Thema 43 · Vortrag 1
Koptische Kinder und Jugendliche in Europa
Zwischen zwei Kulturen – Grundregeln, Familie und Sprache im Jugenddienst
18 Min. LesezeitDer Diener in der Diaspora
Lernziele
- Fünf Grundregeln des Jugenddienstes in der Diaspora nennen und begründen.
- Typische Spannungen zwischen Generationen und Kulturen und Wege des Gesprächs mit Eltern beschreiben.
- Den Gebrauch der Landessprache im Dienst begründen.
Schlüsselbegriffe
Diaspora · Zugehörigkeit · Mutterkirche · Ortskirche · Grundregeln des Jugenddienstes · Generationen · Elterngespräch · Landessprache
Bibelstellen
Apg 17:26; 1. Petr 1:1; Jer 29:7; Gal 3:28; Phil 3:20; 1. Thess 5:21; Röm 12:2; Dan 1:4; Dan 1:7–8; Dan 1:17; Dan 6:8; Dan 6:11; Apg 16:1; 2. Tim 1:5; Apg 21:39; 1. Kor 9:19–23; Apg 13:16; Apg 13:30; Apg 17:23; Apg 17:28; Apg 17:31; Phil 2:6–8; Mt 13:34; 1. Kor 14:19; 1. Kor 14:40; Röm 12:10; 1. Petr 3:15; Joh 13:34–35; Gal 4:19; Eph 4:4–6; Ex 20:12; Lk 2:51; Apg 15:39; 2. Tim 4:11; Eph 6:1; Eph 6:4; Ps 137:4; 1. Kor 14:15; Spr 13:20; 1. Kor 15:33; Phil 4:8
Inhalt
Die Kinder deiner Sonntagsschulklasse oder der Gruppe, in der du dienst, sind in Europa geboren oder aufgewachsen. In der Schule sprechen sie Deutsch, zu Hause oft Arabisch, und in der Liturgie hören sie Koptisch. Sie leben zwischen zwei Kulturen und fragen sich manchmal, wohin sie eigentlich gehören. Wer in der Diaspora dient, braucht deshalb mehr als einen guten Stundenentwurf. Er muss die Welt der Kinder kennen, mit ihren Eltern sprechen können und wissen, in welcher Sprache er lehrt.
Zwischen zwei Kulturen
Von Gott gesandt
Wie die koptische Kirche nach Europa kam, kennst du aus Buch 1, Kapitel 1 („Wer die Kopten sind“). Für deinen Dienst ist wichtig, wie die Kirche die Auswanderung deutet. Der heilige Papst Kyrillus VI. erklärte oft, „dass diese Familien und Auswanderer von Gott in die Diaspora gesandt worden seien, um das Evangelium Christi zu verbreiten“.1 Die Kirche gedenkt seiner am 30. Amschir.2 Die Familien deiner Gemeinde sind also nicht zufällig hier. Gott hat für die Menschen „bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt“ (Apg 17:26b). Schon die Apostel schrieben an Christen, „die als Fremde … in der Zerstreuung leben“ (1. Petr 1:1).
Als Diaspora bezeichnet man die durch Auswanderung entstandenen Gemeinden einer Kirche außerhalb ihres Ursprungslandes. Für die koptische Kirche sind das die Gemeinden außerhalb Ägyptens, auch die in Europa.
Wie sollen Christen in einem fremden Land leben? Den Verschleppten in Babylon ließ Gott durch den Propheten Jeremia schreiben:
Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.
Die Diaspora ist also kein Feindesland. Der Katechismus sagt: „Damit ein Christ erfolgreich in der Gesellschaft leben und ihre Gesetze und Bräuche beachten kann, muss er mit ihnen gut vertraut sein und sich ihnen gemäß dem Gebot Gottes unterordnen“.3 Koptische Kinder dürfen das Land lieben, in dem sie aufwachsen, für es beten und hier als Christen ihren Weg gehen.
