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Thema 44 · Vortrag 1

Christentum und Islam

Einwände aus dem islamischen Umfeld – sachlich und ehrfürchtig beantwortet

19 Min. LesezeitChristentum und Islam; Sondergemeinschaften

Lernziele

  1. Den Vorwurf der „Beigesellung“ mit der Einheit Gottes in drei Hypostasen beantworten.
  2. Gottessohnschaft und Kreuzigung gegenüber islamischen Einwänden erklären.
  3. Ein Gespräch über Glaubensunterschiede respektvoll führen (1. Petr 3:15).

Schlüsselbegriffe

Apologetik · Beigesellung · Einheit Gottes · Heilige Dreifaltigkeit · Hypostase (Person) · Wesen · Gottessohnschaft · ewige Zeugung · Ersatztheorie · Auferstehung · Barnabasevangelium · Beistand (Paraklet)

Bibelstellen

1. Petr 3:15⁠–⁠16; Kol 4:6; Dtn 6:4; Mk 12:29; 1. Kor 8:6; Mt 3:16⁠–⁠17; Mt 28:19; Joh 1:1.3; Joh 8:58; Lk 1:35; Joh 3:16; Joh 10:30; Joh 14:9; Joh 20:28; Joh 19:25; Joh 19:26⁠–⁠27; Lk 23:34; Lk 23:46; Mt 20:19; Jes 53:5; Ps 22:17; Lk 24:39; Mk 15:44⁠–⁠45; Joh 19:33⁠–⁠35; Gal 6:14; 1. Kor 15:3⁠–⁠4.14; Lk 1:2; Mt 24:35; Joh 14:16⁠–⁠17.26; Apg 1:5; Apg 2:4; Joh 15:26; Röm 12:18; Joh 3:5; Mk 16:16; Apg 2:42; Apg 2:47; Röm 2:12⁠–⁠16; Lk 12:48b; Apg 17:30; 1. Kor 5:13a; Jak 4:12; Jak 5:16

Inhalt

In der Schule, im Sportverein und in der Nachbarschaft haben viele Kinder und Jugendliche unserer Kirche muslimische Freunde. Sie hören Fragen wie: „Warum betet ihr drei Götter an?“, „Wie kann Gott einen Sohn haben?“ oder „Jesus wurde doch gar nicht gekreuzigt.“ Die Heilige Schrift, Papst Tawadros II. und die Väter helfen dir, deinen Glauben klar zu erklären und dabei jeden Menschen zu achten.

Rede und Antwort – mit Ehrfurcht

Der Apostel Petrus schreibt an Christen, die unter Andersgläubigen lebten: „haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig!“ (1. Petr 3:15a). Dann fährt er fort:

Heilige Schrift

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig.

1. Petr 3:15b–16a

Aus diesem Auftrag lebt die Apologetik.

Begriff
Apologetik

Apologetik ist die Verteidigung und Begründung des Glaubens gegenüber Fragen und Einwänden.

Bei Petrus kommt das Herz zuerst: Dort muss Christus der Herr sein. Wer dann antworten will, muss seinen Glauben kennen und bescheiden und ehrfürchtig sprechen. Paulus sagt: „Eure Worte seien immer freundlich, doch mit Salz gewürzt; denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können“ (Kol 4:6).

Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erinnert an den heiligen Isaak den Syrer: Wer die Wahrheit ohne Liebe verteidigt, verwandelt sie in Gewalt und Hass. „Ebenso bleibt die Liebe kraftlos, wenn sie nicht danach verlangt, dass alle in der Wahrheit wandeln.“1 Für jedes Gespräch über den Glauben folgt daraus:

  1. Lehre mit Lehre vergleichen. Wir vergleichen den Glauben der Kirche mit dem, was der andere wirklich glaubt – nicht mit Gerüchten und nicht mit dem Verhalten einzelner Menschen. Über Menschen urteilen wir nicht.
  2. Den anderen so darstellen, wie er sich selbst versteht. Frage deinen Gesprächspartner, was er glaubt, und lass ihn ausreden. Wer den anderen verzerrt darstellt, verliert seine Glaubwürdigkeit.
  3. Unterschiede ehrlich benennen, ohne Spott. Freundlichkeit heißt nicht, so zu tun, als glaubten alle dasselbe. Man kann klar „Das glaube ich nicht“ sagen und trotzdem Freund bleiben.

