Thema 38 · Vortrag 1
Die Kirche unter islamischer Herrschaft
Ägypten von 641 bis um 1800
17 Min. LesezeitDie Kirche unter islamischer Herrschaft
Lernziele
- Die arabische Eroberung Ägyptens und die Stellung der Christen als Schutzbefohlene (Dschizya) beschreiben.
- Zeiten der Duldung und der Bedrängnis an zwei Beispielen unterscheiden und die Arabisierung mit ihren Folgen für Sprache und Liturgie erklären.
- Das Mokattam-Wunder wiedergeben und als Überlieferung kennzeichnen.
Schlüsselbegriffe
Melkiten · Kalif · Statthalter · Dschizya (Kopfsteuer) · Schutzbefohlene · Archonten · Arabisierung · Synaxarium · Überlieferung · Mokattam-Wunder
Bibelstellen
Mt 17:20; Jak 5:16; Apg 2:11; Hebr 13:7; Mt 5:44; Joh 16:33; Röm 12:18; Röm 12:21; 1. Petr 3:15–16
Inhalt
Mehr als elf Jahrhunderte lang, von der arabischen Eroberung um 641 bis zum Beginn der Neuzeit um 1800, lebte die Kirche Ägyptens unter Kalifen, Sultanen und ihren Statthaltern. Es gab Zeiten der Ruhe, in denen Kopten hohe Ämter innehatten und Kirchen bauten, und Zeiten schwerer Bedrängnis, in denen Kirchen zerstört und Christen um ihres Glaubens willen getötet wurden. Die Kirche hat in dieser Zeit ihren Glauben treu bewahrt, eine neue Sprache gelernt und Heilige hervorgebracht, deren Gedenktage wir bis heute feiern. Als Diener wirst du gefragt werden: „Wurden die Kopten verfolgt?“ und „Sind die Muslime unsere Feinde?“ Wer diese Geschichte kennt, kann ehrlich und ohne Feindbild antworten.
Woran du anknüpfst
Buch 1, Kapitel 1 („Wer die Kopten sind“) hat die arabische Eroberung und das Mokattam-Wunder kurz genannt; in Thema 36 („Ephesus und Chalcedon“) hast du gehört, warum die Kirche Ägyptens das Konzil von Chalcedon (451), eine große Versammlung von Bischöfen, nicht annahm. Wie aber lebte diese Kirche, als nicht mehr der Kaiser in Konstantinopel, sondern ein Kalif über Ägypten herrschte?
Die Lage um 641
Nach Chalcedon setzten die byzantinischen, also oströmischen Kaiser in Alexandrien Patriarchen (Oberhirten der Kirche) ein, die das Konzil annahmen. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty nennt sie Melkiten, vom Kaiser eingesetzte Patriarchen, die auch weltliche Vollmachten erhielten.1 Die Kirche von Alexandrien erlitt, so der Katechismus, „durch ihre Mitchristen bittere Verfolgung“.2
Die Melkiten waren in Ägypten die Anhänger der kaiserlichen Reichskirche, die Chalcedon annahm, und ihrer vom Kaiser eingesetzten Patriarchen. Das Wort ist eine geschichtliche Gruppenbezeichnung, kein Urteil über Christen von heute.
Kurz vor der arabischen Eroberung besetzten die Perser Ägypten zeitweise. Nach dem Synaxarium, dem Buch der Heiligenleben und Gedenktage, zerstörten sie viele Klöster um Alexandrien.3 Danach herrschte wieder der Kaiser.
