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Thema 33 · Vortrag 1

Die Zeit der Märtyrer

Zeugen Christi bis zum Blut – und im Alltag

16 Min. LesezeitMärtyrer und Mönche

Lernziele

  1. Märtyrer und Bekenner unterscheiden und die Zählung nach dem Jahr der Märtyrer erklären.
  2. Mit dem heiligen Ignatius und dem Martyrium des Polykarp die Theologie des Martyriums erklären.
  3. Eine Märtyrergeschichte kindgerecht und ohne Folterszenen erzählen.

Schlüsselbegriffe

Märtyrer · Martyrium · Bekenner · Verfolgung · Jahr der Märtyrer · Nayrouz · Synaxarium · Thebäische Legion · tägliches Martyrium

Bibelstellen

Apg 1:8; Mt 10:32; Mt 25:36; Mt 10:23; Gal 2:20; Lk 9:23; 1. Kor 15:31; Röm 12:1; Hebr 13:7; Offb 2:10

Inhalt

Die koptische Kirche ist, wie der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt, „für ihre zahlreichen Märtyrer bekannt“.1 Sie zählt ihre Jahre nach den Märtyrern, und das Synaxarium, das Buch der Heiligengedenktage, erzählt Tag für Tag von ihnen. Als Diener erzählst du Kindern von diesen Heiligen. Dazu musst du wissen, wer sie waren, warum man sie verfolgte und wie sie selbst ihr Leiden verstanden haben. Und du musst so erzählen, dass die Kinder Mut und Liebe zu Christus lernen, keine Angst.

Woran du anknüpfst

Aus Buch 1, Kapitel 1 („Wer die Kopten sind“) kennst du das Jahr der Märtyrer und das Nayrouz-Fest; in Thema 8 („Das Kirchenjahr“) hast du den koptischen Kalender kennengelernt. Hier geht es um die Menschen hinter diesem Kalender.

Wer ist ein Märtyrer, wer ein Bekenner?

Zeugen Christi

Bevor der Herr in den Himmel aufgenommen wurde, sagte er zu den Aposteln: „ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1:8b). Die alten Berichte nennen die Märtyrer „Blutzeugen“: Sie bezeugten Christus nicht nur mit Worten, sondern mit ihrem Leben.2 Ihnen gilt die Verheißung: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen“ (Mt 10:32).

Begriff
Märtyrer

Ein Märtyrer (eine Märtyrerin) ist ein Christ, der um seines Glaubens an Christus willen getötet wurde, weil er ihn nicht verleugnen wollte. Das Martyrium ist dieses Zeugnis bis zum Tod.

Märtyrer ohne Blutvergießen

Nicht jeder, der für Christus gelitten hat, wurde getötet. Viele wurden verhört, gefoltert, ins Gefängnis geworfen oder in Bergwerke verbannt und überlebten. Die Kirche nennt sie Bekenner. Poemen heißt im Synaxarium „der Bekenner, der Märtyrer ohne Blutvergießen“. Als Kaiser Konstantin alle freiließ, die wegen ihres Glaubens im Gefängnis saßen, erschien nach dem Synaxarium der Herr dem Poemen und trug ihm auf, den Gefangenen zu sagen, dass er „sie zur Schar der Märtyrer gezählt und sie Bekenner genannt habe“.3

Begriff
Bekenner

Ein Bekenner (eine Bekennerin) hat sich in der Verfolgung offen zu Christus bekannt und dafür gelitten – durch Verhör, Folter, Gefängnis oder Verbannung –, ist aber nicht getötet worden: ein „Märtyrer ohne Blutvergießen“.

Tabelle 90 · Märtyrer und Bekenner
Märtyrer Bekenner
Bekenntnis zu Christus ja, bis zuletzt ja, bis zuletzt
Leiden um des Glaubens willen ja ja (Haft, Folter, Verbannung)
Tod um des Glaubens willen ja nein
Beispiel Polykarp, Mina, Damiana Poemen; Anba Samuel der Bekenner

