu, „wie er will“ (1. Kor 12:11b); er kann auch beleidigt werden (Eph 4:30). Eine Kraft lehrt nicht, beruft nicht, will nicht und wird nicht beleidigt. Darum ist der Geist nach dem Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty eine göttliche Hypostase und nicht „lediglich eine Kraft“.13 Wenn die Schrift von der „Kraft des Heiligen Geistes“ spricht (Apg 1:8), ist das kein Widerspruch: Auch Christus heißt „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1. Kor 1:24b) und ist doch eine eigene Hypostase.14

Aus den Vätern

Dort also ist der Geist, dort in der seligen Wesenheit, nicht zu einer Vielheit gezählt, sondern in der Dreiheit geschaut, als Einheit verkündet, nicht in einem Kompositum miteinbegriffen. Wie einer Vater und einer Sohn, so ist auch einer der Hl. Geist.15

– Hl. Basilius der Große, Ausgewählte Predigten, Predigt XVI (Über den Glauben), Kap. 3

Hervorgang aus dem Vater und Sendung durch den Sohn

Wo hat der Heilige Geist seinen Ursprung? Der Herr antwortet in einem einzigen Vers:

Heilige Schrift

Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen.

Joh 15:26

Hier stehen zwei verschiedene Aussagen. „Der vom Vater ausgeht“ spricht vom ewigen Ursprung des Geistes in Gott, „den ich euch vom Vater aus senden werde“ von seinem Kommen zu uns. Die Kirche unterscheidet darum Hervorgang und Sendung.16

Begriff
Hervorgang und Sendung

Der Heilige Geist geht ewig aus dem Vater hervor, ohne Anfang und ohne Zeit. Das nennt die Kirche Hervorgang oder Hervorgehen. Das Hervorgehen ist seine hypostatische Eigenschaft, also das, was ihn als Person vom Vater und vom Sohn unterscheidet, wie die Zeugung die Eigenschaft des Sohnes ist. Die Sendung ist sein Kommen zu den Menschen in der Zeit, vor allem am Pfingsttag. Der Geist geht allein aus dem Vater hervor; gesandt wird er vom Vater und vom Sohn.

Der Katechismus erklärt damit auch eine Formel mancher Väter, der Geist gehe „vom Vater durch den Sohn“ aus:

„Diese Formulierung bestätigt, dass der Heilige Geist ewig aus dem Vater hervorgeht, ebenso wie der Sohn ewig aus ihm gezeugt wird. Wenn sie ‚durch den Sohn‘ sagen, meinen sie damit nicht, dass der Sohn dem Vater untergeordnet ist, sondern dass der Geist als göttliche Hypostase aus dem Vater hervorgeht und vom Sohn gesandt wird …“17

Merksatz

Der Vater ist die ungezeugte Quelle; der Geist geht ewig aus dem Vater hervor und wird vom Sohn gesandt.

Die Sendung ist ein gemeinsames Werk von Vater und Sohn: „den der Vater in meinem Namen senden wird“ (Joh 14:26a), „gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden“ (Joh 16:7b). Der heilige Kyrill von Alexandrien hält Hervorgang und Sendung genau auseinander und erinnert dabei an Joh 20:22:

Aus den Vätern

… er ist wesenseins mit ihnen und entspringt oder geht aus wie aus einer Quelle aus Gott und dem Vater und wird der Schöpfung verliehen durch den Sohn. Dieser hauchte ja die heiligen Apostel an und sprach: „Empfanget den Heiligen Geist!“18

– Hl. Kyrill von Alexandrien, Erklärung des nizänischen Glaubensbekenntnisses, Kap. 30

Wie der Geist aus dem Vater hervorgeht, können wir nicht erklären. Der heilige Gregor von Nazianz mahnt: „Hörst du vom Ausgang des Geistes aus dem Vater, dann forsche nicht nach dem Wie!“19

Der Zusatz „und vom Sohn“ (Filioque)

Begriff
Filioque

Im Westen wurde dem Glaubensbekenntnis ein Zusatz eingefügt: Der Heilige Geist gehe „vom Vater und vom Sohn“ aus. „Und vom Sohn“ heißt lateinisch filioque; man spricht deshalb vom Filioque.

