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Thema 37 · Vortrag 1

Wer ist ein Kirchenvater? – Die Zeugen der ersten Jahrhunderte

Kennzeichen eines Vaters, richtiges Zitieren, umstrittene Autoren und die Zeugen des 2. Jahrhunderts

16 Min. LesezeitDie Kirchenväter

Lernziele

  1. Kriterien eines Kirchenvaters nennen und unterscheiden, welche Texte als Glaubenszeugnis, mit einer Einordnung oder nur als historische Quelle herangezogen werden können.
  2. Ein Väterzitat mit Autor, Werk und Stelle richtig angeben und ein unbelegtes Zitat erkennen.
  3. Erklären, warum Origenes und Tertullian keine Heiligen der Kirche sind und wie sie zitiert werden.
  4. Didache, Ignatius, Polykarp, Justin und Irenäus Zeit, Ort und Hauptwerk zuordnen.

Schlüsselbegriffe

Kirchenvater · Patrologie · Apostolische Väter · Apologet · Überlieferung (Tradition) · Glaubensregel · Sekundärzitat · Gnosis · Doketismus · Montanismus · Rekapitulation

Bibelstellen

1. Kor 4:15; Hebr 13:7; 1. Thess 5:21; 1. Joh 4:2; Röm 5:19; 2. Tim 2:2

Inhalt

„Die Väter sagen …“ – das hörst du in Predigten und liest es in Büchern und im Internet. Wer ist ein Kirchenvater, warum hat sein Wort Gewicht, und wie prüfst du ein Zitat? Die Zeugen der ersten Jahrhunderte haben den Glauben der Apostel weitergegeben. Als Diener gibst du denselben Glauben weiter; deshalb sollst du die Väter kennen und richtig zitieren.

Was ist ein Kirchenvater?

Väter im Glauben

Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern: „Hättet ihr nämlich auch ungezählte Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden“ (1. Kor 4:15). Wer einen anderen zum Glauben führt und ihn darin unterweist, wird zum Vater. So verstand es schon der heilige Irenäus: „Wer nämlich von jemand unterrichtet ist durch das Wort, der wird Sohn des Lehrers und jener sein Vater genannt.“1

In der frühen Kirche war das Lehren zuerst Aufgabe der Bischöfe. Beim Lehren ging es darum, den Glauben zu erklären und ihn gemeinsam mit den Schülern zu leben. Später nannte man auch Laien (Gläubige ohne Weihe), die den Glauben verteidigten, und Mönche, die viele Schüler im geistlichen Leben führten, „Väter“.2

Begriff
Patrologie

Die Patrologie (von griechisch patēr, Vater, und logos, Lehre) ist die Wissenschaft, die sich mit Leben, Werken, Aussprüchen und Lehren der rechtgläubigen Schriftsteller der frühen Kirche befasst.3

Heilige Schrift

Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!

Hebr 13:7

Vier Kennzeichen

Nicht jeder christliche Schriftsteller der alten Zeit ist ein Kirchenvater. Vier Kennzeichen gehören zusammen:4

  1. Rechtgläubigkeit: Er lehrt den Glauben der Kirche ohne Abweichung.
  2. Heiligkeit des Lebens: Lehre und Leben stimmen überein. Darum beginnen alte Handschriften oft mit den Worten „eine Abhandlung unseres Vaters, des heiligen …“.
  3. Anerkennung durch die Kirche: Die Kirche hat sein Zeugnis aufgenommen. Bei uns geschieht das nicht durch eine förmliche Erklärung zum „Kirchenvater“, sondern dadurch, dass die Kirche ihn in der Liturgie, in ihren Hymnen und im Synaxarium als Heiligen nennt. In der Absolution der Dienenden etwa bittet der Priester um die Lossprechung „durch den Mund“ der Heiligen, unter ihnen „des apostelgleichen hl. Athanasius“, „des hl. Johannes Chrysostomos“, „des hl. Kyrillos“, „des hl. Basilios“ und „des hl. Gregorios“.5
  4. Alter: Gemeint sind meist die Lehrer der ersten Jahrhunderte, die den Aposteln nahestanden. Manche ziehen aber keine feste Grenze, weil der Geist Gottes in jedem Zeitalter heilige Lehrer schenkt.
Begriff
Kirchenvater

Ein Lehrer der Kirche, meist aus den ersten Jahrhunderten, der den rechten Glauben gelehrt, heilig gelebt und Schriften hinterlassen hat und dessen Zeugnis die Kirche als ihr eigenes aufgenommen hat.

