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Thema 42 · Vortrag 1

Die Gottesfrage – Glaube, Vernunft und Zweifel

Rede und Antwort stehen über die Hoffnung, die uns erfüllt

18 Min. LesezeitGlaube und Vernunft

Lernziele

  1. Mit 1. Petr 3:15 und Athanasius Auftrag und Grundhaltung der Apologetik erklären.
  2. Ein Gespräch mit einem Zweifelnden nach dem Grundsatz „Gewinne die Person, nicht die Diskussion“ führen.

Schlüsselbegriffe

Apologetik · Apologeten · Glaube · Vernunft · Zweifel · Atheismus · Agnostiker · Schöpfung · Ordnung · Gewissen · Areopagrede · Gewinne die Person, nicht die Diskussion

Bibelstellen

1. Petr 3:15⁠–⁠16; Hebr 11:1; Hebr 11:6; Röm 11:33; Röm 1:20; Weish 13:5; Ps 19:2; Röm 2:15; Mk 9:24; Joh 20:24⁠–⁠29; Apg 17:22⁠–⁠34

Inhalt

Früher oder später fragt dich jemand: „Woher weißt du eigentlich, dass es Gott gibt?“ Vielleicht ist es ein Mitschüler, eine Kollegin im Studium, ein Jugendlicher aus deiner Gruppe, oder du fragst dich das selbst. Die Kirche antwortet auf solche Fragen mit Gründen, die die Vernunft verstehen kann, und mit einer Haltung, die den Fragenden achtet. Beides brauchst du als Diener, denn die Kinder und Jugendlichen, die dir anvertraut sind, wachsen in einer Umgebung auf, in der der Glaube an Gott nicht mehr selbstverständlich ist.

Was Apologetik ist

Der Apostel Petrus schreibt an Christen, die wegen ihres Glaubens verspottet wurden:

Heilige Schrift

… haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in (der Gemeinschaft mit) Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen.

1. Petr 3:15⁠–⁠16

Aus diesem Auftrag ist die Apologetik entstanden. Das Wort kommt vom griechischen apologia; so nannten die alten Christen ihre Schutzschriften für den Glauben, etwa die Erste Apologie des heiligen Justin.

Begriff
Apologetik

Die Apologetik ist der Teil der Theologie, der den christlichen Glauben vor den Fragen und Einwänden der Menschen verantwortet. Sie zeigt, dass der Glaube vernünftig ist, antwortet auf Einwände und lädt ein, Christus kennenzulernen.

Petrus nennt mehrere Aufgaben, die zur Apologetik gehören:

  • Christus im Herzen heilig halten. Die Antwort beginnt nicht mit Argumenten, sondern mit dem eigenen Leben mit Christus. Wer nicht betet, wird über Gott nur Sätze wiedergeben.
  • Stets bereit sein. Petrus erwartet, dass jeder Christ – nicht nur der Priester oder der Theologe – Auskunft geben kann. Dazu gehört, den eigenen Glauben zu kennen.
  • Jedem antworten, der fragt. Gemeint ist die Frage nach der Hoffnung, die uns erfüllt. Es geht nicht darum, Streit zu suchen, sondern dem zu antworten, der wirklich wissen will.
  • Bescheiden und ehrfürchtig. Die Haltung gehört zum Auftrag. Eine richtige Antwort, die verletzt oder herablassend gegeben wird, verfehlt ihr Ziel.
  • Ein reines Gewissen und ein rechtschaffenes Leben. Das stärkste Argument ist ein Leben, das zum Bekenntnis passt.

Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erinnert an ein Wort des heiligen Isaak des Syrers: Er „bekräftigt, dass die Verteidigung der Wahrheit ohne Liebe die Wahrheit in Gewalt und Hass verwandelt. Ebenso bleibt die Liebe kraftlos, wenn sie nicht danach verlangt, dass alle in der Wahrheit wandeln“.1 Wahrheit und Liebe gehören in der Apologetik zusammen.