Was Muslime glauben – in groben Zügen

Muslime glauben an den einen Gott, den Schöpfer der Welt, der durch Propheten gesprochen hat. Ihr heiliges Buch ist der Koran. Muslime ehren Jesus als großen Propheten; sie glauben, dass er von der Jungfrau Maria geboren wurde, dass er Wunder wirkte und dass er wiederkommen wird. Sie bestreiten aber, dass Gott dreieinig ist, dass Jesus Gottes Sohn ist und dass er am Kreuz gestorben ist; die Bibel der Christen halten viele in ihrer heutigen Gestalt für verändert.

Nicht jeder Muslim denkt gleich; was dein Freund glaubt, kann er selbst am besten sagen. Auf viele seiner Fragen antwortet Papst Tawadros II. in Mein Glaube, einem Buch für Jugendliche. Die meisten Einwände betreffen vier Punkte: die Dreifaltigkeit, die Gottessohnschaft, die Kreuzigung und die Heilige Schrift.

Ein Gott – nicht drei: der Vorwurf der „Beigesellung“

Der Einwand

Der schwerste Vorwurf lautet: Die Christen gesellen Gott Partner bei.

Begriff
Beigesellung

Beigesellung heißt, neben den einen Gott andere Wesen zu stellen und sie wie Gott zu verehren.

Wer Vater, Sohn und Heiligen Geist anbetet – so der Einwand –, betet drei Götter an.

Die Antwort: Wir glauben an den einen Gott

Papst Tawadros II. stellt genau diese Frage: „Bedeutet mein Glaube an die Lehre der Dreifaltigkeit, dass ich zu Gott Partner beigeselle (Polytheismus)?“ Seine Antwort:

Aus der Lehre unserer Päpste

Gewiss nicht. Mein Glaube an die Allerheiligste Dreifaltigkeit ist mein Glaube an den einen Gott.2

– Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 26

Christen sind keine Vielgötterverehrer. Die Schrift bezeugt den einen Gott im Alten und im Neuen Testament: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig“ (Dtn 6:4). Jesus selbst nennt dieses Wort das erste Gebot (Mk 12:29). Paulus schreibt: „so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn“ (1. Kor 8:6). Paulus sagt hier von Christus, was nur vom Schöpfer gilt: „Durch ihn ist alles.“ Der eine Gott und der eine Herr sind nicht zwei Götter. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten „In Wahrheit glauben wir an den einen Gott“, und wer das Kreuzzeichen macht, sagt am Ende: „Ein Gott. Amen.“3

Was die Kirche mit der Dreifaltigkeit meint, sagt der Katechismus so: „Gott ist einer: Er ist ein einziges, ungeteiltes und untrennbares Wesen und zugleich eine Dreifaltigkeit von Hypostasen, die voneinander unterschieden werden können. Die Hypostasen sind ewig und ohne Anfang; sie gehören einem einzigen Wesen an und haben einen einzigen Willen.“4

Begriff
Hypostase (Person)

Das Wesen ist das eine göttliche Sein, das Vater, Sohn und Heiliger Geist gemeinsam und ungeteilt besitzen. Die drei Hypostasen (Personen) sind der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Jede Hypostase ist in sich vollständig, kein Teil des Wesens, von den beiden anderen unterschieden und mit ihnen untrennbar verbunden: Der Vater ist ungezeugt, der Sohn ist aus ihm gezeugt, der Heilige Geist geht aus ihm hervor. Drei Hypostasen sind nicht drei Götter, sondern der eine Gott.5

Papst Tawadros II. erklärt, warum darin kein Widerspruch liegt: „Es wäre vielleicht widersprüchlich gewesen, wenn wir von drei Göttern gesprochen hätten. Allerdings gibt es drei Hypostasen in dem einen Gott.“6 Die Einheit betrifft das Wesen, die Dreiheit die Hypostasen. „Es handelt sich um eine Dreifaltigkeit der Hypostasen, nicht um eine Dreifaltigkeit der Wesen.“7

Der heilige Athanasius der Apostolische verteidigte diesen Glauben gegen die Arianer, die den Sohn zu einem Geschöpf machten:

Aus den Vätern

Die Dreiheit ist nicht geworden, sondern eine ewige und einzige Gottheit ist in der Dreiheit, und nur Eine Herrlichkeit der hl. Dreiheit gibt es.8