Auch später gab es Bekenner. Anba Samuel der Bekenner, Vorsteher eines Klosters, wurde geschlagen und verlor ein Auge, weil er sich weigerte, ein Schreiben mit den Beschlüssen des Konzils von Chalcedon zu unterzeichnen, die unsere Kirche nicht angenommen hat (Thema 36, „Ephesus und Chalcedon“); danach leitete er noch lange seine Mönche.4 Die Christen besuchten und versorgten die Bekenner im Gefängnis, wie der Herr es lehrt: „ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25:36b). So tat es auch der heilige Antonius: In der Verfolgung ging er nach Alexandrien, „diente … den Bekennern in den Bergwerken und Gefängnissen“ und stärkte die Angeklagten vor Gericht.5

Die Verfolgungen von Nero bis Diokletian

Warum die Christen verfolgt wurden

Das Römische Reich duldete viele Religionen, verlangte aber, den Göttern des Staates zu opfern und beim „Glück des Kaisers“ zu schwören. Das konnten die Christen nicht, denn sie beten den einen wahren Gott an. Darum galten sie als gottlos und als Feinde der staatlichen Ordnung; die Menge in Smyrna rief: „Weg mit den Gottlosen“, und der Prokonsul, der römische Statthalter, verlangte von Polykarp: „Schwöre beim Glücke des Kaisers!“6 Das Urteil über den heiligen Cyprian von Karthago lautete, er habe sich „zum Feinde der römischen Götter und der heiligen Gesetze gemacht“.7 Dabei waren die Christen keine Aufrührer: Cyprian bezeugte, dass sie „Tag und Nacht für uns und für alle Menschen, auch für das Wohl der Kaiser“ beten.8 Die Märtyrer wollten gute Bürger sein – aber nicht um den Preis, Christus zu verleugnen.

Vier Abschnitte der Verfolgung

Die Verfolgungen dauerten nicht ununterbrochen. Man kann vier Abschnitte unterscheiden:

  1. Einzelne Verfolgungswellen. Unter Kaiser Nero wurde in Rom der Apostel Paulus enthauptet und der Apostel Petrus gekreuzigt.9 Später starben der heilige Ignatius von Antiochien unter Kaiser Trajan und der heilige Polykarp von Smyrna. Die Verfolgung brach hier und dort aus, oft auf Anzeige oder Druck der Menge.
  2. Gezieltere Verfolgung. Unter Kaiser Septimius Severus starben an vielen Orten Märtyrer, besonders zahlreich in Alexandrien; in Karthago in Nordafrika starben die heilige Perpetua und ihre Gefährten.10
  3. Verfolgung im ganzen Reich. Kaiser Decius ließ ein Edikt, einen öffentlichen Erlass, gegen die Christen anschlagen, auch in Alexandrien wurden viele gemartert. Unter Valerian ergingen eigene Befehle gegen Bischöfe und Priester; Versammlungen der Christen und der Besuch ihrer Friedhöfe wurden verboten.11 In dieser Zeit floh Paulus, später der erste Einsiedler genannt, in die Wüste.12
  4. Die große Verfolgung unter Diokletian. Im neunzehnten Jahr seiner Regierung befahl Kaiser Diokletian, „die Kirchen bis auf den Grund niederzureißen und die Schriften zu verbrennen“; wer eine Ehrenstelle innehatte, verlor seine Rechte, und bald sollten alle Vorsteher der Kirche gefangen und zum Opfern gezwungen werden.13 Diese Verfolgung traf Ägypten besonders hart. In ihr starb auch Papst Petrus I., der 17. Patriarch von Alexandrien, den die Kirche „Siegel der Märtyrer“ nennt.14

Kaiser Konstantin der Große gab den Christen die Freiheit und ließ die Gefangenen frei.15

Hinweis

Wie viele Märtyrer? Wie viele Märtyrer die Kirche Ägyptens hat, weiß Gott allein; eine genaue Zahl kennt niemand. Gewiss ist, dass in Ägypten sehr viele Männer, Frauen und Kinder für Christus starben.16

Das Jahr der Märtyrer

Die koptische Kirche „hat festgelegt, dass der Märtyrerkalender im Jahr des Regierungsbeginns von Kaiser Diokletian, im Jahr 284 n. Chr., beginnt“.17 Seither zählt sie nach dem Jahr der Märtyrer (lateinisch: Anno Martyrum). Das Synaxarium nennt oft beide Jahreszahlen, etwa bei den neunundvierzig Märtyrern der Sketis, der Mönchswüste im Wadi El-Natrun: „im Jahr 160 der Märtyrer (444 n. Chr.)“.18

284 ist das Jahr, in dem Diokletian Kaiser wurde, nicht das Jahr, in dem seine große Verfolgung begann; die begann erst im neunzehnten Jahr seiner Regierung. Die Kirche zählt also nicht zu Ehren des Kaisers, sondern zu Ehren derer, die unter ihm treu geblieben sind.

