Thema 42 · Vortrag 3
Leid, der Gott des Alten Testaments und schwierige Bibelstellen
Warum Gott Leid zulässt und wie wir schwere Texte der Schrift mit der Kirche lesen
18 Min. LesezeitGlaube und Vernunft
Lernziele
- Leid mit freiem Willen, dem Bösen als Mangel, Erziehung, Kreuz und Hoffnung erklären.
- Zwei schwierige Bibelstellen nach kirchlichen Grundsätzen auslegen.
Schlüsselbegriffe
Leid · das Böse als Mangel · freier Wille · Erziehung durch Gott · Kreuz · Hoffnung · Barmherzigkeit und Gerechtigkeit · Gott des Alten Testaments · Gebote für das Heil · Krieg des Herrn · wörtlicher und übertragener Sinn · Hyperbel
Bibelstellen
Ps 10:1; Joh 11:35; Gen 50:20; Ijob 2:10; Lk 13:1–5; Joh 9:1–3; Hebr 12:11; Röm 8:18; Offb 21:4; Hebr 4:15; Mt 5:17; Mt 5:21–22; Ex 21:23–25; Dtn 19:18–21; Mt 5:38–39; Kol 2:17; Gen 6:5–6; 1. Petr 3:20; 2. Petr 3:9; Ex 12:12; Ex 7:3–5; Ex 8:28; Röm 1:24; Ex 12:29; Ex 1:22; Ex 4:22–23; Dtn 20:16–18; 1. Sam 15:3; 1. Sam 17:46–47; 2. Kön 18:33–35; 1. Sam 5:3; Ps 96:5; Dtn 12:31; Dtn 9:4–5; Ri 2:11–14; Dtn 32:39; Gen 15:16; Ez 33:11; Jos 6:25; Hebr 11:31; Dtn 29:28; Eph 6:12; Mt 5:44; Mt 11:29–30; Lk 13:21; Mt 16:12; Gal 5:9; Ps 137:1.9; Mk 10:25.27; Mt 5:29; Lk 22:36–38; Mt 26:52; Jos 8:1–2; Ex 20:5; Ez 18:20; Röm 11:33
Inhalt
Die schwerste Frage an den Glauben ist oft nicht die nach dem Beweis, sondern die nach dem Leid: Wenn Gott gut und allmächtig ist, warum gibt es Krieg, Krankheit und den Tod von Kindern? Viele stoßen sich auch an Texten des Alten Testaments, in denen Gott hart und kriegerisch erscheint, und an Bibelstellen, die sie nicht verstehen. Die Kirche weicht diesen Fragen nicht aus. Du brauchst ihre Antworten, denn Leid und Bilder von Kriegen erreichen auch die Kinder, die dir anvertraut sind.
Die Frage nach dem Leid ernst nehmen
Die Schrift kennt die Klage des Leidenden. Der Psalm betet: „Herr, warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not?“ (Ps 10:1). Ijob ringt mit Gott, und am Grab seines Freundes Lazarus heißt es von Jesus: „Da weinte Jesus“ (Joh 11:35). Gott verbietet die Klage nicht. Wer leidet, braucht zuerst nicht eine Erklärung, sondern einen Menschen, der bei ihm bleibt.
Die Frage nach dem Leid ist aber auch eine Frage des Denkens. Die Antworten der Kirche lösen das Geheimnis nicht ganz auf; sie zeigen aber, dass Gottes Güte und das Leid der Welt sich nicht widersprechen. Fünf Gedanken gehören zusammen: das Böse als Mangel, der freie Wille, die Erziehung durch Gott, das Kreuz und die Hoffnung.
Woher kommt das Böse?
