Thema 25 · Vortrag 2
Die Gemeinschaft der Heiligen
Fürsprache, Verehrung, Reliquien, Ikonen und das Buch der Heiligen
18 Min. LesezeitDie Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen
Lernziele
- Anbetung und Verehrung unterscheiden und die Fürsprache der Heiligen begründen.
- Die Verehrung der Ikonen mit der Menschwerdung begründen.
Schlüsselbegriffe
Gemeinschaft der Heiligen · Fürsprache · Fürbitte · Mittler · Anbetung · Verehrung · Reliquien (Gebeine) · Ikone · geweihte Ikone · Synaxarium · Schutzengel
Bibelstellen
Lk 20:38; Lk 9:30–31; Hebr 12:1; 1. Tim 2:5–6; 1. Joh 2:2a; Jak 5:16; 2. Thess 3:1; 1. Tim 2:1; Gen 20:7; Ijob 42:8; Ex 32:11; Ex 32:14; Lk 15:10; Lk 16:25; Offb 5:8; Offb 8:3–4; Tob 12:12; Mt 18:10; Hebr 1:14; Joh 12:26; 2. Kön 13:21; Apg 19:11–12; Kol 1:15; Joh 1:14; Joh 14:9; Ex 20:4–5; Joh 8:12; Mt 5:14–16; Hebr 13:7
Inhalt
„Warum beten wir zu den Heiligen? Kann ich nicht direkt mit Gott sprechen?“ Kinder und Jugendliche stellen diese Frage, und oft stellt sie auch ein Freund aus einer anderen Kirche. Die Antwort liegt in dem, was die Kirche die Gemeinschaft der Heiligen nennt: Die Heiligen leben bei Gott, Christus allein ist der Mittler, und die Heiligen beten für uns. Von da aus verstehst du, worin sich Anbetung und Verehrung unterscheiden und warum wir Reliquien ehren, Ikonen küssen, Kerzen anzünden und das Synaxarium lesen.
Eine Kirche im Himmel und auf Erden
Im ersten Vortrag hast du gehört: Die Kirche ist eine, auf Erden die kämpfende, im Himmel die triumphierende Kirche. Papst Tawadros II. sagt: „Die Kirche ist nicht nur eine Gemeinschaft, die Kirche ist die Gemeinschaft der Heiligen mit Christus.“1 Und: „Jeder, der Mitglied der Kirche wird, gehört zu der Gemeinschaft der Heiligen.“2 Papst Schenouda III. erklärt: „Es ist eine Kirche: ein Teil befindet sich auf Erden, … und der andere Teil im Himmel … Beide beten füreinander.“3
Die Gemeinschaft der Heiligen ist die Verbundenheit aller Glieder des einen Leibes Christi: der Gläubigen auf Erden mit der Gottesgebärerin (Theotokos), den Engeln und den Heiligen, die schon bei Gott sind. Sie lieben einander, beten füreinander und loben gemeinsam Gott. Ihr Mittelpunkt ist Christus.
Die Heiligen leben bei Gott
Das erste Missverständnis lautet: „Die Heiligen sind tot; wie sollen sie uns hören?“ Der Herr antwortet: Gott nennt sich am Dornbusch den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.
Ein Zeichen dafür ist die Verklärung: „Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte“ (Lk 9:30–31). Mose war lange vor Christus gestorben; trotzdem lebt er, spricht mit dem Herrn und weiß, was in Jerusalem geschehen wird. Papst Schenouda III. folgert: „… leben die Heiligen immer noch. Warum sollen wir sie als tot betrachten und sie nicht um ihre Gebete bitten?“4
Dasselbe bekennt die Kirche in ihrem Gebet für die Entschlafenen: Den Dienern Gottes wird „kein Tod, sondern Heimgang zuteil“.5 Darum sagt der Hebräerbrief nach der langen Reihe der Glaubenszeugen in Kapitel 11, dass „uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt“ (Hebr 12:1a). Wo die Gerechten bis zur Auferstehung weilen, lernst du in Thema 31 („Die letzten Dinge“).
