Thema 45 · Vortrag 2
Die evangelischen Kirchen und Freikirchen
Die Reformation, Schrift und Überlieferung, Sakramente, Heilige und Geistesgaben
17 Min. LesezeitDie Kirchen und die Ökumene
Lernziele
- Die Grundsätze der Reformation und die orthodoxe Antwort zu Schrift und Überlieferung erklären.
- Ein sachliches Gespräch mit evangelischen Mitschülern über die Taufe vorbereiten.
Schlüsselbegriffe
Reformation · evangelisch · Freikirche · allein die Schrift (sola scriptura) · Heilige Überlieferung · Sakrament (Mysterium) · Kindertaufe · Fasten · Fürsprache · Gnadengaben · Zungenrede · Pfingstbewegung
Bibelstellen
Ps 119:105; 1. Tim 2:5; Eph 2:8a; Gal 5:6; 2. Thess 2:15b; 1. Kor 11:2; Mt 15:3b; Joh 21:25a; Apg 8:31a; Joh 3:5; Mk 16:16a; Röm 6:3–4; Tit 3:5b; Mk 10:14b; Apg 16:33b; Apg 16:15; 1. Kor 1:16; Apg 2:39a; Joh 6:54a.55; 1. Kor 11:24b; Joh 20:22b–23; Mt 6:17–18a; Apg 13:2a; Mt 9:15b; Kol 2:16a; Lk 18:12a; Lk 18:14a; Joël 2:12b; Jak 5:16a; Lk 1:48b; 1. Kor 12:4.7; 1. Kor 12:11b; 1. Kor 12:30b; 1. Kor 13:1; 1. Kor 14:2a; 1. Kor 14:19; 1. Kor 14:40; 1. Thess 5:19.21; Gal 5:22–23; 1. Petr 3:15b–16a
Inhalt
Viele deiner Mitschüler gehören zu einer evangelischen Kirche oder zu einer Freikirche. Manche laden Jugendliche zu ihren Jugendabenden ein; andere fragen nach unserer Taufe, unserem Fasten und der Verehrung Marias. Als Diener sollst du die Liebe vieler evangelischer Christen zur Heiligen Schrift achten und zugleich erklären können, warum unsere Kirche manches anders glaubt.
Die Reformation und ihre Grundsätze
Im 16. Jahrhundert wollte Martin Luther, ein katholischer Mönch und Priester, die Kirche seiner Zeit erneuern. Er wandte sich gegen den Handel mit Ablässen und stellte die Vollmacht des Papstes in Frage. Gegen seinen ursprünglichen Willen entstanden daraus neue Kirchen. Diese Bewegung nennt man die Reformation.
Die Christen, die aus ihr hervorgegangen sind, nennt man evangelische Christen oder Protestanten.1
Die Reformation fasste ihre Anliegen in Grundsätzen zusammen, die man mit dem lateinischen Wort sola („allein“) bezeichnet:
| Grundsatz | Was er meint | Was wir teilen | Wo unsere Kirche anders denkt |
|---|---|---|---|
| allein Christus | Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. | „Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (1. Tim 2:5). | Die Fürsprache der Heiligen und das Priestertum nehmen Christus nichts weg. |
| allein die Schrift | Die Schrift ist der letzte Maßstab des Glaubens; kirchliche Überlieferungen werden an ihr geprüft. | Die Schrift ist Gottes Wort; nichts darf ihr widersprechen. | Die Schrift wird in der Kirche und mit ihrer Überlieferung empfangen und ausgelegt. |
| allein die Gnade | Das Heil ist reines Geschenk Gottes. | „… aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet“ (Eph 2:8a). | Gottes Gnade geht voraus und trägt; der Mensch kann sie frei annehmen oder ablehnen (Vortrag 3). |
| allein der Glaube | Der Mensch wird durch den Glauben gerecht, nicht durch Werke. | Ohne Glauben gibt es kein Heil. | Der rettende Glaube ist „in der Liebe wirksam“ (Gal 5:6); Glaube und Taufe gehören zusammen (Mk 16:16; Vortrag 3). |
| allein Gott die Ehre | Die Ehre für unser Heil gebührt allein Gott. | Anbetung gebührt allein Gott. | Die Heiligen ehren wir um Gottes willen; Verehrung ist keine Anbetung. |
Das Heil ist ganz Gottes Geschenk aus Gnade. Unsere Kirche widerspricht einem Verständnis dieser Grundsätze, das Schrift und Überlieferung trennt, jede freie Mitwirkung des Menschen ausschließt oder Glaube und Leben voneinander löst. Die Gnade geht unserer Antwort voraus und trägt sie.