– Hl. Athanasius der Apostolische, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 18

Was wir nicht glauben

Manche verwechseln den christlichen Glauben mit Vorstellungen, die die Kirche selbst ablehnt. Wir glauben nicht an eine Göttertriade wie die der alten Ägypter, bei der ein Gott eine Göttin heiratet und einen Sohn zeugt.9 Wir glauben auch nicht, Gott habe sich mit Maria verbunden, sodass Vater, Maria und Jesus drei Götter wären; diese falsche Theorie hat nach Papst Tawadros II. mit dem Glauben der Kirche „keinerlei Bezug“.10 Maria ist ein Mensch. Die Kirche ehrt sie als Gottesgebärerin (Theotokos), weil sie den menschgewordenen Sohn Gottes geboren hat. Papst Tawadros II. schreibt, dass sie damit die Engel übertrifft, und fährt fort: „Mit all dem war sie erlösungsbedürftig wie jeder andere Mensch“.11 Wer den Christen vorwirft, sie gesellten Gott Partner bei, denkt manchmal an genau solche Vorstellungen; die Kirche lehnt sie ebenso entschieden ab. Anbetung gebührt Gott allein; Maria und den Heiligen erweisen wir Verehrung. Wir bitten sie um ihr Gebet bei Gott, so wie wir auch einander um das Gebet bitten (Jak 5:16); Vergebung und Heil kommen von Gott allein.

Die Schrift bezeugt den einen Gott in drei Hypostasen

Schon bei der Taufe Jesu wird der eine Gott in drei Hypostasen offenbar: Der Geist Gottes kommt wie eine Taube auf Jesus herab (Mt 3:16), und eine Stimme aus dem Himmel spricht: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“ (Mt 3:17). Der auferstandene Herr sendet die Jünger mit dem Auftrag: „tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28:19b). Papst Schenouda III. weist auf ein kleines Wort hin: „Dieser Begriff ‚auf den Namen‘ steht hier im Singular, denn dadurch wird angedeutet, dass die drei eins sind.“12

Bilder – mit ihrer Grenze

Um das Geheimnis anzudeuten, gebraucht die Kirche Bilder wie die Sonne: „Die Scheibe ist nicht das Licht, das nicht die Wärme ist. Die drei sind jedoch untrennbar miteinander verbunden“.13 Jedes Bild hinkt aber: „Wenn wir eine Analogie für das Mysterium der Heiligen Dreifaltigkeit verwenden, müssen wir von vornherein anerkennen, dass sie nur unvollkommen sein kann“.14 Ungeeignet sind ein Baum, dessen Teile unabhängig voneinander sind, und die Zustände des Wassers, die nur unter bestimmten Bedingungen auftreten;15 sie machen aus Gott drei Teile oder drei bloße Erscheinungsweisen.

Der Sohn Gottes: nicht leiblich, sondern ewig

Der Einwand

„Gott hat keine Frau – wie soll er einen Sohn haben?“ Hinter dieser Frage steht die Sohnschaft, wie wir sie von Menschen kennen: Ein Sohn entsteht aus Vater und Mutter, ist jünger als der Vater und von ihm getrennt. Wer so denkt, hält die Rede vom „Sohn Gottes“ für eine Gotteslästerung.

Die Antwort: eine Sohnschaft ganz eigener Art

Hier sind Christen und Muslime sich in einem Punkt einig: Gott zeugt nicht wie ein Mensch. Der Katechismus sagt ausdrücklich: „Wenn wir vom Vater und vom Sohn sprechen, meinen wir nicht, dass Gott geheiratet und einen weiteren Gott gezeugt habe; denn im Wesen Gottes gibt es keine physiologische Fortpflanzung.“16 Papst Tawadros II. fügt hinzu: „Dies ist etwas völlig anderes als das materielle, physische und sexuelle Verständnis von Sohnschaft.“17

Was meint die Kirche dann? Papst Tawadros II. nennt sechs Kennzeichen der Sohnschaft Christi: Sie ist eine „geistige, rationale Sohnschaft“, vergleichbar dem Licht, das aus Licht hervorgeht, und dem Gedanken, der aus dem Verstand hervorgeht; sie ist echt, ewig und ununterbrochen; sie besteht der Natur nach, nicht dem Rang nach; und sie ist einzigartig.18 Der Sohn heißt deshalb auch „das Wort“ (Logos): Wie der Gedanke im Verstand ist, ohne später hinzuzukommen, ist das Wort von Ewigkeit her bei Gott. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1:1). Jesus selbst sagt: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh 8:58b).