Papst Benjamin I., der 38. Patriarch, „erlitt viele Bedrängnisse von al-Muqauqas – dem Statthalter und zugleich chalkedonensischen Patriarchen“.4 Dieser al-Muqauqas, auch Kyros genannt, hielt die staatliche und die kirchliche Macht des Kaisers in einer Hand. Benjamin floh in die Sketis (arabisch Schihit, heute Wadi El-Natrun) und nach Oberägypten. Dreizehn Jahre lebte er verborgen in einem Kloster und stärkte das Volk mit Briefen „im Glauben und im Ertragen der Leiden“.5
Die arabische Eroberung
Vom Fall Babylons bis Alexandrien
Im 7. Jahrhundert breitete sich von der Arabischen Halbinsel aus der Islam aus. Ein arabisches Heer unter dem Feldherrn Amr ibn al-As zog nach Ägypten, besiegte die byzantinischen Truppen, belagerte die Festung Babylon beim heutigen Alt-Kairo und nahm sie ein. Danach ergab sich Alexandrien. Mit Verträgen endete die byzantinische Herrschaft; um 641 war ganz Ägypten eine Provinz der arabischen Herrscher. Neben der Festung Babylon entstand El-Fustat, die neue Hauptstadt. Gekämpft haben das byzantinische und das arabische Heer; die Kopten hatten keine eigene Armee, und mit den Arabern verhandelte al-Muqauqas, der Vertreter des Kaisers.6
Der Kalif war der oberste Herrscher des islamischen Reiches, zuerst in Medina, später in Damaskus und Bagdad. Ägypten war über Jahrhunderte eine Provinz dieses Reiches und wurde von einem Statthalter regiert, den der Kalif einsetzte und oft schon bald wieder abberief.
Der Schutzbrief für Papst Benjamin
Das Synaxarium erzählt: Ein arabischer Seemann hatte in Alexandrien das Haupt des heiligen Markus gestohlen und auf seinem Schiff versteckt. Als Amr aufbrechen wollte, lief dieses Schiff als einziges nicht aus; man durchsuchte es und fand das Haupt. Dann fragte Amr nach dem Papst der Kopten. „Amr sandte ihm einen Schutzbrief und bat ihn zu kommen. Papst Benjamin kam und empfing von ihm das heilige Haupt.“7 Auch Papst Schenouda III. erzählt nach den alten koptischen Geschichtsschreibern, Amr habe dem Papst eigenhändig geschrieben, um ihn zu beruhigen, und ihn geehrt.8
Nach dreizehn Jahren konnte Benjamin wieder öffentlich wirken. Er besuchte sein Volk, baute zerstörte Kirchen und Klöster wieder auf und weihte Bischöfe und Priester; viele, die sich der melkitischen Kirche angeschlossen hatten, kehrten zurück.9
Verträge, Dschizya und Schutzbefohlene
Amr schloss mit den Kopten einen Vertrag: Er versprach, sie unbehelligt zu lassen und ihnen die freie Ausübung ihres Glaubens zu gewähren, wenn sie eine Steuer zahlten. Die Verwaltung der Provinzen überließ er koptischen Vorstehern, und die Kopten behielten ihre eigene Rechtsprechung. Nach fast zwei Jahrhunderten der Bedrängnis durch die Reichskirche empfanden viele das zunächst als Erleichterung.10
Die Dschizya war eine Kopfsteuer, die Christen und Juden unter muslimischer Herrschaft zahlen mussten. Wer sie zahlte, durfte seinen Glauben behalten und ausüben. Diese Christen und Juden hießen Schutzbefohlene (arabisch ahl adh-dhimma). Ihr Schutz hing daran, dass sie die Steuer zahlen konnten; zu vielen Zeiten galten für sie zudem besondere Auflagen.
Die Dschizya sicherte das Überleben der Kirche und war zugleich eine Last, die die Christen von den Muslimen unterschied. Höhe und Härte hingen vom Herrscher ab; manche Statthalter verlangten sie auch von Mönchen und Geistlichen. Andere erleichterten sie. Als Papst Schenouda I., der 55. Patriarch, im 9. Jahrhundert zwei Boten zum Kalifen nach Bagdad sandte, „hob [der Kalif] die Kopfsteuer für die Priester und Mönche auf und senkte sie für die übrigen Menschen“.11 Viele, die die Steuer nicht aufbringen konnten oder dem Druck nicht standhielten, traten zum Islam über; so wurden die Christen über die Jahrhunderte zur Minderheit.12
Die Herrscherhäuser im Überblick
Die Namen muss niemand auswendig wissen. Die Übersicht zeigt, wie verschieden die Zeiten waren.