Wer bin ich? Identität und Zugehörigkeit
Viele Jugendliche erleben eine doppelte Fremdheit. Hier gelten sie als „die Ägypter“, in Ägypten als „die aus Europa“. Manche schämen sich, anders zu sein; andere ziehen sich ganz in die eigene Gruppe zurück. Beides tut ihnen nicht gut.
Die Kirche gibt eine tiefere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Durch die Taufe ist jedes Kind ein Kind Gottes und Glied am Leib Christi. In Christus zählt zuerst nicht die Herkunft: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus“ (Gal 3:28). Und: „Unsere Heimat aber ist im Himmel“ (Phil 3:20a). Das macht die irdische Herkunft nicht wertlos. Koptisch zu sein ist ein Erbe der Märtyrer und Väter, und in Europa zu Hause zu sein ist kein Verrat daran.
Zugehörigkeit ist das Gefühl, zur Kirche und zur Gruppe zu gehören. Ein Kind, das sich in seiner Klasse angenommen weiß, trägt Spannungen leichter.
Dass Kinder von Schule, Freunden und Gesellschaft geprägt werden, ist normal und unvermeidlich; es ist nicht von vornherein schlecht. Den Maßstab gibt Paulus: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5:21). Zugleich gilt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist“ (Röm 12:2a).
Daniel und Timotheus – zwischen zwei Welten. Daniel wurde als junger Mann an den Hof von Babylon gebracht, sollte in „Schrift und Sprache der Chaldäer“, also der Babylonier, unterrichtet werden (Dan 1:4b) und bekam einen babylonischen Namen (Dan 1:7). Gott „verlieh diesen vier jungen Leuten Wissen und Verständnis in jeder Art Schrifttum und Weisheit“ (Dan 1:17a). Aber Daniel „war entschlossen, sich nicht mit den Speisen und dem Wein der königlichen Tafel unrein zu machen“ (Dan 1:8a), und auch als ein Erlass verbot, an irgendeinen Gott oder Menschen außer dem König eine Bitte zu richten (Dan 6:8), „kniete er dreimal am Tag nieder“ (Dan 6:11b).
Timotheus war „der Sohn einer gläubig gewordenen Jüdin und eines Griechen“ (Apg 16:1b), ein Kind zweier Kulturen. Seinen Glauben hatte er von seiner Großmutter und seiner Mutter empfangen (2. Tim 1:5); er wurde der treueste Mitarbeiter des Paulus.
Das Vorbild des Paulus
Paulus, „ein Jude aus Tarsus in Zilizien“ (Apg 21:39a), also aus dem Süden Kleinasiens, beschreibt, wie er Menschen ganz verschiedener Herkunft erreicht hat:
Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.
Davor sagt er: „Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen“ (1. Kor 9:19). Den Juden wurde er ein Jude, den Gesetzlosen „sozusagen ein Gesetzloser – nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi“ (1. Kor 9:21a). Und er schließt: „Alles aber tue ich um des Evangeliums willen“ (1. Kor 9:23a).
Wie das aussah, zeigt die Apostelgeschichte. In der Synagoge von Antiochia in Pisidien redet Paulus die „Israeliten“ und die „Gottesfürchtigen“ – Nichtjuden, die den Gott Israels verehrten – an (Apg 13:16b) und erzählt die Geschichte Israels bis zu Jesus. Auf dem Areopag, dem Ratshügel von Athen, knüpft er an einen Altar mit der Aufschrift „EINEM UNBEKANNTEN GOTT“ an (Apg 17:23) und zitiert griechische Dichter (Apg 17:28). Beide Male verkündet er Christus, den Gott „von den Toten auferweckt“ hat (Apg 13:30; vgl. Apg 17:31). Der Inhalt bleibt, die Form passt sich den Hörern an. Die Grenze nennt Paulus selbst. Er bleibt „gebunden an das Gesetz Christi“, macht keine Sünde mit und verändert das Evangelium nicht.