Der heilige Athanasius erklärt, warum die Schrift beide Namen gebraucht – „Sohn“ und „Wort“:

Aus den Vätern

Gott ist nicht wie ein Mensch. … Denn das Wort Gottes ist sein Sohn und der Sohn ist Wort und Weisheit des Vaters; Wort und Weisheit aber ist weder ein Geschöpf noch ein Teil von dem, dessen Wort es ist, noch ist es eine mit Leiden verbundene Zeugung.19

– Hl. Athanasius der Apostolische, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 28

Der Name „Sohn“ zeigt, dass er vom selben Wesen ist wie der Vater und nicht von außen gemacht. Der Name „Wort“ zeigt, dass diese Zeugung weder menschlich noch zeitlich noch körperlich ist.

Zwei Geburten

Die Kirche spricht von zwei Geburten des einen Sohnes. Von Ewigkeit her ist er aus dem Vater gezeugt, ohne Mutter; in der Fülle der Zeit wurde er aus der Jungfrau Maria geboren, ohne menschlichen Vater. Beide Geburten übersteigen unseren Verstand.20 Der Engel sagt zu Maria: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1:35b).

Manchmal hört man den Vergleich: Wie Adam ohne Vater und Mutter erschaffen wurde, so wurde Jesus ohne Vater geboren – er sei also ein Geschöpf wie Adam. Papst Tawadros II. antwortet: Adam wurde aus der Erde erschaffen; Christus dagegen ist nicht geschaffen, denn durch ihn ist alles geschaffen. Von Adam wurde nie gesagt, er sei das Wort Gottes.21 Johannes schreibt über das Wort: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1:3).

Gottes Söhne und der eine Sohn

Auch wir heißen Kinder Gottes – aber aus Gnade und Liebe, in der Zeit; Christus ist Sohn von Natur, ewig und einzig.22 Darum nennt ihn die Schrift den „einzigen Sohn“ (Joh 3:16). Er sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10:30) und „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14:9b). Und Thomas bekennt vor dem Auferstandenen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20:28b).

Wurde Christus wirklich gekreuzigt?

Die Einwände

Begriff
Ersatztheorie

Die Ersatztheorie sagt: Gott habe einen anderen – in manchen Erklärungen wird Judas genannt – Jesus ähnlich gemacht; dieser sei gekreuzigt, Jesus aber lebendig in den Himmel aufgenommen worden.

Manchmal hört man daneben die Behauptung, Jesus sei am Kreuz nur scheinbar gestorben.

Die Antwort: Der Gekreuzigte ist Jesus Christus

Papst Tawadros II. antwortet klar: „Derjenige, der am Kreuz hing, war kein anderer als Jesus Christus, der Sohn Gottes.“23 Er nennt dafür mehrere Gründe:24

  • Die Kreuzigung geschah öffentlich. Jesus wurde nicht heimlich hingerichtet, sondern nach mehreren Verhören vor dem Hohen Rat, dem obersten Gericht der Juden, und vor Pilatus, vor Zeugen und vor dem Volk, das ihn kannte. Unter dem Kreuz standen seine Mutter und andere Frauen, die ihn kannten (Joh 19:25).
  • Jesus hat seinen Tod selbst angekündigt: Der Menschensohn wird den Heiden übergeben, „damit er verspottet, gegeißelt und gekreuzigt wird; aber am dritten Tag wird er auferstehen“ (Mt 20:19b).
  • Die Propheten haben ihn vorausgesagt: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt“ (Jes 53:5a) und „Sie durchbohren mir Hände und Füße“ (Ps 22:17c; LXX 21).
  • Der Gekreuzigte ist der Auferstandene. Er zeigt den Jüngern seine Wunden: „Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst“ (Lk 24:39a).

Ebenso zeigen die Worte des Gekreuzigten, wer am Kreuz hing. Er vertraut seine Mutter dem Jünger an, den er liebte (Joh 19:26⁠–⁠27). Er betet für die, die ihn kreuzigen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23:34a). Und er stirbt mit den Worten: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23:46a). So spricht nur Jesus selbst.