| Zeit | Herrscher | Ein Beispiel aus dem Leben der Kirche |
|---|---|---|
| ab um 641 | Kalifen in Medina, dann die Umayyaden in Damaskus | Papst Benjamin I. kehrt zurück; am Ende dieser Zeit stirbt die Nonne Febronia als Märtyrerin |
| ab dem 8. Jh. | die Abbasiden in Bagdad | Papst Schenouda I. erreicht eine Erleichterung der Kopfsteuer |
| spätes 9. Jh. | die Tuluniden (Ahmad ibn Tulun), erstmals weitgehend selbständige Herrscher Ägyptens | Papst Chail III. ein Jahr in Haft; Ibn Tuluns Sohn Chumarawaih zerreißt den Schuldschein |
| Mitte des 10. Jh. | die Ichschididen | Severus ibn al-Muqaffa schreibt koptische Bücher auf Arabisch |
| spätes 10. Jh.–1171 | die Fatimiden; Kairo wird Hauptstadt | Mokattam-Wunder unter al-Muizz; Verfolgung unter al-Hakim |
| 1171–1250 | die Ayyubiden (Saladin) | die Lage bessert sich; Blüte der koptischen Literatur auf Arabisch |
| 1250–1517 | die Mamluken (Sultane) | schwere Zeiten; zugleich gemeinsames Gebet um die Nilflut |
| ab 1517 | die Osmanen (Statthalter und Mamluken) | hohe Abgaben; Ibrahim al-Gauhari stiftet Kirchen und Klöster |
Mit dem französischen Feldzug Napoleon Bonapartes (1798) und Muhammad Ali begann für Ägypten die Neuzeit; davon erzählt Thema 41 („Die koptische Kirche in der Neuzeit und heute“).13
Zeiten der Duldung und der Bedrängnis
Was die Lage bestimmte
Ob die Kopten in Ruhe leben konnten, hing vom Herrscher ab, von Geldnot, Kriegen, Verleumdungen am Hof und von der Stimmung im Volk. Der Katechismus sagt nüchtern: „Verschiedene muslimische Regierungen gingen auf unterschiedliche Weise vor.“14 Die radikaleren vertrieben Kopten aus den Ämtern, beschlagnahmten ihr Eigentum und zwangen ihnen die arabische Sprache auf. Gerade diese Not ließ die Kirche ihre Lehre, ihre Überlieferungen und ihre Riten umso sorgfältiger bewahren.15 Zugleich dienten Kopten über Jahrhunderte als Schreiber und Verwalter, oft an höchster Stelle. Angesehene koptische Laien, also Gläubige ohne Weihe, die für ihre Kirche Verantwortung trugen, nennt das Synaxarium Archonten.
Erstes Beispiel: Bedrängnis unter Kalif al-Hakim
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts regierte der fatimidische Kalif al-Hakim bi-Amr Allah. Nach einigen ruhigen Jahren wandte er sich mit Gewalt gegen viele seiner Untertanen, schließlich besonders gegen die Christen. Kopten mussten schwarze Kleidung und ein schweres Holzkreuz um den Hals tragen.16 Nach dem Synaxarium hielt er Papst Zacharias, den 64. Patriarchen, gefangen und warf ihn den Löwen vor, die ihm nichts taten; viele Christen wurden getötet und ihre Kirchen zerstört.17
Johannes Abu Nagah. Johannes Abu Nagah, Leiter der amtlichen Schreiber, sollte seinen Glauben verlassen und dafür Wesir (Minister) werden. Seinen Freunden sagte er: „Ich bin bereit, für den Namen des Herrn Christus zu sterben.“ Er wurde gegeißelt. Als man ihm nur Wasser geben wollte, wenn er seinen Glauben verleugnete, antwortete er: „Gebt das Wasser zurück, denn mein Herr Jesus hat mich getränkt und meinen Durst gestillt.“ So starb er als Märtyrer; die Kirche gedenkt seiner am 19. Baramuda.18
Auch diese Zeit ging zu Ende. Auf die Bitte von Mönchen, die al-Hakim oft besuchte, durfte Papst Zacharias in sein Amt zurückkehren und die Kirchen wieder aufbauen.19 Die Holzkreuze mussten nicht mehr getragen werden, und unter al-Hakims Sohn az-Zahir lebten die Kopten wieder in Frieden.20
Zweites Beispiel: Duldung unter den Ayyubiden