Am 1. Tut feiert die Kirche das Nayrouz, das koptische Neujahr. An diesem Tag werden nach dem Synaxarium „Feiern abgehalten zur Ehre der Märtyrer des Christentums, zur Verewigung ihres Gedenkens und zum Segen durch ihr Leben“.19 So beginnt jedes Kirchenjahr mit den Märtyrern.

Das Martyrium nach dem Evangelium

Treue bis zuletzt

Ein frühes und ausführliches Zeugnis über einen Märtyrer ist der Brief der Kirche von Smyrna über ihren Bischof Polykarp, einen Schüler des Apostels Johannes.20 Als der Prokonsul den alten Bischof drängte, Christus zu lästern, antwortete er:

Aus den Vätern

Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir nie ein Leid getan; wie könnte ich meinen König und Erlöser lästern?21

– Kirche von Smyrna, Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 9

Polykarp spricht aus seiner lebenslangen Verbundenheit mit Christus. Wer Christus ein Leben lang als gut erfahren hat, kann ihn nicht verraten. Ruhig erklärte er: „Ich bin ein Christ.“22

Das Martyrium nicht selbst suchen

Derselbe Bericht erzählt von einem Mann namens Quintus. Er hatte sich freiwillig dem Gericht gestellt und andere dazu überredet; als er die wilden Tiere sah, bekam er Angst und opferte den Göttern. Die Kirche von Smyrna zieht daraus die Lehre: „Darum, Brüder, loben wir nicht die, welche sich selbst darbieten“ – so lehre das Evangelium nicht.23 Der Herr hat ja gesagt: „Wenn man euch in der einen Stadt verfolgt, so flieht in eine andere“ (Mt 10:23a).

Polykarp selbst ließ sich von den Brüdern zur Flucht auf ein Landgut überreden und betete dort für alle Menschen. Als man ihn fand, floh er nicht mehr, sondern sagte: „Der Wille Gottes geschehe!“24 Auch Cyprian bezeugte, dass nach der Lehre der Christen niemand sich selbst melden soll.25 Das Martyrium ist kein Ziel, das man sich selbst setzt, und kein Beweis eigener Stärke. Es ist eine Gnade: Gott schenkt die Kraft dazu, wenn er einen Menschen ruft. Darum lobt die Kirche nicht die Tollkühnheit, sondern die Treue.

Die Theologie des Martyriums

„Brotkorn Gottes bin ich“

Der heilige Ignatius, Bischof von Antiochien, wurde gefesselt nach Rom gebracht, um dort den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Die Christen in Rom bat er, seine Hinrichtung nicht zu verhindern:

Aus den Vätern

Lasst mich eine Speise der wilden Tiere werden; durch sie ist es mir möglich, zu Gott zu kommen. Brotkorn Gottes bin ich, und durch die Zähne der Tiere werde ich gemahlen, damit ich als reines Brot Christi erfunden werde.26

– Hl. Ignatius von Antiochien, An die Römer, Kap. 4,1

Ignatius denkt an die Eucharistie: Wie das Weizenkorn gemahlen wird, damit daraus Brot wird, so will er ganz Christus gehören. Sein Tod ist für ihn keine Niederlage, sondern die Vollendung seiner Jüngerschaft: „Dann werde ich wahrhaft Jesu Christi Jünger sein, wenn die Welt auch meinen Leib nicht mehr sieht.“27 Den Tag seines Todes nennt er einen Geburtstag: „Mir steht die Geburt bevor.“28 Darum feiert die Kirche den Todestag eines Märtyrers als sein Fest. Schon die Christen von Smyrna versammelten sich, um „den Geburtstag seines Martyriums“ zu feiern – zum Andenken an die, die den Kampf bestanden haben, und zur Vorbereitung für die, die ihm noch entgegengehen.29

Christus leidet im Märtyrer

Die Akten der heiligen Perpetua und Felizitas berichten von jungen Katechumenen in Karthago, die sich auf die Taufe vorbereiteten. Perpetua war etwa zweiundzwanzig Jahre alt und Mutter eines Säuglings; mit ihr wurde die Sklavin Felizitas gefangen genommen.30 Felizitas brachte im Gefängnis ein Kind zur Welt. Als ein Wächter spottete, wenn sie schon jetzt so jammere, was werde sie erst bei den wilden Tieren tun, antwortete sie:

„Jetzt leide ich selbst, was ich leide; dort aber wird ein anderer in mir sein, der für mich leidet, weil auch ich für ihn leiden werde.“31

Felizitas verlässt sich nicht auf ihre eigene Kraft, sondern auf Christus in ihr – wie Paulus sagt: „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2:20a). Das ist das Geheimnis der Märtyrer: Sie waren nicht stärker als andere, aber sie ließen Christus in sich wirken. Erlöst hat uns dabei allein Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung. Die Märtyrer fügen dieser Erlösung nichts hinzu; sie bezeugen, dass sie wahr ist und dass Christus stärker ist als der Tod.

„Ich bin ein Christ“

Der heilige Cyprian, Bischof von Karthago, antwortete im Verhör auf die Frage nach seinem Namen: „Ich bin ein Christ und Bischof. Ich kenne keine andern Götter als den einen und wahren Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat.“32 Auf das Todesurteil sagte er nur: „Gott sei Dank!“33 Das Bekenntnis der Märtyrer ist kurz und klar; es braucht ein Herz, das weiß, wem es gehört.

Ein Same ist das Blut der Christen

Die Verfolger wollten das Christentum vernichten und erreichten das Gegenteil. Tertullian schrieb den römischen Statthaltern: „Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.“34 Das Synaxarium betont zum Nayrouz: Der Glaube verbreitete sich in seiner Frühzeit mehr durch das Blutzeugnis und Vorbild der Märtyrer als durch Predigt und Lehre.35 Wer sah, wie Christen betend und ohne Hass starben, fragte nach dem Gott, der ihnen diese Kraft gab.

Christus anbeten, die Märtyrer lieben

Nach Polykarps Tod behaupteten seine Gegner, die Christen würden ihn anbeten statt Christus. Die Kirche von Smyrna antwortet:

„… ihn beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Märtyrern aber erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer.“36

Das ist bis heute die Haltung der Kirche: Anbetung gebührt allein Gott; die Märtyrer ehren wir in Verehrung und Liebe und bitten sie um ihre Fürsprache (vertieft in Thema 25, „Die Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen“). In der Psalmodie singt die Kirche im Gedenken der Heiligen: „Bittet beim Herrn für uns, Philopater Markurius, Aba Mina und Aba Viktor, damit er uns unsere Sünden vergebe!“37 Die Märtyrer beten für uns; die Sünden vergibt der Herr.

Märtyrer Ägyptens und Europas

Beispiel

Der heilige Mina. Nach dem Synaxarium hatte Minas Mutter lange um ein Kind gebetet; vor einer Ikone der Jungfrau Maria hörte sie die Antwort „Amen“ und nannte den Sohn darum Mina. Die Eltern erzogen ihn im Glauben und gingen oft mit ihm zur Kirche. Mina wurde Soldat und war bei allen beliebt. Als Diokletian und Maximian die Anbetung der Götzen befahlen, verteilte er sein Vermögen an die Armen und lebte einige Jahre betend und fastend in der Wüste. Vor dem Statthalter bekannte er sich offen zu Christus. Als dieser ihn mit Versprechungen umstimmen wollte, antwortete er sanft: „Meine einzige Bitte an meinen Gott ist, mein Leben vor dem Verderben zu bewahren und mir die unvergängliche Krone zu schenken.“38

Beispiel

Die heilige Damiana. Damiana, die Tochter eines Statthalters, lebte mit vierzig Jungfrauen in Gebet, Fasten und Schriftlesung. Als ihr Vater auf Befehl Diokletians den Götzen geopfert hatte, sagte sie ihm: „Ich hätte lieber die Nachricht von deinem Heimgang ins Paradies gehört, als zu hören, dass du deinen Glauben verlassen hast.“ Ihr Vater bereute, bekannte sich zu Christus und starb als Märtyrer; Damiana und ihre Gefährtinnen folgten ihm. Das Synaxarium nennt sie „die Fürstin der ägyptischen Märtyrerinnen“.39