Auch der Einwand vom Scheintod hält dem Bericht der Evangelien nicht stand. Der römische Hauptmann bestätigte Pilatus, dass Jesus gestorben war (Mk 15:44⁠–⁠45); die Soldaten sahen, „dass er schon tot war“, und einer stieß ihm die Lanze in die Seite (Joh 19:33b–34); der Evangelist beruft sich dafür auf einen Augenzeugen (Joh 19:35).

Der heilige Athanasius zeigt, warum der Tod Christi vor aller Augen geschehen musste: „Der Auferstehung muss aber der Tod vorausgehen, weil es ohne vorausgegangenen Tod keine Auferstehung gibt.“ Und: „Woher hätten auch seine Jünger den Mut zur offenen Predigt von seiner Auferstehung gehabt, wenn sie nicht auch sagen konnten, dass er zuvor gestorben?“25

Warum die Kirche am Kreuz festhält

Papst Tawadros II. gibt zu bedenken: Die Kreuzigung galt als Schande; niemand hätte sich eine solche Geschichte über seinen Herrn ausgedacht.26 Trotzdem verkündeten die Apostel das Kreuz: „Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen“ (Gal 6:14a). Wer die Kreuzigung leugnet, leugnet nach Papst Tawadros II. auch die Geschichte und die Feste der Kirche.27 Die Kirche lebt in jeder Liturgie und jeder Karwoche vom Tod und von der Auferstehung des Herrn.

Vor allem aber geht es um unser Heil. Am Kreuz hat der Sohn Gottes den Tod, der über allen Menschen lag, auf sich genommen, um ihn zu besiegen:

Aus den Vätern

Und so nahm er einen Leib an, dem unsrigen gleich, überantwortete ihn, da alle unter der Macht des Todes standen, anstatt aller dem Tode und brachte ihn dem Vater dar. Und das tat er aus Liebe zu den Menschen, damit alle in ihm sterben und so das Gesetz von der Verwesung der Menschen aufgehoben würde, da ja seine Macht am Leibe des Herrn sich erschöpft hat und bei den gleichartigen Menschen keinen Zugang mehr finden kann.28

– Hl. Athanasius der Apostolische, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8

Ohne Kreuz gibt es keine Auferstehung, und ohne Auferstehung keine Hoffnung: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1. Kor 15:14). Schon das älteste Bekenntnis der Kirche sagt: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden …“ (1. Kor 15:3b–4).

„Wie kann Gott sterben?“

Oft folgt die Frage: Wenn Jesus Gott ist, wie kann er dann sterben? Die Antwort kennst du aus Thema 18 („Menschwerdung und Christologie“): Die Kirche bekennt mit dem heiligen Kyrill die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. Der eine menschgewordene Logos hat im Fleisch gelitten und ist im Fleisch gestorben; seine Gottheit blieb leidensunfähig und hat sich nie von seiner Menschheit getrennt.29 Der heilige Athanasius sagt: „Es war auch wunderbar, dass derselbe litt und nicht litt; litt, weil der ihm eigene Leib litt, und er im leidenden Leib war; nicht litt, weil der Logos von Natur Gott ist und deshalb nicht leiden kann.“30

Die Heilige Schrift: verfälscht?

Der Einwand

Viele Muslime hören, die Bibel sei im Lauf der Zeit verändert worden und das ursprüngliche Evangelium verloren. Manche nennen ein „Barnabasevangelium“ das wahre Evangelium; andere sagen, Jesus habe mit dem „Beistand“ einen späteren Propheten angekündigt.

Die Antwort: das Buch der Kirche

Die Heilige Schrift ist kein Buch, das irgendwo verborgen lag und gefunden wurde. Der Katechismus sagt: „Die Heilige Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung der Kirche empfangen.“31 Die Kirche hat die Evangelien von Anfang an gelesen, abgeschrieben und in der Liturgie verkündet – in vielen Ländern und Sprachen zugleich. Wer meint, die Schrift sei verfälscht, den kann man freundlich fragen, wann, von wem und wie das in allen Kirchen gleichzeitig hätte geschehen sollen. Die Evangelien selbst berufen sich auf „die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren“ (Lk 1:2b). Papst Tawadros II. sagt über die vier Evangelien: „In Wirklichkeit handelt es sich um ein einziges Evangelium (vier Berichte von vier Zeugen) …“32 Der Herr hat verheißen: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24:35).