Christus allein ist Mittler
Das zweite Missverständnis lautet: „Wer die Heiligen anruft, stellt sie neben Christus.“ Die Kirche bekennt mit der Schrift:
Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit.
Christus ist „die Sühne für unsere Sünden“ (1. Joh 2:2a). Papst Schenouda III. zeigt, worin der Unterschied liegt: Christus vermittelt, weil er selbst das Sühneopfer ist, das Opfer, das unsere Sünden tilgt.
Unser Herr vermittelt für uns als der Erlöser, der sich selbst für unsere Sünden geopfert hat. Diese Art von Vermittlung ist gänzlich unbestritten und ist allein Christus zugehörig, dagegen haben die Fürbitten der Heiligen absolut keine Beziehung zum Sühneopfer und zur Erlösung. Es ist eine Fürbitte zum Herrn selbst um unsertwillen.6
Ebenso klar sagt Abuna Tadros Y. Malaty: „In unserer orthodoxen Kirche kennen wir keinen anderen Mittler zwischen Gott und seinem Volk als Jesus Christus, den einzigen Hohenpriester im Himmel, durch dessen Opferblut wir Versöhnung und Vergebung der Sünden erlangen.“7 Die Heiligen erlösen niemanden. Sie tun, was jedes Glied des Leibes tut: Sie beten.
Fürsprache oder Fürbitte heißt das Gebet für andere: Die Gottesgebärerin und die Heiligen beten bei Gott für uns, wir beten füreinander und für die Welt. Beides ist Bitte, nicht Erlösung. Mittler zwischen Gott und den Menschen ist allein Christus (1. Tim 2:5).
Fürsprache ist Gebet füreinander
Jakobus schreibt: „… bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheiligt werdet. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten“ (Jak 5:16). Paulus bittet die Gemeinden: „betet für uns“ (2. Thess 3:1a). Und unmittelbar vor dem Satz vom einen Mittler fordert er „zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen“ (1. Tim 2:1b). Der eine Mittler schließt das Gebet füreinander also nicht aus, sondern trägt es.
Gott selbst will, dass Menschen füreinander eintreten. Zu Abimelech sagt er über Abraham: „… er ist ein Prophet. Er wird für dich eintreten, dass du am Leben bleibst“ (Gen 20:7a). Den Freunden Ijobs befiehlt er: „Mein Knecht Ijob aber soll für euch Fürbitte einlegen; nur auf ihn nehme ich Rücksicht“ (Ijob 42:8b). Abraham bittet für Sodom (Gen 18), und als Mose für das Volk eintrat, „ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte“ (Ex 32:14).
Papst Schenouda III. zieht daraus den Schluss: „Wenn sogar die Heiligen uns bitten für sie zu beten, sollen wir dann nicht um ihren Beistand bitten?“8 Diese Frage stellte schon der heilige Hieronymus. Gegen einen Priester namens Vigilantius, der lehrte, nach dem Tod könne niemand mehr für andere beten, schrieb er:
Wenn die Apostel und Märtyrer für andere beten konnten, als sie noch von ihrem Leibe umgeben waren, also zu einer Zeit, in welcher sie noch für sich zu sorgen hatten, um wie viel mehr vermögen sie es, nachdem sie Krone, Sieg und Triumph davongetragen haben. Ein einzelner Mann, Moses, verlangte von Gott Verzeihung für 600 000 Bewaffnete. Stephanus, der erste Märtyrer für Christus, bat in Nachahmung seines Herrn um Verzeihung für seine Verfolger. Sollen sie weniger Einfluss besitzen, seitdem sie angefangen haben, bei Christus zu sein?9
Schon der heilige Ignatius von Antiochien hatte auf dem Weg zu seinem Martyrium der Gemeinde von Tralles geschrieben: „Meine Seele opfert sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin.“10
So betet die Kirche auch selbst. In der Psalmodie singt sie das Gedächtnis der Heiligen. Zu ihnen ruft sie: „Bittet beim Herrn für uns, …, damit er uns unsere Sünden vergebe!“ Zur Gottesgebärerin singt sie: „Sei unsere Fürsprecherin, unser aller Herrin, Muttergottes Maria, Mutter unseres Erlösers, damit er uns unsere Sünden vergebe!“11 Die Heiligen vergeben keine Sünden; sie beten mit uns und für uns, und der Herr vergibt.
