Thema 41 · Vortrag 1
Erneuerung und Gegenwart – von Ägypten bis in die Diaspora
Vom Vater der Reform bis zur Kirche in vielen Ländern
18 Min. LesezeitDie koptische Kirche in der Neuzeit und heute
Lernziele
- Die Reformen Papst Kyrillus’ IV. und die Sonntagsschulbewegung unter dem heiligen Habib Girgis beschreiben.
- Grunddaten zu den Päpsten Kyrillus VI., Schenouda III. und Tawadros II. nennen und mit Papst Tawadros II. erklären, warum die Sonntagsschule „Hauptpfeiler“ der Erneuerung ist.
- Beschreiben, wie die koptische Kirche heute in Ägypten und in der Diaspora lebt, besonders in Europa.
Schlüsselbegriffe
Vater der Reform · Sonntagsschulbewegung · Erzdiakon · Altarlos · Bischof für das Bildungswesen · Doxologie · Pro Oriente · Märtyrer der Gegenwart · Diaspora · Diözese · Landessprache
Bibelstellen
Mt 16:18b; Mk 10:14b; 2. Tim 2:2; Hebr 13:7; Apg 8:4; Apg 2:11b; 1. Tim 4:16
Inhalt
Die Sonntagsschulbewegung, in deren Tradition du dienst, entstand um 1900. Sie ist eine Frucht der Erneuerung, die Gott der koptischen Kirche im 19. und 20. Jahrhundert geschenkt hat. Päpste gründeten Schulen und beteten für ihr Volk, ein Erzdiakon, ein Diakon der höchsten Stufe, wandte sich den Kindern zu, und junge Diener von damals wurden später Mönche und Bischöfe, einer von ihnen sogar Papst. Aus dieser Erneuerung lebt die Kirche heute, in Ägypten und in den vielen Ländern, in die ihre Kinder ausgewandert sind. Wer diese Geschichte kennt, versteht seinen Dienst als Teil eines großen Werkes Gottes.
Eine geschwächte Kirche am Beginn der Neuzeit
Am Ende der osmanischen Zeit war die Kirche Ägyptens geschwächt; du kennst das aus Buch 1, Kapitel 1 („Wer die Kopten sind“). Im 19. Jahrhundert entstanden viele französische und britische Schulen, und katholische und evangelische Missionare kamen ins Land. Koptische Gelehrte antworteten darauf, indem sie die orthodoxe Lehre und die Riten der Kirche – also die Ordnungen ihrer Gottesdienste – erklärten.1 Die Kirche brauchte Bildung, gut ausgebildete Priester und eine Unterweisung, die auch die Kinder erreicht. Gott verließ seine Kirche nicht; der Herr hat verheißen: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16:18b).
Papst Kyrillus IV. – der „Vater der Reform“
Papst Kyrillus IV., der 110. Patriarch des Markusstuhls – so heißt der Papst von Alexandrien als Nachfolger des heiligen Markus –, wurde 1816 im Dorf As-Sawami’a Scharq bei Achmim geboren. Er wurde Mönch im Kloster des heiligen Anba Antonius mit dem Namen Dawud al-Antuni, später Priester und Vorsteher des Klosters, wo er sich um die Unterweisung der Mönche kümmerte. Nach dem Tod Papst Petrus’, des 109. Patriarchen, setzten ihn die Bischöfe als Patriarchen ein.2
Papst Kyrillus IV. war nur etwa sieben Jahre Papst. In dieser kurzen Zeit tat er so viel, dass die Kirche ihn den „Vater der Reform“ nennt. Das Synaxarium fasst zusammen: „Er bemühte sich um die Verbreitung der Bildung und errichtete Schulen für Knaben und Mädchen. Ebenso kümmerte er sich um die koptische Sprache und die Kirchengesänge. Er kaufte eine Druckerei, um Bücher zu veröffentlichen.“3 Er erneuerte auch die große Markuskirche in Kairo und besuchte die Kirche in Äthiopien. Papst Tawadros II. hebt hervor, wie viel Mut das verlangte: Die Schule für Mädchen, die Papst Kyrillus IV. gründete, war die erste Mädchenschule Ägyptens; viele Menschen konnten sich damals nicht vorstellen, dass Mädchen unterrichtet werden.4
Eine Druckerpresse mit Lobgesängen. Als die große Druckerei eintraf, ließ Papst Kyrillus IV. die Maschinen mit Lobgesängen und Kirchenliedern empfangen. Manche protestierten: Ein solcher Empfang gebühre einem Bischof oder einem neu geweihten Priester, nicht einer Maschine aus Metall.5 Der Papst aber sah, dass gedruckte Bücher der Kirche dienen würden. Was dem Glauben und der Bildung dient, darf die Kirche dankbar annehmen und Gott dafür loben.