Apologeten in der Geschichte der Kirche

Schon in den ersten Jahrhunderten haben Christen ihren Glauben vor Kaisern, Richtern und Philosophen verantwortet. Man nennt sie Apologeten.

Der heilige Justin der Märtyrer suchte als junger Mann die Wahrheit bei den Philosophen, bevor er Christ wurde.2 In seiner Ersten Apologie wendet er sich an den Kaiser und den römischen Senat und bittet, die Christen nicht wegen eines Gerüchts zu verurteilen, sondern ihr Leben und ihre Lehre zu prüfen. Er beschreibt seine Aufgabe so: „Unsere Aufgabe ist es also, in unser Leben und in unsere Lehren allen Einsicht zu verschaffen“.3 Justin verbindet beides, was auch Petrus verlangt: das Leben und die Lehre. Er hat seinen Glauben später mit dem Martyrium bezeugt.

Der heilige Athanasius der Apostolische, der 20. Papst von Alexandrien, schrieb schon in jungen Jahren die Schrift Gegen die Heiden.4 Er nennt ihr Ziel gleich am Anfang: Er will den Glauben an Christus darlegen, „damit man nicht die bei uns vorgetragene Lehre geringschätze noch auch den Glauben an Christus für unvernünftig halte“.5 Zugleich soll der Gläubige selbst Zuversicht gewinnen, dass er der Wahrheit geglaubt hat.6 Apologetik dient also zwei Menschen: dem, der fragt, und dem, der glaubt.

Im Hauptteil der Schrift zeigt Athanasius, wie man von der Schöpfung zu Gott und zu seinem Logos, dem ewigen Sohn und Wort Gottes, gelangt. Mitten in diesem Gedankengang sagt er, warum er sich die Mühe macht:

Aus den Vätern

Wer mag nun dieser sein? Auf diese Frage vor allem muss man ja Rede und Antwort stehen, damit niemand wegen mangelnder Erkenntnis seiner irre gehe und auf einen anderen rate und so mit den früher Genannten in dieselbe Gottlosigkeit falle.7

– Hl. Athanasius der Apostolische, Gegen die Heiden, Kap. 40

„Rede und Antwort stehen“ sind fast die Worte des Petrus. Athanasius schreibt aus Liebe zum Nächsten, damit niemand in die Irre geht. Das ist die Grundhaltung der Apologetik.

In Alexandrien gab es außerdem schon früh eine christliche Schule, an der auch die Philosophie und die Wissenschaften der Zeit gelehrt wurden. Der Katechismus sagt über sie: „Durch Liebe und Dialog gewann die Schule von Alexandrien viele Gelehrte aus den Philosophenschulen für den Glauben.“8 Die Schule von Alexandrien zeigt, wie kirchlicher Glaube und gründliches Denken zusammengehören.

Glaube und Vernunft

Manche meinen, glauben heiße, das Denken abzuschalten. Der Katechismus antwortet auf die Frage, ob der Glaube die Gabe der Vernunft aufhebt: „Gott schuf uns als vernunftbegabte Wesen, nicht als vernunftlose Tiere.“ Gott offenbart sich uns nicht, um unser Denken auszuschalten, sondern um uns seine Geheimnisse erkennen zu lassen, die unser Verstand allein nicht erfassen kann.9

Papst Schenouda III. beschreibt das Verhältnis von Verstand und Glaube mit dem Bild eines Weges. Die deutsche Ausgabe sagt für den Verstand „Hirn“:

Aus der Lehre unserer Päpste

Das Hirn führt Dich nur am Anfang Deines Weges, der Glaube aber begleitet Dich den ganzen Weg bis zum Ende. Der Glaube widerspricht dem Hirn nicht, sondern hilft ihm, eine höhere Ebene zu erschließen, die das Hirn alleine nie zu erreichen im Stande wäre.10

– Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 2

Daraus ergeben sich drei Einsichten:

  1. Die Vernunft ist ein Weg zu Gott. Sie kann erkennen, dass es einen Schöpfer gibt, und sie kann Einwände prüfen. Der Glaube braucht sich vor keiner ehrlichen Frage zu verstecken.
  2. Der Glaube geht weiter als die Vernunft, aber nicht gegen sie. Die Schrift sagt: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11:1). Auch im Alltag nehmen wir vieles an, was wir nicht selbst gesehen oder geprüft haben: Wir vertrauen etwa den Ergebnissen von Fachleuten, die geforscht haben.11 Der Glaube vertraut dem Zeugnis Gottes und der Apostel, die verkünden, was sie „gehört“ und „mit unseren Augen gesehen“ haben (1. Joh 1:1).
  3. Der Glaube ist mehr als ein Ergebnis von Beweisen. Er ist Vertrauen auf Gott und zugleich ein Geschenk. Papst Schenouda III. sagt, „dass der Glaube vom Werk des Heiligen Geistes untrennbar ist“.12 Darum beten wir um den Glauben und nicht nur um gute Argumente.
Begriff
Glaube

Der Glaube ist das vertrauende Ja des Menschen zu Gott, der sich offenbart: „Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11:1). Er widerspricht der Vernunft nicht, führt aber über sie hinaus, und er ist eine Gabe des Heiligen Geistes.

Zur Ehrlichkeit gehört, die Grenze zu sehen. Gott ist größer als unser Verstand. Der Katechismus sagt, Gott gab uns die Fähigkeit, ihn zu erkennen, „doch das Wesen Gottes bleibt unaussprechlich und übersteigt unser Erkenntnisvermögen“.13 Paulus staunt: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11:33). Wer Gott vollständig erklären könnte, hätte nicht Gott verstanden, sondern ein Bild, das er selbst gemacht hat.

Gründe für die Existenz Gottes

Der Katechismus sagt, dass es „viele Wege gibt, auf denen wir Gott erkennen können“. Er nennt zuerst die Schöpfung und das Gewissen.14

Die Schöpfung

Paulus schreibt: „Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit“ (Röm 1:20). Schon das Buch der Weisheit sagt: „… von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen“ (Weish 13:5). Athanasius erklärt das mit einem Beispiel aus der Kunst:

Aus den Vätern

… aus den Werken wird der Künstler oftmals erkannt, wenn er auch nicht sichtbar ist. So erzählt man vom Bildhauer Phidias, dass seine Schöpfungen durch ihre Symmetrie und ihre Proportionalität den Beschauern den Phidias verrieten, obschon er nicht zugegen war. Ebenso muss man auch aus der Ordnung der Welt Gott, ihren Schöpfer und Baumeister, erkennen, wenn schon man ihn mit dem leiblichen Auge nicht sieht.15

– Hl. Athanasius der Apostolische, Gegen die Heiden, Kap. 35

Die Welt ist nicht von selbst da. Alles, was wir kennen, hat einen Anfang und hängt von anderem ab. Die Frage „Warum gibt es überhaupt etwas?“ führt über die Welt hinaus zu dem, der ihr das Dasein gibt.

Die Ordnung

Der Psalm singt vom Himmelsgewölbe, dem Firmament: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament“ (Ps 19:2; LXX 18). Athanasius vergleicht die Welt mit einem Staat, in dem Arme und Reiche, Junge und Alte friedlich zusammenleben; wer das sieht, schließt auf einen guten Herrscher, auch wenn er ihn nicht sieht: „Die Unordnung verrät die Anarchie, die Ordnung weist auf einen Herrscher.“16

In den folgenden Kapiteln führt Athanasius den Gedanken zu Ende. Weil die Welt eine ist und eine einzige Ordnung hat, darf man „auch nur einen als ihren König und Schöpfer annehmen“.17 Weil die Welt aus Weisheit geschaffen ist, kann ihr Ordner „kein anderer sein als der Logos Gottes“.18 Und weil die Geschöpfe aus dem Nichts kommen und von sich aus hinfällig sind, hält der Logos sie im Dasein, damit sie nicht ins Nichts zurücksinken.19