Kein Vater ist allein unfehlbar

Wie weit müssen wir annehmen, was ein einzelner Vater schreibt? Der koptische Patrologe Abuna Tadros Y. Malaty antwortet:

„Wir glauben nicht an die Unfehlbarkeit der Väter als Einzelne. Die Kirche als Ganzes aber wird in ihrem Glauben stets vom Geist Gottes bewahrt.“6

Das Gewicht der Väter liegt darin, dass sie gemeinsam den Glauben bezeugen, den die Kirche von den Aposteln empfangen hat. Der heilige Athanasius sagt es so:

Aus den Vätern

Trotzdem wollen wir überdies auch noch die alte Überlieferung sowie die Lehre und den Glauben der allgemeinen Kirche ins Auge fassen, den der Herr gegeben, die Apostel verkündet und die Väter bewahrt haben. Denn auf ihn ist die Kirche gegründet; und wer von ihm abirrt, kann kein Christ mehr sein, nicht einmal mehr genannt werden.7

– Hl. Athanasius der Apostolische, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28

Nach dieser Regel arbeitet auch das Buch unserer Diözese über die Kirche vor Nizäa, Damals wie Heute. Es will nach dem Kanon des heiligen Vinzenz von Lérins († 450 n. Chr.) zeigen, was die Kirche „überall, immer und von allen geglaubt hat“, und berücksichtigt nur Aussagen, „die von der damaligen Allgemeinheit angenommen wurden, und nicht solche, die lediglich einzelne Personen vertreten haben“.8

Väter richtig lesen und zitieren

Vier Regeln für das Lesen

Für den Umgang mit den Schriften der Väter nennt Abuna Tadros Y. Malaty vier Regeln:9

  • Stütze dich nicht auf einen einzigen Vater; seine Meinung gilt, wenn sie mit der Schrift und der Überlieferung der Kirche übereinstimmt.
  • Reiße keinen Satz aus dem Zusammenhang; lies ihn im Ganzen seines Werkes und seiner Zeit.
  • Frage, was ein Wort bei diesem Vater bedeutet; manche Väter gebrauchten die Begriffe ihrer Zuhörer.
  • Vergleiche schwierige Begriffe mit dem Sprachgebrauch anderer Väter derselben Zeit.

Drei Arten, einen Text heranzuziehen

Nicht jeder alte Text hat dasselbe Gewicht. Für den Unterricht unterscheiden wir drei Stufen:

Tabelle 99 · Wie Texte der alten Kirche herangezogen werden
Stufe Was das bedeutet Beispiele
uneingeschränkt Glaubenszeugnis eines heiligen Vaters Ignatius, Polykarp, Irenäus, Athanasius, Kyrill, Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus
mit Hinweis verwendbar, aber mit Einordnung: zeitbedingte Teile, unsichere Verfasserschaft, einzelne Lehren ausgenommen Didache, Justin, Hirte des Hermas, Augustinus; Werke, die einem Vater nur „zugeschrieben“ werden
nur historisch Zeuge für Geschichte und Praxis, nie Beleg für eine Lehre Origenes, Tertullian, Eusebius, Theodoret

So gibst du ein Väterzitat an

Ein Väterzitat braucht Autor, Werk und Stelle (Buch, Kapitel, Abschnitt), zum Beispiel „Ignatius von Antiochien, An die Smyrnäer, Kap. 8,1“. Hat ein Werk keine Zählung, nennst du die Seite. Ein Sekundärzitat ist ein Väterwort, das du aus einem anderen Buch übernimmst, ohne es im vollständigen Werk des Vaters selbst nachgelesen zu haben – auch dann, wenn das andere Buch die Stelle angibt. Du kennzeichnest es mit „nach …“, etwa „nach Papst Schenouda III., Werk, Kap. …“. Erst wenn du die Stelle im Werk des Vaters selbst gefunden hast, zitierst du ihn unmittelbar.

