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Thema 45 · Vortrag 1

Die Kirchenfamilien, die Ökumene und die römisch-katholische Kirche

Getrennte Christen, gemeinsame Wurzeln und fünf Unterschiede

16 Min. LesezeitDie Kirchen und die Ökumene

Lernziele

  1. Die Kirchenfamilien und die Spaltungen von 451, 1054 und dem 16. Jahrhundert beschreiben.
  2. Fünf Unterschiede zur römisch-katholischen Lehre (Filioque, Primat und Unfehlbarkeit, Fegefeuer, Unbefleckte Empfängnis, ungesäuertes Brot) und das Gemeinsame nennen.

Schlüsselbegriffe

Kirchenfamilie · orientalisch-orthodoxe Kirchen · chalcedonisch-orthodoxe Kirchen · römisch-katholische Kirche · Kirchen der Reformation · Schisma · Ökumene · Pro Oriente · Filioque · Primat · Unfehlbarkeit · Fegefeuer · Unbefleckte Empfängnis

Bibelstellen

Joh 17:21a; Apg 4:32a; 1. Kor 1:10b; Joh 15:26; Mt 16:16.18; Mt 18:18; Eph 2:20; Joh 14:26; Mt 28:20; Lk 23:43b; Lk 1:46b–47; Mt 26:26b.27b–28a; 1. Kor 10:17a; 1. Petr 3:15b–16a; Eph 4:15a

Inhalt

Koptische Jugendliche begegnen in der Schule, unter Freunden und Nachbarn Christen anderer Kirchen. Auch Kinder in der Sonntagsschule fragen nach den Unterschieden und danach, ob wir mit anderen Christen beten dürfen. Als Diener sollst du darüber klar im Glauben und mit Liebe sprechen können.

Die eine Kirche und die getrennten Christen

Im Glaubensbekenntnis bekennen wir „die eine, heilige, apostolische und universale Kirche“; im koptischen Text steht für „universal“ das griechische Wort „katholisch“.1 „Katholisch“ heißt hier „allumfassend“. Der Katechismus von Abuna Tadros Y. Malaty erklärt: „Damit ist keine bestimmte Konfession gemeint.“2 Die Kirche ist allumfassend, weil sie Menschen aus allen Völkern im einen Glauben vereint.

Am Anfang war die Kirche eins: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele“ (Apg 4:32a). Schon der Apostel Paulus musste aber mahnen: „Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch“ (1. Kor 1:10b). Im Lauf der Geschichte kam es zu Trennungen. Eine solche Trennung nennt man Schisma (griechisch: Riss, Spaltung). Papst Tawadros II. sagt dazu:

Aus der Lehre unserer Päpste

Nun gibt es viele gläubige Versuche aus verschiedenen Richtungen, die Einheit der Kirche herbeizuführen. Sie alle drehen sich um das Thema „Ökumenische Einheit“. […] Der entscheidende Punkt, der verstanden werden muss, ist jedoch, dass die Einheit der Kirchen im Glauben, in der Lehre und in der Unterweisung bestehen sollte, bevor sie äußerlich verwirklicht wird.3

– Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 137
Begriff
Ökumene

Mit Ökumene bezeichnet man heute die Bemühungen der getrennten Kirchen, einander kennenzulernen, miteinander zu sprechen und die Einheit im Glauben wiederzufinden. Das Wort kommt vom griechischen oikumene, „die bewohnte Erde“; darum heißen die Konzile der ganzen Kirche, also die Versammlungen ihrer Bischöfe, „ökumenische Konzile“ (Buch 1, Kapitel 6, „Die Konzile in Grundzügen“).

Die Sorge um die Einheit ist alt. Der Katechismus erinnert an den heiligen Basilius den Großen, der für die Einheit der durch Irrlehren zerrissenen Kirchen arbeitete, und führt von ihm den Satz an: „Ich denke, es ziemt sich für diejenigen, die dem Herrn in aller Redlichkeit und Aufrichtigkeit dienen, dass das Ziel ihrer Bemühungen die Wiederherstellung der Einheit der getrennten Kirchen sein sollte.“4 Wir beten mit dem Herrn: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17:21a).