Habib Girgis und die Sonntagsschulbewegung
Der heilige Erzdiakon Habib Girgis
Die Nachfolger Papst Kyrillus’ IV. setzten sein Werk fort. Papst Kyrillus V., der 112. Patriarch, eröffnete Ende des 19. Jahrhunderts das Koptische Seminar zur Ausbildung der Priester wieder. Unter den ersten Studenten war der heilige Habib Girgis (1876–1951). Schon 1899, mit dreiundzwanzig Jahren, wurde er dort Dozent für Theologie, 1918 Dekan (Leiter) des Seminars.6 Er diente als Erzdiakon und war Mitglied der Heiligen Synode, der Versammlung, in der der Papst mit den Bischöfen die Kirche leitet.
Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty beschreibt, was er für die Kinder tat: Er war ein bekannter Prediger, „rief die Sonntagsschulbewegung ins Leben, verfasste ihren ersten Lehrplan, bildete ihre Lehrer aus und organisierte Konferenzen für sie“. Er gab eine Wochenzeitschrift heraus, schrieb sechsundzwanzig Bücher und zahlreiche Hymnen und stellte Bücher für Kinder und Gebete für verschiedene Anlässe zusammen; er erreichte auch, dass an den staatlichen Schulen christlicher Religionsunterricht eingeführt wurde. Vier Patriarchen baten ihn um Rat.7 Die Kirche zählt ihn zu ihren Heiligen und gedenkt seiner am 15. Misra.8
Die vom heiligen Erzdiakon Habib Girgis um 1900 begonnene Bewegung, in der die Kirche Kinder und Jugendliche regelmäßig in eigenen Klassen im Glauben unterweist – mit Lehrplan, ausgebildeten Dienern und Treffen für die Diener.
Gegen Widerstand
Habib Girgis erkannte, dass die Kirche sich nicht erneuern kann, wenn sie nur Erwachsene unterrichtet und ihnen predigt. Er wandte sich den kleinen Kindern zu und richtete um 1900 Sonntagsschulen ein.9 Das war neu; es gab Widerstand und Kritik. Erst nach vielen Angriffen erkannten alle an, dass die Ziele der Sonntagsschulen gut waren. Im November 1907 rief Papst Kyrillus V. selbst in einem Artikel dazu auf, die Kinder als die Männer der Zukunft in Wahrheit und Tugend zu erziehen und sie nahe an die Kirche zu bringen.10
Warum die Sonntagsschule „Hauptpfeiler“ ist
Papst Tawadros II. schreibt:
Die Idee der Sonntagsschule wurde zum Hauptpfeiler, auf dem die Wiederbelebung der koptischen Kirche im 20. und 21. Jahrhundert aufgebaut wurde.11
Ein Hauptpfeiler trägt das Haus. Warum gerade die Sonntagsschule? Ihre Geschichte zeigt vier Gründe:
- Die Erneuerung beginnt bei den Kindern. Predigten für Erwachsene allein erneuern die Kirche nicht. Wer die Kinder im Glauben unterweist, baut die Kirche der nächsten Generation.