Das Böse ist ein Mangel, keine Macht neben Gott
Manche alten Religionen und Irrlehren meinten, es gebe zwei ewige Mächte, eine gute und eine böse, die miteinander kämpfen. Die Kirche hat das immer abgelehnt. Gott hat alles gut geschaffen; das Böse ist kein Geschöpf und keine eigene Substanz, also nichts, was für sich selbst besteht. Der heilige Athanasius beruft sich auf die Wahrheit, „wie sie in der kirchlichen Lehre liegt“:
Danach kommt das Böse nicht von Gott, noch ist es in Gott, noch ist es von Anfang dagewesen, noch ist es irgendeine Substanz, vielmehr begannen die Menschen in Ermangelung der Vorstellung vom Guten sich auszudenken und einzubilden, was nicht ist und ihnen beliebt.1
Er vergleicht den Menschen, der sich vom Guten abwendet, mit jemandem, der bei hellem Sonnenschein die Augen schließt und dann im Dunkeln umherirrt und stürzt – obwohl das Licht da ist.2 In einem Satz: „Das Seiende ist aber das Gute, das Nichtseiende das Böse.“3
Der heilige Basilius der Große lehrt dasselbe: Das Böse ist „keine lebende, beseelte Substanz“, sondern „ein der Tugend entgegengesetzter Seelenzustand“, der aus dem Abfall vom Guten entsteht. Daraus folgt eine ernste Mahnung: „Suche daher das Böse nicht außer dir, noch denke an eine ungezeugte Substanz des Bösen; vielmehr sehe sich jeder selbst als den Urheber seiner Bosheit an!“4
Das Böse ist nicht etwas, das Gott geschaffen hätte, und keine Macht neben Gott. Es ist das Fehlen des Guten, so wie die Finsternis das Fehlen des Lichtes ist. Es entsteht, wo sich ein freies Geschöpf vom Guten abwendet.
Bedrängnis ist nicht dasselbe wie Sünde
Die Schrift gebraucht das Wort „böse“ in zwei Bedeutungen. Papst Schenouda III. erklärt: „Böse“ kann „Sünde“ bedeuten – das kann niemals von Gott kommen –, es kann aber auch „Bedrängnisse“ und „Nöte“ bedeuten. In diesem Sinn sagt Gott bei Jesaja: „ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil“ (Jes 45:7b). Ijob sagt zu seiner Frau: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2:10). Er meint den Verlust seiner Kinder und seines Besitzes, nicht eine Sünde.5
Basilius unterscheidet ebenso: Das eigentliche Böse ist die Sünde. „Krankheit, Armut, Schande, Tod und alle anderen Widerwärtigkeiten des Lebens“ dagegen „können nicht so recht zu den Übeln gerechnet werden“; denn „die einen von ihnen sind natürliche Folgen, die andern scheinen vielen davon Betroffenen von Nutzen zu sein“.6 Dass der Mensch überhaupt krank wird und stirbt, ist eine Folge des Falls (Thema 22). Aber daraus folgt nicht, dass jeder, der leidet, mehr gesündigt hätte als andere. Als man Jesus von Galiläern berichtete, die Pilatus hatte töten lassen, fragte er: „Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?“ Und er antwortete selbst: „Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt“ (Lk 13:2–3). Dasselbe sagt er von den achtzehn Menschen, die ein einstürzender Turm erschlagen hatte (Lk 13:4–5). Das Unglück anderer ist kein Urteil über sie, sondern ein Ruf an alle zur Umkehr.
Warum lässt Gott Leid zu?
Der freie Wille
Gott hat den Menschen aus Liebe frei geschaffen; denn Liebe lässt sich nicht erzwingen.7 Die Freiheit ist ein Geschenk, aber sie schließt die Möglichkeit ein, Böses zu tun. Ein großer Teil des Leids in der Welt – Kriege, Gewalt, Ungerechtigkeit, Armut durch Habgier – kommt aus dem Missbrauch dieser Freiheit.
Gott achtet die Freiheit auch dann, wenn Menschen sie missbrauchen; aber er überlässt die Welt nicht dem Bösen. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt: „Wenn Gott seinen vernunftbegabten Geschöpfen Willensfreiheit schenkt, lässt er zu, dass sie sogar ihren bösen Willen verwirklichen, und wendet zugleich das Böse zum Guten.“8 Er nennt Josef, den seine Brüder als Sklaven verkauft hatten. Josef sagt später zu ihnen:
Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten.