Die Kirchenfamilien

Die Christen der Welt gehören zu mehreren großen Familien von Kirchen.

Begriff
Kirchenfamilie

Eine Kirchenfamilie ist eine Gruppe von Kirchen mit gemeinsamen geschichtlichen und theologischen Wurzeln. Der Begriff allein besagt noch nicht, dass alle diese Kirchen denselben Glauben bekennen und in voller Gemeinschaft miteinander stehen.

Tabelle 108 · Die großen Kirchenfamilien
Kirchenfamilie Kirchen (Beispiele) Kennzeichen
orientalisch-orthodox koptisch, syrisch, armenisch, äthiopisch, eritreisch, indisch drei ökumenische Konzile; Formel des heiligen Kyrill; nehmen Chalcedon nicht an
chalcedonisch-orthodox Konstantinopel, Griechenland, Zypern, Russland, Rumänien, Bulgarien, Serbien nehmen Chalcedon an; seit 1054 von Rom getrennt
römisch-katholisch Rom, mit Gemeinden in aller Welt Bischof von Rom als Oberhaupt; seit 1054 von den orthodoxen Kirchen des Ostens getrennt
Kirchen der Reformation lutherische, reformierte und anglikanische Kirchen, Freikirchen wie Baptisten und Pfingstgemeinden im 16. Jahrhundert aus der Reformation hervorgegangen, die Freikirchen später; untereinander sehr verschieden

Papst Schenouda III. nennt die Kirchen, die unseren Glauben teilen, „die syrischen, armenischen, äthiopischen und indischen Kirchen“.5 Zu unserer Familie gehört auch die eritreische Kirche. Wir sind miaphysitisch (von griechisch mia physis, „eine Natur“) und bekennen mit dem heiligen Kyrill die eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes aus zwei Naturen; diese Einheit besteht ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Teilung und ohne Trennung. „Eine Natur“ meint die eine geeinte Natur aus vollkommener Gottheit und vollkommener Menschheit, nicht „nur eine Natur“; die Lehre des Eutyches von einer einzigen, verschmolzenen Natur lehnt unsere Kirche ab.

Die Kirchenfamilien und ihre Trennungen

Drei Trennungen: 451, 1054 und das 16. Jahrhundert

Papst Tawadros II. fasst die Geschichte kurz zusammen: „Die Kirche blieb bis 451, als das tragische Konzil von Chalcedon einberufen wurde, eine Einheit.“ Danach war sie „über das Wesen des Herrn Christus in Ost und West gespalten“.6

451: Chalcedon

Das Konzil von Chalcedon sprach von Christus „in zwei Naturen“ statt wie der heilige Kyrill „aus zwei Naturen“, also von zwei Naturen auch nach der Einigung von Gottheit und Menschheit in der Menschwerdung. Unsere Kirche blieb beim Glauben des heiligen Kyrill und nahm Chalcedon nicht an; der heilige Dioskorus wurde nicht wegen einer Irrlehre abgesetzt. Das hast du in Thema 36 („Ephesus und Chalcedon“) gelernt. Seit 451 gehen zwei Kirchenfamilien getrennte Wege. Unsere Kirche ist kein „Abzweig“ von einer Hauptkirche, sondern hat den Glauben der drei ökumenischen Konzile unverändert bewahrt. Diese drei Konzile verbinden uns bis heute mit den anderen großen Kirchen: Der Katechismus sagt, sie gelten den chalcedonisch-orthodoxen Kirchen, den nichtchalcedonischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche „als maßgeblich für die Klärung des Glaubens“.7

1054: Ost und West

Papst Tawadros II. nennt den Grund der Trennung von 1054: „Im Jahr 1054 trennten sich die byzantinischen Kirchen (einschließlich Griechen, Russen usw.) und die westliche katholische Kirche wegen der Hinzufügung des Satzes ‚und der Sohn‘ zum Glaubensbekenntnis.“8 Dazu kamen der Streit um die Vollmacht des Bischofs von Rom über die ganze Kirche und der Gebrauch von ungesäuertem Brot in der Eucharistie. Von dieser Trennung an spricht man von den östlichen, chalcedonisch-orthodoxen Kirchen und der westlichen, römisch-katholischen Kirche.