Ein Zitat prüfen

Paulus mahnt: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5:21). Das gilt auch für Väterzitate. Bevor du ein Zitat weitergibst, frage: Wer soll es gesagt haben? In welchem Werk, an welcher Stelle? Lässt es sich dort finden? Passt es zur Lehre der Kirche und zur Zeit dieses Vaters? Drei Beispiele zeigen, was dabei herauskommen kann:

  • Ein im Internet verbreiteter Satz lautet sinngemäß: „Was Christus lehrte, die Apostel predigten und die Väter bewahrten …“ und wird Athanasius zugeschrieben. Er ist echt – aber eine Kurzform. Der Wortlaut steht im ersten Brief an Serapion, Kap. 28 (siehe oben).
  • Ein Satz über die Tugend, die nicht fern von uns, sondern in uns sei, wird manchmal Augustinus zugeschrieben. Der Gedanke stammt aus dem Leben des heiligen Antonius, das Athanasius schrieb.10
  • Der Spruch „Bete, als hinge alles von Gott ab …“ wird oft Augustinus zugeschrieben. In seinen Werken ist er nicht nachgewiesen. Ohne Werk und Stelle gibst du ihn nicht als Väterwort weiter.

Umstrittene Autoren

Origenes, „der Gelehrte“

Origenes war ein großer Lehrer der Theologischen Schule von Alexandrien. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty nennt ihn „Fürst der Bibelauslegung“, sagt aber zugleich, er habe die allegorische Auslegung (sinnbildliche Deutung) „häufig so übertrieben“ angewandt, „dass er glaubte, jedes einzelne Wort der Bibel habe eine allegorische Bedeutung“.11 Er ließ sich in Palästina von einem anderen Bischof zum Priester weihen, was Papst Demetrius von Alexandrien verärgerte.12 Papst Demetrius schloss ihn noch zu seinen Lebzeiten, um 232, aus der Kirche von Alexandrien aus. Seine falschen Lehren, etwa dass am Ende alle, sogar der Teufel, gerettet würden, hat die Kirche verurteilt.13 Darum heißt er in der Kirche nie „heilig“, sondern „der Gelehrte Origenes“. Papst Schenouda III. fasst sein Leben in einem ernsten Satz zusammen:

Aus der Lehre unserer Päpste

Origenes war der größte Gelehrte seiner Zeit. Er war ein asketischer Mann. Er hat um Christi willen viel gelitten und verteidigte den Glauben. Schließlich traf dieser schmerzliche Satz auf ihn zu: „O großer Turm, wie bist du gefallen?“14

– Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Sechs, Abschnitt „Sie begannen im Geist und vollendeten im Fleisch“

Origenes darf als historischer Zeuge herangezogen werden, etwa für die Gebetspraxis seiner Zeit, nie aber als Beleg für eine Lehre.

Tertullian und der Montanismus

Tertullian schrieb an der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert in Karthago in Nordafrika glänzende Schriften zur Verteidigung des Glaubens. Im Katechismus heißt er „der Gelehrte Tertullian“.15 Später schloss er sich dem Montanismus an.16 Diese Bewegung ging von Montanus in Phrygien aus; seine Anhänger priesen ihn als den Parakleten („Beistand“, ein Titel des Heiligen Geistes) und seine Begleiterinnen Priscilla und Maximilla als Prophetinnen.17 Tertullian ist deshalb kein Heiliger der Kirche. Zitiert werden nur Schriften aus seiner kirchlichen Zeit, mit dem Hinweis „vor seinem Übertritt zum Montanismus“, und nur als historischer Zeuge neben einem heiligen Vater.

Eusebius und Theodoret

Eusebius von Cäsarea heißt im Synaxarium „Vater der Kirchengeschichte“;18 ohne seine Berichte wüssten wir wenig über die ersten Jahrhunderte. Zugleich stand er Arius nahe, jenem Priester aus Alexandrien, der lehrte, der Sohn Gottes sei ein Geschöpf.19 Theodoret von Cyrus war ein gelehrter Bischof und Geschichtsschreiber in Syrien, schrieb aber gegen die zwölf Anathematismen des heiligen Kyrill, also dessen feierliche Verurteilungen von Irrlehren. Beide sind wertvolle Zeugen für Ereignisse und für Urkunden, die sie aufbewahrt haben, aber keine Lehrer, auf die sich eine Glaubensaussage stützt.