Gott weiß im Voraus, was Menschen tun; aber „dieses Vorherwissen veranlasst uns nicht dazu, zu sündigen oder Böses zu tun. Vielmehr gehen unsere Handlungen aus unserem eigenen freien Willen hervor“.9 Papst Schenouda III. ermutigt darum jeden, der meint, sein Leben sei von Gott festgelegt: „Die Angelegenheit ist noch immer in deiner Hand.“10
Erziehung
Manches Leid gebraucht Gott, um uns zu erziehen und zu heilen. Der Hebräerbrief sagt: „Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Schmerz; später aber schenkt sie denen, die durch diese Schule gegangen sind, als Frucht den Frieden und die Gerechtigkeit“ (Hebr 12:11). Der Katechismus erklärt, dass Gott in diesem Leben nie aus Rache züchtigt, sondern damit der Sünder nicht dem Gericht verfällt: „Die göttliche Strafe entspringt nicht dem Zorn; Gott ist wahrhaft zugleich gerecht und gut. Wenn er Menschen bestraft, dient seine Strafe niemals der Vergeltung, sondern stets der Erziehung und Heilung.“11 Von den Bedrängnissen, von denen Ijob spricht, sagt Papst Schenouda III.: „Er beabsichtigt sie und Er erlaubt sie zur Züchtigung der Menschen oder um sie zur Reue zu bewegen oder auch wegen irgendeines geistigen Nutzens, der durch die Anfechtungen zustande kommt.“12
Er vergleicht Gott auch mit einem Vater, der seinem Kind das Schwimmen beibringt: Er lässt es üben, beobachtet es aufmerksam und ist sofort da, wenn es in Gefahr gerät.13
Die Zeiten der Not sind für uns eine Schule, in der wir beten lernen und das Festhalten an Gott praktizieren.14
Dabei gilt eine klare Grenze. Nicht jedes Leid ist eine Strafe für eine bestimmte Sünde. Einem kranken Kind oder einer trauernden Familie sagt man niemals: „Das ist die Strafe Gottes.“ Das wäre grausam und falsch.
Das Kreuz
Als die Jünger einen Mann sahen, der von Geburt an blind war, fragten sie, wer gesündigt habe. Jesus antwortete:
Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.
Dann heilte er ihn. Die Antwort Gottes auf das Leid ist nicht zuerst eine Erklärung, sondern Christus selbst. Er hat das Leid nicht von außen betrachtet, sondern ist in es eingetreten: Er hat gehungert, geweint, Verrat, Schmerz und Tod erlitten. Darum ist er einer, „der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4:15b). Am Kreuz hat er das schlimmste Unrecht, das je geschah, in die Erlösung der Welt verwandelt. Wer leidet, ist nicht von Gott verlassen; er steht dort, wo auch Christus stand.
Die Hoffnung
Das Leid hat nicht das letzte Wort. Paulus sagt: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8:18). Über die Vollendung heißt es: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal“ (Offb 21:4a). Die Auferstehung Christi ist die Gewähr dieser Hoffnung (zweiter Vortrag).
Zur Ehrlichkeit gehört auch die Demut. Wir können nicht jedes Leid erklären. Der Katechismus erinnert an das Staunen des Paulus über die unergründlichen Wege Gottes.15 Paulus rief: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11:33).
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind eins
Manche stellen sich vor, in Gott kämpften Barmherzigkeit und Gerechtigkeit miteinander: Im Alten Testament habe die Gerechtigkeit gesiegt, im Neuen die Barmherzigkeit. Papst Schenouda III. widerspricht:
Es gibt überhaupt keinen Widerspruch zwischen Gottes Gerechtigkeit und Seiner Barmherzigkeit. Seine Barmherzigkeit ist voll von Gerechtigkeit. Und Seine Gerechtigkeit ist voll von Barmherzigkeit. Er ist gerecht in Seiner Barmherzigkeit und barmherzig in Seiner Gerechtigkeit.16
Am Kreuz und in der Auferstehung gehören Sühne und Heilung zusammen: Christus gab sich für uns dem Vater dar, besiegte den Tod und erneuert den Menschen.17 Darin wirken Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gemeinsam.