Auf den Einwand, wer die Heiligen um ihre Fürbitte anrufe, bete zu ihnen, antwortet Papst Schenouda III.: „Das stimmt nicht, wir beten die Heiligen nicht an, sondern wir bitten die Heiligen um deren Fürsprache beim Herrn.“12 Über die Gottesgebärerin sagt er: „Wir beten nicht zur Jungfrau Maria, sondern wir wenden uns an sie, wenn wir beten und bitten sie, für uns einzutreten.“13 „Beten“ meint hier die Anbetung, die allein Gott gebührt. Maria sprechen wir im Gebet an, wir ehren sie und bitten um ihre Fürsprache, etwa in der Einleitung des Glaubensbekenntnisses: „Wir rühmen dich, du Mutter des wahren Lichts“.14 Die heilige Maria ist Fürsprecherin, nicht Mittlerin; mehr dazu in Thema 19 („Die Gottesgebärerin“).
Die Fürsprache ist ein Ausdruck der Liebe im einen Leib: „Die Kirche ist der Körper, Christus das Haupt; ob wir nun im Himmel oder auf Erden sind, wir sind alle Glieder des Einen Körpers. … In unsern Gebeten bitten wir für die Verstorbenen, und diese legen durch deren Gebet Fürbitte für uns ein; es ist eine untrennbare Beziehung.“15
Wissen die Heiligen und die Engel, was auf Erden geschieht?
Die Schrift zeigt an vielen Stellen, dass der Himmel nicht taub ist für die Erde:
- Freude im Himmel: „Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt“ (Lk 15:10).
- Abraham weiß um das Leben auf der Erde: Im Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus sagt Abraham: „Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes“ (Lk 16:25a). Er kennt auch Mose und die Propheten, die nach ihm lebten (Lk 16:29).
- Die Gebete steigen empor: Die vierundzwanzig Ältesten tragen „goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen“ (Offb 5:8b), und aus der Hand des Engels „stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor“ (Offb 8:4).
- Ein Engel bringt das Gebet: Der Erzengel Rafael sagt zu Tobit: „Als ihr zu Gott flehtet, du und deine Schwiegertochter Sara, da habe ich euer Gebet vor den heiligen Gott gebracht“ (Tob 12:12a).
- Die Engel der Kinder: „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters“ (Mt 18:10). Die Lehre vom Schutzengel „beruht auf der Heiligen Schrift“, sagt der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty.16 Die Engel sind „dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen“ (Hebr 1:14).
Wie das im Einzelnen geschieht, sagt die Schrift nicht. Die Heiligen wissen es nicht aus eigener Kraft; Gott gibt es ihnen zu erkennen.17
Der heilige Basilius der Große hat in einer Predigt auf die vierzig Märtyrer, die nach einer eisigen Nacht verbrannt wurden, die Gemeinde zum Vertrauen auf ihr Gebet ermutigt:
O ihr Genossen unserer Sorgen, ihr Helfer bei unseren Gebeten, mächtigste Boten, ihr Sterne der Welt und Blumen der Kirche! Euch hat nicht die Erde bedeckt, sondern der Himmel aufgenommen; euch sind die Pforten des Paradieses geöffnet worden.18
Anbetung und Verehrung
Das dritte Missverständnis lautet: „Ihr betet Menschen und Bilder an.“ Die Kirche unterscheidet seit ihren Anfängen genau. Als der heilige Polykarp, Bischof von Smyrna, als Märtyrer gestorben war, schrieb seine Gemeinde:
… ihn beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Märtyrern aber erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer. Möchten doch auch wir ihre Genossen und Mitschüler werden!19
Anbetung gebührt Gott allein. Verehrung ist die Ehre, die wir den Heiligen und heiligen Dingen um Gottes willen erweisen.