Unsere eigene Kirche ist aus diesem Geist entstanden. Der Katechismus erinnert daran: „Als der heilige Markus in Ägypten predigte, sprach er vom einen Christus. Die Ägypter feierten ihren Gottesdienst in ihrer eigenen kulturellen Prägung, jedoch im wahren apostolischen Geist“.4 So soll es heute auch in Europa geschehen.
Der heilige Augustinus schrieb für einen Diakon, der Taufbewerber unterrichtete, die Schrift Vom ersten katechetischen Unterricht, also von der ersten Unterweisung im Glauben. Darin spricht er über den Unmut, den ein Lehrer spürt, wenn er sich auf langsame Hörer einstellen muss. Er erinnert daran, dass Christus sich selbst entäußert, also seine göttliche Herrlichkeit nicht festgehalten, sondern sich erniedrigt hat (Phil 2:6–8), und fragt:
Aus welchem anderen Grund tat er dies, als nur deshalb, weil er schwach wurde für die Schwachen, um die Schwachen für sich zu gewinnen? … Darum ist er [Paulus] klein geworden unter uns, wie eine Amme, die ihrer Kinder wartet. Ist es etwa ein Vergnügen, abgebrochene und verstümmelte Worte vorzulallen, wenn nicht die Liebe dazu einlädt?5
Papst Schenouda III. sagt es kurz: „Du musst also für das Kind zum Kind werden, damit du das Kind gewinnen kannst.“6 In der Diaspora heißt das auch, für die Jugendlichen, die hier aufwachsen, einer zu werden, der ihre Welt versteht.
Fünf Grundregeln für den Jugenddienst in der Diaspora
Aus der Erfahrung des Jugenddienstes in der Diaspora sind fünf Grundregeln gewachsen. Jede hat ihren Grund in der Schrift und in der Lehre der Kirche.
1. Klar und in der Sprache der Kinder sprechen
Bereite jedes Thema genau und klar vor, in der Sprache, die die Kinder am besten verstehen; für die meisten ist das Deutsch. Nimm Beispiele aus ihrem Leben: aus Schule, Familie, Freundeskreis und Sport. Erkläre jedes arabische, koptische oder theologische Wort, und beschäme kein Kind, weil es wenig Arabisch kann.
Begründung: Christus sprach in Bildern aus dem Alltag: „er redete nur in Gleichnissen zu ihnen“ (Mt 13:34b). Paulus will „lieber fünf Worte mit Verstand reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln“ (1. Kor 14:19), also in einer Sprache, die die Hörer nicht verstehen. Auch die Kirche achtet in ihren Liturgien darauf, „dass die Worte klar ausgesprochen und leicht verständlich sind, damit alle daraus Nutzen ziehen können“.7
2. Verlässlich, pünktlich und respektvoll sein
Die Kinder leben in einer Gesellschaft, in der Ordnung und Pünktlichkeit viel gelten. Beginne und schließe pünktlich, halte, was du zusagst, und sei vorbereitet. Begegne jedem Kind mit Achtung: Hör zu, ohne zu unterbrechen, und wähle Worte, die Respekt zeigen.
Begründung: Ordnung ist mehr als Anpassung an die Umgebung; sie ist ein Zeichen der Liebe und der Ehrfurcht. „Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen“ (1. Kor 14:40). Und: „Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ (Röm 12:10). Jedes Kind trägt das Bild Gottes.
3. Im Gespräch führen, nicht mit Befehlen
Jugendliche in Europa sind es gewohnt, Fragen zu stellen und Gründe zu hören. Ein ehrliches Gespräch überzeugt sie mehr als jede Anordnung. Nimm ihre Fragen ernst, auch kritische, und bereite dich vor, damit du kundig antworten kannst. Weißt du etwas nicht, sag es und frag nach.