Papst Markus III., der 73. Patriarch, diente seinem Volk in den Bedrängnissen der Kreuzzugszeit „mit aller Reinheit, Gebet und vielen Tränen“. Als Salah ad-Din (Saladin) die Regierung übernahm, „verbesserten sich die Zustände der Kopten“, und der Papst konnte sein Volk in allen Gegenden Ägyptens besuchen.21 Unter Saladin kehrten Kopten in die Staatsämter zurück, sein Sekretär war ein Kopte, und beschlagnahmtes Eigentum wurde zurückgegeben.22
Zwischen den Fronten: Kreuzzüge, Mamluken, Osmanen
Die Kreuzzüge brachten den Kopten neue Not. Der Katechismus erklärt: „Leider nahmen viele Muslime an, dass die Kopten die europäischen Kreuzfahrer unterstützten, weil sie dasselbe Kreuzeszeichen trugen; die Kreuzfahrer selbst behandelten die Kopten jedoch als Feinde, weil die Kopten Ägypter waren.“23
Unter Mamluken und Osmanen war das Leben oft schwer: willkürliche Abgaben, Kleidervorschriften, geschlossene Kirchen. Unter Papst Gabriel VIII. folgten die Steuern „keinem festen System“, sondern wurden „nach Belieben“ auferlegt.24 Doch es gab auch Zeichen des Zusammenlebens. Als unter Papst Johannes XI., dem 89. Patriarchen, die Nilflut ausblieb, „riefen alle zum Gebet auf, Muslime und Kopten nahmen teil und beteten mehrere Tage hintereinander, bis das Wasser des Nils im Monat Tut anstieg“.25 Am Ende des 18. Jahrhunderts war der Archont Ibrahim al-Gauhari Oberster Schreiber Ägyptens; man nannte ihn den „Sultan der Kopten“. Nach dem Geschichtsschreiber al-Gabarti sandte er zu Beginn des Ramadan den Würdenträgern Kerzen und Geschenke und stattete Kirchen und Klöster mit Stiftungen aus.26
Märtyrer und Päpste der Zeit im Synaxarium
| Gedenktag | Heilige | Was das Synaxarium erzählt |
|---|---|---|
| 29. Tut | Febronia, Nonne | Soldaten plündern ihr Kloster bei Achmim und wollen sie verschleppen; sie bleibt Christus treu bis in den Tod. |
| 13. Abib | Schenute | Märtyrer „zu Beginn der arabischen Herrschaft“ |
| 6. Kiyahk | Papst Abraham ibn Zaraa | verschenkt sein Vermögen an die Armen; Mokattam-Wunder |
| 14. Kiyahk | Papst Christodoulos | verlegt den Sitz des Papstes nach Kairo, in die Hängende Kirche |
| 10. Baramuda | Papst Gabriel II. | lässt die Lesungen auch arabisch lesen; lehnt jede Weihe gegen Geld ab |
„Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13:7). Diese Väter und Mütter haben unter schweren Bedingungen den Glauben weitergegeben, der heute bei uns angekommen ist.
Die Arabisierung
Eine neue Sprache für das Land
Arabisierung heißt der lange Weg, auf dem das Arabische an die Stelle des Koptischen trat: zuerst in der Verwaltung, dann im Alltag, schließlich in den Büchern und Gebeten der Kirche. Wann das Koptische als Umgangssprache verschwand, beantworten die Quellen unterschiedlich; sicher ist, dass es lange die Sprache des größten Teils des Landes blieb.
Das Arabische kam mit der Eroberung ins Land; zu Beginn des 8. Jahrhunderts wurde es Amtssprache des Staates.27 Im 10. Jahrhundert lebte Severus ibn al-Muqaffa, Bischof von Aschmunein in Oberägypten. Von ihm stammen nach dem Katechismus die ersten koptischen Schriften in arabischer Sprache.28 Er schrieb unter anderem eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses29, und nach der Überlieferung verdankt ihm die Kirche die Geschichte der Patriarchen, auf die sich Papst Schenouda III. oft beruft.30 Verwechsle ihn nicht mit dem heiligen Severus von Antiochien (6. Jahrhundert).