Die Thebäische Legion

Mit den ägyptischen Märtyrern ist auch Europa verbunden. Nach dem Synaxarium wurde zur Zeit der Kaiser Diokletian und Maximian die Thebäische Legion, christliche Soldaten aus Theben in Oberägypten, in das Gebiet der heutigen Schweiz verlegt. Ihr Anführer war der heilige Mauritius. Als die Soldaten den Göttern opfern sollten, weigerten sie sich; Mauritius „ermutigte die Soldaten, an ihrem Glauben festzuhalten und zugleich ihre militärische Loyalität gegenüber dem Kaiser zu bekunden“. Bei Agaunum, dem heutigen Saint-Maurice im Kanton Wallis, wurden sie getötet.40 Zu dieser Überlieferung gehören Felix und Regula in Zürich, Ursus und Viktor in Solothurn und die heilige Verena. Verena starb nicht als Märtyrerin; sie lebte in Gebet und Askese, dem Verzicht aus Liebe zu Gott, pflegte in Zurzach Kranke und Arme und lehrte junge Mädchen Reinheit und Sauberkeit.41 Papst Schenouda III. empfing Reliquien, also Teile der Gebeine, des heiligen Mauritius und der heiligen Verena.42 Koptische Christen in Europa leben also dort, wo schon ägyptische Christen für Christus gestorben sind.

Die Thebäische Legion: von Theben in die Schweiz

Das tägliche Martyrium

Auch wer nicht wegen seines Glaubens mit dem Tod bedroht ist, kann im Alltag Zeugnis für Christus ablegen. Über Antonius nach der Verfolgung schreibt Athanasius:

Aus den Vätern

… hier legte er täglich Zeugnis ab in seinem Gewissen und kämpfte in den Kämpfen des Glaubens …43

– Hl. Athanasius der Apostolische, Leben des heiligen Antonius, Kap. 47

Antonius hatte sich nach dem Martyrium gesehnt, aber Gott bewahrte ihn, damit er vielen ein Lehrer werde; so wurde sein Leben selbst ein Zeugnis. Der heilige Cyprian tröstete Christen, die gern Märtyrer geworden wären, aber vorher an einer Seuche starben: Das Martyrium stehe „nicht in deiner Macht, sondern bei Gottes Gnade“. „… nicht um unser Blut ist es Gott zu tun, sondern um unseren Glauben.“44

Das tägliche Martyrium ist die Treue zu Christus in den vielen Entscheidungen jedes Tages. Der Herr sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9:23). Paulus schreibt: „Täglich sehe ich dem Tod ins Auge“ (1. Kor 15:31a), und: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt“ (Röm 12:1a). Für dich kann das heißen:

  • zu deinem Glauben stehen, wenn er in Schule, Studium oder Freundeskreis belächelt wird – ruhig, freundlich und ohne Streit zu suchen;
  • der Sünde widerstehen, auch wenn es niemand sieht;
  • ehrlich bleiben, wenn eine Lüge bequemer wäre;
  • Unrecht ohne Hass ertragen und für die beten, die dich verletzen;
  • die Zeit für Gebet, Liturgie und Dienst verteidigen.

Die Mönchsväter Ägyptens haben dieses tägliche Martyrium zu ihrer Lebensform gemacht; davon erzählt der zweite Vortrag.

Märtyrer der Gegenwart

Die Zeit der Märtyrer ist nicht vorbei. Die Heilige Synode, die Versammlung der Bischöfe unserer Kirche, hat unter dem Vorsitz von Papst Tawadros II. den 8. Amschir zum Gedenktag „für alle Märtyrer der koptischen Kirche in ihrer modernen Zeit“ bestimmt; an ihrer Spitze stehen die koptischen Märtyrer, die im Jahr 2015 in Libyen getötet wurden. Das Synaxarium erinnert dabei an das Wort: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13:7).45 Von der Kirche unserer Zeit handelt Thema 41 („Die koptische Kirche in der Neuzeit und heute“).