Papst Tawadros II. erklärt, dass der Zusatz Hervorgang und Sendung miteinander verwechselt:

„Die Prozession vom Vater ist also ein ewiger Akt, der nicht an einen Ort gebunden ist. Was die Aussendung betrifft, so geht sie vom Vater und vom Sohn aus und ist ein zeitlicher Akt, der an einen Ort gebunden ist.“20

Unsere Kirche nimmt den Zusatz aus fünf Gründen nicht an:

  1. Das Wort des Herrn. Vom Ursprung des Geistes sagt Christus nur: „der vom Vater ausgeht“ (Joh 15:26b); von sich sagt er im selben Vers: „den ich euch … senden werde“. Das Bekenntnis bleibt bei den Worten des Herrn.21
  2. Hervorgang und Sendung sind zweierlei. Dass der Sohn den Geist in der Zeit sendet, bedeutet nicht, dass der Geist ewig aus dem Sohn hervorgeht.
  3. Der Vater ist die eine Quelle. „Der Vater ist die ungezeugte Quelle; der Sohn ist von Ewigkeit her aus dem Vater gezeugt, und der Heilige Geist geht von Ewigkeit her aus dem Vater hervor.“22 Gregor von Nazianz sieht gerade darin die Einheit Gottes gewahrt, „dass der Sohn und der Geist auf eine einzige Ursache zurückgeführt, nicht aber vermengt und verwischt werden“.23
  4. Das Bekenntnis der Konzile. Das Konzil von Konstantinopel bekannte den Hervorgang des Geistes allein aus dem Vater; so beten wir bis heute: „der aus dem Vater hervorgeht“.24
  5. Das gemeinsame Zeugnis der beiden orthodoxen Kirchenfamilien. Die chalcedonisch-orthodoxen Kirchen (etwa die griechische und die russische) und die orientalisch-orthodoxen Kirchen, zu denen unsere Kirche unter anderem mit der syrischen, der armenischen, der äthiopischen, der eritreischen und der indischen Kirche gehört, erklärten 1989 in ihrer gemeinsamen Dialogkommission: „Wir stimmen auch hier in unserem Verständnis der Person und des Wirkens des Heiligen Geistes überein, der allein vom Vater kommt und immer mit dem Vater und dem Sohn angebetet wird.“25

Sprichst du mit katholischen Freunden darüber, benenne den Unterschied klar, aber ohne abwertende Urteile – „bescheiden und ehrfürchtig“ (1. Petr 3:16a). Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“) vertieft das Gespräch mit der römisch-katholischen Kirche.

Der Geist im Alten und im Neuen Testament

Im Alten und im Neuen Bund wirkt der Geist auf verschiedene Weise:

„Im Alten Testament kam der Geist Gottes über einen Menschen, um ihn für eine bestimmte Aufgabe zu befähigen; war diese Aufgabe erfüllt, wich der Geist wieder von ihm. Er wohnte nicht in ihm, als wäre dieser ein Tempel Gottes.“26

So betet David im 50. Psalm der Agpeya (= Ps 51 der Einheitsübersetzung): „nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!“ (Ps 51:13b; LXX 50). Durch die Propheten hat der Geist gesprochen: „vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet“ (2. Petr 1:21b). Und Joël verhieß: „Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch“ (Joël 3:1a).

Im Neuen Testament wirkt der Geist bei der Menschwerdung: „Der Heilige Geist wird über dich kommen“ (Lk 1:35a). Johannes der Täufer sah, dass der Geist „vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb“ (Joh 1:32b); der Herr sagt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir“ (Lk 4:18a). Am Pfingsttag gilt: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg 2:4a), und Petrus erkannte darin die Erfüllung der Verheißung Joëls (Apg 2:16⁠–⁠17). Seitdem wohnt der Geist in den Gläubigen; sie sind „Gottes Tempel“ (1. Kor 3:16).