Das 16. Jahrhundert: die Reformation

Im 16. Jahrhundert entstanden im Westen neue Kirchen. Papst Tawadros II. schreibt: „Im sechzehnten Jahrhundert entstand der Protestantismus […]. Die berühmte Reformation wurde von Martin Luther angeführt.“9 Martin Luther, ein katholischer Mönch und Priester, wandte sich gegen Missstände seiner Zeit, besonders gegen den Handel mit Ablässen – nach katholischer Lehre ein Nachlass von Strafen für schon vergebene Sünden, der damals gegen Geld angeboten wurde –, und stellte die Vollmacht des Papstes in Frage. Aus seiner Bewegung und aus anderen Reformbewegungen gingen die Kirchen der Reformation hervor. Diese Kirchen und ihre Lehre lernst du im zweiten Vortrag kennen.

Die Gespräche der Gegenwart

Im 20. Jahrhundert begannen die getrennten Kirchen wieder miteinander zu sprechen. Einen Teil dieser Geschichte kennst du aus Buch 1, Kapitel 6 („Die Konzile in Grundzügen“), und aus Thema 36 („Ephesus und Chalcedon“).

  • Wien 1971. Die Stiftung Pro Oriente in Wien lud im September 1971 Theologen der katholischen Kirche und der orientalisch-orthodoxen Kirchen zu einem Gespräch ein. „Sie erzielten Übereinstimmung in Bezug auf die Christologie.“10 Gemeint ist die Lehre über Christus. Papst Schenouda III. nahm selbst daran teil; Gegenstand war die Formel des heiligen Kyrill.11
  • Rom 1973. Im Mai 1973 trafen sich Papst Paul VI. und Papst Schenouda III. im Vatikan. Das Protokoll von 1988 nennt es „das erste Treffen unserer beiden Kirchen nach etwa 15 Jahrhunderten. In vielen Fragen des Glaubens befanden wir uns bei diesem Treffen in Übereinstimmung.“ Eine gemischte Kommission sollte die übrigen Fragen klären.12
  • Anba Bischoy 1988. Die katholische und die koptisch-orthodoxe Kirche unterzeichneten eine gemeinsame Formel über Christus. Zugleich hält das Protokoll fest: „Alle weiteren Punkte der Unterscheidung zwischen unseren Kirchen werden mit Gottes Willen nach und nach erörtert werden.“13
  • Anba Bischoy 1989. Vertreter der orientalisch-orthodoxen und der chalcedonisch-orthodoxen Kirchen fanden „eine gemeinsame Grundlage in der Formel unseres gemeinsamen Vaters, des Heiligen Kyrillus von Alexandria“.14

In der Erklärung von 1989 beten beide Seiten:

„Als zwei Familien Orthodoxer Kirchen, die lange ohne Einheit waren, beten wir jetzt voll Vertrauen auf Gott um die Wiederherstellung jener Einheit auf der Grundlage des gemeinsamen apostolischen Glaubens der ungeteilten Kirche der ersten Jahrhunderte, zu dem wir uns im gemeinsamen Glaubensbekenntnis bekennen.“15

Diese Erklärungen sind gemeinsame Dokumente der Kirchen, keine Schriften eines einzelnen Papstes. Über Christus haben sie viel Misstrauen ausgeräumt. Die volle Gemeinschaft ist aber noch nicht erreicht, denn die Einheit muss „im Glauben, in der Lehre und in der Unterweisung“ bestehen.16

Die römisch-katholische Kirche: was uns verbindet

Mit der katholischen Kirche teilen wir vieles:

  • Die drei ökumenischen Konzile von Nizäa, Konstantinopel und Ephesus und damit den Glauben an den dreieinen Gott und an Christus, wahren Gott und wahren Menschen.17
  • Das Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel – mit Ausnahme des Zusatzes „und vom Sohn“.
  • Den Glauben an Christus, wie ihn die gemeinsame Formel von 1988 ausdrückt: „Wir glauben, dass unser Herr, Gott und Erlöser Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, vollkommen ist in SEINER Gottheit und vollkommen ist in SEINEM Menschsein.“18
  • Die apostolische Nachfolge der Bischöfe (die ununterbrochene Reihe ihrer Weihen seit den Aposteln), das Priestertum und die Sakramente; der Katechismus zählt die römisch-katholische Kirche zu den apostolischen Kirchen.19
  • Die Verehrung der Gottesgebärerin (Theotokos) als allzeit Jungfrau und die Bitte um die Fürsprache der Heiligen; dazu das Gebet für die Entschlafenen.

Deshalb sprechen wir über die katholische Kirche nie, als wäre sie uns fremd. In voller Gemeinschaft sind wir trotzdem nicht, und das hat Gründe im Glauben.

Was uns trennt: fünf Unterschiede

Wenn wir Unterschiede nennen, geben wir die katholische Lehre so wieder, wie die katholische Kirche sie selbst versteht, und erklären dann, was unsere Kirche glaubt.

1. Das Filioque

Im Westen wurde dem Glaubensbekenntnis der Zusatz eingefügt, der Heilige Geist gehe „vom Vater und vom Sohn“ aus. Dieser Zusatz heißt Filioque (lateinisch filioque, „und vom Sohn“). Unsere Kirche bleibt beim Wort des Herrn, der vom Geist sagt, dass er „vom Vater ausgeht“ (Joh 15:26). Papst Tawadros II. erklärt, dass der Zusatz den ewigen Hervorgang mit der zeitlichen Sendung verwechselt: Der Hervorgang aus dem Vater ist ewig; gesandt wird der Geist vom Vater und vom Sohn zu Pfingsten. „Obwohl der Heilige Geist allein vom Vater ausgeht, ist er gleichzeitig mit dem Vater und dem Sohn wesensgleich und ohne jede Trennung.“20 Ausführlich hast du das in Thema 24 („Der Heilige Geist“) gelernt.

2. Primat und Unfehlbarkeit

Begriff
Primat

Primat heißt Vorrang. Nach katholischer Lehre hat der Bischof von Rom, den die katholische Kirche Papst nennt, als Nachfolger des Petrus die oberste Leitungsvollmacht über die ganze Kirche.

Papst Tawadros II. beschreibt diese Sicht so: Die katholische Kirche bezeichne Petrus als den Felsen, auf den Christus seine Kirche gründet; von dieser Erklärung ausgehend sage sie, „dass der Papst von Rom berechtigt ist, allen christlichen Kirchen in der ganzen Welt vorzustehen, da Petrus der erste Bischof von Rom ist“.21

Unsere Kirche liest das Wort des Herrn an Petrus anders:

Heilige Schrift

Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! … Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

Mt 16:16.18

Papst Tawadros II. erklärt: „Der Herr Christus meinte mit dem Felsen den Glauben, der von den Jüngern in der Person des Apostels Petrus verkündet wurde, und keineswegs die Person des Petrus.“22 Christus selbst ist der Schlussstein; die Apostel sind gemeinsam das Fundament: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst“ (Eph 2:20). Die Vollmacht zu binden und zu lösen gab der Herr allen Aposteln (Mt 18:18). Darum ehren wir Petrus als großen Apostel, aber wir kennen keinen Bischof, der über allen Kirchen steht.

Begriff
Unfehlbarkeit

Unfehlbarkeit. Die katholische Kirche lehrt seit dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870), dass der Papst unfehlbar ist, wenn er als oberster Lehrer feierlich (ex cathedra, „vom Lehrstuhl aus“) eine Lehre über Glauben und Sitten für die ganze Kirche verkündet. Das bedeutet nicht, dass der Papst ohne Sünde sei oder dass jedes seiner Worte unfehlbar sei.