Papst Tawadros II. fasst diesen Gedanken in einem kurzen Satz zusammen, den man sich merken kann: „Zufall ist nicht Ordnung.“20 Wer die Gesetze der Natur studiert, steht vor einer Ordnung, die nach einem Grund fragt. Die Ordnung der Schöpfung zeigt der Vernunft, dass die Welt kein Werk des Zufalls ist, sondern von einem weisen Schöpfer durch sein Wort (den Logos) geordnet und getragen wird (Röm 1:20; Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 40⁠–⁠41). Wer dieser Gott in seinem inneren Leben ist – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, erkennen wir durch seine Selbstoffenbarung in der Heiligen Schrift und in der Menschwerdung Christi.

Das Gewissen und die Seele

Der dritte Weg führt nach innen. Paulus sagt von Menschen, die das Gesetz des Mose nicht kannten: „Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab“ (Röm 2:15a). Jeder Mensch weiß, dass es Gut und Böse gibt und dass er dem Guten verpflichtet ist – auch wenn er es nicht tut. Athanasius sieht darin ein Zeichen der vernünftigen Seele, die Gott dem Menschen gegeben hat: „… eben gibt es auch Gesetze für die Menschen, das Gute zu tun, das Böse zu lassen.“21 Was das Gewissen ist und warum es gebildet werden muss, hast du in Thema 22 („Schöpfung, Fall und Erlösung“) gelernt.

Für Athanasius ist die Seele selbst der kürzeste Weg zu Gott: „Wohl ist Gott selbst über alles erhaben; doch nicht ebenso ist der Weg zu ihm uns ferne oder außerhalb von uns; vielmehr ist er in uns“.22 Die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Sinn und nach einem Leben, das der Tod nicht beendet, ist eine Spur des Schöpfers im Herzen.

Diesen Weg geht man nicht mit dem Kopf allein. Die Seele schaut Gott, sagt Athanasius, „wenn sie allen angehäuften Unrats der Sünde sich entledigt und nur das reine Abbild bewahrt“; dann sieht sie „wie in einem Spiegel den Logos, das Bild des Vaters“.23 Der Herr sagt es in der Bergpredigt: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5:8). Wer Gott sucht, betet, kehrt um und feiert die Göttliche Liturgie mit. Kein Argument ersetzt das.

Was diese Gründe leisten

Diese drei Wege sind Wegweiser, keine Zwangsbeweise. Sie zeigen, dass der Glaube an Gott vernünftig ist: Er gibt auf die Fragen nach dem Dasein der Welt, ihrer Ordnung und dem Gewissen eine tragfähige Antwort. Aber niemand wird durch ein Argument gezwungen zu glauben; Gott achtet die Freiheit des Menschen. Die Schrift sagt: „wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn geben wird“ (Hebr 11:6).

Der Katechismus zieht daraus eine Folgerung für unsere Zeit. Er beobachtet, dass viele moderne Denker ein falsches Bild von Gott zurückweisen: einen harten und ungerechten Gott. „… brauchen wir heute nicht so sehr die Existenz Gottes zu beweisen, als vielmehr in unserem praktischen Leben von Gottes Liebe zur Menschheit Zeugnis abzulegen.“24 Gott selbst will uns, wie der Katechismus an anderer Stelle sagt, „nicht mit philosophischen Argumenten beschäftigen, sondern uns vielmehr zu sich ziehen, wie ein Vater seine Kinder an sich zieht“.25

Überzeugen kann am Ende nur Gott selbst; wir antworten mit Gründen und mit einem Leben, das seine Liebe zeigt.