Der Geist in der Kirche

Der Pfingsttag „ist der Tag, an dem die Kirche, der Leib Christi, geboren wurde“.27 Darum folgt im Bekenntnis auf den Artikel über den Heiligen Geist unmittelbar die Kirche. Papst Tawadros II. schreibt: „Der Heilige Geist ist derjenige, der die Aussage ‚Die Kirche, der Leib Christi‘ durch sein Wirken in den göttlichen Mysterien erfüllt.“28 Der heilige Irenäus von Lyon fasst in seinem Werk gegen die Häresien, die Irrlehren seiner Zeit, zusammen:

Aus den Vätern

Wo die Kirche, da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes, dort ist die Kirche und alle Gnade; der Geist aber ist Wahrheit.29

– Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 24,1

Der Geist schenkt der Kirche die Gaben, die sie zum Aufbau braucht, und unterstützt durch das Sakrament des Priestertums die Berufenen, „damit durch sie die himmlischen Sakramente vollzogen werden“.30

Begriff
Epiklese

In allen ihren Sakramenten ruft die Kirche den Heiligen Geist an.31 Dieses Gebet heißt Epiklese, „Herabrufung“.

In der Göttlichen Liturgie ruft der Priester den Heiligen Geist auf Brot und Wein herab; der heilige Johannes Chrysostomus staunt: „… hier steht der Priester da und zieht nicht Feuer, sondern den Heiligen Geist herab.“32 Thema 29 („Karwoche, Auferstehungsfest und die Heiligen Fünfzig Tage“) behandelt das Pfingstfest und das Kniebeugungsgebet, das die Kirche am Pfingsttag nach der Liturgie betet.

Geist und Sakramente: Wiedergeburt und Einwohnung

Die Wiedergeburt in der Taufe

Der Herr sagt: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3:5b). Paulus nennt die Taufe „das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist“ (Tit 3:5b). Diese neue Geburt heißt Wiedergeburt: In der Taufe „erfährt der Gläubige das Wirken des Heiligen Geistes im Wasser der Taufe, empfängt die Wiedergeburt und nimmt die Natur des neuen Menschen nach dem Bild seines Schöpfers an“.33 Wer sagt, in der Taufe wirke der Heilige Geist noch nicht, irrt also. Der Katechismus führt ein Wort des heiligen Cyprian an: „Ohne den Heiligen Geist kann es keine Taufe geben“.34

Die Einwohnung des Geistes durch die Myronsalbung

Unmittelbar nach der Taufe empfängt der Neugetaufte die Myronsalbung; sie „ist ein eigenes Sakrament“.35 Die Apostel legten den Getauften die Hände auf: „Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist“ (Apg 8:17). Als die Zahl der Getauften wuchs, kam die Salbung mit dem Myron hinzu, einem geweihten Salböl, das der Papst mit den Bischöfen bereitet.36 Der Priester salbt den Neugetauften an sechsunddreißig Stellen mit dem Kreuzzeichen, vom Kopf bis zu den Füßen. Danach legt er ihm die Hände auf, haucht ihm ins Gesicht und spricht: „Empfange den Heiligen Geist. Sei ein reines Gefäß durch Jesus Christus, unseren Herrn!“37

Heilige Schrift

Gott aber, der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat.

2. Kor 1:21⁠–⁠22

Schon Athanasius sagt: „Der Geist wird Salbung genannt und ist Siegel.“38

Merksatz

In der Taufe empfangen wir die Wiedergeburt und die Vergebung der Sünden; in der Myronsalbung empfangen wir den Heiligen Geist, damit er in uns Wohnung nimmt.39

Weil beide in einer Feier gespendet werden, sprechen manche Väter von der Taufe im weiten Sinn, der die Myronsalbung einschließt; es bleiben aber zwei Sakramente mit eigenem Ritus und eigenen Gebeten.40 Wie beide gefeiert werden, zeigt Thema 26 („Die Sakramente; Taufe und Myronsalbung“).