- Aus der Sonntagsschule kamen die Hirten. Papst Schenouda III. begann 1939 als junger Diener in der Sonntagsschule und leitete später ihre Zeitschrift;12 viele Diener jener Jahre wurden Mönche, Priester und Bischöfe.
- Die Sonntagsschule gab der Erneuerung eine Ordnung. Mit Lehrplan, ausgebildeten Dienern und Konferenzen wurde der Glaube regelmäßig und überall weitergegeben, wie Paulus es Timotheus aufträgt: „Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren“ (2. Tim 2:2).
- Ihr Ziel ist der Himmel. Das Hauptziel „mit höchster Priorität“ ist nach Papst Tawadros II., dass die Menschen, „die an den Sonntagsschulklassen … teilnehmen, einen Anteil am Himmel haben“.13 Darum gibt die Sonntagsschule nicht bloß Wissen weiter. Sie führt die Kinder zu Christus, der sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!“ (Mk 10:14b).
Der heilige Papst Kyrillus VI. – ein Mann des Gebets
Der heilige Papst Kyrillus VI., der 116. Patriarch, wurde in Damanhur geboren und hieß Azer Youssef Atta. 1927 wurde er im Baramous-Kloster Mönch mit dem Namen Mina al-Baramousy. Als man ihn zum Bischof weihen wollte, floh er, denn er suchte die Einsamkeit. Er lebte in einer Höhle, dann in einer verlassenen Mühle auf dem Mokattam-Berg in Alt-Kairo, wo er täglich die Göttliche Liturgie feierte; 1947 baute er in Alt-Kairo eine Kirche des heiligen Mina.14 Nach dem Tod Papst Yousabs II. wurden in einem langen Verfahren die Kandidaten bestimmt; dann zog man am Altar das Los, das Altarlos, und es fiel auf ihn. Am 10. Mai 1959 wurde er als Papst geweiht.15
Der Katechismus sagt über ihn: Er „war von schlichtem Wesen und vom Geist der Anbetung und Frömmigkeit erfüllt. Der Gott der Herrlichkeit wirkte durch ihn zum Heil vieler Menschen, innerhalb und außerhalb Ägyptens“.16 1959 legte er den Grundstein für das Kloster des heiligen Mina in der Wüste von Mariout. 1967 bereitete er das heilige Myron, das Salböl der Myronsalbung. Im Jahr 1968 brachte er Reliquien des heiligen Markus in die neue Markuskathedrale, die er in Kairo-Abbassiya erbaut hatte. Die Reliquien waren fast elf Jahrhunderte außerhalb Ägyptens gewesen.17 1962 weihte er auch einen Bischof für das Bildungswesen: den späteren Papst Schenouda III.18
Die Kirche besingt den heiligen Papst Kyrillus VI. bis heute in einer Doxologie, einem Lobgesang in Strophen bei der Emporhebung des Abend- und des Morgenweihrauchs. Eine Strophe sagt:
„Eine neue Kathedrale hast du errichtet und das große Kloster des Abba Mina und viele andere Kirchen erbaut, aber dein Herz war nie hochmütig.“19
Trockenes Brot nach der Liturgie. Papst Kyrillus VI. vergaß nie, dass er der arme Mönch Mina war. An vielen Tagen aß er nur eine einzige Mahlzeit aus trockenem Brot, Salz und Kreuzkümmel, nachdem er spät am Abend die Liturgie beendet hatte, und täglich hielt er den Mitternachtslobpreis (Tasbeha). Nach dem Synaxarium schenkte Gott ihm die Gabe, große Wunder zu wirken, auch nach seinem Entschlafen. An seinem Sterbetag, dem 9. März 1971, empfing er viele seiner Kinder, erhob das Kreuz und sagte: „Der Herr wird eure Angelegenheiten ordnen.“20