Der heilige Hieronymus sagt: „Wir verehren die Reliquien der Märtyrer, um den anzubeten, dem die Märtyrer zu eigen gehören. Wir erweisen den Dienern Verehrung, damit sie von ihnen zurückstrahle auf den Herrn“.20
Die Ehre der Heiligen hat Gott selbst begründet: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren“ (Joh 12:26c). Papst Schenouda III. fragt: „Wenn der Vater Seine Heiligen ehrt, sollen wir sie dann nicht verehren?“21
| Anbetung | Verehrung | |
|---|---|---|
| Wem? | Gott allein: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist | den Heiligen, den Engeln, heiligen Orten und Dingen |
| Warum? | weil er Gott ist, der Schöpfer und Erlöser | um Gottes willen, der seine Heiligen ehrt (Joh 12:26) |
| Wie? | Gebet, Opfer, Lobpreis, Hingabe des ganzen Lebens | Feste, Kirchen und Namen nach den Heiligen, Ikonen und Reliquien küssen, Kerzen und Weihrauch, Bitte um Fürsprache |
Manche Gesprächspartner, auch muslimische Freunde, wenden ein: Schon wer einen Heiligen anruft, erweise ihm Gottesdienst; anrufen dürfe man allein Gott. Die Kirche antwortet: Wir beten die Heiligen nicht an und erwarten nicht, dass sie aus eigener Macht Sünden vergeben oder retten; Anbetung, Opfer und Erlösung gehören Gott allein. Wir bitten die Heiligen um ihr Gebet bei Gott, so wie wir auch Brüder und Schwestern auf der Erde bitten: „betet füreinander“ (Jak 5:16a). Denn die Heiligen leben bei Gott; er ist „kein Gott von Toten, sondern von Lebenden“ (Lk 20:38a).
Die Kirche feiert Feste der Heiligen, benennt Kirchen nach ihnen und gibt Kindern ihre Namen, „damit sie aufwachsen und die Heiligen lieben“.22 Sie nimmt die Heiligen „als unsere Väter und Fürsprecher“.23
Die Reliquien der Heiligen
Reliquien sind die leiblichen Überreste der Heiligen, ihre Gebeine.
Das Martyrium des hl. Polykarp ist ein frühes Zeugnis: „Auf diese Weise haben wir hinterher seine Gebeine bekommen, die wertvoller sind als kostbare Steine und schätzbarer als Gold, und haben sie an geeigneter Stätte beigesetzt. Dort werden wir uns mit der Gnade Gottes nach Möglichkeit in Jubel und Freude versammeln und den Geburtstag seines Martyriums feiern“.24
Die Schrift zeigt, dass Gott durch die Leiber seiner Heiligen wirkt. Als man einen Toten in das Grab des Propheten Elischa warf, geschah dies: „Sobald aber der Tote die Gebeine Elischas berührte, wurde er wieder lebendig und richtete sich auf“ (2. Kön 13:21b). Von Paulus heißt es: „Sogar seine Schweiß- und Taschentücher nahm man ihm vom Körper weg und legte sie den Kranken auf; da wichen die Krankheiten und die bösen Geister fuhren aus“ (Apg 19:12). Wichtig ist der Satz davor: „Auch ungewöhnliche Wunder tat Gott durch die Hand des Paulus“ (Apg 19:11). Der Katechismus erklärt: Die Gebeine wirken nicht „aufgrund ihrer stofflichen Beschaffenheit als Knochen“, sondern „weil Gott durch seine Heiligen auch nach deren Tod wirkt“.25 Reliquien sind also kein Zauber; der Wirkende ist Gott.