Viele evangelische Kirchen
Die Kirchen der Reformation sind sehr verschieden. Papst Schenouda III. schreibt im Vorwort seines Buches Vergleichende Theologie:
Das Buch, das Sie in Händen halten, ist ein Schritt zur theologischen Diskussion zwischen uns und unsern Brüdern, den Protestanten. Die Protestanten haben verschiedene Benennungen, und es gibt verschiedentlich Unterschiede unter den Einzelnen, aber im Großen und Ganzen haben sie denselben Rahmen. Wir möchten in einer Atmosphäre der Liebe die verschiedenen Punkte, die sie gemeinsam haben, diskutieren.2
Die wichtigsten Gruppen sind:
- Lutherische Kirchen. Sie berufen sich auf das Augsburger Bekenntnis, das erste große Bekenntnis der Reformation. Sie haben vieles aus der alten Kirche bewahrt: die Kindertaufe, liturgische Bräuche, das Bekenntnis der Sünden mit der Lossprechung und den Glauben, dass Christus im Abendmahl wirklich gegenwärtig ist.
- Reformierte Kirchen. Sie gehen auf die Reformatoren der Schweiz zurück und bekennen sich zu reformierten Bekenntnissen wie dem Helvetischen (schweizerischen) Bekenntnis. Anders als Luther verstehen sie die Gegenwart Christi im Abendmahl geistlich, manche vor allem als Gedächtnis; eine Einzelbeichte kennen sie meist nicht.
- Die anglikanische Kirche entstand in England; sie trennte sich von Rom und übernahm später Lehren der Reformation.
- Freikirchen. So nennt man im Deutschen evangelische Gemeinden verschiedener Größe und Prägung, die nicht zu den großen evangelischen Kirchen gehören. Sie betonen die Bibel und die persönliche Bekehrung besonders. Dazu gehören die Baptisten, die keine Kinder taufen, sondern nur Menschen, die selbst ihren Glauben bekennen, und die Pfingstgemeinden. Den Pfingstgemeinden sind die „Taufe im Heiligen Geist“ und die Zungenrede besonders wichtig, das Beten in einer Sprache, die die anderen nicht verstehen.
Sag deshalb im Gespräch nicht „die Protestanten glauben …“, sondern frag zuerst, zu welcher Kirche dein Gegenüber gehört. Ein lutherischer Mitschüler glaubt über Taufe und Abendmahl vieles, was ein freikirchlicher nicht glaubt.
Auch mit evangelischen Theologen hat unsere Kirche gesprochen. 1988 trafen sich Theologen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der orientalisch-orthodoxen Kirchen im koptischen Kloster Kröffelbach. Ihr gemeinsames Protokoll hält fest, der Vorwurf, die nichtchalcedonischen Kirchen seien „Monophysiten“, sei aufgegeben; so nannte man sie zu Unrecht, als lehrten sie, in Christus sei die Menschheit in der Gottheit aufgegangen. Es schließt mit einem gemeinsamen Lob: „Wir preisen miteinander Christus als den zur gleichen Zeit wahren Gott und wahren Menschen, der für uns gekreuzigt wurde, auferstanden ist und uns erlöst hat.“3
Schrift und Überlieferung
Evangelische Christen lieben die Heilige Schrift; viele kennen sie sehr gut. Das sollen wir achten und nachahmen: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119:105; LXX 118). Die Frage ist nicht, ob die Schrift gilt, sondern wie wir sie empfangen. Im Thema 6 („Glaube, Dogma und Heilige Überlieferung“) hast du gelernt, warum unsere Kirche nicht nach dem Grundsatz „allein die Schrift“ lebt. Für das Gespräch helfen drei Antworten:
- Die Schrift selbst verweist auf die Überlieferung. „Haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief“ (2. Thess 2:15b; vgl. 1. Kor 11:2). Und Johannes schreibt: „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat“ (Joh 21:25a).
- Die Kirche hat die Schrift empfangen. Die ersten Christen lebten aus der Verkündigung der Apostel, bevor das Neue Testament gesammelt war. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty sagt: „Die Heilige Bibel ist das Buch der Kirche, das wir durch die Überlieferung der Kirche empfangen.“4
- Die Schrift will in der Kirche ausgelegt werden. Der Kämmerer aus Äthiopien antwortete Philippus auf die Frage, ob er verstehe, was er lese: „Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg 8:31a). Viele Kirchen lesen dieselbe Bibel und kommen doch zu verschiedenen Ergebnissen.