Im 12. Jahrhundert verstanden viele Gläubige das Koptische nicht mehr gut. Papst Gabriel II., der 70. Patriarch, „ordnete an, die Lesungen aus den Briefen und Evangelien sowie die Predigten nach der Lesung auf Koptisch auch auf Arabisch zu lesen, damit das Volk die Lesungen und Predigten verstehen könne“. Er legte auch den Grundstock für das Lesungsbuch der Karwoche.31 Schon am Pfingsttag riefen die Menschen aus vielen Völkern: „Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2:11).32
„Das 13. Jahrhundert n. Chr. gilt als das goldene Zeitalter der arabischsprachigen koptisch-christlichen Literatur“, sagt der Katechismus, dank der ruhigen Lage am Ende der Herrschaft der Ayyubiden.33 Zu den bedeutendsten Gelehrten gehört Bischof Paulus al-Buschi, der zahlreiche Werke zur Auslegung der Schrift, zur Glaubenslehre und zur Verteidigung des Glaubens schrieb.34 Papst Kyrillus III., der 75. Patriarch, weihte ihn zum Bischof. Während der Amtszeit dieses Papstes hielt eine Synode, eine Versammlung der Bischöfe, die kirchlichen Regeln in fünf Büchern fest.35 Ihre Beschlüsse schrieb der Gelehrte al-Safi ibn al-Assal auf.36
Die Arabisierung hatte zwei Seiten. Die Kirche verlor nach und nach ihre Alltagssprache; das Koptische wurde vor allem die Sprache der Liturgie und der Hymnen. Zugleich gewann sie eine Sprache, in der sie ihren Glauben neu erklären und verteidigen konnte. Bis heute beten und singen wir vieles auf Koptisch und lesen und predigen in der Sprache des Volkes, in Ägypten auf Arabisch, in den Gemeinden Europas etwa auf Deutsch. So ordnet es das Euchologion, das Buch der Göttlichen Liturgie, für ihre Lesungen: Psalm und Evangelium werden zuerst auf Koptisch gelesen, dann folgt die Übersetzung in die Sprache des jeweiligen Landes.37 Was Papst Gabriel II. tat, tun die Gemeinden der Diaspora, also die Gemeinden außerhalb Ägyptens, heute wieder. Mehr dazu in Thema 39 („Die koptische Sprache“).
Das Mokattam-Wunder – Überlieferung der Kirche
Was das Synaxarium erzählt
Zur Zeit des Papstes Abraham ibn Zaraa, des 62. Patriarchen, regierte der fatimidische Kalif al-Muizz. Ein Wesir am Hof, der den Christen feindlich gesinnt war, wies den Kalifen auf das Wort Christi hin: „Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken“ (Mt 17:20b). Der Kalif ließ den Patriarchen rufen und verlangte den Beweis.
Der Papst erbat drei Tage Frist. Mit Bischöfen und Mönchen fastete und betete er in der Hängenden Kirche in Alt-Kairo. Am Morgen des dritten Tages erschien ihm die Gottesgebärerin (Theotokos), die heilige Jungfrau Maria, und wies ihn auf einen heiligen Mann hin, durch dessen Hände Gott das Wunder wirken werde: Simon den Gerber. Mit ihm und dem Volk zog der Papst zum Berg Mokattam am Rand von Kairo; gegenüber stand der Kalif mit seinem Gefolge. Sie beteten und warfen sich dreimal nieder mit dem Ruf „Kyrie eleison, Herr, erbarme dich“. Jedes Mal, wenn sie sich erhoben, erhob sich der Berg, und wenn sie sich niederwarfen, senkte er sich. Der Kalif rief: „Groß ist Gott und gesegnet ist Sein Name! Ihr habt bewiesen, dass euer Glaube lebendig und wahr ist.“ Der Papst bat nur darum, Kirchen wieder aufbauen zu dürfen; Geld aus der Staatskasse nahm er nicht an.38
Zum Gedenken daran „fügte die Kirche dem Weihnachtsfasten drei Tage hinzu, sodass es 43 Tage wurden“; von diesem Papst übernahm sie auch das dreitägige Jona-Fasten.39 Das Weihnachtsfasten beginnt am 16. Hatur.
Das Gebet aus der Tiefe
Papst Schenouda III. nennt dieses Gebet als Beispiel für ein Gebet „aus der Tiefe“, aus der Not des Herzens, wie das Gebet des Jona im Bauch des Fisches:
Ganz wie das Gebet der Menschen vor der Bewegung des Berges Al Mokattam. Ein Gebet, von dem die ganze Zukunft der Gemeinde abhing.40
Eine bedrängte Kirche antwortet nicht mit Zorn, sondern mit Fasten, Gebet und Demut. „Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten“ (Jak 5:16b). Auch der Kalif erscheint im Synaxarium als einer, der Gottes Wirken anerkennt.
Geschichte oder Überlieferung?
Das Mokattam-Wunder ist eine Überlieferung der Kirche. Gemeint ist hier ein Bericht, den die Kirche durch die Jahrhunderte weitergibt und in ihren Büchern, besonders im Synaxarium, bewahrt. Das ist etwas anderes als die Heilige Überlieferung des Glaubens, von der Thema 6 („Glaube, Dogma und Heilige Überlieferung“) spricht.