Die Zeugen der ersten Jahrhunderte

Die Apostolischen Väter sind die Schriftsteller, die die Apostel noch kannten oder ihnen ganz nahe standen. In Damals wie Heute heißt es über sie: „… wer könnte uns die Botschaft des Evangeliums besser auslegen als diejenigen, welche die Apostel noch persönlich kannten und gesehen haben?“20

Die Didache

Die Didache („Lehre der zwölf Apostel“) ist eine sehr alte Kirchenordnung, deren Verfasser wir nicht kennen. Sie beginnt mit den „zwei Wegen“: „Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode“.21 Dann regelt sie die Taufe: „Bezüglich der Taufe haltet es so: Wenn ihr all das Vorhergehende gesagt habt, ‚taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘ in fließendem Wasser.“22 Sie kennt das Fasten am Mittwoch und Freitag, das Vaterunser dreimal am Tag und die Eucharistie am Sonntag.23 Die Didache wird mit Hinweis zitiert: Ihre Bestimmungen über Wanderpropheten und die Gemeindeordnung (Kap. 11⁠–⁠15) gehören zu ihrer Zeit.

Der heilige Ignatius von Antiochien

Ignatius war Bischof von Antiochien und trug den Beinamen Theophoros, „Gottesträger“. Nach der Überlieferung war er das Kind, das der Herr in die Mitte der Jünger stellte (Mt 18:2⁠–⁠4), und ein Schüler des Apostels Johannes. Unter Kaiser Trajan wurde er nach Rom gebracht und dort den wilden Tieren vorgeworfen. Auf dem Weg schrieb er sieben Briefe: an die Gemeinden von Ephesus, Magnesia, Tralles, Rom, Philadelphia und Smyrna und an den heiligen Polykarp. Die Kirche gedenkt seiner am 24. Kiyahk.24 In seinen Briefen liegt ihm die Einheit der Gemeinde um den Bischof und die Eucharistie am Herzen:

Aus den Vätern

Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist.25

– Hl. Ignatius von Antiochien, An die Smyrnäer, Kap. 8,1⁠–⁠2

Der heilige Polykarp von Smyrna

Polykarp war Bischof von Smyrna in Kleinasien. Irenäus bezeugt, er sei „von den Aposteln unterrichtet“ und „zum Bischof von Smyrna für Kleinasien eingesetzt worden“, und fügt hinzu: „Auch wir sahen ihn noch in unserer Jugend“.26 Das Synaxarium nennt ihn einen Schüler des Evangelisten Johannes; in hohem Alter starb er als Märtyrer. Die Kirche gedenkt seiner am 29. Amschir.27 Erhalten ist sein Brief an die Gemeinde von Philippi. Darin beschreibt er die Aufgaben der Presbyter (Priester) – ein Spiegel auch für jeden Diener:

Aus den Vätern

Auch die Presbyter (sollen) wohlwollend (sein), barmherzig gegen alle, (sollen) die Verirrten zurückführen, alle Kranken besuchen, voll Sorge sein für die Witwen, die Waisen und die Armen.28

– Hl. Polykarp von Smyrna, Brief an die Philipper, Kap. 6,1

Der Hirte des Hermas – mit Vorsicht

Der Hirte des Hermas, in Rom im 2. Jahrhundert entstanden, war in der alten Kirche beliebt; seine Bilder von der Kirche als Turm und vom Ruf zur Umkehr wirken bis heute. Er gehört aber nicht zur Heiligen Schrift, und Hermas war in der Glaubenslehre ungenau: Er verwechselt Sohn und Heiligen Geist.29 Seine Regel, nach der Taufe gebe es „nur noch eine Buße“,30 war eine Ordnung der Buße, die zu seiner Zeit galt, nicht die Lehre der Kirche über das Sakrament der Buße und Beichte. Darum wird der Hirte nur mit Vorsicht herangezogen und nie für die Lehre von Gott.