Schon der heilige Irenäus von Lyon berief sich im 2. Jahrhundert in seinem Werk Gegen die Häresien, also gegen die Irrlehren seiner Zeit, auf die Überlieferung der Apostel in den Kirchen:
Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage.5
Überlieferung heißt aber nicht, dass alles gilt, was alt ist. Der Herr tadelte die Pharisäer: „Warum missachtet denn ihr Gottes Gebot um eurer Überlieferung willen?“ (Mt 15:3b). Manche evangelische Gesprächspartner führen diese Stelle gegen die kirchliche Überlieferung an. Papst Schenouda III. unterscheidet: Der Herr verurteilt „die leeren Überlieferungen, die von Menschen herrühren“, nicht die unversehrte Überlieferung, die von den Lehren des Herrn, der Apostel und der Kirche kommt.6 Er nennt drei Bedingungen für eine echte Überlieferung: „1) Sie sollte mit der Hl. Schrift vereinbar sein (Gal 1:8). 2) Sie sollte andern kirchlichen Überlieferungen nicht widersprechen. 3) Sie sollte von den Kirchen anerkannt werden.“7 Und der Katechismus betont: Die Überlieferung „kann … nicht über die Bibel urteilen“; sie wird „nur anerkannt, wenn sie auf der Bibel gründet“.8
Die Sakramente
Der größte Unterschied zu vielen evangelischen Gemeinden liegt bei den Sakramenten (Mysterien). Unsere Kirche kennt sieben Sakramente, in denen Christus durch den Heiligen Geist wirkt. Die Kirchen der Reformation zählen meist zwei, Taufe und Abendmahl; viele Freikirchen sehen auch diese vor allem als Zeichen des Gehorsams und des Bekenntnisses. Papst Schenouda III. fasst die Streitfrage mit diesen Gemeinden bei der Taufe so zusammen: „Ist sie, wie die Orthodoxen glauben, das Mittel, durch welches wir das Heil, die Reinigung, Rechtfertigung und das neue Leben als Glieder am Leibe Jesu Christi erhalten? Oder erhalten wir diese Dinge laut protestantischer Auffassung durch den Glauben?“9
Die Taufe
Für unsere Kirche ist die Taufe die neue Geburt. Der Herr sagt zu Nikodemus:
Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Papst Schenouda III. folgert: „Somit betrachtet der Herr jeden, der durch das Wasser und den Hl. Geist wiedergeboren wird, als geboren von oben, oder geboren durch den Geist.“10 Die Schrift verbindet Glaube und Taufe: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet“ (Mk 16:16a). In der Taufe sterben wir mit Christus und stehen mit ihm auf (Röm 6:3–4); Gott hat uns gerettet „durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist“ (Tit 3:5b). Darum taufen wir durch dreimaliges Untertauchen im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit.11 Die Taufe spendet der Priester oder der Bischof; durch ihn tauft Christus selbst.12
Die lutherische Kirche lehrt allerdings ebenfalls, dass die Taufe den Menschen neu gebiert, und sie tauft Kinder. Andere evangelische Gemeinden sehen in der Taufe vor allem ein Bekenntnis dessen, der schon glaubt.
Die Kindertaufe
Baptisten und viele Freikirchen taufen nur Menschen, die selbst glauben und ihren Glauben bekennen. Unsere Kirche tauft auch Kinder. Papst Schenouda III. nennt dafür zehn Gründe; die wichtigsten sind diese:
- Der Herr schließt die Kinder nicht aus. Das Wort von der Geburt „aus Wasser und Geist“ gilt allen. Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!“ (Mk 10:14b).
- Ganze Häuser wurden getauft. Der Gefängniswärter in Philippi „ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen“ (Apg 16:33b); ebenso Lydia (Apg 16:15) und die Familie des Stephanas (1. Kor 1:16).
- Die Verheißung gilt auch den Kindern. Petrus sagte zu Pfingsten: „… euch und euren Kindern gilt die Verheißung“ (Apg 2:39a).
- Das Vorbild der Beschneidung. Ein Knabe wurde am achten Tag beschnitten und gehörte so zum Volk Gottes, obwohl er noch nichts verstand. Papst Schenouda III.: „In Anbetracht des Glaubens, taufen wir das Kleinkind auf den Glauben seiner Eltern hin“.13
Die Kindertaufe ist kein Ende, sondern ein Anfang: Das Kind wächst in der Kirche auf, empfängt die Sakramente und nimmt den Glauben, auf den es getauft ist, später selbst an. Darum braucht es Eltern, Paten – und Diener.