Papst Schenouda III. – Lehrer und Hirte
Papst Schenouda III., der 117. Papst, wurde am 3. August 1923 im Gouvernement (der Provinz) Asyut geboren und hieß Nazir Gayed Roufail. Das Synaxarium hält fest: „Im Jahr 1939 n. Chr. begann er seinen Dienst in den kirchlichen Sonntagsschulen.“ 1949 lehrte er am Klerikalen Kolleg, dem schon genannten Seminar, und leitete die Zeitschrift der Sonntagsschulen. 1954 wurde er im Kloster der Syrer in der Sketis (Wadi El-Natrun) Mönch mit dem Namen Antonius der Syrer und lebte in einer Höhle in Gebet und Betrachtung. Am 30. September 1962 wurde er unter dem Namen Anba Schenouda zum Bischof für das Bildungswesen geweiht; er gründete in Kairo Versammlungen zur Predigt und Lehre und gab ab 1965 die Zeitschrift „Al-Kiraza“ („Die Verkündigung“) heraus.21
Am 31. Oktober 1971 wurde er durch das Altarlos erwählt und am 14. November 1971 als Papst eingesetzt. Er unternahm hundertvier Reisen in Länder auf allen Kontinenten, als Hirte seiner Gemeinden und zum Gespräch mit anderen Kirchen. Unter ihm blühte das Mönchtum neu auf. Er schrieb etwa hundertfünfzig Bücher und rund zwanzig geistliche Gedichte, die meist zu Hymnen wurden, und trat als Lehrer der Kirche Irrlehren entgegen. Im September 1981 hob eine Entscheidung des damaligen Staatspräsidenten seine Anerkennung als Papst auf; vierzig Monate lebte er unter Hausarrest im Kloster des heiligen Anba Bischoy, bis er im Jänner 1985 auf seinen Stuhl zurückkehrte. Er entschlief am 17. März 2012.22
Papst Schenouda III. suchte auch das Gespräch mit den anderen Kirchen. Schon als Bischof nahm er im September 1971 an einem Gespräch teil, das die Stiftung Pro Oriente in Wien zwischen katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen veranstaltete. Orientalisch-orthodox heißen die Kirchen, die mit uns denselben Glauben an Christus bekennen: die koptische, die syrische, die armenische, die äthiopische, die eritreische und die indische Kirche. Die Teilnehmer sprachen über die Formel des heiligen Kyrill von der einen Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes und fanden Übereinstimmung in der Lehre über Christus. Im Mai 1973 traf er im Vatikan Papst Paul VI. – die erste Begegnung der beiden Kirchen nach etwa fünfzehn Jahrhunderten.23 Unsere Kirche bleibt dabei unverändert bei ihrem Bekenntnis:
Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill: Christus ist eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes, aus zwei Naturen. Diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung – so bekennen wir es im Einklang mit unserer Liturgie und der gemeinsamen Erklärung der orthodoxen Kirchen von 1989.
Mehr darüber lernst du in Thema 36 („Ephesus und Chalcedon“) und Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“).
Papst Tawadros II.