Darum sagt der Katechismus, „heute verehren die Christen in Christus Jesus die Reliquien der Heiligen, küssen sie und bringen Gott Lob dar“.26 Der Altar ist innen hohl, damit darin oder unter ihm Reliquien aufbewahrt werden können; in der Öffnung an seiner Ostseite wurden früher die heiligen Reliquien verwahrt. Heute liegen sie neben den Ikonen der Heiligen im Kirchenraum, wo die Gläubigen sie verehren.27
Der heilige Markus kehrt heim. Das Synaxarium berichtet am 17. Bauna: Im Jahr 1968 kehrten die Reliquien „des großen Heiligen, des Gottesschauers, des Evangelisten Markus, des Apostels und Verkünders des ägyptischen Landes, nach Kairo zurück“. Der heilige Papst Kyrillus VI. hatte eine Delegation nach Rom gesandt, um sie zu empfangen; er trug die Reliquientruhe in einer großen Prozession in die Markuskathedrale und stellte sie auf den Hauptaltar.28
Ikonen: Gott ist sichtbar geworden
Bei Gottes Rede am Horeb sah Israel keine Gestalt (Dtn 4:15). Darum heißt es: „Du sollst dir kein Gottesbild machen“ (Ex 20:4a), und der nächste Vers sagt, worum es geht: „Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen“ (Ex 20:5a). Doch derselbe Gott ließ für die Bundeslade Kerubim, also Engelsgestalten, anfertigen und in der Wüste die Kupferschlange aufrichten (Ex 25:18; Num 21:8–9); das Verbot richtete sich gegen den Götzendienst, nicht gegen jedes Bild. Das hast du in Thema 7 („Ritus und Gotteshaus“) gelernt. Der tiefste Grund der Ikone aber liegt im Neuen Bund: Der unsichtbare Gott ist in Christus sichtbar geworden.
Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.
„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1:14a). Christus sagt zu Philippus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14:9b). Weil sich Gott in der Menschwerdung sichtbar offenbart hat, können die Ereignisse seines Lebens auf Erden in Ikonen dargestellt werden, so wie sie in Worten aufgeschrieben sind.29 Vom Vater aber gilt: „Niemand hat Gott je gesehen“ (Joh 1:18a); darum stellt die koptische Ikone den Vater nicht als Menschen dar.
Auch die Heiligen werden auf Ikonen dargestellt. Sie bezeugen nach dem Katechismus, „dass die Heiligen noch immer leben und durch ihre beständigen Gebete für die Kirche wirken“.30 Papst Schenouda III. sagt: „Eine Ikone kann einen größeren Eindruck in der Seele hinterlassen, als das Lesen oder Hören einer Predigt.“ Sie ermutigt uns, das Wort des Apostels zu befolgen: „schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13:7b).31 Und er fasst zusammen: „Wenn wir die Bilder verehren, so verehren wir eigentlich die Dargestellten.“32
Eine Ikone ist ein heiliges Bild Christi, der Gottesgebärerin, der Engel oder der Heiligen. Die Kirche weiht ihre Ikonen mit dem heiligen Myron.33 Die Ehre, die wir der Ikone erweisen, wenn wir sie küssen oder vor ihr Weihrauch darbringen, gilt dem Dargestellten; sie ist Verehrung, keine Anbetung.34
Die Ikone ist Gott übergeben und geheiligt. Sie hat keine göttlichen Eigenschaften und wirkt nicht aus sich selbst: Gott wirkt, die dargestellten Heiligen beten für uns.
Lichter vor den Ikonen
„Alle apostolischen Kirchen auf der Welt verwenden beim Gottesdienst sowohl bei Tag als auch bei Nacht Lichter, besonders während der Lesung des Evangeliums. Das ist der Geist der Überlieferung, der verkündet: ‚Christus ist das Licht der Welt.‘“35 Schon der heilige Hieronymus schrieb, man zünde in den Kirchen des Orients Lichter an, wenn das Evangelium gelesen wird, auch wenn die Sonne bereits scheint, „nicht, um die Finsternis zu vertreiben, sondern um der Freude Ausdruck zu verleihen“.36
Die Kerze vor einer Ikone hat eine eigene Botschaft. Christus sagt zu den Seinen: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5:14a). Papst Schenouda III. schreibt: „Die Kerzen, die wir vor den Ikonen der Heiligen entzünden, erinnern uns daran, dass sie zu ihrer Zeit selber Leuchten waren, sie waren wie Kerzen, schmelzend damit ihr Licht für die Menschen scheine.“37 Die Kerze lässt die Menschen „spüren, dass der Heilige noch lebt und nicht gestorben ist“.38 Die brennende Kerze sagt: Ich danke Gott für diesen Heiligen und bitte den Heiligen, für mich zu beten.