Begründung: Papst Tawadros II. sagt über die Erziehung: „Heutzutage ist es beispielsweise nicht mehr akzeptabel, Diskussionen mit unseren Kindern zu haben, in denen wir ihnen Befehle erteilen; es wäre besser, eine offene Diskussion zu führen und zu versuchen, zu verhandeln.“8 Die Schrift verlangt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1. Petr 3:15b). Das Gespräch macht den Glauben nicht beliebig: Was die Kirche lehrt, erklärt und begründet der Diener; Maßstab bleibt ihre Lehre (vertieft in Thema 42, „Glaube und Vernunft“). Die Kinder hören auf ihre Eltern (Eph 6:1), und ihre Erziehung bleibt Sache der Eltern (Eph 6:4); der Diener unterstützt sie darin.
4. Lieben und eine geistliche Beziehung aufbauen
Kinder und Jugendliche brauchen Zuwendung. Merk dir ihre Namen und was sie dir aus ihrem Leben erzählen. Achte darauf, wenn jemand fehlt, und schenke ihnen deine Aufmerksamkeit. Bete täglich für sie und führe sie zum Gebet, zur Beichte und zur heiligen Kommunion.
Begründung: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid“ (Joh 13:34b–35a). Paulus schreibt den Galatern von „meinen Kindern, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt“ (Gal 4:19). Eine geistliche Beziehung ist offen und wird nie zu einer heimlichen Sonderbeziehung; du achtest Nähe und Distanz, wie Thema 2 („Vorbild, Verhalten und Schutz“) es beschreibt.
5. Treu zur Mutterkirche und zu ihrem Glauben stehen
Verbinde die Kinder mit der Mutterkirche, der Koptisch-Orthodoxen Kirche mit ihrem Glauben, ihren Heiligen, ihrer Liturgie und ihrer Ordnung. Lehre in jedem Thema den orthodoxen Glauben mit reichlich Beispielen aus der Schrift. Eine Stunde, die „modern“ wirkt, aber den Glauben verwässert, hilft niemandem.
Begründung: „Ein Leib und ein Geist …; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“ (Eph 4:4a.5–6a). Der Katechismus erklärt, dass jede Ortskirche „diesen einen Glauben durch ihre eigene Sprache, ihre liturgischen Riten, Hymnen, die heiligen Gewänder ihrer Geistlichen usw. zum Ausdruck“ bringt, „ohne die Einheit des Glaubens zu verlieren“.9
Eltern und Familie – Generationen im Gespräch
Die Eltern ehren und unterstützen
Die erste Verantwortung für ein Kind tragen seine Eltern; der Diener ersetzt sie nicht, er unterstützt sie (Buch 1, Kapitel 10, „Der Diener – Verhalten und Vorbild“). Die Schrift sagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ (Ex 20:12a), und Christus selbst „war ihnen gehorsam“ (Lk 2:51a). Der Katechismus sagt: „Niemandem liegt das Wohl, das Gedeihen und der Erfolg eines Menschen mehr am Herzen als seinen Eltern.“10
Typische Spannungen
Zwischen Eltern und Kindern in der Diaspora entstehen leicht Spannungen. Sie sind meist kein Zeichen fehlender Liebe, sondern Folgen der Lage:
- Zwei Erfahrungswelten. Die Eltern sind oft in Ägypten aufgewachsen, die Kinder in Europa. Papst Tawadros II. warnt: „Es ist ein großer Fehler, seinen Kindern zu sagen: ‚Als ich so alt war, wie du, habe ich dies oder jenes gemacht‘.“ In einer sich schnell verändernden Welt passen solche Worte nicht mehr.11
- Zwei Sprachen. Die Kinder sprechen oft besser Deutsch als Arabisch, die Eltern umgekehrt; dann verstehen sie einander manchmal nur halb.
- Unterschiedliche Erwartungen. Bei Freunden, Ausgehen, Kleidung, Handy und Schule erlauben koptische Eltern nicht immer, was Mitschülern erlaubt ist. Die Kinder vergleichen, die Eltern sorgen sich.