Justin der Märtyrer

Justin war Philosoph und suchte lange in den Schulen der Philosophen nach der Wahrheit, bis er sie in Christus fand. Als Apologet, als Verteidiger des Glaubens, schrieb er zwei Apologien (Verteidigungsschriften) an den Kaiser und den Dialog mit dem Juden Trypho.31 In Rom erlitt er das Martyrium.32 Justin wird mit Hinweis zitiert, vor allem als Zeuge für Taufe, Eucharistie, Sonntag und Martyrium.

Der heilige Irenäus von Lyon

Irenäus war in seiner Jugend ein Hörer Polykarps und wurde Nachfolger des Märtyrerbischofs Pothinus in Lyon in Gallien.33 Der Katechismus nennt ihn den „Vater der kirchlichen Überlieferung“.34 Sein Hauptwerk Gegen die Häresien, also gegen die Irrlehren, umfasst fünf Bücher und widerlegt die Gnostiker. Gegen ihre angeblichen Geheimlehren stellt er die offene Überlieferung der Kirche:

Aus den Vätern

Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage.35

– Hl. Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,1

In die Kirche, sagt Irenäus, „haben die Apostel wie in eine reiche Schatzkammer auf das vollständigste alles hineingetragen, was zur Wahrheit gehört“.36 Der gemeinsame Kern dieses Glaubens ist die Glaubensregel: der eine Gott und Vater, der Schöpfer; der eine Christus Jesus, der Sohn Gottes, der für unser Heil Fleisch angenommen hat; der Heilige Geist, der durch die Propheten gesprochen hat.37 Ein Schlüsselwort des Irenäus ist die Rekapitulation: Christus, der neue Adam, fasst die ganze Menschheit in sich zusammen und heilt sie; was durch den Ungehorsam des ersten Adam verdorben wurde, heilt er durch seinen Gehorsam. Irenäus sagt, Christus werde „in sich alles rekapitulieren“, und nimmt das Wort des Paulus auf:38 „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden“ (Röm 5:19).

Die ersten Irrlehren und die Antwort der Väter

Im 2. Jahrhundert breiteten sich Strömungen aus, die das Heil von einer geheimen Erkenntnis (griechisch gnosis) erwarteten; man nennt sie Gnosis, ihre Anhänger Gnostiker. Sie behaupteten, von den Aposteln Überlieferungen empfangen zu haben, die nur sie kannten, mehr zu wissen als die Bischöfe, und rissen Bibelstellen aus dem Zusammenhang.39 Viele von ihnen lehrten auch den Doketismus: Christus habe nur scheinbar einen Leib gehabt.40 Schon die Schrift antwortet darauf: „Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott“ (1. Joh 4:2).

Die Väter nahmen diese Antwort auf. Ignatius schreibt über Christus: „und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten […]“.41 Polykarp warnt: „… jeder, der nicht bekennt, dass Christus im Fleische erschienen ist, ist ein Antichrist“.42 Irenäus setzt der Geheimlehre die öffentliche Überlieferung, die Nachfolge der Bischöfe und die Glaubensregel entgegen. Daran hängt unser Heil. Wäre der Sohn Gottes nicht wirklich Mensch geworden, so hätte er unsere Natur auch nicht geheilt.

Der Gottesdienst der frühen Kirche – Brücke zur heutigen Liturgie

Justin beschreibt dem Kaiser, wie die Christen in der Mitte des 2. Jahrhunderts Gottesdienst feierten:

Aus den Vätern

An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht. Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten. Darauf erheben wir uns alle zusammen und senden Gebete empor.43

– Hl. Justin der Märtyrer, Erste Apologie, Kap. 67

Danach werden nach Justin Brot, Wein und Wasser gebracht. Der Vorsteher spricht die Danksagung, und das Volk antwortet mit „Amen“. Die Diakone teilen die Gaben aus und bringen sie den Abwesenden. Mit ihren Gaben unterstützen die Gläubigen Witwen, Waisen und Kranke. Vorher grüßen sich alle mit dem Kuss. Und nicht jeder darf teilnehmen, sondern nur, „wer unsere Lehren für wahr hält, das Bad zur Nachlassung der Sünden und zur Wiedergeburt empfangen hat und nach den Weisungen Christi lebt“. Denn diese Nahrung nehmen die Christen „nicht als gemeines Brot und als gemeinen Trank“, sondern als „Fleisch und Blut jenes fleischgewordenen Jesus“.44 Die Didache fügt hinzu, dass man vorher seine Sünden bekennt und sich mit dem Bruder versöhnt.45