Zweifel ernst nehmen

Zweifel gehören zur Erfahrung vieler Gläubiger, gerade junger Menschen. Die Schrift verschweigt das nicht. Ein Vater, dessen Sohn krank war, rief Jesus zu: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9:24b) – und der Herr half ihm. Der Apostel Thomas wollte nicht glauben, bevor er die Wunden gesehen hatte. Jesus wies ihn nicht ab, sondern kam zu ihm und zeigte ihm seine Hände; Thomas bekannte: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20:28b). Dann sagte der Herr: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20:29b).

Papst Schenouda III. gibt einen seelsorglichen Rat für solche Zeiten:

„Wenn Du in Zweifel gerätst in Bezug auf die Existenz Gottes oder der Grundsätze des Glaubens, so fürchte Dich nicht, … und das soll nicht bedeuten, Du verleugnest den Glauben, besonders, wenn Dein Herz den Zweifel ablehnt.“26

Er rät, Gott um Hilfe zu bitten und, wenn die Fragen bleiben, sich an einen Theologen zu wenden, Erklärungen zu verlangen und gute Bücher zu lesen.27 Ein Zweifel ist darum kein Grund, sich zu schämen oder sich von der Kirche zurückzuziehen. Bring ihn ins Gebet, sprich mit deinem Beichtvater und suche ehrlich nach Antworten. Oft wächst der Glaube gerade an einer Frage, die man ernst genommen hat.

Hinter den Zweifeln anderer stehen manchmal Erfahrungen. Der Katechismus berichtet von Menschen, die den Glauben ablehnten, weil man ihnen Gott nur als strengen Richter gezeigt hatte, und von anderen, die sich an Gläubigen stießen, die Andersdenkende herabsetzen.28 Wer einem Zweifelnden begegnet, fragt deshalb zuerst: Welches Bild von Gott hat er? Was hat er mit Christen erlebt?

Begriff
Atheist, Agnostiker

Ein Atheist glaubt nicht, dass es einen Gott gibt: Manche sagen ausdrücklich, es gebe keinen Gott; andere sagen, die Gründe für Gott überzeugten sie nicht. Ein Agnostiker sagt: Ich weiß nicht, ob es Gott gibt; manche meinen, man könne es grundsätzlich nicht wissen. Daneben gibt es Menschen, die zweifeln, und viele, denen die Frage nach Gott einfach gleichgültig geworden ist.

Das Gespräch mit Atheisten

Paulus auf dem Areopag

Die Apostelgeschichte zeigt, wie der Apostel Paulus in Athen mit Philosophen gesprochen hat, die den Glauben an Christus nicht kannten (Apg 17:16⁠–⁠34). Seine Rede auf dem Areopag, dem Hügel, auf dem der Rat von Athen tagte, ist ein Vorbild für jedes Gespräch mit Menschen, die nicht glauben.

  1. Er beginnt mit Achtung. Paulus sagt nicht: „Ihr seid alle verloren.“ Er knüpft an das an, was er gesehen hat: „fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch“ (Apg 17:23).
  2. Er spricht ihre Sprache. Er beginnt mit dem Schöpfer, den auch die Vernunft erkennen kann, und zitiert ihre eigenen Dichter: „… in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art“ (Apg 17:28).
  3. Er zeigt, dass Gott nahe ist. Die Menschen sollten Gott suchen, denn „keinem von uns ist er fern“ (Apg 17:27).
  4. Er verschweigt Christus nicht. Am Ende spricht er von der Umkehr, vom Gericht und von dem Mann, den Gott „vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte“ (Apg 17:31).
  5. Er lässt die Antwort frei. „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (Apg 17:32). Einige aber wurden gläubig (Apg 17:34). Paulus hat nicht alle überzeugt – und das war kein Scheitern.

„Gewinne die Person, nicht die Diskussion“

In einem Gespräch über Gott kann man leicht in einen Wettkampf geraten: Wer hat das bessere Argument, wer behält das letzte Wort? Wer so redet, gewinnt vielleicht die Diskussion, verliert aber den Menschen. Der Gesprächspartner wird zornig, verschließt sich und geht. Darum gilt der Grundsatz: Gewinne die Person, nicht die Diskussion. Wenn der andere spürt, dass du ihn achtest und ihm Gutes willst, bleibt das Gespräch offen – oft über Jahre. Gott wirkt in seiner Zeit; du säst, ein anderer erntet.