Heute leitet Papst Tawadros II., der 118. Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhls des heiligen Markus, die Kirche; er wurde 2012 inthronisiert, also feierlich in sein Amt eingeführt.24 Unter seinem Vorsitz bestimmte die Heilige Synode den 8. Amschir zum Gedenktag aller Märtyrer der koptischen Kirche in der neueren Zeit. Am 18. November 2018 weihte er die erneuerte Markuskathedrale in Kairo-Abbassiya, die Kathedrale des päpstlichen Sitzes, und 2019 eröffnete er die Kathedrale der Geburt Christi.25
Mehrere seiner Bücher liegen auf Deutsch vor, darunter Mein Glaube, Die Kirche ist meine Mutter und Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen. Darin zeigt er, dass sich die Kirche in ihrem Dienst weiterentwickeln muss, wo es den Menschen hilft, etwa in der Sprache ihres Gebetes; der Geist Gottes, der sie leitet, ist unveränderlich.26
Zeitoun und die Märtyrer der Gegenwart
Die Erscheinung in Zeitoun
Am 2. April 1968, in der Zeit des heiligen Papstes Kyrillus VI., „erschien die reine Gottesmutter, die Jungfrau Maria, auf den Kuppeln ihrer Kirche in Zeitoun“.27 Fast zwei Jahre lang zeigte sie sich dort in manchen Nächten über Stunden. Tausende aus allen Völkern und Religionen sahen sie, und viele wurden geheilt; zu den größten Wundern zählt das Synaxarium, dass der Glaube in den Herzen gefestigt wurde.28 Die Doxologie für den heiligen Papst Kyrillus VI. besingt, wie sie „begleitet von Tauben und Weihrauch“ erschien.29
Die Kirche nimmt die Erscheinung als Zeichen der Liebe Gottes und der Fürsprache der Gottesgebärerin (Theotokos) an. Sie fügt dem Glauben nichts Neues hinzu, sondern stärkt das Vertrauen der Gläubigen in schweren Zeiten. Maria ist die Fürsprecherin, die zu ihrem Sohn führt; der einzige Mittler ist Christus (Thema 19, „Die Gottesgebärerin“).
Die Märtyrer unserer Zeit
Die koptische Kirche ist bis heute eine Kirche der Märtyrer. Am 8. Amschir gedenkt sie der Märtyrer der Gegenwart, „an ihrer Spitze die koptischen Märtyrer in Libyen“; denn „in den letzten Jahren erlitten viele Kinder der koptischen Kirche an verschiedenen Orten in Ägypten das Martyrium“.30
Zwanzig koptische Christen aus Dörfern im Gouvernement Minya arbeiteten in Libyen. Ende Dezember 2014 und Anfang Jänner 2015 nahm eine Terrororganisation sie in der Stadt Sirte gefangen, mit ihnen einen Mann aus Ghana. Mehr als einen Monat lang wollte man sie zwingen, ihren Glauben zu verleugnen. Sie blieben standhaft, beteten und riefen immer wieder „Kyrie eleison“ – „Herr, erbarme dich“. Im Februar 2015 wurden alle einundzwanzig an der Küste des Mittelmeeres getötet. 2018 kehrten die Reliquien der zwanzig ägyptischen Märtyrer nach Ägypten zurück; Papst Tawadros II. empfing sie, und sie ruhen nun in der Kirche der Märtyrer in ihrer Heimat.31 Der Mann aus Ghana wurde später gefunden und neben ihnen beigesetzt.
Das Synaxarium deutet ihr Zeugnis mit einem Weisheitswort: „Du kannst einen Berg von seiner Stelle bewegen, aber du kannst den Kopten nicht von seinem Glauben abbringen.“ Es ruft dazu auf, auf das Ende ihres Lebens zu schauen und ihrem Glauben nachzueifern.32
Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!
Wir verehren die Märtyrer und bitten sie um ihre Fürsprache; angebetet wird allein Gott (Thema 33, „Märtyrer und Mönche“).
Die Kirche in der Diaspora
Von Gott gesandt
Seit Ende der 1960er-Jahre wanderten viele Kopten in die Vereinigten Staaten, nach Kanada, Australien und Europa aus. Der heilige Papst Kyrillus VI. aber erklärte oft, „dass diese Familien und Auswanderer von Gott in die Diaspora gesandt worden seien, um das Evangelium Christi zu verbreiten“.33 So war es schon in der Urkirche: „Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort“ (Apg 8:4).
Die Gemeinden einer Kirche außerhalb ihres Ursprungslandes, die durch Auswanderung entstanden sind; für die koptische Kirche die Gemeinden außerhalb Ägyptens, auch die in Europa.