Die Eucharistie
Unsere Kirche glaubt, dass Brot und Wein in der Göttlichen Liturgie wahrhaft Leib und Blut Christi werden; nicht der Priester verwandelt die Gaben, sondern Christus selbst.14 Der Herr sagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben … Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank“ (Joh 6:54a.55). Der heilige Justin der Märtyrer bezeugt schon im 2. Jahrhundert: „… nicht als gemeines Brot und als gemeinen Trank nehmen wir sie“.15 Auch die lutherische Kirche hält an der wirklichen Gegenwart Christi im Abendmahl fest. Viele andere evangelische Gemeinden verstehen das Abendmahl als Zeichen und Erinnerung. Zum Gedächtnis gehört aber, dass der Herr selbst gegenwärtig ist: „Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (1. Kor 11:24b).
Die Beichte
In unserer Kirche ist das Bekenntnis der Sünden vor dem Priester Teil des Sakraments der Buße und Beichte. Die Vollmacht dazu gab der Herr seinen Aposteln: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20:22b–23). Papst Schenouda III. erklärt: „Die Reue wird aber durch die Beichte und die Absolution der Kirche vervollständigt.“16 Viele evangelische Christen bekennen ihre Sünden nur vor Gott allein. Es stimmt aber nicht, dass „die Protestanten“ überhaupt keine Beichte hätten: Die lutherische Kirche kennt das Bekenntnis mit der Lossprechung durch den Pfarrer. Ein geweihtes Priestertum im Sinn unserer Kirche kennt sie allerdings nicht.17
Das Fasten
Evangelische Freunde wundern sich oft, wie viele Fasttage unsere Kirche hat. Viele evangelische Christen fasten persönlich und im Stillen, etwa in der Passionszeit vor Ostern; eine verbindliche Fastenordnung für die ganze Gemeinde kennen die meisten ihrer Kirchen nicht.18 Sie berufen sich auf das Wort des Herrn: „Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest“ (Mt 6:17–18a). Papst Schenouda III. antwortet: „So existiert auch beim Fasten das individuelle Fasten, das im Geheimen geschieht; das schließt aber das gemeinsame Fasten der ganzen gläubigen Gemeinde nicht aus.“19
Die Schrift kennt beides. Der Herr sagt von seinen Jüngern: „Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; dann werden sie fasten“ (Mt 9:15b). Die Gemeinde in Antiochia fastete gemeinsam: „Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist“ (Apg 13:2a). Feste Fasttage sind alte Überlieferung; schon die Didache, die „Lehre der zwölf Apostel“, ordnet an: „ihr aber sollt fasten am vierten Tage und am Rüsttage“, also am Mittwoch und am Freitag.20 Das Wort „… soll euch niemand verurteilen wegen Speise und Trank“ (Kol 2:16a) spricht nach Papst Schenouda III. nicht vom Fasten, sondern von den Speisevorschriften des Gesetzes des Mose.21
Fasten ist kein Verdienst. Der Pharisäer im Tempel rühmte sich: „Ich faste zweimal in der Woche“ (Lk 18:12a), und doch kehrte nicht er, sondern der Zöllner „als Gerechter nach Hause zurück“ (Lk 18:14a). Wir fasten, weil Gott uns zur Umkehr ruft: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen“ (Joël 2:12b).
Die Fürsprache der Heiligen und die Gottesgebärerin (Theotokos)
Evangelische Christen fragen oft: „Warum betet ihr zu Maria und zu den Heiligen? Christus ist doch der einzige Mittler!“ Sie berufen sich auf 1. Tim 2:5 und 1. Joh 2:1. Papst Schenouda III. antwortet mit einer klaren Unterscheidung: Die Vermittlung Christi ist Versöhnung durch sein Sühneopfer; die Fürsprache der Heiligen ist ein Gebet für uns.