Beispiel

Der Katechismus erzählt von einem Ingenieur, einem Freund des Verfassers, der auf einem Schiff den Meeresboden vermaß. An Bord war ein britischer Kollege, ein Atheist, und die beiden wurden Freunde. Nach fünfzehn Tagen, beim Abschied, sagte der Brite: „Noch nie bin ich einem religiösen Menschen begegnet, der sich so aufmerksam und respektvoll mit mir unterhalten hätte. Vielleicht bin ich in einigen Punkten anderer Meinung, aber ich habe beschlossen, mein Leben neu zu bewerten, wenn ich nach Hause zurückkehre, und alles noch einmal zu überdenken, was du mir gesagt hast.“29 Der Ingenieur hat keine Diskussion gewonnen. Aber er hat einen Menschen erreicht.

Für das Gespräch helfen einige einfache Regeln:

  • Zuhören, bevor du antwortest. Frag nach: Was meinst du genau? Seit wann denkst du so? Manchmal liegt hinter der Frage eine Enttäuschung, ein Verlust oder eine schlechte Erfahrung mit Christen. Andere haben sachliche Gründe, etwa das Leid in der Welt oder die Frage nach Belegen; sie verdienen eine sachliche Antwort (Vortrag 2 und 3).
  • Achtung zeigen. Mach dich nicht über die Meinung des anderen lustig, auch wenn sie dir fremd ist. Achtung bedeutet nicht, dass du ihm in allem recht gibst.
  • Bei der Sache bleiben. Beantworte die Frage, die gestellt wurde, nicht zehn andere.
  • Ehrlich sein. Wenn du etwas nicht weißt, sag es – und such die Antwort, etwa im Katechismus, in den Büchern der Väter und Päpste oder im Gespräch mit Abuna. Niemand kennt alle Antworten.
  • Von Christus sprechen. Am Ende geht es nicht um ein höheres Wesen, sondern um Christus, der gekommen ist, um zu dienen und zu retten.
  • Beten. Bete vor dem Gespräch um Weisheit und danach für den anderen.

Im Internet findest du viele Bücher und Videos zur Apologetik. Nicht alle stimmen mit dem Glauben unserer Kirche überein, und manche arbeiten mit Spott oder mit fragwürdigen „Beweisen“. Halte dich an die Heilige Schrift, die Väter, die Bücher der Päpste und den Katechismus.

Der Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg 17:22⁠–⁠34)

Für den Dienst

  • Fragen willkommen heißen. Wenn ein Kind oder Jugendlicher fragt, ob es Gott wirklich gibt, ist das kein Angriff, sondern ein Vertrauensbeweis. Sag zuerst: „Gut, dass du fragst.“ Antworte dann einfach und ehrlich, etwa mit dem Beispiel des Künstlers, den man an seinem Werk erkennt.
  • Altersgerecht antworten. Kleine Kinder brauchen das Staunen über die Schöpfung und die Gewissheit, dass Gott sie liebt. Jugendliche brauchen Gründe, ernst genommene Fragen und Menschen, die ihren Glauben leben.
  • Zweifel junger Diener. Auch Diener zweifeln manchmal. Verschweige deine Fragen nicht aus Angst, ein schlechter Diener zu sein; bring sie zu deinem Beichtvater und ins Gebet.
  • Ein Bild von Gott vermitteln, das stimmt. Viele Menschen lehnen Gott ab, weil man ihnen einen harten Richter gezeigt hat. Mach den Kindern keine Angst vor Gott. Zeig ihnen den Vater, der liebt.
  • Zum Gebet einladen. Gott erkennt man auch im Gebet und in der Liturgie, nicht nur im Gespräch. Lade einen fragenden Jugendlichen ein, mitzubeten oder zur Liturgie zu kommen, ohne ihn zu drängen.
  • Freundschaften über die Kirche hinaus. Deine Mitschüler, Kollegen und Freunde, die nicht glauben, sind nicht deine Gegner. Dein Leben, deine Freundlichkeit und deine Treue sind die erste Antwort auf ihre Fragen.
  • Für dich selbst. Lies diese Woche 1. Petr 3:15⁠–⁠16 jeden Morgen und frag dich: Halte ich Christus in meinem Herzen heilig?