Unter Papst Schenouda III. vervielfachte sich die Zahl der Kirchen in Europa, Amerika und Australien. Er gründete Diözesen in den Ländern der Auswanderung und weihte Bischöfe und Priester für sie; auch außerhalb Ägyptens entstanden Klöster.34 So gibt es heute auch in Europa Diözesen und Klöster unserer Kirche, etwa das Kloster des heiligen Antonius in Kröffelbach in der Diözese Süddeutschland.35
Eine Diözese ist das Gebiet, das ein Bischof als Hirte leitet.
Auch die Gemeinde, in der du dienst, gehört zu einer Diözese und wird von ihrem Bischof geleitet. Papst Tawadros II. sieht in diesem Wachstum das Werk des heiligen Markus weitergehen: Aus der Kirche Ägyptens sind Kirchen in der ganzen Welt hervorgegangen.36
Beten in der Landessprache
In der Diaspora wachsen Kinder auf, die die Landessprache, also die Sprache ihrer neuen Heimat, besser verstehen als Arabisch. Papst Tawadros II. sagt dazu:
„Unsere Kirchen in der Diaspora beten in der jeweiligen Landessprache, sei es Englisch, Deutsch, Schwedisch, Französisch usw. Entwicklung ist zwingend notwendig! Das Beharren auf dem Beten in nur einer Sprache kann zum Verlust vieler Seelen führen.“37
Das hat die Kirche auch früher getan. In Alexandrien wurde die Liturgie zur Zeit des heiligen Markus zunächst auf Griechisch gefeiert und schon früh ins Koptische übertragen, die Muttersprache des ägyptischen Volkes und der Mönche; darum verbindet unsere Liturgie bis heute koptische und griechische Gebete.38 Als sich im Mittelalter die Alltagssprache änderte, kam ab dem 10. Jahrhundert das Arabische hinzu, damit alle Gläubigen die Gebete verstehen konnten.39 Auch die Hymnen sollen in die Sprachen übersetzt werden, die die Menschen vor Ort sprechen.40 Für die deutschsprachigen Gemeinden liegt die Göttliche Liturgie heute auf Deutsch vor: Unsere Diözese hat das Buch der göttlichen Liturgien mit deutschem, koptischem und arabischem Text herausgegeben,41 und das Euchologion des Klosters in Kröffelbach hat ein Priester gemeinsam mit jungen Kopten übersetzt.42 Das Koptische bleibt ein kostbares Erbe der Liturgie (Thema 39, „Die koptische Sprache“), aber die Menschen sollen verstehen, was sie beten. Schon am Pfingsttag staunten die Menschen: „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2:11b).
Koptisch leben in Europa
In Europa lebt die koptische Kirche unter Christen anderer Kirchen, unter Menschen anderer Religionen und unter vielen, die keinen Glauben haben. Die Kinder in deiner Klasse wachsen hier auf: Sie sprechen die Sprache des Landes, gehen hier zur Schule und haben Freunde, die anders denken als ihre Familien. Der Katechismus sagt, was daraus folgt: Die Kirche von Alexandrien darf sich nicht auf eine Volksgruppe beschränken und keine bestimmte Sprache zur Pflicht machen; sie hilft ihren Gläubigen, anderen den orthodoxen Glauben nahezubringen, ohne von der Überlieferung und den Riten abzuweichen.43 So wird die Kirche des heiligen Markus auch in Europa zu Hause und bleibt doch die Kirche der Väter.
Wie du Kindern und Jugendlichen hilfst, in dieser Lage ihren Glauben zu leben, lernst du in Thema 43 („Der Diener in der Diaspora“); das Gespräch mit den anderen Kirchen behandelt Thema 45 („Die Kirchen und die Ökumene“).
Für den Dienst
- Du führst den Dienst des heiligen Habib Girgis weiter. Jede Sonntagsschulstunde und jede andere Unterweisung im Glauben setzt fort, was er begonnen hat. Bereite deinen Dienst mit derselben Sorgfalt vor, mit der er den Lehrplan verfasste und die Diener ausbildete.