Beim Mokattam-Wunder unterscheiden wir deshalb:
- Geschichtlich gut bezeugt ist, dass Abraham ibn Zaraa im 10. Jahrhundert der 62. Patriarch war und dass damals die Fatimiden mit dem Kalifen al-Muizz über Ägypten herrschten. Zur heutigen Praxis der Kirche gehört das Weihnachtsfasten von dreiundvierzig Tagen; seinen Zusammenhang mit dem Mokattam-Wunder überliefert das Synaxarium.
- Überlieferung der Kirche ist der Bericht vom Wunder selbst mit seinen Einzelheiten: der Erscheinung der Gottesgebärerin, Simon dem Gerber und dem Berg, der sich hob und senkte.
Das heißt nicht, dass wir das Wunder bezweifeln. Wir glauben, dass Gott auf das Gebet seiner Kirche hört und Wunder wirken kann. Aber wir sagen ehrlich, woher wir davon wissen: „Die Kirche erzählt im Synaxarium …“ So bleibt dein Unterricht glaubwürdig.
Für den Dienst
Wenn Kinder nach Verfolgung fragen. Kinder hören von Angriffen auf Christen und fragen, in der Kirche wie zu Hause: „Warum hassen sie uns?“ Antworte ehrlich und dem Alter angemessen: Erzähle von der Treue der Heiligen, nicht von Grausamkeiten, und wie Gott seine Kirche bewahrt hat. Der Herr hat uns gesagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16:33b). Und er hat uns gelehrt, wie wir antworten: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5:44). Johannes Abu Nagah und Papst Abraham ibn Zaraa haben nicht mit Hass geantwortet, sondern mit Treue und Gebet.
Wenn Kinder nach Muslimen fragen. In der Schule und in der Nachbarschaft haben die Kinder muslimische Freunde. Hilf ihnen, ohne Feindbild zu denken:
- Unterscheide die Herrscher vergangener Jahrhunderte von den Menschen, mit denen die Kinder heute leben; sprich nie pauschal von „den Muslimen“.
- Erzähle auch die hellen Seiten: Amrs Schutzbrief für Papst Benjamin, das gemeinsame Gebet um die Nilflut, die Achtung vor Ibrahim al-Gauhari.
- Lehre die Kinder, freundlich und klar zu ihrem Glauben zu stehen: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1. Petr 3:15b–16a). „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12:18).
Mit dem heiligen Isaak dem Syrer erinnert der Katechismus daran, dass die Verteidigung der Wahrheit ohne Liebe zu Gewalt und Hass wird.41 Wie man mit Muslimen über den Glauben spricht, lernst du in Thema 44 („Christentum und Islam; Sondergemeinschaften“).
Ein Gespräch in der Unterstufe. Mina (12) fragt: „Stimmt es, dass die Muslime die Kopten immer verfolgt haben?“ Eine mögliche Antwort: „Nicht immer. Es gab Herrscher, die die Kirche schwer bedrängt haben, und Herrscher, die die Kopten geachtet haben. Es gab Märtyrer – und Zeiten, in denen Muslime und Christen gemeinsam um Wasser für das Land gebetet haben. Für uns heißt das: treu zu Jesus stehen und jeden Menschen achten, auch deinen muslimischen Freund in der Klasse.“
Für dich selbst. Die Kirche hat diese Jahrhunderte nicht durch Macht überstanden, sondern durch Gebet, Fasten, Treue und Menschen, die ihren Glauben im Alltag lebten. Als junge Männer den Bruder Ibrahim al-Gauharis auf der Straße beleidigt hatten, beschenkte Ibrahim sie und tat ihnen Gutes. Am nächsten Tag begegneten sie seinem Bruder mit großem Respekt.42 So lebte er das Wort des Apostels: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12:21).
Das Wichtigste in Kürze
- Um 641 eroberte ein arabisches Heer unter Amr ibn al-As Ägypten. Papst Benjamin I., der vor dem melkitischen Patriarchen und Statthalter al-Muqauqas geflohen war, kehrte mit einem Schutzbrief Amrs zurück.
- Christen und Juden wurden Schutzbefohlene: Gegen die Dschizya (Kopfsteuer) durften sie ihren Glauben behalten und ausüben, trugen aber besondere Lasten.