- Sorge und Rückzug. Eltern fürchten, ihre Kinder an die fremde Kultur zu verlieren, und werden strenger. Ältere erwarten leicht, dass die Jüngeren einfach ihrem Weg folgen; Jüngere schätzen leicht die Erfahrung der Älteren gering. Oft fehlt das Gespräch über das, was beide wollen.
- Kirche und Alltag. Liturgie, Fasten und Feste stoßen auf Schularbeiten, Training und Prüfungen.
Auch unter Heiligen gab es Spannungen. Paulus und Barnabas stritten, ob sie Johannes Markus mitnehmen sollten: „Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, so dass sie sich voneinander trennten“ (Apg 15:39a). Später schreibt Paulus: „Bring Markus mit, denn er wird mir ein guter Helfer sein“ (2. Tim 4:11b). Der Streit war nicht das letzte Wort. Und dieser Markus brachte nach der Überlieferung unserer Kirche das Evangelium nach Ägypten.
Was die Schrift über das Gespräch sagt
Die Schrift verlangt von beiden Seiten etwas: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist“ (Eph 6:1) und „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn!“ (Eph 6:4). Der Katechismus folgert: Der Herr „gab den Kindern das Recht, mit ihren Eltern zu sprechen und ihre Gründe vorzubringen, gebot ihnen aber, ihnen im Herrn zu gehorchen (Eph 6:1)“.12 Gehorsam und Gespräch schließen einander nicht aus.
Wege des Gesprächs mit Eltern
Der Diener steht oft zwischen den Generationen. Er ist eine Brücke, kein Richter:
- Sieh die Eltern als Verbündete. Sprich vor den Kindern nie schlecht über ihre Eltern, und begegne ihnen mit Respekt, auch wenn du manches anders siehst.
- Hör zuerst zu. Hinter der Strenge vieler Eltern stehen Sorge und Liebe. Frag, was sie sich für ihr Kind wünschen und wovor sie Angst haben.
- Erzähl zuerst Gutes. Berichte, was ihr Kind gut macht, bevor du eine Schwierigkeit ansprichst.
- Arbeite mit ihnen zusammen. Sag den Eltern, was ihr in der Stunde lernt. Papst Schenouda III. wünscht, dass die Eltern das Kind nach der Lektion fragen, die es gehört hat.13
- Ergreif nicht Partei. Ermutige Jugendliche, ehrlich und respektvoll mit ihren Eltern zu reden. Fragen dich Eltern, was ihre Kinder in der Gruppe beschäftigt, antworte offen, ohne Anvertrautes preiszugeben. Entscheidungen der Familie triffst nicht du.
- Sprich die Sprache der Eltern. Kannst du nicht gut Arabisch, nimm einen Mitdiener mit, der es kann, und gib Informationen wenn nötig zweisprachig weiter.
- Kenne deine Grenzen. Größere Konflikte in einer Familie besprichst du mit Abuna, dem Priester der Gemeinde. Ist ein Kind in Not, versprichst du keine Geheimhaltung und sprichst sofort mit Abuna; er zieht je nach Lage die Eltern und weitere Hilfen hinzu. Ist ein Kind in akuter Gefahr, handelst du selbst und sofort und rufst den Notruf.