Dass alte Handschriften an einzelnen Stellen voneinander abweichen, wissen auch die Christen. Die Kirche spricht hier von Fragen der Textüberlieferung, nicht von Fälschung; keine dieser Abweichungen macht aus dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes einen anderen.

Das „Barnabasevangelium“

Zum Barnabasevangelium sagt Papst Tawadros II.: „Es gibt kein echtes Evangelium, das den Namen Barnabas trägt.“33 Das Buch, das unter diesem Namen verbreitet wird, ist viele Jahrhunderte nach den Aposteln entstanden. Es gehört nicht zu den Büchern, die die Kirche von den Aposteln empfangen hat.

Der verheißene Beistand

Im Johannesevangelium verheißt Jesus den Jüngern den Beistand (Paraklet): „Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird“ (Joh 14:16⁠–⁠17). Papst Tawadros II. nennt drei Gründe, warum diese Verheißung nicht auf einen späteren Menschen zielt:34

  1. Verheißen ist der Geist, nicht ein Mensch. Jesus sagt selbst: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren“ (Joh 14:26a). Er ist unsichtbar, und er wohnt in den Jüngern.
  2. Die Verheißung erfüllte sich nach wenigen Tagen. Vor der Himmelfahrt sagt der Herr: „ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft“ (Apg 1:5b). Am Pfingsttag geschah es: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg 2:4a) – nicht erst Jahrhunderte später.
  3. Das Wort selbst passt nicht. Das griechische Wort parakletos bedeutet Beistand, Fürsprecher, Helfer vor Gericht. Die Deutung auf einen „Gepriesenen“ setzt ein anderes griechisches Wort voraus (periklytos), das im Evangelium nicht steht.

Der Geist ist zudem der, „der vom Vater ausgeht“ (Joh 15:26b) – eine Hypostase des einen Gottes, kein Geschöpf.

Für den Dienst

Freundschaft ist gut. Kinder dürfen und sollen muslimische Freunde haben. Paulus schreibt: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12:18). Ein Kind, das über den Glauben seines Freundes spottet, verdunkelt Christus.

Höre zuerst zu. Wenn ein Kind – in deiner Klasse oder zu Hause – verunsichert aus der Schule kommt („Mein Freund sagt, wir beten drei Götter an“), frage: Was genau hat er gesagt? Was hast du geantwortet? Dann erkläre den Glauben passend zum Alter. Einem Kind in der Volksschule genügt: „Wir glauben an einen Gott. Jesus ist Gottes Sohn – nicht, weil Gott eine Frau hätte, sondern so wie das Licht immer aus der Sonne kommt. Und das Licht ist kein zweiter Gott.“ Jugendlichen in der Oberstufe kannst du die Unterscheidung von Wesen und Hypostase erklären und mit ihnen die Bibelstellen dieses Vortrags lesen.

Nicht gewinnen wollen. Wer im Glaubensgespräch nur gewinnen will, verliert den Freund. Wir bezeugen den Glauben; das Herz bewegt Gott. Wenn du etwas nicht weißt, sag es ruhig: „Ich frage nach und erzähle es dir.“

Über das Heil der anderen. Kinder fragen: „Kommt mein Freund in die Hölle?“ Für uns gilt: Wir geben treu weiter, was wir aus der Heiligen Schrift und der Überlieferung als notwendig für unser Heil empfangen haben – den Glauben an Christus, die Taufe (Joh 3:5; Mk 16:16) und das Leben in seiner Kirche (Apg 2:42.47). Wer das Gesetz Gottes nicht empfangen hat, wird nach dem gerichtet, was ihm gegeben war (Röm 2:12⁠–⁠16; Lk 12:48b). Heute aber können die Menschen fast überall von Christus hören; wer von ihm hört, soll diese Gelegenheit nutzen und umkehren (Apg 17:30). Wer in den Himmel kommt, entscheiden nicht wir, und wir richten nicht darüber; das Urteil über jeden Menschen gehört allein Gott (1. Kor 5:13a; Jak 4:12). Einem Kind genügt: „Wer in den Himmel kommt, entscheidet Gott allein, und Gott ist gerecht und voller Erbarmen.“ Das Beste, was ein Kind für seinen Freund tun kann, ist, für ihn zu beten und ihm Christus durch sein Leben zu zeigen.