Das Synaxarium – das Buch der Heiligen
Die Kirche sammelt die Heiligenleben im Synaxarium, dem „Buch der Heiligen“. Es ist nach den Tagen der koptischen Monate von Tut bis Nesi geordnet und berichtet von Märtyrern, Vätern, Päpsten, Mönchen und Festen, deren die Kirche am jeweiligen Tag gedenkt. Die meisten Einträge schließen mit der Bitte: „Der Segen seiner Gebete sei mit uns. Amen.“ In der Göttlichen Liturgie wird nach der Lesung aus der Apostelgeschichte (Praxis) aus dem Synaxarium gelesen, das ganze Jahr hindurch außer in der Karwoche und in der Zeit vom Auferstehungsfest bis zur Himmelfahrt.39 Papst Schenouda III. zitiert dazu ein Wort des heiligen Isaak des Syrers: „Köstlich sind die Leben der Heiligen, wie Wasser für neue Pflanzen.“40
Heiligenleben zeigen, dass man nach dem Evangelium leben kann. Was die Heiligen taten, wirkte der Geist Gottes in ihnen; darum sollen wir „auf das Ende ihres Lebens“ schauen und ihren Glauben nachahmen (Hebr 13:7).
Der heilige Polykarp (29. Amschir). Am 29. Amschir gedenkt die Kirche des heiligen Polykarp, Bischof von Smyrna, eines Schülers des Evangelisten Johannes.41 Als der Prokonsul, der römische Statthalter, von ihm verlangte, Christus zu verfluchen, antwortete der alte Bischof: „Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir nie ein Leid getan; wie könnte ich meinen König und Erlöser lästern?“42 Ein Kind lernt daraus: Christus ist treu, und wer ihm ein Leben lang dient, wird nicht enttäuscht. Am Ende kannst du mit den Kindern beten: „Der Segen seiner Gebete sei mit uns. Amen.“
Wer Heiligenleben erzählt, hält sich an das Synaxarium und erfindet nichts hinzu. Wo eine Erzählung Überlieferung ist, sagst du das: „Nach der Überlieferung …“. Grausame Einzelheiten lässt du bei Kindern weg; die Mitte ist immer Christus, der dem Heiligen Kraft gab.
Für den Dienst
- Die Kinderfrage beantworten. „Warum beten wir zu den Heiligen?“ Du kannst sagen: „Wir beten zu Gott. Die Heiligen sind seine Freunde, die schon bei ihm sind. So wie du deine Mama oder deinen Freund bittest: ‚Bete für mich‘, so bitten wir die Heiligen, mit uns und für uns zu beten. Gott hört uns immer direkt – und er freut sich, wenn seine Kinder füreinander beten.“ Bei Älteren kannst du 1. Tim 2:1–6 lesen und den Unterschied zwischen dem einen Mittler und der Fürbitte erklären.
- Füreinander beten lernen. Lass die Kinder für kranke Mitschüler, für ihre Familien und für die Kirche beten. Abuna Tadros Y. Malaty erzählt, wie er in einer schweren Zeit die Diener bat, mit den Kindern für die Gemeinde zu beten, und schreibt: „Die Gebete der Kinder sind ein großer Reichtum für die Kirche.“43 Wer früh füreinander betet, versteht später leichter, warum wir die Heiligen um ihr Gebet bitten.
- Ikonen in der Klasse. Zeige die Ikone des Tagesheiligen oder des Patrons eurer Kirche, also des Heiligen, nach dem sie benannt ist. Erkläre, wen sie zeigt und warum wir sie küssen. Ikonen werden mit Ehrfurcht behandelt, nicht als Dekoration.
- Heiligenleben erzählen. Lies vor der Stunde das Synaxarium des Tages oder des nächsten Festes. Wähle einen Zug aus dem Leben des Heiligen, der zum Alter passt, und schließe mit einer Frage: Was können wir von ihm lernen?
- Namenspatrone und Engel. Erzähle den Kindern von ihrem Namenspatron, dem Heiligen, dessen Namen sie tragen. Kindern, die sich fürchten, erzählst du vom Schutzengel (Mt 18:10) – als Geschenk Gottes, nicht als Ersatz für das Gebet zu Gott.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Gemeinschaft der Heiligen ist die eine Kirche auf Erden und im Himmel; ihre Glieder lieben einander und beten füreinander.