Sprache in Unterricht und Gottesdienst
Geschichte und Wert des Koptischen behandelt Thema 39 („Die koptische Sprache“). Der Katechismus fragt, ob es zulässig ist, die koptischen Hymnen „in die Sprache zu übersetzen, die die Menschen verstehen“, und antwortet:
„Unser Stolz auf die koptischen Kirchenhymnen bedeutet nicht, dass wir die Kirchenhymnen anderer Traditionen – etwa der syrischen, armenischen oder äthiopischen – geringschätzen oder außer Acht lassen sollen. Zugleich müssen wir die Gläubigen berücksichtigen, die am Gottesdienst teilnehmen, und uns bemühen, diese Kirchenhymnen in die Sprachen zu übersetzen, die die Menschen vor Ort sprechen, wie dies gegenwärtig in der Diaspora geschieht.“14
Die Kirche bewahrt also ihre Hymnen, und sie übersetzt sie in die Sprache des Landes, die Landessprache, damit die Menschen verstehen, was sie beten. Papst Tawadros II. sagt es noch deutlicher:
Unsere Kirchen in der Diaspora beten in der jeweiligen Landessprache, sei es Englisch, Deutsch, Schwedisch, Französisch usw. Entwicklung ist zwingend notwendig! Das Beharren auf dem Beten in nur einer Sprache kann zum Verlust vieler Seelen führen.15
Der Katechismus begründet das mit dem Auftrag der Kirche für die ganze Welt: Sie „darf sich niemals auf eine ethnische Gemeinschaft beschränken und auch keine bestimmte Sprache zur Pflicht machen; sie trägt weltweite Verantwortung“.16 Sein Verfasser hofft sogar, dass gerade „die Jugendlichen in den Einwanderungsländern“ den Glauben einmal neu darstellen, „in einer Sprache und einem Stil, die der Kultur der dortigen Kirche entsprechen und zugleich der orthodoxen Denkweise treu bleiben“.17
Die Verschleppten in Babylon klagten: „Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?“ (Ps 137:4; LXX 136). Die Kirche in der Diaspora singt sie, in der Sprache der Väter und in einer Sprache, die ihre Kinder verstehen. Für deinen Dienst heißt das:
- Unterrichte und bete in der Sprache, die die Kinder am besten verstehen, meist also Deutsch. Paulus will „nicht nur im Geist beten, sondern auch mit dem Verstand“ (1. Kor 14:15). Lernverse lernen die Kinder in der Übersetzung, die die Gemeinde gebraucht.
- Führe die Kinder zum Koptischen hin, statt es ihnen zu verleiden: Lerne mit ihnen die Antworten und Hymnen der Liturgie und erkläre, was sie bedeuten.
- Halte dich an die Ordnung deiner Gemeinde. Wie viel in der Liturgie koptisch, arabisch oder deutsch gebetet wird, ordnet die Kirche vor Ort, nicht der einzelne Diener.
Die Kirche schätzt die koptischen Hymnen und bewahrt sie. Zugleich übersetzt sie Hymnen und Gebete in die Sprachen, die die Menschen vor Ort sprechen, „wie dies gegenwärtig in der Diaspora geschieht“ (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1068). Darum dient der Diener in der Diaspora in der Sprache, die die Kinder verstehen.
Schule, Freunde, soziale Medien
Papst Schenouda III. beschreibt, wie ein Kind in der Schule zum ersten Mal vielen Menschen außerhalb der Familie begegnet, Lehrern und Mitschülern, die sein Denken prägen. Darum rät er: „Hier müssen wir uns mit dem Kind anfreunden, damit es nichts vor uns verbirgt.“18
Schule. In der Klasse ist ein koptisches Kind oft das einzige seiner Kirche. Es wird gefragt, warum es fastet oder was Kopten glauben; wie es antworten kann, zeigt der zweite Vortrag. Nimm Leistungsdruck ernst und wecke keine Schuldgefühle, wenn Schule und Kirche einander in die Quere kommen.
Freunde. „Wer mit Weisen unterwegs ist, wird weise“ (Spr 13:20a), aber: „Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten“ (1. Kor 15:33b). Das heißt nicht, dass koptische Kinder nur koptische Freunde haben sollen. „Weder die Kirche noch ein einzelner Mensch als lebendiges Glied der Kirche sollte anderen gegenüber eine ablehnende oder gleichgültige Haltung einnehmen“; Freundschaften sollen „aus aufrichtiger Liebe hervorgehen, die eine göttliche Gabe ist“.19 Ermutige die Jugendlichen zu guten Freundschaften und zu einer Gemeinschaft in der Kirche, in der sie sich zu Hause fühlen.