Das Leben im Geist

„Löscht den Geist nicht aus!“ (1. Thess 5:19). Sünde betrübt den Geist und hemmt sein Wirken; nicht jede Sünde bedeutet seinen Rückzug. Der Weg zurück ist Umkehr und Beichte. Davon unterscheidet der Katechismus die Leugnung Gottes, bei der sich der Geist zurückzieht.41 Darum bittet die Kirche jeden Tag zur dritten Stunde, der Stunde seiner Herabkunft am Pfingsttag (Apg 2:15): „Deinen Heiligen Geist, Herr, … nimm nicht von uns, du Gerechter, sondern erneuere ihn in unserem Inneren.“42 Seine schönste Frucht beschreibt Paulus:

Heilige Schrift

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht.

Gal 5:22⁠–⁠23

Daneben schenkt der Geist Gaben (Charismen) wie Weisheit, Erkenntnis, Heilung oder prophetische Rede (1. Kor 12:4⁠–⁠11), „wem Er will und wann Er will“.43 Papst Schenouda III. betont: „Die Frucht des Geistes ist wichtiger für die Erlösung als die Gaben des Geistes“.44 Über Geistesgaben und Zungenrede (das Reden in Sprachen, die andere nicht verstehen) im Gespräch mit den Freikirchen spricht Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“), Vortrag 2; Freikirchen sind evangelische Gemeinden, die unabhängig von den großen evangelischen Kirchen bestehen.

Die Herabkunft des Heiligen Geistes (Apg 2:1⁠–⁠4)

Für den Dienst

  • „Ist der Heilige Geist eine Taube?“ Bei der Taufe Jesu kam der Geist „in Gestalt einer Taube“ (Lk 3:22), am Pfingsttag erschienen „Zungen wie von Feuer“ (Apg 2:3a). Das waren sichtbare Zeichen; der Heilige Geist selbst ist Gott wie der Vater und der Sohn. Sprich von ihm mit „er“, und sag nicht, er sei „ein Teil Gottes“ oder „nur eine Kraft“.
  • Die Myronsalbung erklären. Viele Kinder wissen nicht, dass sie den Heiligen Geist empfangen haben. Erzähle, was nach ihrer Taufe geschah: Salbung mit dem heiligen Myron, Handauflegung, Anhauchen, „Empfange den Heiligen Geist“. Daraus folgt, „dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist“ (1. Kor 6:19a) – mit älteren Kindern bedenkst du, was das für Worte, Blicke und den eigenen Leib heißt.
  • Pfingsten als Geburtstag der Kirche. Erzähle Apg 2: Derselbe Geist wirkt heute in der Taufe und in jeder Liturgie.
  • Fragen freikirchlicher Freunde. Wirst du gefragt, ob du „den Geist empfangen“ hast, antworte ruhig: in der Myronsalbung; er wohnt in uns. Ob jemand aus dem Geist lebt, zeigt sich zuerst an der Liebe. Lege anderen nicht die Hände auf, damit sie den Geist empfangen; das Herabrufen des Geistes ist Sache der Geistlichen. Füreinander beten dürfen und sollen alle.
  • Dein eigener Dienst. Bitte vor jeder Stunde um den Heiligen Geist; der Vater wird ihn „denen geben, die ihn bitten“ (Lk 11:13b). Auch wenn dir die Worte fehlen: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an“ (Röm 8:26a). Basilius erinnert: „Findet er einen gläubigen Zöllner, so macht er ihn zum Evangelisten; stößt er auf einen Fischer, so macht er ihn zum Gottesgelehrten“.45 Nicht deine Begabung trägt den Dienst, sondern der Geist, der in dir wohnt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Heilige Geist ist Gott, eine der drei Hypostasen, wesensgleich mit dem Vater und dem Sohn und mit ihnen angebetet; das Konzil von Konstantinopel (381) bekannte es gegen die Lehre, er sei ein Geschöpf. Wer ihn belügt, belügt Gott (Apg 5:3⁠–⁠4).
  • Athanasius: Weil der Geist uns mit Gott verbindet und der göttlichen Natur teilhaftig macht, ist er selbst Gott (Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 24). Wir haben Anteil am Leben Gottes aus Gnade, niemals an seinem Wesen.
  • Der Geist ist eine Hypostase, keine bloße Kraft: Er lehrt, führt, beruft und teilt seine Gaben zu, wie er will.
  • Der Vater ist die ungezeugte Quelle; der Geist geht ewig aus dem Vater hervor und wird vom Sohn gesandt (Joh 15:26; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 204).
  • Den westlichen Zusatz „und vom Sohn“ (Filioque) lehnt die Kirche ab: Der Herr sagt „der vom Vater ausgeht“, und der Vater ist die eine Quelle; nach Papst Tawadros II. verwechselt der Zusatz Hervorgang und Sendung.
  • „Wo die Kirche, da ist auch der Geist Gottes“ (Irenäus). Die Kirche wurde am Pfingsttag geboren; in allen Sakramenten ruft sie den Geist an.
  • In der Taufe empfangen wir die Wiedergeburt und die Vergebung der Sünden; in der Myronsalbung empfangen wir den Heiligen Geist, damit er in uns Wohnung nimmt.