- Die Heiligen leben bei Gott: „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden“ (Lk 20:38); bei der Verklärung reden Mose und Elija mit Christus.
- Christus allein ist Mittler (1. Tim 2:5); die Fürsprache der Heiligen hat „absolut keine Beziehung zum Sühneopfer und zur Erlösung“, sie ist Gebet für uns (Papst Schenouda III.).
- Gott will, dass Menschen füreinander eintreten (Gen 20:7; Ijob 42:8). Hieronymus erklärt: Wenn die Heiligen schon auf Erden für andere beten konnten, können sie es bei Christus umso mehr.
- Engel und Heilige wissen, was auf Erden geschieht (Lk 15:10; Offb 5:8; Mt 18:10).
- Anbetung gebührt Gott allein, den Heiligen Verehrung: „… ihn beten wir an … Den Märtyrern aber erweisen wir … gebührende Liebe“ (Martyrium des Polykarp 17).
- Die Kirche bewahrt Reliquien in ihren Gotteshäusern auf und ehrt sie, weil Gott durch seine Heiligen auch nach ihrem Tod wirkt (2. Kön 13:21).
- Ikonen gründen in der Menschwerdung: Christus ist „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1:15). Die Ehre, die wir den Ikonen erweisen, gilt dem Dargestellten. Lichter verkünden Christus, das Licht der Welt.
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3 „Fürbitte“ und Kap. 7.5–7.6 „Lichter und Kerzen“, „Bilder und Ikonen“.
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 614–626.
- Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 3 „Lesen der Lebensgeschichten der Heiligen“.
- Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 1–22 (BKV 1. Reihe 14).
- Hl. Hieronymus, Gegen Vigilantius, Kap. 1–17.
Anmerkungen
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 22.↑
Ebd., S. 35.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.12.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.7.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 79 (Gebet für die Entschlafenen).↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.1.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Die heilige Jungfrau Maria, Abschnitt 5.1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.2.↑
Hieronymus, Gegen Vigilantius, Kap. 6.↑
Ignatius von Antiochien, An die Trallianer, Kap. 13,3.↑
Die koptische Psalmodia, S. 37–39; vgl. Die Gemeinschaft der Heiligen, S. 17 und 23.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.10.↑
Ebd., Kap. 5.5.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 92.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.11.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1118.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.4.↑
Basilius, Ausgewählte Predigten, Predigt XX (Auf die vierzig Märtyrer), Kap. 8. Im selben Kapitel: „Mit den Gebeten der Märtyrer sollen unsere Gebete sich vereinigen“ (ebd.).↑
Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 17.↑
Hieronymus, An den Presbyter Riparius (Brief 109), Kap. 1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.6, Nr. 8.↑
Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 3.↑
Ebd.↑
Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 18. Der „Geburtstag seines Martyriums“ ist sein Todestag, an dem er für den Himmel geboren wurde.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 622.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 132.↑
Euchologion, S. 1195 (Glossar, „Altar“); vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 603–604.↑
Synaxarium, 17. Bauna, Die Rückkehr der Reliquien des heiligen Markus in die neue Markuskathedrale, S. 515–516. „Gottesschauer“ ist ein Ehrentitel des heiligen Markus.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 615.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 622.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.6, Nr. 12.↑
Ebd., Kap. 7.6, Nr. 13.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 617; Euchologion, Einführung, S. XIII (Teil 14 „Die Weihen“).↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.6, Nr. 13.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑
Hieronymus, Gegen Vigilantius, Kap. 7.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 7.5, Nr. 14.↑
Papst Schenouda III., Jüngerschaft, Abschnitt „Von christlichen Riten und Ritualen lernen“ (S. 48).↑
Vgl. Die göttlichen Liturgien, S. VI.↑
Nach Papst Schenouda III., Die Geistlichen Mittel, Kap. 3.↑
Vgl. Synaxarium, 29. Amschir, Das Martyrium des heiligen Polykarp, Bischof von Smyrna, S. 315–316.↑
Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 9.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Die Covid-19-Pandemie aus christlicher Sichtweise, S. 22.↑