Wer das behauptet, gibt die katholische Lehre falsch wieder. Unsere Kirche glaubt, dass Christus die Unfehlbarkeit der ganzen Kirche verheißen hat, nicht einem einzelnen Bischof. Der Katechismus sagt: „Unser Herr Jesus bestätigte die Unfehlbarkeit der Kirche und ihren Schutz vor jeder Verfälschung, als er seinen Jüngern verhieß: ‚Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.‘ (Mt 28:20).“23 Der Heilige Geist führt die Kirche in die Wahrheit (Joh 14:26); in Glaubensfragen hat die Kirche auf ihren ökumenischen Konzilen gemeinsam entschieden.

3. Das Fegefeuer

Begriff
Fegefeuer

Nach katholischer Lehre erfahren Menschen, die in der Gnade Gottes sterben, aber noch nicht ganz gereinigt sind, nach dem Tod eine Läuterung, die die katholische Kirche Fegefeuer nennt; sie ist von der Strafe der Verlorenen verschieden.

Unsere Kirche lehrt kein Fegefeuer. Papst Schenouda III. legt dazu das Wort Jesu an den reumütigen Schächer, den mit ihm gekreuzigten Verbrecher, aus: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23:43b). Der Schächer „ging ein ins Paradies am selbigen Tage seines Todes, ohne dass er in dem sogenannten Fegefeuer auch nur eine Stunde verbracht hätte“.24

Die Zeit der Umkehr ist für uns dieses Leben; der Katechismus fragt: „Wie kann ein Geist im Hades umkehren, wenn er vom Leib getrennt ist …?“25 Der Hades ist der Zwischenzustand der von Gott Getrennten vor dem Gericht; die Gerechten aber ruhen im Paradies und erwarten die Auferstehung. Trotzdem betet die Kirche für ihre Entschlafenen; Papst Schenouda III. erinnert an das Gebet bei der Entschlafungsfeier: „Öffne ihr, o Herr, das Tor des Paradieses wie Du es geöffnet hast jenem Räuber.“26 Mehr darüber steht in Thema 31 („Die letzten Dinge“).

4. Die Unbefleckte Empfängnis

Begriff
Unbefleckte Empfängnis

Papst Pius IX. erklärte im Jahr 1854 zum Dogma, also zu einem verbindlichen Glaubenssatz der katholischen Kirche, Maria sei im ersten Augenblick ihrer eigenen Empfängnis im Hinblick auf Christus, den Erlöser, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt worden; man nennt das die Unbefleckte Empfängnis. Das Wort meint also nicht die Empfängnis Jesu, sondern die Empfängnis Marias im Schoß ihrer Mutter.

Unsere Kirche ehrt die Gottesgebärerin (Theotokos) über alle Heiligen und Engel. Aber sie lehrt keine Unbefleckte Empfängnis. Maria stammt wie alle Menschen von Adam ab; Papst Tawadros II. sagt: „Damit übertrifft sie die Engel, denn sie wurde würdig gemacht, den menschgewordenen Sohn Gottes zu gebären, indem sie ein lebendiges Heiligtum für Ihn wurde, der zu unserer Erlösung Fleisch von ihr angenommen hat. Mit all dem war sie erlösungsbedürftig wie jeder andere Mensch, was in ihrem Magnifikat deutlich wird“.27 Im Magnifikat, ihrem Lobgesang, singt sie selbst: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1:46b–47). Bei der Verkündigung heiligte der Heilige Geist sie: „Der Heilige Geist reinigte und heiligte Marias Leib; deshalb hatte das Kind, das sie gebar, auch die Erbsünde nicht“.28 Mehr darüber findest du in Thema 19 („Die Gottesgebärerin“).