- Die Lage hing vom Herrscher ab: Bedrängnis etwa unter Kalif al-Hakim (Papst Zacharias, der Märtyrer Johannes Abu Nagah), Duldung etwa unter Saladin und den Ayyubiden.
- Arabisierung: Das Arabische kam mit der Eroberung ins Land und wurde Amtssprache. Severus ibn al-Muqaffa schrieb im 10. Jahrhundert die ersten koptischen Bücher auf Arabisch, Papst Gabriel II. ließ im 12. Jahrhundert die Lesungen auch arabisch lesen, das 13. Jahrhundert war das goldene Zeitalter dieses Schrifttums. Koptisch blieb Sprache der Liturgie und der Hymnen.
- Das Mokattam-Wunder unter Papst Abraham ibn Zaraa und Kalif al-Muizz ist eine Überlieferung der Kirche (Synaxarium); daran erinnern drei Tage des dreiundvierzigtägigen Weihnachtsfastens.
- Der Diener erzählt diese Geschichte ehrlich und ohne Feindbild.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 4, Phasen 4–7, und Fr. 6.
- Synaxarium: 8. Tubeh (Papst Benjamin I.), 6. Kiyahk und 18. Hatur (Papst Abraham ibn Zaraa, Mokattam), 19. Baramuda (Johannes Abu Nagah), 10. Baramuda (Papst Gabriel II.), 25. Baschans (Ibrahim al-Gauhari).
- Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Abba Markus, der Apostel, Evangelist und Märtyrer, Kap. 9.
- Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 3 („Tiefe“).
Anmerkungen
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Tubeh, Entschlafung von Papst Andronikus, S. 232.↑
Synaxarium, 8. Tubeh, Heimgang des Papstes Benjamin I., S. 233.↑
Ebd.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 380–384.↑
Synaxarium, 8. Tubeh, Die Rückkehr des Hauptes des heiligen Apostels Markus, S. 231; vgl. Synaxarium, 30. Babeh, S. 98.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Abba Markus, der Apostel, Evangelist und Märtyrer, Kap. 9.2.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Tubeh, S. 233.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 384 und 387; Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 9.1.↑
Synaxarium, 24. Baramuda, Entschlafung des Papstes Schenuda I., S. 411–412.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 460; Erzbischof Anba Angaelos, The Altar in the Midst of Egypt, Stevenage 2000, S. 20–21.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4; Synaxarium, 17. Tut, S. 38.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. ebd.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 547–548.↑
Vgl. Synaxarium, 13. Hatur, Entschlafung von Papst Zacharias, S. 122.↑
Synaxarium, 19. Baramuda, Martyrium des heiligen Johannes Abu Nagah, S. 401.↑
Vgl. Synaxarium, 13. Hatur, S. 122.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 552 und 554.↑
Synaxarium, 6. Tubeh, Entschlafung von Papst Markus III., S. 228.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 594 und 596.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Synaxarium, 9. Baschans, Entschlafung des Papstes Gabriel VIII., S. 444.↑
Synaxarium, 9. Baschans, Entschlafung des Papstes Johannes XI., S. 444.↑
Vgl. Synaxarium, 17. Tut, S. 37; 25. Baschans, S. 474–475.↑
Vgl. Iris Habib el Masri, The Story of the Copts, Book II, § 433.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 101.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 1.3.↑
Synaxarium, 10. Baramuda, Entschlafung des heiligen Papstes Gabriel II., S. 387–388.↑
Proselyten sind Menschen, die zum Judentum übergetreten waren.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 14. Baramhat, Entschlafung des Papstes Kyrillus III., S. 345–346.↑
Vgl. Coptic Synaxarium, 14. Baramhat (englische Ausgabe, St. George Coptic Orthodox Church, Chicago, S. 263).↑
Vgl. Euchologion, S. 344.↑
Synaxarium, 6. Kiyahk, Entschlafung des Papstes Abraham ibn Zara’a, S. 166–167; vgl. 18. Hatur, Gedenken an das Wunder der Versetzung des Mokattam-Berges, S. 134–135.↑
Synaxarium, 6. Kiyahk, S. 167–168; vgl. 16. Hatur, Beginn des Weihnachtsfastens, S. 128–129.↑
Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 3.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 6.↑
Vgl. Synaxarium, 25. Baschans, S. 475.↑