Beispiel

Ein Gespräch in der Unterstufe (erdacht). Marina (12) erzählt in der Sonntagsschule: „Meine Freundin Aylin sagt, Jesus ist gar nicht gestorben, Gott hat einen anderen ans Kreuz gebracht.“ Die Dienerin fragt: „Was hast du ihr gesagt?“ – „Nichts. Ich wusste es nicht.“ Gemeinsam lesen sie Lk 24:39 und Joh 19:25. Die Dienerin erklärt: „Jesus ist vor vielen Menschen gestorben, auch vor seiner Mutter. Und als Auferstandener zeigt er seine Wunden: ‚Ich bin es selbst.‘ Das feiern wir jedes Jahr in der Karwoche und am Auferstehungsfest.“ Zum Schluss beten sie gemeinsam für Aylin.

Für dich selbst. Auf solche Gespräche bereitet dich am besten ein Leben mit Christus vor, mehr als jedes auswendig gelernte Argument: das Gebet, die Liturgie, das Lesen der Schrift. Auch Petrus beginnt mit dem Satz: „haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig!“ (1. Petr 3:15a).

Das Wichtigste in Kürze

  • Apologetik heißt, den Glauben zu begründen, bescheiden und ehrfürchtig (1. Petr 3:15⁠–⁠16). Wir vergleichen Lehre mit Lehre und urteilen nicht über Menschen.
  • Gott ist ein einziges Wesen in drei Hypostasen; drei Hypostasen sind nicht drei Götter. „Mein Glaube an die Allerheiligste Dreifaltigkeit ist mein Glaube an den einen Gott“ (Papst Tawadros II.).
  • Die Gottessohnschaft ist nicht leiblich. Der Sohn ist ewig aus dem Vater wie das Wort aus dem Verstand; in der Zeit wurde er aus der Jungfrau Maria geboren.
  • Der Gekreuzigte ist Jesus Christus selbst. Er starb öffentlich, wie er und die Propheten es angekündigt hatten, und zeigt als Auferstandener seine Wunden.
  • Die Bibel ist das Buch der Kirche; ein echtes „Barnabasevangelium“ gibt es nicht. Der verheißene Beistand ist der Heilige Geist, der an Pfingsten kam.
  • Wer in den Himmel kommt, entscheiden nicht wir; das Urteil gehört allein Gott. Wir geben weiter, was wir empfangen haben, und bezeugen Christus durch unser Leben.

Zum Weiterlesen

  • Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 14 und 23⁠–⁠28 (Einheit Gottes und Dreifaltigkeit), Fr. 37⁠–⁠48 (der Sohn), Fr. 93⁠–⁠96 (das Kreuz), Fr. 102⁠–⁠103 und 130 (Schrift und Beistand).
  • Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 176⁠–⁠190 (Die Heilige Dreifaltigkeit).
  • Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8⁠–⁠10 und 20⁠–⁠25 (BKV 1. Reihe 31).
  • Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 17⁠–⁠28 (BKV 1. Reihe 13).

Anmerkungen

  1. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 6.↑

  2. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 26.↑

  3. Die göttlichen Liturgien, S. 177; Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 14.↑

  4. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 176.↑

  5. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 191⁠–⁠192.↑

  6. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 23.↑

  7. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 23.↑

  8. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 18.↑

  9. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 24.↑

  10. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 25.↑

  11. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 77.↑

  12. Papst Schenouda III., Die Gottheit Christi, Kap. 1.2.↑

  13. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 27.↑

  14. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 190.↑

  15. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 27.↑

  16. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 186.↑

  17. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 38.↑

  18. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 37.↑

  19. Athanasius, Vier Reden gegen die Arianer, Rede 1, Kap. 28.↑

  20. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 46.↑

  21. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 47.↑

  22. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 42.↑

  23. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 88.↑

  24. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 88⁠–⁠89.↑

  25. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 23.↑

  26. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 80.↑

  27. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 96.↑

  28. Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos, Kap. 8.↑

  29. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 93 und 95.↑

  30. Athanasius, Brief an Epiktet, Kap. 6.↑

  31. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑

  32. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 103.↑

  33. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 102.↑

  34. Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 130.↑

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