5. Das ungesäuerte Brot und die Kommunion unter einer Gestalt

In der lateinischen Kirche wird die Eucharistie mit ungesäuertem Brot gefeiert. Unsere Kirche feiert mit gesäuertem Brot aus reinem Weizenmehl, dem „Lamm“.29 Außerdem empfangen die Gläubigen in der lateinischen Kirche die Kommunion oft nur unter der Gestalt des Brotes, also ohne den Kelch. Im Westen war der Empfang von Brot und Wein bis etwa ins 12. Jahrhundert allgemein üblich; die koptische Kirche hat diese Ordnung bis heute bewahrt.30 Bei uns empfangen alle Gläubigen den Leib und das Blut des Herrn, wie er beim Abendmahl sagte: „Nehmt und esst; das ist mein Leib … Trinkt alle daraus; das ist mein Blut“ (Mt 26:26b.27b–28a).

Tabelle 109 · Fünf Unterschiede zur römisch-katholischen Lehre
Frage Römisch-katholische Lehre Lehre unserer Kirche
Hervorgang des Heiligen Geistes „vom Vater und vom Sohn“ (Filioque) allein vom Vater (Joh 15:26); gesandt vom Sohn
Leitung der Kirche Primat des Bischofs von Rom über die ganze Kirche; Unfehlbarkeit bei feierlichen Lehrentscheidungen der Fels ist das Bekenntnis des Petrus; Christus der Schlussstein; die Kirche als Ganze vor Irrtum bewahrt
Nach dem Tod Läuterung im Fegefeuer kein Fegefeuer; Paradies als Ort der Ruhe; Gebet für die Entschlafenen
Maria Unbefleckte Empfängnis (1854) erlösungsbedürftig wie jeder Mensch; vom Geist bei der Verkündigung gereinigt und geheiligt
Eucharistie in der lateinischen Kirche ungesäuertes Brot; oft Kommunion nur unter der Gestalt des Brotes gesäuertes Brot; Kommunion mit Leib und Blut

Fair bleiben

Über andere Kirchen spricht man leicht ungenau. Achte auf drei Dinge:

  1. Die heutige Lehre, nicht alte Missstände. Der Handel mit Ablässen war ein Missstand im 16. Jahrhundert; er ist keine heutige Praxis der katholischen Kirche.
  2. Genau bleiben. Unfehlbarkeit heißt in der katholischen Lehre nicht Sündlosigkeit, und die Unbefleckte Empfängnis betrifft nicht die Empfängnis Jesu.
  3. Lehre mit Lehre vergleichen, nicht Menschen beurteilen. Wir sagen, was unsere Kirche glaubt und warum. Über den Glauben und das Herz eines anderen Menschen urteilen wir nicht.

Die Schrift gibt uns den Maßstab: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“ (1. Petr 3:15b–16a). Und: „Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten“ (Eph 4:15a).