Wer heute die Göttliche Liturgie mitfeiert, erkennt vieles wieder: die Lesungen aus den Briefen und dem Evangelium, die Predigt, die Gebete der Gemeinde, den Friedenskuss, die Gaben von Brot und Wein, das große Dankgebet, das „Amen“ des Volkes, die heilige Kommunion, die Vorbereitung durch das Bekenntnis der Sünden und die Versöhnung. Unsere Liturgie ist keine spätere Erfindung: In ihrer Grundgestalt feiern wir denselben Gottesdienst wie schon die Märtyrer; ihren Aufbau erklärt Buch 1, Kapitel 8 („Die Göttliche Liturgie – Aufbau und Lesungen“).

Wo die Zeugen der ersten Jahrhunderte wirkten

Für den Dienst

  • Zitiere genau. Wenn du in der Sonntagsschule, in einem anderen Dienst oder zu Hause ein Väterwort bringst, nenne Vater und Werk („Der heilige Ignatius schreibt in seinem Brief an die Smyrnäer …“). So lernen die Kinder, dass die Väter wirkliche Menschen mit wirklichen Büchern sind.
  • Prüfe, bevor du teilst. Ein schönes Bild mit einem „Väterspruch“ ist noch kein Beleg. Frag nach Werk und Stelle; ohne sie gib den Satz nicht als Väterwort weiter, auch nicht in einer Gruppe der Jugendlichen.
  • Erzähle das Leben, nicht nur den Spruch. Ignatius auf dem Weg nach Rom, Polykarp im hohen Alter, Justin, der die Wahrheit sucht – solche Lebensbilder sprechen Kinder und Jugendliche an. Wunder und Einzelheiten aus dem Synaxarium kennzeichnest du als Überlieferung der Kirche.
  • Verbinde mit der Liturgie. Mit Justin kannst du Jugendlichen zeigen, dass sie am Sonntag denselben Gottesdienst feiern wie die ersten Christen.
  • Gib weiter, was du empfangen hast. Paulus schreibt: „Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren“ (2. Tim 2:2). Die Väter stehen in dieser Reihe von Lehrern und Schülern; als Diener gehörst auch du dazu.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Kirchenvater lehrt rechtgläubig, lebt heilig, ist von der Kirche anerkannt und gehört meist zu den ersten Jahrhunderten. Kein Vater ist als Einzelner unfehlbar; maßgeblich ist der gemeinsame Glaube der Kirche.
  • Ein Väterzitat braucht Autor, Werk und Stelle. Aus einem anderen Buch übernommene Väterworte kennzeichnest du mit „nach …“; ungeprüfte Sprüche gibst du nicht als Väterworte weiter.
  • Texte werden uneingeschränkt (heilige Väter), mit Hinweis (z. B. Didache, Justin, Hermas, Augustinus) oder nur historisch (Origenes, Tertullian, Eusebius, Theodoret) herangezogen.
  • Origenes ist „der Gelehrte“, kein Heiliger; die koptische Kirche schloss ihn wegen falscher Lehren aus. Tertullian schloss sich dem Montanismus an; zitiert werden nur seine früheren Schriften, als historischer Zeuge.
  • Die Didache, Ignatius (sieben Briefe), Polykarp (Brief an die Philipper), Justin (Apologien) und Irenäus (Gegen die Häresien) bezeugen den Glauben der Apostel im 2. Jahrhundert.
  • Gegen Gnosis und Doketismus bekennen die Väter die wahre Menschheit Christi und die offene Überlieferung der Kirche; Irenäus lehrt die Rekapitulation in Christus, dem neuen Adam.
  • Justin beschreibt den Sonntagsgottesdienst mit Lesungen, Predigt, Gebeten, Darbringung, Danksagung und Kommunion – die Grundgestalt unserer Liturgie.