- Erzähle von den Heiligen unserer Zeit, in der Klasse und in der Familie. Kinder lieben Geschichten von Menschen, die sie sich vorstellen können: der heilige Papst Kyrillus VI., der Papst war und doch der einfache Mönch Mina blieb, der jeden Tag betete, und Papst Schenouda III. als junger Sonntagsschuldiener. Das strenge Fasten des heiligen Papstes Kyrillus VI. war der Weg eines Mönches, keine Regel für Kinder; wie ein Kind fastet, entscheiden die Eltern mit dem Beichtvater. Mit älteren Kindern kannst du eine Strophe der Doxologie für den heiligen Papst Kyrillus VI. lesen und fragen, was sie über ihn erzählt. Erzähle kleinen Kindern nicht von Folter und Tod der Märtyrer, sondern von ihrem Mut, ihrem Gebet und von Gottes Kraft, die sie stärkte; erst ältere Kinder und Jugendliche können verstehen, wie viel sie aus Liebe zum Herrn ertragen haben.44
- Sprich die Sprache der Kinder. Wenn du auf Deutsch unterrichtest und betest, tust du, was Papst Tawadros II. von den Kirchen der Diaspora erwartet. Hilf ihnen zugleich, die koptischen Hymnen der Liturgie zu lieben.
- Zeige den Kindern, wohin sie gehören. Kinder, die in Europa aufwachsen, fragen manchmal, warum ihre Kirche aus Ägypten kommt. Erzähle ihnen, was Papst Kyrillus VI. über die Auswanderer sagte: Gott hat die Familien gesandt, damit sie das Evangelium verbreiten. Die Kirche des heiligen Markus ist ihre Kirche, in Ägypten und hier.
- Behalte das Ziel vor Augen. Feste und Ausflüge sind gut; das Hauptziel bleibt, die Kinder zu Christus und in den Himmel zu führen. Darum gilt der Leitvers jedes Dieners: „Achte auf dich selbst und auf die Lehre; halte daran fest! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören“ (1. Tim 4:16).
Das Wichtigste in Kürze
- Papst Kyrillus IV., der 110. Patriarch, heißt „Vater der Reform“: Er gründete Schulen für Knaben und Mädchen, darunter die erste Mädchenschule Ägyptens, kaufte eine Druckerei und pflegte die koptische Sprache und die Kirchengesänge.
- Der heilige Erzdiakon Habib Girgis (1876–1951) rief um 1900 die Sonntagsschulbewegung ins Leben, verfasste ihren ersten Lehrplan und bildete ihre Lehrer aus; die Kirche gedenkt seiner am 15. Misra.
- Nach Papst Tawadros II. ist die Sonntagsschule der „Hauptpfeiler“, auf dem die Wiederbelebung der Kirche im 20. und 21. Jahrhundert aufgebaut wurde; ihr Hauptziel ist, dass die Kinder einen Anteil am Himmel haben.
- Der heilige Papst Kyrillus VI. (116. Papst, 1959–1971) war ein Mann des Gebets; in seiner Zeit erschien die Gottesgebärerin in Zeitoun (1968), und Reliquien des heiligen Markus kehrten nach Ägypten zurück. Die Kirche besingt ihn in einer Doxologie.
- Papst Schenouda III. (117. Papst), geboren am 3. August 1923, begann als Sonntagsschuldiener, war Bischof für das Bildungswesen und von 1971 bis 2012 Papst; unter ihm wuchs die Kirche in der Diaspora stark.
- Papst Tawadros II. ist der 118. Papst und wurde 2012 inthronisiert; unter seinem Vorsitz bestimmte die Heilige Synode den 8. Amschir zum Gedenktag der Märtyrer der Gegenwart, an ihrer Spitze die Märtyrer von Libyen.
- Seit Ende der 1960er-Jahre wanderten viele Kopten aus; der heilige Papst Kyrillus VI. sah sie von Gott gesandt, das Evangelium zu verbreiten. Heute hat die Kirche Diözesen, Kirchen und Klöster auch in Europa, Amerika und Australien.