Der Gott des Alten Testaments
Ein und derselbe Gott
Schon im 2. Jahrhundert lehrten manche, der Gott des Alten Testaments sei ein anderer, strenger Gott als der Vater Jesu Christi. Die Kirche hat diese Lehre verworfen. Der heilige Johannes Chrysostomus antwortet auf diesen Einwand:
Wir sagen, der Gesetzgeber der beiden Testamente sei ein und derselbe Gott, der alles ordnet, wie es sich gebührt, und die Verschiedenheit der beiden Gesetze dem Unterschied der Zeiten angepasst hat.18
Gott erzieht sein Volk Schritt für Schritt
Der Schlüssel ist die Geduld Gottes, der die Menschen dort abholt, wo sie stehen. Der heilige Irenäus von Lyon sagt über das Gesetz des Mose: „… war das Gesetz ein Zuchtmittel für sie und eine Vorherverkündigung der zukünftigen Güter.“19 Doch nicht jedes Gebot dient demselben Zweck:
- Gebote für das Heil. Das sind vor allem die Zehn Gebote, die Gott nach Irenäus „den Menschen in das Herz geschrieben“ hat: „Ohne diese gibt es kein Heil“. Christus hat sie nicht aufgehoben, sondern erfüllt und vertieft (Mt 5:17.21–22) und schenkt die Gnade, sie aus Liebe zu halten; darum „dauern sie … auch bei uns fort“.20 Das Sabbatgebot erfüllt sich im Sonntag (Thema 12, Vortrag 1).
- Gesetze für das Leben des Volkes. Viele Gesetze ordneten das Zusammenleben Israels wie Gesetze und Gerichte eines Staates, etwa „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ (Ex 21:24; vgl. Dtn 19:18.21); dieses Gesetz setzte der Rache eine Grenze.21 Chrysostomus erklärt: „Gott hat ja dieses Gesetz nicht deshalb gegeben, damit wir anderen die Augen ausreißen, sondern damit die Furcht vor Wiedervergeltung uns abschrecke, anderen so etwas zu tun.“22 Diese Rechtsordnung galt Israel in seiner Zeit; Christus führt weiter: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand“ (Mt 5:39a).
- Vorschriften für den Gottesdienst. Opfer, Beschneidung und Speisegebote waren Vorbilder; ihre Wirklichkeit ist Christus (Kol 2:17).23
Sintflut, Plagen und Kriege
- Die Sintflut. Die Schrift sagt, dass die Bosheit der Menschen überhandnahm, und fügt hinzu: „es tat seinem Herzen weh“ (Gen 6:6). Gott richtet nicht ohne Schmerz und nicht ohne Geduld (1. Petr 3:20); er will nicht, „dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren“ (2. Petr 3:9). Solche Worte sind Bilder aus unserem Leben: „Die Bibel bedient sich einer den Menschen vertrauten Sprache, damit die Menschen die Botschaft verstehen können.“24
- Die Plagen in Ägypten. Sie richteten sich gegen ein Unrecht, die Sklaverei eines ganzen Volkes, und zugleich gegen die Götter Ägyptens, deren Ohnmacht sie zeigten: „Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der Herr“ (Ex 12:12b).25 Ihr Ziel war die Befreiung Israels und die Erkenntnis Gottes (Ex 7:5). Die Schrift sagt, Gott werde das Herz des Pharao verhärten (Ex 7:3), aber auch, der Pharao „verschloss sein Herz“ (Ex 8:28): Gott zwingt niemanden zum Bösen, sondern überlässt den, der hartnäckig bleibt, seinen eigenen Begierden (Röm 1:24).26 Am schwersten wiegt die letzte Plage, der Tod der Erstgeborenen: „Es war Mitternacht, als der Herr alle Erstgeborenen in Ägypten erschlug“ (Ex 12:29a). Zuvor hatte der Pharao alle neugeborenen Knaben der Hebräer in den Nil werfen lassen (Ex 1:22), und Gott hatte ihn gewarnt (Ex 4:22–23). Der heilige Irenäus sieht in jener Nacht vor allem die Rettung durch das Blut des Lammes, in der Gott „im geheimnisvollen Symbol das Leiden Christi“ zeigte.27 Schwer bleibt die Stelle trotzdem.