Soziale Medien. Was Kinder online sehen und teilen, prägt sie. Ein guter Maßstab ist das Wort des Apostels: „Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ (Phil 4:8). Sei selbst Vorbild im Umgang mit dem Handy (Buch 1, Kapitel 10) und sprich mit den Jugendlichen über einen gesunden Gebrauch. Nähe und Distanz gelten auch am Handy: Du suchst keine heimliche Sonderbeziehung zu einem Kind.
Für den Dienst
- Kenne die Welt deiner Kinder. Frag nach Schule, Freunden und Sorgen. Unterstelle nichts; jede Familie ist anders.
- Prüfe jede Lektion an den fünf Grundregeln: Ist meine Sprache klar? Bin ich vorbereitet und pünktlich? Lasse ich Fragen zu? Spüren die Kinder meine Liebe? Lehre ich den Glauben der Kirche?
- Such das Gespräch mit den Eltern, nicht erst, wenn es Probleme gibt, und plane die Sprache deiner Lektionsreihe: Welche Wörter musst du erklären, welche koptische Antwort lernt ihr?
- Bete für deine Stadt und dein Land (Jer 29:7) und lass die Kinder dafür beten. Du dienst nicht allein; Abuna, die Leitung des Dienstes und erfahrene Mitdiener helfen dir.
Das Wichtigste in Kürze
- Der heilige Papst Kyrillus VI. sah die koptischen Familien in der Diaspora als „von Gott … gesandt“, um das Evangelium zu verbreiten; Christen suchen das Wohl des Landes, in dem sie leben (Jer 29:7).
- Die tiefste Identität eines koptischen Kindes ist die des getauften Kindes Gottes (Gal 3:28; Phil 3:20). Für die Kultur gilt: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5:21).
- Paulus sagt: „Allen bin ich alles geworden“ (1. Kor 9:22b), und bleibt doch „gebunden an das Gesetz Christi“: Der Inhalt bleibt, die Form passt sich den Hörern an.
- Die fünf Grundregeln des Jugenddienstes in der Diaspora: klar und in der Sprache der Kinder sprechen; verlässlich und respektvoll sein; im Gespräch führen, nicht mit Befehlen; lieben und geistlich begleiten; treu zur Mutterkirche und zu ihrem Glauben stehen.
- Spannungen zwischen den Generationen entstehen aus zwei Erfahrungswelten, zwei Sprachen und unterschiedlichen Erwartungen. Die Schrift verlangt von den Kindern Gehorsam „vor dem Herrn“ und von den Vätern, ihre Kinder nicht zu reizen (Eph 6:1–4); Kinder dürfen ihre Gründe vorbringen (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1222).
- Im Gespräch mit Eltern ist der Diener eine Brücke, kein Richter: Er hört zu, berichtet Gutes, arbeitet mit ihnen zusammen, spricht ihre Sprache und kennt seine Grenzen.
- Die Kirche übersetzt ihre Hymnen in die Sprachen, „die die Menschen vor Ort sprechen“ (Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1068). Darum unterrichtet der Diener in der Sprache, die die Kinder verstehen, und führt sie zugleich zum Koptischen hin.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 2, Fr. 1066–1068, Fr. 1222 und Fr. 1296–1299.
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Vorwort (S. 7), Fr. 4, Phase 9, und Fr. 92.
- Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 4–5 und 15–25.
- Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, S. 13 und 47–49.
- Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 10–12.
Anmerkungen
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑
Vgl. Synaxarium, 30. Amschir, Die Entschlafung von Papst Kyrillus VI., S. 317.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1299.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑
Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, Kap. 10,15. Eine Amme ist eine Frau, die fremde Kinder stillt und versorgt.↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Dich auf sein Niveau herablassen“ (S. 13).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1067.↑
Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 20.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1222.↑
Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, Vorwort (S. 5).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1222.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Sonntagsschulen“ (S. 48–49).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1068.↑
Papst Tawadros II., Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen, S. 16.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 92.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Vorwort (S. 7).↑
Papst Schenouda III., Wie man mit den Kindern umgeht, Abschnitt „Breitere Gesellschaft“ (S. 47–48).↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1297.↑