- In der Diaspora betet die Kirche auch in der Landessprache, damit die Menschen verstehen, was sie beten; sie bindet sich an kein Volk und keine Sprache und bleibt der Überlieferung und ihren Riten treu.
Zum Weiterlesen
- Synaxarium: 23. Tubeh (Papst Kyrillus IV.), 30. Amschir (Papst Kyrillus VI.), 8. Baramhat (Papst Schenouda III.), 24. Baramhat (Zeitoun), 8. Amschir und 6. Baschans (Märtyrer der Gegenwart).
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 4, Phasen 7–9, und Fr. 92.
- Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, „Entwicklung in der Geschichte der Kirche“ (S. 15–19).
- Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 23–27.
- Das heilige Euchologion der koptisch-orthodoxen Kirche, Kröffelbach 2022: Doxologie für den heiligen Papst Kyrillus VI. (S. 106 und 108).
Anmerkungen
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 23. Tubeh, Die Entschlafung von Papst Kyrillus IV., dem Vater der Reform, S. 258–259.↑
Synaxarium, 23. Tubeh, S. 259.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 16.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 16.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 15. Misra, Die Entschlafung des heiligen Erzdiakons Habib Girgis, S. 606.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 17, der das Jahr 1900 nennt.↑
Vgl. ebd. (S. 17–18).↑
Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 18.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Baramhat, Die Entschlafung von Papst Schenuda III., S. 333.↑
Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 24.↑
Vgl. Synaxarium, 30. Amschir, Die Entschlafung von Papst Kyrillus VI., S. 317.↑
Vgl. Synaxarium, 30. Amschir, S. 318.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 30. Amschir, S. 318.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Baramhat, S. 333.↑
Das heilige Euchologion der koptisch-orthodoxen Kirche, hg. vom Koptisch-Orthodoxen Kloster des heiligen Antonius, Kröffelbach 2022, S. 108 (Doxologie für den heiligen Papst Kyrillus VI., Strophe 7).↑
Synaxarium, 30. Amschir, S. 318; dort auch die übrigen Angaben dieses Kastens.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Baramhat, S. 333.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Baramhat, S. 333–335.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1; Schlussprotokoll der Dialoge zwischen der Katholischen und der Koptisch-Orthodoxen Kirche, 12.02.1988, abgedruckt ebd., Kap. 12.↑
Vgl. Euchologion, S. V und S. 1203 (Liste koptischer Päpste); Synaxarium, 9. Hatur, S. 116 („des 118. Papstes“).↑
Vgl. Synaxarium, 8. Amschir, S. 286; 9. Hatur, S. 116–117; 28. Kiyahk, S. 211.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 13–19.↑
Synaxarium, 30. Amschir, S. 318.↑
Vgl. Synaxarium, 24. Baramhat, Gedenken an die Erscheinung der heiligen Jungfrau Maria in ihrer Kirche in Zeitoun, S. 358–359.↑
Euchologion, S. 108 (Strophe 6).↑
Synaxarium, 8. Amschir, Gedenken der Märtyrer der Koptischen Kirche in der Neuzeit, S. 286.↑
Vgl. Synaxarium, 6. Baschans, Ankunft der Reliquien der koptischen Märtyrer aus Libyen, S. 436–437.↑
Synaxarium, 8. Amschir, S. 286.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 8. Baramhat, S. 334.↑
Vgl. Euchologion, Titelblatt.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Die Kirche ist meine Mutter, S. 39.↑
Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 16.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Der Augenzeuge Gottes, Kap. 11; Euchologion, S. 1206.↑
Vgl. Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 15–19.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1068.↑
Vgl. Die göttlichen Liturgien, Impressum.↑
Vgl. Euchologion, S. II.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Wie man die Geschichten von Märtyrern erzählt“ (S. 55–57).↑