- Die Kriege Israels. Die Schrift sagt offen, dass Gott Israel solche Kriege befahl; im Gesetz heißt es von den Städten Kanaans: „darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen“ (Dtn 20:16; vgl. Jos 8:1–2; 1. Sam 15:3). Doch sie erzählt diese Kriege nicht einfach als Kampf eines Volkes gegen ein anderes, sondern als „Krieg des Herrn“ (1. Sam 17:47b) gegen die Götzen. Damals meinte man, im Sieg eines Volkes siege sein Gott (vgl. 2. Kön 18:33–35); darum stellten die Philister die erbeutete Bundeslade in den Tempel ihres Gottes Dagon. Am nächsten Morgen lag Dagon „vor der Lade des Herrn mit dem Gesicht auf dem Boden“ (1. Sam 5:3a).28 Gegen den wahren Gott kann niemand einen Krieg gewinnen: „Alle Götter der Heiden sind nichtig“ (Ps 96:5a; LXX 95).
So sind diese Kriege Gericht und Offenbarung zugleich: Gericht über Völker, die ihren Göttern sogar ihre Kinder verbrannten (Dtn 12:31; 20:18), und Offenbarung, wie David zu Goliat sagt: „Alle Welt soll erkennen, dass Israel einen Gott hat“ (1. Sam 17:46b). Dabei ist Gott nicht der Gott eines Volkes gegen die anderen: Israel kam nicht aus eigener Gerechtigkeit ins Land (Dtn 9:4–5), und als es anderen Göttern diente, gab er es in die Hand seiner Feinde (Ri 2:11–14). Gott verwirft nicht die Völker, sondern ihren Götzendienst und ihre Bosheit. Er allein ist Herr über Leben und Tod (Dtn 32:39); er wartete lange (Gen 15:16), denn er hat kein Gefallen am Tod des Schuldigen (Ez 33:11); wer glaubt, wird gerettet, wie Rahab in Jericho (Jos 6:25; Hebr 11:31).29
Besonders schwer ist, dass dieses Gericht auch Kinder traf (1. Sam 15:3). Eine Schuld der Kinder lehrt die Schrift damit nicht: „Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen“ (Ez 18:20b). Warum Gottes Gericht auch sie traf, hat er uns nicht offenbart: „Was noch verborgen ist, steht bei dem Herrn, unserem Gott“ (Dtn 29:28a; vgl. Röm 11:33). Wir wissen aber, wer Gott ist: Über diese Kinder urteilt er allein, gerecht und voller Erbarmen. Darum sind wir zuversichtlich: Kinder, die sterben, nimmt Gott in seinem Erbarmen zu sich.
In Christus wird sichtbar, dass wir „nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen“ haben, sondern „gegen die bösen Geister“ (Eph 6:12). Athanasius sah, dass die Völker, die Christus annahmen, sich nicht mehr gegeneinander waffneten, sondern „gegen den Teufel und die bösen Geister“.30 Papst Schenouda III. liest den Kampf gegen Amalek, in dem der Herr selbst kämpfte, geistlich: „Auf die gleiche Weise wird der Herr Krieg mit all deinen Sünden haben, die dich besiegen.“31 Christus selbst hat den Jüngern das Schwert verwehrt, denn „alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26:52b), und er gebietet: „Liebt eure Feinde“ (Mt 5:44). Kein Christ darf sich auf diese Texte berufen, um Gewalt gegen Menschen oder Völker zu rechtfertigen.
Schwierige Bibelstellen verstehen
Grundsätze einer kirchlichen Auslegung
Für jede schwierige Stelle helfen einige Grundsätze, die du in Thema 10 kennengelernt hast:
- Den Zusammenhang lesen. Was steht davor und danach? Wer spricht zu wem?
- Die ganze Schrift hören. Eine Stelle wird durch andere Stellen erklärt; die Mitte ist Christus.
- Wörtlichen und übertragenen Sinn unterscheiden. Nicht alles ist wörtlich gemeint, nicht alles nur ein Bild.
- Die Bilder der damaligen Welt verstehen. Jesus sprach von Dingen, die seine Hörer täglich vor Augen hatten.
- Den Vergleichspunkt suchen. Papst Schenouda III. mahnt bei Gleichnissen: „Es gibt einen spezifischen Vergleichspunkt, den wir nicht verallgemeinernd ausdehnen dürfen.“32
- Mit der Kirche lesen. „Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden“ (2. Petr 1:20). Wir lesen mit den Vätern, der Liturgie und der Lehre der Kirche.