Diese Art von Vermittlung ist gänzlich unbestritten und ist allein Christus zugehörig, dagegen haben die Fürbitten der Heiligen absolut keine Beziehung zum Sühneopfer und zur Erlösung. Es ist eine Fürbitte zum Herrn selbst um unsertwillen.22
Wir bitten auch einander um das Gebet: „… bekennt einander eure Sünden und betet füreinander“ (Jak 5:16a). Wenn wir Menschen auf der Erde um ihr Gebet bitten, dürfen wir auch die Heiligen bitten, die bei Christus leben. Über Maria sagt Papst Schenouda III.: „Wir beten nicht zur Jungfrau Maria, sondern wir wenden uns an sie, wenn wir beten und bitten sie, für uns einzutreten.“23 Wir ehren die Gottesgebärerin und bitten um ihre Fürsprache, etwa in der Einleitung des Glaubensbekenntnisses: „Wir rühmen dich, du Mutter des wahren Lichts“.24 Sie selbst hat vorausgesagt: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1:48b). Anbetung gebührt allein Gott; die Gottesgebärerin und die Heiligen verehren wir um Gottes willen. Das hast du in Thema 25 („Die Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen“) und in Thema 19 („Die Gottesgebärerin“) gelernt.
Geistesgaben und Zungenrede
Die Pfingstbewegung und die charismatischen Gemeinden (von griechisch charisma, „Gnadengabe“) betonen die Gaben des Heiligen Geistes. Papst Schenouda III. beschreibt die Lehre vieler dieser Gemeinden: Sie glauben an eine „Taufe im Hl. Geist“, die von der Taufe aus Wasser und Geist verschieden ist, und sehen die Zungenrede als „das erste Zeichen“, dass ein Mensch vom Geist erfüllt ist.25 Von der Zungenrede sagt Paulus: „… wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; keiner versteht ihn“ (1. Kor 14:2a). Bei den Pfingstgemeinden sind es nach Papst Schenouda III. „in den meisten Fällen, nicht in allen, … unverständliche Äußerungen“.26
Unsere Kirche geht hier einen Weg in der Mitte und hält sich an das, was Paulus in 1. Kor 12–14 lehrt:
- Die Gaben sind wirklich und kommen vom Geist. „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist … Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1. Kor 12:4.7). Wir sagen nicht, die Gaben seien heute erloschen; Gott teilt sie zu, „wie er will“ (1. Kor 12:11b). „Löscht den Geist nicht aus! … Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5:19.21).
- Nicht alle haben dieselbe Gabe. „Reden alle in Zungen?“ (1. Kor 12:30b). Papst Schenouda III. sagt: „Ein Mensch kann ein Heiliger sein, ohne in Zungen zu reden.“27
- Die Liebe steht über allen Gaben. „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1. Kor 13:1). Die Frucht des Geistes ist wichtiger als die Gaben (Gal 5:22–23).
- Alles dient dem Aufbau und der Ordnung. „Doch vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit Verstand reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln“ (1. Kor 14:19). „Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen“ (1. Kor 14:40).
Den Heiligen Geist empfängt der Getaufte in der Myronsalbung, „damit er in uns Wohnung nimmt“.28 Das ist kein Gefühl, das man herbeiführen muss, sondern Gottes Gabe; ihre Frucht zeigt sich im Leben (dazu Thema 24, „Der Heilige Geist“).
Sachlich bleiben – ohne Fluch und ohne Verdächtigung
Gespräche über den Glauben können hitzig werden. Zwei Wege führen in die Irre:
- Andere verfluchen oder ausschließen. Wer über andere Christen das Urteil spricht, hilft niemandem zur Wahrheit. Wir vergleichen Lehre mit Lehre und urteilen nicht über Menschen.
- Erfahrungen anderer als „dämonisch“ abtun. Wenn ein freikirchlicher Freund von seinem Gebet oder von einer Zungenrede erzählt, ist es kein Argument, das „vom Teufel“ zu nennen. Antworte mit der Schrift: mit 1. Kor 12–14 und mit dem Vorrang der Liebe.
Papst Schenouda III. wollte das Gespräch „in einer Atmosphäre der Liebe“ führen.29 Und die Schrift sagt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1. Petr 3:15b–16a).
Für den Dienst
- Frag zuerst. Wenn ein Jugendlicher von einem evangelischen Freund erzählt, frag: Zu welcher Kirche gehört er? Lutheraner, Reformierte und Freikirchen glauben Verschiedenes.
- Die Bibel lieben. Ermutige die Kinder, die Bibel zu lesen und Verse auswendig zu lernen. Die Liebe zur Schrift ist kein evangelisches Sondergut, sondern Erbe unserer Väter.
- Die Taufe erklären. Kinder fragen: „Warum wurde ich als Baby getauft?“ Erzähl ihnen, dass Gott sie schon geliebt und in seine Familie aufgenommen hat, bevor sie es verstehen konnten – so wie Eltern ihr Kind lieben, bevor es „Mama“ sagen kann. Mit Jugendlichen kannst du Joh 3:5, Apg 2:39 und Apg 16:33 lesen.