Das Wichtigste in Kürze

  • Apologetik heißt, nach 1. Petr 3:15⁠–⁠16 „Rede und Antwort“ über die Hoffnung zu stehen, die uns erfüllt – bereit, bescheiden und ehrfürchtig und mit einem Leben, das zum Bekenntnis passt.
  • Die Apologeten der alten Kirche, etwa Justin und Athanasius, verantworteten Leben und Lehre der Christen; Athanasius will, dass „niemand wegen mangelnder Erkenntnis“ in die Irre geht (Gegen die Heiden 40). Wahrheit und Liebe gehören zusammen.
  • Glaube und Vernunft widersprechen sich nicht. Gott hat uns Vernunft gegeben; im Glauben erkennen wir mehr, als der Verstand allein erfassen kann. Der Glaube ist eine Gabe des Heiligen Geistes.
  • Schöpfung, Ordnung und Gewissen sind Wegweiser zu Gott (Röm 1:20; Röm 2:15; Athanasius, Gegen die Heiden 35⁠–⁠41); sie sind keine Zwangsbeweise. Wer ein reines Herz hat, wird Gott schauen (Mt 5:8).
  • Heute ist das Zeugnis der Liebe Gottes im Leben oft wichtiger als jeder Beweis.
  • Zweifel sind kein Verrat am Glauben; man bringt sie ins Gebet und sucht ehrlich Antwort.
  • Im Gespräch mit Atheisten gilt: zuhören, achten, an Gemeinsames anknüpfen, von Christus sprechen und die Antwort freilassen – wie Paulus auf dem Areopag. Gewinne die Person, nicht die Diskussion.

Zum Weiterlesen

  • Hl. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 1 und 30⁠–⁠41 (der Weg zu Gott über die Seele und die Schöpfung).
  • Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 2 (Glaube an das Unsichtbare; Glaube und Verstand) und Kap. 9 (was den Glauben schwächt, mit dem Abschnitt über den Zweifel).
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 6, 9, 14, 19⁠–⁠20 (Unterweisung im Glauben; Glaube und Vernunft) und Fr. 154 (Gotteserkenntnis).
  • Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 12 und 14 (Existenz und Einheit Gottes).
  • Hl. Justin der Märtyrer, Erste Apologie, Kap. 1⁠–⁠12.

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 6.↑

  2. Vgl. Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Trypho, Kap. 2⁠–⁠8.↑

  3. Justin der Märtyrer, Erste Apologie, Kap. 3.↑

  4. Vgl. Synaxarium, 7. Baschans, Die Entschlafung des großen Heiligen, des apostolischen Papstes Athanasius, S. 437.↑

  5. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 1.↑

  6. Vgl. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 1.↑

  7. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 40.↑

  8. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1356.↑

  9. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 14; der zweite Satz sinngemäß.↑

  10. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 2.↑

  11. Vgl. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 2.↑

  12. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 3.8.↑

  13. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 152.↑

  14. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 154.↑

  15. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 35.↑

  16. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 38.↑

  17. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 39.↑

  18. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 40.↑

  19. Vgl. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 41.↑

  20. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 13.↑

  21. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 32.↑

  22. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 30.↑

  23. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 34.↑

  24. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 333.↑

  25. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 9.↑

  26. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 9.10.↑

  27. Vgl. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 9.10.↑

  28. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 18.↑

  29. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 19.↑

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