- Demütig bleiben. Was wir heute nicht verstehen, dürfen wir offenlassen, im Gebet tragen und erfragen.
Beispiele
- Das Joch. Jesus sagt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“ (Mt 11:29–30). Ein Joch ist das Holz, mit dem zwei Zugtiere zusammengespannt werden, damit sie gemeinsam den Pflug ziehen. Es ist ein Bild für Last und Mühe. Wer das Joch Christi trägt, geht nicht allein; der Herr geht mit.
- Der Sauerteig. Dasselbe Bild hat zwei Bedeutungen. Das Reich Gottes ist „wie der Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war“ (Lk 13:21) – das Kleine, das alles verwandelt. Zugleich warnt Jesus vor dem „Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer“, zweier führender Gruppen im Judentum seiner Zeit; die Jünger verstanden, dass er ihre Lehre meinte (Mt 16:6.12). Und Paulus sagt: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5:9) – eine kleine Sünde kann das ganze Leben durchdringen. Welche Bedeutung gemeint ist, zeigt der Zusammenhang.
- „Wohl dem, der deine Kinder packt“. Psalm 137 ist die Klage der Verschleppten in Babel: „An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten“ (Ps 137:1; LXX 136). Er endet mit dem Satz: „Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!“ (Ps 137:9). Die Schrift bewahrt hier den Schmerz und die Bitterkeit von Menschen, die die Zerstörung ihrer Stadt erlebt hatten; sie macht diesen Schrei nicht zu einem Gebot. Die Kirche betet den Vers geistlich. Der heilige Hieronymus erklärt: „… gebührt dem Anerkennung und Lob, der die schlimmen Gedanken gleich im Entstehen ertötet und am Felsen zerschmettert. Der Fels aber ist Christus.“33
- Übertreibungen (Hyperbeln). „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Mk 10:25). „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ (Mt 5:29). Solche Worte sind bewusst übersteigert, um aufzurütteln. Der Herr will nicht, dass wir uns verstümmeln, sondern dass wir entschlossen alles abschneiden, was uns zur Sünde führt. Beim Kamelwort sagt er zugleich: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich“ (Mk 10:27).
- „Kaufe ein Schwert“. Vor seiner Gefangennahme sagt Jesus, wer kein Geld habe, solle seinen Mantel verkaufen und ein Schwert kaufen; die Jünger zeigen ihm zwei Schwerter, und er antwortet: „Genug davon!“ (Lk 22:38b). Wenige Stunden später verbietet er Petrus, das Schwert zu gebrauchen (Mt 26:52). Papst Schenouda III. erklärt: „Jesus Christus hatte niemals das Schwert in seiner buchstäblichen und materiellen Bedeutung gemeint. … Der Herr verwendete aber das Wort ‚Schwert‘ als Sinnbild für den Kampf“ – den geistlichen Kampf, von dem Paulus spricht (Eph 6:11–17).34
- Die Schuld der Väter. In den Zehn Geboten heißt es, Gott verfolge die Schuld der Väter an den Söhnen (Ex 20:5); bei Ezechiel dagegen: „Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes“ (Ez 18:20). Papst Schenouda III. erklärt: Kinder können die Folgen der Sünden ihrer Eltern tragen, etwa Schulden oder Armut, aber Gott verurteilt niemanden für die Sünde eines anderen; „das Kind trägt nicht von der Schuld seines Vaters“.35
Für den Dienst
- Bei den Leidenden bleiben. Wenn ein Kind krank ist, ein Angehöriger stirbt oder eine Familie in Not gerät, braucht es zuerst deine Nähe, dein Gebet und vielleicht einen Besuch in Absprache mit Eltern und Priester – nicht eine Erklärung. Sag nie: „Das ist die Strafe Gottes.“ Sag: „Gott ist bei dir, und wir beten für dich.“
- Über Kriege sprechen. Kinder sehen Bilder von Kriegen und Gewalt. Nimm ihre Angst ernst, erkläre ruhig, dass Menschen das Böse tun und nicht Gott, und bete mit ihnen für den Frieden und für die Opfer. Vermeide Feindbilder gegen Völker oder Religionen.