Für den Dienst

  • Fragen in der Klasse. Wenn ein Kind fragt, warum es so viele Kirchen gibt, erzähle einfach: Die Christen haben sich in ihrer Geschichte über Fragen des Glaubens getrennt; wir beten und sprechen miteinander, damit wieder alle eins werden (Joh 17:21). Mit Jugendlichen kannst du die drei Trennungen und die Gespräche der Gegenwart besprechen.
  • Kinder mit Angehörigen in anderen Kirchen. Manche Kinder haben Verwandte oder Freunde, die katholisch oder evangelisch sind. Sprich in der Klasse nie abwertend über eine andere Kirche; das Kind liebt diese Menschen. Zeige, was uns verbindet, und erkläre freundlich, was unsere Kirche glaubt. Fragen, die das kirchliche Leben einer Familie betreffen, beantwortet der Priester; verweise die Familie an ihn.
  • Ökumenische Schulgottesdienste. Wer mit seiner Klasse bei einem Schulgottesdienst dabei ist, kann dort stehen und beten; beten dürfen wir überall und zu jeder Zeit. Zur Kommunion oder zum Abendmahl einer anderen Kirche geht er aber nicht, denn die heilige Kommunion ist Zeichen und Gabe der Einheit im Glauben: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib“ (1. Kor 10:17a).31 Die Sakramente empfangen wir in unserer Kirche.
  • In drei Sätzen antworten. Übe, auf die Frage „Was unterscheidet euch von den Katholiken?“ in wenigen Sätzen zu antworten: zuerst das Gemeinsame, dann die Unterschiede, zuletzt die Hoffnung auf Einheit.
  • Beten. Bete mit den Kindern um die Einheit der Christen. So lernen sie, andere Christen zu lieben und den eigenen Glauben treu zu bewahren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kirche, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen, ist die eine, heilige, apostolische und universale Kirche; im koptischen Text heißt sie „katholisch“ (allumfassend), und das meint keine bestimmte Konfession.
  • Die großen Kirchenfamilien sind die orientalisch-orthodoxen Kirchen (zu ihnen gehört unsere Kirche), die chalcedonisch-orthodoxen Kirchen, die römisch-katholische Kirche und die Kirchen der Reformation.
  • 451 trennten sich nach Chalcedon die orientalisch-orthodoxen und die chalcedonischen Kirchen; 1054 trennten sich Ost und West vor allem wegen des Filioque; im 16. Jahrhundert entstanden die Kirchen der Reformation.
  • Die Gespräche der Gegenwart (Wien 1971, Rom 1973, Erklärungen 1988 und 1989) haben im Glauben an Christus viel Übereinstimmung gezeigt; die volle Gemeinschaft setzt die Einheit im Glauben voraus.
  • Mit der römisch-katholischen Kirche verbinden uns die drei Konzile, das Glaubensbekenntnis, der Glaube an Christus, die Sakramente und die Verehrung der Gottesgebärerin.
  • Fünf Unterschiede: Filioque; Primat und Unfehlbarkeit; Fegefeuer; Unbefleckte Empfängnis; ungesäuertes Brot und Kommunion unter einer Gestalt.
  • Andere Kirchen stellen wir nach ihrer eigenen Lehre dar, ohne Polemik – „bescheiden und ehrfürchtig“ (1. Petr 3:16a).

Zum Weiterlesen

  • Papst Tawadros II.: Mein Glaube, Fr. 125 und Fr. 136⁠–⁠138.
  • Papst Schenouda III.: Die Natur Christi, die Dokumente in Kap. 12⁠–⁠14.
  • Abuna Tadros Y. Malaty: Katechismus der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bd. 1, Fr. 4 und Fr. 467⁠–⁠473.
  • Papst Schenouda III.: Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.

Anmerkungen

  1. Die göttlichen Liturgien, S. 178; koptischer Wortlaut: Euchologion, S. 128.↑

  2. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 471.↑

  3. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 137.↑

  4. Nach Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 468.↑

  5. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑

  6. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 138.↑

  7. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  8. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 138.↑

  9. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 138.↑

  10. So das Schlussprotokoll der Dialoge zwischen der Katholischen und der Koptisch-Orthodoxen Kirche vom 12.02.1988 im Rückblick auf das Wiener Treffen von 1971, abgedruckt in: Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 12.↑

  11. Vgl. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑

  12. Schlussprotokoll vom 12.02.1988, abgedruckt in: Die Natur Christi, Kap. 12.↑

  13. Ebd.↑

  14. Übereinstimmende Erklärung der Vereinigten Kommission zum theologischen Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und den Orientalischen Orthodoxen Kirchen, Kloster Anba Bischoi, Juni 1989, abgedruckt in: Die Natur Christi, Kap. 14.↑

  15. Ebd.↑

  16. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 137.↑

  17. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  18. Gemeinsame Christologieformel vom 12.02.1988, abgedruckt in: Die Natur Christi, Kap. 12.↑

  19. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 4.↑

  20. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 125.↑

  21. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 136.↑

  22. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 136.↑

  23. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 473.↑

  24. Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑

  25. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 2, Fr. 1368.↑

  26. Papst Schenouda III., Die sieben Worte Christi am Kreuz, Wort 2.↑

  27. Papst Tawadros II., Mein Glaube, Fr. 77.↑

  28. Papst Schenouda III., Die Natur Christi, Kap. 1.↑

  29. Vgl. Die sieben Sakramente, S. 67.↑

  30. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Dictionary of Church Terms, S. 30.↑

  31. Vgl. Abuna Tadros Y. Malaty, Katechismus, Bd. 1, Fr. 467.↑

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