Für den Dienst

Märtyrergeschichten kindgerecht erzählen. Papst Schenouda III. warnt: „In diesem Alter sind die Geschichten, die von den Leiden und Qualen der Märtyrer erzählen, völlig unpassend.“ Kinder sollen „die Nachfolge Gottes und das Streben, Christ zu sein, nicht mit Angst in Verbindung“ bringen. „Aber wir können ihm vom Mut der Märtyrer erzählen und davon, wie sie den Drohungen der Machthaber furchtlos begegneten.“46 Erst ältere Jugendliche können verstehen, wie viel die Märtyrer aus Liebe zum Herrn ertragen haben.47 So kannst du vorgehen:

  1. Den Heiligen vorstellen: Wer war er oder sie, was liebte er? (Mina: das Kind, um das seine Mutter gebetet hatte.)
  2. Die Entscheidung zeigen: Was verlangte man, und wie antwortete er? Ein kurzer Satz des Heiligen prägt sich ein: „Ich bin ein Christ.“
  3. Gottes Hilfe erzählen: Wie hat Gott ihn gestärkt, wie hat er andere ermutigt?
  4. Vom ewigen Leben erzählen: „Er hat den Kranz des Lebens empfangen“ (vgl. Offb 2:10b) – kein Wort über Folter, Blut oder Tötungsarten.
  5. Die Brücke schlagen: Wo können die Kinder heute mutig zu Jesus stehen?

Wundererzählungen des Synaxariums kennzeichnest du als Überlieferung („Die Kirche erzählt …“). Zeige Kindern und Jugendlichen keine Bilder oder Videos von Gewalt, auch nicht von den Märtyrern unserer Zeit.

Das Nayrouz in der Sonntagsschule. Das Nayrouz am 1. Tut (11. oder 12. September) fällt meist in die ersten Wochen des Sonntagsschuljahres. Lege mit deiner Klasse – oder zu Hause mit deiner Familie – einen Märtyrerkalender an: Jeden Monat lernen die Kinder einen Märtyrer kennen, dessen Fest in diesen Monat fällt.

Für dich selbst. Wo liegt dein tägliches Martyrium? Die Kinder lernen den Mut der Märtyrer am meisten, wenn sie sehen, dass du selbst zu Christus stehst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Märtyrer wurde wegen seines Glaubens an Christus getötet; ein Bekenner hat für Christus gelitten (Haft, Folter, Verbannung), wurde aber nicht getötet – ein „Märtyrer ohne Blutvergießen“.
  • Die Christen wurden verfolgt, weil sie den Göttern nicht opferten und nicht beim Glück des Kaisers schworen; man hielt sie für Feinde des Staates, obwohl sie für die Kaiser beteten.
  • Vier Abschnitte: einzelne Wellen (Nero bis ins 2. Jahrhundert), gezieltere Verfolgung (Septimius Severus), Verfolgung im ganzen Reich (Decius, Valerian), große Verfolgung unter Diokletian.
  • Die Kirche zählt nach dem Jahr der Märtyrer ab 284 n. Chr., dem Regierungsantritt Diokletians; am 1. Tut feiert sie das Nayrouz.
  • Das Martyrium sucht man nicht selbst (Martyrium des Polykarp 4); man bleibt treu, wenn Gott ruft: „Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm …“ (Kap. 9).
  • Für Ignatius vollendet das Martyrium die Jüngerschaft: „Brotkorn Gottes bin ich …“ (An die Römer 4,1); in den Märtyrern wirkt Christus.
  • Christus allein wird angebetet; die Märtyrer werden verehrt und um Fürsprache gebeten.
  • Das tägliche Martyrium ist die Treue zu Christus im Alltag; Kindern erzählen wir Märtyrergeschichten ohne Folterszenen.

Zum Weiterlesen

  • Martyrium des hl. Polykarp (wenige Seiten), in: Frühchristliche Apologeten Bd. II, BKV 1. Reihe 14, München 1913.
  • Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer, in: Die Apostolischen Väter, BKV 1. Reihe 35, München 1918.
  • Akten der hl. Perpetua und Felizitas, in: Frühchristliche Apologeten Bd. II, BKV 1. Reihe 14.
  • Synaxarium: 1. Tut (Nayrouz), 25. Tut (Mauritius), 15. Hatur (Mina), 13. Tubeh (Damiana), 8. Amschir (Märtyrer der Neuzeit).
  • Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Wie man die Geschichten von Märtyrern erzählt“ (S. 55⁠–⁠57).