- Schwere Bibeltexte nicht vermeiden. Wenn Jugendliche nach der Sintflut oder den Kriegen im Alten Testament fragen, antworte ehrlich mit den Grundsätzen dieses Vortrags. Sag auch: „Diese Stelle ist schwer; die Kirche liest sie von Christus her.“
- Die Kinder lehren, die Schrift zu lesen. Zeige älteren Kindern an einem Beispiel wie dem Sauerteig, dass ein Bild verschiedene Bedeutungen haben kann und der Zusammenhang entscheidet.
- Für dich selbst. Denk an eine Zeit der Not in deinem Leben. Was hast du in dieser „Schule“ über das Gebet und das Festhalten an Gott gelernt?
Das Wichtigste in Kürze
- Das Böse ist ein Mangel, kein Geschöpf und keine Macht neben Gott; es entsteht aus der Abwendung vom Guten (Athanasius, Gegen die Heiden 7; Basilius, Hexaemeron 2,4–5).
- Die Schrift unterscheidet das Böse als Sünde, das nie von Gott kommt, von Bedrängnissen, die Gott zulässt und zum Guten gebraucht (Papst Schenouda III., Fragen der Menschen, Teil 1, Fr. 6).
- Gott schuf den Menschen frei, weil Liebe nicht erzwungen werden kann; er lässt den Missbrauch der Freiheit zu und wendet das Böse zum Guten (Gen 50:20; Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 271).
- Gott erzieht durch Bedrängnisse, nie aus Rache; nicht jedes Leid ist Strafe für eine Sünde (Hebr 12:11; Lk 13:1–5; Joh 9:3).
- Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist in unser Leid eingetreten; seine Auferstehung verbürgt die Hoffnung, dass Gott alle Tränen abwischen wird (Offb 21:4).
- Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind eins; der Gott beider Testamente erzieht sein Volk Schritt für Schritt. Die Gebote für das Heil bleiben, die Rechtsordnung Israels galt ihrer Zeit.
- Die von Gott befohlenen Kriege erzählt die Schrift als „Krieg des Herrn“ gegen die Götzen; eine Schuld der Kinder lehrt sie nicht (Ez 18:20). Wir kämpfen nicht gegen Menschen (Eph 6:12).
- Schwierige Bibelstellen liest man im Zusammenhang, in der ganzen Schrift, mit Unterscheidung von wörtlichem und übertragenem Sinn, mit Blick auf den Vergleichspunkt und mit der Kirche.
Zum Weiterlesen
- Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 262–292 (die göttliche Vorsehung, also Gottes Fürsorge für die Welt).
- Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 6, 7, 11 und 18 sowie aus Fr. 10 die Auslegung von Ez 18:20.
- Hl. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 2–8 (der Ursprung des Bösen).
- Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 12.
Anmerkungen
Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 7.↑
Vgl. Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 7.↑
Athanasius, Gegen die Heiden, Kap. 4.↑
Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 2,4–5.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 6.↑
Basilius, Homilien über das Hexaemeron, Homilie 2,5.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 216.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 271.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 292.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 18.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 286.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 6.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 9.10.↑
Papst Schenouda III., Ein Leben im Glauben, Kap. 9.10.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 287.↑
Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 12.↑
Vgl. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8, 13 und 20–21; Papst Schenouda III., Der geistliche Mensch, Kap. 12.↑
Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 16,7.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch IV, Kap. 15,1.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch IV, Kap. 15,1; 16,4–5.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 567.↑
Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 16,6.↑
Vgl. Irenäus, Gegen die Häresien, Buch IV, Kap. 14,3; 16,1.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 150.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Interpretation of the Book of Exodus, zu Ex 7:14–25 (S. 45).↑
Vgl. Abuna Gabriel Wissa, Flood, Plagues, Wars… and a Loving God?, Montreal 2015, S. 63–64.↑
Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung, Kap. 25.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, A Patristic Commentary: First Samuel, zu 1. Sam 5 (S. 33–34).↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Commentary for the Book of Joshua, Einleitung (S. 20).↑
Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 52.↑
Papst Schenouda III., Das Leben der Buße und Reinheit, Teil Drei, Nr. 12.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 11.↑
Hieronymus, Briefe, Brief 22,6 (an Eustochium).↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 7.↑
Papst Schenouda III., Fragen der Menschen aus vielen Jahren, Teil 1, Fr. 10.↑