- Einladungen in Jugendgruppen. Wenn Jugendliche zu freikirchlichen Jugendabenden eingeladen werden, verbiete nicht vorschnell, sondern sprich mit ihnen: Was haben sie gehört? Was glaubt unsere Kirche dazu? Ermutige sie, ihre Fragen mit dem Beichtvater zu besprechen.
- Vorbereitung auf das Rollenspiel. Im nächsten Vortrag übst du ein Gespräch mit einem evangelischen Mitschüler über Taufe und Heilsgewissheit. Lies dafür die Abschnitte über Taufe und Kindertaufe noch einmal.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Reformation des 16. Jahrhunderts ging von Martin Luther aus; ihre Grundsätze sind „allein Christus, allein die Schrift, allein die Gnade, allein der Glaube, allein Gott die Ehre“. Das Heil ist ganz Gottes Geschenk aus Gnade. Unsere Kirche hält Schrift und Überlieferung, Gnade und freie Antwort sowie Glaube und Leben zusammen.
- Die Kirchen der Reformation sind sehr verschieden: lutherische, reformierte und anglikanische Kirchen, Baptisten, Pfingstgemeinden und andere Freikirchen.
- Unsere Kirche lebt aus Schrift und Überlieferung; die Schrift ist Gottes Wort und der kostbarste Teil der Überlieferung. Die Bibel ist das Buch der Kirche; echte Überlieferung stimmt mit der Schrift überein, widerspricht anderen kirchlichen Überlieferungen nicht und ist von den Kirchen anerkannt (Vergleichende Theologie, Kap. 2.11).
- Die Taufe ist neue Geburt aus Wasser und Geist (Joh 3:5). Wir taufen Kinder auf den Glauben ihrer Eltern hin: Der Herr schließt die Kinder nicht aus, ganze Häuser wurden getauft, die Verheißung gilt „euch und euren Kindern“ (Apg 2:39).
- In der Eucharistie empfangen wir den wahren Leib und das wahre Blut Christi; in der Beichte empfangen wir die Vergebung durch den Dienst des Priesters (Joh 20:22–23).
- Das persönliche Fasten im Verborgenen schließt das gemeinsame Fasten der Gemeinde nicht aus (Mt 6:17–18; Apg 13:2); Fasten ist kein Verdienst, sondern gehört zur Umkehr.
- Christus ist der einzige Mittler der Versöhnung; die Fürsprache der Heiligen ist Gebet für uns und hat „keine Beziehung zum Sühneopfer“ (Vergleichende Theologie, Kap. 3.1).
- Die Geistesgaben sind wirklich; die Zungenrede ist nicht für alle und nicht das Zeichen des Geistempfangs; über allen Gaben steht die Liebe (1. Kor 12–14).
Zum Weiterlesen
- Papst Schenouda III.: Vergleichende Theologie, Vorwort, Kap. 1 (Taufe), Kap. 2 (Überlieferung), Kap. 3.1–3.2 (Fürbitte), Kap. 4.1 (Fasten), Kap. 5.5, Kap. 6 (Gnadengaben) und Kap. 8 (Reue und Beichte).
- Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 61–66 (Überlieferung).
- Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3–4.
- Papst Schenouda III.: Die Natur Christi, Kap. 13 (Protokoll mit Theologen der Evangelischen Kirche in Deutschland).
Anmerkungen
Vgl. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 138.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Vorwort (S. VIII).↑
Schlussprotokoll der 2. Begegnung zwischen Theologen aus der Evangelischen Kirche in Deutschland und den Orientalischen Orthodoxen Kirchen, Kröffelbach, 4.–8. März 1988, abgedruckt in: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 13.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑
Irenäus, Gegen die Häresien, Buch III, Kap. 3,1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.9.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 2.11.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 65.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.1.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 676.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 689.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.5.↑
Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 780.↑
Justin der Märtyrer, Erste Apologie, Kap. 66.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 8.3.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 1.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 4.1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 4.1.↑
Didache, Kap. 8,1.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 4.1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 3.1.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 5.5.↑
Die göttlichen Liturgien, S. 92.↑
Vgl. Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 6.4.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 6.4.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Kap. 6.6.↑
Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 715.↑
Papst Schenouda III., Vergleichende Theologie, Vorwort (S. VIII).↑