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 873.↑

  2. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 16 und 19.↑

  3. Synaxarium, 9. Kiyahk, Die Entschlafung des heiligen Poemen, des Bekenners, S. 175⁠–⁠176.↑

  4. Vgl. Synaxarium, 8. Kiyahk, Die Entschlafung des heiligen Anba Samuel des Bekenners, S. 174⁠–⁠175.↑

  5. Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 46.↑

  6. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 3 und 9; vgl. Tertullian (vor seinem Übertritt zum Montanismus, einer Sonderbewegung, die sich auf angebliche neue Offenbarungen des Heiligen Geistes berief), Apologetikum, Kap. 24 und 28. Tertullian ist kein Heiliger der Kirche; er wird hier nur als Zeuge seiner Zeit angeführt.↑

  7. Die prokonsularischen Akten des hl. Cyprian, Kap. 4.↑

  8. Die prokonsularischen Akten des hl. Cyprian, Kap. 1.↑

  9. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch II, Kap. 25.↑

  10. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VI, Kap. 1; Synaxarium, 27. Amschir, Das Martyrium der heiligen Perpetua und ihrer Gefährten, S. 313.↑

  11. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VI, Kap. 39⁠–⁠42; Buch VII, Kap. 10; Die prokonsularischen Akten des hl. Cyprian, Kap. 1.↑

  12. Vgl. Hieronymus, Leben des hl. Paulus, des ersten Einsiedlers, Kap. 2 und 5.↑

  13. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VIII, Kap. 2.↑

  14. Vgl. Synaxarium, 29. Hatur, Das Martyrium des Papstes Petrus, „Siegel der Märtyrer“, des 17. Patriarchen des Markusstuhles, S. 152.↑

  15. Vgl. Synaxarium, 23. Bauna, Die Entschlafung des heiligen Abanub, des Bekenners, S. 524; 28. Amschir, S. 314.↑

  16. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch VIII, Kap. 8⁠–⁠9.↑

  17. Synaxarium, 1. Tut, Das Nayrouz-Fest – Beginn des neuen koptischen Jahres, S. 3.↑

  18. Synaxarium, 26. Tubeh, Das Martyrium der neunundvierzig Märtyrer, der Altväter der Wüste von Schihit, S. 262.↑

  19. Synaxarium, 1. Tut, S. 3.↑

  20. Vgl. Synaxarium, 29. Amschir, Das Martyrium des heiligen Polykarp, Bischof von Smyrna, S. 315.↑

  21. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 9.↑

  22. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 10.↑

  23. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 4.↑

  24. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 5 und 7.↑

  25. Vgl. Die prokonsularischen Akten des hl. Cyprian, Kap. 1.↑

  26. Ignatius von Antiochien, An die Römer, Kap. 4,1.↑

  27. Ignatius von Antiochien, An die Römer, Kap. 4,2.↑

  28. Ignatius von Antiochien, An die Römer, Kap. 6,1.↑

  29. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 18.↑

  30. Die Akten der hl. Perpetua und Felizitas, Kap. 2.↑

  31. Die Akten der hl. Perpetua und Felizitas, Kap. 15.↑

  32. Die prokonsularischen Akten des hl. Cyprian, Kap. 1.↑

  33. Die prokonsularischen Akten des hl. Cyprian, Kap. 4.↑

  34. Tertullian, Apologetikum, Kap. 50.↑

  35. Vgl. Synaxarium, 1. Tut, S. 3.↑

  36. Martyrium des hl. Polykarp, Kap. 17.↑

  37. Die koptische Psalmodia, S. 40.↑

  38. Synaxarium, 15. Hatur, Das Martyrium des heiligen Mar Mina, des Wundertäters, S. 126⁠–⁠127.↑

  39. Synaxarium, 13. Tubeh, S. 242⁠–⁠243.↑

  40. Synaxarium, 25. Tut, Das Martyrium des heiligen Mauritius, des Anführers der Thebäischen Legion, S. 51⁠–⁠52.↑

  41. Vgl. Synaxarium, 4. Tut, S. 12⁠–⁠13; 14. Tut, S. 31⁠–⁠32; 3. Babeh, S. 60⁠–⁠61.↑

  42. Vgl. Synaxarium, 25. Tut, S. 51⁠–⁠52; 4. Tut, S. 13⁠–⁠14.↑

  43. Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 47.↑

  44. Cyprian, Über die Sterblichkeit, Kap. 17.↑

  45. Synaxarium, 8. Amschir, Gedenken der Märtyrer der Koptischen Kirche in der Neuzeit, S. 286.↑

  46. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Wie man die Geschichten von Märtyrern erzählt“ (S. 55).↑

  47. Vgl. ebd., S. 56⁠–⁠57.↑

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