Zum Weiterlesen

  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 201⁠–⁠206, Fr. 409⁠–⁠448 und Fr. 713⁠–⁠718.
  • Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 123⁠–⁠131 und 139.
  • Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 1 und 19⁠–⁠31.
  • Die sieben Sakramente (Kröffelbach 2017), Kap. 2 „Das Sakrament der heiligen Myronsalbung“, S. 33⁠–⁠36.

Anmerkungen

  1. Die göttlichen Liturgien, S. 178.↑

  2. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 123⁠–⁠124; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 202.↑

  3. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 124⁠–⁠128.↑

  4. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 130 mit Anmerkung 31.↑

  5. Die göttlichen Liturgien, S. 45 (Agpeya, dritte Stunde).↑

  6. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 202.↑

  7. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 1.↑

  8. Ebd., Brief 1, Kap. 24.↑

  9. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 24.↑

  10. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 327, Anmerkung 666; Thema 22 („Schöpfung, Fall und Erlösung“).↑

  11. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 124.↑

  12. Damals wie Heute, S. 71.↑

  13. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 202.↑

  14. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 445.↑

  15. Basilius, Ausgewählte Predigten, Predigt XVI (Über den Glauben), Kap. 3. „Kompositum“: Zusammensetzung.↑

  16. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 203⁠–⁠204.↑

  17. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 204.↑

  18. Kyrill von Alexandrien, Erklärung des nizänischen Glaubensbekenntnisses, Kap. 30. „Wesenseins mit ihnen“: wesensgleich mit dem Vater und dem Sohn; „aus Gott und dem Vater“ meint: aus Gott, dem Vater.↑

  19. Gregor von Nazianz, Reden, Rede 20,11.↑

  20. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 125. „Prozession“ bedeutet hier „Hervorgang“.↑

  21. Vgl. Euchologion, S. 1216.↑

  22. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 191.↑

  23. Gregor von Nazianz, Reden, Rede 20,7.↑

  24. Die göttlichen Liturgien, S. 178.↑

  25. Übereinstimmende Erklärung, Kloster Anba Bischoi, Juni 1989, abgedruckt in: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 14.↑

  26. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 418.↑

  27. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 428.↑

  28. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 139. Mysterien sind die Sakramente.↑

  29. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 24,1.↑

  30. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 673.↑

  31. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 126.↑

  32. Johannes Chrysostomus, Über das Priestertum, Buch III, Kap. 4; mehr in Thema 28 („Die Eucharistie und die Göttliche Liturgie“).↑

  33. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 713.↑

  34. Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 716.↑

  35. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 703.↑

  36. Vgl. Die sieben Sakramente, S. 37⁠–⁠38; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 714.↑

  37. Die sieben Sakramente, S. 38⁠–⁠40.↑

  38. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 23.↑

  39. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 715.↑

  40. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 715; Die sieben Sakramente, S. 33.↑

  41. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 433 und 441.↑

  42. Die göttlichen Liturgien, S. 45 (Agpeya, dritte Stunde).↑

  43. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 6.3.↑

  44. Ebd., Kap. 6.1.↑

  45. Basilius, Ausgewählte Predigten, Predigt XVI (Über den Glauben), Kap. 3.↑

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