Zum Weiterlesen

  • Die sieben Briefe des heiligen Ignatius, besonders An die Smyrnäer 1⁠–⁠8 (BKV 1. Reihe 35).
  • Justin, Erste Apologie, Kap. 61⁠–⁠67 (BKV 1. Reihe 12).
  • Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 1⁠–⁠4 (BKV 1. Reihe 3).
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 65⁠–⁠75 (die Überlieferung bei den Vätern).
  • Damals wie Heute. Die Kirche vor Nizäa, Einleitung und Anmerkungen (S. 6⁠–⁠10).

Anmerkungen

  1. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch IV, Kap. 41,2.↑

  2. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil I, S. 9.↑

  3. Vgl. ebd., S. 8.↑

  4. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil I, S. 10⁠–⁠11.↑

  5. Basilius-Liturgie, Absolution der Dienenden (Die göttlichen Liturgien, S. 140).↑

  6. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil I, S. 11⁠–⁠12.↑

  7. Athanasius, Vier Briefe an Serapion, Brief 1, Kap. 28.↑

  8. Damals wie Heute, S. 10. „Kanon“ bedeutet hier „Regel, Maßstab“.↑

  9. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil I, S. 12.↑

  10. Vgl. Athanasius, Leben des heiligen Antonius, Kap. 20.↑

  11. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  12. Vgl. Synaxarium, 12. Baramuda, Entschlafung des heiligen Alexandros, des Bekenners, Bischof von Jerusalem, S. 391.↑

  13. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil III, S. 9 und 27⁠–⁠28.↑

  14. Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Sechs, Abschnitt „Sie begannen im Geist und vollendeten im Fleisch“. „Asketisch“ heißt: in Fasten, Gebet und Verzicht lebend.↑

  15. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 70.↑

  16. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil II, S. 205.↑

  17. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch V, Kap. 14.↑

  18. Synaxarium, 10. Tut, Martyrium Johannes’ des Ägypters, S. 25.↑

  19. Vgl. Theodoret, Kirchengeschichte, Buch I, Kap. 5.↑

  20. Damals wie Heute, S. 9.↑

  21. Didache, Kap. 1,1.↑

  22. Didache, Kap. 7,1.↑

  23. Vgl. Didache, Kap. 8,1⁠–⁠3; 14,1.↑

  24. Vgl. Synaxarium, 24. Kiyahk, Das Martyrium des heiligen Ignatius, des Theophoros, Bischof von Antiochia, S. 205⁠–⁠206.↑

  25. Ignatius von Antiochien, An die Smyrnäer, Kap. 8,1⁠–⁠2. „Katholisch“ bedeutet hier „allumfassend“: die eine Kirche überall auf der Welt.↑

  26. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,4.↑

  27. Vgl. Synaxarium, 29. Amschir, Das Martyrium des heiligen Polykarp, Bischof von Smyrna, S. 315.↑

  28. Polykarp, Brief an die Philipper, Kap. 6,1.↑

  29. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil I, S. 141.↑

  30. Hirte des Hermas, Gebot IV, Kap. 3,6.↑

  31. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Lectures in Patrology, Teil II, S. 196⁠–⁠197.↑

  32. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch IV, Kap. 16.↑

  33. Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte, Buch V, Kap. 5.↑

  34. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 69.↑

  35. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,1.↑

  36. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 4,1.↑

  37. Vgl. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch I, Kap. 10,1.↑

  38. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 21,9⁠–⁠10.↑

  39. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 69.↑

  40. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 121.↑

  41. Ignatius von Antiochien, An die Smyrnäer, Kap. 2.↑

  42. Polykarp, Brief an die Philipper, Kap. 7,1.↑

  43. Justin der Märtyrer, Erste Apologie, Kap. 67. Mit den „Denkwürdigkeiten der Apostel“ meint Justin die Evangelien (ebd., Kap. 66).↑

  44. Justin der Märtyrer, Erste Apologie, Kap. 65⁠–⁠67. Mit dem „Bad“ ist die Taufe gemeint; „Nachlassung“ heißt Vergebung, „gemein“ hier „gewöhnlich“.↑

  45. Vgl. Didache, Kap. 14,1⁠–⁠2.↑

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